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Der Schatz von Krefeld

„Tableau No. VII“, „Tableau No. X“, „Tableau No. XI“ aus dem Jahre 1925 und „Komposition IV“ aus 1926 hängen akkurat in Reih und Glied an einer weißen Wand in Krefeld. Ein Quartett der Extraklasse von Piet Mondrian, dem Meister der Moderne. Der ganze Stolz des Kaiser-Wilhelm-Museums. Schätzwert rund 200 Millionen Euro. Dummerweise verklagen jetzt die Mondrian-Erben das NRW-Museum vor einem US-Gericht. Begründung: Der Schatz gehöre den Krefeldern nicht. Von wegen, kontern die Hausherrn. Die Bilder seien Ende der Zwanziger für eine geplante Ausstellung über die Moderne bereitgestellt und nach dem Krieg per Zufall “aufgefunden” worden. Bei dem Erbstreit geht es um sehr viel Geld. Ein lukratives Geschäft für Anwälte.

 

Piet Mondrian (1872-1944). Selbst-Porträt um 1900.

 

Was würde Pieter Cornelis Mondriaan, weltberühmt als Piet Mondrian, geboren am 7. März 1872 im holländischen Amersfoort dazu sagen? Vielleicht „Kunst ist Intuition“ und nicht Kunst ist ein Zankobjekt für Erbschleicher. Piet kam aus einfachen Verhältnissen. Der Vater war Lehrer, ein strenger Calvinist und immer missionarisch unterwegs, die Mutter häufig krank. Die fünf Kinder mussten früh allein klar kommen. Biografen meinen, dass Piet, der wie sein Vater Lehrer werden sollte, deshalb das Vertrauen zu Mitmenschen verlor. Er wurde ein Einzelgänger, unfähig zu festen Beziehungen. Anfangs flüchtete er in Landschaftsbilder.

 

Mühle im Sonnenlicht. 1908

 

1911 zog er wie viele aufstrebende Künstler nach Paris, ließ sich von Georges Braque und Pablo Picasso beeinflussen. In den Zwanzigern entwickelte Mondrian mit streng geometrischen Bildern seine eigene Handschrift. Er zählt zu den Begründern der abstrakten Malerei. Mondrian kombinierte das schwarzen Raster mit rechteckigen Flächen in den Grundfarben Rot, Blau und Gelb. So inspirierte er Bauhaus-Bewegung und Mode, Werbung und Popkultur. „Was will ich in meinem Werk ausdrücken? Schönheit auf der ganzen Linie und Harmonie durch das Gleichgewicht der Beziehungen zwischen Linien, Farben und Flächen zu erreichen. Aber nur auf die klarste und stärkste Weise.“

 

Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz. 1921

 

Doch der Meister der abstrakten Malerei musste Lehrgeld zahlen. Sein neuer Stil fiel bei den Zeitgenossen durch. Mondrian war so knapp bei Kasse, dass er überlegte, den Pinsel gegen einen Job im Weinbau in Südfrankreich zu tauschen. Doch er entschied sich für die Produktion von Blumenaquarellen, um über die Runden zu kommen. In seinem Pariser Atelier stand eine weiße künstliche Blume. Sie verkörpere die fehlende Frau, heißt es. Mondrian widmete sein Leben dem Wesentlichen – der Kunst.

 

Mondrian in Washington DC. Foto: Kim Antell

 

In den Dreißigern stellte sich Erfolg ein und mit dem 22-jährigen Harry Holtzman auch eine lebenslange Freundschaft. Der Maler aus New York blieb ihm treu. Dessen Erben klagen heute auf Rückgabe der Krefelder Bilder. Die Nazis verboten seine abstrakten Werke. Mondrian gehörte 1937 zu den wenigen ausländischen Künstlern, die in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München diffamiert wurden. Kurz vor Kriegsbeginn zog Piet Mondrian nach London. Als deutsche Bomben auf die britische Hauptstadt fielen, flüchtete er im Herbst 1940 über den Atlantik nach Brooklyn. Anfang Februar 1944 erlag Piet Mondrian im Alter von 72 Jahren einer Lungenentzündung. Er hinterließ eine Welt in Rot, Blau und Gelb.

 

 

In Mondrians Geburtshaus an der Kortegracht 11 in Amersfoort/NL befindet sich das Museum Mondriaanhuis mit Bibliothek und Dokumentationszentrum.

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Auf dem Weg zur Diktatur des Coronats?

Ein mausgrauer Novembertag. Einst Feiertag, manchen noch als Buß- und Bettag bekannt. Rund um den Reichstag demonstriert ein vielköpfiger Haufen von Corona-Leugnern wütend und unverhüllt gegen ein neues Gesetz. Die Versammelten in Berlin, laut Polizeiangaben rund 7.000, vergleichen die Novelle des Infektionsschutzgesetzes mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933. Damals entleibte sich der Reichstag mit dem „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ selbst. Ein Akt der Gleichschaltung auf Betreiben der NSDAP, nur die SPD stimmte dagegen. Die KPD-Abgeordneten waren bereits verhaftet oder geflüchtet. Mit dem Ermächtigungsgesetz wurde die Weimarer Republik abgeschafft und der Führerstaat eingeführt.

Am Ende dieses trüben Novembertages ergibt sich folgende Bilanz: Eine symbolische Wasserschlacht am prominenten Ort direkt vor dem Brandenburger Tor. Zwei Wasserwerfer live-gerecht im Einsatz, die im Sprühmodus den harten Kern der Demonstration „beregnen“. Rangeleien, Pfefferspray, insgesamt 365 Festnahmen, zehn verletzte Polizisten und das schale Gefühl, wie sehr im aufgeladenen Treibhaus rund um den Reichstag Vernunft und Verstand außer Kontrolle geraten können.

 

November-Blues 2020.

 

Aber jeder Protest hat auch sein Gutes. In der S-Bahn zum Hauptbahnhof steigen Kontrolleure am Bahnhof Bellevue ein und posaunen ihr „die Fahrausweise biittte“. Ich krame in meinen Taschen und stelle verärgert fest, dass mein Portemonnaie mit der Umweltkarte im Mantel an der häuslichen Garderobe hängt. Mist!

Ich überlege kurz, entscheide mich, betont lässig zur Tür zu gehen. Mit gegenüber grinst ein Corona-Leugner mit Mundschutz auf dem in schwarzen Lettern „Diktatur“ steht. Eigentlich würde ich ihn gerne fragen, warum er die Diktatur in seinem Gesicht trägt. Und ich überlege, ob es sinnvoll wäre, ihn zu fotografieren, um zu zeigen wie sich Anti-Corona-Demonstranten präsentieren. Wie sehr sie sich verrannt haben oder verwirrt sind, denn in keiner Diktatur der Welt könnte eine solche Meinungsäußerung länger als eine Viertelstunde offen zur Schau gestellt werden.

 

Von wegen „immer uff“. Alles dicht. Berlin-Charlottenburg. November 2020.

 

Doch die Kontrolleure kommen bedrohlich näher. Allerdings sind die mitreisenden Anti-Coronisten äußerst diskussionsfreudig und verwickeln die kräftigen Kerle in Gespräche. Das seien doch reine Schikanen, gerade jetzt zu kontrollieren. Sie wollten wohl freie Menschen an ihrem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung hindern. Ein lebhafter Disput entwickelt sich. Währenddessen rückt die nächste Station näher und kann rechtzeitig erreicht werden. Geschafft! Glück gehabt.

Ich steige erleichtert aus, atme kräftig durch. Auf allen Ebenen des Hauptbahnhofs patrouillieren schwerbewaffnete Polizeistreifen. Aus der Ferne sind Rufe zu hören. „Widerstand“ und „Wir sind das Volk“. Berlin, Mitte November 2020.

 

Es geht auch anders. Zusammenhalt in Zeiten der sozialen Distanzierung.

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Wo ist der arme Poet?

In einer Dachstube hat sich der arme Schlucker in sein Bett verkrochen. Der Ofen ist aus. Das Dach ist undicht, selbst der Regenschirm hat Löcher. Vermutlich sucht er nach den richtigen Zeilen, hofft auf eine göttliche Eingebung. Was immer man im Bildnis des Überlebenskünstlers sehen möchte: Der arme Poet von Carl Spitzweg aus dem Jahre 1839 ist ein Lieblingsbild der Deutschen. Spitzweg hat es selbst wenig Glück gebracht. Die ersten Kritiken waren so vernichtend, dass Spitzweg seine Bilder nicht mehr mit seinem Namen signierte. Als er seinen Poeten 1841 dem Münchner Kunstverein anbot, lehnte die Jury kühl ab.

Der brave Poet mit der Biedermeier-Schlafmütze sollte das Meisterwerk von Spitzweg werden. Als Vorbild diente ihm vermutlich der Münchner Dichterfreund Mathias Etenhueber, der stets klamm war. Drei Versionen malte Spitzweg. Die Erstfassung befindet sich in Privatbesitz, die zweite Fassung hängt in der Neuen Pinakothek in München. Das dritte Poeten-Meisterwerk sollte eigentlich in Berlin zu sehen sein. Aber es wurde geklaut. Gleich zweimal.

 

Carl Spitzwegs dritte Version vom Armen Poeten. 1989 in Berlin gestohlen, seitdem verschollen.

 

Neue Natio­nal­ga­le­rie Berlin am 12. Dezem­ber 1976 gegen 13 Uhr. Der Aktionskünstler Frank Uwe Laysiepen – genannt Ulay – verlässt unbemerkt mit dem 36 x 45 cm großen Poeten-Bild unterm Arm das Haus. „Links­ra­di­ka­ler raubt unser schöns­tes Bild!“ schäumt die Bild-Zeitung. Ulay schleppt das Werk zum Künstlerhaus Bethanien, dokumentiert jeden Schritt mit der Kamera und erklärt den Kunstraub zur Kunstkritik. Seine damalige Lebensgefährtin Marina Abra­mović soll an der Entführung betei­ligt gewesen sein. Abra­mović zählt heute zu den berühmtesten Aktionskünstlern der Welt. Stunden später gibt Poeten-Räuber Ulay das Bild zurück.

 

Der Arme Poet wird geklaut. Ulays Kunstraub 1976, zur Kunstkritik erklärt. Das Bild wird zurückgegeben. Quelle: Ulay

 

Schloss Charlottenburg am 3. September 1989. Diesmal schleichen sich heimlich professionelle Kunsträuber in die Räume. Sie reißen den armen Poeten zusammen mit Spitzwegs Werk Der Liebesbrief gewaltsam von der Wand. Beide Bilder sind seit drei Jahrzehnten nicht wieder aufgetaucht, sie gelten als verschollen. Der Schätzwert von Spitzwegs Poeten liegt bei einer halben Million Euro aufwärts.

 

Marina Abramovic und Ulay 1980. Rest Energy. Quelle: MoMa

 

Und heute? Da kauert der arme Poet pandemiebedingt und zum Stillstand verurteilt in seiner Schreibstube und weiß nicht wie er über die Runden kommen soll. Er füllt fleißig Anträge auf Förderung aus, schwankt zwischen Hoffen und Bangen. Unabhängigkeit hat seinen Preis, heißt es. Seit Spitzwegs Zeiten vor fast 200 Jahren hat sich die Welt turbulent gedreht. Doch das Schicksal des armen Poeten ist geblieben. Vielleicht regnet es bei den modernen Solo-Selbstständigen nicht mehr durchs Dach?

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„Jetzt kommen neue Zeiten“

Heils- und Hassprediger fahren in diesen Tagen Sonderschichten. Im Internet – unserer Neuen Heimat – verbreiten sich Spreader aller Farben, Formen und Fähigkeiten. Sie zeigen mit dem Finger auf andere ohne rot zu werden, Zynismus geht besonders gut. Entertaiment at it´s best. Wir amüsieren uns zu Tode. Der US-Medienwissenschaftler Neil Postman bemerkte: „Jeder Trottel kann ein Star werden, das ist das Grundprinzip. Es ergibt sich eine doppelte Perspektive. Der Zuschauer kann sich in das Geschehen hineinträumen, er wolle ein Star werden, und er nimmt am Selektionsprinzip teil. Ein gemachter Superstar, eine Schöpfung aus dem Nichts“. Postmans Zeilen sind 35 Jahre alt. Das Internet kannte er nicht, es steckte noch in den Kinderschuhen.

Mitten in unserer zweiten Lockdown-Isolations-Zeit habe ich eine bemerkenswerte Perle in den Tiefen des Internets gefunden. Die Geschichte hat mich so berührt, dass ich sie gerne teilen möchte.

Jetzt kommen neue Zeiten, schreibt Olga Tokarczuk aus Breslau, den Grenzen geht es gerade wieder sehr gut und die Schlacht um eine neue Wirklichkeit wird bald beginnen. Die scheue polnische Literaturnobelpreisträgerin veröffentlichte diesen Text im April 2020 während des ersten Stillstandes. Knapp zehn Minuten Lebenszeit sind vonnöten. Es lohnt sich. Versprochen.

 

 

„Aus meinem Fenster sehe ich eine Weiße Maulbeere, einen Baum, der mich fasziniert; er war einer der Gründe, warum ich hier eingezogen bin. Der Maulbeerbaum ist ein freigiebiges Gewächs: den ganzen Frühling und den ganzen Sommer über ernährt er Dutzende Vogelfamilien mit seinen süßen, gesunden Früchten. Jetzt aber trägt der Baum keine Blätter; so sehe ich ein ruhiges Stück Straße, die nur selten jemand entlanggeht, um in den Park zu gelangen. Das Wetter ist in Breslau fast sommerlich, die Sonne blendet, der Himmel ist blau, und die Luft ist rein.

Heute sah ich, als ich mit meinem Hund spazieren ging, wie zwei Elstern eine Eule von ihrem Nest vertrieben. Die Eule und ich, wir sahen uns aus kaum einem Meter Entfernung in die Augen. Mir scheint, auch die Tiere warten auf das, was auf uns zukommt. Ich hatte schon seit längerem zu viel Welt um mich herum. Zu viel, zu schnell, zu laut. Daher habe ich jetzt kein „Trauma der Isolation“; ich leide nicht darunter, dass ich mich nicht mit Menschen treffe. Ich bedauere nicht, dass die Kinos geschlossen sind, es ist mir gleichgültig, dass die Shopping-Malls außer Betrieb sind. Es sei denn, ich denke an all jene, die dort jetzt ihren Arbeitsplatz verloren haben. Als ich von der präventiven Quarantäne hörte, verspürte ich eine Art von Erleichterung, und ich weiß, dass viele ähnlich empfinden, auch wenn sie sich dessen schämen. So hat meine Introversion, die lange unter dem Diktat hyperaktiver Extrovertierter gelitten hatte, ja fast erstickt worden war, den Staub abgeschüttelt und ist aus dem Keller hervorgekommen.

 

Berlin im November 2020.

 

Durch das Fenster sehe ich meinen Nachbarn, einen überarbeiteten Juristen. Bis vor kurzem sah ich ihn immer morgens, wie er mit der Robe über dem Arm ins Gericht fuhr. Jetzt steht er in einem sackförmigen Trainingsanzug im Garten und müht sich mit einem Ast; offenbar will er aufräumen. Ich sehe ein junges Paar, wie es seinen alten Hund ausführt, der kaum noch laufen kann. Der Hund schwankt hin und her, und die jungen Menschen begleiten ihn geduldig und gehen so langsam wie möglich. Derweil holt die Müllabfuhr mit großem Lärm den Müll ab.

Das Leben geht weiter, na klar doch, aber in einem ganz anderen Takt. Ich habe den Schrank aufgeräumt und die gelesenen Zeitungen zum Papiercontainer gebracht. Ich habe die Blumen umgetopft. Ich habe das Fahrrad von der Reparatur abgeholt. Freude bereitet mir das Kochen. Immer wieder tauchen Bilder aus der Kindheit in mir auf, als es viel mehr Zeit gab und man sie „verschwenden“ durfte, indem man stundenlang aus dem Fenster schaute, die Ameisen beobachtete, unter dem Tisch lag und sich vorstellte, er sei eine Arche. Oder indem man die Enzyklopädie las. Ist es nicht so, dass wir zum normalen
Lebensrhythmus zurückgekehrt sind? Dass nicht das Virus die Norm verletzt, sondern umgekehrt: dass jene hektische Welt vor dem Virus nicht normal war? Schließlich hat der Virus uns ins Gedächtnis gerufen, was wir so leidenschaftlich verdrängt hatten: dass wir fragile Wesen sind, gebaut aus der zartesten Materie. Dass wir sterben, dass wir sterblich sind.

Dass wir von der Welt nicht durch unser „Menschentum“ und unsere Außergewöhnlichkeit geschieden sind, sondern dass die Welt eine Art großes Netz ist, in dem wir hängen, mit anderen Wesen durch unsichtbare Fäden von Abhängigkeit und Einfluss verknüpft. Dass wir voneinander abhängig sind und dass wir ganz gleich, aus wie fernen Ländern wir stammen‘, welche Sprache wir sprechen und welches unsere Hautfarbe ist -genauso krank werden, genauso Angst haben und genauso sterben. Es hat uns klargemacht, dass – ganz gleich, wie schwach und wehrlos wir uns angesichts der Gefahr fühlen – Menschen um uns herum sind, die noch schwächer sind und die Hilfe brauchen. Es hat uns in Erinnerung gerufen, wie zart unsere alten Eltern und Großeltern sind und wie sehr sie unsere Fürsorge verdient haben. Das Virus hat uns gezeigt, dass unsere fieberhafte Mobilität die Welt bedroht. Und es hat die Frage aufgerufen, die wir uns nur selten zu stellen wagten:
Was suchen wir eigentlich?

 

 

Die Angst vor der Krankheit hat uns also von unserem verschlungenen Weg zurückgeführt und uns daran erinnert, dass es Nester gibt, aus denen wir stammen und in denen wir uns sicher fühlen. Und selbst wenn wir die größten Weltreisenden wären – in einer Lage wie dieser werden wir immer zu einer Art von Zuhause streben. Damit haben sich uns auch traurige Wahrheiten offenbart: dass im Augenblick der Gefahr das Denken in abschließenden und ausgrenzenden Kategorien zurückkehrt, in den Kategorien von Völkern und Grenzen.

In diesem schwierigen Augenblick zeigte sich, wie schwach die Idee einer europäischen Gemeinschaft in der Praxis ist. Die EU hat im Grunde kapituliert und es den Nationalstaaten überlassen, in dieser Krisenzeit Entscheidungen zu fällen. Die Schließung der Grenzen halte ich für die größte Niederlage in diesen schlechten Zeiten; zurückgekehrt sind die alten Egoismen und die Kategorien „eigen“ und „fremd“, jenes also, was wir in der Hoffnung bekämpft hatten, dass es nie wieder unser Denken formatieren würde. Die Angst vor dem Virus hat automatisch die einfachste, atavistische Überzeugung wachgerufen, ,,Fremde“ seien schuld und sie würden immer Gefahren mitbringen. Nach Europa kam das Virus „von außen“, es ist nicht unser, es ist fremd. In Polen gerieten alle in Verdacht, die aus dem Ausland heimkehrten.

Die vielen Grenzen, die zugeknallt wurden, und die riesigen Schlangen an den Grenzübergängen waren sicher für viele junge Menschen ein Schock. Das Virus erinnert uns: Die Grenzen existieren weiter, es geht ihnen gut. Ich fürchte, das Virus wird uns noch eine andere alte Wahrheit in Erinnerung rufen: wie sehr wir einander nicht gleich sind. Die einen unter uns werden mit ihrem Privatflugzeug in ihr Haus auf der Insel fliegen oder in der Einsamkeit des Waldes sein können. Andere werden in den Städten bleiben, um Elektrizitätswerke und Wasserleitungen am Laufen zu halten. Wieder andere werden bei der Arbeit in Läden und Krankenhäusern ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Die einen werden an der Epidemie verdienen, die anderen werden ihre Ersparnisse verlieren. Die nahende Krise wird wahrscheinlich die Spielregeln, die uns so stabil erschienen, außer Kraft setzen; viele Staaten werden mit der Krise nicht fertig werden, und aufgrund ihrer Auflösung wird eine neue Ordnung zum Leben erwachen, wie es nach Krisen oft der Fall ist.

 

 

Wir sitzen zu Hause, lesen Bücher und schauen Serien, aber in Wirklichkeit bereiten wir uns auf die Schlacht um eine neue Wirklichkeit vor, die wir uns noch nicht einmal vorstellen ‚können; nur beginnen wir langsam zu begreifen, dass nichts mehr so sein wird, wie es war. Die Zwangsquarantäne und die Kasernierung der Familie im Haus kann uns bewusst machen, was wir nur ungern zugeben würden: dass die Familie uns auf die Nerven geht, dass das Band der Ehe längst zerbröselt ist. Unsere Kinder werden die Quarantäne als Internet-Abhängige verlassen, und vielen von uns wird die Sinn- und Nutzlosigkeit der
Lage klar werden, in der sie rein mechanisch, aufgrund der Trägheit der Masse, stecken. Und was wird mit uns sein, wenn die Zahl der Morde, Selbstmorde und psychischen Krankheiten zunimmt?

Vor unseren Augen verfliegt, verraucht in Paradigma der Zivilisation, das uns über die letzten zweihundert Jahre geformt hat. Es lautete: Wir sind die Herren der Schöpfung, wir können alles, und die Welt gehört uns. Jetzt kommen neue Zeiten.“

Olga Tokarczuk. Nobelpreisträgerin für Literatur. „Die Jakobsbücher“. „Ein geniales literatisch-philosophisches Großwerk.“ Iris Radisch, Die ZEIT.

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Die Welt wird eine Bessere sein

Staatlich verordneter Stillstand. Teil II. Ein Land soll die nächsten vier Wochen den Atem anhalten. Nichts tun. Zuhause bleiben. Auf Besserung hoffen. „Wellenbrechen“ heißt das neue Zauberwort und meint, Infektionsketten zu durchbrechen, das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen, um die „Funktionsfähigkeit des Systems“ zu retten, damit wir – so die Sprachregelung – mit der Familie Weihnachten feiern können. Bei unseren Nachbarn in Österreich gilt ein Ausgehverbot von 20 Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Das Verlassen der Wohnung ist nur erlaubt, wenn „Leib, Leben oder Eigentum in unmittelbarer Gefahr“ sind und in Ausnahmefällen zur „körperlichen und psychischen Erholung“ aber nur, wenn einem „die Decke auf den Kopf fällt“. Schöne neue Welt 2020.

 

 

Covid-19 hat Geduld, wir nicht. Mit dieser Erkenntnis müssen wir seit neun Monaten leben. Die zweite Gewissheit: Covid-19 produziert weltweit Gewinner und Verlierer. Die Pandemie verschärft die Kluft zwischen einem kleinen, exklusiven Club der Multi-Milliardäre und der großen Masse der Milliarden Abgehängten. Die Schere öffnet sich mit jeder Minute weiter. Nach Recherchen des US-Magazins “Forbes” wuchs das Vermögen der sechshundert reichsten Amerikaner in der ersten Pandemiewelle (18. März – 19. Mai 2020) um 434 Milliarden Dollar, ein Plus von 15 Prozent. Im gleichen Zeitraum haben rund vierzig Millionen US-Bürger ihren Job verloren.

 

 

Wer sind die Gewinner? Digitale Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook, Google, Microsoft, Netflix, Zoom. Pharmakonzerne, Toilettenartikel- und Masken-Hersteller, Apotheken, Drogeriemärkte, Supermärkte. Berufliche Aufsteiger sind Virologen, Anwälte, Börsenspekulanten, Psychotherapeuten und das Heer der freiberuflichen Glücksritter wie Corona-Leugner, Esoteriker, Hardcore-Nazis, Heilsbringer, Heilpraktiker, Hooligans, Impfgegner, Mitläufer, Querdenker, Reichsbürger, Tofu-Köche, Trump-Fans, die besorgte Bürger aus allen Schichten umwerben.

Wer sind die Verlierer? Theater, Opern, Kinos, Museen, Galerien, Bars, Clubs, Cafés, Kneipen, Fitnessstudios, Schwimmhallen, Gedenkstätten, Tanzstudios, Saunen, Dampfbäder, Spielbanken, Freizeitparks, Kosmetikstudios, Massagepraxen, Bowlingbahnen, Bordelle, Tattoo-Studios und alle Menschen, die in und für diese Institutionen arbeiten.

 

Lockdown 2. Teil. November 2020.

 

Wer ist im Visier von Covid-19? Alte, Arme, Alleinstehende, Kranke, Einsame, Flüchtlinge, Kinderreiche Familien, medizinische und soziale Versorgungs-, Betreuungs- und Pädagogik-Einrichtungen wie Krankenhäuser, Pflegeheime, Kitas, Schulen, Reha-Stätten usw.

Wo bleibt das Positive? Wie wäre es mit einem kurzen Gedicht vom großartigen Heinz Erhardt (1909-1979)?

 

„Weil wir doch am Leben kleben

muss man abends einen heben.

So ein Virus ist geschockt

Wenn man ihn mit Whiskey blockt.

Auch gegorener Rebensaft

Einen gesunden Körper schafft.

Auch das Bier, in großen Mengen

Wird den Virus versengen.

Wodka, Rum und Aquavit

Halten Herz und Lunge fit.

Calvados und auch der Grappa

Fehlen Mama und dem Papa.

Ich will hier nicht für Trunksucht werben

Doch nüchtern will ich auch nicht sterben.“

 

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Born in the USA

„They are very good people“, twitterte der Präsident der Vereinigten Staaten, als im Frühjahr hochgerüstete „Proud Boys“ das Capitol von Michigan stürmten. Anfang Oktober 2020 zerschlug das FBI eine Verschwörergruppe und nahm dreizehn selbsternannte Kämpfer fest. Die Michigan-Milizien wollten Gretchen Widmer, die demokratische Gouverneurin von Michigan, entführen, um die Macht zu übernehmen. Der Vorwurf: Widmer begehe „Verrat an den USA“, weil sie einen harten Kurs in der Corona-Pandemie fährt. Präsident Trump schürt auch nach deren Verhaftung das Feuer weiter. „Ihr müsst eure Gouverneurin dazu bringen Euren Staat zu öffnen“. Seine Anhänger antworteten mit einem Trump-Slogan aus dem Wahlkampf 2016: „Sperrt sie ein!“ Trump ergänzte die Sprechchöre mit einem: „Sperrt sie alle ein!“

 

 

Die USA im Herbst 2020. Ist Trump die Stimme des wahren Amerikas? Um Gottes willen, antwortet Bruce Springsteen, er ist „ein krimineller Clown, der den Thron gestohlen hat“. Das bleibe er trotz seiner 63 Millionen Wähler, von denen viele Trump bis heute wie einen Heiland verehren. Der US-Präsident füttert in seinem Dauerfeuer von mittlerweile über 50.000 Tweets das Amerika der kleinen Leute, die von „Eliten“ und „Feinden des Volkes“ – den Medien – verraten worden seien. Dieses Heer der Hoffnungslosen besingt seit Jahrzehnten keiner erfolgreicher als Bruce Springsteen. In diesen aufgeputschten Tagen hat er mit seinem neuen Album Letter to you ein leises, nachdenkliches Statement abgegeben.

Als wolle der 71-jährige die Zeit zurückdrehen, beschwört der Mann aus New Jersey die gute alte Zeit der siebziger und achtziger Jahre. Er gräbt sich in die Seele seiner verunsicherten Landsleute und beschwört den Mythos von ehrlichen, fleißigen Frauen und Männern, die hart schuften aber mehr nicht länger betrogen werden wollen. Wie ein Pfarrer am Sonntagmorgen zelebriert er die Messe vom Lonesome Rider, der den Halunken und Gaunern trotzt. Bruce: „Alles, was ich aus schweren Zeiten und guten gelernt habe, habe ich mit Tinte und Blut niedergeschrieben – und es als Brief an euch geschickt.“

 

 

Letter to you erzählt von Jugend und Rebellion, Verlust und Vergänglichkeit. In der kleinen Episode in The Last Man Standing geht es um seine Schulband Castiles, die auf verlorenem Posten steht aber nie aufgibt. Die Beschwörung des amerikanischen Traums. Der nette Kerl von nebenan, der es am Ende schafft. Bruce selbst staunt über seinen phänomenalen Aufstieg zur Stimme des anderen Amerikas. „Vor euch steht ein Mann, der irren und absurden Erfolg damit hatte, über Sachen zu schreiben, von denen er absolut keine Ahnung hat. Ich habe alles erfunden … so gut bin ich.“

 

 

Letter to you ist der aktuelle Soundtrack des besseren Amerikas. Eine Hymne an vergangene Zeiten, als das Land für Freiheit, Fortschritt und Demokratie stand. Wird es jemals wieder so werden? Das Album ist wohltuend in Zeiten, in denen Demagogen rund um die Uhr ihr Hexengebräu aus Hass und Lügen als Allheilmittel verabreichen. Bruce tells the truth. Ob ihm mehr zugehört wird als den Scharfmachern im Weißen Haus oder anderswo in den Verfeindeten Staaten von Amerika?

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Lachen über A.

New York. Große Kino-Premiere in Manhattan an einem Herbstabend Mitte Oktober 1940. Auf der Leinwand erscheint „Der große Diktator“. Charlie Chaplins erster Tonfilm überhaupt. Die Hitler-Parodie wird ein Kassenmagnet. Zwar mäkeln einige Kritiker, der Zweistundenfilm sei an manchen Stellen zu kitschig geraten. Doch die Verwechslungskomödie vom kleinen Friseur Anton Hinkel und dem großen Diktator A.H. trifft den Nerv in einer Zeit, in der Hitler in Europa von Sieg zu Sieg eilt. Chaplins Meisterwerk spielt im Tomanischen Reich. Mit dabei sind Gorbitsch-Goebbels und der dicke Hering-Göring. Diktator Hinkel benutzt am liebsten sein Schimpfwort „Schtonk“. Demokratie ist Schtonk! Liberty ist Schtonk! Free Sprecken ist Schtonk!

 

Der Große Diktator wird 80. Original Filmplakat von 1940.

 

Perfektionist Chaplin sagte über seinen Film für den er viele Klinken putzen musste und vor dem konservative Kreise warnten: „Das Lustigste auf der Welt kann für mich sein, Angeber und Wichtigtuer in hohen Stellungen lächerlich zu machen. Je größer der Angeber ist, an dem man arbeitet, desto besser stehen die Chancen für einen lustigen Film – und es wäre schwierig, einen anderen Angeber vom Kaliber Hitlers zu finden.“

Die bewegende Schlussrede im Film hält folglich der falsche Hitler, der kleine jüdische Friseur Hinkel aus Wien. „Nur wer nicht geliebt wird, hasst“, setzt er vor verdutzten Parteigenossen an und steigert sich zu einem flammenden Plädoyer für Demokratie und Menschenrechte. Friseur Hinkel bedeutet Menschlichkeit einfach entscheidend mehr als Macht. So erobert er – natürlich – das Herz seiner geliebten Hannah. Coldplay hat übrigens Chaplins Rede für den Song A Head Full of Dreams neu interpretiert.

 

 

Hitler und Chaplin sind beide im April 1889 geboren. Hitler trug seinen Schnauzer ähnlich wie Chaplins Filmfigur des Tramps. Das mag Zufall gewesen sein, diese Manneszierde war in den Zwanzigern modischer Zeitgeist. Das war es aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Hitlers Kampfblatt „Stürmer“ hetzte bereits 1926 gegen den britischen Komiker und behauptete Chaplin sei Jude. „Seine Handlungen sind die eines Tagediebes, der immer wieder mit den Gesetzen in Konflikt kommt.“ Eine reine Propagandalüge. Chaplin war nie Jude. Als der Weltstar im März 1931 Berlin besuchte, organisierten Nazis  Anti-Chaplin-Demonstrationen.

 

Charlie Chaplin vor dem Reichstag in Berlin. März 1931

 

Hitler soll den Film angeblich zweimal angefordert haben. Belegt ist das nicht, aber eine andere Anekdote. Titos Partisanen tauschten im besetzten Jugoslawien einen deutschen Propaganda-Film in einem Wehrmachtskino gegen eine Chaplin-Kopie aus. Offiziere stoppten nach der Hälfte den Großen Diktator und drohten, den Filmvorführer zu erschießen. Im Nachkriegs-Deutschland kam „Der große Diktator“ erst 1958, dreizehn Jahre nach Kriegsende,  in die Kinos. Charlie Chaplin musste sich zeitlebens gegen Vorwürfe wehren, er habe Hitlers Verbrechen verharmlost: „Hätte ich von dem Grauen in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte ‚Der große Diktator‘ nicht machen können.“

 

 

Mehr in „Das Charlie Chaplin Archiv“. Herausgegeben von Paul Duncan.

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„Mein Herz ist ein Automat aus Blech“

Eine junge Frau wartet auf den Zug. Am Bahnsteig lockt sie ein Snackautomat. Sie sucht nach Münzen. Plötzlich springt ihr Zwillingsbruder vor den einfahrenden Zug. Das Einstiegsszenario für Olivia Wenzels Debut 1000 Serpentinen Angst. Mit Vollgas und Wumms legt sich die Autorin in die Kurven, rast um die Welt. Von ihrer Heimat Thüringen über Berlin, Vietnam bis nach New York. Ihr Road Movie erzählt von der wilden Reise einer jungen Ostdeutschen auf der Suche nach dem kleinen und großen Glück. „Ich komme aus einer Familie, in der die Idee, sich so weit wie möglich von sich selbst zu entfernen, übertrieben romantisiert wurde“.

Die junge Glücksucherin ist Kind einer DDR-Punkerin und eines Angolaners. Die Mutter wird in den Achtzigern nach der Geburt ihrer Zwillinge verhaftet. Warum? Um „ihre Bürger paranoid zu machen. Wasserzelle, Einzelhaft, Gruppenisolierung im lichtlosen Keller, langes Stehen bei Schnee im Hof, gezielte Mangelernährung … wegen ein paar Flugblättern. Oder wegen einem Punkkonzert in einer Kirche“.

 

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020. Nicht in die Endrunde geschafft. Egal. Das Buch hat Wumms.

 

Der Vater verkrümelt sich, meldet sich maximal ein bis zweimal im Jahr. Als Kind wünscht sich die Tochter nichts sehnlicher als eine Creme, die „mich über Nacht weiß machen würde“. In der Heimat ihres Vaters heißt sie „Kokosnuss“. Außen braun, innen weiß. Ein Halt bleibt Oma Rita aus dem kleinen thüringischen Heimatdorf, deren Leben aus Arztbesuchen und Fernsehsendungen besteht.

 

 

Olivia Wenzel erzählt von Ängsten und Sehnsüchten der Generation Smartphone. „Alle dreißig Minuten schalte ich mein Handy ein, um nachzusehen, ob mich irgendjemand nicht erreicht hat, streame Kinderserien und Romcoms, harmloser Input für den verhärmten Körper“. Einziger kleiner, feiner Unterschied. Ihre Heldin ist schwarz – wie sie. Anders sein ist Alltag, ständig Blicken ausgeliefert zu sein. Manchmal erlebt sie Gewalt und Diskriminierung. Let´s talk about race. Was wäre wenn … überlegt Olivia einmal … wenn weiße Frauen in Büros putzen müssten, in denen gutverdienende, schwarze Hipster über neueste Netflix-Serien plaudern.

 

 

1000 Serpentinen Angst erzählt souverän und witzig über das Erwachsenwerden. Olivia Wenzel ist jung, schwarz und ostdeutsch. Der Stoff, aus dem sie schöpft. Auch ihre Motivation, da sie es leid ist, Sprüche wie – hat es bei dir letztens gebrannt?- kommentarlos stehen zu lassen. Im Buch träumt sie einmal von einem „völlig unambitionierten Miteinander“. Was wäre, wenn … „vielleicht eines Tages mein Kind, meine Großmutter, meine Mutter und ich auch so zusammensitzen würden“. Ohne Angst, ohne Vorurteile, ohne Mobbing. Auch wenn die Thüringen-Oma wieder das letzte Wort hätte: Kindchen, was hast Du jetzt schon wieder zu meckern?

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„Weltaugenblick“

Berlin in einer kalten Januarnacht 1919: „Abends in einem Kabarett in der Bellevue Straße. Rassige spanische Tänzerin. In ihre Nummer krachte ein Schuss hinein. Niemand achtete darauf. Geringer Eindruck der Revolution auf das großstädtische Leben“. Schüsse und Straßenschlachten betrachten die feierwütigen Bohemiens allenfalls als lästige Störung, „wie wenn ein Elefant einen Stich mit einem Taschenmesser bekommt“, notiert der Gesellschaftsbeobachter Harry Graf Kessler Anfang der zwanziger Jahre.

Exakt vor hundert Jahren am 1. Oktober 1920 lernt Groß-Berlin – wie wir es heute kennen – das Laufen. Acht selbständige Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke sind per Gesetz zusammengeschlossen worden. Über Nacht katapultiert sich diese Ansammlung von märkischen Dörfern zur drittgrößten Metropole der Welt nach New York und London. Für den neuen Einheitstarif von 20 Pfennige geht es nun durch die neue Riesenstadt, von Spandau bis nach Köpenick. Von Elendsquartieren im Wedding bis hinaus zu den Luxusvillen im Grunewald. So viel Neuanfang in Berlin. Der Tanz auf dem Vulkan beginnt trotz Kriegsniederlage, Inflation, Streiks, Massenarmut und einer wütenden Spanischen Grippe, die in der Stadt Hunderttausende wegrafft.

 

Berlin 1920. Unter der Reichskriegsflagge versammeln sich Gegner der neuen Republik.

 

Der Kaiser hat abgedankt. Die Hauptstadt der neuen Republik gleicht einem brodelnden Kessel. „Babylon Berlin“ produziert täglich einen Overkill an Kunst, Kultur, Vergnügen, Demos und Druck. Tempo, Tempo, aus dem Weg, heißt die Devise. Wer sich durchsetzen will, braucht Einfallsreichtum und das Glücksmoment des richtigen Augenblicks. Die Zwanziger werden das „Jahrzehnt Berlins“. Im Kessel ist Dampf und wie ein Chronist notiert: „Wer den Kessel heizte, sah man nicht; man sah ihn nur lustig brodeln und fühlte die immer stärker werdende Hitze. An allen Ecken standen Redner. Überall erschollen Hassgesänge. Alle wurden gehasst: die Juden, die Kapitalisten, die Junker, die Kommunisten, das Militär, die Hausbesitzer, die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Schwarze Reichswehr, die Kontrollkommissionen, die Politiker, die Warenhäuser und nochmals die Juden. Es war eine Orgie der Verhetzung, und die Republik war schwach, kaum wahrnehmbar.“

 

Otto Dix. Salon. 1927

 

Anfang der Zwanziger Jahre zeigen in der Stadt 328 Kinos neueste Filme. 23 Theater mit über 1.000 Plätzen konkurrieren um das amüsierfreudige Publikum. 1925 zählt die Hauptstadt 928 Verlage und 1.879 Buchhandlungen. Was bedeutet das? Auffallen um jeden Preis. Ob Theater, Tanz, Film, Revue oder Swing, Hauptsache es ist modern, „glänzt und spritzt“, wie es Alfred Döblin („Berlin-Alexanderplatz“) so schön ausdrückt. Sein Schriftstellerkollege Canetti, der spätere Nobelpreisträger legt in seiner Fackel im Ohr noch eins drauf: „Jeder einzelne, der etwas war, und viele waren etwas, schlug mit sich auf die anderen los.“

 

George Grosz. Prostituierte und Pleitegeier.

 

„Hure Babylon“ zetern verwirrte Konservative und entsetzte Nationalisten. Und doch gehen viele abends in Kaschemmen und Tingeltangel-Theater. Legendär ist die Figur des Professors Unrat, der sich im „Blauen Engel“ an der feschen Lola Marlene Dietrich gehörig die Finger verbrennt. Nie zuvor und nie danach ist die Stadt so wichtig für die Künste. Zwischen 1919 und 1932 erlebt Berlin „ihren Weltaugenblick als Stadt der Künstler und Zentrum der ästhetischen Moderne“, notiert Jens Bisky in seiner wunderbaren Berlin-Biografie.

 

 

In diesen Tagen könnte „Groß-Berlin“ seinen hundertsten Geburtstag feiern. Könnte. Mit Staatsakt und Feuerwerk. Doch Corona vermasselt die Party. Was bleibt? Der schillernde Babylon-Mythos überlebte Kriege, Nazi-Katastrophe, Trümmer, Mauer und neue Blüte als Start-up-Hipster-Hotspot. Berlin bleibt ein Sehnsuchtsort für alle, die ihr Leben selbst definieren. Der Preis? Jede und jeder braucht ein dickes Fell in einer Stadt, in der eine überforderte Verwaltung und gestresstes Führungspersonal Normalzustand waren und sind.

Nichts funktioniert richtig und doch wollen so viele nach Berlin.

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Die Hauptmänner von Köpenick

Die Stufen zum imposanten Rathaus Köpenick hinauf. „Wo wollen Sie hin?“ schnarrt es aus der Pförtnerloge. „Zum Hauptmann.“ – „Dann tragen Sie sich mal ein. Name, Adresse. Beginn und Ende des Besuchs!“ hallt es preußisch-knapp durch die Lobby. Ohne Formular geht nichts. Nicht in Corona-Zeiten, nicht in Köpenick. Wenn die Formalitäten erledigt sind, darf der Besucher – „den Gang rein, dann rechts rum!“ – zwei kleine Ausstellungsräume besuchen. Es lohnt sich.

Über den Schuhmachergesellen und „Berufsverbrecher“ Wilhelm Voigt ist Spannendes zu erfahren. Über seinen „Geniestreich“ vom Herbst 1906. Als er das kaiserlich-militärische Berlin vorführte, mit seinem Uniformtick, dem Prinzip „Befehl ist Befehl“ und Kadavergehorsam bis in die Haarspitze. So eroberte der falsche Hauptmann die Stadtkasse.

Die erste Kinoverfilmung von 1931.

 

 

Wilhelm Voigt aus Tilsit war der geborene Verlierer. Die Hälfte seines Lebens saß er wegen kleiner Betrügereien hinter Gittern. „Ick hab im Knast Fußmatten hergestellt, auf der alle rumtrampeln“, sagte er einmal. Als er 1906 mal wieder entlassen wird, bekommt er keinen Ausweis. „Ohne Pass keine Arbeit, keine Arbeit ohne Pass! Das Leben ist wie eine Kaffeemühle. Du wirst ständig im Kreise durchgemahlen“, verzweifelt Voigt. Was bleibt ihm? Er braucht einen Pass. Er organisiert eine Offiziersuniform, schnappt sich in der Jungfernheide eine Handvoll Rekruten. Mit denen fährt er raus nach „Cöpenick“, damals noch mit C geschrieben.

 

Das Objekt der Begierde des Schusters Voigt. Die Stadtkasse von Köpenick.

Die Truppe besetzt das Rathaus. Einen Pass gibt es nicht. Also beschlagnahmt Voigt die Stadtkasse mit 4.000 Reichsmark. Er quittiert den Betrag, bemängelt jedoch, dass „37 Pfennige nicht ordnungsgemäß“ verbucht seien. Er setzt Bürgermeister und Stadtkämmerer fest, genießt im Ratskeller „Süsskotelett mit Molle“, beschlagnahmt sechs Zigarren à 30 Pfennige. Der Coup gelingt ohne schriftlichen Befehl. Die Uniform reicht. „Jawoll, Herr Hauptmann!“ Natürlich fällt die Eulenspiegelei bald auf. Da Schadenfreude wohl die schönste aller Freuden ist, lacht die ganze Welt über die „Köpenickiade“. Eine Legende wird geboren.

 

Die Akte „Wilhelm Voigt“. Selbsternannter „Hauptmann von Köpenick“.

 

Seit vielen Jahren mimt der Schauspieler Jürgen Hilbrecht den „Hauptmann von Köpenick“. Über 7.500 Mal hat der 77-jährige den Schuster Voigt mittlerweile zum Leben erweckt. Jeden Sonnabend um 11 Uhr im Rathaus-Innenhof. Eine Touristenattraktion. Jetzt pausiert er. Denn der Schauspieler hatte in seinem Leben eine weitere Rolle übernommen. Viele Jahre diente er am Theater in Brandenburg/Havel als IM, als Informant der DDR-Staatsmacht. Er berichtete unter seinem Spitznamen „Hilli“ von einer „zehnköpfigen Oppositionsgruppe mit sozialismusfeindlichen Ansichten “. Von diesem Kollegenkreis fühlte er sich gemobbt. Hilbrecht spielte damals den Faust. Nach der Wende fand er im Hauptmann von Köpenick seine Paraderolle. Dafür erhielt er sogar einen Orden. Wann spielt er wieder?

Wenn der Besucher die lehrreiche Ausstellung verlässt, ist die „korrekte Zeit des Verlassens“ beim Pförtner mitzuteilen. Dabei kann ein Fahndungsplakat der Polizei nicht übersehen werden. Gesucht wird der flüchtige Jan Marsalek, wegen „gewerbsmäßigen Bandenbetruges in Milliardenhöhe“. Marsalek war Vorstandsmitglied des Betrugsunternehmens Wirecard AG. Einer der vielen modernen Hauptmänner von Köpenick.

 

Gesucht! Internet-Betrüger Jan Marsalek. Vorstandsmitglied Wirecard AG.