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Kunst für den Orient-Express

Noch in den fünfziger Jahren fuhr der legendäre Orient-Express von Paris nach Istanbul. Auf seiner Fahrt quer durch Europa ließ er die bulgarische Hauptstadt Sofia links liegen. Das ärgerte die regierenden Kommunisten. Also überlegten sie, wie sie das Bahn-Management auf die Vorzüge ihres Balkanstaates aufmerksam machen könnten. Kunststudenten erhielten den Auftrag, die Landschaft entlang der Strecke „attraktiver“ zu gestalten. Höfe und Zäune sollten gestrichen, Heuhaufen kunstvoll gestapelt, reizvolle Motive entwickelt werden. Einer der Studenten, ein gewisser Christo Wladimirow Jawaschew, war fasziniert. Die Landschaft als Leinwand. Ein ausgesprochen reizvolles Projekt, fand er. Landschaft „verpacken“, im neuen Glanz erscheinen lassen, einen Zauber verströmen, der anlockt und betört. Kunst, die einfach schön ist.

 

Christo (1935-2020 ) und Jeanne-Claude (1935-2009). Eine geniale Verbindung. Beide waren an einem 16. Juni 1935 geboren.

 

Aus der bulgarischen Kulissenschieberei wurde nichts. Störrische Beamte und widerspenstige Bauern legten sich quer. Das Projekt scheiterte. Eine prägende Erfahrung für den jungen bulgarischen Landschaftsmaler: Widerstand gehört zur Kunst. Gegenwind zu überwinden ist eine der hervorragendsten Aufgaben. Der junge Mann wollte sich aber frei entfalten. Der Enge des kommunistischen Systems entkam er versteckt in einem verplombten Güterwaggon im eiskalten Januar 1957 von Prag nach Wien. Als er dort an der Kunstakademie abgelehnt wurde, zog der Staatenlose ohne Pass weiter über Genf nach Paris. Christo Wladimirow Jawaschew erreichte im März 1958 die französische Hauptstadt mittellos, ohne einen einzigen Centimes in der Tasche, aber mit einem Traum. Dort wollte er sein Glück in der Kunst finden.

Um seine winzige Mansardenwohnung in der Nähe des Arc de Triomphes zu finanzieren, malte der 23-jährige in einem Friseursalon Damen der wohlhabenden Schichten. So verdiente er als Porträtmaler seinen Unterhalt und signierte mit dem Namen Javacheff. Eines Tages saß die Generalsgattin Précilda de Guillebon auf dem Frisierstuhl. Deren Tochter Jeanne-Claude war kunstvernarrt und bald auch verliebt in den armen, begabten Barbiermaler Christo, den jungen Mann mit leidenschaftlichem Balkan-Temperament und schlechten Französisch. Die Offizierstochter sagte später einmal: „Ich könnte natürlich behaupten, die Kunst sei das ausschlagende Moment gewesen‘, so Jeanne-Claude‚ „doch tatsächlich war er ein teuflisch guter Liebhaber.“

 

Précilda de Guillebon, 1958. Die Mutter von Jeann-Claude. Christo malte seine Schwiegermutter im Frisiersalon.

 

Sie heirateten in der Stadt der Liebe. Christo legte seine bulgarischen Nachnamen ab und entwarf, plante, zeichnete. Er wollte alles verpacken, was ihm in die Hände kam. Flaschen, Fahrräder, Bäume, Menschen. 1962 reifte die Idee, den nahen Arc de Triomphe zu verhüllen. Es sollte fast sechzig Jahre bis zur Vollendung dauern. Das hinderte ihn nicht, sein erstes Projekt in der Nachbarschaft umzusetzen. Als Antwort auf die Berliner Mauer sammelte Christo 85 Ölfässer. Er rollte sie am 27. Juni 1962 eigenhändig in die enge Rue Visconti. Dort stapelte er die bunten Fässer zu einer Mauer. Christos erstes Kunstwerk existierte nur 24 Stunden. Er musste seinen „Eisernen Vorhang“ unter Polizeiaufsicht wieder abbauen. Es war der künstlerische Urknall für den Verpackungskünstler Christo.

 

Christo. Der „Eiserne Vorhang“. 85 Ölfässer in der Pariser Rue Visconti.

 

„Kunst darf zwecklos sein. Kunst muss nicht nach dem Sinn fragen.“ Christos Lebensmotto: „Ich spreche nur durch meine Kunst. Die Wahrheit liegt in der Schönheit.“ Für das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude bedeutete das: Kommerzfreie Kunst. Keine staatliche Finanzierung, keine Werbung. Finanzierung ausschließlich über Verkauf von Skizzen, Zeichnungen, Film- und Fotorechten. Seine spektakulären Projekte am Reichstag in Berlin, Miami oder am Lago di Iseo in Italien waren stets auf vierzehn Tage befristet. So wird es auch am Arc de Triomphe sein, seinem Vermächtnis. Ein Tribut an die Stadt, in der er seine Liebe und seinen ersten Triumph feierte.

 

Christos letztes Kunstwerk. Beginn der Verhüllung des Arc de Triomphe. 12. September 2021.

 

Verhüllung Arc de Triomphe. 18. September 2021 bis 3. Oktober 2021

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Wen wählen?

Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler, brummte einmal der konservative Winston Churchill über die Tücken von Wahlen. Und heute? Fast vierzig Parteien stehen demnächst auf dem Zettel. Eine Vielfalt, die alles verspricht. Sie heißen Liebe, Demokratie in Bewegung, V-Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer, Gartenpartei, Tierschutzpartei, Die Urbane HiphopPartei, Bürgerbewegung für Fortschritt und Wandel, Die Pinken, Der Dritte Weg oder Menschliche Partei für das Wohl und Glücklichsein aller. Das Blaue vom Himmel und ewiger Jahrmarkt auf Erden verheißen die Programme. Natürlich stehen die Etablierten ganz oben auf der Liste. Von CDU, SPD, FDP, Grüne, AfD bis Linke. Aber wen wählen?

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Man kann es sich leicht machen. Über Dilettanten-Personal, Bullerbü-Wahlkampf, 16-Jahre-Merkel-sind-genug und Nicht-schon-wieder-SPD schimpfen und digital herumholzen.  Über eine Politik des Zu-Spät und des Zu-Wenig klagen. Über eine Gesellschaft, die immer stärker ihren Zusammenhalt verliert und dabei ständig neue Verlierer produziert. Zetern wie einst Nietzsche über den Pöbel der höheren Stände. Das altvertraute Populismus-Modell aus der Schublade holen: Das Volk ist gut, die Eliten sind verdorben. Dabei wissen wir: Alles wird knapp. Rohstoffe, intakte Umwelt, Gerechtigkeit und besonders die Fähigkeit, neu zu denken und für andere zu handeln. Das Bequemste in Zeiten der „verwirrenden Unübersichtlichkeit“ ist daher einfach nichts zu tun. Keine Experimente. Weiter so! Wird schon werden…

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Wir können weiter die Augen verschließen und den Kopf in den Sand stecken. Das hat den Vorteil, dass es kuschelig bleibt. Man sieht, hört und fühlt nichts. Dummerweise wächst die Chance, in dieser Pose kräftig ins Hinterteil getreten zu werden. „Traumtänzer sind die, die glauben, dass alles so bleiben kann, wie es ist,“ sagen die Initiatoren der Freiburger Diskurse. Sie rufen ins Land: „Wahlprogramm sucht Partei!“ Sie sagen, es reiche nicht, den Müll zu trennen, ab und zu mal ein veganes Schnitzel zu bestellen oder eine Solaranlage subventioniert aufs Dach zu stellen. In der Mitte sei es noch zu vielen zu gemütlich, um auch nur irgendetwas zu ändern. Klima, Katastrophen, Pandemie und Desaster wie in Afghanistan hin oder her. Solange die Krise draußen vor der Tür bleibt, ist doch alles gut.

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Die Freiburger Diskurse bieten frischen Wind für eine runderneuerte Gesellschaft in Politik, Gesellschaft und Umwelt. Neu denken, nachdenken, vordenken. Die Freiburger Denkschule fordert uns und die Parteien auf, sich zu ändern. Ist dieser Aufwand nicht ein wenig Lebenszeit wert, bevor das Kreuzchen mit schlechtem Gewissen wieder beim kleinsten aller Übel gemacht wird? Eine funktionierende Demokratie sollte uns doch mehr als fünf Minuten wert sein. Der alte Griesgram Churchill muss nicht immer recht behalten.

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Wer ist Sonja?

Sie sitzt aufrecht in einem Berliner Café. Sie schaut ernst und abwartend. Fast gelangweilt. Ihre Augen schauen uns direkt an. Ihre Tischnachbarn sind nur angedeutet. Wahrscheinlich sind sie unwichtig. Obwohl, wer weiß? Die Frau im „kleinen Schwarzen“ raucht, wartet, überlegt. Hofft sie, den großen Moment zu erleben oder das kleine Glück nicht zu verpassen? Sonja. Berlin, 1928. In jenem Jahr wurde mein Vater geboren, mein Schwiegervater auch. Der Maler Christian Schad hat diesen kühlen, flirrenden Augenblick des Zeitgeistes festgehalten. Nun ist Sonja nach sechs Jahren Umbauzeit wieder zu sehen. Die Ausstellungsmacher der neueröffneten Neuen Nationalgalerie in Berlin haben Sonja in die „Neue Sachlichkeit“ einsortiert. Doch wer ist Sonja?

 

Christian Schad. Sonja. 1928

 

Sonja heißt eigentlich Albertine Gempel. In Schwerin geboren, zieht die unternehmungslustige, junge Frau nach Berlin. Nur nichts verpassen, heißt die Devise. In der Hauptstadt der Hoffenden und Scheiternden jobbt sie bei einer Mineralölfirma, bewegt sich jedoch lieber in Künstlerkreisen. Albertine ist Jüdin. Als die Nazis an die Macht kommen, verpassen ihr die neuen NS-Herren einen Stern, den sie nicht mehr ablegen kann. 1933 wird sie fristlos entlassen.  Albertine zieht von Berlin nach München. Dort lernt sie das Glück ihres Lebens kennen. Den Maler Franz Herda, der aus Brooklyn, New York City stammt. Im Überlebenskampf der nächsten Jahre wird sie diese Verbindung retten.

 

Die „echte“ Sonja. Albertine Gempel (1896-1973). Dieses Foto stammt von 1926.

 

Albertine steht mehrfach auf Transportlisten. Doch viel Glück, ein US-Reisepass und „ihr unerschrockenes Auftreten“, so der Ausstellungstext, bewahren sie vor der Deportation in den sicheren Tod. Albertine kann ihrem Freund Franz Herda nach New York folgen. Dort heiraten sie 1948. Aus Sonja wird nun die US-Bürgerin Albertine Herda. Das Paar bleibt bis Anfang der sechziger Jahre in New York, dann kehren sie gemeinsam nach Deutschland zurück. Da Ehemann Herda nicht nur Sonja das Leben gerettet hat, ernennt ihn die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zum „Gerechten unter den Völkern“. Die Geschichte vom Happy End von Sonja alias Albertine Gimpel ist dem neuen Begleitext der Nationalgalerie zu verdanken. Neu ist: Schicksale porträtierter Personen werden – soweit möglich – entschlüsselt und erklärt.  Jetzt bekommen die Unbekannten ein Gesicht, eine Geschichte, einen Namen.

 

Lotte Laserstein . Abend über Potsdam. (1930) Mehr Frauen, mehr globale Moderne, mehr Transparenz verspricht die Neue Nationalgalerie.

 

In der detailgetreu aufgehübschten Neuen Nationalgalerie sind nun 250 der 1.800 Bestandsbilder endlich wieder zu sehen. Die neue Dauerausstellung Kunst der Gesellschaft zeigt prominente Werke von 1900 bis 1945. Von Käthe Kollwitz bis Picasso, von Lotte Laserstein bis George Grosz. Diese unruhige, nervöse Krisenzeit mit zwei Weltkriegen und einem hektischen Tanz auf dem Vulkan steht wie keine andere Epoche für Aufbruch und Erschütterung. Erfreulich: Das sechsjährige Warten wegen der Generalsanierung des ikonischen Baus von Mies van der Rohe durch den Briten David Chipperfield hat sich gelohnt.  Sonja, Abbild der neuen Frau von 1928, wartet wieder im Untergeschoss. Mit kühlem Blick, einer Rose am Kleid und einer qualmenden Zigarette. Sie signalisiert: „Ich lebe meine Leben. Und Du?“ Vielleicht ergibt sich doch etwas Neues – beim Rendezvous in der Neuen Nationalgalerie. Wer weiß?

 

 

Die Kunst der Gesellschaft. Neue Nationalgalerie Berlin. Bis 2. Juli 2023

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Last Exit, Kabul

Check-in Kabul. Am deutschen Flughafen pflaumt uns die Lufthansa-Mitarbeiterin an: „Da haben wir nichts zu suchen!“ In der Maschine sitzt eine merkwürdige Mischung aus Geheimdienstleuten, Militärs, Vertretern von NGOs, mein Kameramann und ich. Eine Woche lang wollen wir herausfinden, wie der Stand der Demokratisierung im Land am Hindukusch ist. Wir treffen Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen, den Leiter einer Lehrlingswerkstatt, einen vorsichtigen, einheimischen Wahlbeobachter und einen traumatisierten Filmemacher. Das war vor gut zehn Jahren. Was hat sich geändert? Was die Hoffnungen betrifft, nichts. Was die Befürchtungen angeht, alles. Ein filmreifes Ende wie in einem Hollywood-Blockbuster. Die korrupte Elite hat sich im Hubschrauber abgesetzt. Doch für die Menschen sind alle Illusionen zerstört.

Der 36-jährige Regisseur Aboozar Amini hat Anfang 2021 den beeindruckenden Dokumentarfilm Kabul, City in in the Wind in Deutschland veröffentlicht. Die Fortsetzung  als Spielfilm „Ways to run“ musste in den letzten Tagen gestoppt werden. Amini ist in Sicherheit. Sein ganzes Team aber in Kabul in großer Gefahr.

 

 

Hier sollen einige Stimmen aus der afghanischen Kulturbranche zu Wort kommen. Es sind selbstbewusste, stolze, mutige Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte aktiv einsetzen. Sie leben in Angst. Ihre Namen sind geändert.

 T. hat über einhundert Filme produziert. Er liebt das Action-Kino, in dem am Ende immer das Gute siegt. T. ist eine Art Bud Spencer. Er nimmt selbst auswegloseste Situationen mit Humor. In einem kleinen Kabuler Studio arbeitet er wie ein Besessener. Außer Actionkino hat er unzählige Dokumentarfilme über Drogen, Armut und Frauenrechte in seinem Land gedreht. „Bei den Dreharbeiten habe ich einmal acht Mitarbeiter verloren. Wir wurden während unserer Aufnahmen von den Taliban beschossen.“ T. wurde verletzt, machte weiter: „Zukunft? Das ist wohl ein Witz. Unsere Regierung ist korrupt, die Taliban sprengen uns in die Luft, unsere Kinder hungern und der Rest der Welt versucht seit Jahren etwas zu verbessern. Ich mache Filme, das ist alles. Ich habe bei den Märtyrern geschworen, das afghanische Kino Tag für Tag besser zu machen.“

 

Zwei afghanische Filmemacher bei der Arbeit. Foto: Heinz Kerber

 

Afghanistan ist eine Männergesellschaft. In einem unscheinbaren Hinterhof der Hauptstadt arbeitet einer der mutigsten Frauen des Neuanfangs. Die Journalistin Z. hat einen Terminkalender wie eine Managerin. Pausenlos klingeln ihre drei Telefone. Die Mutter von fünf Kindern ist eine viel gefragte Gesprächspartnerin: „Uns gibt es wirklich. Das Afghanische Frauenradio. Dieser Sender ist die erste weibliche Stimme in unserer Geschichte.“ Die Angehörige einer alteingesessenen Familie mit 150-jähriger Stammesgeschichte hat unzählige Morddrohungen erhalten. Aber nur vor einem hat sie Angst, dass sie mit den Taliban allein gelassen wird. „Ich denke ein guter Mensch lässt seinen Freund in schweren Zeiten nicht in Stich. Wenn Ihre Streitkräfte uns jetzt verlassen, bleibt alles auf halber Strecke stehen. Wollen Sie das wirklich?“

Das war einmal: Live auf Sendung in Kabul. Das erste Frauenradio. Foto: Heinz Kerber

 

Die Mehrheit der Afghanen ist unter zwanzig. Die Jugend hat vom Krieg die Nase gestrichen voll. Die Jungen wollen ein neues, ein anderes Afghanistan, dafür steht der Sender Tolo TV. Nachrichtenchefin A. hat wenig Zeit. Die Mittzwanzigerin betont, Afghanistan sei viel mehr als Attentate, Bomben und Gewalt. Dann schaut sie uns direkt an: „Warten Sie! Ich möchte noch etwas Wichtiges sagen. Afghanistan ist auch für den Rest der Welt wichtig. Falls andere Länder uns im Stich lassen, ist es möglich, dass diese Länder eines Tages selbst Probleme bekommen.“

In den Straßen von Kabul. Foto: Heinz Kerber

 

„Eine Reise nach Kabul“ lief 2010 im ZDF. Unser afghanischer Producer konnte sich mittlerweile in Sicherheit bringen.

Nichts gelernt? Die traurige Wahrheit ist eindeutig ja.  „Was haben wir dort zu suchen“, war die Frage schon vor 12 Jahren. Beklemmend aktuelle Antworten damals u.a. von Khazan Gul („Freundeskreis Afghanistan“) und Peter Scholl-Latour. Man hätte nur zuhören müssen. Sehr zu empfehlen.

 

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Lost in Berlin

„Wer hier wohnt, hat verloren“. Das meint die Berlin-Bashing-Kolumne der Süddeutschen aus München. Das Blatt stellt fest: „Was in Berlin schiefläuft? So ziemlich alles.“ Das Verrückte ist: Trotzdem kommen weiter viele Menschen in die deutsche Hauptstadt. Berlin ist nach wie vor Magnet. Die Stadtregierung lobt sich gerne über den grünen Klee. Berlin sei Melting Pot. Drehscheibe. Zukunftswerkstatt. Place to be. In einem Loft am Landwehrkanal lässt es sich leicht über den Alltag der meisten Bewohner hinweglächeln. Was der Stadt fehlt? Eine funktionierende Verwaltung. Wer seinen Ausweis verlängern oder einen Kitaplatz beantragen will, scheitert bereits beim zuständigen Bürgeramt. Termine sind so rar wie bezahlbare Wohnungen. Wartezeiten bis zu drei, vier Monate sind normal. 250.000 unerledigte Fälle. Willkommen in der postsozialistischen Wartegemeinschaft!

 

Willkommen in Berlin. Flexibilität ist gefragt – in einem „hochpreisigen Markt mit angespanntem Wohnungssegment“. Foto: Sayna Soleima

 

Das Motto der Behörden: ‚Ein kluger Beamter prüft zuerst seine Zuständigkeit und verneint sie.‘ Die Rechnung zahlt der Bürger: Statt sofort und unverzüglich heißt es, eher vielleicht und irgendwann. Folge eines dramatischen Abbaus. Sparen bis es quietscht, hieß es vor Jahren unter dem damaligen Finanzsenator Thilo Sarrazin. Eine ausgebrannte, überalterte, Mitarbeiterschaft soll den Bedarf einer stetig wachsenden Stadt bewältigen. Die logische Folge. Alles dauert. Eine Einbürgerung kann bis zu 24 Monate dauern. Eine alleinstehende Mutter wartet auf das Überbrückungsgeld für ihr neues Baby bis zu drei Monate. Wer im Park oder Wald seinen Müll entsorgt, muss sich keine Sorgen machen. Der bleibt liegen. Im Wald gibt es keine Förster mehr. Zwei Drittel der Stellen fielen weg. Die Grünflächenämter, für die Sauberkeit zuständig, sind überfordert.

Unglaubliche acht bis neun Jahre dauert beispielsweise der Neubau einer Schule.  Warum? Ein Dschungel an Zuständigkeiten, „Behördenpingpong“ genannt: 1) Bezirk definiert Bedarf, 2) Mittel werden beantragt, 3) Testat wird erstellt, 4) Senat für Finanzen verabschiedet Investplan, 5) Anmeldung durch Bezirk, 6) Senatsbeschluss, 7) Erarbeitung Bedarfsprogramm, 8) Genehmigung Bedarfsprogramm, 9) Vergabeverfahren, 10) Auswahlentscheidung, 11) Vorplanungsunterlagen (VPU) werden erarbeitet, 12)  VPU werden genehmigt, 13) Veranschlagung im Haushalt, 14) Bauplanungsunterlage (BPU) wird erarbeitet, 15) BPU wird genehmigt, 16) Ausführungsplanung, 17) Ausschreibungscheck, 18) Baubeginn, 19) Fertigstellung (unbestimmt). Ein Wunder, dass der Flughafen BER nach fast zwei Jahrzehnten Planung, Pleiten, Pech und Pannen überhaupt fertiggestellt werden konnte.

 

Warten, hoffen, aufstehen, weitermachen. Quelle Margherite Saiko

 

Ein letztes Beispiel: Am 11. September 2019 beschloss das zuständige Bezirksamt in Pankow nach Unfällen, dass eine Straße verkehrsberuhigt werden soll. „Aufgrund der dramatischen Personalsituation in der Straßenverkehrsbehörde“ konnten seitdem nicht einmal mehrere Kleine parlamentarische Anfragen beantwortet werden. Fast zwei Jahre sind seit dem Beschluss vergangen. Geschehen ist nichts. „Aktuell krankheits- und urlaubsbedingt“ verfüge man nicht „über die notwendigen Personalressourcen“.  Vielleicht sollte die Straße ausgebürgert werden.

 

Wäre auch mal eine Idee. Foto: Michael Gestettenbauer. Imago

Genug gegruselt. Schwabinger Schickeria und Stuttgarter Stammtischler mögen es sicher gerne hören, dass die Berliner nur eine große Klappe haben „und sonst nichts“. Geübte Kenner der Stadt wissen: „Um Berlin in seiner jetzigen Verfassung zu malen, müsste man den göttlichen Dante Alighieri bemühen, welcher die Hölle und das Fegefeuer zu schildern wusste.“ Diese Feststellung ist aus dem Jahre 1896. Nachzulesen bei Alfred Kerr in: „Was ist der Mensch in Berlin – Briefe eines europäischen Flaneurs“.

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„Holt uns raus!“

An einem Sonntag im August liest ein Achtzehnjähriger das Neue Deutschland. Damals hatte das SED-Parteiorgan noch eine Sonntagsausgabe. Die Grenze ist geschlossen, heißt es, die Kriegspläne der Bonner Ultras sind durchkreuzt. Die Geburtsstunde des antifaschistischen Schutzwalls, weltweit nur Mauer genannt. Peter Joachim Lapp ist entsetzt. Er sitzt mit der Gefangnenennummer 1373/60 im Kommando 1 des sächsischen Zuchthauses Waldheim. Verurteilt wegen staatsfeindlicher Hetze. Mit seinen Zellenkameraden diskutiert er deprimiert, was die Grenzschließung zu bedeuten hat. „Es gibt Krieg“, sagt einer. Andere lachen höhnisch. „Die Westmächte werden wieder nichts tun, wie am 17 Juni 1953“, dem Tag des DDR-Volksaufstandes. Andere fantasieren, dass „demnächst Hubschrauber der Amerikaner im Gefängnishof landen und uns rausholen“.

 

Zuchthaus Waldheim. Zellentrakt. Lapp war im Kommando 1 von 1960-1964.

 

Nichts passierte an diesem Sonntag, den 13. August 1961 hinter den Mauern des Zuchthauses von Waldheim – vor sechzig Jahren. Kein Hubschrauber landete. Keiner der rund 1.200 Insassen wurde befreit. Der heute 79-jährige Lapp erinnert sich genau: „Wir waren im Schichtbetrieb auch am Sonntag. Ich war zur Nachtschicht eingesetzt und da liefen verstärkt Offiziers-Patrouillen mit Tränengaspatronen durch die Gänge. Die Wachen auf den Türmen rund um die Anstalt waren normalerweise durch einen Posten besetzt, diesmal mit zwei. Sie patrouillierten mit Hunden. Es war erhöhte Alarmbereitschaft. Die Volkspolizei war verstärkt überall und man spürte die allgemeine Nervosität.“

 

Urteil vom 18.08.1960 wegen „staatsgefährdender Gewaltakte in Tateinheit mit staatsgefährdender Propaganda und Hetze“. Der Gewaltakt bestand in einem Stück Papier mit 13 Artikeln für eine vierkköpfige „Deutsche Widerstandsbewegung“, die im März 1960 vier Wochen existierte.

 

Immerhin gab es kein Krieg. Kaufmannslehrling Lapp durfte in Waldheim als Dreher in einer zugigen Lagerhalle schuften. Damit konnte er sich ein paar Kleinigkeiten im „Knast-HO“ leisten, dem Anstaltsladen. Er saß vier Jahre und sechs Monate ab, wegen „Kindereien“, wie er betont. Seine Schülerclique in Rudolstadt hatte auf dem Papier eine „Deutsche Widerstandsbewegung“ gegründet. Der Name wirkte mächtig, die Ziele waren romantisch-pubertär. Die Schüler forderten die Abschaffung des DDR-Regimes und eine demokratische Erneuerung nach Vorbild der USA. Spitzel meldeten die „Untergrundgruppe“. Die DDR-Behörden nahmen die vier Teenager ernst und sperrten sie wegen Gesellschaftsgefährlichkeit als Feinde des Arbeiter- und Bauernstaates ein. Der achtzehnjährige Peter Joachim Lapp saß seine Strafe bis zu seinem Freikauf in den Westen 1964 nahezu komplett ab.

 

Als das Land noch geteilt war. Brandenburger Tor 1988. Luftbild: MfS. Quelle: BSTU

 

Das Einmauern 1961 gilt als zweiter Gründungsakt der DDR.  Der Schutzwall sollte dem SED-Sozialismus eine zweite Chance geben, Imperialisten, Geschäftemachern und Schiebern in die Schranken weisen, wie es offiziell hieß. Im Zuchthaus Waldheim sank die Stimmung kontinuierlich auf den Nullpunkt. Lapp: „Als dann im Herbst 1961 die Zellen statt mit dreien mit sechs Gefangenen belegt wurden, da hatte die Revolutionäre Justiz zugeschlagen. Alle Kritiker am 13. August kamen zu uns.“ Viele der „Politischen“ in Waldheim waren verzweifelt und hoffnungslos. „Was uns vor allem abgestoßen hat, war diese irre Propaganda, die diese ganze Geschichte als Erfolg der DDR oder des Sozialismus vorstellte. Das Gegenteil davon war der Fall. Wer die eigenen Leute im Lande mit Gewalt halten musste, der konnte nicht sagen, dass das der Humanismus des 20. Jahrhunderts war.“

Die DDR-Führung feierte den 13. August als Akt der Stärke und Tag des Friedens. Peter Joachim Lapp sagt: „Das war der soziokulturelle Geburtstag der DDR. Seitdem konnte dieser Staat sichtbar nicht ohne Befestigung der Grenzen leben und das ist natürlich ein Armutszeugnis gewesen bis zum Schluss.“ Lapp wurde 1992 vom Bezirksgericht Gera rehabilitiert. Das Urteil vom 18.08.1960 wurde aufgehoben.

 

„Alles, was ich bin, wurde ich durch die DDR. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges“. Peter Joachim Lapp. Autor, Publizist.

 

Peter Joachim Lapp lebt heute in der Eifel. Der Politologe und Publizist war von 1977 bis 1997 beim Deutschlandfunk. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur DDR und einer der Zeitzeugen in meiner ZDF-Dokumentation „Am Todesstreifen“. Seine Zeit im Zuchthaus Waldheim hat er in „Zuchthausjahre“ (2019) veröffentlicht.

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Machs gut, Ben

Einen alten Baum… verpflanzt man nicht, schrieb ich vor gut einem Monat. Hätte ich ihn doch besucht. Ben Wagin. Bildhauer, Baumpate, Lebenskünstler, Maler und unermüdlicher Kämpfer „Komm einfach vorbei“ knurrte er ins Telefon. „Die Deppen von der Firma verstehen sowieso nichts von Kunst. Das soll alles weg. Die Welt ist so.“ Pause. „Vom Fernsehen bist Du? – Ja, vielleicht hilft´s, antworte ich. „Du weißt ja, wo ich wohne…“ Ich kam nicht vorbei. Weder mit noch ohne Kamera. Niemand wollte die Geschichte über das Wegsanieren seines letzten großen Wandbildes in Berlin. Also besuchte ich ihn nicht. Ein Fehler. Ende Juli ist Ben Wagin im Alter von 91 Jahren gestorben „wie er gelebt hat: munter, mutig, heiter“, erklärte sein Baumpatenverein.

Ben war eine Berliner Pflanze. Er duzte jede(n), den mächtigen Minister wie die eifrige Feministin. Ben war Ende Juni sauer: Sein Weckruf für mehr Umweltschutz aus den Achtzigern sollte weichen. Pointe: Im Namen des Umweltschutzes. Die schwarzbraun, verrußte Ziegelwand am S-Bahnhof Savignyplatz soll einen modernen Dämmputz erhalten. Nun kann der Investor loslegen. Der grantige Kauz ist nicht mehr. Doch seine Botschaft vom pfleglichen Umgang mit der Natur bleibt. Dafür stand er.

 

Weltenbaum II am S-Bahnhof Savignyplatz. 105 Meter lange Street Art. Vielleicht kann die Denkmalpflege das Werk aus den Achtzigern retten. Es soll verschwinden.

 

„Wir trinken was wir pinkeln!“ habe ich unzählige Male am S-Bahnhof Savignyplatz auf seinen Weltenbaum II gesehen. Meistens so lange, bis die nächste Bahn kam. Sein Werk ist 105 Meter lange kostenlose Kunst. Ein Riesenbaum mit Ästen, züngelnder Schlange, verzweifelten Gesichtern, Trauernden, Toten, dazwischen ein Mädchen, das lächelt. „Idealisten sind immer in der Gefahr/An ihrem Idealismus zugrunde zu gehen.“ Schiller grüßt. Ben schrieb es in den achtziger Jahren an die Wand, als die Züge viel seltener fuhren, als die Mauer den Weg in der Stadt versperrte.

 

Ben Wagin. 25. März 1930 – 28. Juli 2021. Man kann seine Werke wegsanieren, seine Idee hat Bestand.

 

„Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur.“ Sein Satz auf seinem riesigem in die Jahre gekommenen Wandbild hat sich mir eingebrannt. Ob die Smartphone-Generation Bens Botschaften noch wahrnimmt? Heute heißt auf den Zug warten, aufs Gerät starren und zum nächsten Bild wischen. Der Weltenbaum II verbindet bekannte Künstler wie Beuys, Grass oder Frida Kahlo. Das Wagin-Gesamtwerk, 2013 komplett saniert, schlägt eine Brücke von den Nazi-Jahren bis zur Umweltzerstörung unserer Tage. Bens Werk soll gerettet werden. Nach Vorstellung der Investoren am besten im Internet. Als Instagram-News.

Als 14-jähriger Junge musste er am Ende des II. Weltkrieges aus seiner westpreußischen Heimatstadt Jastrow flüchten. Er versteckte sich in Pommern hinter einem schützenden Baum, als die Kugeln umherflogen. Sein ganzes späteres Leben stellte er sich folgerichtig vor die Bäume. Er vergaß nie die Worte seines Großvaters, der ihm mit auf den Weg gab: „Egal, was kommen wird, die Bäume werden zu dir sprechen.“ Sein bekanntes Parlament der Bäume am Reichstag genießt mittlerweile Denkmalschutz. Weltweit pflanzte Ben an die 50.000 Bäume.

 

 

Weltenbaum II ist (noch) zu sehen am S-Bahnhof Savignyplatz. 24/7. Eintritt frei. Den Sound liefert die Berliner S-Bahn. Ebenfalls umsonst und draußen.

Ben, mach´s gut!

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Sei du selbst

Auf Island suchen viele Menschen das, was sie zuhause nicht finden. Weite, Wärme, Ruhe, Geborgenheit. Eine unberührte Natur, so schön wie schroff, so wild wie verwegen. Ende Februar 2020, wenige Tage vor dem großen Lockdown in Europa, reiste die polnische Pianistin Hania Rani in den äußersten Südosten der Vulkaninsel. Sie inszenierte am Ende der Welt ihren Song „F Major“.  Der Filmemacher Neels Castillon drehte das Video in einem einzigen Mastershot, ohne einen einzigen Schnitt. Eine Herausforderung bei minus sieben Grad für alle Beteiligten. Für Hania Rania, die drei Tänzerinnen Mellina Boubetra, Janina Sarantsina und Fanny Sage und das Team. Ihr Motiv? Die Suche nach dem einzigartigen Moment der Wahrhaftigkeit. Die entscheidende Voraussetzung für Kunst, die wirklich etwas zu sagen hat.

 

 

Hania Rani sagt: „Ich glaube, ich bin als Musiker wie als Privatperson der gleiche Mensch. Musik ist meine Art zu kommunizieren und ich sehe die Kunst, die Musik als ein großes Ganzes, ohne Grenzen, Unterteilungen, oder sogar Genres.“ Die Pianistin und Komponistin lebt teils in Warschau teils in Berlin. Die deutsche Hauptstadt ist für die 30-Jährige Polin ein Place to be: „Hier hast du die Freiheit, du selbst zu sein“, betont sie.

 

Hania Rani. Polnische Pianistin auf der Suche nach dem selbst.

 

Rani wuchs in einer musikalischen Familie in Danzig/Gdansk auf. Ursprünglich wollte sie Klassische Musik studieren, doch sie entschied sich für Jazz und Elektronische Musik, „mixte Chopin & Schostakovitch mit Dave Brubeck und Moderat.“ Ihre Vorbilder sind Komponisten und Musiker wie Max Richter, Esbjorn Svensson, Miles Davis, Nils Frahm, Murcof, Portico Quartet, Radiohead oder die Beatles. „Das, was alle Künstler, die mich inspirieren, verbindet, ist ihre spezielle Herangehensweise an die Musik und ihren Sound. Für mich haben sie alle ein großes Herz und einen riesigen Verstand.“

 

 

Mittlerweile ist die Pianistin auf großen Bühnen wie in der Nationalphilharmonie Warschau, im Funkhaus Berlin oder im Londoner Roundhouse aufgetreten. Ihr zweites Album „Home“ legte sie im Mai 2021 vor. Dabei versucht sie ihren musikalischen Radius zu erweitern, setzt die eigene Stimme ein und wird auf einigen Stücken von Bassist Ziemowit Klimek und Schlagzeuger Wojtek Warmijak begleitet. „Home“ ist für Rani die Fortsetzung ihrer musikalischen Lebensreise, die auf „Esja“ ihren Anfang nahm. Wie rasch die Lebensentwürfe anders verlaufen können, hat die bleierne Corona-Zeit gezeigt. Mutter Natur zeigt ihre Krallen. Die Menschen reagieren aggressiv, hilflos oder überfordert. Plötzlich steht alles still. Dann bleibt nur die Reise zu uns selbst. Für solche Momente ist Hania Reni eine wunderbare Gefährtin.

 

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Über den Berg

Neue Ideen nehmen ihren Anfang häufig vom Ende der Welt. Halberstadt ist eine kleine Provinzstadt mitten in Deutschland, in Sachsen-Anhalt. Mittendrin, aber abseits. Eine Region die viele nicht kennen, maximal als nervige Wegstrecke zwischen Hannover und Berlin. Nun wollen die Halberstädter nach ihrer John Cage-Performance eine neue spektakuläre Aktion starten. Sie nennen es „Keine Handbreit Wasser“. Rund 200 Freiwillige wollen im Schweiße ihres Angesichts 100 Paddelboote ohne eine Handbreit Wasser unter dem Kiel über einen Berg schleppen. Geht`s noch? Während gerade der Südwesten Deutschlands in brauntrüben Fluten untergeht, ziehen die Halberstädter gegen den weltweit dramatischen Wassermangel zu Berge.

Überschwemmungen und Dürre, Sintfluten und Trockenheit, Bäche, die zu reißenden Flüssen werden und Wasserknappheit sind Extreme aber zwei Seiten einer Medaille. Mutter Natur rächt sich. Der Mensch zahlt die Rechnung. Hunger nimmt weltweit wieder zu. Folge von Pandemie, Klimawandel, gewaltsamen Konflikten und Ergebnis grotesker Ungleichheit. Wie kommen wir über diesen Berg? Ilka Leukefeld lacht. Die Künstlerin hat sich das Huy-Projekt „Keine Handbreit Wasser“ ausgedacht. „Wir sitzen alle in einem Boot. Wir müssen zusammen in eine Richtung rudern. Nicht im Kreis herum. Dann funktioniert`s.“ Die Kunstaktion am 24. Juli 2021 will zeigen, dass Menschen viel bewegen können, wenn sie es gemeinsam versuchen.

 

„Boote im Wald – Karawane im Huy“ – Kunstaktion in Halberstadt/Sachsen-Anhalt. Foto: „Keine Handbreit Wasser“

 

Leukefeld: „Es ist fünf nach zwölf. Wir wollen eine Aktion starten, die Mut macht.“ Die Grundwasservorräte seien endlich, in vielen Regionen der Welt würden die Wasservorräte sinken. „Wir leben in Halberstadt im Vorharz. Wir sind bereits im dritten Jahr mit großer Trockenheit. Oder wir haben Extremregen. Deshalb tragen wir 100 Boote über den Berg. Das ist eine Versinnbildlichung für den Zustand, wenn kein Wasser mehr da ist.“ Am Zielpunkt in einer Scheune in Huy-Neinstadt werden die Boote hängend installiert. Auftakt für insgesamt vier Podien im Sommer und eine Abschlussveranstaltung am 2. Oktober. „Die Resonanz ist gut. Schüler, Studenten, Rollstuhl-Fahrer, Mitarbeiter von Stadtwerken oder Diakonischem Werk, aber auch Flüchtlinge machen mit“. Jede(r) zählt. Noch werden Freiwillige gesucht.

 

14 Kilometer 100 Boote tragen – Sinnbild, wenn das Wasser fehlt. Foto: „Keine Handbreit Wasser“

 

Die Halberstädter haben einen langen Atem. Ihr international beachtetes Orgelprojekt „As slow as possible“ in einem ehemaligen Kloster ist auf 639 Jahre angelegt. Die Hommage an den Komponisten John Cage zieht seit über zwanzig Jahren Publikum aus der ganzen Welt an. Jeder Tonwechsel ist ein Grund zum Feiern. Nun zieht eine Boot-Karawane über den Berg. Ist das nicht Größenwahn, eine Art Klein-Fitzcarraldo im Harzvorland? Nein, meint Ilka Leukefeld, die nach zwanzig Jahren künstlerischer Arbeit in London in ihre Heimat zurückgekehrt ist. „Wir machen das absolut freiwillig. Für mich wäre es schon ein Erfolg, wenn auch nur ein einziges Boot die 15-Kilometer lange Strecke über den Berg getragen wird.“

 

Freiwillige für die Kunstaktion am 24. Juli 2021 können sich noch melden. Foto: „Keine Handbreit Wasser“

 

Am Morgen des 24. Juli 2021 soll eine Kilometer-lange Karawane in Halberstadt aufbrechen, um zu zeigen, dass Menschen nicht alle Katastrophen klaglos hinnehmen wollen. Die Kunst-Aktion mag verrückt sein. Aber kommen die besten Ideen aus den Zentren der Macht? Sie wachsen woanders. Zum Beispiel in Halberstadt. Auf geht´s. Das Unmögliche wagen. Das Mögliche machen. Über den Berg.

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Das Amt für Glück  

Aufschneider, Besserwisser, Coach-Helden, Damen-Imitatoren, Dampfplauderer, Fitness-Gurus, Freisprecherinnen, Narzissten, Positionierungsexperten, Salon-Löwen, Selbstdarsteller, Sinnsucher, Spielwütige, Schönheiten, Talker, Yoga-Krieger-Übende, Zyniker und noch mehr Zeitgeisthelden sind ständig online. Viele suchen das kleine oder große Glück. Andere teilen ihren Kummer, ihre Ratlosigkeit und Wut. Aber alle wollen Aufmerksamkeit, Klicks, Likes und möglichst viele Follower. Vom Glück ein gesundes Baby in Corona-Zeiten zu bekommen, erzählt diese Twitter-Episode. Die Geschichte mit dem neuen Menschenkind nimmt rasch eine unschöne Wendung. Die Folge: Eine alleinstehende Mutter* verzweifelt an der Berliner Bürokratie. Doch der Reihe nach.

Anfang Juni 2021 war eine werdende Mutter kurz vor der Entbindung Covid-19-positiv getestet worden. Der Nachwuchs kam in der Charité mit Hilfe eines Kaiserschnitts zur Welt. Alles lief gut. Wegen des positiven Tests wurden Mutter und Kind isoliert. So hatte die frisch gebackene Mutter keine Möglichkeit ihr Kind bei der Geburtenmeldestelle anzumelden. Als sie das Krankenhaus verlassen konnte, ergab sich eine bizarre bürokratische Odyssee: ohne Geburtsurkunde kein Mutterschaftsgeld, kein Elterngeld, kein Kindergeld, kein Kinderzuschlag, kein Überbrückungsgeld. Nichts. Die Mutter berichtet: „Der erste Anruf beim Standesamt Berlin-Mitte war deprimierend. Die Dame am Telefon war unfreundlich und pampig zu mir. Wär ja mein Problem, dass ich mein Kind nicht In der Klinik gemeldet habe. Sie hätte die Geburt noch nicht im PC, ich solle kommende Woche noch mal anrufen aber mich nach Beantragen auf 12 Wochen Bearbeitungszeit einstellen.“ Das sind exakt drei Monate.

 

Unhappy. Vom Glück mit Ämtern in der Hauptstadt, wenn Hilfe nötig ist.

 

Verzweifelt rief die Mutter bei ihrer Krankenkasse an. Die Reaktion? „Ich schilderte meine Situation: Dass ich gerne bereit bin eine Kopie vom U-Heft oder Eintrag im Mutterpass als Beweis senden würde, dass mein Kind existiert. Dass ich auf mein Mutterschaftsgeld angewiesen bin und bat um irgendein Entgegenkommen. Keine Chance. Als ich anfing aus Verzweiflung zu weinen, wurde der Mann leicht pampig. Ich müsse Verständnis haben, dass sie nun mal ihre Vorgaben haben. Ich hätte mir Empathie gewünscht, dass ich ohne Mutterschaftsgeld, ohne Familienversicherung für mein Neugeborenes nun mal verzweifelt bin und nicht weiß, wie ich ihn ernähren soll.“

Doch auch Jobcenter und Sozialamt lassen die Anfragen der berufstätigen Erzieherin nach Überbrückungsgeld ins Leere laufen. Die unverschuldet in Notlage geratene Mutter schreibt: „Sie haben mich wegtreten lassen zwecks Überbrückungsgeld, weil ich ja prinzipiell einen Job habe und nur in Elternzeit bin. Ich wurde sogar dafür geshamed und als „selbst schuld“ angeprangert, weil ich alleinerziehend bin und derzeit auch keinen Unterhalt bekomme. Ich stehe derzeit also da, mit einem Kind, das versorgt werden muss. Mit 450 Euro weniger im Monat und bald komplett ohne einen Cent, weil das Elterngeld und Kindergeld ja erst bearbeitet werden muss“.

 

Verwaltung ist Herrschaft. (Max Weber) Der Rückstau. Rund 250.000 unerledigte Fälle in Berliner Bürgerämtern. Foto: 99pixel

 

In Berlin warten derzeit rund 250.000 Bürgeranfragen auf einen Termin. Ob Geburts- oder Sterbeurkunde, neuer Ausweis oder Wohnsitz-Ummeldung (alles gesetzlich vorgeschrieben): die durchschnittliche Wartezeit liegt bei drei Monaten. Verwaltung ist Herrschaft sagt ein alter Grundsatz. Und Kurt Tucholsky spöttelte: „Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehen. Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen.“ Diese Lebenswirklichkeit beschrieb er vor genau 91 Jahren. Im Fall der jungen Mutter habe ich Anfang Juli 2021 beim zuständigen Bezirksamt Berlin-Mitte nachgefragt. Man habe von dem Fall gehört, hieß es, man müsse die Zuständigkeit prüfen. Geschehen ist seitdem – nichts.

 

*Die Mutter will namentlich nicht genannt werden.

Am Ende hilft zur Wirklichkeitsbeschreibung nur Loriot.