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Prager Fenstersturz

Wirkliche Veränderungen, so heißt es bei Bismarck, sind aus Blut und Eisen geschmiedet. Anpacken, zur Tat schreiten, vollendete Tatsachen schaffen. Die Prager haben damit Erfahrung. Dreimal in ihrer Geschichte haben sie den Fenstersturz als Methode des Herrschaftswechsels praktiziert. Zuerst stürzten aufständische Hussiten 1419 die Obrigkeit aus dem Rathaus. 1618 warfen wütende Protestanten katholische Statthalter aus dem Fenster der Burg. Die Herren überlebten. Aber nicht Außenminister Masaryk 1948. Er lag zerschmettert im Hof des Czernin-Palastes.

Der 1618er-Fenstersturz löste einen verheerenden dreißigjährigen Glaubenskrieg in Europa aus. Der 1948er sicherte den Kommunisten eine vierzigjährige Herrschaft in der neuen CSSR. Der Eiserne Vorhang teilte fortan Europa. Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. In der Mitte das eingemauerte Berlin. Fensterstürze können geschichtsmächtige Prozesse entwickeln. Unumkehrbar. Mit weitreichenden Folgen.

Dieser Herkules mit Keule empfängt den Besucher im Prager Czernin-Palast.

Was am 10. März 1948 im prächtigen Prager Czernin-Palast genau geschah, bleibt bis heute ungeklärt. Sicher ist nur: Der liberale, aus dem englischen Exil zurückgekehrte Außenminister war tot. Er stürzte im Palast fünfzehn Meter in die Tiefe, das Fenster in seinem Badezimmer stand offen. Jan Masaryk, Sohn des tschechoslowakischen Staatsgründers, war äußerst beliebt und der letzte verbliebene bürgerliche Politiker im neuen Kabinett. Die Kommunisten hatten die Macht übernommen.

British Pathé News 1948. „Europe divides“.

Gestürzt oder gestürzt worden? Die amtlichen Untersuchungen 1948/49 sprachen von einem Selbstmord. Zweifel blieben. Die offizielle Version, er habe an Depressionen gelitten, haben viele nicht geglaubt. 1968 im „Prager Frühling“ nahmen Behörden ihre Ermittlungen wieder auf. Sie wurden mit dem Einmarsch der Sowjets jäh gestoppt. Nach der „samtenen Revolution“ 1989 mühte sich eine Kommission über ein Jahrzehnt lang um Aufklärung. Das Ergebnis 2004 lautete auf Mord. Aber es sei nicht mehr eindeutig und zweifelsfrei beweisbar.

Das Fenster in der dritten Etage, aus dem Jan Masaryk 1948 stürzte. Im Halbschatten Romanautor Marek Toman.

So bleibt das Geheimnis um den letzten Fenstersturz bestehen. Der Czernin-Palast hat in seinen Gemäuern viele Wechsel erlebt. Barocke Pracht. Habsburger Pomp. Niedergang des K.u.K.-Reichs. 1918 Neugeburt und Ende der Tschechischen Republik 1938. Amtssitz des Hitler-Statthalters Reinhard Heidrich. Fenstersturz 1948. Heute residiert im Barock-Palast das Außenministerium der tschechische Republik, die sich 1992 mit der Trennung von der Slowakei halbiert hatte.

Czernin-Palast. Seit dem 17. Jahrhundert Ort von Macht- und Ränkespielen. Heute Sitz des tschechischen Außenministeriums.

„Lob des Opportunismus“. Der tschechische Autor Marek Toman hat einen Roman über die Geschichte des Czernin-Palastes geschrieben. Mit Helden und Halunken, Festen, Feiern, Machtspielen und Intrigen. Das beeindruckende Palais hoch über der Moldau hat die Toiletten mit dem schönsten Ausblick in ganz Mitteleuropa, sagt Toman. Er weiß, wovon er spricht. Der hochgewachsene Mann arbeitet im tschechischen Außenministerium. Nur sollte man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

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Villa mit Wartezeiten

„Das nächste halbe Jahr sind wir komplett ausgebucht“, betont die junge Dame stolz. Sie führt uns durch ein Meisterwerk der Moderne. Die Villa Tugendhat in Brünn. Architekt: Mies van der Rohe. Bauhaus at its best. Die deutsche Journalistengruppe nickt zustimmend. Was für eine Villa! Leicht, luftig, elegant. Motto „Weniger ist mehr“. Flachdach. Fließende Räume, viel Beton und Glas. Die erste tragende Stahlkonstruktion in einem Privathaus. Seltene Materialien: Onyx aus Marokko, italienischer Travertin, Holzfurniere aus Südostasien. Einzigartig: eine Warmluftheizung. Elektrische Jalousien. Alles erbaut  in vierzehn Monaten.

1930 zogen Fritz und Grete Tugendhat mit ihren fünf Kindern in die neue Villa ein. Das Haus am Hang mit Blick auf die Altstadt von Brünn zählte zum Modernsten, was es in Europa gab. Die Tugendhats machten ihr Geld mit Stoffen, Tuch und Seide. Brünn war das „mährische Manchester“. Doch ihr Glück in der luftigen Villa währte gerade einmal acht Jahre. 1938 mussten sie Hals über Kopf flüchten, als Hitler nach dem Münchner Abkommen Mähren annektierte. Schlechte Zeiten für jüdische Familien.

Die Tugendhats setzten sich über die Schweiz nach Venezuela ab. Die Nazis nutzten das „jüdische Haus mit Flachdach“ als ein Konstruktionsbüro für die Rüstungsproduktion. Auftrag: „Bomben für den Endsieg“. 1945 marschierte die Rote Armee in Brünn ein. Die Soldaten brieten im Wohnzimmer am offenen Feuer Ochsen und verwandelten die Villa in einen Pferdestall. Jetzt wurden die Deutschen aus der Stadt vertrieben. Den berüchtigten „Brünner Todesmarsch überlebten im Mai 45 Tausende nicht.

Mies van der Rohe. Villa Tugendhat.

Nach Kriegsende zogen Kinder und Kranke in die Luxus-Villa am Berg ein. Das Haus wurde zuerst als Ballettschule, in den fünfziger Jahren als medizinische Einrichtung für Heilgymnastik genutzt. Im großzügigen Wohnzimmer wurde nun geturnt. Ab den achtziger Jahren stand die Tugendhat-Villa leer. Die kommunistische Regierung entschied schließlich auf Drängen tschechischer Architekten das Haus einer Kapitalistenfamilie zu sanieren. Die Villa diente nun als Gästehaus der Regierung.

Noch einmal schrieb Anfang der neunziger Jahre die Villa Geschichte. Der Tscheche Vaclav Klaus und der Slowake Vladimir Meciar beschlossen 1992 die Trennung ihres Landes. Nach zwei Stunden im Wohnzimmer war alles vorbei. Die Tschechoslowakei hörte auf zu existieren. Immerhin eine friedliche Scheidung und  kein blutiger Exzess wie in Jugoslawien. Der Wunsch der Witwe Grete Tugendhat nach „Öffnung des Hauses für alle“ konnte erst im 21. Jahrhundert erfüllt werden.

Eine Villa mit Liebe zum Detail.

Die Villa wurde in den Jahren 2010 bis 2012 aufwändig und originalgetreu grundsaniert. Mies van der Rohes kühner Entwurf ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. In diesem Jahr feiert das Bauhaus sein hundertjähriges Jubiläum. Der Tipp: Rasch auf die Warteliste setzen lassen. Der Ausflug nach Brünn lohnt sich. Zu entdecken ist nicht nur ein faszinierendes Denkmal der Moderne. Die Villa mit ihren Höhen und Tiefen erzählt viel mehr über das vergangene Jahrhundert als alle dicken Geschichtsbücher.

Die Villa Tugendhat in Brünn/Tschechische Republik. 100 Jahre Bauhaus. Lohnenswert. Aber 2019 mit langen Wartezeiten.
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Geben Sie Gedankenfreiheit!


Er wollte kein Fürstendiener sein. Er war stolz und unbeirrbar. Der Malteser-Ritter Marquis von Posa. Keiner, der katzbuckelte, sich wendete oder anpasste. Eine Kunstfigur? Genau genommen ja. Friedrich Schiller schrieb seinen berühmten „Don Carlos“ von 1783 bis 1787. In seinem Drama ließ er den Marquis vor den spanischen König Philipp II. treten. Er klagte den Herrscher der Unterjochung Andersdenkender und Inquisition an. Er fiel auf die Knie und forderte: „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“

Philipp II. König von Spanien. Mächtiger Mann der Inquisition. (1527-1598)

Zwei Jahre nach der Uraufführung von Don Carlos in Hamburg im Jahre 1787 erhoben sich die Franzosen zur Revolution. 1789 änderte sich in Europa alles. Die Despotie wurde gestürzt. Es schien, als fielen die Worte des Romantikers Schiller aus Marbach am Neckar auf fruchtbaren Boden. Dabei hatte der Jungdichter einen hohen Preis für seine Unabhängigkeit zu bezahlen. Im Alter von 23 Jahren musste er seine Heimat verlassen, flüchtete ins liberale Baden, erhielt später bei Freunden in Thüringen Asyl.

Schiller war davon überzeugt, dass Verstand und Gefühl zusammengehören. Das Theater müsse in seinen Stoffen und Charakteren den Fürsten – also den damals Mächtigen – ein Bild der wirklichen Lebensumstände nahebringen. Die Kraft des Theaters. Schiller: „Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen.“

Urfassung Don Carlos. 1787.

Geben Sie Gedankenfreiheit – ein geflügeltes Wort. Es gibt viele Herrschenden auf der Erde, die am liebsten sogar Gedanken unter Zensur stellen würden. Tatsächlich ist das Recht, die eigene Meinung öffentlich zu äußern, längst wieder ein Risikofaktor geworden. Meinungs- und Presse-Freiheit sind auf dem Rückzug. Deutschland gehört – bei aller Kritik – zu den wenigen Inseln einer geschützten Gedanken- und Meinungsfreiheit. Das war nicht immer so und muss keineswegs so bleiben. Zwei Diktaturen in einem Jahrhundert – braun und rot –  versuchten die Freiheitsrechte gewaltsam zu ersticken.

Friedrich Schiller: Don Carlos, Infant von Spanien – Kapitel 16

Marquis „Ein Federzug von dieser Hand, und neu
Erschaffen wird die Erde. Geben Sie
Gedankenfreiheit. – (Sich ihm zu Füßen werfend.)

König (überrascht, das Gesicht weggewandt und dann wieder an den Marquis geheftet).
                Sonderbarer Schwärmer!“

1937 gab das Deutsche Theater in Berlin Schillers Don Carlos. Der damals populäre Bühnen- und Filmschauspieler Ewald Balser spielte leidenschaftlich den Marquis von Posa. Für seinen Satz „Geben Sie Gedankenfreiheit“ erntete Balser minutenlangen offenen Szenenapplaus. Propagandaminister Goebbels, der Hausherr des Deutschen Theaters, wurde informiert. Er entschied: „Weiterspielen lassen!“ Mit den Beifallsstürmen sei doch der Despot Philipp II aus Schillers Drama gemeint. Das Stück wurde – entgegen der Legendenbildung – nicht abgesetzt, sondern weitere 39 Mal aufgeführt – bis das Theater und Berlin in Schutt und Asche versanken.

Schiller in Berlin. Säulenheiliger des Sturm und Drangs auf dem Gendarmenmarkt.

2019 garantiert uns das Grundgesetz Gedanken-, Meinungs- und Pressefreiheit. Woran es mangelt? Der ewige Spötter Karl Kraus wüsste eine passende Antwort: „Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.“

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Alles ist möglich


Berlin. I love you. Nun entdeckt Hollywood die einstige Mauerstadt. In einem neuen Werk deutsch-amerikanischen Filmschaffens wird der komplette Berlin-Hype der letzten Jahre verrührt. Golden Twenties, Nazis, Kommis, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Flüchtlinge, lange Nächte. Zuvor feierte Babylon Berlin den Mythos Berlin der zwanziger Jahre. Mit Charleston, Ragtime und Swing als Parkettfeger. Dazu Männer mit dicken Zigarren, Frauen an der Stange und jede Menge Glückspieler. Ferner Cabaret, Gigolos und Ganoven.  Allesamt mit Hut oder Bubikopf. Auf alle Fälle voller Testosteron.

Der Trailer zum neuen Berlin-Film. Längst ein Aufreger in den Netzwerken. Motto: So ist Berlin aber nicht…

Aus dem Zwanziger Jahre Babylon Berlin ist nun die brummende Boomtown der heutigen Zehner Jahre geworden. Ein Schlaraffenland  für Investoren, Projektentwickler, Makler, Glücksritter. Die Preise explodieren. Globalisierungsgewinner jubeln. Angestammte Ortsansässige müssen weichen. Auch 45 Jahre treue Mieterschaft zählt nicht. „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.“ So beschreibt der Berliner Vorsitzende des Eigentümerverbandes „Haus & Grund“ kühl den coolen Zeitgeist der neuen Belle Époque.

Alles ist möglich. Der Berliner Alltag bietet weitere vielfältige Höhepunkte. Teure Buden. Überfüllte Bahnen. Überforderte Bürokratie. So wartet ein junges Paar mit einem zwei Wochen alten Baby zwei Mal stundenlang im Amt ohne eine Geburtsurkunde zu bekommen. Am Ende werden die Eltern auf einen Termin acht Wochen später vertröstet. Die Folgen sind fatal. Ohne Geburtsurkunde gibt es in Berlin kein Kindergeld, kein Elterngeld, keinen Kita-Platz. Dafür beträgt die Wartezeit wiederum sechs bis zwölf Monate oder mehr. Apropos Urkunde. In Zeiten massenhaften Zuzuges und ausgepowerten Behörden, die über dem Limit sind, kann eine Sterbeurkunde bis zu sechs Wochen oder länger dauern.

Wenn die U-Bahn mal wieder nicht kommt. Oder der Kontrolleur vor einem steht. Der offizielle BVG-Werbefilm „Is mir egal“.

Behördengänge sind in der einstigen Hauptstadt Preußens dienstags besonders herausfordernd. Da gibt es für Berufstätige verlängerte Öffnungszeiten. Welch ein Glück! Aber behördenintern heißt dieser Tag schlicht Schladi-Tag. „Scheiss langer Dienstag.“ Da sinkt die Laune der Beschäftigten auf den gefühlten Nullpunkt. Rechnen Sie als Bürger mit allem, nur nicht mit rascher Erledigung Ihres Begehrens. Eine interne Anweisung lautet: „Anliegen, welche weitergeleitet werden, erhalten den Status ‚Bearbeitung‘. Nach Eingang der entsprechenden Rückmeldungen erfolgt eine Änderung des Status auf ‚erledigt‘. Eine Qualitätsprüfung erfolgt nicht.“

Natürlich ist im Hollywood-Film alles anders. Da erleben wir wilde Affären, Verwechslungen, ein paar Problemchen und am Ende ein stabiles Happy End. Berlin. I love you. So soll es sein. Ab Mai in den Kinos. Da ist dann auch das Wetter besser.

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Goldgiganten

Gold macht Menschen süchtig. Möglicherweise mehr als schnelle Autos, teure Reitpferde, schnittige Luxusyachten oder elegante Traumvillen am See. Gold ist seit Jahrtausenden Sinnbild für Macht, Reichtum und Überlegenheit. Gold ist fast überall auf der Welt letzte Sicherheit und eiserne Reserve. Gold kann auch als Zusatzstoff für Lebensmittel verwendet werden. Die schnöde Abkürzung klingt wenig appetitlich E175.

Seit kurzem wissen wir, dass Gold auch als Veredelung für ein schickes Dinner dienen kann. Nichts für Genießer aber geeignet für Menschen, die Aufmerksamkeit brauchen: Schaut mal, ich kann mir das leisten. Motto: Lieber Goldsteaks als Goldbroiler. Für alle Nachgeborenen: Goldbroiler war die DDR-Variante des Masthänchens, nur ohne Blattgold. Fußball-Millionär Franck Ribery, kurz vor dem aktiven Ruhestand, erfüllte sich einen Traum. Und wusste genau: Gold glänzt nicht ohne Licht.  Deshalb postete er munter sein Prachtstück in die Welt hinaus.

Gold machte auch einen Berliner Wachmann glücklich. Von einem Tag auf den anderen konnte er sich ein 11.000 Euro feines Goldkettchen leisten – trotz seines schmalen Security-Verdienstes. So lebte er stolz den Traum vom goldenen Schlaraffenland. Schaut her, ich bin ein goldener Prinz. Dummerweise lenkte sein Kettchen pfiffige Ermittler auf eine heiße Spur. Sie führte schnurstracks zu den Goldräubern von der Berliner Museumsinsel. Jener Wachmann hatte im Frühjahr 2017 der Diebesbande Tipps geliefert, wie und wo die größte Goldmünze der Welt am leichtesten ihren Besitzer wechseln kann.

1 oz Maple Leaf Gold.

Der spektakuläre Raub der Zwei-Zentner-schweren Münze mit dem schönen Namen Big Maple Leaf (Großes Ahornblatt) flog auf. Das kleine Kettchen ist ein glänzendes Detail beim wohl größten Goldraub der letzten Jahre. Die jungen Räuber, die allesamt einem geschäftstüchtigen arabischen Clan angehören, sitzen derzeit auf der Anklagebank.

Doch ihre eroberte und mühsam weggekarrte 100-Kilogramm-schwere Münze – präsentiert in der Ausstellung Goldgiganten – ist und bleibt verschwunden. Ob versteckt, zerteilt oder gar eingeschmolzen, das wissen nur die Räuber selbst. Reden ist Silber. Schweigen ist Gold. Und doch: Das Goldstück hat ein Stück seines Glanzes verloren. Denn das weiß nun ein jeder Glückssucher – ob Fußballer, Wachmann oder Clanmitglied: Gold glänzt nicht ohne Licht.

Gold glänzt nicht ohne Licht. Eine Interpretation von Cynthia Nickschas.
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Nach Hause

Steig herunter von deinem Thron. Jemand muss sich ändern. Du bist der Grund, warum ich so lange gewartet habe. Jemand hält den Schlüssel. Ich bin fast am Ende und habe nicht mehr viel Zeit. Ich bin betrunken und kann meinen Heimweg nicht finden. – „Herrlich!“ begeisterte sich das Kultblatt Rolling Stone im Sommer 1969, als Blind Faith ihren Song Can´t find my way home veröffentlichte. Ein zeitlos aktuelle Ballade mit dem Zeug zum Klassiker – vor genau vierzig Jahre in die Umlaufbahn gebracht.

Die Urfassung von 1969.

Blind Faith. Das waren Eric Clapton, Steve Winwood, Ginger Baker und Rick Grech. Ende der Sechziger gründeten sie – musikalisch gesehen – eine Eintagesfliege. Die Vier hielten es nicht lange miteinander aus. Nach exakt einer Tournee und vier Monaten war wieder Schluss. Die Nachfolger der legendären Cream gingen getrennt nach Hause. Eine einzige Platte hinterließen sie. Darunter die Ballade vom einsamen Trinker Can´t find my way the home von Steve Winwood.

Auch Joe Cocker fand den Weg nicht nach Hause.

Das Trinker-Lied wurde in den letzten vier Jahrzehnten vielfach interpretiert, durchgeschüttelt und neu  arrangiert. Viele versuchten sich daran. Von Gilberto Gil über Joe Cocker bis zu Sneaker Pimps. 2007 tourten Eric Clapton und Steve Winwood durch die großen Konzertsäle der Welt. Ihre Live-Version mag ich sehr. Ebenso wie die Fassung der wunderbaren, leider in Deutschland nahezu unbekannten Rachael Price. Lass uns nach Hause gehen. Wer hält den Schlüssel in der Hand?

Eine großartige
Live-Version von Rachael Price.

Can’t Find My Way Home

Come down off your throne and leave your body alone
Somebody must change
You are the reason I’ve been waiting so long
Somebody holds the key

But I’m near the end and I just ain’t got the time, oh no
And I’m wasted and I can’t find my way home

Come down on your own and leave your body at home
Somebody must change
You are the reason I’ve been waiting all these years
Somebody holds the key.

Der Klassiker Steve Windwood und Eric Clapton im Madison Square Garden. NYC.
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„Familienabend“ 4. und letzter Teil

Folge 4:

„Ich fange so langsam an, die liebe Verwandtschaft zu hassen. Letzten zum Beispiel fing Karls Frau an, ob Paul nicht mal ihr Wohnzimmerfenster putzen könne. Sie hätte gar nicht mehr die Kraft dazu.“ Wolfgangs Mutter machte nach, wie gebrechlich ihre Schwägerin plötzlich tat. Selbst ihre Stimme piepste nur noch. „Ist das nicht eine Frechheit? Mein Mann ist selbst alt, schließlich lassen sie nur Rentner, na oder Stasi- bzw. Außenhandelsleute rüber. Da bildet die sich ein, Paul könne ihren Dienstbolzen machen. Ich habe sofort gesagt: Komm Paul, wir gehen! Was denkst Du, wie sich Dein Bruder aufgeregt hat. Wir sollen um Gottes Willen bleiben, seine Frau ist nicht mehr ganz normal. Das dürfe sie nie wieder tun usw.“

„Ich gebe Dir  nächstes Mal einen Eimer Wasser mit“, versuchte Karin zu ulken. Aber der Witz kam nicht an. „Na Scherz beiseite“, lenkte sie ein. „Wir haben im Urlaub auch mal einen kennengelernt, der eigentlich durch und durch Nazi war. Abends beim Skat, als er etliche Bier heruntergekippt hatte und er nicht mehr klar sehen konnte, fing er an Nazilieder zu singen. Und ihm gegenüber saß ein Skatbruder, der für jeden Halbblinden sichtbar sein Parteiabzeichen dran hatte. Aber der hat nichts gesagt, wollte wohl keinen Ärger machen. Worauf ich eigentlich hinaus will, ist folgendes: Dieser Mann, wie gesagt Ex-Nazi heute noch, erzählte mit leuchtenden Augen, das er singend und stolz lieber heute als morgen mit der roten Fahne in Westberlin einmarschieren würde. Dann beteuerte er zehnmal, dass dieser Tag kommt. Daran kann man sehen, wie auch dieser Mann bereits von den Westlern gedemütigt worden sein muss. Ich kenne viele, die denen drüben den Sozialismus gönnen, obwohl sie ihn selbst nicht lieben. So etwas kommt nicht von ungefähr. Wenn man es genau betrachtet, sind die Einzigen, die sich hin und wieder für uns einsetzen, die CDU/CSU-Politiker.“

Ein „Späti“ in der DDR. Alltag im Land der „kleinen Leute“. Foto: Jürgen Hohmuth

Wolfgangs Vater winkte ab, als wollte er sagen: Euch ist nicht zu helfen. Dann kramte er im Zeitungsständer, nahm sich eine „Berliner Zeitung“ heraus und ignorierte die weitere Unterhaltung. Nur hin und wieder, wenn er einen Schluck Kaffee trank, sagte er spöttisch: „Hm, Westkaffee!“

Das Drehbuch für die Gerichtsverhandlung am 14. März 1980 gegen das Ehepaar R. Minister Mielke zeichnete das Papier ab. Wilma erhielt sieben Jahre Haft. Vier Jahre und zwei Monate verbüßte sie. Ihre Texte blieben bis heute unveröffentlicht. Quelle: MfS/BSTU

Wolfgangs Mutter machte ihrem Sohn und der Schwiegertochter mit Zeichensprache verständlich, sie sollten den Opa in Ruhe lassen. Sie wollte nicht, dass er sich ärgere. Derartige Debatten führten nie zu etwas in der Familie. Allmählich merkte Jörg, dass er auch wieder zu Wort kommen durfte. Alle tranken etwas, nur er saß trocken. Seine Oma erlaubte ihm, sich eine Brause aus der Speisekammer zu holen. Ins Zimmer zurückgekehrt, erläuterte der Junge ihr die Hälfte aller Bilder seines Asterix-Heftes. Es kostete sie einige Mühe, ihm bei seiner sprudelnden Erzählung geduldig zuzuhören.

Als sie endlich wieder mit ihrem Mann allein war, nahm sie ihre Tabletten. Die Herzschmerzen setzten ihr zu.“ ENDE

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht. Wilma lebt heute zurückgezogen im Ostteil Berlins.

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„Familienabend“ Teil 3

Folge 3:

Das Radio dudelte gerade: „Geht es rundherum auf dieser Erde…“ „Bloß nicht für uns“, murmelte Wolfgang. Er langte nach seiner Tasse. Der Kaffee war allerdings noch zu heiß. Er stellte die Tasse wieder ab. Dann griff er noch einmal das Kreditthema auf: „Dass die drüben unserem Staat Kredite einräumen, und zwar gern, ist doch logisch.  Hier bürgt der Staat und nicht irgendeine Firma für die Rückzahlung des Geldes. Eine sicherere Anlage können die gar nicht haben.“

„Familienabend“ ist Teil der Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft aus den siebziger Jahren der DDR. Autorin Wilma R. bot sie einem West-Korrespondenten an. 1980 wurde sie zu sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ verurteilt.

„Sag mal“, wurde jetzt sein Vater gesprächiger, „Du glaubst wohl deren Gerede drüben, wie sie für mehr Menschlichkeit sind. Was denkst Du, warum die sich noch nie dafür eingesetzt haben, mit unserer Regierung Verträge abzuschließen, dass jeder DDR-Bürger auch eine bestimmte Menge unseres Geldes drüben in Westmark umtauschen kann, wenn er in das Gebiet einreist? Das werde ich Dir sagen, weil die nicht das geringste Interesse an uns haben, die quatschen lediglich. Oder denk mal daran, wie Du Dich geärgert hast, als die SPD anfing, davon zu reden, dass man auch über die Staatsbürgerschaftsfrage mit der DDR sprechen könne!

Ich sage Dir, für einen Wahlerfolg oder irgendwas Ähnliches verkaufen die Deine Staatsbürgerschaft und pfeifen auf ihr so hoch geheiligtes Grundgesetz und vor allem auf Dich. Das ist denen höchstens lieb, wenn Du dann bei einer eventuellen Reise durch Westdeutschland rausgeschmissen werden kannst, weil Du vielleicht dableiben wolltest. Ich weiß wirklich nicht, was Du an denen findest?“

Familie Kraft lebt in den siebziger Jahren in Ost-Berlin. Die Großeltern sind auf West-Reise bei den lieben Verwandten in West-Berlin.

Wolfgang sah seinen Vater an. So lange Vorträge hielt er sonst nicht. „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich an denen was finde. Wenn ich ehrlich bin, wüsste ich nicht genau, wen ich drüben wählen sollte, die SPD jedenfalls nicht.“

Auch Witze über den beliebten DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn werden protokolliert. Aus der Observationsakte Wilma R. Quelle: MfS/BSTU.

„Na vielleicht die anderen Fritzen von der CDU!“ fuhr ihn sein Vater an. „Diese Gauner, die nur die Interessen der Kapitalisten vertreten! Ich habe noch sehr gut im Gedächtnis, wie sie im Westen damals Stacheldraht an die DDR verkauft haben, um dabei zu helfen, uns hier einzuzäunen. Denen ist doch alles recht, wenn sie nur viel verdienen können. Die verkaufen ihre eigene Mutter, wenn`s sein muss.“

„Halt mal Vater, die CDU hat doch keinen Stacheldraht verkauft!“ „Ich habe auch nicht die CDU gemeint, sondern gesagt, dass die Interessen auch der Stacheldrahtverkäufer von der CDU wahrgenommen werden.“

Wilma wird observiert. Ost-Berlin. Oranienburgerstraße. 1978. Quelle: MfS/BSTU.

„Im Grunde ist es schon so“, meldet sich Wolfgangs Mutter zu Wort, „die wollen uns alle nicht, die drüben. Das fängt bei der lieben Verwandtschaft an. Die ärgern sich, wenn wir hier unsere Wohnung schön einrichten, zu allem Überfluss noch einen Garten leisten können. Dabei sind sie ohnehin der Meinung, viel mehr wert zu sein, weil sie im Westen leben. Für die existiert die Mauer nicht. Wir können zwar dreißig Tage rüber, aber dann sind wir dort völlig mittellos. Du kannst hier zig Tausende besitzen, Du darfst ja nichts mitnehmen. Und das genießen die Westler so richtig. Sie spielen den großen Gönner, wenn Du eine Nacht bei ihnen Dir das Begrüßungsgeld erschlafen darfst. Ich würde das keine zweite Nacht ertragen. Ich finde, die erreichen mit dieser Maßnahme, die bestimmt dazu gedacht war, dass die Verwandten besser in Kontakt bleiben, eher das Gegenteil.“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

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„Familienabend“ – Teil 2

Folge 2:

„Ich gehe gerne zur Arbeit“, murmelte Jörgs Opa. Ich kann Dich schon verstehen“, sagte Karin, „nicht nur weil Dein Vater Kommunist war, denkst Du so. Ich freue mich genauso wenig wie Du, wenn Kapitalisten auf Knochen der Arbeiter reicher und reicher werden. Aber Du siehst doch, dass es dort besser funktioniert. Natürlich müssen die Arbeiter starke Gewerkschaften haben, sonst macht man mit ihnen, was man will. In de Punkt gebe ich sogar den Klassikern des Marxismus-Leninismus recht, dass die einzige Waffe der Arbeiter ihre Organisation ist.“

„Mein Gott, wir haben doch auch etwas geschafft!“ schimpfte der Opa. „Ja auch, aber eben weniger. Obwohl wir hier nicht fauler sind als drüben die Leute. Was denkst Du den denn, warum wir nicht mal nach dem Westen Können? Ich glaube kaum, dass Dein Vater sich hätte träumen lassen“, hielt ihm Wolfgang entgegen.

„Ich koche mal `nen Kaffee – aus dem Westen – für uns alle.“ Mit diesen Worten erhob sich Wolfgangs Vater und ging in die Küche. Dieses „aus dem Westen“ hatte er recht spöttisch in die Länge gezogen. Er hatte keine Lust, tiefsinnige Diskussionen mitzumachen. „Ach, lasst uns in Ruhe“, bat Wolfgangs Mutter. „Er meint`s ehrlich. Der ist zu alt, um sich noch zu ändern. Ein bisschen sieht er seinen Irrtum schon ein – wenn wir nicht alleine sind. Mir zuliebe würde er sogar rüberziehen. Aber ich hänge eben auch zu sehr an allem hier.“

Karin wusste, was sie speziell meinte. Sie konnte dann ihre Söhne und Enkel nicht mehr so oft sehen, vor allem konnten sie dann nicht zu ihr. „Sag mal Mutter, Du siehst heute nicht gut aus, hast Du überhaupt richtig geschlafen?“ wollte Wolfgang wissen.

Immer auf Posten. Firma „Horch und Guck“ im Einsatz.

„Kaum. Die Doppelbettcoach, die Pauls Bruder im Wohnzimmer stehen hat, schafft mich jedesmal. Vor allem schnarcht Dein Vater meist entsetzlich. Hier höre ich das nicht, hier liegt jeder in seinem Zimmer. Aber dort! Was macht man nicht alles, um diese lumpigen dreißig Westmark zu bekommen. Wenigstens eine Nacht musst Du da geschlafen haben, das ist es ja. Vor allem ist es so deprimierend, erst stehst Du danach an und dann reichen sie Dir das, als wenn Du ihnen die Füße küssen müsstest. Vielleicht sind das gerade solche, die früher massenweise aus dem Osten rausgeschleppt haben! Ich weiß, wie das Karl gemacht hat. Der hat heute noch seinen Oststaubsauger. Wenn ich nicht so schon immer genug zittern würde bis wir endlich durch die Grenze sind, dann würde ich was auf die dreißig Piepen pfeifen und mir drüben unser Geld umtauschen. Aber ich kann`s einfach nicht, ich hab nicht die Nerven dazu.“

Wolfgangs Mutter stützte ihren Kopf mit der rechten Hand. Sie wirkte matt. Der Opa kam mit den Tassen ins Zimmer. Hinter ihm, total aufgeregt, stürzte Jörg auf seine `Großmutter zu. Er wollte ihr alle Bilder und Texte zeigen, die ihm besonders gut gefallen hatten. Und das waren so fast alle. Wolfgang und Karin versuchten, ihn zu beruhigen. Er war total aus dem Häuschen, dabei brauchte die Oma wirklich ihre Ruhe.

„Sollen wir lieber gehen?“, fragte Karin vorsichtig. „Nein, nein! Habe ich Euch zu viel vorgejammert?! Beeilte sich Wolfgangs Mutter zu sagen. Jörg bekam striktes Redeverbot. Er zog sich in eine Ecke zurück, um das Heft einmal zu lesen. Seine Ohren leuchteten rot.


Wilmas Texte wurden vom Ministerium für Staatssicherheit eingehend begutachtet und „feindlich-negativ“ eingeschätzt.

Kurz danach kam Karins Schwiegervater mit dem „Westkaffee“. „Kaffee ist drüben auch wieder teurer geworden. Es wird überhaupt dauernd  alles teurer. Aber unser sogenanntes Begrüßungsgeld bleibt in der gleichen Höhe. Die Regierung drüben hat im Prinzip auch nur fromme Worte übrig, denen ist das egal, ob wir oder Jüngere rüberkommen können. Genaugenommen sind wir denen nur lästig. Die sind zufrieden, dass es die Mauer gibt. Unsere Probleme interessieren die gar nicht. Statt auf Menschenrechtsverletzungen bei uns mit wirtschaftlichem Druck zu reagieren, da geben sie denen hier einen Kredit nach dem anderen. Damit unsere Herren hier und im Ausland genug repräsentieren können. Habt Ihr das gestern Abend im Fernsehen gesehen? Wolfgangs Mutter war über ihren Besuch im Westen gar nicht besonders froh. Nur, das bei ihren Enkelkindern zu gern einen Wunsch erfüllte.

„Da fällt mir ein, was ein Kollege neulich zu dem neuen Kredit der Bundesrepublik an uns gesagt hat.“ Karin musste lächeln, dann äffte sie eine knarrige Stimme nach. „Tja, schadet euch rar nichts, dass wir euch wieder einen Kredit gegeben haben. Nun ist der Geldsack, den ihr schleppen müsst, noch dicker und schwerer geworden, hä, hä!“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

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„Familienabend“

Folge 1:

„Jörg, der für gewöhnlich bei seinen Schulaufgaben mindestens zehn Träume einschob, war flink fertig geworden. Heute Abend wollten sie zur Oma gehen, die gemeinsam mit Opa zwei Tage „drüben“ in Westberlin gewesen war. Er hatte sich ein „Asterix-Heft“ bestellt und war nun schon seit Tagen gespannt, ob sein Wunsch erfüllt würde. Gleich nachdem Karin und Wolfgang nach Hause gekommen waren, drängelte der Junge unentwegt, dass sie losgehen sollten.

 Bei der Großmutter angekommen, konnte er überglücklich seinen „Asterix“ in Empfang nehmen. Er zog sich in die Küche zurück und war für niemand zu sprechen.

„Familienabend“ gehört zur Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft, die sich Ende der siebziger Jahre dem DDR-Alltag stellt. Der Autorin Wilma R. wurden ihre Geschichten zum Verhängnis. Sie erhielt 1980 sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“,

Wolfgangs Mutter sah schlecht aus. Der Besuch musste anstrengend gewesen sein. Karin und Wolfgang fragten sie, wie es ihnen gefallen habe. Wolfgangs Mutter winkte ab: „Im Grunde ist es fruchtbar. Das fängt hier schon an, wenn sie einen mit fünfzehn Westmark für die dreißig möglichen Reisetage abspeisen.“ Wolfgang warf ein: „Das sind fünfzig Pfennig pro Tag, unser Geld darfst du ja nicht mitnehmen, sehr großzügig!“

„Ja, und so fühlst Du Dich dann auch – wie ein Bettler. An der Grenze werden wir abgefertigt, das kann man kaum beschreiben“, fuhr seine Mutter fort. „Ich mach doch mal das Radio an. Es ist so hellhörig bei uns. – Einen Ton schlagen die gegenüber uns alten Leuten an, sagenhaft. Da stehen nun einige und zittern schon vor Aufregung und dann werden sie fast nochgestukt. (Berlinisch: einen kleinen Stoß/Stups versetzen)

Die Ost-Berlinerin Wilma geriet schnell ins Visier des MfS. Die federführende Abteilung II/13 überwachte West-Journalisten in der Hauptstadt der DDR. Wilma wurde als sogenannte „Anläuferin“ registiert und „bearbeitet“.

Ich würde mich nicht wundern, wenn mal einer umkippt und stirbt. Ich bin jedenfalls fix und fertig, wenn wir durch sind. Dann kommst Du drüben an und bist den ganzen Tag ein Gefangener in der Wohnungvon Karl.“ Karl war der Schwager, also der Bruder von Jörgs Opa.

„Ich habe nichts gegen Karl und seine Frau, aber wir würden ganz gern, nachdem wir uns ein bisschen erholt haben, mal allein durch die Geschäfte gehen. Das erlauben die einfach nicht. Wisst Ihr, wenn die mitzuckeln, wird jede Mark, die Du ausgibst beobachtet und dauernd werden Gegenvorschläge unterbreitet. Also hocken wir den ganzen Tag bei denen oben. Ich meine, unser Essen bringen wir ja mit. Ich mache uns hier noch Fleisch und einiges anderes zurecht. Dass lass ich mir nicht nachsagen, dass ich mich durchfuttern komme. Meist essen die noch mit uns und erzählen mir dauernd: „Hilde, die Du das Fleisch zubereitest, das schmeckt ja wunderbar!“ Ich habe mich inzwischen mit der Menge darauf eingestellt. Dafür geben sie mir Bananenoder irgendwas anderes, was ich mit der Galle vertrage.“

Wilma wollte ihre Texte veröffentlichen. Da sie in der DDR keine Chance sah, nahm sie Kontakt zum „Feindsender“ ZDF auf. Das galt nach DDR-Recht als „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“.

Wolfgangs Vater kam ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel. „Na, Opa hat´s Dir gefallen?“, fragte ihn Karin. „Ach, na ja. Bei denen ist auch nicht alles so.“ Damit klappte ihr Schwiegervater den Mund wieder zu. Sehr gesprächig war er nie.


Wolfgangs Mutter schüttelte mit dem Kopf. „Du bist ulkig, Paul. Natürlich ist bei denen drüben nicht nur alles schön und rosig, aber sieh mal, welche Rente Dein Bruder bekommt und welche Du. Dabei hast Du Dein Leben lang schwere Arbeit getan und früher auch immer mehr verdient als er, hier bei uns haben sie Dich nur ausgenutzt. Wenn Du drüben gearbeitet hättest mit Deiner Bärenkraft, was hättest Du verdienen können! Aber Du warst Deiner inneren Einstellung treu, hast hier geschuftet. Hast Du dafür jemals einen Dank bekommen? Hat Dein Betrieb, der Dich zwar hundertmal für die Partei zu werben versucht hat, einen Finger krumm gemacht, als Du gesagt hast, Du kannst die vier Treppen nicht mehr jeden Tag laufen, Du hättest gerne eine andere Wohnung? Klar, drüben würde ein Kapitalist Dich ausnutzen, aber Du bekommst wenigsten was für Dein Geld. Hier musst Du als Rentner so hart arbeiten gehen, damit wir uns einigermaßen etwas leisten können.“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.