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Umsteuern

„Ich bin Millionärin, besteuert mich endlich“, fordert Marlene Engelhorn. „Ich habe für mein künftiges Erbe nichts geleistet.“ Marlene ist 29 Jahre alt und wird ein zweistelliges Millionenerbe antreten können. Damit hätte sie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt. Ein sorgenfreies Leben, eine rosige Zukunft. Die Studentin gehört zur unbeschwerten Wohlstandsgeneration, auf die ein bedingungsloses Erbeneinkommen wartet. Doch die Enkelin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn drängt auf eine „dauerhafte Vermögenssteuer für die Reichsten“. Sie will ihr Geld nicht spenden, sondern „angemessen“ Steuern zahlen. „Ich will mein Geld für das Gemeinwohl des Landes geben!“ Ein Rich Kid, das die Klappe aufreißt, titelt abschätzig das US-Wirtschaftsmagazin Forbes. Was will Marlene Engelhorn wirklich? Die Welt umsteuern und dadurch retten?

 

BASF-Erbin Marlene Engelhorn will eine Reichensteuer. Screenshot: ORF2

 

Bereits im letzten Sommer hatte Engelhorn die Initiative #taxmenow gegründet. In diesen Tagen beteiligte sich die BASF-Erbin an einem weiteren offenen Brief. Das Schreiben der US-amerikanischen „Patriotic Millionaires“ (Patriotische Millionäre), der „Millionaires for Humanity“ (Millionäre für die Menschheit) und ihrer Initiative „Tax me now“ (Besteuert mich jetzt) ist an die Wohlhabenden auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos adressiert. 102 Mitglieder aus dem Club der Reichen sagen: „Als Millionäre wissen wir, dass das derzeitige Steuersystem nicht fair ist“. In der Pandemie sei „unser Vermögen gewachsen, obwohl die Welt in den letzten zwei Jahren ein immenses Leid durchgemacht hat“. Mäzenatentum à la Bill und Melinda Gates reiche nicht mehr aus, es brauche eine verbindliche Besteuerung, „um die Welt gerechter zu machen“. So weit, so klar.

 

 

Doch der Appell der 102 Reichen für eine Reichensteuer an die Davos-Elite ist im Nachrichtenstrom versickert. Außerdem wurde das Weltwirtschaftsforum wegen der Pandemie auf Mai 2022 verschoben. Verpufft der gut gemeinte Vorstoß? Die Initiative Taxmenow will keine falschen Hoffnungen wecken. Ziel sei nicht zu spenden oder karitativ unterwegs zu sein. Die Website weist ausdrücklich darauf hin, dass „Anfragen zu Spenden oder Projektförderungen“ nicht beantwortet werden. Die Initiative wolle strukturelle Veränderungen“ und sich „für die Verteilungs- und Steuergerechtigkeit“ einsetzen.

Höhere Steuern für Reiche? Utopien für Spinner oder für Realisten? Tatsächlich hatte selbst einmal die USA einen Spitzensteuersatz von 70%. Das Land brach keineswegs zusammen. Das war in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter dem republikanischen US-Präsident Eisenhower, so der Historiker Rutger Bregman. Er sorgte auf dem Weltwirtschaftsforum 2019 – also vor dem weltweiten Covid-Ausbruch – für Furore. Der 33-jährige Niederländer forderte höhere Steuern für die Reichen. Alles andere wäre, als ob eine Konferenz für Feuerwehrleute über alles spricht, nur nicht über Wasser zum Löschen. Seine Brandrede wurde millionenfach angeklickt. Die Wirtschaftselite nahm seine Thesen zur Kenntnis und ging zur Tagesordnung über. Übrigens: Das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums findet nun vom 22. bis 26. Mai in Davos statt. Das Motto: „Working Together, Restoring Trust“. Vertrauen wiederherstellen ist ein schönes Versprechen. Echte Taten wären besser.

 

Rutger Bregman in Davos 2019.

 

 

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„Grundlos vergnügt“

Alles war schon einmal da. Krisen, Epidemien, eine selbstverliebte Elite, verbitterte Abgehängte. Das Leben kennt kein Pardon. Siege und Niederlagen liegen oft nur einen Wimpernschlag entfernt. Genauso Hoffnungen und Hilflosigkeit, Euphorie und Enttäuschungen. Alles kommt wieder. Vor hundert Jahren wie heute. Seien wir also „sozusagen grundlos vergnügt“. Das meint eine kleine, quirlige Frau mit Witz und Esprit, die Ende der „Goldenen Zwanziger“ die Berliner Welt im Vorübergehen entdeckt, erobert und elektrisiert hat. Sie heißt Golda Malka Aufen. Besser bekannt unter dem Künstlernamen Mascha Kaléko. Ihr Motto: Ich schaue mir die Welt an, solange es sie noch gibt. Magisch zieht sie Träumer, Abenteurer und Idealisten an. Ihre Gedichte sind wie Eispickel, die einen zugefrorenen See spielend leicht knacken. Was sie nicht ertragen kann: Träumer, die nur reden, aber keinen tropfenden Wasserhahn reparieren können. Oder Kerle, die beim ersten größeren Problem weglaufen.

Sozusagen grundlos vergnügtRezitation: Carmen-Maja Antoni.

 

Mascha Kaléko starb zurückgezogen und vergessen in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Heutzutage wird die Berlinerin mit Geburtsort im galizischen Chrzanóv in Literaturkreisen gefeiert. Die heiter-zarte Melancholikerin hat viele Fans. Diese Großstadtlerche, die unbekümmert ihr Leben in vollen Zügen genoss. Eine Kostprobe? – Was, bitteschön? Das ist wohl nicht mehr als eine kurze Affäre. Warum eigentlich nicht, überlegt sie und schläft zuhause federleicht ein. Neben ihrem Ehemann. So beschreibt Florian Illies Mascha in seinem Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“.

Gedichte gelten als altmodisch, nicht Instagram-kompatibel. Doch sie können mitten ins Herz treffen. Wer sich Zeit und Geduld nimmt, wird belohnt. Und wie! Auf geht´s. Auf dieser Seite nun Mascha Kaléko. Mit zwei kurzen Texten zum Hören, Träumen, Genießen und Entdecken.

 

Kompliziertes Innenleben. Rezitation: Elke Heidenreich

 

Mascha verlebte in Berlin eine überwiegend heiter-unbeschwerte Jugend. Sie probierte sich aus, provozierte, begeisterte ihr Publikum. Als die Nazis an die Macht kamen, war sie 26 Jahre alt. Ihre Texte wurden 1935 als „schädliche und unerwünschte Schriften“ verboten. Sie konnte rechtzeitig in die USA emigrieren. Nach dem Krieg sollte sie 1960 in der Stadt ihrer hoffnungsfrohen Blüte den „Fontane-Preis“ der Akademie der Künste erhalten. Als sie im Mai 1959 erfuhr, dass ein früherer SS-Standartenführer in der Jury saß, lehnte sie die Nominierung ab. Die Akademie beschwichtigte und stufte dessen SS-Zeit als Jugendtorheit ein. Außerdem wurde ihr mitgeteilt, „wenn es „den Emigranten nicht gefalle, wie wir hier die Dinge handhaben,“ sollten sie fortbleiben. Nach diesem verbalen Fußtritt zog sie mit ihrem Mann nach Israel. Dort aber fehlte ihr die deutsche Sprache wie die Luft zum Atmen.

Ein letztes Mal überlegte Mascha Mitte der siebziger Jahre nach (West) Berlin zurückzukehren. Dazu kam es nicht mehr.  Sie erlag in Zürich einem Krebsleiden, gut ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Maschas letzte Ruhestätte ist auf dem Jüdischen Friedhof in Zürich zu finden. Ihre Gedichte aber bleiben und sind lebendiger als je zuvor.

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Kunst auf Bewährung

Dezember 2018. Port Talbot in Wales. Plötzlich war der kleine Junge mit dem Schlitten da. Mit seiner Zunge versucht er ein paar Schneeflocken zu fangen. Doch er schnappt vergeblich. Es ist ein Ascheregen, der aus einer brennenden Mülltonne entweicht. Ein Grafitto auf einer Garagenwand. Season`s Greetings. Ein Weihnachtsgruß für die hart arbeitenden Malocher im walisischen Port Talbot. Eigentlich nicht der Rede wert, aber das Bild trägt die Handschrift des Kultkünstlers Banksy. Der Streetart-Sprayer bekannte sich zu seinem Werk. Das veränderte alles. Die Menschen pilgerten aus nah und fern nach Port Talbot. Freiwillig. Zur grauen Garage von Ian Lewis, der nebenan im größten Stahlwerk des Vereinten Königsreichs schuftet. So fiel ein wenig Glanz in die Arbeitersiedlung. Das Garagen-Graffito wurde zur Touristenattraktion.

 

Der Schneejunge. Banksy in Port Talbot, Wales. „Season´s Greetings“ auf der Garage von Stahlarbeiter Ian Lewis. Der Kunstmarkt spielte darauf verrückt. Foto: Wikipedia

 

Rasch erkannte der einheimische Galerist John Brandler seine Chance. Er kaufte den Schneejungen und ließ die besprühte Garagenwand in eine Halle der Stadt transportieren, um Banksy stolz einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Die digitalen Kunstjäger entdeckten das Werk und trieben den Wert des ausgestellten Wandgemäldes auf die stattliche Summe von einer halben Million Pfund (rund 600.000 Euro). Ende 2021 sollte der kleine Junge auf Ian Lewis-Stahlarbeitergarage nach London verkauft werden. Big Business. Banksy macht´s möglich. Das wurde dem 42-jährigen Einheimischen Michael Thomas zu viel. Er versuchte im vergangenen November den Deal auf seine Art zu stoppen. Thomas plante das Kunstwerk mit weißer Farbe zu übersprühen.

 

 

„Kunst ist für uns alle“, rief er. „Sie nehmen es weg, ein reicher Mann hat es.“ Der Banksy-Liebhaber wurde festgenommen. Er scheiterte mit seinem Versuch, Kunst zu retten, indem er sie zerstört. In der Verhandlung soll es sich der Richter nicht leicht gemacht haben, heißt es. Er hatte zu entscheiden: Gehört Kunst allen? Oder ist ein Banksy-Bild ein Stück Privateigentum? In Instagram-Zeiten eine Frage, die über viel Geld entscheiden kann. Der Richter verurteilte den Banksy-Attentäter schließlich wegen Einbruchs und Sachbeschädigung zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten. In der Begründung meinte er: „Es kann gut sein, dass es nicht in Banksys Sinn war, dass das Gemälde Port Talbot je verlassen sollte.“

 

Wie Graffitis die Welt verändern. Die mausgraue Stahlarbeiterstadt Port Talbot wird zur Touristenattraktion – dank Banksy. Foto: Wales online

 

Was der weltberühmte aber weiter unentdeckte Banksy dazu meint, wissen wir nicht. Bekannt ist nur: Sein Werk Girl with Balloon, das bei einer Auktion öffentlichkeitswirksam geschreddert wurde, vervielfachte seinen Wert – durch den Akt der Zerstörung. Das Mädchen mit dem Ballon erzielte einen Verkaufspreis von 16 Millionen Pfund. Ach, hätte man den 42-jährigen Michael Thomas aus Port Talbot nur sprühen lassen. Vielleicht hätte er mit seiner „Rettet den Schneejungen“-Aktion im Namen der Kunstfreiheit mehr Glück gehabt. Ein neuer Banksy wäre entstanden und damit möglicherweise auch ein neuer Hype. Doch das ist sein Pech. Michael Thomas ist eben nicht Banksy. So muss er nun 12 Wochen elektronische Fußfesseln tragen, 1.200 Euro Schadenersatz zahlen und soll sich außerdem von Spraydosen fernhalten.

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2018 zauberte Banksy die Weihnachtsgrüße an die Garage von Ian Lewis in Port Talbot. Kurz zuvor hatte er bei Sothebys PR-wirksam sein „Girl with a Balloon“ schreddern lassen – mit wertsteigernder Wirkung. „Going, Going, Gone“ nannte er seine Aktion. Die Kunstwelt hyperventilierte. Das zerstörte Bild wurde im Sommer 2021 für 16 Millionen Pfund verkauft.

 

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Fünf Fischer und eine Frau

Eine bescheidene Hütte. Fünf Männer in Arbeitskluft. Auf dem Kopf eine Mütze. An den Wänden Öljacken. An der Tür ein Zeitungsartikel, der Anleitung zur Ersten Hilfe bei Unfällen verspricht. Fünf Fischer haben sich platziert. Männer, die früh rausfahren, hart anpacken und gerade Pause machen. Einer raucht. Ein anderer schaut aus dem Fenster. Ein Dritter hat die Hände zur Raute gelegt, seinen Blick nach innen gerichtet. Der Mann im Vordergrund mit Kapitäns-Mütze scheint etwas erklären zu wollen. Ein paar fahle Sonnenstrahlen fallen in die verrauchte Stube. Jeder scheint seinen Stammplatz zu haben. Fremde fallen hier auf. Was die Männer eint, ist die Tatsache, dass sie die anwesende Frau keines Blickes würdigen. Als wäre sie nicht da. Was will sie? Wer ist sie? Worum geht es? Das Bild gibt keine schnellen Antworten. Das ist das Geheimnis guter Bilder. Sie lassen uns rätseln.

Die Mittdreißigerin mit weißer Leinenbluse, langem Jeansrock und kurzem Haar beobachtet mit gefalteten Händen ein wenig scheu, aber aufmerksam den bärtigen Mann mit Kapitänsmütze, der ihr gegenübersitzt. Der Brigadechef konzentriert sich auf einen imaginären Punkt, leger die Zigarette in der linken Hand, als habe er in diesem Augenblick die Lösung für alle Fischfangfragen gefunden. Das rauchgeschwängerte Bild vom Damenbesuch in karger Hütte wirkt wie ein Historien-Gemälde von Caspar David Friedrich. Anfang November 1990 gelang dem Fotografen Michael Ebner diese einzigartige Momentaufnahme. Das Bild ging um die Welt.

 

Der „Merkel-Schuppen“ von außen. Ort des Besuchs von 1990. Die Fischerhütte von Lobbe wurde 2017 abgerissen.  Foto: Gerit Herold

 

Die junge Frau in der Fischerhütte ist Angela Merkel. Die damals 36-jährige war auf ihrer ersten großen Wahlkampftour. Merkel traf die Brigade in Lobbe auf Rügen. Eine wortkarge, trinkfeste Männerrunde, die auf bessere Zeiten hoffte. Die besten Tage des Fischereikollektivs waren vorbei. So erzählten sie von ihren Sorgen und Problemen, die unbekannte Frau von ihren Ideen und Plänen. Zur Aufmunterung trank die Runde angeblich bis zu fünf Schnäpse. Die junge Frau hielt mit und hörte zu. Das imponierte den schweigsamen Seebären. Sie vertrauten Angela Merkel, so berichteten sie später Reportern, obwohl sie die Frau vorher nicht kannten. Aber sie habe zugehört und mitgetrunken, das sei schon einmal ein Anfang. Außerdem warb sie für den berühmten Herrn Kohl, den Kanzler der Einheit, und der versprach blühende Landschaften.

Was folgte, ist schnell erzählt. Mit der Fischerbrigade ging es im vereinten Deutschland bergab, mit der stillen Zuhörerin umso steiler bergauf. Sie wurde zur mächtigsten Frau des Landes. Berufsfischer in Lobbe gibt es schon lange nicht mehr. Rügen werde zum zweiten Sylt, winkt einer der ehemaligen Fischer heute ab. Längst gebe es mehr Ferienwohnungen als ortsansässige Rüganer. Immerhin besuchte Angela Merkel 2009 die Hütte ein zweites Mal. Sie sprach mit den Fischern, die längst keine mehr waren.

 

Angela Merkel und zwei der einst fünf Fischer. 2009. Foto: Udo Burwitz

 

Und heute? Auch Angela Merkel ist mittlerweile im Ruhestand angelangt wie die Männer aus der Fischerhütte. Ob sie noch einmal vorbeikommt, auf einen Tee vielleicht oder einen Schnaps? Die baufällige Fischerbude würde die Kanzlerin nicht mehr finden. Sie wurde vor wenigen Jahren abgerissen, um Platz für eine schicke Ferienanlage zu schaffen.  „Strandoase“ heißt es hier nun. Das Ende für einen kleinen Ort, den der Volksmund einfach nur den „Merkel-Schuppen“ nannte.

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Auf ein Neues

Es ist für die meisten von uns üblich, zu reisen. Weit weg. Unterwegs zu sein. Rund um den Globus. In ferne Länder, auf andere Kontinente, bis ans Ende der Welt. Es gehört für viele zum Standard, ständig neue Orte, Menschen und Kulturen kennenzulernen. Die letzte Zeit hat uns gelehrt, dass plötzlich alles sehr anders sein kann. Angehaltene Zeit. Ruheloser Stillstand. Nun sehen wir jeden Tag immer wieder dieselben Menschen, Straßen, Plätze und Orte. Die Pandemie hat unseren Radius verkleinert.  Wenn es uns gelingt, diese vertrauten Menschen, Straßen und Häuser auf eine neue Weise zu entdecken, schreibt der norwegische Autor Tomas Espedal, ist dieser veränderte Blick eine ganz neue Art derselbe zu sein.

Ist doch eine Idee.

 

Alles Gute für 2022.

Viele neue Entdeckungen in nah und fern.

 

Für 2022 Glück, Gesundheit und viele gelassene Tage und Stunden.

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Schau mal

Sie reist gerne. Ein Notizblock ist immer dabei. Was ihr unterwegs auffällt, zeichnet sie. Es sind erste Eindrücke und Ideen, die zu Skizzen oder Entwürfen werden. Manche Anregungen werden zu eigenständigen Werken, die meisten landen im Papierkorb. Die Malerin Cornelia Schleime schaut ganz genau hin. Aus ihren Begegnungen werden Bilder, die eine eigene Sprache sprechen. Porträts vor allem. Ihre Bilder sind ein Akt der Verlangsamung. So kann sie festhalten, was sie wirklich spannend oder aufregend findet. Ihre Frauen sind Spiegel einer überreizten und vergnügungssüchtigen gleichwohl erschöpften wie gelangweilten Gesellschaft. Kann eine Künstlerin mit 68 Jahren noch Punk sein? Cornelia Schleime: „Warum nicht? Ich habe mir meine Wut erhalten.“

 

Cornelia Schleime. Drei Schritte und ein Atemzug. 2021

 

Die Ost-Berlinerin lernte Friseurin, jobbte als Pferdepflegerin. Dabei wollte sie mit 17 Jahren Künstlerin werden. Doch die DDR, in der sie aufwuchs, setzte enge Grenzen. So probierte sie sich aus: als Grenzgängerin. Sie war Punkband-Frontfrau, Friedhofwächterin, Aktmodell und Fotografin. Sie studierte Malerei in Dresden, lernte mit 18 Sascha Anderson kennen, der die Ost-Untergrund-Szene anführte und an die Stasi verriet. Seine Freundin Conny gleich mit. Schleime hatte Berufsverbot, als sie mit dreißig das kleine DDR-Land mit dem großen Anspruch verließ. Das war 1984. Sie reiste „mit Sohn Moritz, einem Koffer und einem Federbett“ nach West-Berlin aus. Zurück blieben rund 100 Ölbilder und 1.000 Zeichnungen, die bis heute nicht mehr aufgetaucht sind.

 

Cornelia Schleime. Kalte Schulter II, 2015

Neu anfangen. Sich nichts vorschreiben lassen. Den eigenen Weg gehen. Ihr Motto: „In der Kunst bin ich die Domina“. Sie eckt weiter an, weil der westliche Kunstbetrieb andere, subtile Grenzen kennt. Hier wird eine Fertigkeit verlangt, die im Osten nicht gelernt wurde: Die Kunst der Selbstvermarktung. Sie bereist die Welt, von New York bis Indonesien, von Kenia bis ins Ruppiner Land. Dort lässt sie sich nieder. Mit Hund, Katzen und Nachbarn, die misstrauisch über den Zaun schauen. „Ich bin nicht in der Berliner Szene. Ich bin gerne allein. Ich brauche die Ruhe, damit die Kunst aus mir herauskommt“. Was denken die Dörfler über den zugeflogenen Paradiesvogel? Sie schweigen, aber sie akzeptieren mich, meint Schleime: „Ach. Ich sage, was ich denke. Das verstehen die Leute.“ Und noch etwas fällt ihr auf: „Die Städter geben sich vital, sind aber melancholisch. Die Brandenburger geben sich starrköpfig, sind aber viel schlauer und flexibler.“

 

Cornelia Schleime. Foto: Lena Giovanazzi

 

Cornelia Schleime.Ich sehe was, was ihr nicht seht. 2003.

 

So schreibt sie Geschichten, aus denen ihr fröhliches Kichern, Klappern und Küssen tropft. „Weit fort“, zum Beispiel, ihre Lebensgeschichte als Roman, als Einstieg sehr zu empfehlen. Und sie malt, was das Zeug hält. Auch den Papst, wenn es sein muss. Den polnischen Wojtyla, der an Parkinson litt. Conny Schleime war als junges Mädchen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Sie bleibt sich treu. Nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Porträts erzählen von selbstbewussten, ungebrochenen Menschen, die nicht aufgeben. Der Blick ihrer meist weiblichen Heldinnen ist in die Zukunft gerichtet. Sie schauen uns an: Was wird? Die Antworten sollen wir selbst finden. Cornelia Schleime malt weiter, weil die Kunst ihr Leben ist. So wichtig wie das Licht und unser tägliches Brot.

Cornelia Schleime. Drei Schritte und ein Atemzug. Galerie Schlichtenmaier. Stuttgart. Bis 7. Januar 2022

 

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„Meine ersten 100 Jahre“

Vor kurzem war ein weitgereister, älterer Herr zu Besuch in Wien, in seiner Geburtsstadt. Georg Stefan Troller. Autor, Filmemacher und Weltbürger mit amerikanischem Pass und Wohnsitz in Paris. Sein neues Buch wollte er persönlich vorstellen, das ließ er sich nicht nehmen. Titel: „Meine ersten 100 Jahre“. Natürlich wurde er sofort gefragt, wie sich denn die heutigen Zwanziger Jahre anfühlen. Troller: „Da ich die alten Zwanziger und Dreißiger erlebt habe, bin ich persönlich etwas pessimistisch”, sagte er. “Es kommt wieder eine Zeit, in der die Leute lieber glauben wollen als wissen, sich lieber einer schönen Illusion anheimgeben, als sich der miesen Realität zu stellen.”

 

Georg Stefan Troller. Geboren am 10. Dezember 1921 in Wien. Ein Jahrhundert-Leben.  Foto: Zeit-Online

 

Miese Realität und schöne Illusionen. Troller hat sich stets für beide Seiten interessiert – als Menschenfreund und Menschenfresser, wie er sich einmal nannte. Für seine Fernsehporträts hat er über 2.000 Interviews geführt, mit Herz und Hirn. Troller besuchte die Berühmten des 20. Jahrhunderts, die Stars und Sternchen, die Mächtigen und Eitlen, aber auch Außenseiter und Unangepasste wie einen kriegsversehrten Vietnam-Veteranen oder den Ost-Berliner Schriftsteller Thomas Brasch.

 

 

Troller, 1921 geboren, ist ein waschechtes Wiener Kind. Der Sohn eines Pelzhändlers wächst in einer Metropole der Melancholie auf, der Glanz der alten K.u.K.-Zeit der Habsburger ist verblichen. Jüdisch-spießig beschreibt Troller seine Kindheit. Die Eltern sind ehrgeizig, aus dem Bub soll was werden. Motto: „Tu was für deine Bildung!“ Als die Nazis 1938 Wien übernehmen, kann die Familie in letzter Sekunde nach Frankreich flüchten. Später emigriert Troller in die USA, um als amerikanischer Soldat ins zerstörte Nazi-Reich zurückzukehren. Hassgefühle hegt er nicht, allenfalls Verachtung für diejenigen, die uneinsichtig bleiben.

Das neue Fernsehen der Nachkriegsjahre wird sein Medium. Über ein halbes Jahrhundert sammelt er Geschichten ein. Unbestechlich und mit genauem Blick. Er dreht über 150 Porträtfilme, trifft Romy Schneider oder Woody Allen. Seine Begegnungen sind stets anders, immer ungewöhnlich. Wenn es sein muss, interviewt er Undergroundpoet Charles Bukowski auf dem stillen Örtchen. Oder fängt sich von Boxerlegende Muhammad Ali für sein freches Nachfragen ein paar Hiebe ein. Filmemachen sei für ihn wie eine Therapie gegen Kontaktscheu und das Gefühl, das eigene Leben sei nichts wert. Seine Arbeiten sind zeitlos sehenswert, ein Stück Fernsehgeschichte. Sein Geheimnis? Er hat die Wirklichkeit nicht glattgebügelt, sondern mit Humor und Menschenliebe einen Blick hinter die Oberfläche riskiert, auf das Absurde und das Grundsätzliche.

 

 

Was macht das Leben aus? Er sagt: Die Summe der intensiv erlebten Augenblicke. Troller hat sie eingefangen, wie kein anderer. Nun hat er seine Autobiografie veröffentlicht: „Meine ersten 100 Jahre“. Das passt. Typisch Troller.

 

Georg Stefan Troller in: Zeugen des Jahrhunderts mit Gero von Böhm.  2016

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Zauber des Anfangs

„Ich bin ein Mädchen. Ein Baum in der Sonne. Eine Blume aus dem Himmel. Ich bin eine Botschafterin aus dem Land der Hoffnung. Ein Vogel, der immer singen wird. Ich stehe auf gegen Unterdrückung.“ So heißt der Refrain in einem afghanischen Kinderlied über einen Neuanfang nach Krieg, Chaos und Zerstörung. Es wird nicht mehr gesungen. Der Kinderchor des „Afghanistan National Institute of Music“ ist seit August 2021 verstummt. Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder. So lautet ein deutsches Sprichwort. Doch wer braucht nicht etwas, was einen trägt? Es kann ein Lied sein, das uns Menschenkindern hilft, über uns selbst hinauszuwachsen. Oder eine Idee. Oder einen Moment, der einen herauszieht, aus Angst, Not oder Verzweiflung. Jeder und jede sehnt sich danach – nach einer Berührung, die unsere Seele weckt. Wir brauchen geistige Zugpferde, um zu wachsen. Wir müssen nur beginnen.

Vielleicht hilft ein Gedicht. Es kann auch gesungen werden. Den Auftakt wage ich mit den Stufen von Hermann Hesse und seiner Botschaft vom Zauber des Anfangs. Und vom Herzen, das gesunde. Gewidmet den Mädchen aus der Musikschule von Kabul.

 

 

Stufen. Hermann Hesse. 1941. Geschrieben nach langer Krankheit.

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

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Über November-Wolken

Die Zionskirche in Berlin-Mitte. Abschied von einem Unbeugsamen. Ein Bürgerrechtler der alten Schule hat diese Welt verlassen. Reinhard Schult sein Name, Mitbegründer des Neuen Forum. Es waren mutige Menschen wie er, die konsequent und unbeirrt für die Freiheit des Denkens und die Notwendigkeit der Veränderung stritten, als dieses Land noch eingemauert war. Veränderungen, die auch heute wieder gut tun würden in einer Atmosphäre des Wegschauens und der Selbstbezogenheit. Vom Band erklingen Rio Reiser und Wolf Biermann. Dazu gibt es kluge Reden und warmherzige Worte. Sätze der Anerkennung und des Dankes. Am Ende ertönt in der Kirche ein zartes Lied voller Melancholie: Über den Wolken.

 

 

Reinhard Mey setzt an, hebt ab, startet Richtung Himmel und nimmt uns mit auf eine Reise. Ein Lied, das vor fast fünfzig Jahren auf Vinyl erschien. Als drittes Stück auf der Rückseite einer Langspielplatte. Eher versteckt, fast beiläufig. Doch das Lied nahm Kurs. Bis heute. Nicht wenige summen leise mit. Der Liedermacher ist auch hier bekannt und beliebt. Der „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“-Erfinder gilt als großer Romantiker, als „Rückzugslyriker“ und singender Schwiegersohn. Mit zwölf nahm Mey Klavierunterricht, mit vierzehn kaufte er sich für vierzig Mark seine erste eigene Gitarre. Er vertonte seine Beobachtungen in Alltagsballaden. Vom Zeitgeist wurde der Berliner oft belächelt und gerne unterschätzt. Reinhard Mey will keinem weh tun, hieß es. Ein großer Irrtum. Reinhard Mey wollte, dass zugehört wird. Anfangs zog er mit Hannes Wader durch kleine Clubs und gastierte Mitte der sechziger Jahre auf Liedermacherfestivals, wie dem Folkfestival auf der Burg Waldeck.

Reinhard Mey bewunderte von Jugend an französische Chansons, nannte sich zeitweise Frédéric Mey. Seine ersten Erfolge hatte er in Frankreich. In Deutschland stand er lange unter Schlagerverdacht. Das störte ihn nicht. Mittlerweile hat er über fünfhundert Lieder geschrieben, fast dreißig Alben veröffentlicht. Seine Klassiker sind Songs wie „Ich bin Klempner von Beruf“ oder „Ankomme Freitag den Dreizehnten“.

 

 

 

Nun ist Reinhard Mey 78. Kaum zu glauben, wie frisch und zeitlos seine Lieder klingen. Natürlich könnte er heute nicht mehr mit dröhnenden Motoren bei Wind Nordost auf Startbahn Null-Drei aufsteigen. Kein Benzin dürfte mehr in den Pfützen schwimmen, „schillernd wie ein Regenbogen“.  Geht nicht, wegen der Klimabilanz. Aber dieses Lied lässt sich auch ohne donnernde Kerosinbomber singen. Die besten Entdeckungen machen wir sowieso in unserem Kopf. Wie heißt es doch? „Alle Ängste, alle Sorgen, bleiben dahinter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“.

Als einer der wenigen gelingt es Reinhard Mey bis heute, über Generationen und Schichten hinweg ein großes Publikum zu erreichen. Eine seltene Gabe im Zeitalter der Selbstoptimierung. Und so summen Bürgerbewegte und Trauergäste am Ende der Gedenkfeier fast fröhlich mit. So viel Zustimmung. Überraschung und Freude. So ist das mit Liedern, die das Zeug zur Unsterblichkeit haben. In die Welt getragen von einem Liedermacher der leisen Töne, der uns einlädt auch im tristen November abzuheben.

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Ein weites Feld

Buchhändler Kaspar hat eine Menge erreicht. Er hat seinen Traumjob, ist an der Welt interessiert und wähnt sich in der Regel auf der richtigen Seite. Nur mit seiner Frau, da läuft alles schief. Seine erste große Liebe stirbt früh, an Alkohol, Kummer und Verzweiflung. Die Frau, die der Mann aus dem rheinischen Westen im Osten kennengelernt hatte. Auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte, während eines FDJ-Treffens in den Sechzigern. Birgit, so heißt sie in Bernhard Schlinks neuem Buch „Die Enkelin“, ist strahlend, schlagfertig, einfach anders als die anderen. Nicht ideologisch borniert, sondern offen und neugierig. Er organisiert einen Fluchthelfer. Sie lässt die DDR zurück und ihre Tochter. Das verschweigt sie bis zu ihrem frühen Tode. Kaspar fällt aus allen Wolken. Er macht sich auf die Suche nach der unbekannten Tochter.

 

Die verschwiegene Svenja wächst in einer SED-treuen Familie auf. Auch sie erfährt hier nur ein kurzes Glück. Sie flüchtet wie ihre Mutter. Nicht in den Westen, sie begehrt im Osten auf. Nimmt im Nachwende-Land Drogen, surft in der S-Bahn und verprügelt Menschen, die anders aussehen oder nicht in ihr Weltbild passen. Sie heiratet einen rechten Siedler, zieht zu ihm aufs Land. Sie hält den Holocaust für ein „Wessi-Ding“ und feiert Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess als Märtyrer. Svenja rebelliert nicht aus Sattheit, auch nicht aus Langeweile oder weil es gerade cool ist, sondern weil sie es ernst meint. Die völkischen Eltern nennen ihre gemeinsame Tochter Sigrun. Auch sie ist ein heranwachsendes Mädchen, das stolz ist auf ihr Land und die Tagebücher der Anne Frank für eine Fälschung hält. Sigrun ist die Enkelin des Buchhändlers.

Bernhard Schlink gehört zu den Autoren, die bei ihren erzählerischen Abenteuern in die Abgründe des Alltages aufmerksam in den Rückspiegel schauen. Dort entdeckt er Beunruhigendes. Schon lange kümmert sich der Jurist und Bestseller-Autor („Der Vorleser“) um die Frage, was sich im rechten Spektrum zusammengebraut hat. Die Szene der völkischen Siedler ist ein großes, weites Feld. Es reicht von Impfgegnern über Verschwörungsanhänger bis zu einem militanten rechten Kern, der Gewaltmärsche organisiert und sich auf den Tag X vorbereitet. Die Völkischen haben ihre eigenen Foren und Codes. Bei ihnen heißt es Handtelefon statt Handy, Weltnetz statt Internet. Denn: „Des Volkes Seele lebt in seiner Sprache“. Bei aller Volkstümelei sind sie jedoch vernetzt von Bautzen bis Boston. Von Bologna bis Budapest.

 

Jurist und Autor Bernhard Schlink. „Wiedervereinigung noch nicht vollendet.“ Foto: Diogenes

 

Der Großvater kämpft um die Seele der verlorenen Enkelin. Er will Sigrun zurückgewinnen. Er holt sie vom Land, zeigt ihr seine Buchhändler-Welt. Er setzt auf Bach, Brahms und Beethoven. „Du hast ein Ohr für Musik, Sigrun, und Hände fürs Klavier. Du hast etwas Besonderes, etwas Kostbares – lass die Politik raus.“ Mach was aus deinem Leben, fleht der Mann des Wortes. Das Klavierspiel als Ausstieg aus der Welt der völkischen Siedler mit ihrem Hass und ihren Hakenkreuzen, gepierct am Ohr, getragen bei Gemeinschaftsfeiern unterm wallenden Haar? Es hat etwas Berührendes, wie Schlink seinen Buchhändler auf die Ideale von Goethe und Schiller setzen lässt. Die Aufgabe der Deutschen sei nicht die Entfaltung von Macht und Zerstörung, sondern die Erneuerung und Weiterentwicklung von Kultur. So will er die Enkelin aus dem Reich der rechten Verführer entreißen. Mit Bach und Rilke. Ob das gelingt? Es lohnt sich, dem versierten Erzähler Bernhard Schlink bis zur letzten Zeile zu folgen.

Bernhard Schlink. Die Enkelin. Diogenes.