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„Ich bin der Waffenhändler der Ukraine“

Der Mann ist seit Monaten in aller Munde. Andrij Jaroslawowytsch Melnyk. Ukrainischer Botschafter. 46 Jahre. Die „verbale Panzerhaubitze“ Kiews im Westen. Der gebürtige Lwiwer (Lemberger) studierte Chemie, Jura und Internationale Beziehungen und war während der Maidan-Proteste Aktivist. „Ich war der Fahrer des Maidans“. Der ungewöhnlichste Diplomat auf deutschem Boden sagt über sich selbst: „Ich bin ein moderater Mensch. Kein Radikaler. Ich will Menschen überzeugen. Durch die Kraft des Wortes“.

Dabei versteht Melnyk seine Mission als Abwehrkampf eines überfallenen Landes, das um sein Überleben ringt. In dieser Notwehrsituation – „jede zweite ukrainische Familie ist kriegsbetroffen“ – feuert er seine Verbalattacken auf die Trägheit bundesdeutscher Entscheidungsträger, wie es ihm beliebt. Wie einst Trump twittert er gegen die deutsche Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Einen SPD-Politiker titulierte er als „Arschloch“, den Bundespräsidenten als Russenfreund und Verfasser von Friedensappellen als „pseudo-intellektuelle Versager“, die sich „zum Teufel scheren“ sollten. So viel Trommelfeuer war noch nie – von einem Diplomaten.

 

 

Jetzt legte Andriy Melnyk in einem dreistündigen Gespräch bei jung&naiv nach. Im Viertelstundentakt krachte es: „Alle Russen sind meine Feinde“. „Russland hat ein faschistisches System“. „Putin ist schlimmer als Hitler und Stalin“. „Wir haben Merkel naiv vertraut. Das war ein Fehler“. „Ich bin der Waffenhändler der Ukraine“. „Die Menschen aus der Rüstungsindustrie sind die nettesten Menschen, die ich kennenlernen durfte“. „Bandera war kein Massenmörder“.

 

Stepan Bandera. (1909-1959) Ukrainischer Nationalheld oder Nazi-Kollaborateur? Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Bandera? Ein Name, ein Mythos, ein Streitfall. Wer ist dieser Stepan Bandera? National-Held oder Nazi-Halunke? Der Priestersohn aus Staryj Uhryniw, Ostgalizien wurde 1909 in das zerfallende Habsburger Reich hineingeboren. Seine Jugend erlebte er als Angehöriger der ukrainischen Minderheit im neuen Polen. Der glänzende Redner stieg 1933 zum Prowidnyk, zum Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) auf. Die militante OUN-Bewegung orientierte sich an ihren Vorbildern Hitler und Mussolini. Sie wollten einen unabhängigen, homogenen ukrainischen Staat ohne Juden und Polen. Aus diesem Grund ermordete die OUN 1934 den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki. Bandera wurde verurteilt.

Bandera erklärte, dass im Kampf um die Freiheit der Ukraine „nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden müssen“. Nach dem Hitler-Überfall auf Stalins Sowjetunion sah Bandera seine Stunde gekommen. Er proklamierte am 30. Juni 1941 in Lemberg einen neuen Staat, doch Hitler verweigerte dieser Ukraine die Aufnahme in sein „Neues Europa“. Hitler hatte völlig andere Pläne und ließ ihn verhaften. Bis Herbst 1944 war Bandera Sonderhäftling in Sachsenhausen, allerdings mit Wohnzimmer, Teppich und einer Versorgung, von der andere KZ-Häftlinge nur träumen konnten.

 

Lemberger Pogrom Anfang Juli 1941. Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Die Bilanz von Banderas Freiheitskampf? Seine Milizen töteten im Juli 1941 in Lemberg Zehntausende Juden und im März 1943 rund 100.000 Polen. Zehntausende vertrieben sie aus der Westukraine. Bandera hatte persönlich nichts damit zu tun. Doch die OUN-Milizen, die an Massakern, Deportationen und Vertreibungen beteiligt waren, betrachteten ihn als ihren Prowidnyk, ihren Führer, wie u.a. der polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe in seiner Promotion nachwies.

 

Feierstunde zu Ehren Stepan Banderas in München am 17.10.2009 Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Nach dem II. Weltkrieg setzte sich in der Ukraine der brutale Partisanenkrieg mit mehr als Hunderttausend Todesopfern bis in die 50er Jahre fort. Stepan Bandera unterstützte diesen Kampf aus seinem deutschen Exil. Nach den tödlichen Schüssen durch den KGB-Agenten Bohdan Staschinski am 15. Oktober 1959 in München erreichte der Bandera-Kult neuen Auftrieb. Seit dem Ende der Sowjetunion wurden in der Westukraine 46 Denkmäler für Bandera aufgestellt. In der Ostukraine und besonders im Putin-Russland wird er hingegen als Verräter und Faschist wahrgenommen. Für Botschafter Andrij Melnyk ist der 2010 zum „Helden der Ukraine“ ernannte Lemberger der „Inbegriff des Freiheitskämpfers“. Als eine seiner ersten Amtshandlungen in Deutschland besuchte er im April 2015 dessen Grab im Waldfriedhof von München.

US-Historiker Timothy Snyder in Prag über Stepan Bandera.

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Jenseits der Documenta

Ein Freund von mir ist verzweifelt. In seiner Heimat Äthiopien tobt seit Jahren ein grausamer Krieg. Niemand schaut hin. Er schreibt, allein letzte Woche seien mittlerweile „1.200 Angehörige seines Amhara-Volkes ermordet“ worden. Abgeschlachtet, „erschossen wie Hühner“, schreibt die US-Agentur Associated Press. Ich wusste davon nichts. Immerhin haben zwei österreichische Blätter den Massenmord an Amharas gemeldet. Es soll sich um Mordkommandos der OROMO-Milizen handeln, die offenbar unter Billigung von Premier Abyi Ahmed im bitterarmen Vielvölkerstaat vorgehen. Premier Abyi ist Friedensnobelpreisträger von 2019.

Er galt bisher als Hoffnungsträger, als „der Gorbatschow“ des geschundenen Landes am Horn von Afrika. In Deutschland hat keine einzige große Zeitung diese Meldung abgedruckt. Hierzulande dominierte die Documenta die Schlagzeilen. Der Rest unserer Aufmerksamkeitsökonomie verteilte sich auf Ukraine-Krieg, explodierende Gaspreise, Pandemie, Hitze und Waldbrände. Mein Freund schreibt: „Es ist einfach furchtbar. Zum Heulen. Wir sind … machtlos!“

 

Protest der kleinen Amhara-Community vor dem Berliner Kanzleramt. Er blieb bislang ungehört.

 

Gleichgültigkeit kann auch töten. Völlig klar ist, dass kein Mensch die vielen Krisen der Welt auch nur annähernd wahrnehmen kann. Daher sind immer wieder Mutige erforderlich, die an ihre Aufgabe und an eine sinnvolle Sache im Leben glauben. Es gibt die wunderbare Geschichte von Johann Franck aus der Armeleuteregion Lausitz. Der Gubener liebte seine Heimat und dichtete als Jurist nebenbei Lieder. Die Zeiten, in denen er lebte, waren niederschmetternd. Mitten im Dreißigjährigen Krieg griff er zur Feder. Mitteleuropa war verwüstet. Mehr als Hälfte seiner Zeitgenossen fiel dem Religionskrieg (1618 bis 1648) zum Opfer. Sie wurden abgeschlachtet, vergewaltigt, gerädert oder fielen der Pest anheim. Hobbydichter Franck wollte gegen die Volksverhetzer ein Zeichen setzen. Also dichtete er aus vollem Herzen:

„Trotz dem alten Drachen, trotz des Todes Rachen, trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh“.

Franck gehörte zu den unbeugsamen Menschen, deren Gewissen nicht schwieg. Er handelte in der Überzeugung, dass zu Lebzeiten der Feind des Menschen eben nicht der Tod, sondern das irdische Unrecht ist. Der Choral Jesu meine Freude, das Protest- und Anti-Unrechtlied des längst vergessenen brandenburgischen Dichters Jonathan Franck wurde hundert Jahre später vertont. Kein geringerer als Johann Sebastian Bach nahm sich seinem Aufschrei an. Eine Motette, die seitdem millionenfach erklungen ist.

 

 

Mein Freund aus Äthiopien ist gläubiger Christ. Für ihn mag diese kleine Anekdote aus unserem 30-jährigen Krieg ein schwacher Trost sein. Aber vielleicht findet sich jemand, der seine Klage weiterträgt. Die Klage der Amharas. „Wir sind … machtlos!“ Mein Freund wird mit ein paar mutigen Getreuen in Garmisch-Patenkirchen am Rande der Sperrzone des G7-Gipfeltreffens gegen Krieg und Massenmorde in seiner Heimat Äthiopien demonstrieren.

 

Wer mehr über die Lage der Amharas in Äthiopien erfahren will, kann hier erste Informationen erhalten.

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Ein Ritt über den Bodensee

Großschriftsteller Martin Walser und sein fliehendes Pferd. Ob er den Ritt über den Bodensee noch wagen würde? Wohl kaum! Die Bodensee-Pilger wählen heutzutage das Rad, nicht das Pferd. Sie gehören zur Großgruppe der hochmobilen Ü-60-Generation. Er oder sie ist ausgestattet mit Rentenbescheid, E-Bike, Helm, bunter Funktionskleidung und Rossmann-Sonnenbrille. Vorne radelt in der Regel der männliche Vertreter, Typ rüstiger Rentner mit Hoppla-jetzt-komm-ich-Haltung. Im Windschatten gefolgt von der Gattin. Die verspiegelte Sonnenbrille lässt nur wenig Rückschlüsse zu auf ihr Wohlbefinden. Das größte Glücksgefühl ereilt diese Radlerrudel mit Hilfsmotor an langen Aufstiegen, wenn sie mit einem überlegenen Lächeln an unmotorisierter Konkurrenz vorbeiziehen.

 

Martin Walser auf dem fliehenden Pferd. Wie der Bildhauer Peter Lenk den Schrifsteller vom Bodensee sieht. Denkmal in Überlingen. Juni 2022

 

Das ist im angehenden Sommer 2022 der ultimative Kick für die Babyboomer-Generation! Maskenlos und mit vollem Akku rund 250 Kilometer rund um den Bodensee düsen, solange der Saft aus der Steckdose reicht. Radeln durch eine herrliche Landschaft mit See und Alpen bis zum nächsten Gartenlokal. Prost! Dort schmeckt das alkoholfreie Weizenbier doppelt so gut wie zuhause.

Tatsächlich macht der Bodensee seinem Namen alle Ehre. Der See ist bis auf den Boden glasklar. Das Panorama der Alpen ist überwältigend und die Uferpromenaden sind ausstaffiert als stünde die nächste Bundesgartenschau vor der Tür. Es macht dabei keinen Unterschied, ob die radelnde Massen durch Baden-Württemberg, Bayern, Österreich oder die Schweiz touren. Einzig kleiner, aber feiner Unterschied. Bei den Eidgenossen ist alles deutlich teurer.

 

„Zum Kotzen schön“ fand Maler Otto Dix die Landschaft am Bodensee. Das gilt auch heute noch. Abendstimmung in Überlingen. Juni 2022

 

Die Bodenseeregion wirkt komplett durchorchestriert. Bis auf wenige Nischen am Hochrhein, auf der Höri oder dem österreichischen Rhein-„Ländle“ ist alles durchsaniert und bebaut. Der Ufersaum ist ein langer, verdichteter Freizeitpark. Hotels, Apartments, Minigolfplätze, Einkaufsmärkte sowie Hinweis- und Verbotsschilder aller Art säumen den Weg. Typisch bei der Bodensee-Runde sind unzählige Neubauten mit Seeblick, Villen aller Art und Geschmacksrichtungen. Mal mehr, mal weniger elegant versteckt hinter mannshohen Buchenhecken, aufgeschichteten Steinwällen oder hölzernen Sichtschutzblenden. Auf alle Fälle gilt: „Zutritt verboten“. Das Ufer scheint fest in Privathand zu sein. Die übriggebliebenen Freiräume teilen sich Naturschutz, Badebetrieb, Tagestouristen, Airbnb-Ausflügler und die vielen Menschen auf der Durchreise wie die Bodenseeradler.

 

Kreative Formen der Abschottung der Ufergrundstücke. Gesehen zwischen Romanshorn und Kreuzlingen/CH. Juni 2022

 

Der Maler Otto Dix fühlte sich einst am Bodensee „in die Landschaft verbannt“. Dix suchte in den dreißiger Jahren kurz vor der Schweizer Grenze einen sicheren Rückzugsraum, sein inneres Exil vor den Nazis. Die Natur sei „zum Kotzen schön“, meinte er. Das trifft auch heute noch zu. Allerdings muss der Genuss mit den Segnungen des modernen Massentourismus kombiniert werden. So wäre ein Ritt über den Bodensee heute kaum noch möglich, weil zuerst eine zugängliche Stelle gefunden werden müsste. Dabei meint das geflügelte Wort vom Ritt über den Bodensee, dass man etwas sehr Gefährliches unternommen hat und das wahre Risiko erst im Nachhinein erkennt.

Diese Ballade des Heimatdichters Gustav Schwab aus dem Jahre 1826 beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie handelt von einem Mann, der an einem kalten Wintertag rasch ans andere Ufer gelangen will. Er möchte ein Schiff nehmen, kann aufgrund des schlechten Wetters den Weg jedoch nur schwer erkennen. So reitet er, ohne es zu merken, über den zugefrorenen Bodensee. Am anderen Ufer trifft er eine Frau und fragt, ob noch ein Schiff komme. Sie antwortet, dass er längst am anderen Ufer angekommen sei. Als der Reiter begreift, in welch gefährliche Lage er sich gebracht hatte, fällt er vor Schreck tot vom Pferd.

 

 

Keine Bange. Solch ein Ritt über den Bodensee ist heutzutage mehr als unwahrscheinlich. Zum letzten Mal war Europas drittgrößter Binnensee im Februar 1963 komplett zugefroren. Damals wanderten Deutsche, Schweizer und Österreicher ans jeweils andere Ufer. Es war ein Volksfest. Heutzutage – von fehlenden kalten Wintern infolge des Klimawandels abgesehen – wäre die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man am anderen Ufer zuerst auf ein Schild treffen würden, auf dem steht: Zutritt verboten!

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Kim. Das Napalm-Mädchen

8. Juni 1972. Trang Bong. Ein kleines Dorf in Südvietnam. Kim Phúc Phan Thi spielt im Hof des Restaurants ihrer Eltern. Die Neunjährige kann das Flugzeug noch hören, das die tödlichen Napalm-Bomben über ihrem Dorf abwirft. Kim rennt mit Brüdern und Cousinen um ihr Leben. Als sie vor den US-Bomben auf die Landstraße flüchten, drückt der südvietnamesische AP-Fotograf Nick Ut auf den Auslöser. Er dokumentiert das nackte, schreiende Mädchen mit weit ausgebreiteten Armen und Todesangst in den Augen. Das Bild vom „Napalm Girl“ wird rasch zum „Inbegriff des Schreckens des Vietnamkrieges“, so US-Autorin Susan Sontag. Der Fotograf erhält den Pulitzer-Preis. Kim Phúc Phan Thi überlebt und muss fortan ein Leben lang mit dreißig Prozent verbrannter Haut, heftigen Schmerzen und seelischen Qualen klarkommen.

 

Kim Phúc Phan Thi heute in Kanada. Foto: May Truong

 

„Ich habe kaum noch eine Erinnerung an den Bombenabwurf“, schreibt Kim Phúc Phan Thi zum fünfzigsten Jahrestag des Bildes, das um die Welt ging. Kim schreit „Nóng quá, nóng quá. So heiß, so heiß“. Das Furchtbare: Vor Napalm kann niemand wegrennen. Napalm haftet am Körper, egal wie schnell man rennt. Nach der Aufnahme legt Fotograf Nick die Kamera weg, hüllt Kim in eine Decke und bringt sie zum nächsten Sanitäter. Nick habe ihr Leben gerettet, sagt Kim, obwohl sie ihn lange für dieses Foto verabscheute. „Ich war nackt. Ein schreiendes Mädchen. Warum hast Du dieses Foto gemacht? Warum hast Du dieses Bild veröffentlicht, während meine Brüder und Cousinen wenigstens bekleidet waren? Ich fühlte mich hässlich und schämte mich“.

Der Napalm-Angriff veränderte Kims Leben. Sie wanderte nach Ontario in Kanada aus. Viele Jahre litt sie an Angstzuständen und Depressionen. Das weltberühmte Foto brachte ihr in den achtziger Jahren die Aufmerksamkeit von Fernsehsendern. Sie wurde als Gast in Regierungs- und Königshäuser eingeladen. „Ich wurde zu einem Symbol für den Horror des Krieges“. Schließlich gründete Kim eine Hilfsorganisation für traumatisierte Kriegskinder. Die heute 59-jährige schreibt jetzt in der New York Times: „Ich weiß, was es bedeutet, wenn dein Dorf bombardiert wird. Leider hat sich nichts geändert. Wieder gibt es tote Kinder in der Ukraine oder in Uvalde/Texas. Unschuldige Kinder, die niedergeschossen wurden, aus Hass und Willkür“.

 

 

„Ich trage die Spuren des Krieges an meinem Körper. Bis heute. Die seelischen Narben sieht man nicht“. Dennoch will Kim auch fünfzig Jahre nach dem Napalm-Terror in Vietnam nicht nachlassen, gegen den Wahnsinn des Krieges weltweit anzukämpfen. „Ich bin trotz aller Schwierigkeiten froh, dass Nick (Anm. der Fotograf) das Bild gemacht und veröffentlicht hat. Mein Horror wurde dadurch universal. Ich bin davon überzeugt, dass Friede, Liebe, Hoffnung und Vergebung stärker sind als jede Art von Waffen“.

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Als die Queen Schiller besuchte

24. Mai 1965. Ein Tag, den ich nie vergessen werde. Es ist bedeckt und leicht regnerisch, als meine Mutter und deren Freundin mit mir, dem siebenjährigen Steppke, zur Protokollstrecke Stuttgart – Ludwigsburg – Marbach eilen. Die Queen ist in Deutschland. Welch ein Glanz! Was für ein Ereignis! Ich habe Herzklopfen und zwei selbst gebastelte Union Jack-Fähnchen dabei. Die will ich begeistert schwenken, wenn sie im offenen Mercedes S 600 Pullmann auf ihrem Weg zur Schillerstadt Marbach vorbeikommt. Das muss man sich vorstellen: Queen Elisabeth II aus dem Hause Windsor und Prinz Philip Herzog von Edinburgh bei uns! Höchstpersönlich. Auf ihrer ersten Deutschland-Reise nach dem Krieg. Eine Premiere. Das Königspaar aus dem Vereinten Königsreich beehrt für elf Tage unser besiegtes, westliches Wirtschaftswunderland. Ich bin mehr als mächtig aufgeregt.

 

24. Mai 1965. Queen Elisabeth II im offenen Mercedes auf ihrem Weg durch Stuttgart.

 

Lange vor dem angekündigten Termin stehen wir auf der „richtigen“ Straßenseite, an der die Queen am besten zu sehen sein soll. Sie wird hinten rechts sitzen, heißt es, ihr Gemahl Prinz Philip auf der linken Seite. Eine große Menschenmenge ist zusammengelaufen. Alle sind aufgekratzt, schnattern fröhlich. Die Polizei räumt eine breite Gasse frei. Das Warten gerinnt zu einer gefühlten Ewigkeit. Aus Minuten werden Stunden. Da heißt es, die Queen verspäte sich. Gerüchte verbreiten sich. Der 39-jährigen sei angeblich unwohl geworden, weiß jemand, oder die Luxuslimousine sei stehengeblieben. Kaum vorstellbar, aber dieses Gerücht sollte sich später bewahrheiten. Der schwere Mercedes Pullmann versagte in Stuttgart den Dienst. Er musste unter dem Gejohle der Zuschauer von den Chauffeuren angeschoben werden. Welch ein Schmach in der stolzen Wir-sind-wieder-wer-Daimlerstadt!

 

1965. Mit sieben Jahren wollte ich die Queen sehen.

 

Plötzlich kommt Bewegung in die Menge. „Die Queen kommt!“, ruft ein Mann, der hinter uns auf einer Leiter steht. Die Menschen rufen wie auf Kommando Hurra. Ich stehe als kleiner Bub in Sonntagsstaat mit meinen Fähnchen bereit für den großen Augenblick. Da drängelt und schubst jemand. Meine beiden Wachsstift-bemalten Union Jack-Fahnen fallen auf das Straßenpflaster. Um Himmels willen! Die Jubelschreie steigern sich zu einem Orkan. Ich versuche im nervösen Gedränge meine Fähnchen zu retten, als ich das Brummen der Motoradstaffel – meine Mutter nannte sie „weiße Mäuse“ – und den tiefen Sound der schweren Mercedes-Limousinen höre. Als ich wieder aufrecht stehe und gleichfalls meine Fähnchen schwenke, ist der Pullmann-Mercedes mit der Queen längst vorbei. Ich sehe nur noch schwarze Begleitfahrzeuge von hinten. Unfassbar.

 

Eine Viertelstunde, nachdem ich die Queen verpasst habe, gelingt einem Amateurfotografen in Marbach diese Aufnahme. Die Queen in Schillers Geburtsstadt. Leserfoto Jones.

 

Meine Mutter lacht. Sie strahlt vor Glück. „Ich habe sie gesehen. Sie hatte einen gelben Hut und ein gelbes Chrysanthemen-Kleid an“. Chrysanthemen sind mir in diesem Moment historischen Versagens schnuppe. Ich war bei der Queen und habe sie verpasst. Schlimmer noch:  Meiner Tante gelang 1965 ein Schwarz-Weiß-Foto. Unscharf ist die Queen im Fond zu erkennen. Auch dieser Beleg, dass die Queen bei uns vorbeikam, ist verschwunden. Was ich im siebzigsten Dienstjahr der Queen noch erwähnen möchte. Sie hat sich für den Dichter Schiller, den ich verehre, zehn Minuten Zeit genommen. Sie studierte einige Handschriften, staunte über die bescheidene Küche. Sie lobte den guten Zustand von Schillers Geburtshaus. Kein Wunder. Die Marbacher hatten das Haus komplett renoviert und aufgehübscht. Geschmückt mit Chrysanthemen-Sträußen. Gelb wie Hut und Kleid der Queen, die ich an diesem Mainachmittag des Jahres 1965 verpasst habe.

 

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Achtung! „Germany Calling“  

Propaganda gehört zum Leben. Propaganda kann vieles bewirken. Heute wie damals. Manchmal wirkt Propaganda sofort, meistens jedoch entwickelt das Dauerbombardement toxische Langzeitwirkung. Der Satz: „Der Jude ist schuld!“ gehörte zum Instrumentenkasten der deutschen NS-Propaganda. Genau wie „Swing tanzen verboten“. Ein Kulturkampf der Nazi-Zeit. Jazzmusik galt als undeutsch und war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Bereits 1932 erließ Volksbildungsminister Wilhelm Frick den Erlass „Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum“.  Jazz, also „Negerkultur“ war in Thüringen von nun an offiziell verboten, obwohl sich einige Wirte trauten, das Gesetz zu unterlaufen. Swing war in jenen 30er und 40er Jahren Popmusik. Swing war tanzbar und äußerst beliebt bei der Jugend.

Das Swing-Verbot war ernst gemeint. Freunde der US-Tanzmusik wurden als „Swing-Heinis“ beschimpft oder sogar verprügelt. Ab Oktober 1935 durfte die „entartete anglo-jüdische Seuche“ in den Radiosendern des Dritten Reichs nicht mehr gespielt werden. Nun gab es im ganzen Land ein offizielles „Verbot des Nigger-Jazz für den gesamten deutschen Rundfunk“. Das Schild „Swing tanzen verboten“, das viele kennen, ist allerdings eine gut gemachte Fälschung. Das Schild gab es nicht. Es war die Idee eines Grafikers in den siebziger Jahren, der den Umsatz für eine neue Jazzplatte ankurbeln wollte.

 

 

Während Swing-Größen wie Coco Schumann ins KZ deportiert wurden, gründete Joseph Goebbels 1939 eigens eine staatlich finanzierte Swing-Band. Es war die Einzige in Deutschland, die erlaubt war. Eine streng geheime Band für den Deutschlandsender, um westliches Publikum gezielter ansprechen zu können. So entstand die Propaganda-Swingband Charlie and his Orchestra. Bandchef war Lutz Templin und Sänger Karl „Charlie“ Schwedler gab der Combo ihren Namen. Die Band trat nicht ein einziges Mal öffentlich auf. Die Musiker spielten über 270 Schallplatten ein.

 

Mitglieder von „Charlie and his Orchestra“ nach der Evakuierung aus Berlin an den Reichssender Stuttgart, 1944

 

„Germany Calling“ hieß es seit Hitlers Kriegsbeginn auf Kurzwelle: Cooler Swing aus Deutschland gewürzt mit tumber NS-Propaganda. Bei dir war es immer so schön oder Songs wie I hear music sollte Menschen in Feindesländern für deutsche Kriegsziele begeistern. Der Sound der Band klang durchaus so professionell wie in US-Produktionen. Doch der ungelenke Gesang von „Charlie“ fiel auf. Der Mann war im Hauptberuf Sachbearbeiter im Auswärtigen Amt für Feindpropaganda. In holprigem Denglisch agitierte er mit Hilfe umgetexteter Songs gegen „jüdischen Kulturbolschewismus“ und die „Angloamerikaner“ in Washington und London. Im Visier besonders Winston Churchill. Textprobe Charlie: „The man with the big cigar, who´s the best friend of the USSR”.

 

 

 

Das war Goebbels Plan: Mit Bebop in den Blitzkrieg. Mit amerikanischem Swing zum deutschen Endsieg. Für Musiker war die Mitgliedschaft im Charlie-Orchester lukrativ. Es gab ordentliche Honorare, dazu coole Musik, vor allem aber die Dienstbefreiung von der Front. Je länger der Krieg dauerte, desto internationaler wurde das Ensemble. 1943 musste das Berliner Orchester wegen der Bombenangriffe zum Reichssender Stuttgart verlegt werden. Der Propaganda-Erfolg der Goebbels-Swing-Truppe jedoch blieb bescheiden. Vielmehr entwickelte sich in vielen besetzten Ländern der Swing zum Symbol des Widerstands.  Viele in Europa bevorzugten den echten Swing, nicht den Propaganda-Swing aus dem Land des Stechschritts und der Durchhalteparolen.

 

 

Swing-Legende Coco Schumann hat die Nazi-Schreckensorte Theresienstadt und Auschwitz nur dank seiner Musik überlebt. Von dem großartigen Gitarristen ist ein wunderschönes Zitat überliefert. „Wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren“.

Let´s swing. Der beste Impfstoff gegen Pandemien und Potentaten aller Art.

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„Vergangenheit ändert sich ständig“

Zwei Tage vor seinem Überfall auf die Ukraine kündigte Wladimir Putin seine „Befreiungsaktion“ verklausuliert an. Das Brudervolk sei vor dem „Nazismus in Kiew“ zu retten. Putin benutzte ein altes Radio-Eriwan-Bonmot aus Sowjetzeiten. „Die Vergangenheit ändert sich ständig“.  So rechtfertigt der Kreml-Chef seinen Feldzug gegen den Westen auch mit der Vergangenheit. Die Ukraine sei russische Erde. Er beschwört den Mythos der Sowjetunion, den „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen Adolf Hitler, den selbsternannten „Größten Feldherrn aller Zeiten“. An dessen Erbe arbeiten sich die Deutschen bis heute ab. Der II. Weltkrieg unserer Eltern, unserer Väter und Großväter. Man könnte meinen, zu diesem Thema sei alles gesagt, geschrieben und gesendet worden. Irrtum.

Alles, was wir nicht erinnern“, heißt ein stilles, großartiges Reisebuch, das in die Vergangenheit von Christiane Hoffmann führt. Die Journalistin begibt sich auf die Spuren ihres Vaters Walter, der im Januar 1945 als neunjähriger Junge mit seinem gesamten Dorf vor den Russen gen Westen flüchtete. „Zu Fuß? Zu Fuß. – Allein?“ Allein.“  Die meistgestellte Frage an die Wanderin auf ihrem 550 Kilometer langen Fußweg, der dem Weg des Flüchtlingstrecks ihres Vaters folgt. Vom heimischen schlesischen Rosenthal (heute das polnische Rózyna) bis nach Klinghart bei Eger (heute Cheb). Dort strandete der Elendszug im März 1945 im damaligen Sudetenland, heute Tschechische Republik. Die Rosenthaler sind kleine Sandkörner im Treibgut des großen Hitler-Verbrechens.

 

Christiane Hoffmann auf den Spuren der Flucht ihres Vaters. Foto Wikipedia

 

Was Hoffmann auf ihrer beschwerlichen Wanderung erlebt, ist so spannend wie erhellend zugleich. Sie merkt rasch: Die Narben des Krieges sind keineswegs vernarbt. Im Heimatdorf ihres Vaters im heutigen Rózyna leben seit drei Generationen einst aus einem Dorf im Gebiet Lemberg umgesiedelte Bauern, damals UdSSR, heute Ukraine. Seit Ende Februar 2022 Kriegsgebiet. Das Ende des II. Weltkrieges löste 1945 in Europa eine riesige Völkerwanderung aus. Allein vierzehn Millionen Deutsche sind geflüchtet oder wurden verjagt. Wichtig ist, was Hoffmann notiert: Alle haben am Krieg gelitten. Deutsche, Russen, Ukrainer, Polen, Tschechen und viele mehr. Keine Familie, in der „niemand ermordet, verschleppt, gefallen, enteignet, vergewaltigt oder vertrieben“ worden ist.

 

 

 

Die intensive Nähe zu ihren Zufallsbekanntschaften ist die Stärke des Buches. Christiane Hoffmann drängt sich nicht auf. Sie hört zu. Sie erfährt, dass fast niemand etwas von einem deutschen Flüchtlingstreck aus Rosenthal weiß. Die Orte sind geblieben, die Spuren ihres Vaters jedoch verwischt. Die Traumata des Krieges platzen sofort auf, wenn gezielt nachgefragt wird. Hoffmann: „Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Häuser sind fest, sie bleiben. Menschen kommen und gehen, werden vertrieben. Menschen kann man umsiedeln“. Auf ihrem langen Fußmarsch genießt sie im Sommer Pflaumen und Mirabellen, die nach Kindheit schmecken. Sie pflückt „die sonnenwarmen Früchte, sie sind weich und schmecken süß wie Kompott“. Im Winter kämpft sie gegen Wind, Eiseskälte und gegen das Aufgeben. Christiane Hoffmann hält durch.

 

Brandenburger Tor am 23. Februar 2022 abends. Wenige Stunden später beginnen Panzer, Geschütze und Granaten zu sprechen. Es herrscht wieder Krieg, Leid und Vertreibung in Europa.

 

Hoffmanns Fazit: „Nichts ist vergangen. Die Geschichte ist wie ein Teig, aus dem sich formen lässt, was man will. Alle wollen Opfer sein, Helden oder Opfer, nur nicht Täter“. Hoffmann zieht eine weitere Schlussfolgerung: „Wir Deutschen glauben, dass uns der Geschichtskrieg nichts angeht, den sie im Osten entfesseln. Wir glauben, die Vergangenheit sei vergangen und die Geschichte Geschichte. Wir glauben, dass wir sie aufgearbeitet haben und deshalb nun fein raus sind“. Noch ein Irrtum! Warum nichts vorbei ist, zeigt uns Christiane Hoffmann eindrucksvoll auf. Ein Buch, das ich verschlungen habe. Sehr empfehlenswert!

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Eine Russland-Reise

Ein renommierter Berliner Maler und ein bekannter Schriftsteller reisen für fünf Monate nach Russland. Der Künstler George Grosz will selbst herausfinden, was es mit dem neuen Riesenreich auf sich hat, wie die junge Sowjetunion einen „neuen Menschen“ hervorbringen will. Reiseauftrag: Martin Anderson Nexö soll ein Buch über Russland schreiben und George Grosz die Illustrationen übernehmen. Ihre Reiseroute führt sie über Finnland nach Leningrad und Moskau. Sie erhalten die Ehre einer Audienz im Kreml bei Wladimir Iljtsch Lenin.  Sie treffen auch mit Leo Trotzki zusammen. Doch die Reise nach Russland führt zum offenen Streit zwischen Grosz und Nexö. Das geplante Buch wird nie erscheinen. Die Reise war vor genau 100 Jahren

 

George Grosz. Die Stützen der Gesellschaft. 1926

 

Der gebürtige Berliner Grosz gilt als der genaueste Chronist der wilden Weimarer Jahre. Nach dem I. Weltkrieg tritt der Maler 1919 der KPD bei. Nach einem kurzen Gastspiel als Dadaist streitet er künstlerisch für einen neuen linken Klassizismus. Kernpunkte sind Kollektivität statt Individualismus, Ordnung statt Anarchie, Tradition statt Kunstfeindlichkeit. Seine Russland -Reise verstört ihn. Der Individualist Grosz will nicht Opfer seines politischen Dogmas werden. Für ihn als unabhängigen Künstler ist das Leben in einer normierten Gesellschaft eine absurde Vorstellung. Er möchte kein Kulissenmaler sein, der planmäßig Auftragskunst abliefert – nach der Lenin-Formel „Kommunismus ist gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“.

 

„Der Überfall“ von 1912. Der frühe Grosz, als er noch Georg Ehrenfried Gross hieß. Im I. Weltkrieg gab er sich 1916 den Künstlernamen George Grosz.

 

Er bricht mit seinen eigenen Illusionen und tritt 1923 wieder aus der KPD aus. Die Russland-Reise hat ihm die Augen geöffnet. Grosz bleibt sich jedoch treu. Die herrschenden Verhältnisse im eigenen Lande kritisiert er scharfsinnig in Wort, Bild und Karikaturen, auf Theaterbühnen und in Zeitschriften. Grosz: „Der Mensch ist nicht gut, sondern ein Vieh. Die Menschen haben ein niederträchtiges System geschaffen – ein Oben und ein Unten. Einige wenige verdienen Millionen, während Abertausende knapp das Existenzminimum haben. In Südamerika heizt man die Lokomotiven mit Korn, in Russland sterben Viele. Viele vor Hunger.“

Was kann Kunst, was soll sie? Antwort Grosz: „Da wird von Kultur geredet und über Kunst debattiert – oder ist vielleicht der gedeckte Tisch, die schöne Limousine, die Bühne und der bemalte Salon, die Bibliothek oder die Bildergalerie, die sich der reiche Schraubengroßhändler auf Kosten seiner Sklaven leistet, ist das vielleicht keine Kultur? Was hat das aber nur mit „Kunscht“ zu tun? Eben das, dass viele Maler und Schriftsteller mit einem Wort fast alle die sogenannten „Geistigen“ diese Dinge immer noch dulden, ohne sich klar dagegen zu entscheiden. Heute, wo es gilt, auszumisten! …wo es gilt, gegen all diese schäbigen Eigenschaften, diese Kulturheuchelei und all diese verfluchte Lieblosigkeit vorzugehen. Es herrscht der Glaube an die alleinseligmachende Privatinitiative. Diesen Glauben mit erschüttern zu helfen, und den Unterdrückten die wahren Gesichter ihrer Herren zu zeigen, gilt meine Arbeit“.

 

„Siegfried Hitler“. 1923. Mit dieser Karikatur zog sich Grosz  den Hass von Adolf Hitler zu.

 

Ein Jahr nach der Russland-Reise karikiert George Grosz den damals unbekannten Münchner Bierkeller-Redner Adolf Hitler: als Siegfried, der sein Volk in den Untergang führt. Hitler erklärt den Maler zu seinem Intimfeind. George Grosz kann sich kurz vor der NS-Machtergreifung im Januar 1933 nach New York retten. In der USA – seinem Sehnsuchtsland – ist seine Arbeit nicht mehr gefragt. Er fühlt sich als Exil-Künstler überflüssig, seine Existenz ist gefährdet. George Grosz stürzt sich in Alkohol, leidet an Depressionen. Erst 1959 kehrt er nach Berlin zurück. „Einer der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts“, so Kurator Grosz-Kurator Pay Matthis Karstens, ist selbst in seiner Heimat nahezu vergessen. Er stirbt im Alter von 65 Jahren sechs Wochen nach seiner Rückkehr im Treppenhaus seiner neuen Wohnung am Savignyplatz.

 

George Grosz. Mann mit Zigarre.

 

Mehr im neuen Privatmuseum im „Das kleinen Grosz-Museum“. Berlin. Bülowstraße 18. Ab 15 Mai 2022 geöffnet. Sehr empfehlenswert!

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Mister „Master of the Universe“

Ein Mann will nach oben. Nichts kann ihn aufhalten. Einfach nichts. Kein tyrannischer Vater. Keine drei Frauen, keine drei Scheidungen. Kein schwerer Schicksalsschlag, nicht einmal der frühe Tod seines ersten Sohnes nach zehn Wochen. Seine Geschichte könnte einem Hollywood-Drehbuch entspringen. Ist sie aber  nicht. Die Wirklichkeit erzählt die besseren Geschichten. Der Mann heißt Elon Musk. Er ist kein Mittelschichts-US-Boy aus Brooklyn, er stammt aus Südafrika. Der Raketenfan besitzt drei Staatsbürgerschaften: die von Südafrika, der Heimat seines Vaters, die kanadische aus seinem Mutter-Land und die der USA, seiner neuen Heimat. Aber Musk versteht sich als Weltbürger.

 

Elon Musk. *1971. Vom gemobbten und verprügelten Schüler zum reichsten Mann der Welt. Foto Wikipedia

 

Mittlerweile ist der Junge aus Südafrika der reichste Mann der Welt. Die Erde ist ihm längst zu klein. Mit seinem ehrgeizigen SpaceX-Programm will er Menschen zum Mars befördern. Mit seinen hochkomplexen Starlink-Nachrichtensatelliten hilft er seinem ukrainischen Freund W. Selenskyj die Russen zu stoppen Mit seiner Tesla-Giga-Factory in der brandenburgischen Taiga will er den Deutschen einen neuen Elektro-Volkswagen bescheren. Mit Twitter schenkt sich der einstige Paypal-Besitzer für 44 Milliarden $ einen eigenen Kommunikationskanal. Nichts kann ihn derzeit stoppen. Der Fünfzigjährige steht im Zenit seines Lebens. Ein Selfmade-Mann ruhelos unterwegs, ohne festen Wohnsitz. Eigentlich fehlt ihm nur noch das Weiße Haus. Elon Musk auf den Spuren Donald Trumps? Es scheint, als könne er nur noch an sich selbst scheitern.

Elon wächst in Pretoria auf. Mit einem goldenen Löffel im Mund. Sein Vater Errol ist Immobilien- und Smaragdhändler. Er besitzt die Hälfte einer Mine in Sambia. Ein reicher Mann. Elons Kindheit muss ein Albtraum gewesen sein, glaubt man den Musk-Biografen. Da ist ein ehrgeiziger Vater, dessen Gebaren zwischen Genie und Gangstertum pendeln. Ein Kerl, der nicht lange fackelt. Ehefrau Marve verlässt 1980 die Familienhölle. Das Model lässt sich scheiden und kehrt mit ihren Kindern Enol, Kimble und Tosca zurück in ihre Heimat Kanada. Vater Errol hingegen zeugt im Alter von 72 Jahren mit seiner dreißigjährigen Stieftochter ein weiteres Kind. Der Patriarch erschießt drei Einbrecher und wird freigesprochen. Recht auf Notwehr, befindet das Gericht. Elon Musk. „Mein Vater ist ein schlimmer Mensch – kaum vorstellbar, wie schlecht er ist. Fast alle Verbrechen, die man sich ausmalen kann, hat er begangen“.

 

 

Elon ist zehn als sich die Eltern trennen Eine Zeitlang pendelt er zwischen Südafrika und Kanada, zwischen Vater und Mutter. Es folgt ein Jahrzehnt der relativen Armut, jedenfalls für die alleinerziehende Mutter. Marve kann sich nur noch Secondhand-Klamotten leisten. Ihre drei Kinder muss sie mit Gelegenheitsjobs durchbringen, weil der Geizhals in Südafrika offenbar keinen Cent Alimente überweist. Aus der Not macht Marve eine Tugend. Sie schreibt einen Bestseller über „erfolgreiche Kindeserziehung“. Elon hingegen studiert Volkswirtschaftslehre und Physik. Sein Idol ist der Erfinder Nikola Tesla. Als er an die renommierte Stanford-Uni in Kalifornien wechselt, merkt er nach zwei Tagen: „Das ist nichts für mich.“ So beginnt sein atemberaubender Aufstieg vom Computerfreak zum einflussreichsten US-Bürger, vom gemobbten Schüler, der krankenhausreif verprügelt wurde, zur „Person des Jahres 2021“ (Time Magazine).

 

Elon mit Mutter Marve Musk. Foto NBC-Screenshot „Saturday Night live“

 

Dieser Elon Musk kennt alles, außer Grenzen. Der sechsfache, heimatlose Kindsvater, der seinen jüngsten Spross aus dritter Ehe einfach nur „XAE-A XII“ genannt hat. Die Welt ist für einen wie ihn form- und beherrschbar. Er will den kränkelnden Planeten mit seinen Erfindungen verbessern, das Böse bekämpfen und die Natur schützen. Jetzt plant er, Twitter zu revolutionieren. Der Multi-Milliardär kündigt an, dass jede und jeder wieder seine Meinung frei sagen dürfe. Willkommen, Mister Master of the Universe. Die Erde ist eine Scheibe. Wir müssen sie retten.

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Krieg der Bilder

Vor etwas mehr als fünf Wochen, genau am 12. März 2022, veröffentlichte ich hier Passagen eines Interviews mit der Autorin Natascha Wodin. Die Russin wurde 1945 als Flüchtlingskind in Deutschland geboren, denn: „Sie kam aus Mariupol.“ In ihrem gleichnamigen, erschütternden Roman schildert sie das Schicksal ihrer Mutter. Ihr Leid war untrennbar mit dem russisch-ukrainischen Drama verknüpft, das schon ein ganzes Jahrhundert währt. Am 16. März 2022 bombardierte ein russisches Kampfflugzeug das Theater von Mariupol. In dessen Keller suchten etwa 1.500 Menschen Schutz. Nach ukrainischen Angaben seien 300 Menschen getötet worden, darunter viele Kinder. Russland behauptet, im Schauspielhaus hätten sich Kämpfer des berüchtigten nationalistischen Asow-Regiments verschanzt. Die 24-jährige Viktoria Dubowyzkij, die mit ihren beiden Kindern den Angriff im Keller überlebte, widerspricht entschieden. Zum Zeitpunkt des Angriffs sei kein einziger Soldat im Gebäude gewesen. „Jeder wusste, dass Kinder im Theater waren“.

 

 

Auf veröffentlichten Satellitenbildern war zu sehen, dass das Wort „Deti“ (Kinder) in großen weißen Buchstaben auf beiden Seiten des Theaters stand. Dennoch warf die russischen Armee gezielt Bomben. Diese Bilder waren nur möglich, weil US-Firmen der Ukraine ihre Kommunikationstechnik zur Verfügung stellten und stellen. Unmittelbar nach Putins Überfall hatte der ukrainische Minister für digitale Transformation Mykhailo Fedorov Tesla-Chef Elon Musk per Twitter um Unterstützung gebeten. Innerhalb weniger Stunden sicherte Musk die Hilfe seines Dienstleistungsunternehmens Starlink zu. Milliardär Musk verfügt über rund 2.000 Starlink-Satelliten im Rahmen seiner SpaceX-Mission im Orbit. Die Russen sind offenbar nicht in der Lage, diese Nachrichtensatelliten auszuschalten.

 

Ein ukrainischer Soldat mit einer Drohne, die das SpaceX-Netzwerk von Elon Musk nutzt. Foto Keystone

 

Die Ukrainische Armee nutzt das SpaceX-Netzwerk von Elon Musk für Drohnen-Einsätze. Daraus reultieren unter anderem die hohen Verluste der Russen. Zudem kann Präsident Wolodymyr Selenskj weltweit Live-Schaltungen mit Hilfs-Appellen weltweit in Ländern und Parlamenten durchführen, die es wünschen. Möglich sind die Übertragungen auf der Basis sog. Cubesats. Das sind hochkomplexe, aber nur knapp 50 Kilogramm schwere Hightech-Würfel, die in 400 bis 600 Kilometern Höhe um die Erde kreisen. Sie liefern auch Fotos von Truppenbewegungen mit einer Auflösung von maximal 20 Zentimetern. Die russischen Streitkräfte sind nicht in der Lage, die Kommunikationsstruktur der Ukraine zu zerstören.

Putin hatte am 24. Februar 2022 seine Kriegsmission folgendermaßen begründet: „Wir haben nicht vor, die ganze Ukraine zu besetzen, aber sie zu demilitarisieren. Das Ziel der russischen Spezialoperationen ist es, die Menschen zu schützen, die acht Jahre lang vom Kiewer Regime misshandelt und ermordet wurden. Die wahre Stärke liegt in der Gerechtigkeit und Wahrheit, die auf der Seite Russlands stehen.“

 

Mariupol. 13. April 2022. Foto: AP Alexei Alexandrov

 

Die Cubesats-Satellitenaufnahmen, die weltweit jederzeit verbreitet werden können, sprechen eine andere Sprache. Sie dokumentieren Kriegsverbrechen und Gräueltaten (auch wenn wie in jedem Krieg jedes Bild sorgfältig zu prüfen ist). Diesen Krieg der Bilder hat Moskau längst verloren. Putin führt seinen Feldzug mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts gegen einen unterlegenen, gleichwohl technologisch hochintelligenten Gegner. Was dabei herauskommt, ist massive Zerstörung. Mariupol droht das Stalingrad des 21. Jahrhunderts zu werden. Die Unglücksstadt an der Wolga war 200 Tage umkämpft. Mariupol ist seit 57 Tagen belagert. Stalingrad stand für die Wende des Zweiten Weltkrieges. Für den Anfang vom Ende, für den Untergang von Adolf Hitler. Wofür wird Mariupol stehen?