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Für ein Stück Brot

Endlich ist sie wieder da. Die kleine Gedenktafel, die an einen vergessenen Aufruhr von großer Tragik erinnern soll. Zehn Jahre lang war das blau-weiße Emaille-Erinnerungs-Stück für zwei hingerichtete Menschen verschwunden. Eine Tafel für Menschen, die in den letzten Kriegstagen in Plötzensee unter dem Fallbeil sterben mussten, weil sie Brot wollten. Einfach nur ein Stück Brot. Brot, das kurz vor Kriegsende 1945 in Berlin nur noch an NS-Genossen verkauft werden durfte, um den „Endsieg“ zu sichern. Verschwunden war die alte blau-weiße Tafel von 1998, weil der neue Eigentümer die Bäckerei kaufte, sanierte und für die Wiederanbringung keine Notwendigkeit sah. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Es dauerte auch so viele Jahre, weil die Berliner Bürokratie unschlagbar ist: im Nichtzuständig-Erklären, in großen Reden und im wurstigen Aussitzen.

 

Happy End nach langem Ringen. Die neue Gedenktafel vor der ehem. Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. Carolin Weingart, stellv. Bezirksbürgermeisterin von Treptow-Köpenick, Dunja Wolff (SPD-Abgeordnete), Dietrich Elchlepp (Freiburg, ehem. MdB + MdEP, Angehöriger) und Gion Voges (Bürger für Rahnsdorf)

 

Jetzt steht wieder eine Gedenktafel vor der ehemaligen Bäckerei. Sie wurde vom tüchtigen Vorsitzenden des Bürgervereins Rahnsdorf Gion Voges und Dietrich Elchlepp, dem Freiburger Neffen der hingerichteten Margarete Elchlepp eingeweiht. Mit dabei waren einige Vertreterinnen des zuständigen Bezirksamtes Treptow-Köpenick, dazu eine Abgeordnete der SPD, sogar der Hauseigentümer und Bürgerinnen und Bürger des Berliner Vororts Rahnsdorf. Allesamt froren. Denn es war kalt an diesem Novembertag, neblig und trübe. Die Musiker trotzten tapfer den widrigen Bedingungen. „Eine Gedenkfeier auf einem Parkplatz, aber eine würdige Sache“, meinte eine Teilnehmerin.

Die Tafel erinnert an den 6. April 1945. An diesem Freitag, vier Wochen vor Kriegsende, schnappt schicksalhaft die ganze Grausamkeit des NS-Regimes in einer kleinen Bäckerei zu. In Rahnsdorf, ein ländlicher Vorort im Osten Berlins, geht das Brot aus. Verzweifelt drängen mehrere hundert Menschen, vor allem Frauen, in die Verkaufsstellen. Der alarmierte NS-Ortsgruppenführer geht dazwischen. Mit gezückter Waffe drängt er in der Bäckerei Deter die Menge zurück. Die Rache des Regimes folgt auf den Fuß. Systemtreue Frauen stellen Listen zusammen. Die Gestapo verhaftet 15 Personen. Am Tag darauf werden die 45-jährige Hausfrau Margarete Elchlepp und der 54-jährige Tischlermeister Max Hilliges in Plötzensee als „Rädelsführer“ enthauptet.

 

Berliner Gedenktafel für die Opfer des „Rahnsdorfer Brotaufstands“. Enthüllt am 25.11.2022. Zugegeben: ich wäre gerne dabei gewesen, aber eine Bronchitis setzte klare Grenzen.

 

Nur zwei Wochen später marschiert die Rote Armee ein. Der NS-Ortsgruppenführer wird von den Sowjets wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erschossen. Die neue Stadtverwaltung ermittelt bis 1952 zum sogenannten Brotaufruhr von Rahnsdorf. Nun werden die Denunzianten selbst denunziert. Gegen acht Helferhelfers des NS-Ortsgruppenleiters wird ermittelt, eine Frau zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Danach legt sich der Mantel des Schweigens über die Sache mit dem „Brotaufruhr“. In den Familien bleibt das Drama ein gut gehütetes Geheimnis – bis in unsere Tage. Ich erfuhr von meinem Schwiegervater vom vergessenen Brotaufstand. Auf seinem Sterbebett bat er 2018, mich der Sache mit der verschwundenen Gedenktafel anzunehmen, die er 1998 mit enthüllt hatte.

 

Margarete Elchlepp (1899-1945). Sie gab im Verhör zu, ein Brot mitgenommen zu haben. Margarete wurde als „Rädelsführerin“ verurteilt. Sie wurde in Plötzensee am 8. April um 0.45 Uhr enthauptet. Die letzten Todesurteile wurden am 18. April 1945 vollzogen.

 

Tischlermeister Max Hilliges. Er war mit Reparaturen in der Bäckerei beschäftigt, als die Menge den Laden stürmte. Hilliges sagte dem NS-Mann Gathemann, der die Pistole gezogen hatte: „Gib den Frauen Brot.“ Und: „Du wirst Deinen braunen Rock bald auch ausziehen müssen“, so Witwe Elise 1947 bei einer Vernehmung.

 

Jetzt erinnert wieder eine Tafel an diese winzige Begebenheit im großen Strom der Menschheitsgeschichte, die davon erzählt, wozu verzweifelte Menschen in der Lage sind. Möge die Tafel lange stehen bleiben. Möge sich so etwas nie wiederholen. Möge es immer Brot für alle geben.

 

Nach ca. zehn Jahren ist sie wieder da. Die Gedenktafel. Berlin-Rahnsdorf im November 2022. Neben dem Sonderangebot vom „Zaunkönig“.

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Amour fou

Die Menschen strömen an einem kalten Novemberabend ins Berliner Ensemble. Am Eingang bitten Besucher auf Pappschildern um Karten. Das Brecht-Haus am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte ist restlos ausverkauft. Ein erwartungsfrohes Publikum im gehobenen Alter wartet sehnsüchtig auf Neues, Intimes, Klatsch und Tratsch, kurz auf Szenen einer Ehe. Es geht um eine verrückte Liebe. Um Lust und Leidenschaft, Eitelkeit und Eifersucht, um das kleine und große Glück, das wir alle suchen. Im Mittelpunkt zwei längst verstorbene Größen des deutschen Literaturbetriebs: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Zwei Ikonen der Dichtkunst, für knapp vier Jahre ein gemeinsames Paar. „Wir haben es nicht gut gemacht“, steht auf einem Transparent, das über der Bühne des großen Hauses hängt. Das ist der Titel des nun erschienenen tausendseitigen Briefwechsels zwischen dem einstigen Spiegel-Covergirl Ingeborg Bachmann und Macho-Max Frisch.

Als nach einem Vorwort von Herausgeber Thomas Strässle Constanze Becker und Matthias Brandt die Bühne betreten, brandet dankbarer Vorschuss-Beifall auf. Die beiden schlüpfen in die Rolle der beiden Nachkriegs-Literaturhelden Bachmann & Frisch. Und los geht es mit den ersten zarten Anbandelungsversuchen vom Frühjahr 1958. Als der dreißig Jahre ältere Max der „jungen Dichterin“ Ingeborg den Hof macht, während sie überraschend bereitwillig auf seine Avancen eingeht. Was sich nun entwickelt, ist eine Amour fou, eine Hass-Liebe zwischen „Herr und Magd“, zwischen Anziehung und Abscheu, Erotik und Enttäuschung. Es geht zur Sache. Sehr persönlich, intim, literarisch auf höchstem Niveau. „Wir sind halt ein berühmtes Paar gewesen, leider“. Das geneigte Publikum im BE-Saal lacht, stöhnt, zischt und kichert, als im schnellen Wechsel aus den Briefen voller Anklagen, Wutausbrüchen und Versöhnungsversuchen vorgelesen wird. Eine Frau in der Reihe hinter mir raunt unüberhörbar: „Richtig so!“ Soeben hatte Ingeborg ihrem „Bär“, so nennt sie zeitweise ihren Ehemann Max, die kalte Schulter gezeigt, nachdem er wieder seine Pfauenfedern gespreizt hatte.

 

Ingeborg Bachmann und Max Frisch, ca. 1960. Foto-Collage: Buhs/Remmler/Ullstein, Picture Alliance/Keystone.

 

Die Liebe zwischen Ingeborg und Max kann nicht funktionieren. Das wird an diesem Abend rasch klar. Zu hoch die Ansprüche, zu empfindlich die Gemüter. Aber wie sie scheitert, das ist von einmaliger Größe; zeitlos, aufwühlend und leidenschaftlich. Unser Glück ist, dass immerhin dreihundert Briefe erhalten blieben, obwohl Ingeborg viele Max-Briefe vernichtet hat. Unser Glück ist auch, dass sich die beiden nicht auf WhatsApp schrieben, sondern Briefe austauschten, die tagelang zwischen Klagenfurt und Zürich, Berlin, Paris und Rom unterwegs waren. Am Ende des Abends ist die „Große Liebe“ verloschen. Matthias Brandt und Constanze Becker erhalten ihren verdienten langen Schlussbeifall. Sie kassierten im Fluge die Botschaft des Banners auf der Bühne: „Wir haben es nicht gut gemacht“. Es war ein nicht nur ein guter, es war ein grandioser Abend. Einige Stellen aus dem Briefwechsel will ich in loser Folge vorstellen, weil es spannend und vergnüglich ist, was sich die beiden Briefeschreiber Ingeborg Bachmann und Max Frisch in ihrer fulminanten Zweierbeziehung zu sagen hatten.

 

 

Max Frisch in Montauk. Eine Erzählung (1975)

„Ich hatte zu tun beim Sender in Hamburg und ließ mir das Hörspiel vorführen, dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite die Frau sich ausdrückt. Sie hörte Lob genug und großes Lob, das wusste ich, trotzdem drängt es mich zu dem Brief. Ich wollte sagen wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.“

 

9. Juni 1958 München – Ingeborg Bachmann an Max Frisch

„Verehrter, lieber Max Frisch, Ihr Brief ist mir schon so vieles gewesen in dieser Zeit die schönste Überraschung, ein beklemmender Zuspruch und zuletzt noch Trost nach den argen Kritiken, die dieses Stück bekommen hat. (…) So will ich den Brief rasch abschicken mit der Frage, ob ich Sie, wenn ich Sonntag nach Zürich komme, sehen darf. Ich könnte 2, 3 oder 4 Tage bleiben, und ich hoffe so sehr ohne rechte Überlegung, dass auch Sie es wünschen könnten. (…)  Es wäre zu schön und ist nur fast zu viel verlangt. Sie haben mich schon sehr glücklich gemacht! Meine besten Wünsche sind bei ihnen und ihrer Arbeit. Ihre Ingeborg Bachmann.“

 

6. Juli 1958 Paris – Max Frisch an Ingeborg Bachmann

„Ich liege neben dir Ingeborg, und du bist nicht da. Wirst du je wieder da sein? ich bin glücklich und ratlos. Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein lang gefürchteter Engel, der fragt Ja oder Nein. Und ich bin glücklich und ratlos und zu feig, um über die Stunde hinaus zu denken. Ich will den Sommer mit dir. Ich bin nicht verliebt, Ingeborg, aber erfüllt von Dir, Du bist ein Meertier, das nur im Wasser seine Farben zeigt, Du bist schön, wenn man dich liebt, und ich liebe Dich.“

 

28. Juli 1958 Neapel – Ingeborg Bachmann an Max Frisch

„Und ich bin sehr allein und nicht traurig drum im Augenblick, sondern nur, wenn ich weiterdenke. Die Fahnen vom Verlag sind gekommen, vom „Guten Gott“, ich kann nicht mehr viel verändern, was uns alles neu gesetzt werden müsste, aber sie haben das Buch nicht schlecht gemacht, glaube ich – es sieht viel besser aus als die Fahnen, die Du gesehen hast, und einiges kann ich doch noch so machen, wie Du´s mir geraten hast. Ich ginge so gern zu dir hinüber ins Nebenzimmer, um Dich zu fragen wegen der Beistriche, und für jeden müsste ich Dich dann einmal umarmen, oder viele Male, und für die Rufzeichen bekämst Du lauter Küsse. Gute Nacht! Ingeborg.“

Fortsetzung folgt.

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Ihre Pfandflasche bitte!

Als Großstädter legt sich man sich im Laufe der Jahrzehnte eine dicke Haut zu. Sonst dreht man durch. Überall Tempo, Hektik, Enge, Glanz und Elend. Blitzschnelle Wechsel der Gefühle. Wer unterwegs ist, trifft im Zeitraffer Paradiesvögel, Aufschneider, schräge Typen und sonderbare Zeitgenossen. Armut ist ein ständiger Begleiter in U- und S-Bahnen. Geschnorrt und gebettelt wird überall: an Bahnhöfen und Übergängen, vor Geldautomaten und Supermärkten. Die Habenichtse versuchen es mit Musikeinlagen, Straßenzeitung oder einem treuherzigen Hund. Geld kannst du loswerden: morgens auf dem Weg zur Arbeit, abends auf dem Nachhauseweg. Ratsam ist ein gehöriger Schuss Gleichgültigkeit. Problem nur: Die Seele vernarbt. Aber wer kann schon allein die Welt retten?

 

Morgens am S-Bahnhof Savignyplatz in Berlin. „Schau mal, der fotografiert einen Penner mit Bier“, zischelt eine Touristin. Am Abend dieses 10. Novembers 2022 lerne ich am Bahnhof Friedrichstraße eine Rentnerin kennen.

 

Neulich war alles wie immer und dann doch ganz anders. Den Tag über wurde ich vier- oder fünfmal um einen Obolus gebeten. Wie immer die Strategie Kragen hoch, Blick ins Nichts und zügig weitergehen. Bloß keine Reaktion zeigen. Da spricht mich plötzlich auf dem Bahnsteig in den abendlichen Rushhour-Stunden eine ältere Dame an. Sie wirkt ausgesprochen ordentlich. Sie wird mich wohl nach dem Weg fragen, hat sich vielleicht in Berlin verlaufen. Irrtum! Sie fragt mich nach einer Pfandflasche, ob ich ihr eine geben könne. Ich verneine. Was ist mit Ihnen los, frage ich. „Meine Rente ist so klein“. Ob sie keine Familie habe? – „Ja, doch. Eine Tochter. Sie ist mit ihren beiden Kindern ausreichend beschäftigt.“ Ich frage, ob sie Berlinerin ist. – „Ja, aus Lankwitz“. Dieser Stadtteil im Südwesten ist so ordentlich wie die Frau, die mich mit großen Augen überrascht anschaut. Ich blicke vermutlich genauso perplex zurück.

 

Gibt es Zufallsbegegnungen? Oder ist es doch mehr? Ein Fingerzeig… vielleicht. Foto: Dirk_Kortus

 

Nach einer kurzen Pause setzt sie an: „Ich bin Rentnerin, davon kann ich einfach nicht leben.“ Sie spürt meinen kritischen Blick. „Ich bin seit 17 Jahren Erwerbsminderungsrentnerin. Da bleibt nicht viel übrig. Ich muss von 579 Euro im Monat leben.“ Ich biete ihr ein Fisherman Friends-Bonbon an. „Geht nicht“, wehrt sie ab. „Zucker ist für mich Gift. Ich habe den Magen einer Hundertjährigen. Alles rausgeschnippelt. Ich darf praktisch nichts mehr essen und trinken. Keine Süßigkeiten, kein Fleisch, kein Alkohol, einfach nichts.“ Wir schauen uns ratlos an. Die Frau wird vermutlich Ende sechzig sein. „Ich bekomme keine Hilfe. Ich bin ganz auf mich allein gestellt.“ Ich krame in meinem Portemonnaie, gebe ihr einige Euros und meine Visitenkarte. Ich sage, ich kenne einige gute Sozialeinrichtungen, die helfen könnten. Sie schaut auf den Boden. Mein Zug fährt ein. Wir verabschieden uns grußlos. Ihr Blick sagt: An wen bin ich denn da geraten? Ich steige in die Bahn, schaue nach ihr. Die Frau mit dem hundertjährigen Magen ist verschwunden.

 

 

Diese Zufallsbegegnung geht mir bis heute nach. Ich muss an Hans Fallada denken, der die Not der Menschen vor hundert Jahren so eindrucksvoll geschildert hat. Einfache Menschen, die unverschuldet in den Strudel der großen Krisen geraten sind. Menschen, die anständig bleiben wollten in Zeiten, in denen die Dreisten glänzende Geschäfte machten. Falladas Roman »Kleiner Mann – was nun?« erschien 1932. Auf Seite 372 heißt es:

„Was soll man tun in einer Stadt, die einen nichts angeht, als hübsch bei sich zu Haus zu bleiben, bei den eigenen Sorgen? Läden, in denen man nichts kaufen kann. Kinos, in die man nicht rein kann, Cafés für Zahlungsfähige, Museen für Anständiggekleidete, Wohnungen für die anderen, Behörden zum Schikanieren – nee Pinneberg bleibt hübsch bei sich zu Haus.“

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Unter Nachbarn

Unser Haus ist ein typisches Berliner Mietshaus. Gründerzeit. Anfang des 20. Jahrhunderts in die märkische Erde gepflanzt. Schickes Vorderhaus, enger Hinterhof, begrünte Brandwand. Zwei Seitenflügel, drei Aufgänge, kein Fahrstuhl. Vorne bürgerlich-großzügig, typisch Wilmersdorf. Die Treppenhäuser in den beiden Seitenflügel sind deutlich schmaler, die Hinterhofwohnungen kleiner, aber preiswerter. Die gut vierzig Mitbewohner – groß und klein, alt und jung, sind so unterschiedlich wie die Stadt. Vom BVG-Ruheständler über die Bosnierin, parterre rechts, die vor Krieg und Vertreibung geflüchtet ist, bis zu mir als Fernsehmenschen ist eine bunte Mischung vertreten. Wir kommen in der Regel gut klar. Einmal im Jahr gibt es ein Hoffest. Jede/r bringt etwas mit, bis Würstchen, Kartoffelsalat, Bier und Wein, Klatsch und Tratsch erledigt sind. Das Aufräumen machen immer nur einige wenige und die immer gleichen. Egal. Ein Haus zum Wohlfühlen? „Hier kannste nicht meckern“, meint eine unserer Wilmersdorfer Witwen. Mehr Lob geht nicht.

In unserem Haus Gieselerstraße 16 wohnten einmal zwanzig Menschen, die allesamt Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre verschwanden. Sie hießen Marie Eisner, Albert Fraenkel, Johanna Friedmann, Julius Hans Heymann, Cere Jacobsohn, Edith, Marianne und Walter Koeppler, Lange, Gertrud Moll, Hugo Philipps, Louise Schönlank, Leo Schlesinger, Gertrud Schumlowitz, Irma und Wolf Max Silberstein, Hilde Traugott, Alice Vandsburger, Meta Wisztnicki und Irma Wolfsohn. Auch sie träumten vom kleinen und großen Glück. Was diese früheren Bewohner unseres Hauses vereint: sie wurden abgeholt, verschleppt, viele in den Tod geschickt, weil das NS-Regime es so wollte. Ihre Namen stehen in einer kleinen Broschüre aus dem Jahre 1987 von Udo Christoffel. Berlin-Wilmersdorf. Die Juden. Was aus den Menschen geworden ist, wissen wir nicht. Nur drei Schicksale konnte mittlerweile unsere kleine  Anwohnerinitiative klären.

 

Liste der gemeldeten Juden in den Häusern der Gieselerstrasse 16, Berlin-Wilmersdorf im III. Reich. Vor ihrer Deportation. Quelle: „Berlin Wilmersdorf. Die Juden, Leben und Leiden“ Kunstamt Wilmersdorf. Hrsg. Udo Christoffel 1987.

 

Das Ehepaar Phillips wurde gegen ihren Willen in eine Einzimmerwohnung zwei Häuser weiter umquartiert. Weiterer Verbleib unbekannt. Am 5. August 1942 holte die Gestapo zwei Bewohner aus unserem Haus ab: die 64-jährige Irma Silberstein und ihren 71jährigen Ehemann Max. Das Ehepaar wurde nach Theresienstadt deportiert, schließlich im KZ Treblinka ermordet. Ein Nachkomme aus den USA besuchte vor einigen Jahren unser Haus. Für die beiden Silbersteins konnten vor unserer Haustür zur Erinnerung zwei zehn auf zehn Zentimeter große Messingschilder verlegt werden. Diese kleinen Mahnmale, besser bekannt als Stolpersteine, werden jedes Jahr geputzt. Am 9. November, dem Jahrestag der Reichpogromnacht, zünden Nachbarn Kerzen neben den Stolpersteinen an. In unserer Straße leuchten in dieser Nacht viele Kerzen vor den Häusern. Manchmal werden sie umgestoßen.

 

 

Die Stolpersteine sind das Verdienst von Gunter Demnig. Der Mann mit dem Filzhut hat mittlerweile über 96.000 Stolpersteine in mehr als dreißig Ländern verlegt. Was vor über dreißig Jahren mit einem ersten Erinnerungsschild auf dem Pflaster vor einer Kölner Haustür begann, zum Ärger der damaligen Behörden, hat eine große Laiengeschichtsbewegung in Gang gesetzt. Die Stolpersteine sind inzwischen weltweit das größte dezentrale Mahnmal an die Nazi-Verbrechen. Jeder Stein ehrt ein Opfer. Genau dort, wo die Menschen zuletzt lebten. Jeder Stein ist handgemacht. Ein Messingblech aus einem Millimeter Stahl wird in Beton verankert, um einen gewissen Schutz gegen Diebstahl oder Vandalismus zu gewährleisten.

Demig sagt gegen alle Kritik: „Die Stolpersteine sind keine Grabsteine.“ Sie sollen die aktive Erinnerung fördern: Wer hat hier gewohnt? Was wurde aus meinen früheren Nachbarn? Der gebürtige Berliner Gunter Demnig erntete Auszeichnungen, aber auch immer wieder Ärger mit Hauseigentümern, Behörden sowie mehrere Morddrohungen. Rund 800 Steine wurden beschädigt, sie sind längst ersetzt. Ein Kölner Pfarrer ermunterte den in Hessen lebenden Künstler, als er mit der Aktion begann: „Die Million wirst du wohl nicht schaffen, aber man kann ja klein anfangen.“ Demnig ist nun 75 Jahre alt geworden. Seine Mission will er fortführen, solange die Knie mitmachen. Im Juni 2023 plant er, mit seinem elfköpfigen Team den 100.000 Stolperstein zu setzen.

 

Germany, Berlin. 09.11.2022. Zwei Stolpersteine vor dem Haus Gieselerstrasse 16, in 10713 Berlin-Wilmersdorf. In Gedenken an Irma und Wolf Max Silberstein. Ehem. Bewohner, die als Juden 1942 nach Theresienstadt deportiert  und spŠäter in Treblinka ermordet wurden.  Foto: Mike Minehan

 

Vor unserem Haus sind zwei Stolpersteine verlegt. Es sollen mehr werden, sobald wir genaueres über das Schicksal der anderen verschollenen Nachbarn wissen.

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Mambo, Mozart und mehr

Wann gibt es das in der Berliner Philharmonie? Heiße Rhythmen, rhythmisches Klatschen, kreisende Hüften und tanzende Menschen im Foyer. Ausgelassen, spontan, begeistert zwischen Ausgang und Garderobe, ohne Programmankündigung und Sitzplatzreservierung. Die kubanischen Musiker des Havana Lyceum Orchestra verlängerten ihr zweistündiges Konzert im Kammermusiksaal und zogen in der Zugabe fröhlich-beschwingt aus dem Saal in die Empfangshalle. Dort sangen und improvisierten sie weiter, Chan Chan und Guantamera. So viel Lebensfreude, so viel Energie war schon lange nicht mehr in der eher hüftsteifen Philharmonie. Ein Konzerttempel, in der das gesetzte Publikum höchstens in Satzpausen mit einem spontanen Hustenkonzert auffällt. Mitten in der tanzenden Menge Hornistin Sarah Willis, lachend, ohne ihr Instrument, dafür mit neuen CDs, die sie dem Publikum hüftkreisend entgegenstreckt. Als wollte sie die ganze Welt umarmen. Was für ein wunderbarer Abend! Musik kann Flügel verleihen.

 

 

„Mozart y Mambo“ ist eine Erfolgsgeschichte. Das Crossover-Projekt ist ein Kind von Sarah Willis. Die Hornistin der Berliner Philharmoniker küsste nach einem ersten privaten Kubabesuch 2017 eine Idee. Warum nicht Mozart und Mambo miteinander verbinden? Warum nicht europäische Klassiker mit kubanischen Rhythmen würzen? Geht das? Das Waldhorn, das sie spielt, ist ein lautes, dominantes Instrument. Wer ins Horn bläst, muss ständig üben, sitzt im Orchester ganz hinten, braucht viel Puste und noch bessere Zähne. Lippenstift ist tabu. Seit 2001 riskiert die Amerikanerin bei den Philharmonikern eine „dicke Lippe“, um das Publikum mit ihrer Spielfreude zu erfreuen. Der Schritt zum Salsa war für sie ein sehr kurzer. Es hat sie einfach gepackt. Angeregt durch Wim Wenders Buena Vista Social Club-Doku besuchte sie Kuba und verliebte sich in Musik und Insel.

 

 

Die gebürtige US-Bürgerin aus Bethseda, Maryland hat keine Berührungsängste. Musik ist ihre Sprache. So knüpfte sie in der Trump-Ära Bande zum Havana Lyceum Orchestra. Das 2020 veröffentlichte Album setzte sich in vielen Ländern sofort an die Spitze der Klassikcharts. Jetzt ist „Mozart y Mambo“ erschienen. An diesem wunderbar leichten Berliner Abend, fernab vom Krisenmodus dieser Welt, legte das Orchester unter Leitung von José Méndez los. Hier ein „klassischer“ Mozart, dort kubanische Volkslieder, dazwischen fetzige Jazz-Improvisationen vom Feinsten, mittendrin die Weltbürgerin Sarah Willis, die mit Waldhornsoli und ihrem Mozart y Mambo-Projekt Herz und Seele verzauberte.

 

 

What a wonderful world! Lasst Musik sprechen. Eine andere, bessere Welt ist möglich.

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„Sein oder Nichtsein“

Die Hitlers kommen und gehen. Das Theater bleibt. Das ist die Geschichte von Sein oder Nichtsein. Shakespeare at its best. Polen, zu Beginn des II. Weltkrieges. Ein kleines Ensemble probiert, parodiert und präsentiert pointiert Hamlet. Das Team steht mit dem Rücken zur Wand, gibt alles, in den besten Momenten bringt es die Allmächtigen dieser Welt zum Wanken. So entsteht eine Parabel mit viel Galgenhumor, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt. New York 1942. Vor genau achtzig Jahren, als die Nazis auf dem Höhepunkt ihrer Macht sind, feiert die Tragikomödie Sein oder Nichtsein Premiere. Im Mittelpunkt eine Theatergruppe im von Deutschland überfallenen und besetzen Polen. Der Film wurde damals kein Kassenschlager. Das Echo auf die Hollywood-Produktion von Ernst Lubitsch war geteilt. Die Hitler-Parodie wurde vielfach als geschmacklos bezeichnet. Heute heißt es über den Klassiker: „Der Antifaschismus war niemals witziger“.

 

 

Regisseur Ernst Lubitsch, ein deutscher Jude, war 1922 in die USA ausgewandert. Auf die Kritik antwortete er: „Ich gebe zu, dass ich die Nazis nicht so dargestellt habe, wie das Filme und Theaterstücke sonst tun, wenn sie Naziterror zeigen. Keine Folterkammer, keine Auspeitschung; meine Nazis sind anders: Brutalität und Tortur sind ihre Alltagsroutine. Sie reden darüber wie ein Geschäftsmann über den Verkauf einer Handtasche. Sie machen ihre Witze über das KZ und die Leiden ihrer Opfer.“ Lubitschs Film basiert auf dem Theaterstück „Noch ist Polen nicht verloren“ des ungarischen Dramatikers Melchior Lengyel. Der Plot handelt von einer Warschauer Schauspieltruppe, die in verschiedenen Rollen und Verkleidungen die deutschen NS-Besatzer überlisten will.

 

Ernst Lubitsch. Deutscher Regisseur in den USA. (*1892 in Berlin. 1947 in Los Angeles) Foto: Wikipedia

 

Im Mittelpunkt das Schauspielerpaar Joseph und Maria Tura. Joseph freut sich, auf der Bühne, statt einer abgesagten Hitler-Parodie mit Hamlet glänzen zu können. Doch merkwürdigerweise verlässt immer bei seinen entscheidenden Worten Sein oder Nichtsein ein junger Mann den Saal. Dieser Leutnant ist ein aktiver Widerstandskämpfer und pflegt ein inniges Verhältnis mit seiner Frau. Bühne frei für Verwechslungen und überraschende Wendungen mitten in der NS-Besatzung. Längst geht es für alle im Ensemble ums nackte Überleben. Lubitsch: „Ich hatte die zwei etablierten und anerkannten Rezepte satt: Drama mit entlastender komödiantischer Einlage und Komödie mit dramatischen Elementen. Ich wollte niemanden zu keinem Zeitpunkt von nichts entlasten: Es sollte dramatisch sein, wenn es die Situation verlangt, und Satire und Komödie dort geben, wo sie angebracht sind.“

 

 

Beispiel gefällig? Hamlet-Mime Joseph Tura trifft als Fake-Professor den Gestapo-Chef: „Sie sind in London sehr berühmt. Wissen Sie, wie man Sie nennt? Man nennt Sie Konzentrationslager-Erhardt.“ – „Ach wirklich? Tatsächlich?“ – „Also man nennt mich Konzentrationslager-Erhardt!“ – „Ich habe doch gewusst, dass Sie so reagieren!“ Um den Warschauer Widerstand aber auch sich selbst zu retten, muss das Ensemble alles geben – und buchstäblich um Sein oder Nichtsein spielen.  Tatsächlich gibt es ein Happy End. Das Team wächst über sich hinaus. Dem Ensemble gelingt das Stück des (Über-)Lebens. Lubitschs Film ist eine zeitlose Komödie über die Kraft der Kreativität in Zeiten einer übermächtigen Besatzungsmacht, die am Ende mit Mut und Witz ausgetrickst werden kann. Das Ensemble kann sich nach England retten. Sein oder Nichtsein. 80 Jahre jung und kein bisschen veraltet.

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Hemingway in Charkiw

Was kann Literatur in Kriegszeiten bewirken? Die erste Aufgabe ist es, Augenzeuge zu sein. Festhalten, was geschieht. Die zweite muss sein, zu reflektieren, was möglich wird, was anders gemacht werden kann, was zu lernen ist. Das Internet ist voll mit russischen und ukrainischen Texten. Fast 80% der aktuellen Texte sind Kriegserzählungen, Liebesgeschichten fehlen. „Krieg zerstört die Sprache. Das führt zur Sprachlosigkeit“, sagt Serhij Zhadan. Schreibender, singender und freiwilliger Helfer an der Front. Ein mehr als aktiver Poet aus Charkiw. Seine geschundene Heimatstadt im Osten der Ukraine steht seit dem ersten Tag des Überfalls unter Beschuss. Doch die Charkiwer geben nicht auf, obwohl die Russen ihre Stadt seit seinem halben Jahr in ein Trümmerfeld verwandeln. Mittlerweile kehrt die Sprache zurück, sagt Zhadan, den man gut und gerne als Campino der Ukraine bezeichnen kann. Zhadans Kultband heißt übrigens „Hunde im Weltall“.

 

Serhij Zhadan in Toronto, 2019. Ukrainischer Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2022. Foto: Wikipedia

 

Sein soeben erschienenes Kriegstagebuch Himmel über Charkiw geht unter die Haut. Darin schildert er Belagerung, Beschuss und den Behauptungswillen einer jungen, multikulturellen Millionenstadt aus der Sicht eines Augenzeugen . Seit dem 24. Februar 2022 wird Charkiw beschossen: Wohnhäuser, Universitätsgebäude, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Sportanlagen, Kirchen, Theater, Kinos, Denkmäler, einfach alles. Der Himmel über Charkiw verdunkelt sich an vielen Tagen. Zhadan erklärt mir seinen Buchtitel Himmel über Charkiw wie folgt: «Himmel“ ist eine sehr universelle Metapher, es ist ein poetisches Wort. Aber gleichzeitig ist es eine sehr poetische Wahl. Seit dem Beginn dieses Krieges, dem Großen Krieg, nach dem Angriff Russlands, ist der Himmel für uns, für diejenigen, die in der Frontstadt Charkow leben, zu einer Quelle der Hoffnung geworden. Denn wenn der Himmel klar ist, gibt es keine Flugzeuge, keine Raketen, das bedeutet, dass alles in Ordnung ist. Aber es ist auch eine Quelle von Angst und Gefahr. Weil die Raketen von dort kommen. Dementsprechend schauen wir alle in den Himmel.“

 

 

Vor allem die Kinder von Charkiw hatten in den ersten Wochen Angst. „Sie haben geheult. Sie blieben in der U-Bahn. Viele leben bis heute in den Metroschächten“. Das Verrückte sei, so Zhadan, dass junge wie alte Charkiwer rasch den Umgang mit dem Krieg lernten. „Wir sind so stark wie noch nie. Wir betreuen das kulturelle Leben. Wir singen mit Kindern. Wir veranstalten literarische Feste und Lesungen. Menschen, auch Soldaten, brauchen Kultur. Wir organisieren zum Beispiel das Projekt „Charkiw Nummer 5“. Viele Künstler würden aber auch mit der Waffe an der Front kämpfen. Es sei ein „Volkskrieg“. In seinem Tagebuch notiert er am 14. März 22 über seine Stammkneipe: „Das Aushängeschild verkündet (natürlich auf Russisch): „Staryi Hem. Kaltes Bier, heiße Mädchen. Was für eine ideale Reklame. Ich mochte das Lokal sehr: ziemlich unprätentiös, dafür immer lebendig und fröhlich. Im Winter 2014 war es praktisch das Hauptquartier des Euromaidan. Am Hem stand ein Hemingway-Denkmal. Das habe ich immer Besuchern gezeigt. Im Sinne von – das gibt´s nirgends sonst, nur bei uns. Heute haben sie das Gebäude getroffen. Die Rede ist von Opfern, Verschütteten, Toten und Verletzten.“

 

Ernest Hemingway-Denkmal in Charkiw vor der Zerstörung am 14. März 2022. Quelle: BBC

 

Wem die Stunde schlägt. Aufzeichnungen aus einem Krieg. Serhij Zhadan hält in seinen atmosphärisch dichten Notizen fest, wie sich seine Heimatstadt erfolgreich  wehrt. Wie sie sich nicht den Traum nehmen lässt, Hemingway, das Hem und die ganze zerstörte Kultur wieder neu und noch glanzvoller aufbauen zu wollen. Wer verstehen möchte, was in der Ukraine geschieht, ist bei Serhij Zhadan bestens aufgehoben. Für sein „Kriegstagebuch“ wird dem 48-jährigen Rockpoeten auf der Frankfurter Buchmesse der „Friedenspreis“ verliehen. Es mag widersprüchlich klingen. Doch dieser Krieg ist selbst ein einziger Widerspruch. Geführt von Machthabern in Moskau, die im Namen des Antifaschismus ihren Nachbarn mit Raketen, Bomben und Lügen von sich selbst befreien wollen. Antwort Zhadan im Tagebuch: „Charkiw wird weiter eine Stadt der Dichter und Universitäten sein, ihr werdet sehen. Über der Stadt weht weiter die Staatsflagge. Die russische große humanistische Kultur sinkt auf den Grund wie die schwerfällige Titanic.“

 

Charkiw, Straße der Freiheit. Das Wohnhaus mit der Kneipe Hem und dem zerstörten Hemingway-Denkmal nach dem russischen Raketenangriff vom 14. März 2022. Quelle: BBC

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Solo Wolfgang

Anfang Oktober. Das Einheitswochenende. Schloss Neuhardenberg bei Berlin lädt zu einer Lesung. „Begräbnis einer Gräfin“ steht auf dem Programm, gelesen von der Schauspielerin Jutta Hoffmann. Es geht um die verwitwete Gräfin von Schwerin, die letzte Herrin auf Schloss Stolpe. Sie flüchtet 1945 vor der Roten Armee nach Lüneburg in den Westen. Als die Gräfin 1957 stirbt, soll sie wunschgemäß in ihrer märkischen Heimat bestattet werden. Der Transport über die deutsch-deutsche Grenze wird zur verwickelten Reise als „Stückgut“ zum heimischen Dorffriedhof. Eine wahre Begebenheit, dem Leben abgeschaut. Eine maßgeschneiderte Geschichte für Wolfgang Kohlhaase. Er machte daraus eine heiter-makabre Erzählung über Nachkriegszeit und deutsche Teilung. Die Lesung mit Jutta Hoffmann und Wolfgang Kohlhaase soll ein lebhafter Nachmittag gewesen sein. Ich wollte hin, hatte den Sonntag verpasst. Zu spät! Keine drei Tage später ist Kohlhaase tot.

 

Wolfgang Kohlhaase mit Regisseur Konrad Wolf. Dreharbeiten zu Solo Sunny, 1978/79. Foto: Dieter Lück, DEFA-Stiftung

 

„Wer nicht mehr neugierig ist, der ist alt“, sagte der Drehbuchautor und Schriftsteller einmal. In diesem Sinne war der waschechte Berliner aus Adlershof bis zuletzt jung geblieben. Er überlebte 91-jährig drei politische Systeme und hielt sein Leben lang klaren Kurs. Vater Kohlhaase, ein Maschinenschlosser, förderte sein Talent. Wolfgang volontierte gleich nach Kriegsende bei dem neuen Magazin „Start“, später bei der „Jungen Welt“. Da war er sechzehn. Beide Zeitungen trugen einen programmatischen Titel. Start, Neuanfang, eine bessere Gesellschaft aufbauen, ohne Willkür, aber mit Gedankenfreiheit. War das nicht ein wunderbares Ziel? Kohlhaase landete bald als Geschichten(er)finder bei der neuen DEFA in Babelsberg, der Traumfabrik des Sozialismus, dem märkischen Hollywood.

 

 

Den Berliner interessierten nicht große Abenteuer- oder Liebesdramen. Kohlhaase suchte und fand seine Stoffe vor der Haustür. Er beschrieb Menschen, „die durch die Welt geweht wurden“. Er fragte sich und sein Publikum, wie die kleinen mit den großen Geschichten zusammenhängen. „Filmemachen ist eine Reise des Herzens, zu der man das Publikum einlädt“. So schilderte er seine Heldinnen und Helden mit Respekt und aus nächster Umgebung. Texte, die stets stimmig waren: Treffsicher, schlagfertig, lakonisch. Wirklichkeitsnähe war für Kohlhaase kein Marketing-Versprechen, sondern sein Markenzeichen. Ob als deutscher Soldat Gregor in „Ich war neunzehn“ oder bei „Solo Sunny“, wo die schnoddrige Alte aus dem Hinterhaus Sängerin Sunny mit auf den Weg gibt: „Unterm Chauffeur ist schlimmer als unterm Auto“.

„Sommer vorm Balkon“. Take „Brauch ich nicht unbedingt…“

 

Wer kennt schon die Schreiberlinge? Die Kinostars stehen im Rampenlicht, können glänzen, werden berühmt. Doch die Akteure können nur so gut sein, wie die Geschichten und Schicksale, die sie verkörpern. Wolfgang Kohlhaase blieb wie so viele Drehbuchautoren der bescheidene Ideengeber im Hintergrund. Und doch fielen seine Texte auf, hatten stets eine eigene Handschrift. In „Sommer vorm Balkon“  erwartet der LKW-Chauffeur nach vollzogenem Akt von seiner neuen Bekanntschaft ein Frühstück. Ihre Ansage ist unmissverständlich: „Ist nicht im Preis inbegriffen und Tschüss!“

Wolfgang Kohlhaase blieb ewig jung. Im hochrespektablen Alter von Mitte Achtzig erzählte er die Geschichte einer Clique in der wilden Leipziger Nachwendezeit. Jugendliche zwischen Euphorie, Drogen und Depression. „Als wir träumten“ (2015), verfilmt von Andreas Dresen, ist typisch für den Mann, dem es gelang, Menschen wie dir und mir ein Gesicht zu geben. Und tollen Stoff zum Träumen.

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Der „Trottel“

„Eines der streckenweise intelligentesten Bücher, das der Rezensent je gelesen hat. Leider zerstört sich der Text nach und nach selbst, weil seine innere Wucht einerseits vertikal verpufft, andererseits seitlich auseinanderfließt.“ Oder: „Für jeden seiner vielen Fußnoten verdient dieser Mensch einen Stromschlag angemessener Stärke und Spannung.“ Der neue Roman „Trottel“ liefert gleich zu Beginn im Umschlagband „Anregungen und Vorschläge für Rezensenten, nützliche Bonmots für Streitgespräche oder zukünftige Nackenschläge“. Alles im Preis inbegriffen. Der „Trottel“ versorgt faule und/oder vorurteilsbeladene Vertreter der Kritikerkaste mit Munition für die Handhabung eines Buches, das wirklich anders ist als die anderen. Bereits der kurze Titel Trottel überrascht. Das Buch stammt aus der Feder von Jan Faktor. Er liefert auf 400 Seiten Außergewöhnliches mit Irrungen und Wirrungen, Höhepunkten und Tiefschlägen, Wort- und Gedankenspielen, die wie Salto Mortale durch die Seiten purzeln. Jan Faktor liebt die pure Lust am Experimentieren. Anarchisch, manchmal anstrengend und peinlich, aber stets witzig, klug und mit großer Herzenswärme. Ein Buch, bei dem der Lesende nicht weiß, was auf der nächsten Seite kommt.

 

Jan Faktor. Ein Prager in (Ost-)Berlin. Sein neuer Roman „Trottel“ ist für den Deutschen Buchpreis 2022 nominiert. Foto: CC-BY 4.0

 

Worum geht es? Ein Prager Informatiker macht sich nach dem 68er-Einmarsch der Russen auf den Weg nach Berlin, Hauptstadt der DDR. Er will die Welt kennenlernen, so wie sie ist. „Die stille Frage meiner Jugend lautete, ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann“. So lautet der erste Satz im Roman, so bricht der tschechische Schwejk zu seiner Ostberlin-Odyssee auf. Er flieht aus der „Prager Vorhölle“, aus dem „fauligen, verfilzten, porenverstopften Knödelgeschwulst“. Er entdeckt „den seltsamen Trost von Chicorée“, staunt mit böhmischem Blick über die Ost-Berliner Bohème-Szene. So taucht der Trottel in die Szene vom Prenzlauer Berg der achtziger Jahre ein, in einen der schrägsten Winkel Berlins direkt am antifaschistischen Schutzwall, mit Abrisshäusern, Klo auf halber Treppe und Freiraum für alternative „Trottel-Träume“.

 

400 Seiten Entdeckungen zwischen Prag und Prenzlauer Berg.

 

Jan Faktor, in der Szene nur Honza genannt, stolpert durch das Prenzlauer Berg-Biotop der Kreativen, Punks und Unangepassten. Als tschechischer Exot mischt er in der Ost-Berliner Undergroundszene mit, organisiert heimlich Lesungen in verrauchten Wohnküchen, teilt mit anderen aus der „Deutschen Reichsbananenrepublik“ ihr Leben in der DDR-Nische „vollprivat bis tiefintim“. Er staunt über das Wunder der Wende und entwickelt eine Leidenschaft für Rammstein. Das Stahlgewitter der Ost-Combo wird sein Sound, der Herz, Geist und Seele wärmt. Was ist das Geheimnis der Kultband? Der Trottel findet die Antwort. Mehr im Buch. Heute ist vom einstigen Aussteiger-Viertel Prenzlauer Berg nur der Mythos geblieben. Nach der Wende hübschten Immobilienfonds das einstige Dissidenten-Quartier in ein luxussaniertes, gehobenes Bionade- und Latte-Macchiato-Viertel auf.

 

Jan Faktor liebt Rammstein.

 

Der Trottel ist auch ein sehr privates Buch geworden. Jan Faktor gibt viel preis, balanciert in seinem Familienepos auf einem schmalen Grat. So reflektiert er über die Liebe zu seiner Frau und das Trauma, seinen Sohn durch Suizid verloren zu haben. Seiner Weggefährtin dankt er mit der Widmung „an meine Frau, die dieses Buch lieber nicht lesen sollte“. Zu guter Letzt: Das deutsche Wort Trottel ist kaum übersetzbar. Für Faktor ist sein Trottel kein Schelm, der sei zu klug, aber auch kein Idiot wie bei Dostojewski. Sein Trottel sei von liebenswürdiger Ehrlichkeit, neugierig, naiv und stets ein wenig chaotisch. Sein Leitspruch: „Meine Großmutter meinte, man hätte es im Leben generell einfacher, wenn man unterschätzt wird.“

Den ungewöhnlichen Roman Trottel kann man nicht beschreiben. Man muss ihn lesen. Es lohnt sich.

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Väterchen Russland! Was machst Du?

„Was ist mit Russland passiert? Seit dieser Krieg im Februar 2022 begonnen hat, haben mir viele Leserinnen und Leser aus der Ukraine geschrieben. Sie haben mir Fotografien von U-Bahnhöfen aus Kiew und Charkiw geschickt, die sich bei russischen Artillerie- und Bombenangriffen in unterirdische Bunker und Städte verwandelten und in denen Menschen zum Teil wochen- und monatelang gehaust haben. Sie schrieben mir: »Sehen Sie, Dmitry, Sie haben das alles vorausgesagt. Wir leben jetzt in Ihrem Buch Metro 2033.« Natürlich habe ich, wie wir alle, diesen Krieg nicht voraussehen können. Sicher, ich habe mir mit großer Begeisterung apokalyptische Szenarien ausgemalt, aber dabei nie wirklich daran geglaubt, dass eine so ungeheuerliche Barbarei, eine so sinnlose Grausamkeit im 21. Jahrhundert möglich sein könnte und dass sich ein Volk so einfach von unsäglichen Propagandalügen in die Irre führen lässt. Doch dieser Krieg ist tatsächlich ausgebrochen und dauert nun schon viele Monate an. Und begonnen hat ihn Russland, mein Heimatland.“

 

Dmitry Glukovsky. Seine Science-Fiction-Trilogie „Metro 2033, Metro 2034, Metro 2035“ wird Realität. Er wünscht seinem unglückseligen Land „keine Niederlage, aber Heilung und Austreibung der Dämonen“. Foto: Michael Förtsch

 

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Auszüge aus dem Vorwort von „Geschichten aus meiner Heimat“ von Dmitry Glukhovksky. Jahrgang 1979. Geboren in Moskau. Weltbürger. Sprachgenie. Ausbildung als Journalist in Jerusalem. Mitarbeiter bei Russia-Today. Bestsellerautor der SF-Romane Metro 2033-35. (Trilogie über seine Heimat Russland. Story spielt nach einem Atomkrieg in der Moskauer U-Bahn) Mitverfasser einer Anti-Kriegs-Petition vom März 2022, die eine Million Russen unterzeichnet haben. Seit dem 7. Juni 2022 auf Putins Fahndungsliste. Glukhovsky lebt mittlerweile im Exil.

Am 19.10.2022 erscheint sein neues Buch: „Geschichten aus der Heimat“.

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„Was sind das für Dämonen? Jeder russische Schriftsteller, der etwas auf sich hält, macht sich irgendwann einmal Gedanken über das »Schicksal des Vaterlands«. Denkt darüber nach, warum in Russland immer alles anders ist »als bei normalen Leuten«.

(…)

Diese Krankheit hat einen Namen: Mythomanie. Mythomanie einerseits im Sinne einer obsessiven Faszination für Mythen, mit denen die harte, hässliche, unerträgliche, oft genug auf tragische Weise erbärmliche Wirklichkeit verschleiert werden soll – und andererseits in psychologisch-medizinischem Sinne: Mythomanie als ein unbeherrschbares Verlangen zu lügen und sich zu verstellen, selbst wenn die Lüge offensichtlich und für alle zu erkennen ist, ja, selbst dann noch zu lügen, wenn einem daraus nur Nachteile entstehen. Die Antwort auf die Frage: »Wie konnte Russland von einem demokratischen Staat zu einer totalitären, neosowjetischen Diktatur werden?«, lautet: Russland ist nie eine Demokratie gewesen und ist heute auch keine totalitäre Diktatur.

 

Geschichten aus der Heimat von Dmitry Glukhovsky. Erscheint in Deutschland am 19.10.2022

 

In den dreißig Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion ist mein Land stets eine durch und durch korrupte Bananenrepublik – vergleichbar mit gewissen lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten – gewesen und bis heute geblieben, nur dass es statt Bananen Öl und Gas verkauft und damit den Rest der Welt erpresst. Die Leute, die durch Zufall ans Ruder der Macht gekommen sind, allesamt Versager und absolutes Mittelmaß, haben sich am wunden Euter dieser einst so bedeutenden Weltmacht festgekrallt und sie bis auf den letzten Tropfen gemolken. Und genau diese Günstlinge des Schicksals, diese selbsternannten Zaren versuchen sich nun mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verewigen und das Volk von der sakralen Natur ihrer Macht zu überzeugen. Gerade weil sie sich bewusst sind, dass ihre Macht reiner Zufall ist, sind sie jetzt so peinlich bemüht, ihren eigentlich völlig nackten Hintern mit heldenhaften Mythen zu verhüllen. Anfangs versuchten sie sich noch wie ein progressiver, moderner, demokratischer Staat zu gerieren. Jetzt mühen sie sich ab, unsere Bananenrepublik als schaurigen Wiedergänger einer Sowjetunion Stalinscher Prägung zu inszenieren. (…)

 

 

„Doch auch das ist Russland: meine unglückliche, unfassbare Heimat, in die ich möglicherweise nie mehr zurückkehren kann. Mein Land, dem ich in seinem sinnlosen Kampf gegen den Rest der Welt keine Niederlage wünsche, sondern Heilung, Austreibung der Dämonen, die von ihm Besitz ergriffen haben, Buße für das, was es der Ukraine angetan hat und antut, und Aussöhnung mit sich selbst“.