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Warten auf den 101er

Bushaltestelle U-Bahnhof Konstanzer am Berliner Preußenpark. Alle zwanzig Minuten hält hier ein Bus. Nicht weit vom Kurfürstendamm, im gutbürgerlichen Wilmersdorfer Westen. Seit vielen Monaten sitzt in der Haltestelle eine Frau und wartet auf den Anschluss. Sie hat sich mit Decken, Tüten, Rollkoffer und Schirm auf den Sitzbänken eingerichtet. Sie wohnt, lebt, schläft hier. Die Busse kommen, halten und fahren weiter. Sie steigt nicht ein. Mit einem Handbesen hält sie Ordnung, fegt den Boden. Meistens hat sie sich in Decken gehüllt. In eiskalten Januar-Nächten wie an heißen Julitagen. Der Hauptstadtverkehr tobt an dieser vielbefahrenen Kreuzung. Passanten hasten achtlos vorbei. Die Frau bleibt. Ihre Adresse ist die Bushaltestelle 101. Sie ist eine von tausenden Obdachlosen in der Hauptstadt. Ganz in meiner Nähe.

Wer ist diese Frau? Woher kommt sie? Welcher Schicksalsschlag hat sie in die Wartehalle verbannt? Ist sie freiwillig hier? Hat sie Familie? Einen Mann? Kinder? Freunde? Verwandte? Wer kümmert sich um sie? Wie hält sie das durch? Auf alle diese Fragen kann ich keine Antwort geben. Ich habe sie angesprochen, ihr Geld geben wollen. Sie hat mich brüsk und voller Stolz abgewehrt und schimpfte auf Slawisch. Sie muss irgendwo aus Osteuropa im Berliner Westen gestrandet sein. Einmal habe ich ihr heimlich einen Schein zugesteckt, während sie offenbar schlief. Ein anderes Mal habe ich gesehen, wie sie in ihrer Haltestelle für Sauberkeit gesorgt hat. Die kleine, stolze Frau muss älter sein. Ihr Gesicht ist von den Strapazen der Straße gezeichnet.

 

Haltestelle 101. Mitte Januar 2023. Außentemperatur: -2 Grad.

 

Direkt hinter der Bushaltestelle ist ein großer Spielplatz. Gegenüber befindet sich eine Kirchengemeinde. Laufen alle an ihr vorbei? Ob andere Menschen ihr etwas zustecken? Wo isst sie? Was hat sie zum Leben? Was – vom Leben? Wieder fährt der 101er vor. Er hält nur  kurz, weil niemand einsteigt. So ist das alle zwanzig Minuten, im Berufsverkehr alle zehn Minuten. Ich habe aus meiner journalistischen Arbeit mit Obdachlosenprojekten gelernt, wie schnell ein Mensch alles verlieren kann. Haus und Hof, Familie und Freunde, Beruf und Gesundheit. Halt und Hoffnung. Wer keine Hilfe findet, landet am Ende auf der Straße. Oder an der Haltestelle des 101er.

In den letzten Nächten war es in Berlin bitterkalt, deutlich unter dem Gefrierpunkt. „Meine Busfrau“ sitzt in ihrer Wartehalle dick vermummt. Die Decke über den Kopf gezogen. Die Decke bewegt sich. Sie atmet. Sie lebt. Ich habe die Notnummer des Kältebusses gewählt. Mein Hilferuf schaffte es nur bis zum Anrufbeantworter. Zurückgerufen hat niemand. Vielleicht waren sie vor Ort? Oder haben die Freiwilligen einfach zu viel zu tun? Mich quält eine Frage: Was macht man mit Menschen, die in Not sind, sich aber nicht helfen lassen wollen? Jeder Mensch ist doch bestimmt zu leuchten.

 

Haltestelle 101. Anfang Juli 2022. Außentemperatur: +30 Grad.

 

Die Berliner Notnummern: Kältebus der Berliner Stadtmission. Tel. 030 699333690. 20 – 3 Uhr. Wärmebus des Deutschen Roten Kreuz. Tel. 030 600 300 1010. 18-24 Uhr.

 

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Last Song

„Gitarrengott. Jahrhundert-Gitarrist. Saitensänger“. Die Nachrufe auf den 78-jährigen Geoffrey „Jeff“ Arnold Beck schwelgen weltweit in Superlativen. Jeff Beck verabschiedete sich in diesen Tagen überraschend – für immer. Wenn es ein Himmelsorchester gibt, dann erhalten Jimi Hendrix, B.B. King, Chuck Berry, Prince, Stevie Ray Vaughan und viele andere eine brillante Verstärkung. Das Fachblatt Rolling Stone setzte den Briten einmal auf Platz fünf der 100 besten Gitarristen aller Zeiten. Dabei landete der stille Gitarrero kaum eigene Hits. Er sprang in den Sechzigern für Eric Clapton bei den Yardbirds ein. Spielte gemeinsam mit Jimmy Page. Jeff war der Typ vielgefragter Studiomusiker. Seine Mission? Er verfeinerte Songs, experimentierte, ließ mit seiner Fender-Stratocaster die Saiten singen, gemeinsam mit Rock-, Blues- oder Jazz-Größen. Er brachte seine Gitarre zum Sprechen. Tanzen. Vibrieren. Lachen. Weinen. Und wie!

„Wenn du nicht singst, musst du dich auf das konzentrieren, was die Leute hören. Klang ist alles“, meinte Jeff Beck. Seine Neugierde leitete den Gitarristen über sechzig Jahre: im Studio, in kleinen Clubs oder auf großen Bühnen. Ein schönes Beispiel, wie Jeff seinen Gefühlen den richtigen Drive geben konnte, ist: Cause we´ve ended as lovers.

 

 

Drei Wochen vor Woodstock löste Jeff Beck 1969 seine Band auf und verpasste den ganz großen Durchbruch. Dafür experimentierte er in den Siebzigern mit Jazz-Größen wie dem tschechisch-amerikanischen Keyboarder und Komponisten Jan Hammer. Später jammte er gemeinsam mit Stevie Wonder im Rhythmus von Soul und Funk. Hier „Superstition“  – eine Live-Version des Welthits.

 

 

Jeff Beck: „Ich liebe es, wenn jemand meine Musik hört, aber keine Ahnung hat, was ich für ein Instrument spiele. Das ist für mich das größte Kompliment“. Hier folgt ein Live-Auftritt mit der wunderbaren Beth Hart aus dem Jahre 2017. Die beiden interpretieren I’d Rather Go Blind.

 

 

Vor wenigen Tagen hat Jeff Beck seine Lebensreise beendet. Trotz des Alters kam sein Tod überraschend. Eine Meningitis-Infektion war stärker. Noch im vergangenen Herbst 2022 war er mit Johnny Depp und ihrem Album „18“ auf Welttournee. Zum Abschied ein Live-Mitschnitt aus dem legendären Crossroads-Festival von 2007.

Jeff. Ich hoffe, es gibt im nächsten Level eine Gitarre für Dich und gutgelaunte, musikalische Mitstreiter. Spiel weiter, wo immer du auch bist.

 

 

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Amour fou Teil 5 – Finale

Was blitzartig entflammt, kann glänzend leuchten. Irgendwann verlischt das Licht wieder. Es wird ausgepustet. Oder vergeht, hat keine Kraft, findet keine Nahrung mehr. Was ist Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen, meinte einmal ein Berliner Entertainer. Ingeborg Bachmann und Max Frisch waren beide stets auf der Suche nach dem kleinen und großen Glück. Sie wussten: Schreiben kann Küssen mit dem Kopf sein. Am Ende ihrer aufregenden, rasch aufreibenden gut vierjährigen Beziehung werden die Briefe kürzer, schärfer und unversöhnlicher. Gebrochene Herzen schmerzen. Leben will ich, heißt es so schön: und nicht immer nur so tun.

Mittlerweile streiten sich die Gelehrten, ob der Briefwechsel „eine Sensation“ oder „auf keinen Fall“ hätte veröffentlicht werden dürfen, weil Privates privat bleiben sollte. Hier meine letzte Folge von kurzen Auszügen, das Finale einer Amou fou der Literaturgeschichte. Wer es genauer wissen will: „Wir haben es nicht gut gemacht“ bietet (mit mehreren Nachworten) auf mehr als tausend Seiten viel Lesestoff.

 

Dokument der Auseinandersetzung auf der Rückseite eines Briefes. Juli 1962. (Brief 157) Quelle: Piper/Suhrkamp

 

2.Juni 1963 – Rom Max Frisch

„Liebste Ingeborg,

Wir sind halt ein berühmtes Paar gewesen, leider, ohne unser Zutun. … Ich danke Dir noch einmal für die Lektüre meines Manuskripts, für den entscheidenden Ansporn, den Du mir von Anfang gegeben hast zu diesem Unternehmen, das so gefährlich ist, das ich manchmal verzweifle. Deine Kritik ist für mich einleuchtend. Dass vieles noch sehr schlecht geschrieben ist, sagst Du nicht, aber ich weiß es ja; ich möchte den Sommer verwenden. Inzwischen hat sich schon viel verändert, teils auch in dem Sinn deiner Kritik. …

Es ist auch mein eigener Wunsch, dass ich das fertige Manuskript, bevor ich es aus der Hand gebe, nochmals zeigen darf. Das wäre, so hoffe ich, im Herbst. Außer einem Abschnitt (Gantenbein als Vater) ist jetzt alles skizziert, aber streckenweise so dürftig geschrieben, dass ich schwitze, wenn ich darin lesen muss. Es ist mein höchster Ehrgeiz, dass das Buch vor Dir bestehen kann; das ist, ich weiß, nicht ein fernes Ziel, und dann zweifle ich wieder, ob ich es erreiche, aber dann werde ich es auch nicht herausgeben. Lass mich also wissen, wann und wo Du ankommst.

Alles Gute dein alter Max“

 

20. Juni 1963 – Ingeborg Bachmann (auch an Marianne Oellers)

Rom Hotel Savoy, wo ich wohne

„Max, dieser Brief ist auch für Marianne bestimmt, sie soll ihn mitlesen. Ich reise heute ab, es ist also zum zweitenmal gelungen, mich loszuwerden, nur ich reise diesmal mit einem anderen Gefühl, dem der totalen Hoffnungslosigkeit. …

Leb wohl. … Was uns betrifft, das ist auch kein Geheimnis vor ihr; wir werden einander nicht mehr sehen, nach diesen Worten nicht. Ich bin nach Rom gekommen, nicht Du nach Berlin, und das hat ein Ende. Ich kann nicht weiter.

Ingeborg“

 

 

21. Juni 1963 – Rom Max Frisch

Liebste Ingeborg,

…“Was deine Freunde sich dachten: ob ich dir zu alt bin oder nicht außerordentlich genug, verglichen mit ihnen, soll mich nicht kümmern. Du machtest mich (da ich das Wort schon einmal in den Mund genommen haben´, zögere ich nicht mehr es zu verwenden) zum Arschloch, wenn ich mich dann, sei es in der Gegenwart oder ebenso ohne deine Gegenwart, durchaus zu deinem Gefährten ausgab. … Und ich wünsche Dir Glück, Ingeborg, ich wünsche es Dir wirklich. Ich habe Dich sehr geliebt.

Dein alter Max“

 

Ingeborg Bachmann Quelle: Münchner Stadtmuseum

 

20. März 1964 – West-Berlin Ingeborg Bachmann

Lieber Max,

ich will alle Briefe zurückhaben, nicht nur die Zettel und Briefe, die mir versprochen wurden und die bis heute nicht eingetroffen sind, nach monatelangem Warten. Auf die Angabe der Gründe verzichte ich, da Du sie kennst und ich Dir die Aufzählung ersparen möchte. Ich möchte nur noch jedem denkbaren Missbrauch vorbeugen, und es ist selbstverständlich, dass ich nichts aufbewahren werde. Ich versprach Dir schon vor langer Zeit, dass ich Dich, Deine Arbeit und alles immer schützen werde. …

Ich ersuche nur noch um die rasche Rücksendung aller Papiere, damit die Tortur ein Ende hat.

I.“

 

Max Frisch. 1960. Quelle: DHM

 

6. April 1964 – Rom Max Frisch

Liebste Ingeborg,

… “Ich will alle meine Briefe zurückhaben, schreibst Du. Diesen Wunsch werde ich Dir nicht erfüllen. Deine Briefe gehören mir, so wie meine Briefe Dir gehören. Wenn Du dir eine Tortur daraus machst, dass Du mir einen gemeinen Missbrauch mit den Briefen zutraust, kann ich Dir nicht helfen. Du wirst dich damit begnügen müssen, dass ich jede Veröffentlichung von Briefen testamentarisch verboten habe, nicht jetzt, schon vor Jahren. …

Wenn Du immer und immer wieder verletzt sein willst, kann ich´s nicht hindern, auch damit nicht, dass ich auf diesen feindseligen Ton mit Ruhe antworte. Ingeborg! Das ist nicht gut, ich beschwöre Dich.

Dein alter Max“

 

ENDE

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Amour fou Teil 4 – Alles wird anders

Das neue Jahr beginnt mit einem Heiratsantrag. Warum nicht? Entscheidend ist, ob die Werbung zum passenden Zeitpunkt kommt. Und ob der oder die Angesprochene Ja sagt.  Es geht um das Wagnis der Ehe mit Zweisamkeit bis „an das Ende unserer Tage“. Das bedeutet in aller Konsequenz eine feste Bindung mit Trauschein. Für supersensible Kopfmenschen wie Ingeborg Bachmann und Max Frisch wäre die Ehe eine heikle Sache geworden. Wer ständig nach Freiheit und Unabhängigkeit strebt, muss eine Bindung rasch als Gefängnis empfinden. Bachmanns Antwort auf den Frisch-Antrag blieb aus. Verheiratet waren die beiden nie. Dennoch zeigt die vierjährige Affäre alle Merkmale der „Banalität einer Beziehung“. Alltag kehrt ein, mit Missverständnissen, gekränktem Stolz und Eifersucht. Aus dem stürmischen Wagnis zum gemeinsamen Glück ergeben sich alsbald komisch-traurige Szenen wie in einer Ehe. Bachmann und Frisch sind sich am Ende in einem Punkt einig: Wir haben es nicht gut gemacht. Ihr nun vorliegender Briefwechsel ist auch 2023 eine Empfehlung.

 

8. Oktober 1959 – Portoverene Max Frisch

Meine geliebte Ingeborg!

Ich sehne mich sehr nach Dir, aber das soll Dich nicht stören in deinem Glück, wieder allein zu hausen; auch dieser Brief soll Dich darin nicht stören. Genieße es, arbeite, erschrick nicht! Du weißt es ja schon, was ich Dir schreiben will. Das Jahr seit Portovenere erscheint mir als ein großer Weg für uns beide; ich stehe, wo ich ohne Dich nicht stünde, und glaube, auch Du stündest anderswo, wenn wir einander nicht gefunden hätten, vor allem (wenn) wir einander nicht schon einmal verloren, und durch den Verlust wiedergefunden hätten, wieder und anders und ohne Zurück.

Ich möchte, dass du meine Frau wirst, Ingeborg, dass wir heiraten und dafür eine Einrichtung finden, die dir deine Arbeit und deinen Selbstsein nicht verhindert, aber eine wirkliche Ehe mit der vollen Verbindlichkeit. Sag mir jetzt nichts; ich werde Dich zum Jahresende fragen, ob Du es auch wollen kannst. Bedenke dabei auch unseren Altersunterschied. Ich weiß jetzt, dass ich es nicht nur will, weil Du es einmal erwartet hast, sondern ich glaube, dass wir jetzt nach diesem Sommer erst im Stande sind zu unserer Ehe.“

 

Das Leben – ein Schachspiel? Ingeborg Bachmann. Frühjahr 1962 Foto: Österreichische Nationbibliothek

 

11. Oktober 1959 – Zürich Ingeborg Bachmann

„Liebster,

ich habe heute deinen Expressbrief von der Sihl-Post abgeholt; beim Wiederlesen jetzt wo ich Dir drauf antworten wollte, bemerkte ich, dass du sagst, ich solle jetzt nicht darauf antworten – also tue ich es nicht. Aber ich danke Dir sehr, sehr. … Ich brauch dich so! Aber wie soll ein Bär das aushalten, so eine Frau ohne Zeitbegriff und mit Schwermut. Ich liebe dich und ich umarme dich fest, fest – Deine Ingeborg“

 

18. November 1960 – Uetikon Ingeborg Bachmann

Liebster Max,

… Ich fürchte, der schwerere Fall bin ich, obwohl es mir auch gut geht. Aber heute morgen (mittag) bin ich wirklich verzweifelt aufgewacht, denn was mit meinem Schlaf los ist, das ist langsam zum Verrücktwerden. Es zerstört mir den ganzen Tag und nachts kann ich doch auch nicht arbeiten. Ich bemühe mich derart zu einer Normalität zu kommen, mit Pulvern, Anstrengungen, aber es wird immer schlimmer.

Gestern bin ich um neun Uhr schlafen gegangen, weil ich müde war, gegen zwei wache ich auf und kann dann trotz aller Tabletten es gegen den Morgen einschlafen und wache betäubt zu Mittag auf. Und wenn ich abends nicht einschlafen kann, dann schlaf ich erst gegen fünf oder sechs Uhr früh ein und das ist zum Verrücktwerden, weil mir bei diesen Nachtwachen nur elend ist, der Kopf zerspringt mir dabei, und am Tag bin ich halbtot. Ach, Bär, ich bin wirklich verzweifelt, zum Arbeiten bleibt so wenig Zeit – und wie soll ich das ändern? Vielleicht hätte ich doch in dieses Institut nach München zum Kreislaufentstören gehen sollen. Something is wrong with me. Aber ich weiß nicht, wo der Defekt zu suchen ist, ob im Körper oder in der Seele. …

ich habe so wenig zu berichten von hier. Drum schicke ich dir nur viele Grüße, Zärtlichkeiten und Aufmunterungen.

Deine Ingeborg.“

 

Max Frisch Rom 1962 Foto: Mario Dondero

 

5./6. Mai 1962 – Rom Max Frisch

Geliebte Ingeborg,

„… und ich hörte, dass es einen Menschen gibt, den Du sehr lieb hast. Ich bat dich um den Namen. Du hast ihn gesagt. Ich habe mich damit abzufinden. Einen Menschen sehr lieb haben, das heißt viel. Du hast in deinem Brief, soweit ich ihn richtig erinnere, recht, wenn Du sagst: Venedig-Vertrag, aber dann ist es halt nicht so. Nicht ein Flirt, nicht eine Nacht, sondern Du ahst einen Menschen sehr lieb. Dass dir das zusteht, ist außer Frage. Es fragt sich nur, wir ich im besten Fall damit fertigwerde; das ist meine Sache. Ich gestehe dir, dass ich darauf nicht gefasst war, darauf nicht. Drum meine tiefe Verwirrung, obschon es früher oder später zu erwarten war. …

Wenn ich mich frage, wohin ich meine Mühe richten soll. Es gibt nur eine Richtung für meine Mühe, die schwerste: der Verzicht. Venedig-Vertrag. Ich sagte dir in der Nacht, dass ich davon Gebrauch gemacht habe. Ich werde älter, ich musste wissen, ob ich noch ein Mann bin. Ich habe, mich an den Vertrag haltend, darüber geschwiegen; ich konnte es, denn ich habe keinen Mensch sehr lieb außer Dir. Es hat uns nicht berührt. …

Ich liebe Dich, Ingeborg, aber ich weiß, dass daraus keinerlei Anrecht abzuleiten ist. Mach´s gut!

Dein alter Max“

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Alle Jahre wieder

Für viele war dieses abgelaufene 2022 ein anstrengendes, beschwerliches und beängstigendes Jahr. Pandemie, Klimakrise, Krieg, Energieteuerung und Inflation haben uns Grenzen vorgeführt. Was mich am meisten beschäftigt: Unsere Eliten wirken erschöpft, sie sind offenbar nur noch mit Machterhalt und dem eigenen Wohlergehen beschäftigt, ob beim kleinen RBB oder der großen FIFA. Dazu eine UNO, die wie ein gelähmter, kranker Riese hilflos durch eine Welt in Flammen, Hunger und Not stolpert. Da muss sich was ändern.

Alternativen gibt es immer. Im privaten wie im gesellschaftlichen Leben. Ich wünsche angenehme Weihnachtstage zum Durchatmen, tolle Erlebnisse mit Familie, Freunden, Nachbarn oder Überraschungsgästen. Viel Zuversicht, Kraft und Energie für 2023.

Vielen Dank für Eure/Ihre Treue.

Christhard Läpple

 

Wer mag, ein junges Trio, das mich 2022 überrascht hat.

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Oh, Sister

Es ist ihr Abend. Hanna Kopylova läuft nervös durch den Saal, der sich gleich füllt. Ihr Film „Oh, Sister“ hat Deutschland-Premiere. Wer wäre da nicht aufgeregt? Doch die Frau aus Kiew, die in der Berliner Staatsoper eine Nobelpreisträgerin, eine Kulturstaatsministerin und ein neugieriges Publikum erwarten kann, ist aus einem anderen Grund „total gestresst“. Ihre beiden Kinder (12 + 9 Jahre alt) verbringen in Kiew den Tag nicht in der Schule, sondern im Bunker. Luftalarm! Zum x-ten Mal. Putin schickt seine Raketen und Drohnen zur „Befreiung vom Nazismus“. Die ukrainische Luftabwehr hat alle Hände zu tun. Sie kann viele der 72 Geschosse abfangen, aber eben nicht alle. Wieder sterben Menschen. Wieder gibt es in weiten Teilen kein Strom, keine Wärme, kein Wasser. „Ich wäre jetzt viel ruhiger, wenn ich bei meinen Kids in Kiew wäre“, sagt die 34-jährige. „Hier in Berlin ist Weihnachtsmarkt. Es riecht nach Glühwein. Die Menschen sind sorglos. Das stresst mich.“ Das Licht geht aus. Ihr Film „Oh, Sister“ beginnt.

 

 

Hanna Kopylova hat im Juni 2022 die drei Nobelpreisträgerinnen Leymah Gbowee aus Liberia, Tawakkol Karmen aus dem Jemen und Jody Williams aus den USA auf einer Reise durch ihr geschundenes Heimatland begleitet. Alle drei Frauen setzen sich vehement für Friedenslösungen ein, kämpfen zum Beispiel für das Verbot von Landminen. Die Ukraine ist mittlerweile ein Land voller Minen und noch mehr Leid, aber auch ein Land mit mutigen, unbeugsamen Frauen. Deren Geschichte erzählt der nur zwanzigminütige Streifen mit eindrucksvollen Beispielen. In diesem berührenden Film berichten eine 24-jährige Sanitäterin, eine Apothekerin, eine Juristin, zwei Schaffnerinnen und die Leiterin einer Kindeshilfsorganisation ohne Pathos von ihrem täglichen Kampf ums Überleben. An der Front, dahinter, mittendrin. Putins Raketen fliegen ihnen um die Ohren. Die Frauen nähen Tarnnetze, verbinden Wunden, evakuieren Kinder aus größter Not. Sie riskieren ihr Leben und halten stand: Sie sind wie ein „Fels in der Brandung“.

Irgendwann stellt die US-Amerikanerin Jody Williams die Frage, die unausweichlich zu stellen ist. Warum müssen Frauen den Schlamassel wegräumen, den Männer anrichten? „Wir Frauen müssen klar Schiff machen. Männer müssen endlich zur Seite treten“.  Die jemenitische Menschenrechtlerin Tawakkol Karmen stimmt zu: „Wer macht den ganzen Müll, das ganze Chaos? – Männer. Und wer räumt den Schlamassel weg? – Wir Frauen!“ Das Wichtigste, was jetzt zu tun sei, formuliert Oleksandra Matviychuk, die Friedensnobelpreisträgerin von 2022: „Wir brauchen einen Internationalen Gerichtshof, der die Kriegsverbrechen anklagt. Ja, wir brauchen ein zweites Nürnberg, wie nach dem II. Weltkrieg. Putin und alle Verantwortlichen, auch die Generäle, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“

Die ukrainische Anwältin Oleksandra Matviychuk sagt noch: „Bisher haben wir 27.000 Kriegsverbrechen in der Ukraine dokumentiert.“ Mehr Infos unter #TribunalForPutin.

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Amour fou – Teil 3

Frühjahr 1958. Da bin ich im Mai geboren. Meine Mutter meinte, ich sei ein Spätstarter gewesen. Meine Mutter war Musikerin. Sie liebte, nein, sie verehrte in jenen Tagen Ingeborg Bachmann.  Die Lyrikerin und Preisträgerin der Gruppe 47 hat in diesem Frühling 1958 ihr Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ veröffentlicht. Max Frisch arbeitet zeitgleich an den Inszenierungen von Biedermann und die Brandstifter. Frisch schreibt der »jungen Dichterin«, wie begeistert er von ihrem Hörspiel ist. Mit Bachmanns Antwort im Juni 1958 beginnt der Briefwechsel, der, so der Suhrkamp-Verlag, „vom Kennenlernen bis lange nach der Trennung in rund 300 überlieferten Schriftstücken Zeugnis ablegt vom Leben, Lieben und Leiden eines der bekanntesten Paare der deutschsprachigen Literatur“.

Beim dritten Teil vom Amour fou befinden wir uns im Jahre 1959. Der Rausch der ersten Liebe ist verflogen. Der Ton wird abwägender, distanzierter und misstrauischer. Die Briefe sind verletzender und verletzbarer. Es geht um das Verhältnis von „Herr und Magd“. Beide schenken sich nichts. „Wir haben es nicht gut gemacht.“

 

Die Liebe. Ein Versprechen, ein Versuch, ein Glück… ein Fluch?

 

4. Juli 1959 – Rom Ingeborg Bachmann

„eben kam Dein Expressbrief, diesmal ein geschwinder, es scheint, als wolle die Post die Briefe rascher bringen, die einen verzweifelt machen. Und vor zwei Tagen habe ich Dir noch geschrieben, dass ich nicht zornig bin. Jetzt bin ich doch voll von einem hilflosen Zorn, zumindest voll Auflehnung, und die wird noch öfter kommen, denn man lässt sich doch nicht einfach ein Gefühl vernichten, das für einen das Wichtigste ist, ein abgewiesenes, verurteiltes Gefühl, aber für mich ist es da und es will sich nicht umbringen lassen. Glaubst Du, ich würde sonst seit Ende April herumgehen wie eine Wahnsinnige und jetzt noch jede Nacht herumgehen bis 4 Uhr und 5 Uhr und 6 Uhr früh, – es ist nur, weil ich davon nicht loskomme. …

O Max, aber das ist so schwer, diesen Gedanken zu ertragen, es ist furchtbar zu glauben, dass man dem Mann, den man liebt, nicht genügt hat und keine wirkliche Freude war. Es ist so schlimm wie verstoßen zu werden und es gehört, ganz tief unten, vielleicht zusammen. Wenn ich an alles das denke, meine ich unterzugehen, so viele Steine haben sich an mich gehängt, so wenig Selbstvertrauen ist zurückgeblieben; ich werde nie mehr glauben können, dass jemand imstande ist, mich zu lieben, werde immer denken müssen an diese Aussätzigkeit. …

bist so grausam gegen mich, dass ich manchmal einfach mitten auf der Straße zu schreien anfangen möchte, so fürchterlich schreien, dass alles zusammenfällt oder hier in dieser finsteren angeräumten Wohnung, bis sie nicht mehr da ist und ich selbst nicht mehr und überhaupt nichts. … Rom ist öde, nebenbei natürlich schön wie immer, aber man müsste Augen dafür haben. Es war eine der größten Dummheiten, jetzt hierher zu gehen, einen Grund sage ich Dir erst später, aber nun ist nichts mehr zu machen und ich werde es schon durchstehen.

Deine Ingeborg“

10. Juli 1959 Freitag nachts – Rom Ingeborg Bachmann

„Du hast dieses Wort aufgebracht von „Herr und Magd“, das mich zuerst verwundert hat, aber es ist etwas Richtiges dran, und seit ich alles hundertmal durchsuche in der vergangenen Zeit nach Fehlerquellen, glaube ich, diese eine gefunden zu haben. Freilich kann man sie kaum aus der Welt schaffen, denn sie hängt für mich mit dem Altersunterschied zusammen, mit dem sonst ja nichts zusammenhängt. …

Max, es ist so schwer zu erklären, aber ich habe nur ganz selten das Gefühl der Gleichberechtigung, der gleichen Stufen zwischen uns. Ich stehe von Anfang an etwas unter Dir oder hinter Dir, Du hast es bestimmt nicht gewollt und ich auch nicht, aber es bringt Dich dazu, mit mir zu reden manchmal wie zu einer Schülerin, bald liebevoll, bald tadelnd. Ich bin aber, wenn ich nicht bei Dir bin, auch erwachsen, einem Mann gewachsen und lasse mir, wie die Brechtmädchen sagen würden, nichts gefallen. …

Deine Ingeborg.

Ich hoffe, dieser langweilige Nachtbrief ohne Inhalt langweilt Dich nicht zu sehr! Verzeih.“

 

Max Frisch und Ingeborg Bachmann. 1962 in Rom. Foto: Mario Dondero. Max-Frisch-Archiv/SV

 

16./17. Juli 1959 – Uetikon/Schweiz Max Frisch

„Es ist entsetzlich, Ingeborg, was du mir berichtest, dass du überhaupt nicht arbeiten kannst. Ich verstehe es, indem ich die äußeren Umstände erfahre. Rom wird für mich der Name einer Schuld. Im Winter dachte ich, Rom sei der Name unseres Sommers. Ich sah dich, als ich im Krankenbett lag und Rom sagte, unter fröhlichen Freunden in einer Stadt, wo Du am ehesten, so meinte ich immer, heimisch bist, ich war schon eifersüchtig auf deine Heiterkeit ohne mich. …

Wo habe ich dich, was das Geld betrifft so gekränkt? Du bist zutiefst gekränkt überhaupt, voll Hader gegen mich und wie ein Opfer. Inge, es ist seltsam, wenn ich deine Briefe wieder lese deine Briefe jetzt; zuerst freue ich mich über jedes Zeichen von Dir, bin bestürzt, wenn ich dich in so widrigen Umständen sehe, und froh um jeden Satz, der uns eine Zukunft lässt. Beim Wiederlesen dann suche ich nach Spuren der Zärtlichkeit, erschreckt, es ist, als habe ich sie mir nur eingebildet; hervortritt aus jeder Zeile, scheint mir dann der unausgesprochene Vorwurf, der zunehmende Groll, die Anklage mehr und mehr. …

Wir sollten einander nicht verklagen, wenn wir nicht arbeiten können; mir jedenfalls ist die Unfruchtbarkeit in allen Lebenslagen vertraut. Wir sollten nicht zusammenwohnen, sagte ich, und es war ein Schock für Dich, Du schriebst, dass ich Dich nicht liebe, dass ich keine Liebe habe zu deinem Körper; Du fühlst dich verstoßen, und in jedem Brief, fast in jedem, lese ich deine Bitterkeit darüber, indem Du dich unterwirfst wie eine Erniedrigte, dem Gedanken an getrennte Wohnungen unterwirfst, der Dir im Grunde unannehmbar ist, sagst Du, und ich bin es, der das Unannehmbare fordert. Wäre es doch so. …

Betroffen hat mich, Inge, was Du über „Herr und Magd“, sagst. Nicht wegen Altersunterschied, womit Du es begründest. Betroffen, weil Trudy mir öfters dasselbe gesagt hat. Ich weiß es nicht, dass ich unterdrücke; ich muss es glauben es kommt mir kurios vor, dass jemand mich fürchtet. Ich muss es glauben, da man es mir in meinem Leben mehr als einmal sagt.  …

Bin ich eine Mimose ein Tyrann aus Mimosenhaftigkeit? ein Grobian aus verlorener Spontaneität, mag sein. Erinnerst Du dich, wie ich mich, wie es mich nervös machte, als du immer einen Schritt hinter mir gingst? Ich wünsche es mir von keiner Frau, Dir glaube ich es auch gar nicht. Woher fragst du soll die Gleichberechtigung bei uns kommen? Einiges ließe sich im Vordergrund erklären. Du bist nicht nur ungewöhnlich gescheit, Du bist eine Dichterin, dazu bist du auch noch eine Frau; Du bist gewöhnt, dass Du auf Händen getragen wirst, wobei die Hände es leicht haben; es musste dich vorerst irritieren. Inge, dass ich dich nicht auf Händen trage. Hat sich Gleichberechtigung nicht oft für dich so ausgenommen, dass Du, ohne dich in Szene zu setzen, der Mittelpunkt bis? Du brauchst das, und das ist kein Übel; aber, dass ich mich zu Hause zum Herrn mache dir gegenüber, das ist ein Übel. … So grüßt Dich, Geliebte, dein Herr.“

 

Leonard Cohen übernimmt mit Suzanne Anfang/Mitte der sechziger Jahre einen Song über eine unerfüllte Liebe.

Amour fou – Fortsetzung folgt

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Amour fou – Teil 2

Zürich. 2011. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Thomas Strässle öffnet mit zwei Schlüsseln ein Schließfach in einer Großbank. Im untersten Fach findet er Schachteln. In einer entdeckt er den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Eine literarische Bombe. Das Dokument „einer Jahrhundertliebe“, titelt die ZEIT in ihrem Aufmacher. Es braucht weitere zehn Jahre, bis alle vorhandenen Briefe editiert und von den Angehörigen freigegeben werden. Der Briefwechsel ist im Verhältnis 2:1 zugunsten Bachmanns erhalten. Ingeborg Bachmann hatte in den sechziger Jahren viele Briefe von Max Frisch vernichtet. Nun ist bei Suhrkamp die Geschichte einer verrückten Liebe veröffentlicht worden. Titel: „Wir haben es nicht gut gemacht“.

Die beteiligten Herausgeber/innen legen Wert darauf, dass mit Hilfe dieser Briefe viele Gerüchte und Legenden widerlegt werden können. So habe Macho-Max Frisch die hypersensible Bachmann mit seinem „Blutbuch“ Gantenbein nicht in den Tod getrieben. Die Bachmann arbeitete von Beginn am Skript mit. Alle ihre Korrekturwünsche wurden eingearbeitet. Auch ihre Tabletten- und Alkoholsucht habe lange vor der Trennung eingesetzt. Die Briefe über ihre knapp vierjährige Beziehung erzählen von der Unmöglichkeit einer Offenen Beziehung mit Seitensprüngen, Intrigen, Versöhnungen und Zerwürfnissen. „Du machtest mich zum Arschloch!“ schreibt er, oder sie: „Ich will alle meine Briefe zurückhaben. Damit die Tortur ein Ende hat.“

Die Briefe sind von literarischem Rang, voller Gefühlsaufwallungen und poetischer Kraft. Es wird geliebt, gestritten und gelitten. Die Bachmann/Frisch-Affäre war eine Amour Fou, eine tragische Liebe. Mit ihrer Leidenschaft, ihrer Liebe, ihrer Eifersucht. Wer will am Ende Richter sein?

 

Max Frisch (1911 Zürich – 1991 ebenda) Porträt von Otto Dix.

 

3. Januar 1959 – Zürich Max Frisch

„Lieben wir einander? Die Gewissheit, dass du heute nicht nach Hause kommst, nicht früher und nicht später, ist abendfüllend verheerend. Sag mir, Weise, was ist Sehnsucht, was ist Macht der Gewöhnung? Was ist Liebe. Ich bin froh, eine Brille von dir zu finden, einen Morgenrock, Bücher, die du gelesen hast, froh um Indizien, die ich jetzt so gerne einem Polizisten zeigen würde: Ja gewiss, hier wohnt eine Frau! … und vielleicht wäre es gescheiter, ich ginge jetzt schlafen. Ich werde mir dafür, dass ich ohne Genie bin, voraussichtlich nicht mehr das Leben nehmen, dafür habe ich es zu lange ausgehalten: ist es das, was human macht, dieses Ausgehaltenhaben, das man doch nicht aushält, wenn es genannt wird vom anderen? Jetzt geh ich schlafen…“

 6. Januar 1959 – Klagenfurt Ingeborg Bachmann

„Ich frage mich, ob du fühlst, wie sehr Du nach einer Verlust-Einstellung zu mir suchst; ich meine nicht in der scherzhaft-ernsten Stelle über Abreisen, Verlieren etc, sondern wo du vom „Humanen“ sprichst, oder von Celan, also in dem, was scheinbar nicht dazugehört. Wenn ich damals gewusst hätte, dass das ein Giftwort für dich ist … aber es ist vielleicht trotzdem besser, wenn man es nicht zurücknimmt, obwohl es so nicht gemeint war und ein Unsinn unter vielem, hingesagt. …

Mein Lieber, warum kommst du mir trotzdem wie ein Geliebter vor – und doch wie ein Feind heute? Ich will aber nicht kalt mit dir reden und mit dir rechten, um mich erhalten zu können. Ich will das wirklich nicht und komme gleich, nachsehen, wie du da liegst und weiter haderst mit mir – oder vielleicht liebst du mich und es kommt Tauwetter. Deine Ingeborg.“

 

Ingeborg Bachmann (1926 Klagenfurt – 1973 Rom) Grafitti von Jef Aerosol am Musilhaus in Klagenfurt

 

1. Juli 1959 – Rom Ingeborg Bachmann

Lieber Max! Nein, ich bin nicht zornig, nur glaube, ich endlich begriffen zu haben, spät genug und es ist zu viel Schmerzvolles darunter, als dass ich Freude über Weltflüge und Universitäten heucheln könnte. Dein Zorn hingegen, Zorn gegen mich? … ich weiß nicht, womit ich ihn herausgefordert haben sollte, ich war dir vollkommen ergeben, habe kein anderes Leben mehr gehabt und gewollt als eines mit Dir. Du kannst mir nur vorwerfen, dass ich nicht rechtzeitig gegangen bin, aber ich habe es bis zuletzt nicht glauben können, dass du mich forthaben willst und mich nicht mehr liebst.

Aber man kann über solche Dinge gar nicht zornig sein, nur traurig, und ich kann auch heute, in diesem Rom und mit all diesen Plänen, Arbeiten rundherum, nicht verhindern, dass die Traurigkeit mich immer wieder überschwemm, sie kommt von allen Seiten und aus vielen Gründen, und jetzt, weil Dir andere näherstehen und ich überflüssig geworden bin. Trotzdem muss ich natürlich froh sein für Dich, dass Du bei Madeleine bist, dass sie sich um Dich kümmert, und du bei Friedi wohnen kannst. Wenn Du nur gesund wirst, wenn es nur besser geht. Dein Brief ist auch schon viel klarer und lebendiger als die Vorherigen. … Deine Ingeborg

 

 

1.– 3 Juli 1959. – Thalwil Max Frisch

Geliebte Ingeborg! Unser Ferngespräch (vorgestern) hat Dich in einer Enttäuschung zurückgelassen. Du hattest eine bestimmte oder unbestimmte Erwartung, die ich nicht erfüllt habe; ich fühlte es erst nachher. Deine Stimme nach so langer Zeit! Ich liebe Dich, Ingeborg, und ich sehne mich nach Dir oft, aber ich bin verzweifelt; ich kann dich nicht rufen, nur weil ich verzweifelt bin.

Inge! Ich bin nicht dein Herr, der dir erlaubt oder nicht erlaubt, und du bist nicht die Magd; Du bist eine Junggesellin, die zuweilen Lust hätte einfach zu gehorchen, einfach hinzunehmen. Wie lange? Bis die Lust aufhört, bist du als Ingeborg Bachmann erwachst und tust, was dir als Ingeborg Bachmann passt. Lass uns also nicht Herr und Magd spielen! Es hätte den Vorteil, dass die Magd keine Ahnung haben muss, warum der Herr so launisch ist und dass der Herr, sich der sich mit einer Magd begnügt, keine Ahnung erwartet, aber diese Rollen sind uns nicht bestimmt. …

Ich kann nicht allein sein. Das ist der Fluch. Oft denke ich auch, dass darin ein Missbrauch der Liebe liegt: ich will von der Liebe, dass sie das Alleinsein aufhebe und daher die Katastrophen. Es genügt mir nicht, dass ich geliebt werde; ich glaube es nicht, wenn ich dabei allein bleibe. Und während die Liebende denkt, ich sollte tanzen vor Glück, dass sie mich liebt, und ich sollte mich auserkoren fühlen durch ihre Liebe, scheint mir, sie irrt sich: sie liebt nicht mich, so wenig wie einen anderen, sondern sie liebt die Liebe und sich selbst als Liebende. …

Erinnerst du dich an unser Gespräch auf der grünen Dachterrasse über Portovenere damals? Ich hocke vor dir auf den Boden, ich sehe dich und das Geländer, das Meer durchs Geländer; war es nicht sehr schön? Ich sprach von deinem Bewusstsein, auserlesen zu sein. …

Heute vor einem Jahr haben wir uns getroffen. Ob du den kleinen Rosengruß, den ich zum heutigen Tage schickte, bekommen wirst? Die Metzger aus den Hallen, erinnerst Du dich, die mit den blutigen Schürzen, unsere Küsse auf der Straße zwischen Kisten und voll Gemüse, das Morgengrauen mit deinem Schrecken. …  Vielleicht sollte man nur am Meer sitzen und schweigen, ohne am Schweigen zu verderben, ohne ein Du zu erwarten, Hand in Hand allein, zärtlich-beziehungslos, ohne Hoffnung. Ob ich´s je so weit bringe? Ich küsse Dich.“

Fortsetzung folgt.

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Für ein Stück Brot

Endlich ist sie wieder da. Die kleine Gedenktafel, die an einen vergessenen Aufruhr von großer Tragik erinnern soll. Viele Jahre war das blau-weiße Emaille-Erinnerungs-Stück für zwei hingerichtete Menschen verschwunden. Eine Tafel für Menschen, die in den letzten Kriegstagen in Plötzensee unter dem Fallbeil sterben mussten, weil sie Brot wollten. Einfach nur ein Stück Brot. Brot, das kurz vor Kriegsende 1945 in Berlin nur noch an NS-Genossen verkauft werden durfte, um den „Endsieg“ zu sichern. Verschwunden war die alte blau-weiße Tafel von 1998, weil der neue Eigentümer die Bäckerei kaufte, sanierte und für die Wiederanbringung keine Notwendigkeit sah. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Es dauerte auch so viele Jahre, weil die Berliner Bürokratie unschlagbar ist: im Nichtzuständig-Erklären, in großen Reden und im wurstigen Aussitzen.

 

Happy End nach langem Ringen. Die neue Gedenktafel vor der ehem. Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. Carolin Weingart, stellv. Bezirksbürgermeisterin von Treptow-Köpenick, Dunja Wolff (SPD-Abgeordnete), Dietrich Elchlepp (Freiburg, ehem. MdB + MdEP, Angehöriger) und Gion Voges (Bürger für Rahnsdorf)

 

Jetzt steht wieder eine Gedenktafel vor der ehemaligen Bäckerei. Sie wurde vom tüchtigen Vorsitzenden des Bürgervereins Rahnsdorf Gion Voges und Dietrich Elchlepp, dem Freiburger Neffen der hingerichteten Margarete Elchlepp eingeweiht. Mit dabei waren einige Vertreterinnen des zuständigen Bezirksamtes Treptow-Köpenick, dazu eine Abgeordnete der SPD, sogar der Hauseigentümer und Bürgerinnen und Bürger des Berliner Vororts Rahnsdorf. Allesamt froren. Denn es war kalt an diesem Novembertag, neblig und trübe. Die Musiker trotzten tapfer den widrigen Bedingungen. „Eine Gedenkfeier auf einem Parkplatz, aber eine würdige Sache“, meinte eine Teilnehmerin.

Die Tafel erinnert an den 6. April 1945. An diesem Freitag, vier Wochen vor Kriegsende, schnappt schicksalhaft die ganze Grausamkeit des NS-Regimes in einer kleinen Bäckerei zu. In Rahnsdorf, ein ländlicher Vorort im Osten Berlins, geht das Brot aus. Verzweifelt drängen mehrere hundert Menschen, vor allem Frauen, in die Verkaufsstellen. Der alarmierte NS-Ortsgruppenführer geht dazwischen. Mit gezückter Waffe drängt er in der Bäckerei Deter die Menge zurück. Die Rache des Regimes folgt auf den Fuß. Systemtreue Frauen stellen Listen zusammen. Die Gestapo verhaftet 15 Personen. Am Tag darauf werden die 45-jährige Hausfrau Margarete Elchlepp und der 54-jährige Tischlermeister Max Hilliges in Plötzensee als „Rädelsführer“ enthauptet.

 

Berliner Gedenktafel für die Opfer des „Rahnsdorfer Brotaufstands“. Enthüllt am 25.11.2022. Zugegeben: ich wäre gerne dabei gewesen, aber eine Bronchitis setzte klare Grenzen.

 

Nur zwei Wochen später marschiert die Rote Armee ein. Der NS-Ortsgruppenführer wird von den Sowjets wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erschossen. Die neue Stadtverwaltung ermittelt bis 1952 zum sogenannten Brotaufruhr von Rahnsdorf. Nun werden die Denunzianten selbst denunziert. Gegen acht Helferhelfers des NS-Ortsgruppenleiters wird ermittelt, eine Frau zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Danach legt sich der Mantel des Schweigens über die Sache mit dem „Brotaufruhr“. In den Familien bleibt das Drama ein gut gehütetes Geheimnis – bis in unsere Tage. Ich erfuhr von meinem Schwiegervater vom vergessenen Brotaufstand. Auf seinem Sterbebett bat er 2018, mich der Sache mit der verschwundenen Gedenktafel anzunehmen, die er 1998 mit enthüllt hatte.

 

Margarete Elchlepp (1899-1945). Sie gab im Verhör zu, ein Brot mitgenommen zu haben. Margarete wurde als „Rädelsführerin“ verurteilt. Sie wurde in Plötzensee am 8. April um 0.45 Uhr enthauptet. Die letzten Todesurteile wurden am 18. April 1945 vollzogen.

 

Tischlermeister Max Hilliges. Er war mit Reparaturen in der Bäckerei beschäftigt, als die Menge den Laden stürmte. Hilliges sagte dem NS-Mann Gathemann, der die Pistole gezogen hatte: „Gib den Frauen Brot.“ Und: „Du wirst Deinen braunen Rock bald auch ausziehen müssen“, so Witwe Elise 1947 bei einer Vernehmung.

 

Jetzt erinnert wieder eine Tafel an diese winzige Begebenheit im großen Strom der Menschheitsgeschichte, die davon erzählt, wozu verzweifelte Menschen in der Lage sind. Möge die Tafel lange stehen bleiben. Möge sich so etwas nie wiederholen. Möge es immer Brot für alle geben.

 

Nach ca. zehn Jahren ist sie wieder da. Die Gedenktafel. Berlin-Rahnsdorf im November 2022. Neben dem Sonderangebot vom „Zaunkönig“.

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Amour fou

Die Menschen strömen an einem kalten Novemberabend ins Berliner Ensemble. Am Eingang bitten Besucher auf Pappschildern um Karten. Das Brecht-Haus am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte ist restlos ausverkauft. Ein erwartungsfrohes Publikum im gehobenen Alter wartet sehnsüchtig auf Neues, Intimes, Klatsch und Tratsch, kurz auf Szenen einer Ehe. Es geht um eine verrückte Liebe. Um Lust und Leidenschaft, Eitelkeit und Eifersucht, um das kleine und große Glück, das wir alle suchen. Im Mittelpunkt zwei längst verstorbene Größen des deutschen Literaturbetriebs: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Zwei Ikonen der Dichtkunst, für knapp vier Jahre ein gemeinsames Paar. „Wir haben es nicht gut gemacht“, steht auf einem Transparent, das über der Bühne des großen Hauses hängt. Das ist der Titel des nun erschienenen tausendseitigen Briefwechsels zwischen dem einstigen Spiegel-Covergirl Ingeborg Bachmann und Macho-Max Frisch.

Als nach einem Vorwort von Herausgeber Thomas Strässle Constanze Becker und Matthias Brandt die Bühne betreten, brandet dankbarer Vorschuss-Beifall auf. Die beiden schlüpfen in die Rolle der beiden Nachkriegs-Literaturhelden Bachmann & Frisch. Und los geht es mit den ersten zarten Anbandelungsversuchen vom Frühjahr 1958. Als der dreißig Jahre ältere Max der „jungen Dichterin“ Ingeborg den Hof macht, während sie überraschend bereitwillig auf seine Avancen eingeht. Was sich nun entwickelt, ist eine Amour fou, eine Hass-Liebe zwischen „Herr und Magd“, zwischen Anziehung und Abscheu, Erotik und Enttäuschung. Es geht zur Sache. Sehr persönlich, intim, literarisch auf höchstem Niveau. „Wir sind halt ein berühmtes Paar gewesen, leider“. Das geneigte Publikum im BE-Saal lacht, stöhnt, zischt und kichert, als im schnellen Wechsel aus den Briefen voller Anklagen, Wutausbrüchen und Versöhnungsversuchen vorgelesen wird. Eine Frau in der Reihe hinter mir raunt unüberhörbar: „Richtig so!“ Soeben hatte Ingeborg ihrem „Bär“, so nennt sie zeitweise ihren Ehemann Max, die kalte Schulter gezeigt, nachdem er wieder seine Pfauenfedern gespreizt hatte.

 

Ingeborg Bachmann und Max Frisch, ca. 1960. Foto-Collage: Buhs/Remmler/Ullstein, Picture Alliance/Keystone.

 

Die Liebe zwischen Ingeborg und Max kann nicht funktionieren. Das wird an diesem Abend rasch klar. Zu hoch die Ansprüche, zu empfindlich die Gemüter. Aber wie sie scheitert, das ist von einmaliger Größe; zeitlos, aufwühlend und leidenschaftlich. Unser Glück ist, dass immerhin dreihundert Briefe erhalten blieben, obwohl Ingeborg viele Max-Briefe vernichtet hat. Unser Glück ist auch, dass sich die beiden nicht auf WhatsApp schrieben, sondern Briefe austauschten, die tagelang zwischen Klagenfurt und Zürich, Berlin, Paris und Rom unterwegs waren. Am Ende des Abends ist die „Große Liebe“ verloschen. Matthias Brandt und Constanze Becker erhalten ihren verdienten langen Schlussbeifall. Sie kassierten im Fluge die Botschaft des Banners auf der Bühne: „Wir haben es nicht gut gemacht“. Es war ein nicht nur ein guter, es war ein grandioser Abend. Einige Stellen aus dem Briefwechsel will ich in loser Folge vorstellen, weil es spannend und vergnüglich ist, was sich die beiden Briefeschreiber Ingeborg Bachmann und Max Frisch in ihrer fulminanten Zweierbeziehung zu sagen hatten.

 

 

Max Frisch in Montauk. Eine Erzählung (1975)

„Ich hatte zu tun beim Sender in Hamburg und ließ mir das Hörspiel vorführen, dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite die Frau sich ausdrückt. Sie hörte Lob genug und großes Lob, das wusste ich, trotzdem drängt es mich zu dem Brief. Ich wollte sagen wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.“

 

9. Juni 1958 München – Ingeborg Bachmann an Max Frisch

„Verehrter, lieber Max Frisch, Ihr Brief ist mir schon so vieles gewesen in dieser Zeit die schönste Überraschung, ein beklemmender Zuspruch und zuletzt noch Trost nach den argen Kritiken, die dieses Stück bekommen hat. (…) So will ich den Brief rasch abschicken mit der Frage, ob ich Sie, wenn ich Sonntag nach Zürich komme, sehen darf. Ich könnte 2, 3 oder 4 Tage bleiben, und ich hoffe so sehr ohne rechte Überlegung, dass auch Sie es wünschen könnten. (…)  Es wäre zu schön und ist nur fast zu viel verlangt. Sie haben mich schon sehr glücklich gemacht! Meine besten Wünsche sind bei ihnen und ihrer Arbeit. Ihre Ingeborg Bachmann.“

 

6. Juli 1958 Paris – Max Frisch an Ingeborg Bachmann

„Ich liege neben dir Ingeborg, und du bist nicht da. Wirst du je wieder da sein? ich bin glücklich und ratlos. Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein lang gefürchteter Engel, der fragt Ja oder Nein. Und ich bin glücklich und ratlos und zu feig, um über die Stunde hinaus zu denken. Ich will den Sommer mit dir. Ich bin nicht verliebt, Ingeborg, aber erfüllt von Dir, Du bist ein Meertier, das nur im Wasser seine Farben zeigt, Du bist schön, wenn man dich liebt, und ich liebe Dich.“

 

28. Juli 1958 Neapel – Ingeborg Bachmann an Max Frisch

„Und ich bin sehr allein und nicht traurig drum im Augenblick, sondern nur, wenn ich weiterdenke. Die Fahnen vom Verlag sind gekommen, vom „Guten Gott“, ich kann nicht mehr viel verändern, was uns alles neu gesetzt werden müsste, aber sie haben das Buch nicht schlecht gemacht, glaube ich – es sieht viel besser aus als die Fahnen, die Du gesehen hast, und einiges kann ich doch noch so machen, wie Du´s mir geraten hast. Ich ginge so gern zu dir hinüber ins Nebenzimmer, um Dich zu fragen wegen der Beistriche, und für jeden müsste ich Dich dann einmal umarmen, oder viele Male, und für die Rufzeichen bekämst Du lauter Küsse. Gute Nacht! Ingeborg.“

Fortsetzung folgt.