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Musik, die träumt

Er wird viel gespielt, ist verkannt und vergessen. Von jungen Musikern wird er jedoch begeistert wiederentdeckt: Gabriel Fauré. Ein französischer Komponist und Pianist. Spätromantiker vom Scheitel bis zur Sohle. Ein stiller, leiser Mann, der die sanfte Macht der Musik zelebrierte wie kein anderer. Er ist es wert, gespielt zu werden. Besonders Cantique, sein Lobgesang. Komponiert im Alter von 19 Jahren. Ein frühes Meisterwerk.

 

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Gabriel Fauré. Mit Neunzehn gelang ihm ein ganz großer Wurf. Cantique de Jean Racine.

 

Der junge Student vertonte im Choral Cantique, auf Deutsch Lobgesang, eine 200 Jahre alte Textvorlage seines Landsmanns Jean Racine aus dem Jahre 1688. In dieser Hymne heißt es:

„Gieße aus auf uns das Feuer deiner machtvollen Gnade,

dass die ganze Hölle flieht vor dem Klang deiner Stimme.

Vertreibe diesen Schlummer einer trägen Seele,

der sie verleitet, deine Gebote zu vergessen.“

 

 

Das fünfminütige Loblied Cantique de Jean Racine wird gerne gemeinsam mit dem Requiem aufgeführt. Diese Werke verkörpern die magische Welt des Gabriel Faurés. (1845-1924) Seine Arbeiten sind intim und introvertiert, voller Anmut und Zauber. Er schuf eine vielfach verkannte Musik, die träumt. Die in sich ruht. Fauré ließ beim Komponieren die Sehnsucht von der Kette. Er war stets auf der Suche nach der verlorenen Zeit, genau wie sein Freund und Weggefährte Marcel Proust.

Mit Mitte fünfzig erkrankte Fauré und wurde schwerhörig. Er zog sich einsam zurück. Späte Anerkennung fand er erst im Tod. Das offizielle Paris spendierte 1924 ein pompöses Staatsbegräbnis. Sein Requiem gehört heute zu den häufig gespielten Werken, ob vor zwanzig Jahren bei der Trauerfeier für Francois Mitterand oder jüngst für die Opfer des LKW-Attentäters von Nizza.

Richtig entdeckt habe ich Cantique bei einem Studenten-Konzert der Berliner Universität der Künste. Junge Musiker verabschiedeten liebevoll ihren langjährigen Ausbilder Professor Ulrich Mahlert, der nach 95 Semestern Ausbildungszeit, wie er sich ausdrückte, in den Ruhestand ging. Die angehenden Musiker der größten Kunsthochschule Europas boten Beethovens Zweite, Robert Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und eben Fauré. Zum Wegschmelzen schön.

Mehr bei Jean-Michel Nectoux. Fauré. Seine Musik – sein Leben.

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Was Recht war…

„Alles war Recht und Gesetz.“ – „Wir taten nur unsere Pflicht.“ – „Fachleute werden immer gebraucht.“ So hieß es unter Juristen nach Kriegsende. Der Rest war Schweigen. Jahrzehntelang. Erst jetzt über siebzig Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes klärt eine aufsehenerregende Studie, wie unbeschadet Justizvertreter in der Nachkriegszeit im neuen Bundesjustizministerium weiter machen konnten. Als wäre nichts passiert. Zehn von dreizehn Abteilungsleitern der Rosenburg, dem ersten Bonner Dienstsitz, waren im Jahre 1957 frühere Parteigenossen der NSDAP. Das bedeutet 76,9 Prozent. Mit dabei Eduard Dreher, einst Sonderstaatsanwalt am NS-Sondergericht in Innsbruck.

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Die „Rosenburg“ auf dem Venusberg bei Bonn. Erster Dienstsitz des neuen Bundesjustizministeriums mit reichlich altem Personal.

 

Eduard Dreher machte in der Rosenburg Karriere. Er stieg in den fünfziger Jahren am Bonner Venusberg zum Referatsleiter auf, kommentierte das Strafgesetzbuch und koordinierte die Strafrechtsreform. Dreher war unbestritten der Doyen des bundesdeutschen Strafrechts. Ganze Studentengenerationen paukten seine Texte. Niemand störte offenbar, dass er in der NS-Zeit am Sondergericht Innsbruck insgesamt 17 Mal die Todesstrafe gefordert hatte, für Vergehen wie diese:

 

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Eduard Dreher. Referatsleiter im Bundesjustizministerium. 1954-1969.

 

Drehers Liste:

  • Todesstrafe für Anton Ratgeber. Dem 62-jährige Mann wurde 1943/44 vorgeworfen, nach Fliegerangriffen geplündert zu haben. NS-Sonderstaatsanwalt Dreher wendete den § 1 der „Volksschädlingsverordnung“ an.
  • Todesstrafe für Josef Knoflach. Der 56-jährige hatte mehrfach Brot, Zucker und Speck aus einem Bauernhof gestohlen. Dreher bezeichnete den Angeklagten als  „gefährlichen Gewohnheitsverbrecher“.
  • Todesstrafe für Karoline Hauser. Die Frau hatte Kleiderkartenpunkte gestohlen. Dreher erklärte sie 1942 zum „Volksschädling“. Das Gericht verurteilte sie letztlich  nur zu 15 Jahren Zuchthaus.
  • Todesstrafe für Maria Pircher. Die Angeklagte hatte bei einem Luftangriff einen fremden Koffer aufgebrochen und Kleider im Wert von 400 Reichsmark entwendet. Sie wurde 1944 hingerichtet, nachdem Sonderstaatsanwalt Dreher für die Frau als sogenannte Rückfalldiebin den Strang gefordert hatte.

Der Vorzeigejurist Dreher setzte sich auch in der Bundesrepublik für die Todesstrafe ein. Seine Karriere zeige exemplarisch, so die Professoren Görtemaker und Safferling in ihrer Studie, wie sich altes Personal in neuen Ämtern etablierte. Viele NS-Gesetze seien folgerichtig nur oberflächlich entnazifiziert, eine Strafverfolgung von Kriegsverbrechern vereitelt worden. Fazit: die Justiz hat sich selbst amnestiert. Ein Persilschein auf ganzer Linie. Am bedrückendsten: Kein Wort der Einsicht oder Entschuldigung war jemals zu hören.

 

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Roland Freisler. Staatssekretär im Reichsjustizministerium. Vorsitzender des Volksgerichtshofes. Hitlers fanatischer Vollstrecker. (1893-1945)

 

Bleibt eine berechtigte Frage. Wäre etwa auch Roland Freisler, der Vorsitzende des Volksgerichtshofs, unbeschadet davon gekommen? Freisler hatte 1939 von seinen Volks-Richtern verlangt:

„Sie müssen ebenso schnell sein wie die Panzertruppe, sie sind mit ebenso großer Kampfkraft ausgestattet. (…) Sie müssen denselben Drang und dieselbe Fähigkeit haben, den Feind aufzusuchen, zu finden und zu stellen, und sie müssen die gleiche durchschlagende Treff- und Vernichtungssicherheit gegenüber dem erkannten Feind haben.“

Das Schicksal traf im Fall Freisler eine kluge Entscheidung: der furchtbarste Jurist des Dritten Reiches fiel einer Fliegerbombe zum Opfer. Wenige Monate vor Kriegsende.

 

Mehr über die braune Vergangenheit vieler Bonner Nachkriegs-Juristen in dem neuen und äußerst informativen Buch von Manfred Görtemaker und Christoph Safferling.  Die Akte Rosenburg. Das Bundesjustizministerium der Justiz und die NS-Zeit. C.H. Beck

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„Merkel muss weg“

Das muss weg, sagte sich Irmela Mensah-Schramm im Mai 2016. Die rüstige Rentnerin nahm eine Spraydose, Farbe Pink, und verwandelte die Parole in einer Unterführung  in ein friedlicheres „Merke! Hass weg“. Dazu sprühte sie zwei Herzchen. Die siebzigjährige Berlinerin wurde beobachtet, angezeigt und in diesen Tagen vom Amtsgericht Tiergarten offiziell verurteilt. Bei Wiederholung drohen der engagierten Frau 1.800 Euro Geldbuße und eine Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung.

Mit der grellen Farbe Pink habe sie wissentlich eine Sachbeschädigung herbeigeführt, argumentierte die übereifrige Staatsanwältin. Sie beharrte auf einer Bestrafung, obwohl das Gericht zu einer Einstellung des Verfahrens tendierte. Die Frau, die sich selbst einmal als Politputze bezeichnete, wäre damit vorbestraft. Dabei ist sie seit  dreißig Jahren unermüdlich in den Straßen Berlins unterwegs, um Hassparolen und Nazi-Schmähaufkleber zu entfernen.

 

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Irmela Mensah-Schramm. Jahrgang 1945. Geboren in Stuttgart. Seit dreißig Jahren in Berlin unterwegs.

 

Zweifelsohne ist Irmela Mensah-Schramm eine Überzeugungstäterin. Ihre Waffen: Ceranfeldschaber. Nagellackentferner. Dispersionsfarbe. Zivilcourage. Die gelernte Heilpädagogin hat mittlerweile über 130.000 Nazi-Parolen im Lande übermalt oder entfernt. Darüber führt sie penibel Buch. Warum? Weil aus Worten Waffen und aus Parolen Munition werden können, sagt sie. Hass-Graffitis sind für die Zehlendorferin ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Da müsse sie einfach einschreiten.

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Irmela Mensah-Schramm. „Ich gehe dagegen auf alle Fälle in Berufung“

 

Seit 1986 führt sie einen zähen einsamen Kampf um Sauberkeit im Straßenbild.  Dafür erhielt sie Schmähungen und Bedrohungen, aber auch das Bundesverdienstkreuz und zahlreiche Auszeichnungen. Wozu all das?  Irmela Mensah-Schramm: „Wichtig sind für mich Gespräche, die ich auch zu meinen Gegnern suche. Ich weiß aus Erfahrung, dass über bestimmte Dinge im Kollegenkreis oder in der Familie gesprochen wird und mein Verhalten mitunter Diskussionen auslöst – aber gerade das ist mein Anliegen.“

 

 

Doch manchmal gibt es kleine Erfolge: „Ich habe sogar erlebt, dass ich bei einem Zusammentreffen mit sympathisierenden oder bekennenden Nazis diese so in Verlegenheit brachte und sie – ohne Drohung gegen mich – schweigend weggegangen sind.“ Nun geht es also bald in höherer Instanz um Angela Merkel. Das Urteil muss weg, meint sie. Dafür will sie kämpfen und in Berufung gehen. Aufgeben ist nicht, sagt sie.

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Stadt der Zwerge

Wer genauer hinschaut, kann sie überall entdecken. 300 kleine Zwerge bereichern das Zentrum von Wroclaw. Mal versteckt, mal offen, jedoch stets aus Bronze. Musiker-Zwerge, Feuerwehrzwerge, deutsche und polnische Gartenzwerge: gemeinsam vereint, beim Feiern des Mauerfalls. Wo? In Breslau, der Stadt der Zwerge. Zudem für drei Monate noch Kulturhauptstadt Europas. Eine Stadt, die heiter stimmt, trotz der traurigen Geschichte.

 

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In Breslau lebt Europa. Bis Ende des Jahres ist die polnische Großstadt noch amtliche Kulturhauptstadt Europas.

 

Eine polnische Stadt als offizielle Kulturmetropole Europas. Geht das denn? Die Breslauer müssen nicht lange überlegen. Sie fühlen sich allein durch die Frage geradezu beleidigt. Im Gegensatz zu Warschaus Eliten und den Menschen auf dem flachen Land, wo die EU verdammt und verteufelt wird, steht das junge Breslau für Europa. Jeder vierte Bewohner der traditionsreichen niederschlesischen Metropole ist Student. Die Stadt lebt, feiert, ist modern und kreativ, gibt sich wie Berlin. Arm aber sexy. Die polnische Variante.

Jenseits des offiziellen Kulturprogramms mit Literatur, Klassik, Jazz und Happenings aller Art gibt es auf jedem Schritt eine Stadt zu entdecken, die widersprüchlicher nicht sein kann – im besten Sinne. Prächtig restaurierte Barockhäuser, preußischer Gründerzeitpathos,  Klassiker der Moderne, Werkbundsiedlungen und heutige Investorenarchitektur konkurrieren um die Aufmerksamkeit des Besuchers. Ein faszinierender Mix der Epochen und Stilrichtungen auf engstem Raum.

 

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Klassiker der Moderne. Das Kaufhaus Petersdorff. Architekt: Erich Mendelsohn. 1927-28.

 

Das alte Breslau ging 1945 mit dem fanatischen NS-Gauleiter Erich Hanke in Schutt und Asche unter. Die Innenstadt war zu 85% zerstört. Die Bevölkerung wurde komplett ausgetauscht. So entstand zunächst das sozialistische Wroclaw mit stalinistischen Bauten, nach 1989 das heutige Breslau mit Konzerthäusern, Unibauten der Extraklasse aber auch unvermeidlichen Shoppingmalls.

 

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Wer ganz genau hinschaut, entdeckt nicht nur Satellitenschüssel. Sondern auch Jugendstil-Ornamente aus dem Jahre 1904. Gesehen in der Ohlauer Vorstadt.

 

Die Geschichte mit den Zwergen hat einen historischen Hintergrund. Mitte der achtziger Jahre – in den bleiernen Jahren des dahinsiechenden Realsozialismus – forderten junge Künstler die Staatsmacht heraus. Mit einfachen aber wirkungsvollen Graffitis. Sie sprühten kleine Strichmännchen-Zwerge an die Wand. Mit Witz und Zipfelmützchen machten sich die Gnome über die Oberen lustig. Gegen so viel Ironie und Bissigkeit war der Staatsapparat hilflos. Heute sind die bronzenen Zwerge ein dankbarer Anziehungspunkt für Touristen, aber auch satirischer Kommentar zur aktuellen Weltenlage.

 

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Ohlauer Vorstadt gleich gegenüber. Das moderne Breslau. Projekt: Angel City.

 

Kein Zweifel. In Breslau/Wroclaw lebt Europa. Noch bis Jahresende ist die 600.000 Einwohnerstadt Europäische Kulturhauptstadt. Und ein Wochenende allemal wert.

 

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Vika goes wild

Viktoriya Yermolyeva ist zart, eher zurückhaltend und ziemlich versiert am Klavier. Sie quälte sich durch die Konservatorien von Kiew, Weimar und Rotterdam. Spielte Chopin, Liszt und Rachmaninow in europäischen Konzertsälen. Und dann explodierte die kleine Ukrainerin. Sie nannte sich fortan Vika, perfektionierte den harten Klang des Metalls auf ihren 88 Tasten, coverte Hits und Songs, von den Doors bis zu Queen. Vika goes wild. Der Beginn einer rasanten musikalischen Entdeckungsreise.

 

 

Auf geht´s. Ein munteres Crossover. Klassik, Metall, Pop. Quer durch den Gemüsegarten. Vika arrangiert populäre Songs neu. Solo oder im Duett mit einem Drummer. Debussy trifft Depeche Mode. Metallica Mozart. Radiohead Rachmaninow. Vika ist ein typisches Kind des Internets. Sie schaffte es zu einem Youtube-Phänomen des 21. Jahrhunderts. Gegoogelt, geteilt, gerne angeklickt. Längst ist sie eine Königin am Klavier der Smartphone-Generation. Ihre über fünfhundert Musikclips sind mittlerweile mehr als siebzig Millionen Mal abgerufen worden. Nun soll endlich auch ein Album folgen.

 

 

Die 37-jährige Pianistin aus Kiew beherrscht das Spektrum von AC/DC, Motörhead und Black Sabbath über Iron Maiden bis hin zur Jahrhunderthymne Stairway to heaven von Led Zeppelin. Besonders beeindruckend ihre Live-Auftritte. Youtube-Mitschnitte aus Reykjavik erzählen von wilden, hemmungslosen Sessions. Live, unbekümmert, intensiv bis zur letzten Minute.

 

 

Die Konzertpianistin Vika am 27. September 2016 (20 Uhr) im legendären SO 36 in Berlin-Kreuzberg. Vika goes wild.

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Die doppelte Stadt

Wer sich das Wahlergebnis der Hauptstadt genauer anschaut, kommt zu einem naheliegenden Schluss. Berlin bleibt geteilt. Auch ein gutes Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall. Grenzen teilen Ost und West, aber auch Wohlhabende und Abgehängte. Diese neue Trennlinie zwischen Toleranz und Offenheit einerseits und Abgrenzung und Protest andererseits verläuft exakt entlang der alten Mauer. In den meisten östlichen Bezirken erreichen AfD und Linkspartei zusammen klare Mehrheiten. Weiter westlich hingegen schwächelt die AfD während die FDP triumphiert. Dazwischen zerbröseln die Volksparteien SPD und CDU.

 

Aufnahmedatum: 1973Aufnahmeort: Berlin (Ost)Inventar-Nr.: Hd 3131-54Systematik: Kulturgeschichte / Fotografen / Heyden / Werke

Bernd Heyden. Ost-Berlin. 1973.

 

Alles Altlasten? Ist es das vielbeschworene Erbe von Mauer und Kaltem Krieg? Wer sich mit einfachen Antworten zufrieden gibt, braucht ab jetzt nicht mehr weiterzulesen. Für alle anderen lohnt sich der Weg zu einer Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus. Diese präsentiert zweimal Berlin, von zwei unterschiedlichen Fotografen aber mit einer Haltung. Der Ost-Berliner Fotograf Bernd Heyden zeigt den Alltag am Prenzlauer Berg von 1969 bis 1980. Sein West-Berliner Kollege Rainer König sammelt Berliner Fragmente aus der „Selbstständigen Einheit Westberlin“, wie die Westhälfte von Ost-Berlin offiziell genannt wurde.

 

Berlin-Charlottenburg, S-Bahnhof Savignyplatz (Savignyplatz Metro Station), 1966, 17,9 √ó 18,0 (24,0 √ó 18,0) cm

Rainer König. West-Berlin. Savignyplatz. 1966.

 

Das Verblüffende. Beide Fotografen zeichnen mit faszinierend genauem Blick ein gemeinsames Panorama. Es sind Schwarz-Weiß-Bilder einer geteilten Stadt, die sich zum Verwechseln ähnlich sind. Präzise präsentieren die Bilder Momentaufnahmen aus dem Leben der Mauerstadt jenseits von Propaganda, Schönfärberei und Inszenierung. So entsteht das beeindruckende Gesamtbild einer untergegangenen Welt, in der Unterschiede zwischen Ost und West ineinanderfließen und so neue überraschende Einblicke ermöglichen.

 

Fotograf: Bernd Heyden Aufnahmedatum: 1976 Aufnahmeort: Berlin (Ost) Inventar-Nr.: Hd 0500-18 Systematik: Kulturgeschichte / Fotografen / Heyden / Werke

Bernd Heyden. Ost-Berlin. 1976.

 

Die Doppelausstellung im Willy-Brandt-Haus in der Berliner Stresemannstraße ist bis zum 22. November 2016 geöffnet. Eintritt frei. Personalausweis nicht vergessen.

 

Berlin-Charlottenburg, Block 118, 1975

Rainer König. West-Berlin. Charlottenburg. 1975

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Am deutschen Wesen

Das Land sucht seine Mitte. Wieder einmal. Mit einer Rolle rückwärts in die Zukunft? Vor 150 Jahren reimte ein Heimat-Dichter und Spätromantiker: „Macht und Freiheit, Recht und Sitte, Klarer Geist und scharfer Hieb/ Zügeln dann aus starker Mitte/Jeder Selbstsucht wilden Trieb, Und es mag am deutschen Wesen/Einmal noch die Welt genesen.“ Der Name des Poeten? Unbekannt? Er heißt Emanuel Geibel. In Lübeck kann man ihn noch antreffen. Im Rest der Republik ist er vergessen.

Aber die letzten Zeilen seines Gedichts Deutschlands Beruf aus dem Jahre 1861 spuken ungebrochen weiter durch unsere Hirne und Herzen. „Es mag am deutschen Wesen – einmal noch die Welt genesen.“ Aus dem patriotisch intonierten Verb mag wurde alsbald ein nationalistisches soll und später noch ein … wird die Welt genesen. Dieser kleine feine Unterschied sagt viel über die Trennlinie zwischen inniger Heimatliebe und dumpfem Nationalismus. Dichterfürst Geibel ist längst Geschichte, er konnte sich aber auch nicht mehr wehren.

 

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Emanuel Geibel (1815-1884). Romatischer Poet in Pose.

 

Geibel träumte im 19. Jahrhundert von der Überwindung der deutschen Kleinstaaterei. Als er in seinem Münchner Zeit in Reimen, Versen und Gedichten allzu preußisch wurde, verlor er 1868 seine – vom bayerischen Königshaus zugeteilte – lebenslange Pension. Er kehrte in seine Vaterstadt Lübeck zurück, wo er 1881 starb. Heinrich Mann verewigte den Landsmann in dem Roman Eugénie oder Die Bürgerzeit in der Rolle des Dichters Prof. von Heines. Auch Bruder Thomas Mann verarbeitete Geibel in seinem urdeutschen Familienroman Buddenbrooks.

 

 

Geibel blieb ein Leben lang ein unverbesserlicher Romantiker. Einer, der die Sehnsucht in glühende Worte goss. Dabei war Heimat für ihn kein Ort. Sondern ein Gefühl. Und so beginnt übrigens Geibels „am deutschen Wesen-Gedicht“:

 

„Soll’s denn ewig von Gewittern

Am umwölkten Himmel braun?

Soll denn stets der Boden zittern,

Drauf wir unsre Hütten baun?

Oder wollt ihr mit den Waffen

Endlich Rast und Frieden schaffen?

Dass die Welt nicht mehr, in Sorgen

Um ihr leichterschüttert Glück,

Täglich bebe vor dem Morgen,

Gebt ihr ihren Kern zurück!

Macht Europas Herz gesunden,

Und das Heil ist euch gefunden.“

Über Vater und Sohn

Bruce Springsteen. Der Boss. Zwei neue Bücher, ein altes Thema. Die Einsamkeit des Künstlers. Viele Jahre litt der US-Rockstar unter Depressionen – das schreibt er selbst in seiner Autobiografie. Als sein Vater 1998 starb, holte ihn der „Schwarze Hund“ ein. Doug Springsteen hatte seinen Sohn ein Leben lang schikaniert. Mithilfe von Ärzten, Medikamenten und Ehefrau Patti fand er wieder aus dem Tief. Bruce: „Wenn sie den Güterzug sieht, der Nitroglyzerin geladen hat und aufs Entgleisen zusteuert, dann bringt sie mich zum Arzt und sagt: ‚Dieser Mann braucht ein Pille‘.“

 

Bruce Springsteen verkörpert wie kein anderer das andere, bessere Amerika. Der ehrliche Arbeiter. Bodenständig, zuverlässig, geradeaus. Ein Working Class Hero. Seine Konzerte sind ein Erlebnis und bis zur Erschöpfung lang, oft drei Stunden und mehr. Egal, ob er mit seiner E-Street-Band vor dreihundert, dreitausend oder dreißigtausend im Stadionrund spielt. Am Ende dankt das Publikum glücklich aber müde mit Erlösungsbeifall.

 

 

Der österreichische Journalist Philipp Hacker-Walton erzählt in seiner neuen Biografie eine klassische Außenseitergeschichte. Er taucht in die Sturm-und-Drang-Jahre von 1975 bis 1978 ein. Der junge talentierte Künstler Bruce kämpft in frühen Jahren mit einem gierigen Manager, der ihn verrät und verkauft. Er ringt mit einem Vater, der ihn knallhart kontrolliert und hartherzig abperlen lässt.

Die Familie ist ein Gefängnis. Vater Doug fühlt sich vom Leben betrogen, ob als Busfahrer, Fließbandjobber oder Gefängniswärter. Hart Malochen, wenig Freude und warten bis Sohn Bruce nach Hause kommt. Der Sixpack Bier bleibt am Abend in der einsamen Küche der einzige Trost. Mutter Springsteen nimmt einen Kredit, um ihrem Sohn zum 15. Geburtstag eine E-Gitarre schenken zu können. Statt Grammatik und Geometrie übt Sohn Bruce fortan Griffe von C-Dur bis A-Moll.

In Born to run singt und spielt Bruce sich 1975 seinen ganzen Vorstadt-Frust aus dem Leib. Ein Album voller Aufbruch und Energie, getragen von geradezu naivem Idealismus. Geboren, um loszulaufen. Nur wohin, sagt der damals 26-jährige nicht. Vierzig Jahre später liefert der Weltstar Springsteen mit Wrecking Ball den Soundtrack zur Finanzkrise. Er gibt den Ausgepowerten und Betrogenen eine Stimme, wenn er singt: „The banker man grows fat, working man grows thin“.

 

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Eine neue Biografie von Philipp Hacker-Walton über Bruce Springsteen aus Österreich.

 

Am 27. September erscheint Springsteens Autobiographie “Born To Run” (Heyne) gemeinsam mit dem neuen Album: “Chapter & Verse“. Philipp Hacker-Waltons Biografie Vom Außenseiter zum Boss Als Bruce Springsteen sich seine Songszurückholte (Braumüller) ist bereits im Buchhandel erhältlich.

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Marlene unter uns

„Wo denn das Grab der Dietrich sei“, frage ich eine ältere Dame mit grüner Gießkanne. Schnurstracks antwortet die Berlinerin: „Folgen Sie mir. Sie liegt direkt neben meinem Mann.“ Wir gehen einige Reihen auf dem Friedhof Friedenau entlang. Die Frau volle Kanne vorneweg. „Da ist sie.“ Wir stehen vor dem Ehrengrab der Marlene Dietrich. „Es wird kaum gepflegt. Eine Schande. Die Blumen verdorren. Keiner räumt sie weg. Ach…“ Die Witwe macht eine stumme wegwerfende Handbewegung, wendet sich ab, gießt ihren Mann.

 

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„Hier stehe ich an den Marken meiner Tage“. Marlene in Friedenau.

 

„Hier stehe ich an den Marken meiner Tage“, lese ich. Hier ruht sie also. Die Grand Dame des deutschen Films. Geliebt, gehasst, umstritten, gefeiert. In Paris einsam gestorben, in Berlin zur letzten Ruhe gebettet. Das Grab ist schlicht, geradezu bescheiden. Alles andere als ein pompöser Gedenkort für einen Weltstar. „Marlene 1901-1992“, ist auf dem Stein noch zu lesen. In meinem Kopf beginnt Suzanne Vega ihr Marlene on the Wall zu summen. Ein großer Erfolg war ihre musikalische Referenz, 1985.

 

 

Ein paar Meter weiter liegt Helmut Newton, der Fotograf der Schönen und Reichen. Ganze zehntausend Gräber hat der kleine Friedhof an der Stubenrauchstraße in Friedenau. Er gehört zu den kleinsten der Hauptstadt, gilt aber als Künstlerfriedhof. Hier ist auch der italienische Komponist Ferrucio Busoni begraben. Die Schriftstellerin Dinah Nelken hat dort ihre letzte Ruhestätte. Der Lyriker Kurt Bartsch? Wie bitte? Nie gehört?

 

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Letzte Botschaft eines Lyrikers.

 

Wer den kleinen Acker der toten Künstler besucht, scheint aus der Zeit zu fallen. Bei einem Trompeter heißt es: Er konnte auf 2 und 4 klatschen. Was für ein treffender, fulminanter Abschiedsgruß!

 

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Letzter Gruß eines Musikers.

 

Marlenes Grab wirkt keineswegs herausgeputzt wie ein Ehrengrab. Kümmert sich denn hier keiner? Das fragte schon vor Jahren die Boulevardpresse. Zuständig ist der Berliner Senat. Die Landesregierung soll Ehrengräber würdig und angemessen unterhalten. Aber dafür reicht es wohl nicht. Nicht einmal für die unvergessene Marlene Dietrich.

Friedhof Friedenau. Stubenrauchstraße 43-45, 12161 Berlin, geöffnet täglich von 8-18 Uhr.

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Is mir egal

„Erster Schultag in Berlin. Die Kinder haben noch keinen Stundenplan, aber am zuckerfreien Vormittag wurden schon mal die Namen getanzt.“ Notizen vom Prenzlauer Berg. Die Hauptstadt ist aus den Ferien zurück. Und – wie gewohnt – funktioniert nichts richtig. Das Finanzamt ist abgetaucht. Das Bürgeramt Kreuzberg schickt verzweifelte Bürger wieder weg, die bereits zum fünften Mal einen ausgefüllten Antrag abstempeln lassen wollen. Warum? – Antwort des Amtsträgers: „Ganz einfach – weil ich nicht will!“ Das ist Berlin.

„Is mir egal“, ein Werbespot der hauptstädtischen Verkehrsgesellschaft BVG hat längst Kultstatus erlangt. Sechs Millionen Menschen können nicht irren. Eigentlich sollte gegen Schwarzfahren geworben werden, doch die eigentliche Botschaft ist überall angekommen. Ist doch eh egal. Zum Beispiel, dass einer Familie auch zwei Monate nach Geburt ihres Kindes kein Kindergeld ausgezahlt wird. Warum? – Die Eltern haben keine gültige Steueridentifikationsnummer. Die bekommen sie aber nur, wenn sie einen Termin beim Bürgeramt ergattern. Und seitdem der Sprößling da ist, stehen sie auf der Warteliste.

 

Was im Kleinen nicht funktioniert, kann auch im Großen nicht gelingen. Unfassbare neun Jahre dauert in der Hauptstadt bisher der Bau einer neuen Schule – die Boulevardzeitung „B.Z.“ hat aufgelistet, was in der Zeit bislang alles so geschehen ist: 1) Bezirk definiert Bedarf, 2) Mittel werden beantragt, 3) Testat wird erstellt, 4) Senator für Finanzen verabschiedet Investitionsplan, 5) Anmeldung durch Bezirk, 6) Senatsbeschluss, 7) Erarbeitung Bedarfsprogramm, 8) Genehmigung Bedarfsprogramm, 9) Vergabeverfahren, 10) Auswahlentscheidung, 11) Vorplanungsunterlagen (VPU) werden erarbeitet, 12)  VPU werden genehmigt, 13) Veranschlagung im Haushalt, 14) Bauplanungsunterlage (BPU) wird erarbeitet, 15) BPU wird genehmigt, 16) Ausführungsplanung, 17) Ausschreibungscheck, 18) Baubeginn, 19) Fertigstellung (evtl.), 20) Is egal.

 

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Auch aus Büroklammern kann etwas werden. In Berlin ächzen alle unter einer Verwaltung, die nur noch im Ausnahmemodus funktioniert.

 

Wird schon. Wie der Flughafen. Also Kopf hoch, und nicht die Hände!