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„Genau hier sind sie richtig…“

Das Licht brannte immer. Morgens, mittags, abends und nachts. Mitten im Laden ein großer Schreibtisch, an dem in stets gleich vorgebeugter angestrengter Haltung ein Mann mittleren Alters saß. Er schien mit seinem Computer wie mit einer Nabelschnur fest verbunden. „Satz, Layout, Grafik“ steht in weißen Lettern an der Schaufensterfront. Nun ist der Laden leer geräumt. Niemand sitzt mehr da. Nicht mehr an Heiligabend oder an langen Sommernächten. Nicht morgens um sieben oder Sonntagmittags, wenn Familien ihren Spaziergang zelebrieren. Der Grafiker ist weg. Man hat ihn im Zinksarg aus seinem Laden getragen.

 

Der unscheinbare Grafikladen befand sich in der Mitte meiner kleinen Straße im Westen der großen Stadt. „Druckvorstufe, Elektronische Bildbearbeitung, Digitale Reinzeichnung“, heißt es an der Schaufensterscheibe noch. Aber was der Mann mit den schütteren Haaren tagein tagaus an seinem Arbeitsgerät entwarf, bearbeitete oder zeichnete, wusste niemand. „Genau hier sind sie richtig…“ verspricht beim Googeln ein winziger Hinweis im Netz. Auf einer kryptischen Website wird im Impressum ein Name genannt, an den sich keiner aus der Nachbarschaft erinnern kann.

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Ein letzter Gruß für den Grafiker.

Irgendjemand hat einen Strauß Frühlingstulpen vor den Eingang des Ladens gestellt, dazu ein paar Teelichter. Der Tod des Grafikers ist doch bemerkt worden. Aber auch diese kleine Aufmerksamkeit bleibt rätselhaft und anonym. Wen ich auch frage, alle schütteln den Kopf. „Ja, da brannte immer Licht. Aber ich kannte ihn nicht.“ Nur der tunesische Herrenschneider kann sich ein wenig erinnern. „Es war ein stiller, freundlicher Mann. Er war zweimal bei mir.“ Noch etwas, was ihm in Erinnerung geblieben sein könnte? „Nein“, ergänzt der Schneider ratlos, der in der Straße so ziemlich alles und jeden kennt.

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Fast zwei Jahrzehnte brannte hier Licht. Tag und Nacht. 365/24 mal. So wie Berlin gerne für sich wirbt. Die Stadt, die nie schläft.

Zwischen dem „Studio für Physiotherapie“ und dem Kinderladen „Eulennest“ war der kleine Grafikaden. Seit über fünfzehn Jahren brannte dort 365 mal 24 Stunden lang zuverlässig die Tischlampe. Kauerte der Grafiker an seinem Gerät, den Kopf leicht nach oben angespannt. Allseits sichtbar, öffentlich wie eine Schaufensterpuppe saß er da. Und doch unnahbar und unendlich weit entrückt. Eine Schattengestalt. Auch ich habe nie nachgefragt oder seinen Laden betreten, um zu fragen wie es dem vielleicht Ende Fünfzigjährigen so geht. Obwohl mich der Mann mit den grauen langen Haaren beschäftigt hat. Wer ist er? Was macht er eigentlich? Ist er in seinem Laden festgewachsen?

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Das Licht ist aus. Der Laden leer geräumt. Bald zieht neues Leben ein. Das einzig Beständige ist der Wechsel.

 

Mir geht ein Zitat von Immanuel Kant durch den Kopf. „Die Einsamkeit ist schrecklich, aber auf erhabene Art.“ Erhaben? Was war am Leben dieses Einzelgängers erhaben? Ich suche nach Antworten. Nun ist es zu spät. Eine Großstadt ist voller Geschichten, Lärm und Schicksale. Die Einsamkeit des Einzelnen geht im hektischen Getriebe leicht unter. Sie kann spielend verdrängt oder verschleiert werden. Der Laden unseres Grafikers war immer hell erleuchtet – doch sein Leben blieb völlig im Dunkeln.

„Mach dich hübsch!“

Das weibliche Ohr in einer Nahaufnahme. Der Betrachter ist irritiert. Was soll das denn? Die Antwort: Hinsehen, zuhören, nachdenken. Die Fotoserie Ohren entstand in den Straßen von New York. Aus Alltäglichem Außergewöhnliches entwickeln. Das ist die Kunst der Isa Genzken. Schau genauer hin! Das ist ihr Motto. „Mach dich hübsch“, heißt nun ihre erste umfassende Werkschau, die jetzt im Berliner Gropius-Bau zu sehen ist. Sei ein weiblicher Narr, fordert sie. Setze die Welt neu zusammen. Und das tut sie.

 

„Ich wollte schon immer den Mut haben, total verrückte, unmögliche und auch falsche Dinge zu tun“, sagte die gelernte Bildhauerin einmal. Geboren 1948 in Bad Oldeslohe zählt Isa Genzken heute zu den einflussreichsten Künstlern ihrer Generation. Sie war Meisterschülerin bei Gerhard Richter und zwölf Jahre mit dem Malerpapst liiert. Sie erkämpfte sich als Frau in der Männerdomäne Bildhauerei ihren Platz. Still und bescheiden im Auftreten, aber direkt, kompromisslos und provokativ in ihren Arbeiten.

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Nofretete. Isa Genzken. 2014.

Sei frech. Akzeptiere keine Grenzen. Das sind so Isa Genzken-Sätze: „Ich verknüpfe gerne Dinge, die vorher zusammenhanglos dastanden. Diese Verbindung ist wie ein Händedruck zwischen Menschen.“ So präsentiert sie die Nofretete mit Sonnenbrille, einen Weltempfänger aus Beton oder das Röntgenbild ihres Kopfes mit Weinglas. Die Künstlerin im ungewöhnlichen Selbst-Porträt, als „Mona Isa“. Die Künstlerin rüstete 2007 den Deutschen Pavillon auf der Biennale ein, um den monumentalen Nazi-Bau zu karikieren. Das war ihr Durchbruch beim breiten Publikum. Sie nahm mit ihren Material-Collagen mehrfach an der Documenta in Kassel teil. Sie hat ein Faible für Alltagsgegenstände und Architektur. Hochhäuser beeindrucken sie.

 

Sehen. Verstehen. Denken. Dazu fordert Isa Ganzken den Besucher heraus. Bei ihr lohnt es sich wirklich genauer hinzuschauen. Nichts ist Zufall. Der zweite Blick ist komplexer und hinterhältiger. Sie zeigt die Welt hinter dem schönen Schein. So wurde sie Vorbild für ganze Künstlergenerationen. Seit dreißig Jahren gilt sie als „ewig zu Entdeckende“. Aber: Sie hat mit ihren 67 Jahren noch viel Dampf. Das kann man ab jetzt in Berlin erspüren. Denn, so die persönlich sehr zurückhaltende und stille Isa Genzken: „Jeder hat ein Recht auf ein Fenster mit Aussicht.“

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Schauspieler. Isa Genzken. 2013

Die Wahl-Berlinerin ist eine Meisterin der Maßstäbe. Sie verknüpft Volumen und Verhältnisse von Objekten zueinander. Ihre künstlerischen Wechsel zwischen Genres und Materialien haben möglicherweise verhindert, dass sie keine eindeutige Marke werden konnte. Ein Glücksfall! Denn sie ist nicht berühmt, aber ihre Kunst berührt. „Die vielleicht beste lebende Künstlerin der Welt. Ihre Kunst ist knallhart. Wie Glitzerfolie“, lobt die FAZ hymnisch. Machen Sie sich Ihr eigenes Bild!

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Isa Genzken. 2015

 

Mach dich hübsch! Isa Genzkens Werkschau im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Bis zum 26. Juni 2016.

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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Es ist das beliebteste und bekannteste Gedicht von Hermann Hesse, dem deutschen Vorzeige-Dichter für die Sehnsucht nach anderen Lebensformen. Der Mann, der mit „Steppenwolf“ und „Siddhartha“ ganze Gymnasiastengenerationen geprägt hat, gelang mit dem „Stufen“-Gedicht ein großer Wurf. Trost und Erbauung für viele Menschen in persönlichen Krisenzeiten.

Doch ist der Zauber des Anfangs ganz anders gemeint? Es gibt Recherchen, die sagen, es sei kein Zufall, dass die Urfassung dieser Ermutigung in einer Zeit entstand, in der er sich von seiner Frau Mia trennte und einer jüngeren Geliebten zuwandte. Hesse als profaner Herzensbrecher? Alles hormoneller Zauber? Doch hier ungekürzt die „Stufen“. Ein Gedicht wie ein Gebet.

 

Stufen (1941)

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

https://youtu.be/tShVfptMyW8

 

Wer mehr über die Beziehung von Hermann und Mia Hesse erfahren will, dem sei ein Besuch des Hermann-Hesse-Hauses in Gaienhofen am Bodensee empfohlen. Dort gibt es am authentischen Wohnort der beiden Hesses von 1907 bis 1912 eine spezielle Führung zu Hermann Hesses erster Ehefrau Mia Hesse.

Zurück in die Zukunft

Die Analog-Bewegung ist angeblich da: Buchladen statt Amazon, Bargeld statt Kreditkarten. Lagerfeuer-Gespräche statt Facebook, Brief statt Email, Kino statt Netflix und ach ja – Denken statt Googlen. Das wäre schön und klingt irgendwie nach Retro. Oder nach „BIO“? Na klar. Es ist das identische Modell wie im Bio-Business. Apfelsaft naturtrüb statt Aldi-Tüte aus dem Regal. Möhre statt Milky Way.

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Als die Welt noch übersichtlich war. Ein TV-Gerät-Ost mit dem passenden Warnhinweis: „Du kannst nicht für den Frieden sein, stellst du das Westfernsehen ein.“

 

Wie viel analog und wie viel am Tag digital lebt der moderne Mittelstandsmensch? Die Zahlen sind eindeutig: Twitter, Facebook, Instagram oder Periscope dominieren den Alltag und steigern den Blutdruck. Rein, raus, der nächste Tweed. Dagegen ist das Netz fast schon old-fashioned. Und dennoch: Bei Google lernt man am wenigsten. Das Angeklickte wird postwendend und genauso schnell wieder vergessen. Ohne eigenes Vor-Wissen macht Google wenig Sinn. Denn Lernen ist wie eine Kerze anzünden. Der Docht ist entscheidend. Unser Docht beim Lernen ist die Neugierde.

 

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Wie wäre es mit Trompete statt Twitter? Mathias Eick ganz entspannt bei der Arbeit. Foto: Nick Becker.

Auch Multi-Tasking geht nur bedingt. Der Mensch kann keine parallelen Bedeutungsstränge zeitgleich verfolgen. Mitarbeiter von Google und Amazon schicken daher ihre Kinder in Silicon Valley auf eine computerlose Walldorf-Schule. Warum? „Paddeln macht schlauer als Smartphone“, sagt ein Manager. Wer dattelt, lernt weniger, erhöht sein Angstniveau, fördert Versagensängste, so eine aktuelle US-Studie von 2015. Handys machen Stress, verhindern Lernerfolge.

Die linke Gehirnhälfte steuert unsere Sprache und Emotionsverhalten. Je mehr wir diese Seite mobilisieren, desto mehr können wir lernen. Wie war das mit dem aufrechten Gang? Und: Wie lernt man das Laufen? Von Fall zu Fall.

So what?

Miles Davis. Ein Mann mit goldenen Händen. Ein Musiker, der den Groove hatte. Der wusste, worauf es ankommt. Sobald er ansetzte, verwandelte seine Trompete die Welt in eine Andere, Größere, Schönere. Lässig, cool bis zum Höhepunkt. Ist das Jazz? Miles Davis winkte ab. Nein, das sei Social Music, sagt er einmal. Nun setzt ihm ein Film ein Denkmal. Er heißt Miles Ahead und garantiert kurzweilige anderthalb Stunden.

Mehr als zehn Jahre hat Don Cheadle an seiner Miles Davis-Biografie gearbeitet. Kurz vor Fertigstellung ging das Geld aus. Per Crowdfunding konnte das ehrgeizige Projekt in letzter Minute gerettet werden. Don Cheadle hat alles riskiert. Es ist sein Debüt. Der US-amerikanische Schauspieler ist Miles Davis und noch viel mehr. Er schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielte die Hauptrolle. Ein Wagnis, mit vollem Einsatz.

Natürlich zelebriert der Film seine Trompetenkunst. Natürlich spielen die Drogen- und Frauengeschichten des Ausnahme-Musikers eine wichtige Rolle. Aber: Cheadle erzählt eine Episode aus dem Jahre 1979, als Miles Davis sich selbst im Wege stand. Versunken in einer Mischung aus Selbstzweifel und Selbstmitleid konnte der Künstler nichts mehr zuwege bringen. Kein Album, kein Live-Auftritt, nichts.

In dieser Situation taucht ein nerviger „Rolling Stone“-Journalist auf, der gemeinsam mit Miles in einer wilden Abenteuerjagd gestohlene Demobänder mit unveröffentlichten Aufnahmen wieder auftreiben soll. Das ungleiche Paar liefert sich ein amüsantes Duell mit gierigen Produzenten. Dabei werden die beiden Jäger und Gejagte zugleich. Spektakuläre Verfolgungsjagden und Boxkämpfe inklusive.

Geschickt verwebt Miles Ahead Rückblenden des jungen produktiven Miles mit Phasen aus der düsteren Krisenphase. Am Ende befreit sich der Musiker aus dem Würgegriff von Koks und Kummer. Musik ist seine Rettung. Die Trompete triumphiert. Dieser Don Cheadle-Film feiert den Meister in einem unterhaltsamen und spannenden Film. Ohne falsche Töne.

 

Kaum zu glauben übrigens, dass Miles Davis großer Erfolg – So what? – fast sechzig Jahre alt ist. Der Titel klingt, als wäre er gerade eben in einem Club in Brooklyn eingespielt worden. Ganz cool, ganz beiläufig, ohne verbissene Anstrengung. Was sonst?

Der Film feiert Anfang April in den USA seine Premiere. Der deutsche Kinostart steht noch nicht fest.

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Motiviert?

Der junge Punk wartet auf Kundschaft. Jeden Tag lümmelt er auf der Treppe zum Berliner S-Bahnhof Savignyplatz. Mit Hund, Decke, Bierflasche und Buch. Seine aktuelle Lektüre: „Mieses Karma“. Interessanter Titel. Ich frage nach. In diesem Roman erzählt der Autor David Safier von einer attraktiven Talkmasterin, die unausweichlich zu einer kleinen miesen Ameise schrumpft.

Was fasziniert den Schnorrer mit den gelb gefärbten Haaren am bösen Karma? Will er nicht lieber nach oben kommen? Der Plot sei klasse, sagt er. Übersetzt bedeute dies, richtige Bösewichte vom Schlage eines Hitler, Stalin oder Pol Pot müssten künftig als Darmbakterien Wiedergutmachung leisten. Wäre doch klasse, oder? Pause. Passanten hetzen vorbei. Den Kopf eingezogen, eiligen Schrittes, froh in Ruhe gelassen zu werden.

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Warten auf motivierte Kundschaft.

Der bettelnde Punk hat seine Werbestrategie geändert. Statt des branchenüblichen „Haste ein bisschen Kleingeld?“ oder „Hey Alter, Du siehst gut aus, Du hast doch sicher ein paar Groschen“, flötet er fröhlich-verführerisch den Vorbeihastenden zu: „Guten Tag. Sind Sie motiviert, Ihr Geld mit mir zu teilen?“ Einige wenige lächeln. Diese Geldanlageoption klingt wie das Versprechen eines Finanzberaters der Tanker, Immobilien oder Windräder an Steuersparwillige verticken will.

Da auch diese Strategie nur bedingt fruchtet, schaut der junge Mann mit Decke, Hund und Buch wieder in sein „mieses Karma“. Dort liest er weiter über bedeutende Menschen, die ganz schnell zu kleinen Ameisen schrumpfen.  Nun lächelt er. Das Leben ist doch wie ein Roman.

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Adler oder Maulwurf?

Was kann ich nur anstellen mit meinen Jahren zwischen Wiege und Grab? Eine Menge meint Jakob Hein, im Hauptberuf Arzt, in seiner Passion Schriftsteller und zudem Sohn des bekannten Autors Christoph Hein. Das steht aber auf einem anderen Blatt. Jakob schreibt am liebsten Schelmenromane. Er liebt Anekdotisches und Abseitiges. Er weiß, dass Bücher längst an Tankstellen zwischen Kondomen und Senf dargeboten werden. Also schreibt er vom Leben wie es ist.

Der 44-jährige Berliner ist ein fleißiger Sammler für „verworfene Ideen“, sucht stets händeringend nach dem idealen Romananfang, bezeichnet sich in schwierigen Lagen als „Problemanalytiker“ und bemerkt, dass Menschen wie Dauerschauspieler sind, immer im Einsatz auf der Bühne des Lebens, um nach dem Auftritt „in der Garderobe erschöpft die Maske fallen“ zu lassen.

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Jakob Hein. Er springt mal eben in „Kaltes Wasser“.

In seinem neuesten Streich, es ist schon sein vierzehntes Buch, stürzt er seinen Helden Friedrich Bender in Kaltes Wasser. Der junge Ost-Berliner schlägt sich in den Nachwendejahren durch das vereinte Berlin. Seine frustrierten Eltern trauern den alten Zeiten nach, „als Linsen noch nach Linsen schmeckten“ und die Menschen sich in die Augen schauen konnten. Der Sohn durchschaut die neue Zeit und lebt den Kapitalismus. Motto: Geld verdirbt den Charakter, aber es ist das Beste, was es gibt, um die Leute vom Denken abzuhalten.

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Lehrreich und verdauungsanregend, wie er als Mitarbeiter der Versicherung Föderation seine Pausen nutzt, um auf der unbenutzten Herrentoilette Weltliteratur zu lesen: „Die großen Amerikaner, die alten Deutschen und die toten Russen.“ Herrlich, wie er als hochstapelnder Heiratsvermittler die Beziehungsnöte von Alt-, Hoch- und Geldadel zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell entwickelt. Er vermittelt magersüchtige Prinzessinnen an bindungsunfähige Geldsöhne.

Mit seiner Partneragentur „von Meyburg “ beschwindelt Romanheld Friedrich die eitlen Exemplare der Welt des schönen Scheins. Natürlich kommen die geblendeten Bewunderer ihrem Felix Krull aus Ost-Berlin auf die Schliche. Das hat Folgen für die Geschäfte, das Liebesleben und die Doppel-Moral. Jakob Hein mag das Absurde. Am Ende steigt er diesmal auf einen „Läuterungsberg“.

Dort kommt ihm die Erkenntnis, dass es eine Herausforderung ist, einem Maulwurf die Gefühle eines Bergadlers zu beschreiben. Denn zum Fliegen gehört der Absturz. Aber: Was wäre schlimmer als nie geflogen zu sein?

Achtung unterhaltsam! Jakob Hein. Kaltes Wasser. Galiani Berlin, 2016.

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Über eine Hassliebe

Be Berlin. Die Stadt an der Spree ist ein Ort, der Menschen zuverlässig anzieht, aufregt und auch wieder abstößt. Der Boom hält an. Trotz Flughafen-Fiasko und Flüchtlings-Chaos. Im letzten Jahr zog eine ganze Großstadt nach Berlin: 120.000 Menschen. Das ist einmal Göttingen, Ulm oder Wolfsburg. Darunter waren auch 40.000 reguläre Neubürger. Berlin wirkt weiter wie ein Magnet. Ist die deutsche Hauptstadt «romantisch wie Bullerbü, mondän wie die Côte d’Azur und weltstädtisch wie London», wie das Hochglanzmagazin «Geo special» befindet?

Von wegen! Berlin ist „zum Abkacken“, schreibt Kristjan Knall in seiner Kampfschrift 111 Gründe, Berlin zu hassen“. Er nimmt Berlin-Klischees unter die Lupe, streitet gegen „Eso-Hipster, Stammtisch-Sarrazins, Dit-wird-ma-ja-wohl-noch-sagn-dürfn-Sagern und Alpha-Prolls im 3er-BMW“. Natürlich ist Kristjan Knall ein Pseudonym und sein Buch ein einziges Pamphlet. Aber voller Wahrheiten, verspricht der Verlag, er zeige „die Stadt so, wie sie wirklich ist“.

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Das Buch für alle Berlin-Einsteiger. Es soll Anfang März im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erscheinen.

 

Warum ist Berlin auf dem absteigenden Ast? Kostprobe Knall: „Weil die Spätis ausgemerzt werden. Weil Backpacker alles vollschwitzen. Weil Berlin verdorft. Weil Köter alles vollkacken. Weil der Görli das Mekka für ‚BILD‘-Leser ist. Weil Jesus raven geht. Weil Fixies Kinder zerfleischen. Weil Pädagogenpapis die Männlichkeit verraten. Weil ‚Tatort‘ Event ist. Weil die Hasenheide voll von Alpha-Kevins ist. Weil Stricken das neue Graffiti sein will.“

Hat der bekennende Berlin-Basher Recht? Ist die Stadt out? Damit liegt er gerade voll im Zeitgeist. Nach einer frisch veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sind Hamburg und München die beliebtesten Großstadt-Adressen. Erst dann folgt Berlin.

Und noch eine Überraschung: Auf der Negativliste der unbeliebtesten Wohnorte landet die Hauptstadt einsam auf Platz Eins. Es ist die Großstadt, in der die Deutschen am wenigsten gerne wohnen wollen. Fazit: Party in Berlin ja. Ständig dort leben, bloß nicht. Viele Befragte träumen vielmehr von einem Leben auf dem Lande. Ganz idyllisch, ohne nörgelnde Einheimische und Hundehaufen, ohne aufgedrehte Hipster und dem Szeneclub Berghain bis zum Abwinken.

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Der Menschenfreund

Es war eine Freude ihn zu treffen. Mit ihm zu arbeiten, zu reden und zu streiten. Roger Willemsen hatte stets etwas Ansteckendes, Öffnendes und Befreiendes. Selbst wenn man seine Meinung nicht immer teilen mochte, seine Fragen, Ideen und Gedanken ließen einen nicht mehr los. „Man muss dorthin gehen, wo es wehtut“, war sein Credo. Nun hat ihn der Krebs im Alter von sechzig Jahren besiegt. Nicht aber seine Haltung. Roger Willemsen hinterlässt eine Lücke. Es ist eine große Lücke.

Willemsens Welt. Unerschöpflich interessierte er sich für alles, was das Leben zu bieten hatte. Afghanische Kinder, Bundestagsabgeordnete, Helden, Selbstmörder, Lügner, Blender und immer wieder und bevorzugt Außenseiter aller Schattierungen. Als er sich in einem seiner über dreißig Bücher plötzlich auf Vögel, Lurchen und Insekten stürzte, schüttelte nicht nur ich verwundert den Kopf. Roger Willemsen fand den Populärwissenschaftler Alfred Edmund Brehm faszinierend. Besser bekannt durch sein Standardwerk Brehms Tierleben.

Warum? Roger Willemsen lächelte. Eine echte Bildungslücke! Nun, Brehm trat an gegen „Pfaffentum und Weltweisheit, gegen Schreibtischgelehrte in ihrer hohen und hohlen Weisheit.“ Er mischt „Empathie mit Empirie, er leuchtet historische Quellen aus, sammelt Beobachtungen und leuchtet kulturelle Zusammenhänge aus“. Präziser hätte sich der Menschenforscher Willemsen nicht selbst beschreiben können.

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Roger Willemsen. 2014. Quelle: Wikipedia.

Das Leben zeigt einmal mehr, dass es keinen Artenschutz gibt. Auch nicht für Menschen wie Roger Willemsen. Für Suchende wie ihn mit wachem Verstand, ungebremster Leidenschaft und klarer Haltung. In einem seiner letzten Interviews vom vergangenen Sommer sagte der Publizist es gehe für ihn darum „die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen und nicht nur Spaß zu haben.“ Das sei der Sinn des Lebens. In dieser Frage hat Roger Willemsen Wort gehalten. Das ist, was bleibt. Ein tröstlicher Gedanke.

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Von oben betrachtet

Der kanadische Astronaut Chris Hadfield umrundete 2013 die Erde. Er war begeistert. Von der Raumstation ISS zeigte sich der blaue Planet eindrucksvoll. Eine weiß-blaue Kugel, elegant, erhaben, einzigartig. Filigran, fast zerbrechlich. Aus vierhundert Kilometern Höhe fotografierte Hadfield Städte, Landschaften, Kontinente. Bei Tag und Nacht. Über Berlin entdeckte er eine Überraschung. Aus dem All präsentiert sich die Stadt mit einer eindrucksvollen Licht-Installation. Während im Westen bläulich-kühles Licht vorherrscht strahlt der Osten in warmem Bernsteingelb.

Berlin bei Nacht aus 400 Kilometern Höhe. Quelle: NASA/Chris Hadfield

 

Die Lichtgrenze verläuft exakt entlang der alten Mauer. Für Betrachter aus dem All scheint die Berliner Teilung noch Gegenwart zu sein. Auch über ein Vierteljahrhundert nach der Einheit kann die deutsche Metropole ihre getrennte Vergangenheit nicht verheimlichen. Zufall? Keineswegs. Der Grund für das Phänomen einer Lichtgrenze ist der Einsatz der berlinweit 182.000 Elektroleuchten. Während im alten Westen vorwiegend hell-weiße Leuchtstofflampen installiert wurden, kamen im früheren Osten vor allem gelblich scheinende Natriumdampflampen zum Einsatz.

 

Der kleine Unterschied macht´s. Er wird noch Jahrzehnte zu sehen sein. Jedenfalls aus dem All. Denn bis die Berliner Straßenbeleuchtung auf einheitlich energiesparende LED-Lampen umgestellt wird, kann es noch lange dauern. Solange strahlt die Stadt weiter in den Lichttönen Ost und West. Bleibt eine Stadt der zwei Farben. Zu sehen von der Raumstation ISS.