Ewige Jugend

Was ist, wenn der tägliche Tropfen zum Höhepunkt wird? Nicht der gute Tropfen, den man trinkt sondern der quälende den man lässt? Was, wenn man nicht mehr weiß, ob mit der großen Jugendliebe mehr als Händchenhalten war? Ach, wie hieß sie noch einmal? Zwei alte Freunde hängen ihren Erinnerungen nach. Ewige Jugend heißt ein stiller, melancholischer Film, der die letzten großen Sehnsuchts-Fragen aufwirft.

Zwei alte Knaben, gespielt von Michael Caine und Harvey Keitel stecken in einem biederen Schweizer Berghotel fest. Der Zauberberg lässt grüßen. Ein goldener Käfig voller Narren und skurriler Gäste. Über Geld reden die Insassen nicht, das hat man einfach und gibt es im Luxusresort gleich wieder aus. Massagen, Geigenstunden und Kletterübungen bestimmen den Tagesablauf. Das abendliche Dinner im Speisesaal wird schweigend eingenommen während sich Tischnachbarn gegenseitig belauern.

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Das Berghotel Schatzalp in Davos, früher ein Lungensanatorium. Es soll Thomas Mann als Vorlage für den Zauberberg gedient haben.

 

Die modernen Zauberberg-Bewohner eint der Wunsch nach Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Im Mittelpunkt stehen zwei alte Freunde: Ein Dirigent im Ruhestand und ein Drehbuchautor, der nicht loslassen kann. Sie reden über Lust, Liebe und die Kunst des Wasserlassens. Das kann nicht lange gut gehen, zumal Jane Fonda als ewige Diva ihren großen Auftritt hinlegt und alles in Bewegung bringt.

Regisseur Paolo Sorrentino hält wieder einmal dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. In berührend schönen wie verstörenden Bildern erweckt er eine Welt, die zeitlos morbide und faszinierend zugleich ist. So gelingt ihm eine Tragikomödie zum Gruseln – es ist das Gruseln über die eigene spießige Begrenztheit. Ewige Jugend hat gerade den Europäischen Filmpreis 2015 gewonnen. Gut so. Denn Sorrentinos Geschichte ist ein bitterböser Abgesang auf das alte Europa. Traumhaft schön inszeniert! Trotz Überlänge keine Minute zu lang.

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Eine Stadt am Limit

„Berlin – eine Erfolgsgeschichte so verkündet es eine funkelnagelneue Werbebroschüre des Berliner Senats. Auf dem Titel ist das Brandenburger Tor zu sehen und im Inhalt leuchten die Superlative. Berlin ist hip, top und voller Aufschwung, heißt es. Die deutsche Hauptstadt sei „attraktiv“ und „lebenswert“. Berlin habe „alles, was man braucht“. Ein „gut vernetzter“ Treffpunkt, „für alle da“, er „biete Chancen“ und zeuge selbstredend „von Weltrang“.

Natürlich fehlt der Flughafen, auf den die Stadt seit über 1290 Tagen wartet. Keine Rede ist vom Chaos am weltweit bekannten neuen Checkpoint LaGeSo. Keine Silbe ist zu finden über Bürgerämter, die für einfachste Dinge wie einen Pass verlängern Monate brauchen. So ist das eben in einer wachsenden Boom-Stadt. Mehr als einhunderttausend Neubürger zählt Berlin in diesem Jahr. Pioniere, Hipster, Glücksucher,  Flüchtlinge, Gestrandete. Es sind Gründerzeiten. Glanz und Elend wohnen dicht an dicht. Die einen im Dachgeschoss, andere parterre links, zweiter Hinterhof. Wie vor über hundert Jahren.

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Nachdenken über Häuser, Straßen, Plätze. Genauer hinschauen auf Menschen, Moden, Macken, Trends. Karl Scheffler wagte sich mit 51 Jahren an die große Hass-Liebe Berlin.

 

Berlin sei „dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein“. Dieses Bekenntnis meißelte 1910 der Architekturkritiker Karl Scheffler in den Berliner Gründerstein. Er verfluchte Berlin als ein Stadtschicksal. Der Text liest sich als wandere er noch heute durch Straßen und über Plätze, als hätten drei Systeme, zwei Kriege, Mauern und Marschparaden nie stattgefunden. Scheffler sieht in Berlin eine ewige Kolonialstadt für Abenteurer, Flüchtlinge und Glücksritter. Scheffler: „Freiwillig wählte diese Stadt nicht leicht Jemand zu dauerndem Aufenthalt, der im Mutterland sein Auskommen finden konnte.“

Und die Bewohner? Scheffler, der Beobachter notiert: „Die Berliner sind ein verwegenes Geschlecht, wie Goethe sagte, sind nüchtern, praktisch, materiell und schwer einzuschüchtern; die neue Stadtbevölkerung, die die statistischen Ziffern ruckhaft in die Höhe schnellen machte, ist jung, rücksichtslos und unternehmend. Es fehlt das Pathos, das falsche, aber auch das echte, und damit fehlt die Fähigkeit, sich schön dazustellen.“

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Kudamm. Ecke Uhlandstraße. Der alte Westen leuchtet. Alles eine Frage des Lichts.

Florian Illies ist mit der Entdeckung von Karl Schefflers DNA-Analyse über Berlin wieder ein echter Wurf gelungen. Die Geschichte einer faszinierenden Zeitreise. Erzählt am Beispiel  einer wendischen Fischersiedlung, die zur mächtigen Millionenstadt emporschoss, „voller Hässlichkeit“ und Großmäuligkeit, verloren „im endlosen Ostland“ manchmal ganz deftig kleinkariert. Das Büchlein „Berlin ein Stadtschicksal“ ist knallrot umrahmt und passt unter jeden Weihnachtsbaum.

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Ein Brief an Freund Hitler

Die Adresse lautet. An „Herr Hitler, Berlin, Germany“. Am 23. Juli 1939, knapp sechs Wochen vor Ausbruch des II. Weltkrieges setzt sich ein Mann im fernen Indien an seine Schreibmaschine. „Lieber Freund“, beginnt er freundlich, er müsse diese Botschaft jetzt schicken, die Zeit sei reif. Ein Krieg müsse unbedingt verhindert werden. Der Absender? Mahatma Gandhi.

Wörtlich schreibt der vielgepriesene gewaltlose Verfechter der indischen Unabhängigkeitsbewegung und bekennende Pazifist:

„Lieber Freund.

Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden.

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Gandhis Brief vom 23. Juli 1939 an Adolf Hitler.

Offenbar sind Sie unter allen Menschen allein in der Lage, einen Krieg zu verhindern, der die Menschheit in den Zustand der Barbarei zurückwerfen würde. Müssen Sie unbedingt diesen Preis für Ihr Ziel bezahlen, und wenn es Ihnen noch so erstrebenswert erscheint? Wollen Sie nicht auf einen Menschen hören, der nicht ohne beachtlichen Erfolg die Methode des Krieges immer abgelehnt hat? Sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben, bitte ich Sie um Verzeihung für dieses Schreiben.“

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Im Dezember 1940 schrieb Gandhi einen zweiten Brief an Hitler. Auch dieser wurde von der britischen Regierung abgefangen.

 

Aus heutiger Sicht mutet das Schreiben vom Juli 1939 mehr als naiv an, wie ein grotesker Irrtum der Weltgeschichte. Gandhi, die berühmte Ikone der Gewaltlosigkeit, im  unterwürfigen Ton und dem Versuch den deutschen Diktator von einem Krieg abzuhalten. Gandhi täuschte sich gewaltig. Und „Freund“ Hitler musste auf seine Versuche nicht antworten. Der Brief hatte ihn nie erreicht. Er wurde vorher abgefangen – von der indischen Regierung im Auftrag Londons.

 

Veröffentlicht wurde der Gandhi-Brief in dem deutschsprachigen Sammelband: „Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten“. Herausgeber Shaun Usher hat 125 ungewöhnliche Briefwechsel der Weltgeschichte veröffentlicht.

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Helden der Straße

„Haste mal paar Groschen?!“ Arme, Bettler, Betrunkene, Junkies, Obdachlose, Illegale und Flüchtlinge werden sichtbar. Auf Bahnhöfen, in Fußgängerzonen, vor Supermärkten. Sozial Bedürftige in Konkurrenz. In den Städten und besonders in Berlin sind sie überall zu sehen. Menschen mit gescheiterten Biografien und tragischen Lebensläufen. Sie öffnen in Banken die Türen, putzen an roten Ampeln Windschutzscheiben, musizieren in Bahnen, verkaufen Straßenzeitungen, sitzen an Straßenkreuzungen. Sie knien auf schmutzigem Asphalt, flehen Vorbeiziehende an.

 

Ihr Arbeitsgerät: ein Pappbecher. Mal ein traurig-bittender Mitleids-Blick. Mal zerschlissene Kleidung. Manchmal ein Hund. Das steigert die Spenden-Bereitschaft. Diese Bürgersteig-Desperados sind Botschafter der Armut. Sichtbar, überall, nervend. Der Passant zieht den Kopf ein, beschleunigt den Schritt. Mit schlechtem Gewissen und dem Gefühl, es werden immer mehr. Gedanken brennen sich ein: Ich kann doch nicht die ganze Welt retten! Und: Gibt es kein Ende? Oder: Wird es nicht mehr besser?

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Uwe P. Er ist 61 Jahre alt. Sein Markenzeichen: die Pfeife. „Sie darf nicht ausgehen.“

 

„95% der Obdachlosen sind an ihrem Schicksal selbst schuld.“ Das sagt Uwe. Der Mann mit dem Rauschebart sitzt vor einer S-Bahnstation, solange Tageslicht ist. Er ist jetzt 61 Jahre alt. Hat alles hinter und nur wenig noch vor sich. Jobverlust, Spielsucht, Scheidung, Alkohol, Einsamkeit, Schulden, Obdachlosigkeit. Jetzt lebt Uwe von 430 Euro Grundsicherung. Den Rest zum Überleben erbettelt er sich. „Wenn es kalt ist, geben die Leute mehr. Besonders Frauen.“ Uwe zieht an seiner Pfeife. Der gelernte Landwirt hat Probleme mit dem Herzen. Es flattert. „Meine Pumpe will nicht mehr so“.

 

Was sich in letzter Zeit geändert habe, will ich wissen. „Die Zeiten sind härter geworden. Seit kurzem fragen mich die Leute, ob ich Deutscher bin, bevor sie etwas geben. Das ist neu.“ Uwe hat noch eine winzige Wohnung. Die will er nicht verlieren. „Heute schimpfen alle auf Merkel. Sie muss weg. Ich will den Bayern. Den Horst (Seehofer).“ Mit den Pegida-Leuten will er nichts zu tun haben. Da seien zu viele Braune dabei. Er hebt seine Stimme: „Damit eines klar ist: Ich bin Deutscher, kein Faschist.“

 

Eine Frau steckt ihm ein Schokoladen-Croissant zu. Sie lächelt Uwe kurz an. „Sollst auch was Süßes mal haben. In diesen harten Zeiten.“ Uwe streicht sich durch den Bart. Schnurrt zufrieden zurück. Sie eilt weiter. Manchmal gibt es Momente, die das Leben noch lebenswert machen. Tja, sagt sein Blick. So sieht es aus, mein Leben. Das können sich die meisten überhaupt nicht vorstellen. „Tapfer bleiben. Haltung bewahren“, sagt Uwe noch. Willkommen ganz unten!

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Ein Fest fürs Leben

Den Kragen hochgeschlagen, die Schritte beschleunigt. Wer ist derjenige, der mir gerade entgegenkommt? Ein Blick. Ein Zögern. Dieses Misstrauen. Wann ist es wieder verschwunden? Wo führt die Reise hin? Trotzig steckt sich ein Passant seine Zigarette an. Ein Mopedfahrer knattert die enge Straße entlang. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene. Es beginnt zu regnen.

Alle, die in den letzten Tagen in Paris waren, berichten von kleinen, unmerklichen Nuancen. Von einem Gefühl der verlorenen Unschuld, obwohl der Verstand nicht müde wird, das Denken in Richtung Stolz und Unerschütterlichkeit zu lenken. Ernest Hemingway war in seinem Leben zweimal für längere Zeit in Paris. Als es keine Selbstmordattentäter, Terrorkommandos oder Drohnen gab. Er schilderte eine große, fremde Stadt zwischen Lebensgier und Melancholie.

1956 kehrte der US-Schriftsteller für einige Zeit an die Seine zurück. Aus dem Keller des Hotels Ritz ließ er sich alte Koffer voller Notizen, Tagebücher und Aufzeichnungen bringen. Sein persönliches Hab und Gut aus den Zwanzigern. Er wühlte in den Papieren, setzte sich in die Cafés, beobachtete das Leben, und begann zu schreiben. Daraus wurde eine hinreißende Liebeserklärung an die französische Hauptstadt. Eine kleine Kostprobe:

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Robert Doisneau. La ballata di Pierrette d’Orient, 1953

 

EIN GUTES CAFÉ AN DER PLACE SAINT-MICHEL

 

„Dann begann das schlechte Wetter. Es kam eines Tages, als der Herbst vorbei war. Nachts musstest du wegen des Regens die Fenster geschlossen halten, und der kalte Wind streifte das Laub von den Bäumen auf der Place Contrescarpe. Die Blätter lagen durchnässt im Regen, und der Wind trieb den Regen gegen den großen grünen Autobus an der Endstation, und das Café des Amateurs war überfüllt, und drinnen beschlugen die Fenster von Wärme und Rauch.

Es war ein trauriges, schlechtgeführtes Café, Sammelplatz der Trinker des Viertels, und da es dort nach schmutzigen Leibern und den säuerlichen Ausdünstungen der Trunkenheit roch, hielt ich mich fern davon. Die Männer und Frauen, die regelmäßig ins Amateurs kamen, waren immer betrunken, oder jedenfalls immer, wenn sie es sich leisten konnten; hauptsächlich von Wein, den sie halbliter- oder literweise kauften. Viele Aperitifs mit seltsamen Namen wurden angepriesen, aber die konnten sich nur wenige Leute leisten, höchstens als Fundament, auf das sie ihren Weinrausch bauten. Die Trinkerinnen nannte man Poivrottes, was so viel wie weibliche Schnapsnasen bedeutet. (…)

EH 7314P Ernest Hemingway, Paris, March 1928. Photograph by Helen Pierce Breaker, in the Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Der junge Ernest Hemingway in Paris. März 1928. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

 

Ich ging am Lycée Henri Quatre und der alten Kirche Saint-Étienne-du-Mont vorbei, überquerte die windgepeitschte Place du Panthéon, bog schutzsuchend nach rechts ein, gelangte schließlich auf die Leeseite des Boulevard Saint-Michel und kämpfte mich dort weiter voran, vorbei am Cluny und dem Boulevard Saint-Germain, bis ich an der Place Saint-Michel ein gutes Café erreichte, das ich kannte.

Es war ein angenehmes Café, warm und sauber und freundlich, und ich hängte meinen alten Regenmantel zum Trocknen an die Garderobe, legte meinen abgewetzten verwitterten Filzhut auf die Ablage über der Bank und bestellte einen café au lait. Der Kellner brachte ihn, und ich nahm ein Notizbuch aus der Manteltasche und einen Bleistift und begann zu schreiben. Ich schrieb über die Gegend oben in Michigan, und da der Tag wild und kalt und stürmisch war, war auch in der Geschichte so ein Tag. Das Ende des Herbstes hatte ich bereits als Kind, Jugendlicher und junger Mann kommen sehen, und an einem Ort konnte man besser darüber schreiben als an einem anderen.

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Robert Doisneau. Eine Frau in den dreißiger Jahren.

 

Sich verpflanzen nennt man das, dachte ich, und das kann bei Menschen genauso notwendig sein wie bei anderen wachsenden Dingen. Doch in der Geschichte tranken die Jungen, und davon bekam ich Durst, und so bestellte ich mir einen Rum St. James. Der schmeckte herrlich an diesem kalten Tag, und ich schrieb weiter, fühlte mich prächtig und spürte, wie der gute Rum aus Martinique meinen Körper und Geist durchwärmte.“

 

 

Mehr bei Ernest Hemingway. Paris – ein Fest fürs Leben. Rowohlt. 2014.

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„Sprechen Sie mal lauter!“

Natürlich hatte ich Herzklopfen. Was frage ich wann und wie? Womit beginne ich? Was, wenn er mir sein Missfallen im berühmt-berüchtigten Oberlehrerton kurz und knapp überbrät? Mich korrigiert, zurechtstutzt, in Einzelteile zerlegt. Der Feldwebel, der Macher, kurzum der Mann mit der gefürchteten Schmidt-Schnauze. Schon zu Lebzeiten eine Legende. Helmut Schmidt. Bundeskanzler, Welterklärer, Bach-Liebhaber und leidenschaftlicher Raucher.

Als Schmidt im noblen Hotel Vierjahreszeiten an der Hamburger Binnenalster zum Interview im Rollstuhl vorgefahren wurde, zogen die feinen Hotelgäste den Hut, raunten, blieben ehrfürchtig stehen, grüßten. Einige verneigten sich wie vor einem leibhaftigen König. Das Personal hatte an jeder möglichen Ecke überdimensionale Steh-Aschenbecher postiert, obwohl im 5-Sterne-Hotel allen Sterblichen die Ausübung des Nikotinlasters streng untersagt ist. Allein im Interviewraum waren zwei Groß-Aschenbecher platziert worden.

Der Hamburger Genosse und die feine Hanseatenaristokratie. Hier passten die beiden Welten vortrefflich zusammen. Geld und Gewissen. Mir imponierte an Schmidt vor allem ein einfacher aber bestechender Kerngedanke. „Der Sozialstaat ist die größte Errungenschaft des 20. Jahrhunderts.“ Unsere Generation hat vom gezähmten Kapitalismus profitiert wie keine andere zuvor und möglicherweise danach. Auch wenn ich mich gerne an der Schmidtschen Weltsicht gerieben habe, war er für mich glasklar ein politischer Leitstern.

Die Tatsache, dass ich den Zuschlag für ein längeres Interview zum Thema Verantwortung in der Politik erhalten hatte, machte mich nicht nur aufgeregt sondern auch ungemein stolz. Mehr geht nicht. Natürlich wollte ich cool und abgeklärt auftreten, sicher und souverän wirken. Also plauderte ich los. Helmut Schmidt hob den Kopf, nachdem er seine Zigarette angezündet hatte und sagte als erstes: „Tun Sie mir einen Gefallen, junger Mann. Sprechen Sie lauter!!!“

 

Was sich nach dieser Ermahnung im Sommer 2010 entwickelte sehen Sie hier.

 

 

 

Deja vu?

Geschichte wiederholt sich nicht. Das sagen gerne Historiker. Aber wie ist es mit Geschichten, Konflikten, Situationen? Doch, bestimmte Geschichten kommen und gehen und wiederholen sich. Entweder als Farce oder Tragödie. Oder beides zusammen. Mit großem Trommelwirbel und einem meist kleinlauten Finale. Katzenjammer inklusive.

Seit diesem Sommer hält die Massenflucht aus den Notstandsgebieten dieser Erde unser Land in Atem. Zwischen praktischer Hilfe und Pegida-Gebrüll wechselt die deutsche Seelenlage. Seit Wochen werden die Töne schriller, die Stimmung gereizter. Gewalt wird wieder zu einer Option. Aus Worten werden Waffen. Es wird gepöbelt, gedroht, geschlagen. Scharf, schrill und wenn es sein muss mit Baseball-Schlägern.

 

Vor genau 23 Jahren war die Lage im damals frisch vereinten Deutschland wenig anders. Es verblüfft, wie sich bestimmte Dinge wiederholen. Wir fuhren mit einem kleinen Drehteam für mehrere Monate in das Städtchen Spremberg im Süden von Brandenburg. Der Anlass: Im nahen Ort Schwarze Pumpe war das erste Asylbewerberheim niedergebrannt worden. Die dort untergebrachten Flüchtlinge vom Balkan konnten sich nur durch einen Sprung aus der ebenerdigen Baracke retten. Das war ihr Glück.

Die Brandstifter rühmten sich ihrer Taten. Die Kameradschaft Spremberg übernahm die Verantwortung. Längst hatte diese kleine aber wild entschlossene Schlägertruppe die Lufthoheit erobert. An den Stammtischen und in vielen Köpfen. Politiker und Polizei schauten weg. Verunsicherte Bürger schwiegen oder erklärten, sie seien keine Nazis, aber so viele Ausländer, das ginge einfach nicht.

Der Film Die Glatzen von Spremberg lief im Oktober 1992 in der ARD zur besten Sendezeit. Die Ausstrahlung vor einem Millionenpublikum sorgte bereits vorab für große Aufregung. Landrat und Bürgermeister wollten die Premiere um jeden Preis verhindern. Per einstweiliger Verfügung. Begründung: der Film zeige ein Zerrbild, jeder Pfennig GEZ-Gebühr wäre dafür zu schade. Das Wort Lügenpresse war in jenen Tagen übrigens noch nicht gesellschaftsfähig.

Sehen Sie selbst.

 

Die Reportage wurde leidenschaftlich debattiert. So sehr, dass vier Wochen nach der Erstsendung ein Live-Gespräch in Spremberg angesetzt wurde. Die Halle war überfüllt, die Emotionen kochten hoch. Es war wie eine große Therapiestunde. Die Sendung Vor Ort in Spremberg war begleitet von Bombendrohungen, Personenschutz und einem demolierten Teamwagen. Später folgte die Nominierung der Reportage für den Grimme-Preis.

 

Was heute auffällt, ist das deutlich langsamere Tempo des Films. Für Sprache, Gestaltung und Schnitte konnten wir uns damals deutlich mehr Zeit nehmen. Wobei der Stoff genauso brisant war wie heute die Auseinandersetzungen in Dresden oder Heidenau. Es scheint, als hätte sich in den letzten zwanzig Jahren nichts verändert. Als würde sich Geschichte wiederholen. Wieder und wieder. Und ewig grüßt das Murmeltier…

 

P.S.

Anfang November 2015 brannte es in Spremberg in einer geplanten Unterkunft für 180 Flüchtlinge. Die Täter sind unbekannt.

 

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Die Shanghai-Boys

Sonntagabend. Punkt Sieben. Sechs alte Herren nehmen Platz. Weiße Sakkos, schwarze Fliege. Die dünnen Haare gegelt, Strähnen sorgfältig über das blanke Haupt gefaltet. Die Herren geben sich gelassen und abgeklärt. Der Älteste am Saxofon ist 94 Jahre alt. Der Schlagzeuger bohrt in der Nase. Der Trompeter checkt letzte Nachrichten auf dem Smartphone. Dann aber höchste Konzentration. Denn ihr Name verpflichtet: Old Jazz Band.

Auf geht´s. Die Show beginnt im Peace Hotel. Einst erstes Haus der Kolonialzeit mitten in Shanghai. Eine vornehme Adresse. Nun wieder schick saniert. Aber auf sympathische Art leicht verstaubt, ein wenig aus der Zeit gefallen. Que sera erklingt. Ein paar Besucher wippen mit den Füßen. Eine elegante Schönheit nimmt in der ersten Reihe Platz. Die junge Dame bestellt ein Glas französischen Rotwein. Das Viertel zu dreißig Euro. Die Preise im Peace Club sind gesalzen. Der teuerste Champagner kostet 17.000 Yuan. Das sind umgerechnet fast 3.000 Euro. Natürlich kommt die Flasche aus Frankreich, genau richtig gekühlt, versteht sich.

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Jeden Abend im Peace-Hotel in Shanghai. Die Old Boys geben sich die Ehre. Mister Zhou Wan Rong in der ersten Reihe. Mitte. Er ist 94 Jahre alt.

Überhaupt. Zwischen den Stücken machen die alten Knaben lange Pausen. Es folgt ein bizarres Schweigen. Aus dem Nichts gibt der Pianist ein Zeichen. Dann geht´s weiter. Oh, when the saints go marching on. Die Shanghaier Millionärstochter nippt an ihrem Weinkelch, produziert am laufenden Band Selfies. Schaut her, bin ich nicht schön! Sie bittet den Kellner Aufnahmen von ihr mit der Band zu machen. Sie wirft sich vor der Old Jazz Band in Positur, das Weinglas in der Hand. Der Kellner kommt ins Schwitzen. Er muss ausdauernd lange knipsen, bis Madame endlich zufrieden ist. Die Band spielt stoisch weiter.

Eine chinesische Touristengruppe füllt den Saal. Junge Chinesinnen schießen Fotos, widmen sich dann gleichfalls nur noch ihren Handys. Eine Schweizerin erklärt am Nachbartisch ihrer Familie, das sei doch hier ein echtes Erlebnis. Ganz authentisch.

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Das Hotel Peace wurde 1929 eröffnet. Es überlebte Krieg, Kulturrevolution und neureichen Tiger-Kapitalismus. Der Jazz lebt.

 

Zhou Wan Rong ist der älteste Musiker. 94 Jahre alt. Er ist älter als das Hotel. Eröffnet als Carthey Hotel 1929 entwickelte es sich zum glamourösesten Ort des neureichen Shanghais. Hier verkehrte die feine Gesellschaft. Abenteurer, Reisende, Geschäftsleute, Diplomaten. „Die Elite der Welt“, heißt es. Das Hotel steht heute wieder als Zeuge für „Stil, Energie und Würde“, verspricht der Werbeflyer.

Der Saxofonist Zhou war in der Mitte des Lebens, als Mao 1956 in diesem Haus eine Friedenskonferenz abhielt. Da war er 45 Jahre – im besten Alter. Mao machte aus dem kolonialen Treffpunkt das Peace Hotel. So heißt es noch heute. In der Kulturrevolution durfte in der Hotelbar kein Jazz gespielt werden. „Dekadent, kapitalistisch, Ausdruck einer untergegangenen Epoche“.

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Das Peace-Hotel am Bund. Neuer alter Glanz in Shanghai. Glamour ist alles.

Mit der Reform der neunziger Jahre kehrte der Jazz zurück. Seitdem spielt wieder die Old Jazz Band. Über fünfhundert Jahre Erfahrung. As times goes by. Jeden Abend um sieben. Der Beifall ist dünn aber höflich. Was soll´s? Zhou Wan Rong hat viele Gäste kommen und gehen sehen. Für einen Song steht er noch einmal auf. Samba braucht Bewegung. The show must go.

Mister Zhou setzt sich wieder. Er wartet auf seinen nächsten Einsatz. Als Saxofonist braucht er einen langen Atem. Das junge Fräulein winkt mit der Kreditkarte, begleicht ihren Rotwein, verschwindet in der Nacht von Shanghai. Sie will sich offenbar woanders weiter amüsieren. Mister Zhou spielt sein nächstes Solo. Auf einem Plakat vor dem Hotel Peace steht: „Die Rückkehr der Legenden“, während Touristen-Massen achtlos vorbeiziehen.

Sehnsucht nach der arschlochfreien Zone

Berlin leuchtet. Doch nur das Landleben verspricht Erfüllung. Viele gestresste Kopfarbeiter der Großstadt suchen in Brandenburg ihr Seelenheil. Es ist die ungestillte Sehnsucht nach dem einfachen, natürlichen Leben. Nach einer arschlochfreien Zone, so Max Moor, allseits präsenter TV-Moderator und märkischer Vorzeige-Aussteiger. Leitfigur vieler Schreiber, Sänger, Tänzer, Performer, Dokumentarmacher, Diskussionsingenieure, Lecture-Virtuosen, Postdramatisten und Gender-Aktivisten. Sie wollen offline gehen im Märker-Land. Im Land mit der geringsten Internet-Dichte. Das Netz ist hier noch analog.

 

Die Sehnsüchtigen möchten die Freiheit des Landes genießen, aber bloß nicht zum Landei mutieren. So verwandeln Berlin-Aussteiger ihr Leben in eine Doppelexistenz. Sie eint ihr Blick für das Besondere und der Wille, sich neben dem Job in Büros oder Banken handwerklich aktiv zu werden. So werden Herrenhäuser, verfallene Vierseithöfe oder ramponierte Gutshäuser umgebaut. Uckermark, Prignitz und Oderbruch sind Regionen voller Lehrer, Staatssekretäre oder Schriftstellerinnen, die mit der Schubkarre Ställe ausmisten und alte Scheunen in architektonische Gesamtkunstwerke verwandeln.

Meistens bleibt die Sehnsucht das, was sie ist. Sie soll sich nicht erfüllen. Während einheimische Brandenburger vom weltweiten Netzanschluss träumen, beackern Stadtmüde ihre Phantasien vom Ausstieg. Authentisch ist ihr Lieblingswort. Die Zugereisten geben Kühen Namen und funktionieren Schweineställe in Konzertsäle um. Die Zweitwohnsitzler entwickeln einen ausgeprägten Hang zur Romantik.

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„Die Schönheit“. Eine der vielen Postillen aus der Lebensreform-Bewegung. In Werder bei Berlin funktionierte Karl Vanselow (1876-1959) seine Villa in einen „Garten der Schönheit“ im.

 

Es ist der Rausch in der Askese, eine sehr preußische Devise. Durch Geduld, Hingabe und Disziplin erschließen sich „wahre“ Schönheit und Fülle des Lebens. Beruhigend ist, dass sich die öden, sperrigen Dörfer einer Liebe auf den ersten Blick eher verweigern. Das Sperrige ist der beste Schutz der Märker. Andererseits: Ohne diesen Boom der Kunsthöfe oder Kulturscheunen versänken viele Dörfer in malerischer aber elender Eintönigkeit.

Die Raus aufs Land-Bewegung ist nicht neu. Schon Ende des 19. Jahrhunderts träumten Großstadtmenschen Aussteigerträume. Mehr über Landlust-Utopien im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam. „Einfach. Natürlich. Leben. – Lebensreform in Brandenburg 1890 – 1938.“ Bis 22. November 2015.

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Die an das Recht glauben

„Doch er war ein Held“, sagt Jacqueline van Maarsen nach längerem Zögern. „Ich hatte immer gedacht, meine Mutter hat uns das Leben gerettet.“ Die Niederländerin Jacqueline, heute 86-jährig, war die beste Freundin von Anne Frank. Sie überlebte, weil der zuständige NS-Rassereferent beide Augen zudrückte und ihre Familie verschonte. Seine Name: Hans Calmeyer. Ein deutscher Jurist. Ein ungewöhnlicher Mann.

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Jacqueline van Maarsen im Alter von vierzehn Jahren (* 1929). Die beste Freundin von Anne Frank. Eine der „Calmeyer-Juden“. Sie überlebte, weil ein deutscher Jurist seinem Gewissen folgte.

 

Sein stilles Wirken im besetzten Holland ist weitgehend vergessen. Dabei hat der Mann mehr Menschenleben gerettet als der berühmte Oskar Schindler, dem Hollywood ein Denkmal gesetzt hat. Seine Geschichte hat Jurist Hans Calmeyer in einem Lebenslauf selbst zusammengefasst. Geschrieben in der dritten Person kurz nach Kriegsende. Sachlich, distanziert, im Stile eines Chronisten. Hier einige Auszüge aus seinem Lebenslauf:

„Am 23.06.1903 zu Osnabrück als dritter Sohn eines Richters geboren, verdankt Hans-Georg Calmeyer seinem Elternhaus eine überdurchschnittlich vielseitige Erziehung. Ein ausgeprägtes Empfinden der Rechtlichkeit ist Erbgut der im hannoverschen Land bodenständigen Familie. Die disziplinierte Geistigkeit und logische Bestimmtheit des ältesten Bruders begleiten ihn auf seinem Bildungsweg als Jurist, die musische Empfänglichkeit und Begabung des zweiten Bruders erschließt ihm die Dichtung und Musik, Rilke und Bach.

Für den 15-jährigen wird der deutsch-polnische Grenzkampf in der Provinz Posen 1918 bis 1919 erstes Erlebnis und Problem. Die ersten Universitätsjahre in Freiburg i.B., Marburg und München bringen Begegnungen mit der Jugendbewegung, Kathedersozialisten, mit der Kunstgeschichte (Strich, Wölfflin) und der Geografie (Haushofer, Mendelssohn-Bartholdy). Der 9. November 1923 findet Calmeyer in München als Angehörigen einer Studentenkompagnie der schwarzen Reichswehr, nicht aber als Gefolgsmann Hitlers. Auslandsreisen nach Italien und der Schweiz und die das Studium abschließenden zwei Jahre an der Universität Jena machen C. für seine Freunde zum „unheilbaren Sozialisten“. Seine Neigungen nähern ihn dem Tagebuch-Kreis, Leopold Schwarzschild, Tucholsky, Ossietzky.

 

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Hans Calmeyer 1931.

1932 zieht er den freien Beruf des Anwalts einer Einspannung in die Enge einer Beamtenlaufbahn vor. Für die Nationalsozialisten in Osnabrück gilt Calmeyer als Salonbolschewist. Er wird als politischer Gegner aus der Anwaltschaft ausgeschlossen. Nach einem Jahr rehabilitiert und wieder zugelassen, aber bis 1936 von der Gestapo noch beschattet.
Den Juristen ruft im März 1942 das Reichskommissariat aus der Truppe als wissenschaftlichen Hilfsarbeiter des Generalkommissars für Verwaltung und Justiz nach Den Haag. Die ganz zufällig an C. fallende Aufgabe, in Zweifelsfällen aus der Verordnung des Reichskommissars über die Meldepflicht von Juden und Mischlingen zu entscheiden, gibt sogar in seine Hand (also in die Hand eines grundsätzlichen und erbitterten Gegners der deutschen Judengesetzgebung) die quasi-richterliche Einordnung von Grenzfällen.

 

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Hans Calmeyer. Das Reichssippenamt in Berlin mit Sitz am Schiffbauerdamm 26 schöpfte Verdacht. Im Herbst 1944 sollte sein Fall näher untersucht werden. Die nahende Front rettete ihn.

 

Für die bösen Zungen des Reichskommissariats wird C. zum „Juden-Calmeyer“; der höhere SS- und Polizeiführer in den Niederlanden, der Repräsentant Himmlers dort, nennt ihn „Beschützer aller Juden“ und „Saboteur der Judengesetzgebung“.
Vielleicht ist es aber gerade der uneingestandene Respekt, den die damals so zahlreichen Rückgratlosen vor dem Außenseiter und Nichtparteigenossen haben, der dazu führt, das C. seinen Posten behält, und der seinen Entscheidungen Dauer verleiht.

Der von Europa abgefallene Deutsche, der den Götzen Gewalt anbetete, kann zur abendländischen Gemeinschaft nur zurückgeführt werden durch Menschen, die nicht an Maschinengewehre, aber an das Recht glauben.“

Soweit Hans Calmeyer über sein Leben.

 

Der Ausnahme-Jurist hat über dreitausend niederländischen Juden vor der Deportation bewahrt. Er hat Juden einfach „arisiert“. In Deutschland ist dieser „Schindler“ vergessen. 1992 nahm ihn Yad Vashem in die Liste der „Gerechten der Völker“ auf. Die neue Biografie von Mathias Middelberg beschreibt eindrucksvoll sein Leben. „Hans Calmeyer. Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?“ Wallstein, 2015.