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Sommergäste

Es ist ein Erlebnis – dieses irre Gefühl, in der Dämmerung am Rande des Flusses zu sitzen. Einen weichen Teppich von Sand, Gras und Blättern unter den Füßen, mit dem Wind, der die Bäume und Sträucher zu einer beweglichen lebendigen Kulisse werden lässt. Mit den Stimmen der Natur, die sich scheinbar endlose Wortduelle liefern. Alles wirkt so natürlich-irdisch, zum Greifen nah. Der Fluss, die Wiesen. Das Ufer auf der anderen Seite. Die Ruhe.

Die sich leerenden Dörfer Brandenburgs rücken ins Visier der städtischen Kopfarbeiter, der Theatermacher, Literaten und Soziologen. Mit der Schrumpfung sind die Rückkehr der Wölfe und neuer Sehnsüchte verbunden. Das kleine Strodehne an der Havel hat bereits eine längere Karriere als Aussteiger- und Sehnsuchtsort hinter sich. Das kleine märkische Dorf zwischen Rathenow und Havelberg ist seit Jahrzehnten Anlaufpunkt für Künstler und Ausstiegswillige.

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Versorgungsengpass Strodehne. Ein Künstlerprojekt im Sommer 2015.

 

Ein schmucker Dorfanger. Eine Kneipe mit dem Namen Stadt Berlin, das Versprechen: „rustikale deutsche Küche“. Eine herrliche Badestelle am Fluss. Barfußkinder und nackte Mütter. Enten, Hühner, Kraniche. Eine Astrid-Lindgren-Bullerbü-Idylle. Irgendwo kläfft ein Hund. Eine Künstlerinitiative verkauft im ehemaligen Konsum selbstgebackenen Kuchen und träumt den Traum von selbstbestimmter Kunst. In der alten LPG-Kantine gibt es Mahlzeiten zu 1,50 (EVP) oder 2,50 für Auswärtige. Ach, auch der große Bernhard Heisig hat früher in Strodehne einmal gemalt.

 

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„Früher war alles besser.“ Mahlzeit in der LPG Essenküche Strodehne – mit Kulturprogramm. Das Comeback ist bereits vorbei. Vielleicht gibt es eine Wiederholung?

 

Es riecht nach Erde, Apfel und Kindheit. Hier grüßt das ungeschminkte Gesicht des einfachen Landlebens. Naive Aussteiger-Prosa? Von wegen. Provinz ist doch stets dort anzutreffen, wo man sich nicht mehr bewegen mag: gedanklich, materiell oder mit der eigenen Neugier. Wenn einen nichts mehr interessiert, alles gesagt ist. Die Provinz ist immer in den eigenen vier Wänden, im Kopf zuhause. Provinzler kann man in der größten Stadt der Welt sein. Das kleine Strodehne lädt zum großzügigen Leben und Schwärmen ein. Solange der Sommer zu Gast ist.

 

Versorgungsengpass Strodehne. Landkreis Havelland. 90 Kilometer westlich von Berlin.

 

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Auch das nahe Wassersuppe unweit von Kotzen im Havelland ist eine Reise wert.

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Homeland

„Brot kann schimmeln. – Du kannst gar nichts.“ Kurzer Schlagabtauch in einer Dorfkneipe. Tresen-Weisheiten. Der gemeine Brandenburger macht nicht viel Aufheben. Er verliert nur wenige Worte. Die trockene Pointe zählt. Brandenburg stammt von Branten. Es ist ein altes Wort für Pratzen oder Tatzen, in dem klanglich „Bandenburg“ mitschwingt. Da liegt doch die Geschichte vom störrischen Esel Buridan nahe, der zwischen zwei vollen Heuhaufen wählen, aber sich nicht entscheiden kann. Am Ende verhungert er.

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Die Mühle von Gülpe. Bei Tage. Nirgendwo in Deutschland sind die Nächte aufregender als hier – jedenfalls der Sternenhimmel.

„Es ist nicht alles Chanel es ist meistens Schlecker, kein Wunder dass so viele von hier weggehen, aus Brandenburg. Da stehen drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln, in Brandenburg. Brandenburg, ich fühl‘ mich heut‘ so leer, ich fühl‘ mich Brandenburg. In Berlin bin ich einer von drei Millionen, in Brandenburg kann ich bald alleine wohnen…“, lästerte schon vor Jahren Liedermacher Rainald Grebe. Wo wohnt der gute Mann? – In Brandenburg.

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3.000 Seen gibt es in Brandenburg. Und fast so viele Herren- und Gutshäuser. Nicht alle sind so gepflegt wie hier in Gülpe im West-Havelland. Rund 100 Kilometer von Berlin entfernt.

Während in Berlin-Mitte und angeschlossenen Szenevierteln allerletzte Brachflächen zugebaut, Wohnraum knapp und teure Luftschlösser geplant werden, schrumpfen im Umland Städte und Gemeinden, werden Dörfer von der Außenwelt abgehängt oder verschwinden ganz von der Landkarte. Die Ideologie des stetigen Wachstums weicht einer Kunst des Schrumpfens. Hier können nunmehr gepflegte Langeweile und Müßiggang geübt werden. Es ist die Suche nach dem Modell für ein neues Leben.

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Der Himmel über Gülpe.

Es ist der Versuch in menschenleeren Gegenden zu siedeln. Immer mehr Menschen suchen in der Streusandbüchse ihr Glück, während viele junge Einheimische nur noch weg wollen. Der dunkelste Ort in Deutschlands liegt natürlich in Brandenburg. Gülpe heißt er, knapp einhundert Kilometer westlich von der boomenden Hauptstadt entfernt. Hier schlägt das Herz Dunkel-Deutschlands. Das hat einen wesentlichen Vorteil: Nirgendwo ist die Nacht schwärzer. Nirgendwo die optische Luftverschmutzung so gering. Hier kann der aufmerksame Beobachter die meisten Sterne sehen.

Gülpe ist Deutschlands erster Sternenpark. Umsonst und draußen. Ein Campingstuhl genügt. Und ein bisschen Geduld und Glück…

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Fasanenjagd im Englischen Garten

An einem keineswegs geruhsamen Ostersonntag notiert Victor Klemperer in sein Tagebuch: „Kommunion und Kommunismus, Ludwigstraße und Schellingstraße, sind buchstäblich schwarz von den Tausenden, die aus der Messe strömen.“ Es ist der 20. April 1919. In München herrscht seit drei Wochen eine Sowjetrepublik. Es ist Weltrevolution in Schwabing. Klemperer schreibt für die erzkonservative Leipziger Neuesten Nachrichten Revolutionsberichte aus der bayrischen Unruhe-Metropole.

Unter dem Pseudonym Anti-Bavaricus notiert er am 20. April 1919: „ Kein Tag, an dem dieses gewissenlose Jagen, das eine bloße Gaudi ist, nicht seine Opfer fordert. So stirbt man für die Freiheit! Das Fahren ist Gaudi, das Knallen auch. Man kann jetzt schöne Fasanenfedern, wie Bajonette an den Gewehren steckend, sehen: die Fasanen im Englischen Garten sind sehr verlockende Jagdobjekte.“

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Victor Klemperer alias „Anti-Bavaricus“ – unbestechlicher Beobachter der Münchner Räterepublik im Frühjahr 1919.

Wenige Tage und viele Versammlungen, Resolutionen, Streiks, Gerüchten und Parolen später hält Klemperer fest. „Jetzt, da die Bürger zu merken begannen, dass das räterepublikanische Spiel, in dem sie halb apathisch, halb missmutig zugesehen hatten, für sie doch wohl Schlimmeres bedeuten konnte als nur eine wilde karnevalistische Veranstaltung, wie zeigten sie jetzt ihr Erwachen zum Widerstand? – Durch spontanen Antisemitismus. Saujuden!“ Nun soll dem Spuk ein Ende gemacht werden. „Wenn sie nur kämen und uns endlich von dem Gesindel befreiten!“, beobachtet Klemperer Volkesstimme.

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Ein Soldat mit Händen in den Taschen (Pfeil) beobachtet das revolutionäre Münchner Treiben im Februar 1919. Es soll sich um den Gefreiten Adolf Hitler handeln.

Es kommt zum blutigen Showdown. Über 30.000 Freikorps- und Reichswehrsoldaten erobern auf Befehl des preußischen Innenministers Gustav Noske (SPD) das rote München. Die Intellektuellen-Revolution wird niedergeschossen. Anti-Bavaricus registriert am 2. Mai 1919: „Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben – die Herrlichkeit dauerte keine zwei Tage – sah ich eine freudige bayrisch-preußische Verbrüderung.“

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Einige Köpfe der Münchner Sowjetrepublik. Es ist eine Revolution der Bohémians. Mit Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller und anderen standen auffällig viele Dichter und Denker an der Spitze der Rätebewegung.

Es folgen Standgerichte, Hinrichtungen, Fememorde. Die meisten der Führer werden ermordet. Der Spartakusaufstand fordert über tausend Opfer. Klemperer hält mit unbestechlichem Blick fest, „in alle Straßen verteilen sich starke Patrouillen und Abteilungen verschiedener Waffen, und an allen Ecken, wo man gedeckt ist und doch Ausblick hat, drängt sich das Publikum, häufig das Opernglas in der Hand“.

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Die „Weißgardisten“ nahmen bei der Niederschlagung der Räterepublik in München heftig Rache. Die Zahl der Toten wird auf über 1.000 geschätzt.

Nach vier Wochen ist die Münchner Sowjetrepublik Geschichte. Klemperer am 10. Mai 1919: „Es ist die alte grausame Naturnotwendigkeit: von einer schwächlichen Regierung ungehindert haben die Spartakisten Tod säen dürfen, und nun haben sie ihn hundertfach geerntet.“ Die Bilanz des Chronisten deutscher Tragikomödien lautet: „Alles ist jämmerlich, und alles ist blutig, man möchte immer weinen und lachen in einem.“

 

Victor Klemperer. Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919. Aufbau-Verlag. 2015.

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Mit dem Rad durch die Mark Brandenburg

Meide vielbefahrene Straßen! Radfahrer jedweder Couleur gelten als natürliche Gegner eines durchschnittlichen Automobilisten. Meide idyllische Waldwege! Du versinkst zielsicher im märkischen Sand. Sei zurückhaltend und erwarte Nichts! Dann werden die Menschen dieser großartigen Landschaft mit endlos gelben Rapsfeldern und tiefblauen Seen freundlich und auskunftsbereit deine Tage und Stunden verkürzen.

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„Was ist der wichtigste Beruf auf der Erde?“ – Antworten gesucht in der Mark Brandenburg zwischen Hafer und Gerste.

„Jeder nach seiner Fasson!“ Des fritzschen Preußenkönigs Motto begleitet uns, immerwährend und hoch aktuell. Jeder wie er will und wie er kann. Frage an einen Museumsmitarbeiter in einer touristischen BUGA-Stadt, wie es denn laufe? Antwort: – „Katastrophe! Zu viele Menschen. Voll wie auf dem Bahnhof. Kaum auszuhalten.“ Frage an eine Kellnerin in Otto Lilienthals Absturzort Stölln. Wo genau ist er damals in ihrer Gaststätte gepflegt worden? – „Keene Ahnung. So alt bin ick doch nicht. War vor meiner Zeit!“

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Flug über das weite Land. In Stölln stürzte Otto Lilienthal am 9. August 1896 ab. Er wurde in ein nahes Gasthaus gebracht. Auf dem Rücktransport nach Berlin verstarb der Flugpionier.

Wer durchaus spannende Ausstellungen und Museen auf dem Land besuchen will, braucht ein dickes Fell und genaues Timing. Da wird der Reisende aus liebevollen Sammlungen um 16 Uhr hinausgebeten, denn: „Jetzt ist Schluss, die Alarmanlage muss scharf gestellt werden“. Anderswo sind in den Ferienmonaten Sehenswürdigkeiten montags und dienstags grundsätzlich geschlossen. Begründung: „Das war schon immer so.“ Oder Ausstellungen sind einfach zu. Ohne Angaben von Gründen.

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„DDR-Erinnerungen“ in Kampehl bei Neustadt/Dosse. Zutritt ist reine Glückssache. Hat der Chef Lust, ist geöffnet. Ansonsten bleibt das kleine Museum geschlossen.

Merke: Erreiche eine der wenigen Gaststätten nie nach 19 Uhr oder du wirst bist zum nächsten Morgen hungrig bleiben. Decke dich in den Diskountern AldiLidlNetto ein, auf den Dörfern wirst du sonst verdursten. Es gibt weit und breit keine Läden, auch nicht die von Tante Emma. Und ein letzter Hinweis: Steigst du aufs Rad im Land des Roten Adlers  grüße wortlos mit der linken Hand. Erhebe zügig den linken Arm und nicke kurz entschlossen. Mehr bedarf es nicht, um mit den Bewohnern dieses stillen weiten Landes – genannt Brandenburg – wunderbare Wochen zu verbringen.

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Fliegen wie ein Adler

Das Haus der Flugpioniere Otto und Gustav Lilienthal in Anklam steht nicht mehr. Zerstört im Krieg. Genau wie die nahe und mächtige Nikolaikirche mit einem Turm von imposanten 103 Metern Höhe. Einst Lotsenpunkt für die Kapitäne der Ostsee. Doch der Turm ist weggeschossen worden. Am schwärzesten Tag der Stadt, am 29. April 1945.

Das kleine Städtchen Anklam im äußersten Nordosten Deutschlands hat eine Geschichte wie Ikarus. Früher stolze und reiche Hansestadt an der Peene brachen erst die Nazis, dann die SED-Sozialisten der Stadt das Genick. 1943 zerstörte ein Angriff der US-Luftwaffe die Innenstadt. Ende April 1945, am letzten Kriegstag wurde Anklam zu 85 Prozent dem Erdboden gleich gemacht. Ritterkreuzträger Erich Mende, ein späterer Minister in Bonn, ließ aus sicherer Distanz auf die eingerückte Rote Armee feuern. Der Turm der Nikolaikirche fiel. Zudem startete die deutsche Luftwaffe am Nachmittag einen Angriff auf Anklam – auf die eigene Stadt. Ein bizarrer Vorgang.

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Anklam eine Kirche ohne Turm. Eine Stadt ohne Mitte. Das soll anders werden. Foto: Christhard Läpple

 

Nach dem Fanatismus der Nazis gab die sozialistische Stadtplanung Anklam den Rest. Zurück blieb eine Stadt ohne Mitte und Seele. Nach der Wende zogen erst die Menschen in Scharen weg, dann Verwaltung, Polizei und Gericht. Die Einwohnerschaft hat sich nahezu halbiert. Schlagzeilen über gewaltbereite Neo-Nazis taten ein Übriges. Anklam, die geschundene Stadt, wurde vergessen und sich selbst überlassen.

„Wir heben ab. Spätestens im Jahre 2020 hat die Stadt wieder ein Gesicht. Ein Zentrum. Ab in die Mitte.“ Peer Wittig strahlt Zuversicht aus. Der gelernte Ingenieur gibt sich selbstbewusst. „Wir schaffen das“. Die Nikolaikirche soll ein renommiertes Museum für den Traum vom Fliegen werden. Wo Jahrzehnte lang in der Kirchen-Ruine Tauben hausten und grüner Rasen gedieh, soll sich der Adler von Anklam wieder stolz in die Luft schwingen, Der 53-jährige ist voller Energie. „Wir haben eine Zukunft.“ Die Kirche als letzte große Hoffnung.

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Der Traum vom Fliegen ist die Zukunft. Anklam setzt auf das Ikareum. Das etwas sperrige Kofferwort steht für Ikarus und Museum. 2020 soll die zerstörte Nikolaikirche mit neuem Turm eröffnet werden.

 

„Ikareum“ soll das neue Mekka der Luftfahrt heißen. Fluggeräte und Geschichten der Gebrüder Lilienthal, Montgolfiere und Wright sind bereits in der 33 Meter hohen Kirche zu entdecken. Otto Lilienthal, der mit vierzehn Jahren Anklam verließ, flog mit seinen waghalsigen Apparaten bis zu zweitausend Mal. Bis er im Alter von 48 Jahren abstürzte. Wie einst Ikarus. Längst kann die Menschheit fliegen. Anklam träumt nun wieder einen Menschheitstraum. „Die Macht des Verstandes wird im Fluge auch dich tragen“, sagte der berühmteste Sohn des gebeutelten Städtchens. Das müsste doch zu schaffen sein.

Das Ikareum in Anklam ist im Sommerhalbjahr bereits geöffnet.

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Michael Najjar. Skyfall. Videoworks. Mehr im: Es Baluard Museum d´Art Modern. Palma de Mallorca. Bis 30. August 2015.

Leben und Struktur

„Am Kanal entlangspaziert auf der Suche nach einem guten Ort. Unter der Fennbrücke steht eine kleine Bank, dahinter ein schmaler Streifen mit Geländer zum Nordhafen. Ich sitze Probe auf der Kante, fühle mich aber nicht ganz wohl“, notiert Bestsellerautor Wolfgang Herrndorf am 22. Oktober 2012 um 21.15 Uhr in seinem Blog „Struktur und Arbeit“. Und weiter:

„Man sitzt beengt, und mit meiner defizitären Motorik, fürchte ich, könnte ich bei Schnee und Eis (ich sterbe im Winter, denke ich) abrutschen, bevor ich Zeit zum Zielen gehabt hätte. Schön die leichte Strömung, die Herbstlaub und tote Körper nach Westen treibt“.

Zehn Monate später am 26. August 2013 gegen Mitternacht beendet Herrndorf das Wüten des Tumors in seinem Hirn mit einer 9mm-Kugel in den Kopf . Der Schriftsteller wurde 48 Jahre alt.

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Selbstbildnis Wolfgang Herrndorf. 1988.

Jetzt zeigt das Literaturhaus Berlin bislang unbekannte Zeichnungen, Bilder und Karikaturen aus Herrndorfs Nachlass. In den neunziger Jahren hatte der genaue und sensible Autor nach einem Kunststudium in Nürnberg mit großer Sorgfalt für die Titanic und den Tagesspiegel gezeichnet. Ein Brotjob. Irgendwie musste die Miete ja reinkommen. Er fühlte sich Spitzwegs Armen Poeten sehr nahe.

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o.T. Acryl auf Papier. Ein Beispiel von Herrndorfs 600 hinterlassenen Bildern, Zeichnungen und Karikaturen.

Anfang des 21. Jahrhunderts gab Herrndorf die Malerei auf und widmete sich mit gleicher Präzision und Liebe zum Detail der Schriftstellerei. Seinem Debüt „In Plüschgewittern“ folgten die Erfolgstitel „Tschick“ und „Sand“. Der Rest ist so traurig wie bekannt. Im Februar 2010 übernimmt ein unheilbarer Gehirntumor das Drehbuch seines Lebens. Je erfolgreicher er wird desto verzweifelter seine Lage. Herrndorf schildert in seinem Tagebuch „Arbeit und Struktur“ beklemmend und ohne jedes falsches Pathos den Countdown bis zu seinem selbstbestimmten Ende am Kanal. „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“

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Herrndorf interpretiert Picasso, wie der spanische Altmeister Adolf Hitler interpretiert haben könnte.

 

„Wolfgang Herrndorf: Bilder“. Bis 16. August 2015 im Literaturhaus Berlin.

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Was die Einheit gebracht hat

Was haben Sie mit Ihrem ersten Westgeld gemacht? – „Eine Platte von Bruce Springsteen gekauft.“ – „Für das neue Auto angespart.“ – „Ich war gut essen und im Sexshop“. – Diese Antworten sind am Eingang im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu finden. Auf Zetteln von Besuchern angeheftet an einer großen Pinnwand. Genau 25 Jahre ist es her, dass DDR-Bürger 100 DM Begrüßungsgeld erhielten. Es war der hoffnungsfrohe Startschuss in eine neue Zeit. Und heute?

Heute gibt es nur noch ein großes Anschweigen zwischen Deutschen in Ost und West, so scheint´s. Ein Arrangement wie in einer ordentlichen Ehe. Der eine Partner will ständig reden, während der andere partout nicht zuhört. Im Oktober feiern die Deutschen ihre Silberhochzeit. Anlass für die amtlichen Museumsmacher, das „Porträt einer Übergangsgesellschaft“ zu wagen. Der Titel ihrer Ausstellung im Haus Unter den Linden in Berlins Mitte kommt bürokratisch knapp daher: „Alltag Einheit.“

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1990. Erst 100 DM Begrüßungsgeld. Dann kommt die D-Mark für alle. Gut zehn Jahre später wird der Euro eingeführt.

Was sofort auffällt. Vieles ist längst vergessen und verdrängt. Blaue Stone-washed Jeans-Träger, unmögliche Frisuren, weiße Herrensocken, Männer mit bepissten Trainingshosen und Hitlergruß. Die Ausstellung zeigt Baustellenbilder, Max Schmeling mit Henry Maske, die auf Plakaten das Zusammenwachsen beschwören. Zu sehen ist das Modell eines futuristischen Luigi Colani-Fernsehers, der ein sieches DDR-Werk in Staßfurt retten sollte aber nicht konnte. In den frühen Einheitsjahren kauften die Ostdeutschen lieber Westwaren.

Einprägsam ein T-Shirt der Kali-Kumpel aus Bischofferode von 1993. Dort steht „Wir sind ein Volk“, doch trotz Hungerstreik und Protesten wurde die Zeche geschlossen. Nicht rentabel. Ein Land wurde abgewickelt. Auf einem anderen Foto ist ein mittelalter Mann im brandenburgischen Zeesen zu sehen. Finster entschlossen steht er vor seinem Anwesen und hält trotzig ein Schild hoch: „Zutritt für Wessis strengstens untersagt“.

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Allen Sprachbereinigungsversuchen zum Trotz. Statt friedlicher Revolution oder anderen Begriffen hat sich das Wort Wende durchgesetzt. Bei einem solchen Vorgang gibt es logischerweise auch Wendehälse.

So blühen die neunziger Jahre auf. Mit Techno, freier Szene und Love-Parade in der Hauptstadt, Neonazis und viel Frust bei den Alten und Abgewickelten in der Provinz. Das ostdeutsche Volk geriet in Bewegung. Über fünf Millionen Menschen wechselten in den Westen. Rund zwei Millionen Deutsche zogen in den Osten. Eine Massenbewegung. Eine innerdeutsche Arbeitsmigration, deren Geschichte bis heute noch nicht erzählt ist.

Deutschland hat sich im letzten Vierteljahrhundert wesentlich verändert. Die Globalisierung zeigt Wirkung. Davon berichtet die Berliner Ausstellung nicht. So bleibt es am Ende bei einem nostalgischen Schmunzeln nach dem Motto Ach-weißt-du-noch! Beispiel gefällig? 1991 erschien das neue Ost-Zentralorgan Super Illu mit ostdeutschen Nackedeis und schrillen Wessi-Abzocker-Schlagzeilen auf dem gleichen Titelblatt. Sex and Crime. Die schöne Neue Medienwelt, zusammengestellt von Machern aus den alten Ländern. So funktioniert(e) die deutsche Einheit.

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Willkommen im deutschen Wunderland. Der Zusammenstoß der Kulturen. Ein Unfall in der Nähe von Halle 1991.

 

Alltag Einheit. Deutsches Historisches Museum. Bis 3. Januar 2016.

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Unter jedem deutschen Dach – ein großes gemeinsames Ach

Das Streithaus steht mitten im Dorf. Es ist ein einfaches märkisches Büdnerhaus mit zwei Eingängen, zwei Gärten und zwei Geschichten. Im kleineren Teil lebt seit langem eine alteingesessene Familie mit drei Kindern. Die linke Hälfte, der weitaus größere Teil verfiel in den letzten Jahren. Dann begannen plötzlich die Handwerker einzuziehen, rissen Wände ein, deckten das Dach neu und putzten das Haus so schön heraus, dass es kaum wiederzuerkennen war.

Das neue Anwesen mit großzügiger Terrasse, Swimming Pool und Buchenhecken könnte jeden „Schöner Wohnen“- Wettbewerb bestehen. Landlust für Großstädter. Die perfekte Idylle. Hier erfreuen edle Ziersträucher, teurer Rollrasen und eine Bank aus Teakholz das Auge. Weder stören Gartenzwerge, Plastikrehe noch Hühner wie im Nachbargarten das ländliche Ambiente.

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Das Fest kann beginnen. Die Landlust lockt. Berliner Träume im Brandenburgischen.

Pfingsten 2015 sollte die große Einweihung gefeiert werden. Der Sekt war kalt gestellt, der Grill in Positur gestellt. Es kam alles anders. Wenige Tage vor dem Fest tauchte das Bauamt auf und versiegelte die neue Hälfte. Der stolze Neubesitzer wurde ausgesperrt. Nicht einmal seinen Autoschlüssel durfte er aus dem Haus holen, heißt es im Dorf. Die spektakuläre Schließung markiert den Höhepunkt einer monatelangen Auseinandersetzung zweier Nachbarn, die unter einem Dach leben, sich aber auf den Tod nicht ausstehen können.

Der Investor habe Bauvorschriften und Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten, so die amtliche Begründung. In der Breite sei das Haus angeblich zwei Zentimeter zu lang geworden. Der prominente Berliner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wolle,  sei vom ersten Tag an mit seinem Nachbarn in Hader und Streit geraten, konstatiert die Lokalpresse. Es sollen sogar die Fäuste geflogen sein, wegen eines mobilen Klohäuschens vor der Tür. Auf jeden Fall folgten Anzeigen und Razzien.

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Der brandenburgische Vorgarten. Gartenzwerge, Jägerzaun und Satellitenschüssel.

 

Die Streithähne haben sich nichts geschenkt. Dorf gegen Stadt. Arm gegen Reich. Ost gegen West. Kein Klischee, das nicht passen würde. Jetzt steht im gemeinsamen Garten eine fast drei Meter hohe Mauer. Nun schlägt die Stunde der Anwälte. Das Ende ist offen. „Das Haus ist schön, der Mensch nicht“, sagt ein Nachbar von gegenüber und schüttelt den Kopf. So geht es zu bei einer ordentlichen brandenburgischen Provinzposse. Was für wunderbare Aussichten für das künftige Zusammenleben unter einem gemeinsamen Dach.

Halleluja

Die berührendsten Geschichten schreibt die Wirklichkeit. Sie finden nicht irgendwo statt sondern direkt hier bei uns. Vor unserer Haustür. In diesem Fall geht es um das somalische Ehepaar Aliyah und Rooble. Sie fliehen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung. Von Mogadishu über Kenia, Sudan, durch die Sahara nach Libyen. Weiter übers Meer nach Lampedusa dann nach Dänemark und Deutschland.

Sie kommen ins Aufnahmelager nach Eisenhüttenstadt. Trotz zweier Fehlgeburten wird ihr Antrag 2014 abgelehnt. Schließlich sitzen sie in Berlin fest. Endstation: Neukölln. Die Abschiebung von Aliyah und ihrem Mann Rooble ist angeordnet. Alle Rechtsmittel erschöpft. Die Flugtickets für Italien sind für den 5. Mai 2014 gebucht. Aliyah und Rooble sind am Ende ihrer Kraft. Gewalt, Willkür und Misshandlung kannten sie. Jetzt erfahren sie ihre völlige Ohnmacht. Es herrscht das Prinzip Hoffnungslosigkeit.

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Neue Heimat. St. Christophorus in Berlin-Neukölln.

Da erklärt am 30. April 2014 die Neuköllner Kirchengemeinde St. Christophorus überraschend. „Wir haben uns entschieden und nehmen am Donnerstag auf.“ Sie informiert ihren Bischof und organisiert ein Quartier in ihrem Gotteshaus am Reuterplatz. Draußen vor der Tür lautet Volkes Stimme: „Was wir in Jahrzehnten aufgebaut haben, lassen wir uns nicht von den Flüchtlingen kaputt machen.“ Oder: „Wir sind nicht bereit, unsere Aufklärung zu opfern“. Irgendwann kommt der Satz: “Das wird man doch noch sagen dürfen”.

Doch Lissy Eichert, die unerschrockene Pastoralreferentin und Pfarrer Kalle Lenz lassen sich nicht beirren. Ihr Team gibt den beiden Somalis Heimstatt und Hoffnung. Für die Kirchenleute lässt sich das Thema Massenflucht nicht mehr jenseits des Mittelmeers abschieben. Die katholische Gemeinde beruft sich auf ein afrikanisches Sprichwort: “Es ist schwer, jemanden zu wecken, der sich schlafend stellt”.

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Ultimo Ratio. Eine wahre Geschichte im Neuköllner Heimathafen.

Während Alyah und Rooble mittlerweile im brandenburgischen Waßmannsdorf in einer ehemaligen NVA-Kaserne auf eine Entscheidung der Behörden warten, präsentiert der Heimathafen Neukölln mit Ultima Ratio ein überzeugendes Theaterstück auf der Basis ihrer Geschichte. Die neunzig Minuten verbinden mit wenigen Strichen Zeichnungen in Graphic-Novel-Art mit Stimmen aus Behördenschreiben. Es genügt ein alter Overhead-Projektor – und auf der Bühne die hinreißende Schauspielerin Tanya Erartsin.  Beeindruckend.

Hingehen!  Leonard Cohen. Hallelujah.

Das Problemgewehr – ein Gedicht

„Mit defekten Waffen endlich Frieden schaffen“ – von Kurt Sonn.

 

„Heckler und Koch ist weltbekannt

Als prima Waffenlieferant

Ein Sturmgewehr wird fabriziert

In großen Mengen produziert.

 

Doch das Gewehr schießt etwas schlecht

Wenn heiß geworden beim Gefecht

Nur mit viel Glück und ziemlich Schwein

Trifft der Schuss ins Ziel hinein.

 

Die Bundeswehr schafft Waffen an

Die unnütz für den Einsatzplan

Gar nicht heiter und famos

Geht der Schuss nach hinten los.

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Kurt Sonn. „Malerei vom Schurwald“.

Ein Gewehr muss mit Gelingen

Die Leute um die Ecke bringen

Der Feind schießt schließlich nach Bedarf

Sehr treffsicher und extra scharf.

 

Mein Vorschlag wäre ganz spontan

Schafft nur solche Waffen an

Die niemals richtig funktionieren

Recht viele davon profitieren.

 

Soldaten schießen Platzpatronen

Die Häuser wo die Menschen wohnen

Bleiben heil und ohne Schaden

Weil in Bomben und Granaten

Wattekugeln explodieren

So nicht das Städtchen ruinieren.

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Kurt Sonn. Seit 1958 selbständig als Grafiker, Maler und Autor.

Klar, alle Waffenlieferanten

Welche auf der Welt vorhanden

Müssen traulich sich verpflichten

sich nach meinem Vorschlag richten.

Dies könnte vielmehr Frieden geben

Und retten viele Menschenleben.“

 

Kurt Sonn ist Dichter, Maler, Sänger und bleibt mit 82 Jahren ein aufgeweckter, hellwacher Zeitgenosse. Seine wahre Leidenschaft ist das Malen.

Der Fall des „Affärengewehrs“ G36 wird derzeit im Verteidigungsausschuß verhandelt. Außer technischen Fragen müssen die Abgeordneten klären, ob Korruption bei der jahrelangen Vertuschung im Spiel war.