Archive for : Dezember, 2015

post image

Die Türme von China

Eine kühne Vision. Atemberaubend. Schwindel erregend. Zwischen verstopften Magistralen und endlosen Platten-Burgen ragt die Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV in den Himmel über Peking. Ein Bauwerk, das alle Dimensionen sprengt und Besucher zum Staunen bringt. „Sitzende Hose“ nennen die Chinesen das gigantische Gebäude. Eines von vielen Beispielen moderner Hochhausarchitektur, die in China wie Pilze aus dem Boden schießen.

DSC02292

CCTV-Tower in Peking. Das Wahrzeichen des chinesischen Staatsfernsehens. Architekten: Rem Kohlhaas und Ole Scheeren.

2002 erhielten der Niederländer Rem Koolhaas und sein deutscher Partner Ole Scheeren den faszinierenden wie heiklen Auftrag. Sie entwarfen für die boomende Hauptstadt Peking ein gigantisches Medienzentrum, das alles in den Schatten stellt. Ein Bau für die Propagandazentrale des zentral gelenkten Fernsehens, das als Wahrzeichen für den Fortschritt des Landes verstanden werden soll.

Das Ganze ist in eine Form des Hochhauses gepackt, die noch nie ausprobiert wurde. Alles ist schräg, kippt über die Kanten, taumelnde Türme. Es gab keine Vorbilder. Niemand zuvor hatte so etwas Komplexes geplant. Alle Produktionsstätten, die Studios, die Werkstätten, die Technik, die gesamte Verwaltung – alles unter einem Dach. Eines der größten Gebäude der Welt, ein Turm von Babylon des 21. Jahrhunderts. Der winkelförmige Querriegel ist so lang wie eine ganze Berliner Häuserzeile.

DSC02400

„Galaxy Soho“ in Peking. Entwurf von Zaha Hadid, irakisch-britische Architektin.

Das CCTV-Hauptquartier des Staatsfernsehens ist ein öffentlich zugängliches Haus mit Restaurants, einsehbaren Studios und ein Medienmuseum. Ganz oben im 76. Stockwerk, eine Überraschung. Nicht die übliche Chefetage, sondern der größte öffentliche Platz, der je in einem Hochhaus errichtet wurde. Die Botschaft: Die obere Etage gehört allen. Statt der Büros der Direktoren, ein Glasloch, das in den Abgrund schauen lässt.

DSC02402

Höher, größer, weiter. Neubauten in China. Bei unserer Aufnahme war der Himmel über Peking blau. Eine seltene Aufnahme im Winter.

China will an die Spitze, um jeden Preis. Größer, höher, mächtiger als je zuvor. Hochhäuser sind Monumente dieses neuen Selbstbewusstseins. Der CCTV-Tower des Staats-Fernsehens hatte Vorbildfunktion. Viele weitere beeindruckende Bauten sind in kürzester Zeit entstanden. Ob der Mut auch reicht, einen klaren Blick auf das Alltagschina mit Korruption, Schulden und neuer Armut zu werfen, ist eine andere Frage. An vielen Tagen im Jahr sind die gigantischen Kathedralen der Moderne nur noch schemenhaft zu erkennen. Sie versinken schlicht und einfach im Smog. Da hilft auch keine Klimaanlage mehr.

post image

Engel auf dem Dach

Das Leben besteht aus vielen kleinen und großen Schritten. Manchmal stolpern wir, manchmal kommen wir sogar zur Ruhe. Bis es uns wieder weitertreibt. In diesem Sinne: FROHE WEIHNACHTEN. Erholsame Feiertage und einen langen Atem für das Neue Jahr 2016. Wer in den nächsten Tagen Langeweile hat, dem kann geholfen werden. Bilder der Ausnahme-Fotografin Gundula Schulze Eldowy sind in einer Leipziger Ausstellung zu empfehlen.

eldowy_09_gr

Foto: Gundula Schulze Eldowy.

Gundula Schulze Eldowy ist so eine Art Diane Airbus des Ostens. In ihren Bildern hat die gebürtige Thüringerin Freaks und Außenseiter des verschwundenen Deutschlands porträtiert:  Trinker und Eckensteher, Ausgegrenzte und Verstummte. Menschen, die es nach offizieller Lesart in der DDR nicht gegeben hat. Gundula Schulze Eldowy zeigt „Menschen auf außergewöhnlich intime Weise, mit einer Offenheit, die kein Tabu und keine falsche Scham kennt“, heißt es.

eldowy_05_gr

Foto: Gundula Schulze Eldowy.

Die Porträts und Bilder der heute 61-jährigen Wahl-Berlinerin  sind eine Entdeckung. Zu sehen sind sie im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. „Zuhause ist ein fernes Land. Fotografien von Gundula Schulze Eldowy“ bis 14. August 2016.

post image

Bayrische Brotzeit

Das fremde Paar klopfte erschöpft an die Tür. Doch der Landgasthof Hennemann im fränkischen Unterleiterbach war geschlossen. Die Touristen hatten Hunger, sie waren den ganzen Tag mit dem Kanu unterwegs. Da winkte ein Bewohner am Fenster und signalisierte das Haus sei geöffnet. Das Rentnerpaar aus Karlsruhe setzte sich in die Gaststube und wartete gespannt.

Der Kellner stellte sein Angebot vor. Er entschuldigte sich, es gebe nur kalte Küche. Salat, Käse, Marmelade und Fladenbrot. Einfache Hausmannskost eben. Dazu Schwarzen oder Grünen Tee, Alkohol werde nicht ausgeschenkt. Gabriele Störz, die rüstige 68-jährige Kanutin, wunderte sich. Auch die Inneneinrichtung des „Brauerei-Gasthofes Hennemann“ wirkte kunterbunt zusammengestellt. Da fängt jemand ganz neu an, dachte sie sich.

2036283_t1w454h300q75v28601_Zapfendorf_Kawa_Suliman_lebt_

Kawa Suliman (30). Anwalt und Aushilfskellner im fränkischen Unterleiterbach.

Hunger ist der beste Koch. Das bescheidene Gastmahl im neuen syrischen Gasthof schmeckte vorzüglich. Als die Karlsruher zahlen wollten, schüttelte der Kellner den Kopf. „Das kostet nichts“, erklärte er. Erst jetzt klärte sich der Irrtum auf. Der Gasthof ist seit Monaten ein Asylheim. Und der Kellner ein dreißigjähriger Anwalt aus Syrien. Kawa Suliman sein Name. Die Frau aus Karlsruhe begann gerührt zu weinen. Später schickte das Rentnerpaar aus Dank ein Geschenk.

64539287

„Brauerei-Gasthof Hennemann“. Einst Gasthof, jetzt Heim für syrische Asylbewerber.

 

Die wundersame Episode brachte das Lokalblatt „Fränkischer Tag“  in die Medien. Die Geschichte vom bayrischen Gasthaus ohne Braten und Bier. Aber mit Grünem Tee und viel Gastfreundschaft. Kawa Suliman wurde mittlerweile sogar von der Süddeutschen Zeitung interviewt. Der junge Syrer versteht die ganze Aufregung nicht. Sein Kommentar: „Wir wussten nicht, was das für Leute waren. Keiner kannte sie, aber ich verstand sie gut. Sie hatten Hunger.“

post image

Ewige Jugend

Was ist, wenn der tägliche Tropfen zum Höhepunkt wird? Nicht der gute Tropfen, den man trinkt sondern der quälende den man lässt? Was, wenn man nicht mehr weiß, ob mit der großen Jugendliebe mehr als Händchenhalten war? Ach, wie hieß sie noch einmal? Zwei alte Freunde hängen ihren Erinnerungen nach. Ewige Jugend heißt ein stiller, melancholischer Film, der die letzten großen Sehnsuchts-Fragen aufwirft.

Zwei alte Knaben, gespielt von Michael Caine und Harvey Keitel stecken in einem biederen Schweizer Berghotel fest. Der Zauberberg lässt grüßen. Ein goldener Käfig voller Narren und skurriler Gäste. Über Geld reden die Insassen nicht, das hat man einfach und gibt es im Luxusresort gleich wieder aus. Massagen, Geigenstunden und Kletterübungen bestimmen den Tagesablauf. Das abendliche Dinner im Speisesaal wird schweigend eingenommen während sich Tischnachbarn gegenseitig belauern.

3

Das Berghotel Schatzalp in Davos, früher ein Lungensanatorium. Es soll Thomas Mann als Vorlage für den Zauberberg gedient haben.

 

Die modernen Zauberberg-Bewohner eint der Wunsch nach Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Im Mittelpunkt stehen zwei alte Freunde: Ein Dirigent im Ruhestand und ein Drehbuchautor, der nicht loslassen kann. Sie reden über Lust, Liebe und die Kunst des Wasserlassens. Das kann nicht lange gut gehen, zumal Jane Fonda als ewige Diva ihren großen Auftritt hinlegt und alles in Bewegung bringt.

Regisseur Paolo Sorrentino hält wieder einmal dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. In berührend schönen wie verstörenden Bildern erweckt er eine Welt, die zeitlos morbide und faszinierend zugleich ist. So gelingt ihm eine Tragikomödie zum Gruseln – es ist das Gruseln über die eigene spießige Begrenztheit. Ewige Jugend hat gerade den Europäischen Filmpreis 2015 gewonnen. Gut so. Denn Sorrentinos Geschichte ist ein bitterböser Abgesang auf das alte Europa. Traumhaft schön inszeniert! Trotz Überlänge keine Minute zu lang.

post image

Eine Stadt am Limit

„Berlin – eine Erfolgsgeschichte so verkündet es eine funkelnagelneue Werbebroschüre des Berliner Senats. Auf dem Titel ist das Brandenburger Tor zu sehen und im Inhalt leuchten die Superlative. Berlin ist hip, top und voller Aufschwung, heißt es. Die deutsche Hauptstadt sei „attraktiv“ und „lebenswert“. Berlin habe „alles, was man braucht“. Ein „gut vernetzter“ Treffpunkt, „für alle da“, er „biete Chancen“ und zeuge selbstredend „von Weltrang“.

Natürlich fehlt der Flughafen, auf den die Stadt seit über 1290 Tagen wartet. Keine Rede ist vom Chaos am weltweit bekannten neuen Checkpoint LaGeSo. Keine Silbe ist zu finden über Bürgerämter, die für einfachste Dinge wie einen Pass verlängern Monate brauchen. So ist das eben in einer wachsenden Boom-Stadt. Mehr als einhunderttausend Neubürger zählt Berlin in diesem Jahr. Pioniere, Hipster, Glücksucher,  Flüchtlinge, Gestrandete. Es sind Gründerzeiten. Glanz und Elend wohnen dicht an dicht. Die einen im Dachgeschoss, andere parterre links, zweiter Hinterhof. Wie vor über hundert Jahren.

h-50178184-233467d0-8036-4c96-9365-6a661246495a

Nachdenken über Häuser, Straßen, Plätze. Genauer hinschauen auf Menschen, Moden, Macken, Trends. Karl Scheffler wagte sich mit 51 Jahren an die große Hass-Liebe Berlin.

 

Berlin sei „dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein“. Dieses Bekenntnis meißelte 1910 der Architekturkritiker Karl Scheffler in den Berliner Gründerstein. Er verfluchte Berlin als ein Stadtschicksal. Der Text liest sich als wandere er noch heute durch Straßen und über Plätze, als hätten drei Systeme, zwei Kriege, Mauern und Marschparaden nie stattgefunden. Scheffler sieht in Berlin eine ewige Kolonialstadt für Abenteurer, Flüchtlinge und Glücksritter. Scheffler: „Freiwillig wählte diese Stadt nicht leicht Jemand zu dauerndem Aufenthalt, der im Mutterland sein Auskommen finden konnte.“

Und die Bewohner? Scheffler, der Beobachter notiert: „Die Berliner sind ein verwegenes Geschlecht, wie Goethe sagte, sind nüchtern, praktisch, materiell und schwer einzuschüchtern; die neue Stadtbevölkerung, die die statistischen Ziffern ruckhaft in die Höhe schnellen machte, ist jung, rücksichtslos und unternehmend. Es fehlt das Pathos, das falsche, aber auch das echte, und damit fehlt die Fähigkeit, sich schön dazustellen.“

P1010335

Kudamm. Ecke Uhlandstraße. Der alte Westen leuchtet. Alles eine Frage des Lichts.

Florian Illies ist mit der Entdeckung von Karl Schefflers DNA-Analyse über Berlin wieder ein echter Wurf gelungen. Die Geschichte einer faszinierenden Zeitreise. Erzählt am Beispiel  einer wendischen Fischersiedlung, die zur mächtigen Millionenstadt emporschoss, „voller Hässlichkeit“ und Großmäuligkeit, verloren „im endlosen Ostland“ manchmal ganz deftig kleinkariert. Das Büchlein „Berlin ein Stadtschicksal“ ist knallrot umrahmt und passt unter jeden Weihnachtsbaum.

post image

Ein Brief an Freund Hitler

Die Adresse lautet. An „Herr Hitler, Berlin, Germany“. Am 23. Juli 1939, knapp sechs Wochen vor Ausbruch des II. Weltkrieges setzt sich ein Mann im fernen Indien an seine Schreibmaschine. „Lieber Freund“, beginnt er freundlich, er müsse diese Botschaft jetzt schicken, die Zeit sei reif. Ein Krieg müsse unbedingt verhindert werden. Der Absender? Mahatma Gandhi.

Wörtlich schreibt der vielgepriesene gewaltlose Verfechter der indischen Unabhängigkeitsbewegung und bekennende Pazifist:

„Lieber Freund.

Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden.

Gandhi_to_Hitler

Gandhis Brief vom 23. Juli 1939 an Adolf Hitler.

Offenbar sind Sie unter allen Menschen allein in der Lage, einen Krieg zu verhindern, der die Menschheit in den Zustand der Barbarei zurückwerfen würde. Müssen Sie unbedingt diesen Preis für Ihr Ziel bezahlen, und wenn es Ihnen noch so erstrebenswert erscheint? Wollen Sie nicht auf einen Menschen hören, der nicht ohne beachtlichen Erfolg die Methode des Krieges immer abgelehnt hat? Sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben, bitte ich Sie um Verzeihung für dieses Schreiben.“

7526277756_7c14b0d74f_o

Im Dezember 1940 schrieb Gandhi einen zweiten Brief an Hitler. Auch dieser wurde von der britischen Regierung abgefangen.

 

Aus heutiger Sicht mutet das Schreiben vom Juli 1939 mehr als naiv an, wie ein grotesker Irrtum der Weltgeschichte. Gandhi, die berühmte Ikone der Gewaltlosigkeit, im  unterwürfigen Ton und dem Versuch den deutschen Diktator von einem Krieg abzuhalten. Gandhi täuschte sich gewaltig. Und „Freund“ Hitler musste auf seine Versuche nicht antworten. Der Brief hatte ihn nie erreicht. Er wurde vorher abgefangen – von der indischen Regierung im Auftrag Londons.

 

Veröffentlicht wurde der Gandhi-Brief in dem deutschsprachigen Sammelband: „Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten“. Herausgeber Shaun Usher hat 125 ungewöhnliche Briefwechsel der Weltgeschichte veröffentlicht.