Archive for : Mai, 2017

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Geld oder Leben!

Der Mann ist einunddreißig Jahre alt. Frisch verheiratet. Nachwuchs ist unterwegs. Die Miete in Berlin-Mitte ist hoch. Sehr hoch. Der Job dürftig entlohnt. Einnahmen nach Auftragslage. Woher die Miete nehmen, wenn nicht stehlen? Der Besitzer drängt. Der junge Mann sucht in seiner Not einen Untermieter. „Stube und Kammer für fünf bis sieben Taler.“ Den Mittagstisch für „höchstens fünf Silbergroschen“. Spätestens jetzt wird klar. Diese Geschichte ist zwar hoch aktuell, doch fast 200 Jahre alt.

Der klamme Mieter ist der junge Theodor Fontane. Wir schreiben das Jahr 1851. Der freie Schriftsteller weiß nicht, wie er seine geräumige Wohnung in der Luisenstraße 35 bezahlen soll. „La bourse ou la vie! klagt der Mann, der vom Schreiben leben will. Geld oder Leben! Doch das Zeilengeld ist verdammt gering. Fontane jammert in feiner blassblauer Schrift auf acht Bögen „über das Buchhändlergesindel“ und seinen „Dummkopf von Verleger“. Fontane ballt schriftlich die Faust: „Ich bin fest entschlossen, mich nicht zu verkaufen.“

 

Theodor Fontane weiß nicht, wie er seine Miete zahlen soll. „Sie wissen, dass ich nicht über Krösusschätze verfüge.“

 

Not macht erfinderisch. Stets knapp bei Kasse suchte Fontane bei seinen Recherche-Reisen später vorzugsweise wohlhabende Adelshäuser und Offiziersfamilien auf. Die Mahlzeiten waren dort üppiger, der Wein süffiger, die Konversationen angenehmer. Dennoch hat Fontane mit seinen Wanderungen rund um das aufstrebende Berlin ein literarisches Denkmal gesetzt. Er schreibt über Glanz  und Elend des Adels und die märkische Streusandbüchse. Vor ihm hatte die flache Landschaft einfach nur „als uninteressant, öde und hässlich gegolten“, notierte 1990 Günter de Bruyn.

Heinrich von Kleist, selbst ein Brandenburger, hatte in einem Brief über seine sandige Heimat die Vermutung geäußert, ihr Gestalter sei über die Arbeit an ihr eingeschlummert. Der Franzose Marie-Henri Beyle besser bekannt als Stendal hatte es als unsinnig empfunden, Städte wie Berlin oder Potsdam in solcher Einöde zu gründen. Für Friedrich von Cölln war die Mark die Sandwüste Arabiens, und Jean Paul verglich sie mit der Sahara, fügte aber hinzu: Immerhin Oasen darin!

 

Kunst, wo man sie nicht vermutet. Im Oderbruch, Brandenburg. Das Bild ist von Lothar Maertins. Das Foto von Nick Becker.

 

Dass die Sandwüsten den Geist eintrocknen ließen, meinte auch Gottfried Keller. Doch als Fontanes  ‚Wanderungen‘ zum Allgemeingut wurden, war es mit diesen Vorurteilen vorbei. Um die ruhige Schönheit märkischer Landschaft würdigen zu können, muss der Reisende, wie der Dichterfürst erklärte, Vorurteile vergessen und falsche Vergleiche unterlassen können. Er darf nicht „grobe Effekte wie Gletscher oder Meeresstürme“ verlangen, sondern muss „einen feineren, empfindsameren Natursinn“ entwickeln.

Der Erfolg kam mit sechzig, im Zenit seines Lebens. Nun konnte er vom Schreiben leben. Die Geldsorgen waren verschwunden, dafür quälten ihn jetzt die Zipperlein des Alters. Was Glück sei, wurde er einmal gefragt. „Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel“ So viel Bescheidenheit. Was will man mehr?

 

Fontane konnte lange nicht vom Schreiben leben. „La bourse ou la vie!“ – Geld oder Leben.

 

Der achtseitige Original-Brief des armen Poeten aus dem Jahre 1851 ist mittlerweile verkauft worden. Für 2.400 Euro. (entspricht ungefähr einer Monatsmiete in Berlin-Mitte)

 

Abendstimmung in Brandenburg. Foto: Nick Becker

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Oh! Obama

„Du siehst mich“, heißt es auf dem Kirchentag. Ein Bibelwort. Es erzählt von der geschundenen Magd Hagar auf der Flucht. Gott sieht die Ägypterin in ihrer Not, heißt es, sieht hin. Hilfe und Schutz für Bedrängte und Benachteiligte. Das ist die Klammer auf dem Berliner Kirchentag 2017. Wo man hinkommt, geht es um die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Krieg, Flucht und Vertrauensverlust in die Eliten umgeht. Hinsehen, nicht wegschauen.

Bunt, vielfältig und weltoffen. So präsentiert sich der Kirchentag im Herzen der deutschen Hauptstadt am Brandenburger Tor. Als Barack Obama und Angela Merkel die Bühne betreten, braust ein Jubelsturm wie bei Popstars auf. Oh – Obama, erschallt es. Die 70.000 sind ergriffen. Der Ex-Präsident der USA präsentiert sich selbstbewusst und bescheiden zugleich. Er sei hier gerne zu Gast, jetzt aber als einfacher Bürger und Ruheständler. Obama verteidigt seine Amtszeit und Merkels Flüchtlingspolitik. Der 55-jährige ruft die Jugend zu einem Neuanfang auf. „Die Welt steht an einem Scheideweg“. Sich hinter Mauern abzuschotten, bringe gar nichts. Obamas Botschaft kommt in der einstigen Mauerstadt gut an.

 

2008 trat Barak Obama aus seiner United Church of Christ-Gemeinde in Chicago aus. Der Grund? Rassistische Äußerungen seines Pfarrers.

 

Im Zentrum der Jugend am Anhalter Bahnhof sind die Jugendlichen begeistert. Wen ich auch frage, Obamas Traum von einer besseren Welt, der möglich sei, findet begeisterte Anhänger. „Jeder kann von uns etwas bewegen“, sagt eine Zwanzigjährige. Ihre Freundin ergänzt: „Es hilft. Es ist ein erster Schritt.“ Ein Student überlegt und meint: „Obamas Statement sind nicht nur leere Worte auf dem Kirchentag“. Ein anderer meint: „Wir brauchen ganz schön viele Obamas. Vor allem in der zweiten, dritten und vierten Reihe.“

 

Im Zeichen des Kreuzes.

 

Neue Helden braucht das Land. Vorbilder, Vordenker, verlässliche Hoffnungsträger. Die Sehnsucht ist groß. Zumal selbsternannte Führer und Heilsbringer sich an jeder Ecke anbieten. Auf den zahllosen Foren, Konzerten, Lesungen und Gottesdiensten gibt es kaum etwas, was nicht verhandelt wird. Von Themen wie „Wir schaffen das – aber wie?“ bis „Feministinnen aller Religionen“. Vom „lustigsten Seelsorger Deutschlands“ bis zum muslimischen Slam-Poetry-Event „i, Slam“. Der Kirchentag – ein Kessel Buntes.

 

 

 

Im Tempodrom reimt Wort-Akrobat Sami El Ali über irre Internet-Prediger. „Das Paradies ist nicht weit entfernt – um genau zu sein nur einen Knopf.“ Das Publikum klatscht befreit. Der Austausch der Religionen ist hier Praxis. Auf Augenhöhe, mit Witz und Schlagfertigkeit. Wer ist für Poetry-Slammer Sami ein Vorbild? Gott, Obama oder der Muezzin? – „Mein großer Bruder“, lacht er, „alles, was er mir beigebracht hat, war positiv“. Sami braucht keine Helden. „Obwohl Obama? Aber ich kenne ihn nicht persönlich. Er hat sich bei mir noch nicht vorgestellt…“

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Ein einziger Satz

Manchmal reicht ein Gedanke, um ein Leben komplett zu verändern. Herbst 1943. Die Kaminrunde trifft sich immer mittwochs im Schloss Teutschenthal unweit von Halle/Saale. Gedankenaustausch bei Cognac und Gebäck. Es gilt das freie Wort. Mit dabei Unternehmer, ein Chefarzt, ein Oberbürgermeister. Gastgeber ist der Zuckerbaron Carl Wentzel. Herr über 44.000 Beschäftigte. Die Kriegslage hat sich seit Stalingrad verschlechtert. Wentzel lässt einen Satz fallen: „Es muss sich doch ein deutscher Offizier finden, der das Problem Hitler löst.“

 

Das Wohnzimmer von Carl Wentzel (1876-1944) im Schlossgut Teutschenthal. Ort der Kaminrunde.

 

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geht alles ganz schnell. Großagrarier Wentzel wird anonym angezeigt, festgenommen, vor Freislers Volksgerichthof gestellt und „wegen Hochverrat“ in Plötzensee enthauptet. Seine Asche wird im Gefängnishof in alle Winde verstreut. Der Denunziant? Bis heute ist die Frage ungeklärt, aber vieles spricht für Wentzels persönlichen Mitarbeiter Ludolf von Alvensleben, einem hoch verschuldeten SS-Offizier.

 

Carl Wentzel vor Richter Roland Freisler. Volksgerichtshof 1944.

 

Ende Juli 1944 beschlagnahmte die SS das „gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen“. Die Nazis nahmen in Teutschenthal alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Eine exklusive Gemälde-Sammlung, wertvolle Möbelstücke, Meißner Porzellan für achtzig Personen. Eine beispiellose Strafaktion und ein skrupelloser Beutezug. Zuckerbaron Carl Wentzel galt nunmehr als Volksschädling. Er hatte mit den Männern des Widerstands sympathisiert.

 

„Zum Schutz von Volk und Staat.“

 

Mai 1945. Die neuen Sieger übernehmen die Macht. Die Wentzels werden ein zweites Mal enteignet. Diesmal durch die Sowjets, diesmal als Großgrundbesitzer. Die DDR verstaatlicht alle 17 Betriebe. Die Familie flüchtet in den Westen. Teile der Bildersammlung werden vermutlich in einen Keller der Moritzburg in Halle versteckt.

 

Allein diese Venus im Park blieb. So gut wie alles andere wurde von Nazis und DDR beschlagnahmt und ist seitdem verschwunden.

 

Nach der Wende erhalten die Enkel das Schloss zurück. Immerhin. Doch seitdem kämpfen die Wentzel-Nachfahren um die verschwundene Familiensammlung mit Meisterwerken von Canaletto, Rembrandt oder Picasso. Vergeblich. 168 Bilder haben die Wentzels als vermisst gemeldet. Der Wert der Sammlung beträgt viele Millionen Euro. Beharrlich stoßen die Wentzels bei Behörden und Museen auf eine Mauer des Schweigens. In der Regel ernten sie ein Bedauern, mehr nicht. Carl Wentzel. Späte Folge eines einzigen Satzes, der alles veränderte. Vor über siebzig Jahren. Vertraulich, im Freundeskreis.

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Ein Jahrhundert-Kennedy

John war das Zweite von neun Kindern des Kennedy-Clans. Schon als Baby nannten sie ihn Jack. Wie kein anderer verkörperte John F. Kennedy die Hoffnung für Abermillionen von Amerikanern vom Aufstieg durch Leistung. JFK lebte diesen amerikanischen Traum: Jeder, der überdurchschnittlich begabt und motiviert ist, könne es zu Reichtum und Ruhm bringen. So stand er für das “andere, das bessere Amerika“. Auch wenn sein Leben ein unvollendetes Versprechen blieb.

Vor einhundert Jahren am 29. Mai 1917 wurde der stets strahlende Politiker in Massachusetts geboren. Was die wenigsten wissen: Der Führer der freien Welt war eine wandelnde Apotheke. Bereits mit dreizehn rebellierten bei ihm Magen und Darm. Als siebzehnjähriger Teenager laborierte er an einer spastischen Kolitis. Ab dem dreiundzwanzigsten Lebensjahr  klagte er über Rückenschmerzen – zeitlebens.

 

JFK im Alter von 26 Jahren auf dem Torpedoschnellboot PT 109. Pazifik vor den Salomon-Inseln. August 1943.

 

Im Alter von dreißig erwischte den gut aussehenden Kennedy die  Addisonsche Krankheit. Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Müdigkeit, bräunlich-gelbe Hautfarbe mit langsamer Schrumpfung der Nebennierendrüsen. Im September 1947 spitzte sich die Krankheit derart zu, dass der Katholik die letzte Ölung erhielt. Mit sechsunddreißig überstand JfK eine schwere Operation an der Wirbelsäule. Als er mit dreiundvierzig Jahren Präsident wurde, plagten ihn chronische Magen-Darm-Probleme, Prostatabeschwerden, Fieberschübe, Abszesse und Schlaflosigkeit. Kennedy ließ sich nichts anmerken. Er war ein talentierter Schauspieler, spielte den kraftstrotzenden Himmelstürmer.

Vielleicht erklären die vielen chronischen Krankheiten seinen unstillbaren Verbrauch von Frauen. Kennedys Womanizer-Verhalten entsprach dem eines britischen Aristokraten, der sich beim Angeln, Segeln oder Golfspiel entspannt. Er sei „triebhaft wie Mussolini“ gewesen, notiert Biograf Robert Dallek. Das Weiße Haus hatte einen eigenen Protokollchef, zuständig für weiblichen Nachschub und Pool Partys. Ehefrau Jacqueline musste viel aushalten. Marlene Dietrich war fasziniert von ihm. Im Dezember 1961 gestand JfK: „Wenn ich nicht alle drei Tage eine Frau habe, bekomme ich fürchterliche Kopfschmerzen.“

 

Das offizielle John F. Kennedy-Porträt im Weißen Haus.

 

Eintausend Tage war Kennedy Präsident der USA. Seine innenpolitische Bilanz bis zur Ermordung im November 1963 blieb ein Flickwerk. Seine größte Leistung: die Verhinderung eines Atomkrieges. Und doch: John F. Kennedy ist bis heute Vorbild aller ausgegrenzten Amerikaner. Er bleibt das Versprechen für eine bessere Welt. Welcher US-Präsident kann das heute noch von sich behaupten?

 

Das offizielle Familienfoto. John und Jacqueline Kennedy mit John, Jr. und Caroline in Hyannisport, 1962. Photograph by Cecil Stoughton, White House, in the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

 

Mehr bei Peter DeThier. John F. Kennedy. 100 Seiten . Neu erschienen als Reclam-Heftchen für 10 Euro.

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Die Schönheit der Lüge

Ohne Lüge geht nichts. Nicht in der Politik, in der Familie, im Alltag. Lügen ist der wirksamste Schutz, wenn es eng wird. Familien und Partnerschaften wären dem Untergang geweiht, gäbe es keine Lüge. Das gilt genauso für Beruf, Politik oder Staaten. Eine Welt ohne Lügen gibt es nicht. Dumm nur: Eine Welt, in der die Lüge hoffähig ist, müsste genauso untergehen. Es wäre gleichfalls die Hölle auf Erden.

René Margritte hat dieses Spannungsfeld fasziniert. Der belgische Maler gilt als Meister des Surrealismus. Wahrheit und Lüge sind für ihn Materialien. Was ist Realität? Was sind Illusionen? Niemand weiß es. Es ist immer das, was wir am Ende glauben wollen. Die Welt als Bild unserer Vorstellung. Margritte bewegte sich genau auf dieser dünnen Erkenntnislinie wie ein Hochseilartist ohne Netz und doppelten Boden. Margritte malt: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?

 

René Margritte. 1898-1967.

 

Die Kunst der Täuschung. Die Schönheit der Illusionen. Das ist die Methode Magritte. Er verstand sich nicht als Künst­ler. Er wollte als denken­der Mensch seine Fragen ans Leben stellen. Seine Ideen setzte er in Male­rei um. Schon Picasso sagte: „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.“

Wahrheit ist das, was der Einzelne dafür hält oder was gerade der Meinung der Machthaber oder der Mehrheit entspricht. „Es gibt genauso wenig eine hundertprozentige Wahrheit wie einen hundertprozentigen Alkohol“, notierte Sigmund Freud an den Schriftsteller Stefan Zweig. Wenn es im Leben kritisch wird, steht der Selbsterhaltungstrieb über dem Wahrheitsgebot. Obwohl jeder weiß, dass Wahrheit das Wertvollste ist, was es zwischen Menschen gibt.

 

 

Was ist Schein? Was ist Sein? Antworten von  René Magritte. Der Verrat der Bilder. Die Ausstellung  in der Frankfurter Kunsthalle Schirn – noch bis zum 5. Juni 2017.

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Bezahlt wird nicht

„Wir singen im Atomschutzbunker – Hurra diese Welt geht unter“, intoniert die Band AnnenMayKantereit. Hurra, grölen die Fans begeistert mit, „auf den Trümmern das Paradies“. Lust am Weltuntergang? Berlin kennt sich damit aus. Vor genau einem Menschenleben gingen die Lichter am Brandenburger Tor aus. Die Party des Tausendjährigen Reichs war endgültig vorbei. Im Mai 1945. Vor exakt 72 Jahren.

 

Die Lobby im historischen Hotel Adlon. Zuletzt gab es Cocktails ohne Rechnung.

 

Wie bizarr die Welt unterging, zeigt sich am Luxus-Hotel Adlon. Publizist und Chronist Alexander Kluge schreibt, bis zum 30. April 1945 war das Grand-Hotel „ein fast friedensmäßig ausbalancierter Hoteldampfer. Eigene Elektrizitätsversorgung. Gut bevorratet, auch dadurch, dass die Anlieferungen für die traditionelle Mittwochsgesellschaft des Auswärtigen Amtes, die nicht mehr stattfindet, noch nicht verbraucht sind“.

 

Berlin. Pariser Platz Mai 1945. Links das Adlon.

 

Vor der Drehtür des Adlon wurde bereits gekämpft und gestorben. Ein Dachstuhlbrand konnte durch das Personal und einige Gäste noch gelöscht werden. Seit Ende April stellte das Adlon keine Rechnungen mehr aus. Kluge notiert: „Der Rhythmus der Mahlzeiten über den Tag hin bleibt unverändert. Gäste aus Ungarn, Schweden, aus Österreich, das nicht mehr zu Deutschland gehört. Im Foyer und in den unteren zwei Stockwerken liegen Verwundete. Der Oberkellner ist seit 1925 im Amt. Weisungen und deren Ausführungen vollziehen sich reibungslos. Keine Nervosität.“

 

Berlin. Brandenburger Tor. Ende April/Mai 1945.

 

Am Ende diente das Adlon als Lazarett mit Weinkeller. Die Stunde Null folgte am 2. Mai 1945. Berlin kapitulierte. In dieser Nacht brannte das weitgehend unbeschädigte Gebäude aus. Im einstigen Luxus-Dampfer hatten Rotarmisten ihren Sieg gefeiert. Eine weggeworfene Kippe soll die Ursache gewesen sein. Nur ein Seitenflügel blieb stehen. Der Stummel diente bis Anfang der achtziger Jahre weiter als Hotel, zuletzt als Internat für Berufsschüler.

 

Das Adlon nach dem Brand vom 2./3. Mai 1945. Vorne grüßt der Große Führer Genosse Stalin.

 

Seit dem Mauerbau 1961 standen die Reste des Grand-Hotels mitten im Grenzgebiet. 1984 sprengten Grenztruppen den Rest vom Adlon im Rahmen der Aktion „Verschönerung der Staats-Grenze“. 1997, vor genau zwanzig Jahren, konnte das Grand Hotel in seiner heutigen Gestalt neu eröffnet werden. Der Weinkeller ist wieder geöffnet. Und Rechnungen kommen nun  pünktlich nach der Party.

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Der Himmel über Potsdam

Die Tischgesellschaft ist erschöpft, müde, ratlos. Schweigen. Alles vorbei? Alles vergeblich? In der Mitte des Tisches stiert eine Frau im gelben Kleid ins Leere. Sie markiert den Mittelpunkt wie einst Jesus bei Michelangelos Abendmahl. Abend über Potsdam heißt das Ölgemälde. Eine Momentaufnahme über den Dächern der Stadt. Festgehalten im Herbst-Winter 1929/30 für die Ewigkeit. Der Himmel über Potsdam ist grau. Bedrohlich. Ein spätes Sommergewitter zieht auf.

Die Berliner Malerin Lotte Laserstein transportierte im September 1929 eine lange Holztafel mit einer Pferdekutsche nach Potsdam. Um einen provisorischen Tisch versammelte sie Freunde. Schauplatz eine Dachterrasse in der Gregor-Mendelstraße. Am Horizont sind Nikolaikirche und die noch unzerstörte Garnisonkirche über Preußens Heimstatt zu erkennen. Die Freunde schweigen sich an, schauen sich nicht an, als hätten sie sich nichts mehr zu sagen. Kein Wort. Kein Lächeln, nichts. Auf dem Tisch ein paar Früchte und Brot. Zu ihren Füßen döst ein Hund. In Wartestellung ein paar Weinflaschen.

 

Abend über Potsdam. 1929/1930. Seit 2010 wieder im Besitz der Nationalgalerie Berlin.

 

Während Lotte in ihrem Atelier akribisch Monat für Monat an ihrer melancholischen Balkongesellschaft arbeitet, verändert sich das Land. Die Nazis erringen ihre ersten Wahlerfolge. Wut, Hass und Fanatismus werden salonfähig. Straßenkämpfe, Arbeitslosigkeit und Not nisten sich im Alltag ein. Die vielgepriesene bürgerliche Moral löst sich scheibchenweise auf. Angst, Abschottung und Ignoranz ziehen auf. Überall. Auch in Potsdam.

 

Lotte Laserstein. (1898-1993) Vergessen, verdrängt, wiederentdeckt.

 

Lotte Laserstein setzt dem aufziehenden Unheil ein künstlerisches Denkmal. Abend über Potsdam verkörpert Ratlosigkeit, Ohnmacht und das beredte Schweigen der Mehrheit. Lotte ist Berliner Jüdin. Sie kann 1937 nach Schweden flüchten. Ihr Bild, das sie „Meine Freunde“ nennt, nimmt sie mit. Sie wird nie mehr in ihre Heimat zurückkehren. 1993 stirbt Lotte Laserstein. 2010 kehrt das Potsdam-Porträt nach Deutschland zurück. Die Berliner Nationalgalerie hatte das vergessene Meisterwerk angekauft. Zurzeit ist es im Depot gelagert. Leider.

 

Schloss Babelsberg. Architekt: Carl Friedrich Schinkel. Jetzt wieder eröffnet. Preußens Glanz und Gloria blüht wieder auf.

 

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater versucht sich in einer Theaterfassung am Abend über Potsdam. Eine verdienstvolle Wiederentdeckung, auch wenn die Kritiken bislang eher zwiespältig sind. Wichtiger wäre jedoch, das visionäre Bild von Lotte Laserstein endlich wieder der Öffentlichkeit zu präsentieren.