Archive for : Juni, 2017

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Magische Momente

Eine Koreanerin in Europa. Eine von vielen. Fleißig, wohlerzogen, unscheinbar. Ihr Name: Youn Sun Nah. Die junge Frau soll in Paris französische Literatur studieren. Das wünschen sich die Eltern. Die Tochter aus Seoul pariert und parliert los. Doch vielmehr als die Sprache fasziniert sie das Leben und besonders europäische Musik. Savoir vivre. Nun will sie Klassischen Gesang studieren. Beethoven Chopin und Schubert, gerne auch Brel und Piaf. Der Dozent rät ab. Sie sei zu alt. Sie könne es ja mit Jazz und Chanson versuchen. Ein Glücksfall. Denn die 25-jährige Youn Sun Nah erobert eine Neue Welt – die des Jazz. Unbekümmert, konsequent und voller Energie. Eine Kostprobe aus Havanna 2017.

 

 

Youn Sun Nah ist ein Stimmwunder und längst eine atemberaubende Jazz-Interpretin. Die Sängerin ist in einer koreanischen Musikerfamilie aufgewachsen, die das Schicksal ihres Landes teilt. Der Vater, ein Dirigent, ist in Nordkorea geboren. In Seoul wird sie in neunziger Jahren gefragt, ob sie bei einem Casting für ein Musical mitmachen möchte. Worum es geht, fragt Youn. Um die Linie 1. – Nie gehört! Der weltberühmte Berlin-Klassiker aus dem frisch vereinten Deutschland soll im geteilten Korea zum ersten Mal auf die Bühne gebracht werden. Youn setzt sich als singende Göre durch, erhält die Chance und nutzt sie. Viele Jahre brilliert sie als koreanische Stimme des Berliner Grips-Theaters und rattert mit der Linie 1 in höchsten Tönen durch den Untergrund.

 

 

Mit dem schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius entwickelt sie in den Nullerjahren ihren eigenen Stil. Klassiker des Chansons und des Pops interpretiert sie neu – auf ihre Youn Sun Nah-Art. Frech, frisch und frei von falschen Allüren. Die bescheidene Künstlerin wandelt traumwandlerisch sicher zwischen Genres, Kulturen und Kontinenten. Sie legt innerhalb weniger Jahre mehrere Alben vor, in der sie zu einer der Größen des Jazz reift.

 

 

Auf der Bühne ist sie in ihrem Element. Mittlerweile tourt sie mit einer neuen Band aus den USA. Ihr Titel Momento Magico ist live ein Ereignis der Extraklasse. Ohne Pathos, aber mit viel Präzision, Witz und Tempo. Die Kritik überschlägt sich. Die mittlerweile 47-jährige Echo-Preisträgerin gehöre „zu den besten Sängerinnen unserer Zeit“. Im persönlichen Gespräch wirkt sie immer noch wie eine junge Studentin. Still, höflich, zurückhaltend. Wie ein zerbrechliches Wesen, das seinen Platz auf der Welt noch sucht. Doch sobald sie die Bühne betritt und die Band den Groove vorgibt, dann strafft sich der kleine Körper der Youn Sun Nah und sie wird eine ganz Große. Wie einst Edith Piaf in Paris.

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Erzähl mir was

So dramatisch wie im Kino oder Fernsehen vollziehen sich große Veränderungen selten. Im richtigen Leben geschieht es eher beiläufig oder lakonisch. Hoffnungen und Enttäuschungen, Mut und Angst zeigen sich in den kleinen Geschichten. Das ist der wahre Lauf des Lebens.  Im Augenblick des Schreibens ringen Zweifel mit Fragen. Wen soll das interessieren? Habe ich wirklich mit allen Wichtigen gesprochen? Nichts vergessen oder übersehen?

Porträts bedeuten: abwarten, beobachten, herumsitzen, zuhören, wirken lassen. Das Erlebte muss sich allmählich in einem Menschen verdichten. Jede Frage kann zur Zumutung werden. Manchmal bleibt einen Wimpernschlag lang unklar, ob mein Gegenüber wütend hinwirft oder mich innig umarmt. Spannende Menschen haben in ihrem Leben einen Wendepunkt. Ihre Persönlichkeit, ihr Ego, ihr Ich sind oft angegriffen. Sie sind verbittert, ihr Selbstbewusstsein erschüttert. Jedes Porträt stößt an Grenzen. Zum wirklichen Kern eines Menschen vermag niemand vordringen. Es kann stets nur ein Versuch sein.

 

Worum es geht: Weites Land, weite Gedanken?

 

Der Kontakt zu ihren Protagonisten sei wie eine kurze leidenschaftliche Affäre, schreibt die Journalistin Jana Simon. Sehr intensiv, aber danach wollen sich beide Seiten nicht mehr so genau daran erinnern. Die weißrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat einmal ihre Rolle so definiert: „Ich sehe die Menschen mit den Augen der Menschenforscherin, nicht mit denen des Historikers. Ich bestaune die Menschen. Dieser Maßstab hat mich schon immer fasziniert – … der einzelne Mensch. Denn im Grunde passiert alles dort.“

 

Weite Wege, wohin?

 

Die Stimmen einer Zeit oder einer ganzen Generation zu Gehör zu bringen, hat in der Literatur viele Vorbilder. Dylan Thomas ließ seine Heimat Wales in „Unter dem Milchwald“ erklingen. Zwanzig Jahre lang quälte sich der Dichter an diesem Werk. Er beschrieb das Leben in einer kleinen verschlafenen Stadt Er rang buchstäblich um jedes Wort. Dieser hochtalentierte Schriftsteller und unermüdlicher Trinker. Der Milchwald ist ein verrücktes, rätselhaftes und wunderbares Klanggebilde. Ein Mikrokosmos der Träume und Wünsche – mit Bösewichtern, Mitläufern und Engeln.

 

Windräder ohne Zahl. Landschaften ohne Menschen.

 

Dylan ahnte, dass er früh abtreten musste. Sein Leben war intensiv. Alkohol, Tabak, Dichtung, Drogen und Frauen. Stets auf der Überholspur. Dylan wurde gerade einmal 39 Jahre alt. Penibel in seiner Kunst aber schlampig in seinem Alltagsleben. Des Erzählers wichtigster Satz: „Es gibt nur eine Stellung für einen Künstler, ganz gleich wo: aufrecht.“

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Riskante Burger

London, Manchester, Paris, Berlin. Die Anschläge werden häufiger, rücken immer näher. Der Terror gehört längst zu unserem Alltag. Angst geht um, heißt es in Leitartikeln und Talkshows. Bei anderen blühen Empörung und Fanatismus. Doch bei den weitaus allermeisten dominieren Abstumpfung, Achselzucken und Apathie. Wer Fakten zur Kenntnis nimmt, erfährt Überraschendes:  Weltweit begehen deutlich mehr Menschen Selbstmord als dass sie durch Kriege, Terroristen oder Kriminelle ums Leben kommen. Dabei ist die Suizidrate in Wohlstandsländern auffallend höher als in traditionellen und armen Gesellschaften.

 

Edvard Munch. Der Schrei 1892.

 

Keine Statistik der Welt kann uns beruhigen, wenn Gefühle wie Hass und Wut das Verhalten steuern. Aber: „Zucker ist heute gefährlicher als Schießpulver.“ Warum? Coca-Cola stellt eine weitaus größere Bedrohung als der Islamische Staat dar. Das schreibt der israelische Historiker Yuval Noah Hariri. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sterben mehr Bürger, weil sie zu viel essen und nicht weil sie hungern müssen. 2014 waren mehr als 2.1 Milliarden Menschen übergewichtig, aber „nur“ 850 Millionen litten an Unterernährung. 2010 starb rund eine Million Menschen an Hunger, drei Millionen jedoch an Fettleibigkeit.

Für Harari steht fest: Der Durchschnittsmensch stirbt „mit größerer Wahrscheinlichkeit, weil er sich bei MacDonalds vollstopft als durch eine Dürre, Ebola oder einen Anschlag von al-Qaida“. Das ist der Preis, den wir  für unsere Lebensweise zahlen müssen, notiert er. Obwohl Hunger, Krankheit und Krieg bei Anbruch des dritten Jahrtausend nahezu besiegt seien. Diese uralten Menschheitsplagen könnten nunmehr „im Zaum gehalten“ werden.

 

Peter Lenks Beitrag zum Thema Wohlstand.

 

Die nächsten Ziele der Menschheit  sind Harari zufolge das Streben „nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit“. Der Google-Konzern steckt mit seinem Subunternehmen Calico bereits zweistellige Millionenbeträge in die Forschung der Geheimnisse von ewiger Jugend. Die Suche nach dem unendlichen Glück. Bill Maris, Chef des Investmentfonds Google Ventures erklärt: „Wir versuchen nicht, ein paar Meter gutzumachen. Wir versuchen das Spiel zu gewinnen. Weil leben besser ist als sterben.“

 

Yuval Noah Harari kritisiert die Gottgleichheit großer Konzerne. Ein Schwarzmaler oder der Prophet der Neuen Welt? Foto: CH Beck

 

Glücksversprecher Google. Der Traum von der Unsterblichkeit soll wahr werden. Eine Aufgabe, an der dieser Konzern still aber verbissen forscht. Sind das nun glückliche Perspektiven für die Zukunft? Im Mittelalter bedurfte es nur eines Stückes Brotes, um einem hungernden Bauern zu erfreuen. „Womit aber macht man einem gelangweilten, überbezahlten und übergewichtigen Ingenieur eine Freude?“ fragt Wissenschaftler Harari in seinem neuen spannenden Buch „Homo Deus“. Diese Antwort gibt er nicht.

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Briefe an den Feind

„Schimpfen ist der Stuhlgang der Seele“, notiert die Berliner Autorin Susanne Schädlich. Schimpfen verschafft ein wenig Luft. Mildert den Druck. Hate Speech heißt es heute in den digitalen Netzwerken. Im Kalten Krieg gab es kein Internet, aber „Briefe ohne Unterschrift“. Anonyme Botschaften, verschickt über Tarnadressen, später im Radio verlesen. Immer Freitagabends. Punkt Sieben. Stimmungsberichte aus der Zone, wie die DDR damals noch hieß. Briefe an den Feindsender BBC.

Susanne Schädlich ist tief in alte Archive abgetaucht. Die Journalistin hat in Reading, im Vereinten Königreich wahre Schätze entdeckt und jetzt veröffentlicht. Zehntausende Briefe aus der frühen DDR. Die abgefangene Post hingegen verschwand nach der Wende im Stasi-Unterlagen-Archiv. Allein im Bezirk Rostock hatte der DDR-Geheimdienst 1969 exakt 1.675 Briefe konfisziert. Briefe an die BBC, zumeist von jungen Leuten. Briefe, die nie ankamen jedoch brandgefährlich werden konnten.

 

BBC Bush House. Unweit von Westminster. Immer Freitags um Sieben sendete BBC-Worldservice „Briefe ohne Unterschrift“.

 

Einige der Absender schafften es statt ins Radio in eines der Gefängnisse der DDR. So der Schüler Karl-Heinz Borchardt aus Greifswald. Nach dem Einmarsch in Prag will der 17-jährige protestieren. „Ein spontaner Entschluss.“ Borchardt wird ermittelt und festgenommen.  Im März 1971 erhält der Gymnasiast zwei Jahre Haft – wegen versuchter staatsfeindlicher Hetze. Der Vernehmer, ein Leutnant: „Bei den Nazis hätten wir dich schon längst durch den Schornstein gejagt.“

Beispiele aus Briefen, die im Deutschsprachigen Service der BBC verlesen wurden.

  1. „Prima Obst“ berichtet über Dreharbeiten in Ost-Berlin: „In der Nähe der Frankfurter Allee und dem Bersarinplatz ist der Weidenweg. Neulich wurden zum größten Erstaunen der Bewohner viele Kisten mit Obst abgeladen. Äpfel, Apfelsinen, Bananen. So etwas geht ja bei uns sofort von Mund zu Mund. Es waren Attrappen.“
  2. Ein unbekannter DDR-Bürger dichtet. „Nichts uff´n Tisch, nichts uff´n Tella, nichts uff´n Boden, nichts im Kella. Uff de Toilette keen Klosettpapier, lieber Walter Ulbricht wir danken dir.“                                         

 

Die BBC galt im Dritten Reich als Feindsender. Diese Tradition setzte die DDR fort. Wer das Programm hörte, wurde nicht mehr eingesperrt. Aber: Wer Briefe nach London schickte, wurde observiert und in manchen Fällen auch wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Unzählige Briefe kamen nie an.

 

Die BBC veröffentlicht auch Briefe von überzeugten Anhängern der DDR. Oktober 1963 „Werte Herren Meinungsmacher, einem Feind unserer Ordnung muss man eben eins aufs Mundwerk geben, das ist überall üblich, bei uns vielleicht etwas strenger. Wer bei uns arbeitet, der lebt auch anständig. Die, die über die DDR klagen und meckern, die würden auch im Kapitalismus dem Anarchismus frönen oder würden überzeugte Kommunisten sein. Ihre Taktik ist die stille Lüge im großen Stil, die bewusste Volksverdummung.“

 

„Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben.“ Foto: Knaus-Verlag

 

In den siebziger Jahren nehmen Briefe aus der DDR ab. Folge der Entspannungspolitik oder Einsicht, dass die Mauer noch hundert Jahre stehen soll?

1973 klagt ein DDR-Bürger. „Kohlen sind sehr teuer. 400 Mark, die ich verdiene, verbrauche ich alle für Kohlen, wenn ich es warm haben will. Das zieht in der Wohnung wie in einem Affenstall, da haben die Kühe und Schweine der LPG bessere Behausungen.“ Dieser Brief kam nie an. Stasi-Kontrolleure fingen den Brief ab.

Diese Nachricht erreicht die BBC, unterläuft alle Kontrollen. „SOS helft uns: Die sog. „DDR“ bietet uns so viel Freiheit, Demokratie und Hochgefühle an soz. Lebensverhältnissen, dass wir es vorziehen, in den krisengeschüttelten und monopolkap. Westteil unseres Vaterlandes überzusiedeln.“  Andere wiederum beschimpfen die BBC als „Moraltrompeter, Dummquatscher, Lügenstudio“.

 

Susanne Schädlich. Briefe ohne Unterschrift. 2017

 

Im Juli 1974 stellte die BBC Briefe ohne Unterschrift ohne Angaben von Gründen ein. Die Stasi triumphierte. Dann verschwand die stille Post in Archiven. Susanne Schädlich hat eine beeindruckende Auswahl aus 25 Jahren zusammengestellt. Verdienstvoll.

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Wer scheitert, kommt ins Museum

Scheitern als Chance. Ein geflügeltes Wort. Flott dahinfabuliert. Aber wer fällt schon gerne auf den Allerwertesten? Nach allen Anstrengungen, Mühen und Kämpfen. Ein Haus in Helsingborg macht das Scheitern ab sofort museumsreif. Das Museum der Fehler – The Museum of Failure – hat seit Anfang Juni seine Tore geöffnet. Es setzt Fehlern und Irrtümern ein Denkmal. Die Cola mit Kaffeegeschmack. Kugelschreiber – in Pink – nur für Frauen. Ein Brettspiel aus den achtziger Jahren. „Trump, the Game“. Alles Flops, Ladenhüter, Nieten. Umsonst und vergeblich.

 

Das Trump-Spiel. Ein Flop.

 

Museumsdirektor Samuel West hat in seinem schwedischen Museum insgesamt siebzig Exponate ausgewählt. Sein funkelnagelneues Haus ist klein, aber fein. Die einfache aber geniale Idee: „Wenn wir etwas Neues wollen, müssen wir Fehlschläge hinnehmen. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Und dann möchte ich, dass Organisationen besser aus Fehlern lernen, als sie immer nur unter den Teppich zu kehren.“

 

Samuel West. Mastermind des Museums of Failure.

 

Der Museumsdirektor präsentiert ein Parfüm des Motorrad-Herstellers Harley Davidson. Es floppte. Biker lieben mehr den Duft von Schmieröl als teures Parfum. Das kombinierte Handy-Spielgerät „N-Gage“. Eine totale Pleite. Der einstige Innovationsriese Nokia konnte damit seinen Niedergang nicht stoppen. Eine Plastikmaske mit einer eingebauten strombetriebenen Massage, die Frauen schön wie Marylin Monroe erscheinen lassen sollte. Ab in die Tonne.

 

Parfum von Harley Davidson? -Ein einziger Irrtum.

 

Wir sind zum Scheitern verdammt. Patrick Süsskind hat die Lebensgeschichte des Menschen als die Geschichte der Muschel-Verkalkung bezeichnet. Die Muscheln versteinern wie wir Menschen. Franz Kafka kombinierte haarscharf: „Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.“ Winston Churchill setzte noch ein Bonmot obendrauf: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.“

Ob das neue Museum im schwedischen Helsingborg ein Erfolg wird? Direktor Samuel West lächelt vielsagend. Er zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht. Nur eines ist klar: „Wir brauchen sehr viele Besucher, um nicht pleite zu gehen.“ So gilt für sein Projekt die Devise Samuel Becketts. Nicht Warten auf Godot. Sondern: „Immer versuchen, immer scheitern. Wieder versuchen, wieder scheitern. Besser scheitern.“

 

 

Das Museum of Failure in Helsingborg ist eine Reise wert. Täglich geöffnet von 12 – 18 Uhr.

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Bissige Welpen

Snarky Puppy. Fusionsjazz vom Feinsten. Ein Tornado aus Texas. Talentschmiede für junge Musiker und Sängerinnen. Snarky Puppy ist ein doppelsinniges Wortspiel. Es kann bissige oder sarkastische Welpen bedeuten. Vom Kopf bis zum Hintern will die Band wirken. Das gelingt ihnen zu einhundert Prozent. Mit starken Bläsersätzen, treibenden Rhythmen und einer optimistisch-fröhlichen Grundhaltung. Tanzbare Musik – für Kopf, Seele und Bauch.

 

 

Das Jazzer-Kollektiv aus den USA ist dem Bassisten und Komponisten Michael League zu verdanken. Aus einer Uni-Garagenband entwickelte der Tüftler Anfang der Nuller-Jahre ein Bigband-Konzept mit ständig wechselnden Musikern, Sängerinnen und Sängern. Mindestens vierzig Musiker gaben Snarky Puppy bereits ihre Energie. Jede Konzerttournee bringt eine neue Besetzung hervor.

Legendär sind ihre Freitagabend-Konzerte in New York. Zum „Family Dinner“ trifft sich die Band, um ständig neue Konstellationen und Kombinationen auszuprobieren. In einem kleinen Studio mit toller Live-Atmosphäre treffen sich Band, Gastmusiker und Besucher, um den Jazz zu zelebrieren. Die Session mit Lalah Hathaway erhielt 2014 den Grammy. Snarky Puppy gehört längst zu den Großen im Fusion-Jazz.

 

 

Auf ihrem ersten Brooklyner Freitagabend-Album Familiy Dinner Volume 1 treten außer Lala Hatjaway auf: Chantae Cann, Shayna Steele, N’Dambi, Lucy Woodward, Malika Tirolien, Tony Scherr und Magda Giannikou. Magda präsentiert nicht nur eindrucksvoll ihre Stimmqualitäten, sondern auch ihre Fingerfertigkeit auf dem Akkordeon. Bei den diesjährigen 2017er Grammy Awards wurde die Band für das beste zeitgenössische Instrumentalalbum ausgezeichnet –  für Culcha Vulcha.

 

 

Snarky Puppy haben ihre Europa-Tournee nahezu beendet. (am 7. Juni sind sie noch einmal um 21 Uhr in Eindhoven/NL zu sehen) Wer im Sommer in New York sein sollte, hat eine großartige Gelegenheit. Die Puppys sind am 5. August 2017 eines der Highlights auf dem traditionsreichen Newport Jazz-Festival (Rhode Island).

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Vom Berliner Unwillen

Jetzt kommt das Freiheits- und Einheitsdenkmal doch. Im Volksmund nur Einheitswippe genannt. Es ist der dritte Anlauf des Bundestages. Oder kippt die Wippe vielleicht doch noch? Das neue begehbare Denkmal soll das Schloss schmücken. Das Schloss heißt übrigens auch nicht Schloss, sondern Humboldtforum. 2019 soll der Neo-Preußen-Palast eingeweiht werden. Auf leisen Sohlen schleicht die politische Elite um den kolossalen Neubau. Nur in keine Fettnäpfchen stolpern. Kein Desaster wie beim Hauptstadtflughafen produzieren. Längst heißt es: Berlin kann alles – außer Bauen.

 

Die Wippe vor dem Schloss. 2007 beschlossen. 2016 gestoppt. 2017 erneut beschlossen.

 

Der zähe Ehrgeiz der Macher gilt der besten Adresse Berlins. Schlossplatz 1. Einige Jahrzehnte lang hieß der zentrale Ort der Stadt Marx-Engels-Platz. Was auffällt: Planer und Verantwortliche drängt es weder in Talkshows noch zu allzu offenen Bekenntnissen. Das 600-Millionen-Projekt soll möglichst geräuschlos in Berlins Mitte gestellt werden. Getreu der Devise: Die Zukunft im Sinn – die Vergangenheit als Vorbild.

 

Das Beliner Stadtschloss um 1900 in voller Pracht. (vor seiner endgültigen Sprengung 1950) Rechts vorne das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal. Hier soll das neue Einheitsdenkmal errichtet werden.

 

Der Schlossplatz war immer ein heiß umkämpftes und umstrittenes Gelände. Prestigebauten waren hier noch nie willkommen. Auffällig: Keiner der Hohenzollern fühlte sich jemals im Stadtschloss wohl. Das Glück war anderswo. Die Hausherren verflüchtigten sich lieber auf ihre Residenzen in Charlottenburg, Rheinsberg oder ganz besonders nach Sanssouci.

 

Friedrich II von Brandenburg (1413-1471) Genannt der „Eiserne“ oder „Eisenzahn“. Erster Schlossherr in Berlin.

 

Im 15. Jahrhundert beim ersten Schlossbau zeigten widerspenstige Berliner, was sie von den Plänen des damals regierenden Kurfürsten Friedrich II hielten. Nichts! Der brandenburgische Markgraf nur „Eisenzahn“ genannt peitschte sein Prestigeprojekt im Alleingang durch. Aufgebrachte Berliner fluteten daraufhin 1448 die Baugrube mit Wasser aus der nahen Spree. Außerdem verhafteten sie seinen unbeliebten Hofrichter Balthasar Hake und vernichteten alle Unterlagen.

Das Schloss verzögerte sich um ein paar Jahre, konnte aber nicht verhindert werden. Friedrich II, jener besagte Eisenzahn, errichtete sein Schloss am heutigen Platze. Der neue Prunkbau machte den hartherzigen Markgraf bei seinen Untertanen zu keinem Zeitpunkt beliebter. Die Proteste der aufmüpfigen Bürger gingen als „Berliner Unwille“ in die Chronik ein. Aber diese Geschichte ist über fünfhundert Jahre alt.