Archive for : Mai, 2018

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Der König von Korsika

Einmal König sein. Wenn auch nur für eine kurze Zeit? Auf der französischen Ferieninsel Korsika hatte sich der westfälische Baron Theodor von Neuhoff diesen Traum erfüllt.  Seine Herrschaft währte nur kurz. Sie dauerte nicht einmal sieben Monate. Aber der Baron, der sich bereits Lord von England oder Grande von Spanien nannte, hatte einen Plan. Er wollte den Korsen die Unabhängigkeit bringen, versprach die verfluchte Fremdherrschaft der Genuesen abzuschaffen. Das kam gut an.

Wir schreiben das Jahr 1736. Theodor von Neuhoff landet in einem Phantasiekostüm an der korsischen Küste. Von Bord seines Schiffes lässt er einige Kanonen, 400 Gewehre  und Munition entladen. Dazu als weitere, nichtmilitärische Argumentationshilfe Gold, Geld und Getreide. Der umtriebige Theodor erklärt den überraschten Korsen, dies sei nur der Anfang.  Korsika werde frei. Endlich! Er stellt ein Heer auf und befördert einheimische Clan-Chefs in den Adelsstand. Kein schlechter Plan. Aus Dankbarkeit ändert die korsische  Volksversammlung die republikanische Verfassung. Nun ist der Weg frei für den ersten und einzigen König von Korsika. Der Glücksritter und selbsternannte Unabhängigkeitskämpfer besteigt als Theodor der I. den Thron.

 

Theodor von Neuhoff. Erster und einziger König von Korsika. Kupferstich von 1737.

 

Diese Geschichte klingt wie eine Operette. Das Beste daran: Sie ist es auch und bleibt dennoch eine wahre europäische Episode lange vor EU, Brexit und Autonomie-Bewegungen. Wie es damals weiterging? Natürlich  wehrte sich die mächtige Seemacht Genua. Zugleich nahmen die Franzosen die Insel vor ihrer Küste ins Visier. Nach drei erfolglosen Anläufen scheiterten am Ende Theodors Korsika-Pläne. Der Operetten-König musste als Priester verkleidet von der Insel flüchten. Jahre später endete der Luftschloss-Regent im Schuldturm von London. Völlig verarmt starb der einzige deutsche König von Korsika 1756 in der britischen Hauptstadt. Die Republik Genua schließlich verkaufte Korsika 1768 für zwei Millionen Franc an Frankreich.

 

Seit kurzem steht Theodor I. sogar auf einem hohen Sockel in Cervione. Das neue Denkmal ist im Zentrum in der Nähe des kleinen Museums zu finden.

 

Voltaire setzte dem König für sieben Monate ein angemessenes literarisches Denkmal. In Candide lässt er den Baron von Neuhoff aus dem sauerländischen Pungelscheid mit diesen Worten auftreten: „Ich bin Theodor, man hat mich in Korsika zum König gewählt; man nannte mich ‚Eure Majestät‘, und jetzt nennt man mich mit Müh und Not ‚Herr‘. Ich habe Münzen schlagen lassen und besitze nicht einen Heller, ich saß auf einem Thron und habe lange Zeit in London im Gefängnis gelegen, auf einem Strohlager.“

 

Der schwarze Mann mit dem weißen Stirnband – das offizielle Symbol Korsikas seit 1762.

 

 

Der begabte Hochstapler Theodor I. beflaggte sein Landungsschiff übrigens mit dem korsischen Symbol. Der Kurzzeitkönig popularisierte während seiner Regentschaft den mit Stirnband geschmückten Mohrenkopf. Sinnbild für den Kampf gegen Sklaverei und Fremdherrschaft. Das Motiv stammt eigentlich von den Königen von Aragon, die im 15. Jahrhundert mit Genua um Korsika stritten. Theodor hatte also durchaus Weitblick, als er sich mit fremden Federn schmückte. Der korsische Volksheld Pasquale de Paoli bestimmte schließlich 1762 das Symbol zum Staatswappen. Der Kopf mit dem weißen Stirnband ist das Freiheitssymbol Korsikas. Bis heute.

 

 

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Der letzte Vorhang

Vorhang zu. Aus und vorbei. In wenigen Tagen ist Schluss mit zwei Traditionsbühnen auf dem Kudamm. Die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm müssen schließen. Sie weichen einem neuen Shoppingcenter. Das Ende einer hundertjährigen Theatergeschichte. Ein russischer Investor an der Spitze eines verschachtelten Anlegerimperiums errichtet eine Luxusmeile. Einziger Kompromiss nach Protesten und zähen Verhandlungen: Im Keller entsteht ein kleines Ausweichquartier. Der Deal: Die Kosten für die künftig teure Miete soll am Ende der Senat, sprich der Steuerzahler übernehmen.

 

Theater am Kurfürstendamm. Im Mai 2018 ist Finale. Das Haus wird geschlossen.

 

In der Hauptstadt wird derzeit gekauft, verkauft, abgerissen und neugebaut als müsse in wenigen Jahren das neue Rom entstehen. Eine Stadt im Gründerrausch. Besonders die Vorzeigemeile Kurfürstendamm ist im Visier. Alteingesessene Theater, Cafés, kleine Läden und Kinos müssen weichen. Sie können einfach nicht mithalten. Politik und Kulturmanager erklären, sie hätten alles versucht, könnten aber das Theatersterben nicht verhindern. Viele befürchten, jetzt verliert die Stadt ihre Seele.

Rolf Hochhuth, der alte zornige Mann des deutschen Theaters, ist wütend. Über die Abzocke der Investoren aber auch über die Gleichgültigkeit der Verantwortlichen. Er ist den Bühnen am Kudamm eng verbunden. Sein Werk „Stellvertreter“ über das Schweigen des Vatikans in der NS-Zeit feierte genau hier im Februar 1963 Premiere. Erwin Piscator übernahm Regie und das Risiko den jungen Autor Rolf Hochhuth zu präsentieren. Die Inszenierung wurde ein Skandal – und ein Welterfolg.

 

Rolf Hochhuth. Am 20. Februar 1963 feierte sein Stück „Stellvertreter“ in der Inszenierung von Erwin Piscator am Theater am Kurfürstendamm seine Weltpremiere.

 

Für Hochhuth ist das Abräumen eines hundertjährigen Theaterstandorts das Werk von „Barbaren“. Hochhuth wörtlich: „Vor allem wusste auch jeder von der Tradition dieses Hauses. Zwei Juden hatten die Bühnen gebaut und aus eigener Tasche bezahlt. Max Reinhardt und der berühmte Oskar Kaufmann. Es ist genau wie Theodor Fontane es gesagt hat: Die Juden finanzieren die deutsche Kultur, und wir Arier finanzieren den Antisemitismus. Es ist eine Kulturschande ohne Beispiel.“

Über den Deal von Investor und Berliner Senat das „86. Einkaufszentrum in Berlin“ zu genehmigen und als Feigenblatt ein unterirdisches Theater als Erfolg zu verkaufen schüttelt der 87-jährige Hochhuth den Kopf. „Muss Berlin ein Theater in den Keller verlegen? In der prominentesten Straße? Bismarck hat über den Kudamm gesagt: Diesen herrlichen Corso den blöden Berliner Behörden aufzuzwingen, war der härteste Kampf meines Lebens.“

 

 

Nun schließen zwei traditionsreiche Häuser mit einem treuen Publikum. Kultur weicht Kommerz. Hochhuth schimpft in einem Interview der Berliner Zeitung über „die hündische Unterwürfigkeit der Politik gegenüber dem Großkapital“. Einziger Lichtblick: Der Altmeister des Dramas gewinnt mit dem Kudamm-Plot explosiven Stoff für sein neues Werk. Titel: „Germany, 52. US-Bundesstaat.“ Die Geschichte vom Theatertod soll ein eigenes Kapitel werden. Wir dürfen gespannt sein, wenn es heißt: „Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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Is your fire still burning?

Er ist ein echter 68er. Jedenfalls den Lebensjahren nach. Im Herbst wird er 69. Bruce Frederic Joseph Springsteen. Ist nun Zeit für die verdiente Rocker-Rente? Oder hat die Zitrone noch Saft? Für seine Fans ist die Frage überflüssig wie ein Kropf. In dem Dokumentarstreifen „Springsteen and I“ erzählen Verehrer aus aller Welt in selbstgemachten Videos von ihrer  Beziehung zum „Boss“. Herausgekommen ist ein einziges Bewunderungswerk. Aber die Doku des Briten Baillie Walsh offenbart eine ganze Menge über unsere eigenen Sehnsüchte.

Eine Truckerin betont, seine Songs vermittelten ihr, nicht die Reichen, sondern sie sei die Stütze des Landes. Eine ältere Dänin verfasst flammende Liebesschwüre. Bruce hätte ihr das Gefühl gegeben, er spiele einzig und allein für sie. Ein Malocher aus Manchester bemerkt, seine viel zu langen Live-Konzerte verursachten ein Problem. Er verpasse jedes Mal den Nachtzug nach Hause.

 

 

Der Film zeigt: Bruce Springsteen aus Fairhold, New Jersey ist mehr als ein Musiker. Er ist einer dieser wenigen amerikanischen Legenden, die es noch gibt. Bis heute verkörpert er den hilfsbereiten Nachbarn von nebenan. Einer dieser traurigen Verlierer aus der Vorstadt, der allen Anfechtungen zum Trotz anständig bleibt. So trifft er den Nerv der schweigenden Mehrheit in den USA. Die ist viel zu konservativ um wirklich aufzubegehren, aber geprägt von einer Wut auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Nicht wenige davon haben Trump gewählt. Obwohl Bruce keinen Zweifel lässt, dass er diesen Präsidenten für ein Unglück hält.

Springsteen liefert den Sound einer ganzen Generation. „Born in the USA“ wurde einst zum Wahlkampfschlager der Republikaner bis Springsteen jede Werbung mit seinem Song unterband. Er unterstützte Barack Obama und widmete vor einigen Jahren dem erschossenen Teenager Trayvon Martin den Song „American Skin“. Trayvon war farbig und siebzehn. Der weiße Schütze wurde in Florida freigesprochen.

 

 

Der letzte lebende große Rockstar der USA ist längst Religion. Entweder man liebt ihn abgöttisch oder man hasst ihn abgrundtief. Musikalisch betrachtet ist Bruce Springsteen eher ein Mann der Vergangenheit. Aber nach wie vor kann er das Feuer entfachen. Er verkörpert das Gewissen der Nation. Er versöhnt viele mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums.  Mit Gewalt, Willkür und schreiender Ungerechtigkeit. The fire is still burning. Die Zitrone ist noch nicht ausgepresst.