Archive for : Juni, 2018

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Keiner vermisst dich

Er trug eine orangefarbene Joggingjacke. Dunkle Jogginghosen. Weiß-Rote Laufschuhe. In den Taschen waren zwei Schlüssel. Aber kein Ausweis. Kein Smartphone. Keine Kreditkarte. Einfach nichts, was der Person einen Namen oder eine Adresse geben könnte. Der Joggingmann brach Mitte März nach einer Herzattacke in einem Berliner Park zusammen. Seitdem liegt der über sechzigjährige Läufer im Koma – aber niemand vermisst ihn. Auch über drei Monate nicht nach der Attacke.

Alle Vermisstenaufrufe der Polizei bleiben seit Monaten erfolglos. Kein Angehöriger, Bekannter oder Nachbar meldet sich. Niemand vermisst den Mann mit der „gepflegten Erscheinung“, ohne Bauchansatz und einer Zahnprothese. Er stürzte offenbar nach zehn Minuten, so die Ermittler, die seine Pulsuhr auswerteten. Der unbekannte Jogger liegt seitdem auf einer Intensivstation. Hochmoderne Apparatur verlängert künstlich sein Leben.

 

Was bleibt? Zwei Schlüssel. Aufgefunden beim Jogger. Foto: Berliner Polizei

 

Der einsame Läufer von Berlin-Wilmersdorf. Ein bedauerliches Großstadtschicksal? Oder doch die große Ausnahme? Einsamkeit ist schrecklich, aber auf erhabene Art, sagte einmal der Philosoph Immanuel Kant. Es ist einfach nur schrecklich, wenn man die Geschichte des Parkläufers nur einige wenige Windungen weiter denkt. Da ist nichts Beruhigendes, nichts Erhabenes. Nur Fragen, die sich auftun: Was war das für ein Leben? Wenn einen niemand vermisst: Keine Ehefrau. Kein Sohn, keine Tochter. Kein Freund, kein Nachbar. Keine Liebschaft oder Kollege. Kein Trinkbruder, kein Lebensgefährte gleichwelcher Art.

In einer Neuköllner Wohnung wurde Ende Juni die Leiche eines Mannes von der Feuerwehr geborgen. Erst beißender Verwesungsgeruch hatte Nachbarn alarmiert. Die Türe musste gewaltsam geöffnet werden. Der Mann wurde in einem schrecklichen Zustand aufgefunden. Da war er bereits sechs Wochen tot. Seine Abwesenheit war niemandem aufgefallen. „Wir haben das öfter“, erklärte ein Feuerwehrsprecher achselzuckend.

 

„Einsamkeit ist schrecklich, aber auf erhabene Art.“ Immanuel Kant.

 

Freiheit bedeutet am Ende und in aller Konsequenz totale Einsamkeit. Ob der Mann in der Neuköllner Mietwohnung oder der Jogger im Park diese Konsequenz freiwillig gewählt haben, wissen wir nicht. Auch nicht, wer am Ende entscheidet wie lange die Maschinen weiter das Leben des Koma-Patienten in Gang halten. So tropft die Zeit aus der Wanduhr der Intensivstation. Ungeküsst hängt der Läufer an Schläuchen. Brauchte Liebe. Fand keine. Träumte vom Glück. Und lebte offenbar mutterseelenallein. Ach, bei Erich Kästner heißt es am Ende. „Einsam bist du sehr alleine.“

Update – Überraschende Wendung

Am 12. Juli 2018 nach vier Monaten intensiver Fahndungsaufrufe in der Öffentlichkeit erkannte ein Berliner Nachbar des Vermissten den Schlüssel. Der unbekannte Jogger ist nun identifiziert. Die Polizei erklärte: „Es handelt sich um einen 74-jährigen Deutschen mit iranischen Wurzeln“. Der Mann war laut Behördenauskunft alleinlebend und muss sehr zurückgezogen gewesen sein. Niemand hatte sich über den verstopften Briefkasten gewundert.

Niemand hatte ihn vermisst.

 

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Auf und davon

„Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern!“ Das notierte Rainer Maria Rilke in seinen Briefen. Was für ein Wunsch! Zeitlos bohrend, hoch aktuell. Gestresste Stadtmenschen mit zu hoher Drehzahl suchen Ruhe. Schnell, preisgünstig, nachhaltig. Innere Ruhe ist ein kostbares Gut geworden. Das Landleben verspricht Alternativen: Bäume umarmen, Unkraut jäten, Marmelade einkochen, sein Seelenheil finden. Wirklich?

 

Kunststück Natur. Ein Gemälde von Louis Busman.

 

Der Zug aufs Land ist ungebrochen. Je voller die Ballungszentren werden, desto mehr Städter siedeln auf dem flachen Land. Hübschen verfallene Bauernkaten auf. Organisieren Opern in Kuhställen. Verrenken sich zur Kirschblüte auf Yoga-Matten. Lobpreisen die Stille der Landschaft. So joggen, reiten und radeln sie durch Feld und Flur. Dorfkinder schütteln den Kopf und wenden sich ihrem Smartphone zu. Die Alten träumen von Zeiten, als die Feuerwehr noch Feste feierte und jederzeit zum Löschen ausrücken konnte.

 

„Echte“ Natur als Foto. Eine Momentaufnahme aus dem Juni.

 

Andere auf dem Lande wettern gegen die Dummheit im Kommunismus und die Gier im Kapitalismus. Was bringt die Zukunft? So die bange Frage. Sie fürchten um ihre Heimat. Wollen sie schützen. Einer sagt den schönen Satz: „Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm als ein Wald der wächst.“ Eigentlich sei alles in Ordnung, betont er. Auf den ersten Blick. Aber wer genauer hinschaue, könne die Risse entdecken. Heute denke doch jeder nur noch an sich. Gemeinschaft? Ein Wort aus der Vergangenheit.

 

Windräder. Ikonen der Moderne. Ärgernis der Anwohner.

 

Das Teilzeit-Leben auf dem Lande ist für viele die neue Lebensform. Auf und davon. Raus am Wochenende. Für Zugezogene ist das Dorf eine Mischung aus Ponyhof, Outdoor-Fitnessstudio und Therapiekurs. Für Einheimische ein Schlafort, um sich von den Strapazen des Pendelns zur Arbeit zu erholen. Städter knipsen Sonnenuntergänge und posten sie auf Instagram. Sonntagabend wird die leere Kühltasche wieder im Wagen verstaut. Zurück im Stau. Was bleibt? Im Kofferraum die Sehnsucht nach Heimat und Selbstverwirklichung. Ach, dieser alte Wunsch. „Du musst dein Leben ändern.“ Hat Rilke Recht?

Wer wissen will, wie der Traum vom einfachen Landleben ganze Regionen verändert hat, dem sei ein Hinweis in eigener Sache erlaubt: So viel Anfang war nie erzählt die Geschichte vom Aufbruch eines kleinen märkischen Dorfes in den neunziger Jahren. Es ist die Reise in eine blühende Pionierzeit, in der alles möglich war.

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Frohe Botschaften

Ein kleiner Schaukasten in Berlin-Mitte. Er fällt kaum auf. Die verglaste Mitteilungstafel steht vor einem hohen Zaun, dahinter ein Siebzigerjahre-Betonklotz. In diesem Schaukasten befindet sich eine Art nordkoreanisches Facebook unserer Tage. Zu sehen sind einige Bilder und Texte, die das aktuelle Zeitgeschehen kommentieren.

 

Der Schaukasten. Neues aus der Nordkoreanischen Botschaft.

 

Das offizielle Mitteilungsorgan der nordkoreanischen Botschaft wird in regelmäßigen Abständen aktualisiert. Allerdings lässt man sich dabei Zeit. Im Mittelpunkt des Kastens ist derzeit der Staatsführer. Keine Frage. So heißt es: „Der verehrte Oberste Führer Genosse Kim Jon Un bei der Vor-Ort-Anleitung.“ Alle lächeln, genau wie die behelmten Kinder auf dem Foto nebenan mit der Unterschrift „In einem Sportpark“.

 

Hinter Glas. „Der Verehrte Führer Genosse Kim Jong Un.“

 

Die aktuellen Entwicklungen der letzten Tage werden noch nicht erwähnt. Dabei war über den 34-jährigen Führer Genossen Kim viel Neues zu hören. Der Mann sei „ehrlich und direkt, unterhaltsam und strategisch.“ Schließlich: „Er ist klug, er liebt sein Volk und liebt sein Land.“ Diese Einschätzungen stammen jedoch nicht vom Kulturattaché der nordkoreanischen Botschaft sondern vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Donald Trump stellte fest, das sei eine „großartige Beziehung“.

 

Botschaften aus einer anderen Welt.

 

Werden in diesen unruhigen Zeiten aus alten Feinden neue Freunde? Mag Donald Trump Kim Jong Un mehr als Angela Merkel oder Kanadas Justin Trudeau? Das Treffen der beiden Staatsmänner in Singapur produzierte wahre Perlen politischer Inszenierung. Trump führte Kim ein Vier-Minuten Werbevideo vor. Titel: „Zwei Männer, zwei Führer, ein Schicksal.“

 

 

Wann wird die Hollywood-Botschaft die Schautafel von Nordkoreas diplomatischer Vertretung erreichen? Bisher herrscht Funkstille. Die PR-Spezialisten in Pjöngjang scheinen sich Zeit zu lassen. Wie immer. Obwohl sie wissen, dass die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches mittlerweile länger ist als die eines heutigen Facebook-Nutzers. Egal. Wandel ist möglich. Noch hat es Donald Trump nicht in den Schaukasten geschafft. Jedenfalls nicht in den der nordkoreanischen Botschaft in Berlin.

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Tanz, wenn du kannst

Es waren heiße Tage im September. Ich musste schnell nach Hoyerswerda. Wohin? Hoyerswerda kannte ich nicht. Spätsommer 1991 und weit weg von Berlin. Als wir dort zwei Stunden später eintrafen, herrschte eine brisante Mischung. Ungehemmt tanzten Wutbürger in den Straßen. „Ausländer raus“, schallte es. Im Visier vor allem Mocambikaner, Gastarbeiter in der DDR. Es hieß, sie lebten auf Kosten der Einheimischen.

Fünf Tage Ausnahmezustand. Jagdszenen in Sachsen. Am helllichten Tage. Als wir in der Thomas-Müntzer-Straße für das Heute Journal unsere Kamera auspackten, wurden wir beschimpft. Das Ausländerheim war attackiert und geräumt worden. Busse transportierten die Bewohner ab. Dieser Moment brannte sich mir ein. Wir waren ratlos. Nicht wenige Hoyerswerdaer jubelten. Die meisten schwiegen. Die Polizei schaute weg. Im Rathaus wiegelte man ab.

 

Zum Nachahmen empfohlen. Hilft gegen Wut und Frust.  „Eine Stadt tanzt: Manifest“. Hoyerswerda. Ehem. Centrum-Warenhaus. Juni, 2018. Alle Fotos: Dirk Lienig.

 

Ein Augenzeuge berichtet: „Siebzig haben am Anfang randaliert. Sieben haben sich dagegengestellt. Mehr nicht. Und jetzt kommt eigentlich das Schlimme: 700 – junge Familien mit Kindern – die haben Beifall geklatscht – jetzt schmeißen sie endlich die Nigger raus. Und 70.000 – die haben geschwiegen.“

Hoyerswerda hatte von nun an sein Image. Von diesen Tagen hatte sich das einstige Prestigeprojekt der DDR lange nicht erholt. Die bange Frage: Welches Leitbild, welche Zukunft kann eine solche Stadt entwickeln? Da von der Politik allenfalls ausweichende Antworten kamen, nahm eine Handvoll Kulturenthusiasten das Schicksal in die Hand. Die Geburtsstunde eines bemerkenswerten Projekts: Hoyerswerda tanzt. Am Abgrund. Aber aus eigener Kraft. Und mit eigenem Programm. Das Beste: Niemand redet rein.

 

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Hoyerswerda will und sucht eine Zukunft.

 

Drei Tage lang eroberten in diesem Juni Tänzer, Sänger, Musiker und Schauspieler eine viertausend Quadratmeter leere Kaufhausfläche. Ihr Programm heißt „Manifest“. Sie spielten sich selbst: die Geschichte ihrer Stadt vom Aufstieg aus dem Nichts zu einer 70.000 Einwohner-Industriestadt der DDR. Der Absturz nach der Wende. Die neue Zeit mit Abwanderung, Abriss, Arbeitslosigkeit, Betriebsschließungen und Demontage. Kapitalismus als Abstiegserlebnis, als Rutschbahn nach unten. Mittlerweile zählt die ostsächsische Plattenstadt noch 35.000 Bewohner.

 

„Ihr hört später von uns“. Das Team um Dirk Lienig und Olaf Winkler hat eine ganze Stadt in Bewegung versetzt. Alle Vorstellungen waren ausverkauft.

 

Dagegen wird angetanzt. Was auffiel: Das Lächeln in den Augen der Beteiligten. Die Inszenierung ist ein Mix aus Szenen, Situationen, Theater-Chor- und Tanz-Projekt. Für die gewählte Form von „Manifest“ gibt es keinen wirklich passenden Begriff. Ein Stück weit Dokumentartheater vielleicht. Vor allem aber Lebensfreude und Selbtsbehauptung. Dargeboten von Amateuren. Mit professionellem Ergebnis. Ein kluges, intensives, temporeiches Programm. Siebzig Minuten, die sich lohnen.

 

 

“Zukunft ist ne abgeschossene Kugel“, singen die Hoyerswerdaer aus voller Brust und zitieren ihren Helden Gundi Gundermann. Der „singende Baggerfahrer“ und großartige Rockpoet ist früh verstorben und längst eine Legende.  Ikone einer Region am Rande, die inständig hofft, dass die Kugel endlich einmal ins Ziel trifft. Keine Frage: Wer tanzt, lebt. Im Herbst will Initiator, Tänzer und Filmemacher Dirk Lienig die Botschaft in einem neuen Dokumentarfilm in die Welt hinaustragen. Sie ist so einfach wie genial: Hoyerswerda hat Zukunft.

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Ten years after

Ein Samstagnachmittag. Mitte Juni 2008. Zeit für Experimente. Plötzlich eine Unachtsamkeit. Ein kurzer Moment der Irritation. Es wurde ein Schicksalsschlag. Esbjörn Svensson starb vor genau zehn Jahren bei einem Tauchunfall im Hafen seiner Heimatstadt Stockholm. Die Umstände konnten nie geklärt werden. Besonders tragisch: sein fünfzehnjähriger Sohn Ruben wartete am Hafenbecken, war beim Unglück dabei.

Aus und vorbei. Esbjörn, der begnadete Virtuose, war einfach nicht mehr da. Der Mann, der mit seinem innovativen Spiel Jazz und Rock neu erfand. Dessen Energie bei seinen Live-Auftritten legendär war. Esbjörn Svensson wurde 44 Jahre alt. Nun erinnert ein bisher unveröffentlichtes Live-Album, mitgeschnitten bei einem Konzert in London an den großen Jazz-Pianisten. Es heißt: „Mingle In A Mincing Machine“.

 

 

Frei übersetzt bedeutet das ungefähr in einen Fleischwolf geraten. Björn Svensson liebte Herausforderungen. Grenzüberschreitungen. Experimente. So spielte er sich in die Herzen seiner Fans und entwickelte sich zu einem der ganz großen Jazz-Pianisten des 21. Jahrhunderts. Cool, improvisationsstark, voller Gefühl und Leidenschaft. Mit seinem e.s.t.-Trio – am Bass Dan Berglund und am Schlagzeug Gründungsmitglied Magnus Öström – setzte der Schwede Maßstäbe.

Den besten Einstieg in Svenssons Welt findet man über die beiden Stücke „Seven Days Of Falling“ und „Elevation of Love“. Längst ist dieser Live-Mitschnitt ein Klassiker, in der Version vom Mai 2004, aufgenommen bei den Jazz-Tagen im bayrischen Burghausen.

 

 

Aus Anlass seines zehnten Todestages präsentiert das deutsche Jazz-Label act zudem im Berliner Jazzclub a-trane zum ersten Mal den schwedischen Dokumentarfilm „A Portrait of Esbjörn Svensson“ (OmU, 2016). 12. Juni 2018. Beginn: 21 Uhr. Weitere Abende mit dem Dokumentarfilm gibt es am 14. Juni in München und Erlangen.

Esbjörn Svensson starb am 14. Juni 2008 in Stockholm. Seine Musik aber bleibt unsterblich. Was für ein tröstlicher Gedanke…