Archive for : November, 2018

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Stecker raus

Was ist, wenn der Strom ausfällt? Kein Netz, kein Gerät, kein Computer mehr funktioniert. Dann ist der moderne Zeitgenosse ausgestöpselt. Abgezogen. Außer Gefecht und Rand und Band. Auf neudeutsch Unplugged. Stecker raus. In der Musikbranche gilt dieser Moment als einzig wahrhafter. Wer kann heute im Business noch unverstärkt und ohne Sound-Computer auftreten? Wer ist noch in der Lage live zu spielen? Wer kann noch singen? Performen? Das sind die Minuten, auf die es ankommt, die zählen.

Unplugged ist seit 1989 ein Format bei MTV. „Wer hier auftritt, hat’s geschafft: ‚MTV Unplugged‚ ist der Ritterschlag für die Größten der Großen“, heißt es vollmundig. Tja. Ungeschminkt sollen und können Musiker zeigen, was sie wirklich können. Ohne elektronische Verstärker, Playback oder andere Tricks und Hilfsmittel. Paul McCartney, Eric Clapton oder Bruce Springsteen musizierten nur mit Gitarre oder Klavier, ohne wummernde Bässe oder Synthie-Klangkaskaden. Genau wie die deutschen Größen Grönemeyer, die Toten Hosen oder Udo Lindenberg. Das macht den Reiz aus. Jeder Fehler fällt auf. Spreu trennt sich vom Weizen.

Mittlerweile ist die Ära des Musikfernsehens abgelaufen. MTV, seit Ende der achtziger Jahre in Deutschland onair, schwächelt und verliert weiter an Zuschauer und Bedeutung. Viva, das deutsche Pendant, wird zum Jahresende 2018 endgültig eingestellt. Vor genau 25 Jahren hatte der deutsche Musiksender mit den Fantastischen Vier angefangen. „Zu geil für diese Welt“ hieß das Video. Nun tummeln sich Musikformate auf youtube, Itunes oder Spotify. Bis der Strom ausfällt. Dann heißt es – unplugged und live. Einfach ohne Netz und doppelten Boden.

Samy Deluxe und Max Herre. 2018.

Selah Sue Gare du Nord Paris. 2015.

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Das Leben der Fußgänger

„Rette sich, wer kann“. Es gilt „die Menschenwürde der Fußgänger hochzuhalten, die kaltblütig, mit Todesverachtung, den Kampf gegen die Übermacht aufnehmen“. Es geht um das Überleben im Großstadtdschungel. Wir befinden uns im Jahre 1934 in der Reichshauptstadt Berlin. „Ungepanzert und waffenlos“ muss sich der Fußgänger „in schlichter Zivilkleidung“ durchkämpfen, „inmitten des tobenden und klirrenden Wirrwarrs losgelassener Mammutmächte auf dieser wildgewordenen Welt – was ist jeder einzelne von uns anderes als ein Fußgänger?“

Diese Frage stellt der literarische Fußgänger Raimund Werner Martin Pretzel. Ein junger aufstrebender Referendar am Kammergericht Berlin, der sein Geld lieber mit kleinen Alltags-Texten bei der Vossischen Zeitung verdient. Die Fußgänger-Glosse ist eine geschickte Anspielung auf die neuen Herren im Lande. Die Genossen der NSDAP regieren. Berlin blüht auf. Für alle, die mitmarschieren. Für alle anderen, es ist die Minderheit, heißt die Strafe bei offenem Widerspruch: Goebbels, Gewalt und Gestapo. Ganz Widerspenstige landen – im Namen des Volkes – im „Umerziehungslager“ KZ.

 

Raimund Pretzel alias Sebastian Haffner (1907-1999). Foto: Bundesarchiv. Peter-Adler.de

 

Berlin, die mondäne Welt-Metropole jener 30er-Jahre, boomt. Wer nicht genauer hinschaut, kann das Leben in vollen Zügen genießen. Es gibt für viele wieder Arbeit. Überall wird gebaut. Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Jungjurist Pretzel: „Es war ja so, dass in diesen ersten Nazi-Jahren – wer es nicht miterlebt hat, glaubt es nicht – das normale Leben, wenn man nicht gerade mit der Politik oder irgendetwas Politischem Berührung hatte, noch ziemlich normal war, auch das Juristische. Es war noch eine Art Rechtsstaat.“

 

 

Der Schreiber dieser Zeilen, den einige vielleicht als Sebastian Haffner kennen, war nicht nur ein dichtender Flaneur. Er schrieb später Zeitgeschichte. Er galt als halber Kommunist und ganzer Reaktionär, preußischer Patriot und überzeugter Europäer. Er war einer, der nicht ins Schema passte. Der Haltung bewies. Im August 1938 verließ er Berlin in Richtung London. Rechtzeitig, um mit seiner Verlobten Erika, einer Jüdin, dem Schlimmsten zu entgehen. Haffner selbst wurde nie politisch oder rassisch verfolgt. Er folgte seiner Liebe und seinem Gewissen. Mit den Wölfen wollte er nicht heulen.

Im britischen Exil verfasste er 1939 die Geschichte eines Deutschen. Das Manuskript verschwand in der Schublade. In diesem Text beschreibt er, wie sich die Deutschen mit Hitler arrangierten. Erst folgt der Rückzug ins Private, dann die Resignation. Zuletzt das Über­laufen. Die Flucht ins Private sieht Haffner als größte Gefahr – er selbst zählt sich zu dieser zahlenmäßig größten Gattung der „Wegseher“. 1939 schreibt er: „Ein kleiner Pakt mit dem Teufel und man gehörte nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern.“

 

 

Die Geschichte eines Deutschen erschien erst sechzig Jahre später, nach seinem Tod 1999. Haffners Buch wurde ein Bestseller. Es beschreibt präzise und mit cooler Distanz wie eine Kulturnation ihre Seele an Hitler verkaufte. Sebastian Haffner wählte im Exil seinen Künstlernamen nach der Haffner-Sinfonie von Mozart und seinem Idol Johann Sebastian Bach. Er empfahl stets wach durch das Leben zu gehen. In diesem Sinne: Gehen Sie spazieren. Schauen Sie, was in den Straßen passiert. Was gerade zu sehen und zu hören ist. Wir schreiben das Jahr 2018.

Und zur Entspannung noch die wunderbare Selah Sue. Time.

 

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Was wird?

Que sera? Bass-Alt-Meister Marcus Miller und die hochtalentierte Selah Sue haben die passende Antwort: Es liegt an Dir. Mach was aus Deinem Leben. Ob weiß oder schwarz, reich oder arm – gute Lieder kennen keine Ober-Grenzen. Musik ist die Weltsprache, die jeder versteht, wenn er oder sie nur will. In diesem Herbst haben US-Bassist Marcus Miller und die belgische Singer-Songwriterin Selah Sue das alte Filmlied von 1965 neu intoniert.

Que será, será
Whatever will be, will be
The future’s not ours to see
Que será, será
What will be, will be

 

 

Selah Sue ist in einer belgischen Kleinstadt aufgewachsen. Rasch schaffte die 29-jährige den Sprung von einem der vielen hoffnungsvollen Nachwuchstalente zu einer angesagten Größe. Ihr Markenzeichen: eine unverwechselbare Stimme. So pendelt sie souverän zwischen Soul, Funk, Reggae, HipHop und Pop. Der legendäre Prince holte sie in Antwerpen auf die Bühne. Zwar nur im Vorprogramm, aber Selah nutzte die Chance.

2012 veröffentlichte sie ihr Album „Rarities“ und drei Jahre später „Reason“. Ihr Durchbruch. Selahs wichtigste Konstante ist, dass sie immer für Überraschungen gut ist. Sie ist eine Suchende. Eine, die sich immer wieder neu erfindet. Letztes Jahr war sie plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Der Grund für ihre Auszeit war ein schöner. Sie wurde Mutter eines Sohnes. 2018 meldet sie sich nun gemeinsam mit Bass-Größe Macus Miller zurück. Von Selah Sue wird noch viel zu hören sein.

 

 

Und nun singt Selah Sue:

Now I have children of my own
They ask their mother, what will I be
Will I be handsome
Will I be rich
I tell them tenderly

Que será, será
Whatever will be, will be
The future’s not ours to see
Que será, será
What will be, will be
Que será, será

 

Eine Frage bleibt noch: Wo ist Selah Sue bei ihrem Wohnwagen-Song Reason on the road? Hinter der 360-Grad-Kamera? Wer weiß es?

 

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Was zählt

Der Song entstand beim Telefonieren. Ein reines Zufallsprodukt. James Hetfield klimperte beim Plaudern. Die Gitarre im Arm. Für den E-Moll-Akkord braucht es keine linke Greifhand. Der Text fand kurz darauf seinen Weg ins Ohr. Eins, zwei, drei. Fertig war der Mega-Song. Nothing else matters. Auf deutsch – Was wirklich zählt. Der Witz: Diese melodiöse Ballade ist von Metallica. Einer hochaufgeladenen US-Hardcore-Metal-Band. Deren Motto: Drei Akkorde müssen reichen. Der Rest heißt: Lauter, härter, aggressiver.

 

 

Die Geschichte von Noething else matters erzählt eine alt-bekannte Geschichte.  Aus Wut und Frust wird das unbedingte Verlangen nach Liebe. Wir hören von harten Jungs mit weichem Kern. Wenn das richtige Lied zur richtigen Zeit am richtigen Ort seinen Weg in die Umlaufbahn findet, dann kann ein Song Trost, Zuspruch und Erlösung sein. Die Metallica-Hymne ist seit vielen Jahren ein Ohrwurm. Bereits 450 Millionen Mal auf youtube geteilt, singt James Hetfield:

„So close, no matter how far
Couldn’t be much more from the heart
Forever trust in who we are
And nothing else matters.“

 

 

Über hundert Mal ist Nothing else matters seit 1991 gecovert und/oder verunstaltet worden. Versüßt, verkitscht, verschnulzt. Je nach Interpret, Temperament oder Marketingstrategie. Viele aus der Musik-Branche haben sich an diesem Song versucht. Von Apocalyptica über Shakira bis zu den Wiener Sängerknaben. Mehr geht nicht.

 

 

Drei Beispiele habe ich ausgewählt. Eine verjazzte Version der deutschen Band Jazzkantine. Eine klassische Adaption des Schweizer Duos Mozart Heroes und am Ende natürlich das Original von Metallica, mittlerweile fast dreißig Jahre alt. Ein Leben ohne Musik ist ein Irrtum. Das zählt.

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Das Wunder von Rossow

Bange machen gilt nicht. Seit 93 Jahren lebt Edith von Jüchen nach diesem Motto. Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen verdankt sie ihrem Vater Aurel von Jüchen. Einem adeligen Gottesmann aus Gelsenkirchen. Er war in den Nazi-Jahren im brandenburgischen Rossow Pastor. Tochter Edith sagt: „Trotzalledem. Ich bleibe dabei. Es war die beste und schönste Zeit meiner Jugend.“

 

Edith von Jüchen-Weiß (*1924). Pfarrerstochter. „Mein Vater hatte einen unerschütterlichen Glauben an Gott. Was ihn auszeichnete: Er hat sich bis ins hohe Alter Fröhlichkeit und Kampfgeist bewahrt. Er lebte immer im Augenblick. Schaute immer nach vorne.“

 

November 1938. Edith ist vierzehn Jahre alt als der Nazi-Terror gegen Juden über Deutschland hinwegfegt. Im kleinen Rossow bei Wittstock tauchen am 11. November 1938 angetrunkene SA-Leute in Zivil auf. Es ist ein Samstag, zwei Tage nach den organisierten Pogromen im gesamten Reichsgebiet. Der Kreisleiter aus Pritzwalk feiert Geburtstag und das einzige Judenhaus von Rossow soll sein Geschenk werden. In der Region Prignitz leben noch 21 Juden. Die Berliner Familie Abraham hat in Rossow ihren zweiten Wohnsitz. Scheiben klirren. Dann wirft eine Horde angetrunkener SA-Männer Möbel aus dem Dachfenster. Anschließend ziehen sie hinter das Anwesen und stecken die Sommerlaube an.

 

Aurel von Jüchen. (1902-1991) Ende der 40er Jahre – kurz vor seiner Verhaftung. NS-Gegner. In der DDR wird er 1950 wegen „Hochverrat“ zu 15 Jahren Straflager im sibirischen Workuta verurteilt.

 

 

An diesem Samstagabend sitzt Pastor Aurel von Jüchen im nahen Pfarrhaus an seiner Predigt. Der furchtlose Mann hatte bereits zuvor als junger Pfarrer in Thüringen angeeckt und war zwangsversetzt worden. Wegen seiner Reden gegen die Nazis. Als von Jüchen das Feuer entdeckt, rennt er los. Er befürchtet Schlimmes. Das Feuer kommt tatsächlich vom Haus der Abrahams – vom Judenhaus. Er wundert sich, dass die Feuerglocke nicht geläutet wird. Tochter Edith: „Mein Vater hat sich furchtbar empört. Warum wird nicht gelöscht?“

Der Pastor versucht die rund zwanzigköpfige SA-Meute zu stoppen. Er weist die Männer darauf hin, dass alle illegalen Aktionen gegen Juden nach dem 9. November vom Reichsinnenminister untersagt worden seien. Das ist uns egal, antwortet der Kreisleiter: „Wir sind das Gesetz.“ Der Pastor eilt in die Dorfkneipe, in der die Rossower beim Samstagabendbier sitzen. Das Anwesen Abraham brennt, ruft er. Das Dorf ist in Gefahr. Die Männer zögern, dann brechen sie auf, um gemeinsam zu löschen.

 

Das Pfarrhaus von Rossow. (Landkreis Ostprignitz-Rossow)

 

 

Die Abrahams aus Berlin sind im Dorf beliebt. An diesem Schreckenssamstag übernachten beide nicht im Dorf. Ehefrau Martha, „deutschblütig“, wie es in den Akten heißt, hat in Rossow Verwandte. Martha ist die Tante des achtjährigen Hans Podorf. Der kleine Hansi muss miterleben, wie die SA-Männer auf dem Grundstück seiner Tante randalieren. Hans Podorf: „ Die Nacht war furchtbar. Ich war wie ein Kind der Abrahams. War oft in ihrer Berliner Wohnung an der Prenzlauer Allee. Ich kannte sie genau.“

 

Hans Podorf aus Rossow.  2014.

 

Die Abrahams führen einen florierenden Textilbetrieb mit 150 Mitarbeitern. Artur, der jüdische Direktor, erhält noch 1935 das Ehrenkreuz für Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges. Unterschrift: Adolf Hitler. Das alles nutzt nichts. Während sein Haus in Rossow abzubrennen droht, wird der 59jährige Fabrikant am selben Abend in Berlin verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Er schreibt später: „Die dort erlittenen Misshandlungen führten zum fast völligen Verlust meines Gehörs.“

 

Martha und Artur Abraham in Rossow. Sie überlebten im Exil in Sydney.

 

In Rossow eskaliert die Situation. Pastor von Jüchen muss flüchten, rettet sich ins Pfarrhaus. Steine fliegen. Wieder klirren Scheiben. Die aufgebrachten SA-Männer beschimpfen ihn als „Judenknecht“ und drohen ihn aufzuhängen. Da geschieht Überraschendes. Die Rossower versammeln sich vor dem Pfarrhaus. Erst die Frauen, später auch die Männer. Aufmerksame Nachbarn hatten bereits die Polizei in Herzsprung alarmiert. Zwei Gendarmen schicken am Ende die SA-Meute nach Hause. Sie erklären, der Reichsinnenminister habe Einzelaktionen gegen Juden strikt untersagt. Das Haus Abraham ist gerettet – und der Pastor auch.

 

Entlassungspapiere Artur Abraham. KZ Sachsenhausen. 1938.

 

Arthur Abraham wird am 7. Dezember 1938 aus dem KZ entlassen. Gegen Zahlung eines Lösegeldes in Höhe von einer Million Reichsmark. Kurz vor Kriegsbeginn im Sommer 1939 können die Abrahams in letzter Minute nach Australien auswandern. Pastor Aurel von Jüchen hingegen erhält ein Disziplinarverfahren – von seiner Kirchenleitung. Er habe das Dorf gespalten, heißt es. Doch die Rossower stehen einmal mehr zu ihm. Alle unterschreiben eine Petition, nur nicht der Bürgermeister und der Ortsbauernführer. Die beiden Nazis im Dorf.

 

Keine Gedenktafel erinnert in Rossow an die mutige Tat von Pastor und Gemeinde. Auf dem Dorfanger mahnt einzig und allein ein Eisernes Kreuz an die Toten der Weltkriege.

 

Diese Unterstützung hat Aurel von Jüchen vor dem KZ gerettet. Für Tochter Edith von Jüchen ist das bis heute – das Wunder von Rossow.

 

Aurel von Jüchen: „Alle politischen Unrechtsstaaten leben von der Feigheit der Verantwortlichen und von der Verschwiegenheit der Betroffenen. So blieb ich und hielt mich an die in der Kirche geltende Forderung, dass ein Pfarrer seine Gemeinde nicht verlässt.“