Archive for : Februar, 2020

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Alles perfekt

„Sein oder nicht sein/Frei oder nicht frei/Kriechen oder nicht kriechen/F**k all diese perfekten Leute!“ Lakonisch, leise und mit lebenskluger Leichtigkeit setzt Chip Taylor allen perfekten Menschen dieser Welt ein Denkmal. Das Lied ist millionenfach geklickt worden. Aber wer ist dieser Chip Taylor? Auf den ersten Blick ein wenig bekannter New Yorker Songschreiber. Einer, der für die Netflix-Serie „Sex Education“ diesen Hit geschrieben hat. Also einer von den vielen Talentierten, die es nicht ins Rampenlicht geschafft haben?

 

 

Auf den zweiten Blick ist Chip Taylor ein alter weißhaariger Mann, der in den nächsten Tagen die Achtzig vollendet. Ein Songschreiber mit intensiven achtzig Lebensrunden. Sein richtiger Name ist James Wesley “Wes” Voight. Aber Voight lässt sich im Musikbusiness schlecht aussprechen und noch schlechter merken. Das meinten die Plattenbosse vor vielen Jahrzehnten, als er von der großen Karriere träumte. Also wählte er seinen Spitznamen Chip und klebte noch ein Taylor dran. Passt doch? Chip Taylor.

 

 

In seiner langen Musikerlaufbahn schrieb er seit 1958 (mein Geburtsjahr) große Hits – für andere. Wild Thing oder Angel of the morning. Bekannte Musiker sahnten den Rahm ab. Sein Try just a little bit harder interpretierte Janis Joplin vorzüglich. Wild Thing wirbelten die Troggs auf die Bühne und veredelte Jimi Hendrix. Verdammt lang her. Chip hatte seine produktivsten Jahre in den Sechzigern. Nach ganz vorne schaffte er es nie. Vielleicht wollte er es auch nicht. Als seine Mutter starb, zog er sich viele Jahre zurück.

 

 

Seit einiger Zeit zieht es ihn wieder auf die Bühne. Dann erzählt er mit stillen, warmen, melancholischen Liedern vom Hoffen und Scheitern. Vom kleinen und großen Glück. Für all die vielen nicht so perfekten Menschen. Für alle die nicht im Rampenlicht stehen. Die man so leicht übersieht. Chip Taylor hat in seinen Liedern viel zu sagen. Man hört ihm gerne zu, diesem alten weißen Mann aus New York City. Im April gibt er ausnahmsweise zwei Live-Konzerte in Europa. Am 20. April 2020 in Eindhoven und am 23. April in Utrecht. Der Mann, der uns Wild Thing und viele andere berühmte Songs geschenkt hat. Lieder, von denen wir nicht wissen, dass sie von ihm sind.

 

Chip Taylor. Foto: Tania Savayan. The Journal News 2019.

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Von guten Mächten

„Gefangener Bonhoeffer, fertig machen, mitkommen!“ Am frühen Morgen des 9. April 1945 muss sich der Delinquent nackt ausziehen. Tod durch Strang, lautet das Urteil, auf persönlichen Befehl des „Führers“. Im Hinrichtungshof des bayrischen Konzentrationslagers Flossenbürg ist in der Ferne bereits der Geschützdonner der heranrückenden 3. US-Army zu hören. Der Gefangene Dietrich Bonhoeffer, Theologe, 39 Jahre alt, ist auf seinem letzten Weg. Verurteilt von einem Standgericht ohne Verteidigung, Zeugenanhörung, Gerichtsprotokoll. Die letzten Minuten. Ein qualvoller Tod. Die Hinrichtung soll sich in „einer abstoßender Szene“ vollzogen haben. Seine letzte Worte: „Das ist das Ende. Für mich aber der Beginn des Lebens“.

 

Ulrich Tukur spielt Dietrich Bonhoeffer. Die letzte Stufe. (2000)

 

Nur wenige Menschen haben ihr Leben so konsequent in den Dienst ihrer Überzeugung gestellt – und ihres Glaubens. Bonhoeffer, Sohn einer großbürgerlichen Breslauer Arztfamilie, nahm seinen Glauben ernst. Er lebte ihn, sah 1933 die Pflicht den mörderischen NS-Wahnsinn zu stoppen, „dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“, wie er ausführte. Er spürte: Beten alleine reicht nicht mehr. So unterstützte er aktiv die Widerstandsgruppe um Abwehrchef Admiral Canaris und den Juristen Hans von Dohnanyi. Der Pfarrer wusste vom Attentat am 20. Juli 1944. Für seine Haltung nahm er alle Konsequenzen in Kauf.

Am 5. April 1943 verhafteten ihn die Nazis wegen „Wehrkraftzersetzung“. Zuerst wurde er in Tegel inhaftiert, ab Ende Oktober 1944 im Keller des Gestapo-Hauptquartiers in der Prinz-Albrecht-Straße – als persönlicher Gefangener Hitlers. Am 19. Dezember 1944, wenige Tage vor Weihnachten, schrieb er einen Brief an seine zwanzigjährige Verlobte Maria von Wedemeyer. Darin enthalten ein Gedicht, das sein Leben in wenigen Zeilen auf den Punkt bringt. Von guten Mächten wunderbar geborgen…

 

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.“

 

„Von guten Mächten“. Auszug Brief Dietrich Bonhoeffers an seine Verlobte Maria von Wedemeyer vom 19. Dezember 1944.

 

Maria schrieb das Gedicht ab, um es vor den Häschern in Sicherheit zu bringen. Sie antwortete: „Deine Worte sind wie eine offene Hand, die ich anfassen und an der ich mich festhalten kann.“ Bonhoeffer, so seine Weggefährten, sei kein weltfremder Frömmler gewesen. Im Gegenteil. Er habe mitten im Leben gestanden.

Für mich ist er ein Vorbild, obwohl ich nicht weiß, ob ich jemals seinen Mut teilen könnte. Das Glück meiner Nachkriegs-Generation ist, dass uns solche Prüfungen bisher erspart geblieben sind.

 

 

Hinrichtungsstätte KZ Flossenbürg/Oberpfalz. Heute Gedenk- und Lernort.

 

Noch eine bittere Pointe: SS-Hauptstandartenführer Walter Huppenkothen hatte am 8. April 1945 für kurzen Prozess gegen Pastor Bonhoeffer gesorgt. Er blieb der einzige Staatsanwalt des Dritten Reichs überhaupt, der von der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz für seine Taten verurteilt wurde. Drei Jahre musste er verbüßen. Die anderen beteiligten Richter und Beisitzer sind nie belangt worden. Erst in den späten neunziger Jahren wurden die NS-Unrechtsurteile von Flossenbürg für null und nichtig erklärt. Familie Bonhoeffer hatte bis dahin keinen Cent Entschädigung erhalten.

 

„Bonhoeffers Idee, dass das Leben keine bequeme Veranstaltung ist, ist ein bemerkenswertes Konzept“. Richard Grenell, US-Botschafter in Deutschland. (zweiter von rechts). Er hat einen direkten Draht zu Donald Trump. Vor einem Jahr erklärte die USA die Gedenkstätte Flossenbürg zu einem Teil des amerikanischen Kulturerbes.  Quelle: Onetz

 

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Lucky Man

Die Ballade handelt von einem Mann, der alles hat: Reichtum, Pferde, Frauen. Er regiert sein Land wie ein König. Dann zieht er in den Krieg und stirbt. All sein Reichtum nutzt ihm nichts. Komponiert hat das Lied der Bassist Greg Lake (1947-2016 Ex King Crimson). Lucky Man war der größte Erfolg des britischen Trios Emerson, Lake & Palmer. Ihr Ohrwurm brach 1970 auf, um die Welt zu erobern. Der Clou: Keith Emerson setzte als erster Pianist den Moog Synthesizer ein und zog buchstäblich alle Register.

 

 

Lucky Man

He had white horses

And ladies by the score

All dressed in satin

And waiting by the door

Oh, what a lucky man he was

 

White lace and feathers

They made up his bed

A gold covered mattress

On which he was laid

Oh, what a lucky man he was

 

He went to fight wars

For his country and his king

Of his honor and his glory

The people would sing

Oh, what a lucky man he was

 

A bullet had found him

His blood ran as he cried

No money could save him

So he laid down and he died.

 

Keith Emerson (1944-2016). Der Pionier am Synthesizer.

 

ELP. Die Supergroup der Siebziger. Eigentlich sollte Jimi Hendrix in die Band mit einsteigen. HELP hieß folgerichtig das Projekt. Daraus wurde nichts. Hendrix starb im September 1970. So entwickelte die Band als Trio ambitionierten Progressive Rock – den Sound der Siebziger. Klassik, Rock und Pop wurden munter gemischt. Aufgepeppt mit den Möglichkeiten des Synthesizers. ELP komponierte eigene Werke wie Tarkus und adaptierte Klassiker von Johann Sebastian Bach, Bela Bartok oder die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski.

 

 

Die Band neigte zur Gigantonomie. Alben und Konzerte wurden immer aufwändiger, größer, teurer. Das musste schief gehen. Das Trio zerstritt sich, fand wieder zusammen, trennte sich erneut. Die beiden Alpha-Männer Keith Emerson und Greg Lake fanden keinen gemeinsamen Nenner. Ende der neunziger Jahre organisierte Pianist Keith sein Solo-Comeback mit einem Handicap. Eine schwere Nervenerkrankung an der rechten Hand schränkte seine Möglichkeiten ein. Tapfer kämpfte er dagegen an. Doch irgendwann muss er seinen Lebensmut verloren haben. 2016 starb er wie sein Held Lucky Man. A bullet had found him. Er legte selbst Hand an. Oh, Lucky Man.

 

 

 

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Idiocracy

Mehr geht nicht. – Doch! Der Mann will jetzt zum Mars fliegen. Und endlich den Friedensnobelpreis erhalten, der fehlt ihm noch. Mit Nordkorea hat es nicht geklappt. Vielleicht doch mit Syrien? Es läuft great für Donald Trump. Der größte Dealer aller Zeiten steht im absoluten Zenit. Wiederwahl? – Sehr wahrscheinlich. Alles richtig gemacht? – Na, logisch. Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika erklärte einmal im christlichen Dordt College in Iowa. „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren“. Diese Trump-Rakete zündete er 2016 vor seiner Wahl. Sein ernst gemeinter Geistesblitz ist nach vier Jahren noch richtiger. Das Absurde feiert Party ohne Ende.

2006 drehte Hollywood-Regisseur Mike Judge eine gleichermaßen absurde wie abgedrehte Science-Fiction-Komödie. Der Streifen hatte den Titel Idiocracy und taucht in die  Tiefen einer dekadenten Gesellschaft, die völlig verblödet ihrem Ende entgegentaumelt. Wir schreiben das Jahr 2505. Während ein hippes Akademiker-Pärchen ihren Kinderwunsch ständig verschiebt, bis der Gatte dahinscheidet, vervielfachen Unterschichtsfamilien ihren Nachwuchs. Bei den Having-Nots geht es nur noch um die besten Schnäppchen, fette Burger und das nächste Football-Spiel.

 

 

Im Laufe der Jahre verdummt die Gesellschaft bis selbst einfachste Dinge wie die Müllabfuhr nicht mehr funktionieren. Felder werden nicht mit Wasser, sondern mit dem coolen Softdrink Brawndo bewässert. Warum? Ganz einfach: „In Brawndo steckt, was Pflanzen schmeckt – es enthält Elektrolyte.“ Niemand von den Selbstoptimierern weiß, dass Elektrolyte Salzlösungen sind, die langfristig den Boden ausdorren und jede Ernte vernichten. Die bissige Satire hatte 2007 an den Kinokassen nur mittelmäßigen Erfolg. Vielleicht waren die Filmemacher mit ihrer Geschichte einfach zu früh dran. Jetzt wurde Idiocracy im Netz hochgeladen. Ungekürzt und in englischer Originalfassung.

 

 

Was ist nun Film? Was ist Wirklichkeit? Im echten Leben hat Donald Trump in seiner Rede an die Nation versprochen, die Mauer bald fertigzustellen, eine Milliarde Bäume zu pflanzen und das Waffenrecht zu verteidigen. So kann sein geliebtes Volk weiter von seinen Deals profitieren. Mehr geht nicht. Bleiben Sie also auf Ihrem Sofa entspannt. Mister Trump wird es richten. Der Dealer macht sein Ding.

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„Krieg in meinem Kopf“

Beth Hart gibt Konzerte ohne Handbremse. Ohne Playback. Ohne Schnickschnack. Sie geht bis an ihre Schmerzgrenze und manchmal weit darüber hinaus. Herz und Seele trägt sie offen auf der Zunge. Ihre Stimme ist voller Gefühl und Gebrochenheit, gereicht Janis Joplin oder Tina Turner zur Ehre. In die Logik der Unterhaltungsbranche mit ihren gecasteten Sternchen und Hochglanzprodukten passt sie eigentlich nicht rein: die US-Sängerin Beth Hart. Sie geht einen anderen Weg. Sie will ehrlich bleiben – zu sich und ihrem Publikum. Auf der Bühne ackert, rackert und sie bis zum Umfallen. Immer am Limit. Beth ist die weibliche Antwort auf Joe Cocker. Blues vom Feinsten. Mit einer Röhre zum Niederknien.

 

 

Beth hat ihr neuestes Album „War In My Mind“ genannt. Krieg in meinem Kopf. Es ist eine Begegnung mit ihren Dämonen, mit wunderbaren Höhepunkten und schmerzhaften Niederlagen. Auf und hinter der Bühne. Eine Frau, die alles gibt aber genauso schnell wieder verliert. Für sie gilt der alte Spruch vom Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Beth: „Mein innerer Heilungsprozess hat sehr lange gedauert, doch inzwischen fühle ich mich mit meiner dunklen Seite, meiner Verrücktheit und den Dingen, für die ich mich so lange schämte, sehr wohl.“

 

 

Beth kam 1972 in Los Angeles zur Welt. Bereits mit vier Jahren lernte sie Klavier spielen. Doch statt Vorstadt-High-School-Karriere schwänzte sie lieber die Schule und folgte ihrem eigenen Weg. Blues, Rock and Rock´n Roll. Der Absturz folgte auf dem Fuß. Too much Alkohol, Sex und Drogen. Von allem zu viel. Sie ist 24 als sie ihr Debütalbum „Immortal“ vorlegt. Beth ist 27 Jahre, genauso alt wurde Janis Joplin, als sie in ihrem zweiten Album „Screamin‘ For My Supper“ (1999) ihr Drogen- und Alkoholproblem offen legt. Der abgefahrene „LA-Song“ wird zum Kult-Song der alternativen Szene .

 

 

2011 veröffentlicht sie das erste Album gemeinsam mit Gitarren-Größe Joe Bonamassa. Ihr Durchbruch. Nun folgt nahezu jedes Jahr ein Album, zuletzt 2019 War in my mind. Sie jammt mit Jeff Beck oder anderen Blues- und Rockgrößen. Es sind Live-Konzerte, die unter die Haut gehen, weil Beth bis zur völligen Erschöpfung geht. Sie covert mit Whole Lotta Love einen Klassiker von Led Zeppelin oder Nutbush City Limit von Tina Turner. Sie veredelt Blues-Songs wie I`d rather go blind oder Caught out in the rain (2012). In ihrem jüngsten Album Krieg in meinem Kopf fällt auf: Immer wieder dankt sie ihrer Mutter, ihrem Mann, ihrer Band und ihrem Manager. Ohne sie hätte sie den völligen Absturz nicht überlebt.

 

 

Musik ist ihr Leben. Eine beliebte Plattidüde. Doch das Verrückte ist, bei ihr trifft diese abgedroschene Wendung exakt ins Schwarze. Sie lebt ihre Songs. Vor allem live auf der Bühne. Sie lässt ihre Kerzen an beiden Ende brennen getreu dem alten Motto: Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse überall hin.

 

 

Beth Hart ist im kommenden Sommer und Herbst im Rahmen ihrer Welt-Tournee auch in Deutschland zu sehen und vor allem zu hören. Unter anderem am 31. Juli 2020 in Leipzig und am 2. November 2020 im Berliner Tempodrom . Hingehen. Es lohnt sich.