Archive for : März, 2020

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Bruderliebe

Es sind Dokumente ohnmächtiger Wut. Botschaften an den Bruder. – „Die Person“. „Unser Wüterich.“ „Der raubgierige Mensch.“ „Der Hanswurst.“ „Der größte Schmutzfink und Geizhals.“ „Die gemeinste Bestie, die Europa hervorgebracht hat.“ „Der garstigste und boshafteste Dummkopf.“ „Der Tyrann.“ – Reicht´s? Ich denke ja. So bezeichnet ein ehrwürdiger Prinz seinen vierzehn Jahre älteren Bruder. Objekt der Verwünschungen: Der preußische König Friedrich II. Genannt „Friedrich der Große.“ Volkstümlich besser bekannt als „Alter Fritz“.

Der Unglückliche? Sein kleiner Bruder. Prinz Heinrich von Preußen. Zeitgenossen nannten ihn den „König von Rheinsberg“. In der idyllischen Provinz fernab von Macht und Hofstaat lebte 46 Jahre lang der ewige Zweite im Preußenstaat. Der vergessene Monarch. Dabei war Heinrich ein Mann von Charme, Format und Charakter. Heinrich der Kleine war kunstsinnig, europäisch und auch eine Prise schwul.

 

In vollem Ornament. Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen. (1726-1802) Der kleine Bruder vom „großen“ Friedrich. Der ewige Zweite im Preußenreich und vergessene Monarch.  Quelle: Wikipedia

 

Sein Pech. Er war das dreizehnte von vierzehn Kindern aus dem Hohenzollern-Clan. Eine reelle Chance auf den Thron hatte er nie. Sein großer Bruder Friedrich II stand ihm zeitlebens im Wege. Heinrich durfte als Offizier auf den Schlachtfeldern die Kastanien aus dem Feuer holen. Er war ein hochangesehener Feldherr. Beliebter bei seinen Soldaten als der sagenumwobene Alte Fritz, weil er im Gegensatz zu seinem Bruder nicht ständig seine Untergebenen schikanierte. Heinrich rettete als Diplomat in Verhandlungen mit der russischen Zarin Katharina der Großen die Zukunft des Preußenstaates. Alles im Auftrage seines poltrigen Bruders.

All sein Geschick, all seine Fähigkeiten nutzten Heinrich nichts. Im Gegenteil. Friedrich II stellte ihn in mit der Schenkung von Schloss Rheinsberg kalt, zwang ihn zu heiraten, obwohl er dies nicht wollte. Heinrich grollte fortan in der Provinz. Doch er machte aus der Not eine Tugend. In der märkischen Einöde von Rheinsberg organisierte er im Sommer Hoch-Kultur mit Theater, Oper und rauschenden Festen. Ein Erbe, das bis heute währt. Als sein kauziger missgelaunter Bruder 1786 starb, hoffte er vergeblich auf die Thronfolge. Intrigen am Berliner Hof verhinderten seinen Zutritt zur Macht. So blieb ihm nur beleidigte Zurückgezogenheit. Aus Feigheit? Oder war es doch die Klugheit eines uneitlen, bürgernahen Weltbürgers aus Rheinsberg?

 

Friedrich der Große hat den Hut auf. Mit dabei: Prinz Heinrich, der jüngere Bruder und Neffe Friedrich Wilhelm II. Er beerbt seinen Onkel, den „Alten Fritz“ 1786. Heinrich geht leer aus.    Quelle: CC-BY-NC-SA @ GLEIMHAUS Museum der deutschen Aufklärung

 

Sein älterer Bruder Friedrich II verspottete ihn am Ende nur noch zynisch. „Ich bin es müde über Sklaven zu herrschen.“ Was wurde aus Heinrich? Er gestaltete seinen Zufluchtsort Rheinsberg mit Theater und Park, Obelisk und Pyramide. Ganz nach seinen Vorstellungen. Nach seinem Tode 1802 wurde der kunstsinnige Prinz rasch vergessen. Der raubeinige Haudegen Friedrich II hingegen schaffte es zum Mythos – bis heute. Auf seine Grabplatte an der Pyramide von Rheinsberg ließ Heinrich folgende Inschrift eingravieren.

„Wanderer! Erinnere dich, dass Vollkommenheit nicht auf Erden ist. Wenn ich auch nicht der beste der Menschen habe sein können. Wenigstens gehöre ich nicht zu der Zahl der Bösen.“

Sein Vermächtnis verfasste Prinz Heinrich keineswegs im zeitgemäß preußischen Deutsch. Der kleine Bruder Friedrich Heinrich Ludwig wählte in Zeiten der Revolution das für ihn passendere Französisch. Die Kultur, die er so liebte.

 

 

 

Hinweis

Wer das schöne Rheinsberg in diesen Tagen besuchen will, muss sich gedulden. Der zuständige Landkreis hat am 23. März 2020 in einer Allgemeinverfügung „Reisen aus privatem Anlass zu touristischen Zwecken“ untersagt. Das Potsdamer Verwaltungsgericht hat das Betretungsverbot für Zweitwohnungsbesitzer mittlerweile gekippt. Für alle Touristen gilt die Verordnung weiter. In gutem alten DDR-Deutsch bedeutet das über Ostern: Einreiseverbot.

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Das Schloss

Die Lage ist traumhaft. Hoch über dem Bodensee. Blick auf die Insel Reichenau. Gesichert durch Zäune versteckt sich Schloss Eugensberg hinter hohen Hecken im Kanton Thurgau, diskret wie ein Schweizer Nummernkonto. Ein Paradies auf Erden. Viele Millionen Franken wert. Sechs komfortable Wohnräume im Empire-Stil, elf Schlaf- und fünf Badezimmer. Pool, ein Tempel und selbstredend ein eigener Tennisplatz. Das Schloss hat eine sehr spezielle Geschichte. Zu berichten ist von stetem Aufstieg und Fall. Dieses Schloss verschlingt seine Bewohner.

 

 

Anfangs residierte der Hochadel, später der europäische Geldadel. Eugène de Beauharnais, Stiefsohn Napoleons und Vizekönig von Italien, ließ das klassizistische Schloss zwischen 1819 und 1821 errichten. Er vermachte aus Krankheitsgründen das Anwesen seiner Tochter Eugénie, der das Schloss gleichfalls wenig Glück brachte. Sie musste verkauften. Später erwarb ein Augsburger Geschäftsmann das Schweizer Traumschloss. Der Deutsche hatte sein Vermögen „mit Balsam und Lebensessenzen“ gemacht. Auch er erkrankte wie der Bauherr schwer, verkaufte es weiter an eine Gräfin Amelie von Reichenbach-Lessonitz.

Nach ihrem Tod verkaufte die Tochter das Schloss an den Schweizer Großindustriellen Hippolyt Saurer aus Arbon. Dieser modernisierte das hochherrschaftliche Anwesen in der Zeit des I. Weltkrieges. Er blieb immerhin bis 1936 alleiniger Schlossherr. Nach Jahren der Ungewissheit im II. Weltkrieg wurde das Schloss 1948 für 850.000 Franken an die Diakonie verkauft. Vierzig Jahre lang diente das Schloss als Ferien- und Erholungsheim. Eine schöne Zeit für Familien mit Kindern, völlig ohne Skandale, Spekulation und Pleiten.

 

Schloss Eugensberg. Napoleons Stiefsohn ließ 1819 bis 1821 Schloss und Park an der Südseite des Bodensees anlegen.

 

Doch das Anwesen wurde der Diakonie zu teuer. 1990 schlug der Schweizer Autohändler Hugo Erb zu. Ein tüchtiger Patriarch alter Schule. Erb hatte sein Milliarden-Imperium mit Auto- und Kaffeehandel aufgebaut. In Glanzzeiten beschäftigte er über 5.000 Mitarbeiter. Die DDR wurde sein Verhängnis. Der Selfmade-Mann aus Winterthur verspekulierte sich in den Goldgräberjahren der Nachwendezeit. Er kaufte ostdeutsche Immobilien, die sich als Reinfall erwiesen. Sein Imperium mit sechzig Firmen stürzte ab.

Sohn Rolf Erb, ein gelernter Kunsthistoriker, übernahm den Konzern, konnte die Pleite aber nicht verhindern. 2.4 Milliarden Franken Schulden bedeuteten 2007 das Aus. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Patriarchensohn Rolf wurde wegen Betrug, Urkundenfälschung und Gläubigerschädigung zu sieben Jahren Haft verurteilt. Vergeblich beteuerte er seine Unschuld. Ende März 2017 entschied das Gericht, der 65-jährige müsse hinter Gittern. Acht Tage später wurde er tot im Dachzimmer des Schlosses aufgefunden. Das Herz.

 

Seit 2019 residiert auf Schloss Eugensberg der deutsche Internetmillionär Christian Schmid. Foto: Wikipedia

 

Jahrelang stand das Schloss leer. Nun zieht ein Deutscher mit seiner Schweizer Gattin ein. Kaufpreis über 36 Millionen Franken. Die wahre Summe bleibt Geschäftsgeheimnis. Der neue Mann auf Schloss Eugensberg heißt Christian Schmid, stammt aus Tübingen und ist 39 Jahre alt. Das Internet hatte ihn reich gemacht. Gegen seine einstige Datenspeicherfirma «Rapid-Share» laufen zwar ein paar Klagen wegen Urheberrechtsverletzungen. Geschenkt. Das kinderlose Schlosspaar will das Anwesen „erhalten“. Der Rest spielt sich – wie seit genau zweihundert Jahren – hinter blickdichten Hecken und hohen Zäunen ab.

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Das Wunder von Wilmersdorf

Berlin ist Corona-Sperrzone. Berlin hat den Klimanotstand ausgerufen. Berlin taumelt zuverlässig und manchmal selbstverliebt von Krise zu Krise. Und doch geschehen Zeichen und Wunder. Am 18. März 2020 gegen 12 Uhr 20 fuhr ein mit Jungbäumen beladener LKW vor. Entschlossen packten mehrere Männer an und hievten mit Hilfe eines Krans einen dünnen, aber ambitionierten Spitzahorn auf die verwaiste Fläche vor unserem Haus. Sie pflanzten einen Baum! Unfassbar. Ein kleines Wunder.

 

Der Neue grüßt. Ein Spitzahorn, gepflanzt mitten in Corona-Zeiten.

 

Potzblitz! Donnerwetter! Stockschwerenot! Was ist nur passiert? Wie ist das möglich? Egal. Was zählt sind Glücksmomente und Gänsehaut-Gefühle. Es ist geschehen. Es geht doch! Nach exakt 895 Tagen Warten, Bitten, Fluchen und Hoffen, nach einem Dutzend Protestbriefe, mal kämpferisch, mal ironisch, mal resignativ, nach unzähligen Telefonaten ließ die zuständige Senatsverwaltung tatsächlich einen Ersatzbaum pflanzen. Nun muss der kleine Straßenfeger nur noch kräftig wachsen.

Nur zur Erinnerung. Das Sturmtief Xavier brauste am 5. Oktober 2017 in wenigen Minuten über Berlin hinweg. Der Orkan mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 140 Stundenkilometern erwischte auch unseren kräftigen Ahornbaum. Er knickte ächzend und stöhnend geradezu wie in Zeitlupe auf den Mazda unserer Nachbarin. Niemand wurde verletzt. Gott sei Dank! Sie war zwanzig Minuten zuvor ausgestiegen. Dann blieb die Fläche genau zwei Jahre und sechs Monate eine Hundeauslauf – und -Abwurfstelle.

 

5. Oktober 2017. Orkan Xavier legte „unseren“ Hausbaum gezielt auf das Auto unserer Nachbarin. Unsere Räder blieben verschont.

 

Mitten in der Corona-Krise setzt das kleine Bäumchen nun ein kleines Zeichen. Lasst die Hoffnung wachsen. Wie heißt es bei Max Frisch: „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“  Zum guten Schluss muss das jetzt ausnahmsweise einmal sein: Allen Spendern und namentlich Susanne Lippert von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sei herzlich gedankt. Die Senatsmitarbeiterin war die Einzige in der Verwaltung, die mit Heiterkeit und Zuversicht unser Projekt unterstützte. Stadtbäume spenden geht übrigens nach wie vor. In Berlin sind allerdings – wie zu sehen – viel Geduld und ein verdammt langer Atem nötig. Anyway. Das Ergebnis zählt.

 

*** Aktualisierung  24. März 2020 ***

Mittlerweile wurde der Ahornbaum auch ordentlich eingehaust. Dabei erhielt der Baum eine Plakette: „Stadtbaum gespendet von Thea & Andrea 2020.“ Also zu früh gefreut: Das ist doch nicht unser Baum, auch wenn er jetzt vor unserem Haus steht. Ohne Posse kann diese Geschichte einfach nicht enden. Ich bleibe weiter dran und versichere allen Spendern, dass wir einen Ersatzbaum pflanzen werden. Irgendwo, irgendwie, irgendwann.

Fortsetzung folgt.

 

Der neue „Stadtbaum – gespendet von Thea & Andrea“

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Die Quittung?

Die Zeugen Jehovas stehen in doppelter Personal-Stärke am Bahnhof Friedrichstraße. Entschlossen und stumm halten sie ihren „Wachturm“ den Vorbeieilenden ins Gesicht. Doch kaum einer der Berlinerinnen und Berliner schaut auch nur auf. Dabei haben die Zeugen Jehovas in diesen Tagen richtig Rückenwind. Sie sagen: „Liebe Brüder, wir sind nun absolut sicher, dass Jehova den Corona-Virus dazu bestimmt hat, Harmagedon zu starten. Aus diesem Grund empfehlen wir Euch mit sofortiger Wirkung alle Spenden an die Organisation einzustellen, wir brauchen kein Geld mehr. Matth. 6:19.“ Nun kommt also das große Finale.

Die Erlösung von allem Bösen. Denn, so ihr Originalton: „Aus der Bibel wissen wir, dass Seuchen ein auffallendes Merkmal der letzten Tage sind (Lukas 21:11). Breitet sich eine Krankheit aus, ist es vernünftig, Schutzmaßnahmen für sich und andere zu ergreifen (Sprüche 22:3).“ Schützen. So viel Realitätssinn ist folglich erlaubt.

 

März 2020. Besondere Zeiten erfordern besondere Schutz-Maßnahmen. Zeugen Jehovas in den USA im Einsatz.

 

Schutz. Erlösung. Rettung. Die Heilsbringer aller Schattierungen sehen ihre Stunde gekommen. Denn nun heißt es: Halt auf freier Strecke. Die Dauer-Happy-Hour-Party ist vorbei. Ist die Gesellschaft außer Kontrolle? Nein. Noch lange nicht. In diesem Fall Gott sei Dank. Aber es dämmert, dass der Knopfdruck-Amazon-Kapitalismus an sein Limit geraten ist. Unsere Wohlstandskette ist gerissen, die da lautet: Auswählen. Bestellen. Liefern lassen. Konsumieren. Bei Nichtgefallen zurückschicken.

Die Globalisierung frisst ihre Kinder. Verhandelt wird das Ende der bequemen Sofa-Mentalität in den Komfortzonen dieser Welt. Was folgt, ist nahezu logisch. Panikkäufe, Hamstern, Schuldzuweisungen. Im großen Ringen um die Lufthoheit über unser Denken, Fühlen, Handeln heißt es: Schuld sind wahlweise die Chinesen, Russen, Europäer oder Amerikaner. Je nach Lesart und Standort.

 

Mutmacher-Songs. Musik hilft. Musik heilt. Eine kleine Auswahl.

 

Selbstverständlich hat unsere Angst einen harten, berechtigten, finsteren Kern. Die Corona-Seuche ist – noch – nicht kontrollierbar. Sie macht, was sie will. Sie kann jeden treffen, wie im letzten Krieg die Bomben, die vom Himmel auf Städte und Dörfer, Paläste und Hütten fielen. Kein Luftschutzbunker war sicher genug. Heute ist die Lage noch komplizierter: Viren sind nicht zu sehen, nicht zu hören oder zu fühlen. Sie können uns auf jedem Weg erreichen. Über den Partner, die Familie, den besten Freund oder meinetwegen auch den Lieblingsfeind.

Der Virologe Alexander Kekulé stellte folgende Corona-Formel auf: „Ein Kind, das irgendwo in der Schule sitzt und als Corona-Fall nicht erkannt wurde, hat in acht Wochen ungefähr 3000 Personen infiziert. Das können Sie ganz einfach nachrechnen. Etwa 0,5 Prozent sterben, das bedeutet wegen einem nicht entdeckten Kind sterben etwa 15 Menschen.“ Jede und jeder kann die Corona-Fracht weitertransportieren. Noch ein Beispiel aus der Praxis: Vor der Schließung, dem großen Shutdown in Berlin infitizierte ein ahnungsloser Corona-Träger im Club Trompete weitere 16 von 48 Gästen. War die Party so wild? Sie werden doch nicht alle aus einem Glas getrunken haben?

 

 

Was tun? Klar. Händewaschen. (Beim Waschen 2mal „Happy Birthday, verfluchter Virus“ singen; das reicht). „Sozialkontakte“ meiden. Ruhig bleiben. Aber es geht um mehr: zum ersten Mal sind wir bei diesem Stresstest ganz auf uns selbst zurückgeworfen. Das ist, ehrlich gesagt, eine große Chance. Wir können allen Ballast abwerfen, uns auf das Wesentliche konzentrieren. Nachbarn, Kranken und Schwachen helfen, Garten pflegen, Wohnung renovieren, Bücher lesen, wunderbare Lieder hören. Das bloße Hören von Lieblingssongs hilft, das ist wissenschaftlich belegt. Musik zielt direkt auf das limbische System im Gehirn. Dort werden sämtliche Gefühle gesteuert. Mutmacher-Musik macht die Angst in extremen Zeiten kleiner, gibt Halt. Ganz ohne Nebenwirkungen übrigens.

 

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Scheitern als Chance

„Das Echte suchen, das Falsche demaskieren.“ Oder: „Inszenieren, um das Inszenierte offenzulegen.“ Das sind Sätze Marke Christoph Schlingensief. Merkwürdig. Er ist mittlerweile seit zehn Jahren tot, doch seine Arbeiten sind lebendiger denn je. Seine  stets umstrittenen Inszenierungen lagen einfach ein paar Schritte zu weit in der Zukunft. Der Theatermann war seiner Zeit voraus. Schlingensiefs Botschaft: Probiert Euch aus. Scheitern gehört dazu. Es ist eine Chance. Ein neuer Dok-Film von Bettina Böhler, zwei Stunden und zehn Minuten lang, erinnert nun an den Visionär aus Oberhausen: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien.

 

 

Schlingensief hatte mindestens sechs Leben. Mit der Super-8-Kamera seines Vaters hielt er die Wirtschaftswunder-Bundesrepublik fest. So dokumentierte er als Teenager sein Elternhaus. Das war zutiefst staatstreu, katholisch, rheinländisch. Vater Apotheker, Mutter Krankenschwester. Er scheiterte an der Filmhochschule, um danach richtig loszulegen. Er inszenierte (sich) als Bürgerschreck, brachte als Neuling mit 100 Jahre CDU einen Aufreger auf die Berliner Volksbühne.

Der Autodidakt tanzte nackt in der U-Bahn, karikierte Mainstream-Talkshows, trommelte in brandenburgischen Dörfern für seine Partei Chance 2000. Das Resultat: 180.000 DM Steuerschulden. Im „Deutschen Kettensägenmassaker“ nahm er früh das bis heute lähmende Ost-West-Mißtrauen aufs Korn. Nichts hielt ihn auf. 2007 inszenierte er Wagners Liebestod-Drama Parsifal auf dem Grünen Hügel. Der anarchische Bürgersohn Schlingensief in Bayreuth. Mehr geht nicht in diesem Lande.

 

Premiere auf der Berlinale. Ab Anfang April 2020 im Kino.

 

Keine Frage. Schlingensief stellte sich stets in den Mittelpunkt. Unermüdlich inszenierte er sich als Tabubrecher. Teilte aus, provozierte, steckte ein. Kritiker warfen ihm kindlichen Klamauk vor. Er sei ein selbstverliebter Theaterclown. Ich erlebte ihn in meiner aspekte-Zeit anders. Ernsthaft, an Erkenntnis und Ergebnissen interessiert. Als er 2003 Hamlet am Schauspielhaus Zürich inszenierte, besetzte er den rachsüchtigen Herrscher mit einem Neo-Nazi-Aussteiger. In Freak Star 3000 ließ er 2004 einen geistig Behinderten den damaligen FDP-Chef Jürgen Möllemann spielen. Ein Körperbehinderter übernahm die Rolle seines Kontrahenten Michel Friedman. Schlingensiefs Antwort auf das offizielle Polit-Theater. Moralisten mäkelten, er betreibe Missbrauch mit Abhängigen. Ich kann mich gut erinnern. Die Darsteller liebten Schlingensief und das Stück.

Schonung war für ihn ein Fremdwort. Er nahm sein Leben als Material, am Ende auch seine Krankheit. Er stellte sein Krebsgeschwür öffentlich aus – bis an die Schmerzgrenze in der Kirche der Angst (2008). Was bleibt? Das Operndorfprojekt in Burkina Faso, das seine Witwe Aino Laberenz weiterführt. Und die Erkenntnis, dass er ein Ausnahmekünstler war, im Gelingen wie im Scheitern. Schlingensief starb 2010 im Alter von 49 Jahren. Der Dokumentarfilm von Bettina Böhler lässt ihn zumindest auf der Leinwand wieder lebendig werden. Was für eine atemberaubende Wiederbegegnung!  Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien. Kinostart: 2. April 2020.