Archive for : April, 2020

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Aus der Neuen Welt

Anfang der achtziger Jahre tauchten erste Aussteiger auf. Sie mieteten in einem Dorf am Sinai für einen Dollar die Nacht Schlafplätze in verlausten Hütten. Ausgangspunkt für eine neue Welt am Roten Meer. Schwarz vermummte Beduinenfrauen trafen auf bekiffte Europäer in Sandalen, kurzen Hosen und mit „schwabbelnden Busen“. Anfangs gab es weder Wasser noch Strom. Dafür lange Nächte am Strand, „Gelbsucht, Syphilis, jeder mit jedem“. So schilderte Wibke Bruhns die Landnahme durch Backpacker. Ab der Jahrtausendwende entdeckte der Massentourismus Dahab. Das Beduinendorf verwandelte sich in einen angesagten Hotspot für Taucher und Kurz-Urlauber. Übrigens auch für uns.

Und heute? Seit Monaten herrschen Stille und Leerstand im einstigen Aussteiger-Paradies. Ein Situationsbericht über den Corona-Blues nach dem Boom von unserer Freundin Sandra H. Sie lebt seit vielen Jahren in Dahab.

 

Es war einmal. Täglich flogen zahlreiche Airlines den Sinai an. Zum Beispiel Air Berlin. Auch das war einmal. Aufnahme von 2011.

 

„Man hat es recht gut hier in Dahab, es regnet nur an fünf Tagen im Jahr und meistens ist der Himmel blau. Der Ort lebt vom Tourismus (Tauchsport, Surfen, Kitesurfen, Freediving) im eher kleinteiligen Maßstab, und hat seit Ewigkeiten einen Ruf als Hippie-Hangout. Früher für Touristen aus aller Welt, mittlerweile auch innerhalb Ägyptens. Allerdings haben sich die internationalen Communities seit dem arabischen Frühling stark ausgedünnt, viele Paare mit einem europäischen Eheteil sind samt Kindern abgewandert, da es immer wieder sehr magere Zeiten im Tourismus gab. Wer immer noch regelmäßig kommt, liebt Dahab sehr und stört sich nicht daran, dass es schon seit langem keine Direktflüge mehr gibt.

Zum Beispiel meine deutsche Nachbarin, die auch mit einem Ägypter verheiratet war und seit einigen Jahren Witwe ist – die Familie hatte hier ihr Ferienhaus, und sie kommt gerne immer noch, manchmal mit ihrer Tochter, und verbringt relativ große Teile des Winters hier in Dahab. Sie war hier als Corona ausbrach, und zunächst waren wir uns einig, dass es ein besserer Ort ist um Krisenzeiten auszusitzen als ihre Heimatstadt Berlin.

 

Auf dem Landweg vom Flughafen Sharm El Sheikh nach Dahab.

 

Die Bevölkerung ist eh nicht groß, Dahab ist nicht dicht bebaut (maximal dreigeschossig), und es gibt viel Luft und Auslauf in menschenleeren Gebieten. Doch dann kam der Tag als im ‚Nachbarort‘ Sharm El Sheikh (100 km entfernt) in einem Hotel infizierte Ukrainer entdeckt wurden – die Armee rückte ein und begann die Dinge zu regeln. Dazu wurden mal eben auf dem gesamten Sinai alle Telefonnetze und das Internet abgeschaltet. An diesem Tag versuchte ihre Tochter sie den ganzen Tag vergeblich zu erreichen – und besorgte ihr am selben Abend noch ein Rückflugticket. Meine Nachbarin ging schweren Herzens – aber die Tochter ist ihre ganze restliche Familie, und da wollten sie lieber näher beieinander sein. Sie flog am 17. März – am 30. März wurden alle Flughäfen für Auslandsflüge geschlossen. Die Nachricht erwischte viele Wintertouristen kalt, nach dem Tag ohne Internet besorgte sich auch der niederländische Herr im anderen Nachbarhaus ein Ticket für einen verfrühten Rückflug.

 

 

Gar nicht mehr bis zu uns gekommen war eine Bekannte, die oft herkommt als Yogalehrerin – sie sollte am 20. März anreisen, wollte drei Wochen bleiben und sollte ein paar Oster-Goodies mitbringen. Ihr Flug wurde am 15. März abgesagt – keine Schokoladenostereier…

Eine andere große Dahab-Liebhaberin hat sich vorletztes Jahr mit ihrem Mann eine Ferienwohnung gekauft und wollte in diesem Jahr ein dreimonatiges Sabbatical mit ihrem Mann verbringen, bevor sie im Juni eine neue Stelle antritt. Sie kam am 1. März an. Am 25. März wurden alle Hotels und Strandcafés geschlossen. Tauchen wurde verboten, nächtliche Ausgangssperre ab 19.00 Uhr für das lange Wochenende mit koptischem Ostern. Nach dem ägyptischen Frühlingsfest wurde für vier Tage ein absolutes Schwimmverbot an allen Stränden verhängt. Ihr wurde von ägyptischer Seite ein Flug nach Frankfurt am 26. April angeboten (die zwangs-stillgelegten Airlines kriegen wenigsten ein paar Brosamen zugeschoben), den sie in ihrer Not angenommen hat. Wer weiß denn, ob im Mai noch mal Flüge kommen? Sie wird zu Hause wahrscheinlich vierzehn Tage Quarantäne einhalten müssen, und muss am 1. Juni ihre Stelle antreten. Schade. Beim Kaffee auf ihrem Balkon hatte man einen so schönen Blick auf die Berge. Jetzt sind alle weg, zum Teil mit Hilfe des Auswärtigen Amtes. Ob sie noch mal wieder kommen?“

 

Die magischen Sonnenuntergänge auf der Sinai-Halbinsel. Foto: Sandra H.

 

Sandra: „Ich bin Deutsche und lebe in Ägypten, in einem kleinen Städtchen namens Dahab auf dem Sinai, am Golf von Akaba. Mein Mann ist Ägypter und wir haben eine fünfzehnjährige Tochter, die hier auf eine Sprachschule geht. Ich arbeite als Kindergärtnerin in der Schule wo auch meine Tochter ihr erstes Kindergartenjahr verbracht hat, und bringe kleinen Ägyptern Englisch bei.“

 

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Bis zum letzten Atemzug

Vor genau 75 Jahren. Das Dritte Reich liegt in den letzten Zügen. Der 23. April 1945 ist ein Montag mit typischem Aprilwetter. Sonne folgt auf Regen. Auf der Landstraße von Neuruppin nach Wittstock ist auf einmal das tausendfache Klappern von Holzpantinen zu hören. Elendsgestalten in Blöcken zu jeweils fünfhundert Mann schleppen sich gen Norden. Die SS verfolgt ihren letzten teuflischen Plan. Über dreißigtausend KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen sollen zur Ostsee getrieben werden, um dort auf Schiffen versenkt zu werden. Am 29. April 1945 können die Überlebenden in Mecklenburg befreit werden.

 

Reinhold Heinen (1894-1969) überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen Richtung Ostsee.  Foto: Wikipedia

 

Der 51-jährige Reinhold Heinen ist einer der Todeskandidaten. Er quält sich im Block der Politischen seit zwei Tagen über die Chaussee. Teilweise bewacht von ehemaligen Mitinsassen, also eigenen „Kameraden“, denen die SS Knüppel und damit ein Stück Macht übertragen hat. Vier Jahre Konzentrationslager in Sachsenhausen hatte der frühere Chefredakteur des „Aachener Volksfreunds“ überstanden. Der Düsseldorfer will auf keinen Fall noch in den letzten Stunden in einem Straßengraben enden. Heinen hat die Kraft, Tagebuch zu führen. An diesem Montagabend (23. April 1945) notiert er:

„Steif, missmutig, kein Wasser. Kein Kaffee, nichts Warmes. Wir marschieren, machen vor dem Dorf an der Bahnstation Halt, kochen ab und warten. (…) Unsere Gruppe in eine Scheune, sehr eng, aber es geht. Am Nachmittag, der marschfrei ist, kann man sich säubern, rasieren, hinlegen, schlafen. Aber die Enge ist zu groß. Einer muss über den andern klettern. Auf den sechs Kilometern, die wir zurückgelegt haben, zählte ich zwölf Tote im Straßengraben, darunter einen Holländer. Ein Mann lag noch mit dem Genickschuss lebend und verdrehte die Augen, verfolgte unseren Marsch mit seinen Blicken.“

 

April 1945. Eines der vielen Opfer des Todesmarsches von Sachsenhausen. Foto: Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald

 

Die märkische Landbevölkerung beobachtet den Zug der Todgeweihten aus 18 Nationen eher gleichgültig bis misstrauisch. Nur ganz wenige fassen sich ein Herz und helfen. Als der Elendszug am Pfarrhaus von Rossow (heute Ostprignitz-Ruppin in Nord-Brandenburg) zum Stehen kommt, bietet Pfarrerstochter Edith von Jüchen den völlig Erschöpften etwas Warmes an. „Eine Selbstverständlichkeit.“ Die damals 24-jährige wird diese Stunden nie vergessen: „Wir hörten die Schüsse. Die KZ-Häftlinge wurden bei uns im Hof einquartiert. Der Pfarrhof wimmelte voller Menschen. Wir kochten Pellkartoffeln. Es waren verhungerte Gestalten. Sie umlagerten uns, bedrängten mich voller Hunger und Gier in den Augen. Ich bekam richtig Angst, als ich die Töpfe in den Hof trug. Es waren keine Menschen mehr, sie wirkten wie wilde Tiere. Am nächsten Morgen zogen sie weiter.“

 

Ende April 1945. SS-Angehörige plündern Hilfsgüter des Internationalen Roten Kreuzes. Eine bizarre Besonderheit war, dass es dem Schwedischen Roten Kreuz erlaubt wurde, KZ-Häftlingen auf dem Marsch Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. Quelle: Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald

 

Wenig später weiter nördlich in Wittstock. Der sechzehnjährige Werner Zimmermann ist mit einem versprengten Trupp auf wilder Flucht vor der Roten Armee. Alles löst sich auf. Statt vom Endsieg träumt der Volkssturmjunge aus Köpenick nur noch vom Überleben. Der Schüler will kein Kanonenfutter mehr sein, genau wie seine Kameraden. In der Nähe des Flugplatzes Wittstock sieht er plötzlich den Todesmarsch aus nächster Nähe.

„Wir lagerten völlig erschöpft am Straßenrand. Unser Unteroffizier rief: „Keiner steht auf. Keiner rührt sich.“ Wir sahen die Leute. Das nackte Elend. Alle nur Haut und Knochen. Ein Häftling stürzte auf der Straße. Ein SS-Mann mit Hund brüllte: „Auf, aber dalli.“ Der Häftling rührte sich nicht. Dann schoss er mit seiner Pistole. Peng! Den Mann stieß er mit den Füßen in den Graben. Wir waren entsetzt, wollten helfen. Unser Leutnant brüllte: „Kein Aufsehen! Keiner geht hin!“ Wir haben uns dann in die Wälder zurückgezogen. Als wir später die Straße noch einmal passierten, habe ich viele Tote gesehen. Links und rechts von der Straße.“

 

Todesmarsch Belower Wald bei Wittstock. Quelle: BHS-tv 1995

 

Der Düsseldorfer Reinhold Heinen überlebte den Todesmarsch. Der christliche Verleger gründete nach seiner Rückkehr im rheinischen Düren die örtliche CDU. Er ist 1969 verstorben. Pfarrerstochter Edith von Jüchen lebt heute 95-jährig in Schwerin und nimmt weiter hellwach am Geschehen teil. „Nie wieder“ ist ihr Lebensmotto. Hitlerjunge Werner Zimmermann geriet Anfang Mai 1945 im Raum Schwerin in US-Gefangenschaft. Der mittlerweile 91-jährige wohnt wieder in Berlin-Köpenick.

Mehr über den Todesmarsch von Sachsenhausen in So viel Anfang war nie. Notizen aus der ostdeutschen Provinz.

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So viel Zukunft war nie

Mein Krankenhaus, in dem ich seit drei Jahren ehrenamtlich mithelfe, ist geschlossen. Im gegenwärtigen Corona-Modus sind ganze Stationen geräumt und isoliert worden. Bisher blieb der große Ansturm aus. Gott sei Dank. Aber was ist mit dem Stammpersonal? Wie geht es den Pflegekräften und der Ärzteschaft? In Nachrichten und Talkshows sind Virologen Dauergäste. Aber Pflegerinnen und Pfleger, Schwestern, Stationsärzte? Fehlanzeige oder ganz seltene Ausnahmefälle. Dabei sind sie hautnah ganz vorne und am intensivsten an Corona-Patienten. Was auf der Hand liegt: Statt Balkon-Beifall für Pflege- und Stationspersonal wären angemessene Löhne und Gehälter eine wirkliche Verbesserung. Ein Schritt in die Zukunft.

Der 23-jährige Alexander Jorde ist einer der wenigen, der offen über die Schwächen im Gesundheitssystem redet. Der Krankenpfleger in Hannover hat sich einmal in einer Wahlsendung mit Angela Merkel angelegt. Da sagte er über den Alltag auf den Stationen: „Die Würde des Menschen wird tagtäglich in Deutschland tausendfach verletzt“. Pfleger, Schwestern, Ärzte sind „systemrelevant“. Wie einst Banken. Diese schlitterten damals in eine selbstverschuldete Krise. Folge ihrer hemmungslosen Zockerei. Sie wurden mit Milliarden Euros gerettet.

 

Pflegepersonal weltweit am Limit. Wann gibt es für sie ein Schutzschild wie in der Bankenkrise 2008? Foto: Engin Akyurt.

 

In den Krankenhäusern muss mit den Folgen eines weltweit außer Kontrolle  geratenen Virus ganz alleine gerungen werden. Wie sieht deren Schutzschild aus?  Tja. Es herrschen Atemnot, Improvisation, Stress und manchmal ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten. Gesundheitsminister Jens Spahn setzte als Sofortmaßnahme die Personaluntergrenzen aus. Noch mehr Druck. Dabei liegt der Pflegeschlüssel bereits bei gegenwärtig 13:1. Das heißt eine Pflegekraft versorgt im Schnitt 13 Patienten. Das ist einer der schlechtesten Werte in Europa. Schutzmasken müssen wegen Mangel in vielen Krankenhäusern mehrfach getragen werden. Kollegen fallen wegen Krankheit aus. Es gibt ein hohes Risiko selbst infiziert zu werden. Bei 12% liegt die Rate in Spanien. In Deutschland weiß man es nicht, es wird zu wenig getestet.

 

Vhelalde aus Mailand interpretiert mit ihrer Band einen Klassiker.

 

„Wir haben genügend Betten, wir haben genügend Beatmungsgeräte, wir haben sogar meistens auch genügend Ärzte. Aber wir haben nicht genügend Pflegekräfte“, sagt Pfleger Alexander Jorde. Er hofft, dass in Corona-Zeiten endlich ergebnisorientiert debattiert wird, wer die Gesellschaft am Laufen hält. Zum Beispiel seine Kolleginnen und Kollegen, genau wie die vielen Kassiererinnen, Kuriere, Lkw-Fahrer oder Erntehelfer. Jorde appelliert: „Wir müssen gemeinsam für bessere Löhne und anständige Arbeitsbedingungen kämpfen. Auch nach Corona.“ Ein frommer Wunsch des 23-jährigen aus Hildesheim? Jung und naiv?

 

So sieht Banksy in England die Quarantäne-Zeit. Seine Frau hofft, dass er bald wieder raus kann.

 

Was wird, wenn das Kontaktverbot wieder fällt und wir in den ersehnten Normalmodus zurückkehren? Lernen wir aus der staatlich verordneten Zwangspause? Die Chance ist da. Jetzt. Noch ist die Tür einen Spalt weit geöffnet. So viel Zukunft war nie.

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„Da müssen wir durch“

Leben im Sperrgebiet. Die Sonne strahlt. Kraniche ziehen übers Land. Birken blühen auf. Kröten wandern. Nicht wenige bleiben platt am Straßenrand zurück. Trecker auf Feldwegen wirbeln dickbraune Staubwolken auf. Sie schütten literweise streng riechende Gülle auf ihre Äcker. Es ist eigentlich wie jedes Frühjahr. Die märkische Heide ist im dritten Jahr staubtrocken. Wir warten auf die Störche. Oder gilt für sie auch das neue Einreiseverbot wie für alle Fremden, besonders diejenigen aus Berlin? Das kleine Herzdorf, wie unser Dorf in meinem Buch heißt, befindet sich seit zwei Wochen mitten in der Verbotszone. Der zuständige brandenburgische Landkreis OPR (Ostprignitz-Ruppin) hat ein Betretungsverbot erlassen. Corona führt Regie.

 

Kröten im Sperrgebiet. Mutter Natur hat folgendes arrangiert: das Weibchen trägt den etwas kleineren Kröterich im Huckepack zum Ort der trauten Gemeinsamkeit.

 

Wenige Tage vor Ostern fiel überraschend das Einreiseverbot. Nun dürfen Berliner mit Zweitwohnsitz ihre Feriendomizile wieder betreten. Zwei Berliner hatten sich mit ihrer Klage vor Gericht durchgesetzt. Einer der Kläger ist unser Nachbar. Und die Einheimischen? Sie sind hin- und hergerissen. Sie ziehen sich auf eingeübte Positionen zurück. „Was soll man machen? Die da oben machen sowieso was sie wollen.“ Selbst in schlimmsten Corona-Zeiten wie diesen bewährt sich die gewohnt märkische Sturheit. Manche nennen es Lebensklugheit.

Auf den ersten Blick präsentiert sich das „verbotene Land“ wie immer zu Ostern. In den Vorgärten mit bunten Eiern geschmückte Sträucher. Im Park ein beeindruckender Holzstapel. Doch das Osterfeuer fällt aus. Erstens wegen Waldbrandgefahr. Wie im Vorjahr. Zweitens wegen Corona, natürlich. Dieses Jahr gibt es strafverschärfend weder Bier am Feuerwehrhaus. Noch das Osterkonzert für bildungshungrige Besucher. Kein Reiten für Kinder. Kein Bett über Nacht. Eine Landfrau winkt ab. „Da müssen wir durch. Ist immer noch besser als Krieg. Wir haben zu essen, zu trinken, der Fernseher läuft. Wird schon werden.“ Sie lächelt und geht hinter die Scheune Holz hacken.

 

Frühling 2020 im Corona-Sperrgebiet. Freundlich aber staubtrocken.

 

Die Corona-Krise erinnert die Älteren im Dorf an den ungewöhnlich warmen Frühling 1945. Es waren Monate der Zeitenwende ohne Fernseher, Whatsapp oder Facebook aber mit Durchhalteparolen, Endsieg-Geschrei, Tieffliegern, Rotarmisten auf Panje-Wagen, Wodka, Vergewaltigungen, Kapitulation, Befreiung. Als urplötzlich alle Nazis weg waren und der Hunger zum täglichen Küchenmeister wurde. Als aus Graupen Suppen gezaubert und Katzen zu Delikatessen verarbeitet wurden. Als ein einziges Brot einen ganzen Wochenlohn wert war. Was die Kunst des Erinnerns heute ausrichten kann, ist möglicherweise die Erfahrung, dass uns das Erzählen solcher Situationen wieder zu Bodenhaftung und Demut verhelfen kann. Wenn wir bereit sind zuzuhören.

Aktualisierung: Eine gute Nachricht vom Lande. Der Storch ist seit dem 10. April 2020 wieder da.

Zur Kunst des Erinnerns noch eine spannende viertelstündige Kurzgeschichte von einem gewissen Robert Zimmermann, besser bekannt als Bob Dylan. Er lässt in seinem brandneuen Sprechgesang Murder most foul einen Mann aus hoffnungsvollen Zeiten wiederauferstehen – John F. Kennedy. Es ist Dylans Geschichte zu Ostern 2020.

Seid in diesen Ausnahmezeiten alle digital gedrückt!

 

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Der Brotaufstand von Rahnsdorf

Vor genau 75 Jahren. Der Krieg steht vor Berlin. Er kehrt in die Stadt zurück, in der er begonnen wurde. Die Rote Armee setzt zur Entscheidungsschlacht an. Hitler erklärt im Führer-Bunker: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Am 1. April 1945 um 20.00 Uhr (kein Aprilscherz) meldet der neue Sender „Radio Werwolf“: „Lieber tot als rot! – Siegen oder sterben! – Hass ist unser Gebet, Rache unser Feldgeschrei.“ Die allermeisten Berliner wollen nicht mehr kämpfen. Sie hungern, kämpfen ums nackte Überleben. Ende März beschließt die NSDAP eine Sonderbrotverteilung nur für Parteigenossen. Im östlichen Bezirk Köpenick ist bereits der Geschützdonner zu hören. Es ist der 6. April 1945, ein frühlingshafter Freitag im April.

 

Die ehemalige Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. Weit über Hundert hungrige Menschen stürmten am 6. April 1945 den Laden.  Quelle: Werner Zimmermann, 1998.

 

Im Ortsteil Rahnsdorf wird bekannt, dass die Bevölkerung kein Brot mehr erhalten soll. Aufgebrachte Rahnsdorfer Frauen versammeln sich vor der Bäckerei Deter in der Fürstenwalder Allee 27. Im kleinen Laden ergattert der Schüler Reinhard Heubeck gerade noch ein Stück Brot. Dann ist Schluss. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Erregt stürmt die mehr als einhundertköpfige Menge den Bäckerladen. Einige Frauen greifen zu. Bäckermeister Deter, ein treuer Parteigenosse, alarmiert NSDAP-Ortsgruppenleiter Gathemann. Die Lage eskaliert. Der vermutlich letzte noch lebende Augenzeuge Reinhard Heuback war damals zehn Jahre alt. Er erinnert sich genau. „Der komische Gathemann stand auf dem Ladentisch mit der Pistole in der Hand. Ich durfte noch gehen. Andere wurden verhaftet, in den Knast gesperrt.“

Tatsächlich meldet der fanatische Nazi den Tischler Max Hilliges und die Hausfrau Gertrud Kleindienst namentlich bei der Gestapo.  Hilliges ist mit Reparaturarbeiten im Laden beschäftigt. Er hatte sich mit dem mit der Waffe herumfuchtelnden NS-Mann ein Wortgefecht geliefert: „Es dauert ja nicht mehr lange, dann musst du deinen braunen Rock auch ausziehen.“ Noch am gleichen Tag gegen 18 Uhr wird der Tischler in seiner Wohnung verhaftet. Ein Standgericht verurteilt  ihn und eine Mutter von fünf Kindern am nächsten Tag als „Rädelsführer“ zum Tode – wegen „Wehrkraftzersetzung“.

 

„Gathemann stand mit der Pistole auf dem Ladentisch.“ Reinhard Heubeck war damals zehn Jahre alt. Er ist der vermutlich letzte lebende Augenzeuge des „Brotaufstandes“ von Rahnsdorf.

 

Noch in der Nacht des 7. April 1945 gegen 0.45 Uhr wird Max Hilliges in Plötzensee enthauptet. Die gleichfalls zum Tode verurteilte Mutter von fünf Kindern begnadigt Gauleiter Goebbels in letzter Sekunde zu acht Jahren Zuchthaus. Hitlers Propagandaminister notiert in seinem Tagebuch am 8. April 1945: „So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will. Und die Ordnung ist die Voraussetzung der Fortsetzung unseres Widerstandes.“ Gleich am nächsten Tag wird „unter Trommelwirbel“ die Hinrichtung Hilliges auf dem Platz vor der Bäckerei verkündet. „Zur Abschreckung“ kleben NS-Parteigenossen Flugblätter mit der Nachricht vom vollzogenen Todesurteil an Laternen und Bäume.

Keine zwei Wochen später marschiert am 21. April mit der 1. Weißrussischen Front die Sowjetarmee im Berliner Vorort Rahnsdorf ein. NS-Ortsgröße Gathemann taucht in den Wirren unter. Für immer. Gerüchte besagen, er und seine Familie seien im Müggelsee „ins Wasser gegangen“ Gertrud Kleindienst aber überlebt. Sie wird am 25. April 1945 von der Roten Armee aus dem Gefängnis befreit.

 

Diese Gedenktafel wurde 1998 an der ehem. Bäckerei Deter angebracht. Sie verschwand vor einigen Jahren spurlos.

 

Dann wird es still, sehr lange sehr still. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang gerät die Geschichte vom Brotaufstand der Frauen in Vergessenheit. Erst 1998 organisierten einige couragierte Bürger eine Gedenktafel am Ort des Geschehens. Die ehemalige Bäckerei wurde mittlerweile verkauft, die Tafel verschwand. Seit vier Jahren versucht der Verein Bürger für Rahnsdorf die Gedenktafel wieder anzubringen. Der neue Besitzer weigert sich. Er wolle das renovierte Haus nicht durch eine Erinnerungstafel „verschandelt“ wissen, soll er mitgeteilt haben.

 

Berlin. Juli 1945