Archive for : Juli, 2020

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Hellwach

Am 25. August 79 n.Chr. brach der Vesuv aus. Der Untergang von Pompeji war eine der großen Naturkatastrophen jener Epoche. Kurz zuvor hatte Plinius der Ältere die Legende vom wachsamen Kranich überliefert. Der Kern seiner Geschichte: Wenn der Wachkranich einschläft, während die anderen Kraniche vertrauensvoll ruhen, ruft ihn der fallende Stein zurück zur Pflicht. Die Menschen am Vesuv hörten den Stein nicht fallen. Plinius kam wie die allermeisten Bewohner von Pompeji ums Leben. Nur seine Geschichte vom Kranich hat überlebt.

Der hellwache Kranich steht für die Sehnsucht vieler Menschen nach einem fürsorglichen Verhaltensideal und einer verantwortlichen Instanz. Im Mittelalter diente der Kranich mit dem Stein als Symbol der Caritas. Im 19. Jahrhundert wählte die Berliner Bankiersfamilie Mendelssohn den majestätischen Vogel zu ihrem Siegelmotiv. Motto: Eine(r) wacht für alle anderen. So sollte ab 1839 der „Kranich mit den Stein“ das Prinzip der ökonomischen und sozialen Verantwortung verkörpern. Eine Botschaft im Sinne der Aufklärung. Die Nazis liquidierten ein Jahrhundert später das erfolgreiche jüdische Bankhaus. Der Stein fiel. Der Kranich wurde erschlagen.

 

Kranich mit dem Stein. Symboltier des Bankhauses Mendelssohn in Berlin.

 

Die modernen Kraniche von Blackrock, Wirecard, Google und Facebook etc. folgen einem anderen Leitstern.

Ihr Leitbild ist das – Be First. Sei Erster, nimm alles mit, jeden Stein.

  • Dieser Zeitgeist liebt die Wertung, die Klassifizierung, die Einteilung in Top und Flop, in Ranglisten und das Verkäufliche.
  • Für diesen Zeitgeist muss alles sofort Bedeutung und Sinn haben. Es muss nützlich sein. Was keine Funktion, was nicht funktioniert, taugt nichts, wird missachtet.
  • Dieser Zeitgeist bedeutet ständige Kommunikation, ununterbrochenes Geplapper, mediale Berieselung und dauernde Erreichbarkeit.
  • Der Zeitgeist setzt bei allem Kult um das Schrille und scheinbar Überraschende doch auf das Bekannte, auf Sicherheit und Wiederholung.
  • Dieser Zeitgeist ist vernarrt in das Große, das Bombastische, in Superlative, Rekorde, in Geschwindigkeit und Raserei.

 

Selbstverständlich ist das nur meine bescheidene Sicht der Dinge. Selbstverständlich hat unsere Welt viel mehr Farben, Schattierungen und Zwischentöne. Gott sei Dank. Meine Beobachtung bezieht sich auf Leitbilder in etablierten und sozialen Medien, in der 24/7- Welt von Facebook, Instagram, Twitter und wie sie alle heißen. Zu wünschen wären viele Kraniche, die den Stein fallen hören. Die hellwach bleiben und sich doch nicht völlig einlullen lassen.

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Esbjörns Elevation

Wir leben in einer Welt, „in der ein falscher Tweet, ein falsches Wort sofort sanktioniert wird. Das führt bei vielen zu angstvollem Schweigen und gereinigter Sprache“. Das notiert die Schriftstellerin Eva Menasse. Ist das die Lage? Die einen fürchten sich vor Flüchtlingen, andere vor Corona, wiederum andere vor dem Internet. Der populäre Pranger. Unser Marktplatz für virtuelle Inquisition, Einschüchterung, Drohungen. Früher wurden Abweichler ans Kreuz genagelt oder verbrannt. Jesus, Jeanne d´Arc, Galileo Galilei… die Liste ließe sich beliebig verlängern. Natürlich alles im Namen der Moral und Reinheit der Lehre.

Ich widerrufe. Anklage und Unterwerfung. Eine unheilige Tradition. Die Menschheitshoffnung des letzten Jahrhunderts – angetreten als Sozialismus – hat besonders bizarre Blüten hervorgebracht. „Falls nötig, kann das Geständnis noch ausführlichere, detailliertere und präzisere Formen annehmen.“ So Nikolai Iwanowitsch Bucharin vor seinen Richtern im Moskauer Schauprozess. Unter der Anklage der Spionage wusste sich Bucharin, ein kluger Philosoph und Wirtschaftstheoretiker, nicht anders zu rechtfertigen. Sein Vergehen? Er kam vom rechten Weg ab. Das war in Stalins Reich zu viel.

 

Eine Kunst. Den richtigen Ton zu finden.

 

Genosse Vordenker Bucharin galt lange als „Liebling der Partei“ (Lenin) und „Gehirn des Kommunismus“ (Ruth Fischer). Er wurde am 13. März 1938 im Alter von fünfzig Jahren erschossen. Hingerichtet mit dem früheren Geheimdienstchef Genrich Jagoda und weiteren ehemaligen Spitzenfunktionären. NKWD-Chef Nikolai Jeschow beaufsichtigte persönlich die Exekution. Er ließ Bucharin zusehen, wie die anderen Verurteilten vor ihm erschossen wurden. Auch den Genossen Geheimdienstchef Jeschow ereilte das Schicksal der „Säuberung“. Er wurde am 4. Februar 1940 erschossen. Die Revolution fraß ihre Kinder.

Wollen wir im gegenwärtigen Empörungsmodus wieder zurück auf solche Wege? Facebook, Twitter und Telegram als Stalinorgeln des 21. Jahrhunderts? Andersdenkende, Abweichler, Politisch Unkorrekte am Ende an die Wand stellen?

 

 

Das Netz fasziniert mich. Das Internet, gut 25 Jahre alt, ist längst unser tägliches Brot. Das Salz in der Suppe des Lebens. Mir hilft eine Sache zuverlässig, wenn ich mal wieder keine Antworten auf meine Fragen finde. Musik. Für mich die beste aller Möglichkeiten. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Wie wäre es mit Esbjörn Svensson? Ein Tastenvirtuose der Extraklasse. Ein Schwede, der das gewisse Etwas in den Fingern hatte. Leider hatte. Denn er ertrank beim Tauchen. Sein Sohn wartete am Ufer auf ihn. Elevation of love hat er uns geschenkt. Eines seiner vielen wunderbaren Stücke. Eine wohltemperierte Alternative zu den dauerempörten Anklägern im Netz – ob mit dem Gender* oder ohne *.

Jagende, die im Namen der Reinheit der Lehre alles Menschliche säubern wollen. Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren kleinen und großen Dummheiten.

 

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Zugführer 1.Klasse

Vorsicht an der Bahnsteigkante! Martin Dibobe beherrschte diese Ansage aus dem Effeff. Zurückbleiben! Dann beschleunigte er seine Elektrische und fegte mit dem hochmodernen Zug über die Hochbahn zwischen Schlesischem Tor und Zoologischer Garten. U-Bahn-Linie 1. Etwas Neues, etwas Besonderes in Berlin. Zur News aber brachte es Martin Dibobe als „Neger-Zugführer“. So porträtierte ihn im Juli 1902 die Berliner Illustrierte Zeitung. Eine Sensation: Der erste Schwarzafrikaner als Zugführer 1. Klasse und Beamter auf Lebenszeit. Verheiratet mit der Tochter des Vermieters vom Prenzlauer Berg. Zwei Kinder.

 

„Dunkle Lebensgrundlagen“. Porträt über Martin Dibobe in der Berliner Illustrierten Zeitung. 15. Juli 1902

 

„Durch Fleiß und einwandfreies Betragen habe ich mir eine Vertrauensstellung erworben“, sagte Martin Dibobe. Das kam im preußischen Kaiserreich bestens an. In einer aufregenden Zeit als die aufstrebenden Hohenzollern ihren „Platz an der Sonne“ ergattern wollten. Um jeden Preis. Also unterwarfen deutsche Truppen ferne Länder. Rohstoffe, Einfluss und Weltgeltung als Ziel. Dieser Wettlauf endete im „Großen Krieg“, im I. Weltkrieg. Deutschland verlor seinen Platz an der Sonne und alle Kolonien. Tansania, Namibia, Ruanda.

1876 als Quane a Dibobe in eine Häuptlingsfamilie in Kamerun hineingeboren besuchte er eine Missionarsschule. Als bestauntes Exponat gelang er als Zwanzigjähriger auf abenteuerliche Weise nach Berlin. Er wurde im Rahmen der „Völkerschau“ im Treptower Park ausgestellt. Das war 1896, als er als „Naturneger“ in einem kolonialen Menschenzoo als Attraktion vorgeführt wurde. Dibobe blieb in Berlin und machte einen fulminanten Aufstieg. Er lernte Schlosser bei Siemens, stieg rasch vom einfachen Schaffner zum Zugführer der Linie 1 auf. Im Alltag beobachtete er genau sein Umfeld. Er sah den Kampf der Arbeitermassen für ihre Rechte. Sollte das nicht auch für Afrikaner gelten?

 

Martin Dibobe in schmucker Uniform der Berliner Hochbahngesellschaft. Zu finden ist dieses Bild am Durchgang im U-Bahnhof Halleschen Tor.

 

Nach dem Ende des I. Weltkrieges reichte Zugführer Dibobe im Juni 1919 eine Petition an den neuen Reichspräsidenten Ebert ein. Im Namen der 17 Unterzeichner versicherte Dibobe seiner Heimat Deutschland „unverbrüchliche, feste Treue“ und verurteilte „den Raub der Kolonien“. Dann kam er auf seinen zentralen Punkt: „Die Eingeborenen verlangen Selbstständigkeit und Gleichberechtigung.“ Ferner forderte die Eingabe „das Ende von Prügelstrafen und Zwangsarbeit, von Misshandlungen und Beschimpfungen. Außerdem gerechte Löhne, die Schulpflicht, das Recht zum Studium sowie zur Ehe zwischen Eingeborenen und Weißen“. Ein wahres Zeitdokument vom Streben nach Gleichberechtigung

Dibobe bekam nie eine Antwort. Nicht vom Reichspräsidenten, nicht von der Nationalversammlung, schon gar nicht vom Reichskolonialamt. 1922 kehrte Dibobe nach Kamerun zurück. In seiner alten Heimat wurde er  als „deutscher Spion“ und „Aufrührer“ von den französischen Kononial-Behörden abgewiesen. Er starb vermutlich in Liberia. Dibobe hinterließ eine großartige Geschichte vom exotischen Schauobjekt bis zum Zugführer 1. Klasse und Vorkämpfer für Menschenrechte.

 

 

Genau einhundert Jahre ist seine Resolution alt. Was hat sich geändert? Antworten kann jede(r) selbst suchen und finden. Berlin streitet in diesen Tagen um einen neuen Namen für den U-Bahnhof Mohrenstraße. Wie wäre es mit Martin Dibobe, diesem schmucken Mann von der Linie 1 und längst vergessenen Pionier? Er hätte es verdient.

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Marley auf Malta

Die Sonne knallt unerbittlich auf die kleine Felseninsel. Die Mauern glühen. Mittagszeit. Siesta. Niemand ist unterwegs in den Gassen von Valletta. Aus der Bar an der Ecke dröhnt der Meister. Bob Marley auf Malta. Could you be loved. Verdammt lang her. Sommer 1980. Als das Fernweh das Laufen lernte. Jedenfalls für mich. Mein erster Flug. Mit einer Linienmaschine von Air Malta direkt auf die winzige Insel umgeben vom Glitzern des blauen Mittelmeers. Sonne, Felsen, Meer. Wuchtige Kathedralen und stille Gassen. Linksverkehr und bunte Linienbusse. Fish and chips und der King of Reggae.

 

Malta 1980. Mitten im Mittelmeer. Ein lebendiges Eiland. Mit Linksverkehr, ohne Massentourismus. Kein Flüchtlingselend. Kein Corona. Einfach nur aufregend, anders, voller Abenteuer.

 

Und heute? Fern-Reisen ist nicht mehr. Oder noch nicht. Verreisen geht am besten im Kopf oder mit dem Finger auf der Karte, wie früher. Reisen wir also coronafrei in unsere Erinnerungen. Damals durfte ich bei maltesischen Freunden wohnen. Sie führten mich ihren Freunden wie eine Trophäe vor. „Look, Chris from Germany“. Außer ein paar deutschen Sprachurlaubern war Malta weitgehend unbefleckt vom Pauschaltourismus. 1980 feierten die Malteser mit viel Wumms und bunten Feuerwerken ihre katholischen Maria-Feste. Demonstrierten mit grünen Fahnen vor der mächtigen lybischen Botschaft, um die Freundschaft mit al-Gaddafi zu untermauern. Scheidungen waren verboten, während meine Gastgeber vom Auswandern nach Australien oder wenigstens nach London träumten.

 

 

Es waren drei herrliche Wochen. Bob Marley erklang aus jeder Musikbox, wurde auf jeder Party gespielt. Could you be loved? Ich kritzelte ein abgeschriebenes Liebesgedicht auf die Postkarte, um die Zeilen nach Berlin zu schicken.

 

“Ich will schlafen ohne ein Kissen.

Ich will essen ohne einen Tisch.

Ich ohne Dich, Du ohne mich,

das will ich nicht.

Du bist die Türklinke zu meiner Tür.“

 

Die knallbunte Malta-Karte mit meinen geborgten Liebesgedicht war viele Wochen lang unterwegs. Sie musste den beschwerlichen Weg über den Eisernen Vorhang antreten, bis sie schließlich in der Hauptstadt der DDR irgendwann bei meiner Liebsten eintraf. Eine Kopie habe ich in meiner Akte gefunden. Daher weiß ich noch von den Zeilen hinter die Mauer. Mein Dank an die aufmerksamen Genossen vom Sammelverein MfS.

Bob Marley war in diesen Malta-Wochen mein Gott. Der Mann mit den Rastalocken, dessen Vater ein weißer sechzigjähriger Plantagenaufseher in Jamaica war, der eine Affäre mit einer Achtzehnjährigen hatte. White Boy war Bob Marleys Spitzname in Jugendzeiten. Mit 21 jobbte er beim Autokonzern Chrysler am Fließband im US-amerikanischen Städtchen Wilmington/Delaware. Bevor er zur Ikone aufstieg, als Musiker, als Messias für viele Unterdrückte und King of Reggae. No woman, no cry. Stir it up. One Love, Don´t give up…

 

Mit dem 18er von Valetta nach Mellieha oder St. Pauls Bay. Vor dem Aussteigen Klingeln mit Hilfe einer Strippe im Businnern nicht vergessen.

 

Bob Marley wäre in diesem Jahr 75 geworden. Er verstarb am 11. Mai 1981 auf dem Rückflug von Deutschland, wo er zur Behandlung weilte. Bei der Zwischenlandung in Miami brach er 36-jährig zusammen. Der Krebs besiegte ihn. Den Vater von zwölf Kindern, elf leiblichen und einem Adoptivkind. Doch seine Musik ließ ihn unsterblich werden. Sohn Ziggy (*1968) trat in die Fußstapfen seines Vaters und besingt nach wie vor den Buffalo Soldier oder interpretiert genial den Malta-Song von 1980 Could you be loved. Als käme der Marley-Hit gerade in der Mittagshitze aus der Musikbox von der Bar an der Ecke.