Archive for : Oktober, 2021

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Wer mag Pfannkuchen?

Vielleicht kennt jemand diese Geschichte? Kater Findus will eine Pfannkuchen-Torte backen. Seine Leibspeise. Dafür braucht er noch eine Tüte Mehl. Um in den Dorfladen zu kommen, benötigt er das Fahrrad. Sein Drahtesel steht jedoch kaputt vor dem Schuppen. Er beschließt es zu reparieren, sucht Werkzeug im nahen Schuppen, doch dieser ist verschlossen. Nun macht er sich auf die Suche nach dem Schlüssel, doch ausgerechnet dieser ist dummerweise in den Brunnen gefallen. So klettert er auf den Speicher, um eine Angel zu suchen, um vielleicht doch noch die Sache angehen zu können.

Eine wunderbare schwedische Kinderbuchgeschichte. Sie erzählt in einfachen Bildern, wie unsere heutige komplexe, überregulierte Gesellschaft tickt. Wo war noch einmal die Angel? Was hatte der Kater vor?

 

 

Nun folgt eine wahre Geschichte. Sie ist in Berlin passiert, am Stadtrand der Hauptstadt. Im Mittelpunkt steht ein verletzter Graureiher. Spaziergänger werden aufmerksam, informieren die Polizei. Antwort: „Wir sind nicht zuständig, rufen Sie die Feuerwehr an“. Anruf bei der Feuerwehr: „Wir sind nicht zuständig, rufen Sie die Polizei an“. Anruf beim Ordnungsamt: „Wir sind nicht zuständig, rufen Sie die Polizei oder die Feuerwehr an“ Die Helfer geben nicht auf. Sie versuchen ihr Glück bei der Tierrettung, dort ist dauerbesetzt. Beim Tierheim springt der Anrufbeantworter an und zu guter Letzt zeigt sich ein endlich gefundener Tierarzt behandlungsunwillig. Die besorgten Spaziergänger legen selbst Hand an. Sie retten das von Hunden attackierte, verängstigte Tier in Eigenregie. Behutsam packen sie den Reiher in eine Kiste und fahren zur nächsten Tierklinik.

Doch aufgepasst! Das wäre Wilderei. So steht es im Jagdgesetz § 2, Abs. 4, erklärt das zuständige Verbraucherministerium. Die Helfer hätten sich zuerst beim „Jagdausübungsberechtigten“ melden sollen. Aber wer ist das? Daher empfiehlt das Ministerium in solchen Notfällen: „Rufen Sie die Polizei an!“ Autsch. Der Kreis schließt sich. Für den Graureiher kam die unbürokratische Bürger-Hilfe dennoch zu spät: „Das Tier war sehr geschwächt, bekam eine Infusion und Schmerzmittel, überlebte die Nacht aber nicht,“ stellte bedauernd die Oberärztin der Tierklinik fest.

 

 

Wenigstens das Kater Findus-Abenteuer von Sven Nordqvist findet ein Happy End. Die Pfannkuchen-Torte gelingt und kann genüsslich im eigenen Garten verspeist werden. Wie das schmeckt, wie das mundet. Aber diese Geschichte stammt ja auch aus einem Märchenbuch.

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Im Namen der Kunst

Ich bin aus der Kunst ausgetreten, erklärte Joseph Beuys. Um Neues zu machen, anderes auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten und – wenn möglich oder nötig – auf Missstände hinzuweisen. Der dänische Konzeptkünstler Jens Haaning nimmt diese Devise zeit seines Lebens beim Namen. Er reproduzierte zwei alte Werke, nannte sie neu „Take the Money and Run“, und lieferte auftragsgemäß zwei Transportkisten zum vereinbarten Preis von 74.000 Euro an das KUNSTEN Museum of Modern Art Aalborg. Überraschung! Die Bilder waren leer. Nun hängen in der jütländischen Ausstellung mit dem Titel „Work it out“ über unser Verhältnis zu Geld und Arbeit zwei Bilderrahmen mit einer komplett weißen Leinwand.

 

„Take the money and run“. Zu sehen im dänischen Aalborg

 

Haanings Konzeptarbeiten waren vorab als Beispiele für „coole Ästhetik“ angekündigt worden. Der Däne hatte 2007 in Wien in einem Gemälderahmen 51 frische 500-Euro-Scheine, eine 200 Euro-Note und zwei Euro-Münzen geklebt, um das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Österreichers darzustellen. Für die neue Ausstellung erhielt er 550.000 dänische Kronen (ca. 74.000 Euro), um sein neues Werk dementsprechend auszustaffieren. Nun ist das Geld weg. Diebstahl? Ein Schelmenstreich? Oder mehr? Das Museum war blamiert, forderte das Geld zurück, aber lässt die leeren Bilder hängen. Versehen mit einer E-Mail des Kopenhagener Künstlers, in der steht, er habe sich entschlossen eine andere, sinnvollere Arbeit abzuliefern mit dem Titel „Take the money and run“. Gezeichnet: Mit freundlichen Grüßen, Jens Haaning“.

Die leeren Bilder sollen für sich sprechen. Haaning, Jahrgang 1965, will seine Arbeit als Protest gegen die miesen Bedingungen im Kunstbetrieb verstanden wissen. Ihm hätten für diese Arbeit „beschissene“ 3.300 Euro zugestanden. Damit könne er nicht einmal die Unkosten decken. Jetzt schweigt der Künstler, dessen Leithema ist, „Grenzen zu überschreiten“. Denn Grenzen – territoriale, nationale, sprachliche, soziale, ökonomische, kulturelle, rechtliche – regulierten das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen und Interessensgruppen. Und sie würden immer höher.

 

 

Immerhin zeigte der genarrte Museumsdirektor Lasse Andersson einen gewissen Großmut. Er verstehe in den beiden leeren Rahmen Haanings einen „Kommentar dazu, wie wir alle arbeiten, einen Kommentar zum Wert dessen, was er schafft“. Sein Geld möchte er jedoch spätestens zum Ende der Ausstellung am 14. Januar 2022 wiederhaben. Solange betrachte er „Take the money“ als zeitloses Kunstwerk und nicht als raffinierten Kunstraub.

Wie sagte Beuys: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Somit bleibt Kunst eine Frage der Kreativität. Sowie: Der Betrachtung in unserem Auge. Der Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft. Und des Preises.

Work it out. Kunsten Museum Aalborg. Bis 14. Januar 2022.

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„Drei-Treppen-hoch-Leute“

Eine schöne Wohnung. Hell, geräumig, bezahlbar. Mitten in Berlin. Am besten mit Dachterrasse. Blick auf Fernsehturm, Park und Spree. In der verkehrsberuhigten, begrünten Straße Kneipe, Club und in der Nähe einen gepflegten Italiener. Dazu nette Nachbarn. Hausfeste. Stets ein Parkplatz vor der Tür. Wenn´s sein soll, Nightlife – bis der Arzt kommt. Wer will das nicht? Alles eine Frage des Portemonnaies. Wer zahlungskräftig ist, kann in der Hauptstadt eine Menge haben. Der Boom will nicht enden. Wer nicht mithalten kann, hat Pech gehabt. Alles neu? Von wegen. Geschichte wiederholt sich.

 

Theodor Fontane gehörte mit seiner Familie zu den „Trockenbewohnern“ in Berlin. Kunstdruck: Jürgen Wölk

Der Mann – ein renommierter Dichter, aber knapp bei Kasse – ist Anfang fünfzig, im besten Alter. Frau, vier Kinder. Die Familie ist „Trockenbewohner“ einer feuchten Parterrewohnung am Landwehrkanal. Der Eigentümer, ein Holzhändler, erhöht kräftig die Miete. „Geht nicht anders. Ich will auch vom Leben was haben.“ Der arme Poet bittet um Gnade. Es hilft kein Betteln, kein Klagen. Die sechsköpfige Familie in der Tempelhofer 51, parterre, muss raus. Wir schreiben das Jahr 1871. Berlin ist im Gründerrausch. Der gekündigte Parterrebewohner heißt Theodor Fontane. Nun beginnen seine mühsamen Wanderungen auf dem Wohnungsmarkt.

Nur wenig später, im März 1872 müssen die Fontanes auch ihre nächste Bleibe am einstigen Anhalter Bahnhof in der heutigen Stresemannstraße verlassen. Wieder zu teuer. Familie Fontane macht ein weiteres Mal Bekanntschaft mit drastischen Mietsteigerungen, Verdrängung und herzlosen Vermietern. Fontane schreibt an seine Freundin Mathilde von Rohr: „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon schrieb, dass unser Haus verkauft ist, dass die Mieten mindestens verdoppelt werden, und dass wir alle ziehen.“

 

Potsdamer Straße 134c. 3. Etage. Hier lebten nach vielen Umzügen zuletzt die Fontanes. Das Haus steht nicht mehr.

 

Am 3. Oktober 1872 ziehen die Fontanes in die Potsdamerstr. 134 c. Drei Treppen links. Hier tanzen Kakerlaken auf den Dielen. Es stinkt erbärmlich. Sohn Friedrich beschreibt die neue Bleibe als schäbig und furchtbar heruntergekommen. Egal. Die Familie wohnt nun immerhin im Vorderhaus. Doch die Vormieterin, eine ältere alleinstehende Frau muss weichen. Sie zischt beim Auszug dem neuen Nachmieter Fontane zu: „Na, Freude soll er hier nicht erleben.“ Fontanes sind von nun an „Drei-Treppen-hoch-Leute“. Fontane ist zufrieden. „Drei Treppen hoch wohnt sich´s gut“. Der soziale Aufstieg. Hier schreibt er seine letzten großen Romane über den Untergang einer ganzen Epoche. Effi Briest lässt grüßen. Hier bleibt der Mieter Fontane bis zu seinem Tode 1898.

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Wenn der Schuh drückt

Es riecht nach Leder und nach frischem Kleber. Endlich geschafft! Ein Schuster, der noch besohlt. Mittlerweile sind Handwerker gefragt wie eine bezahlbare Wohnung in der Innenstadt. Schuhmacher sind mindestens so begehrt wie faire Vermieter. Schnaufend erbarmt sich Meister Luschanski aus dem hinteren Teil seiner kleinen Werkstatt in den Verkaufsraum. Mit Kennerblick zieht er seine buschigen Augenbrauen kraus, als er meine desolaten Treter auf dem Ladentisch begutachtet. Es ist ein dänischer Markenschuh, keine Billigware. Er ist mir an den Fuß gewachsen. Ich will mich nicht trennen. Die Gummi-Sohle hat sich an der Schuhspitze aufgerollt. Akute Solpergefahr. Mmh, meint der Meister. „Alles Plastik! Keine Qualität. Das hält höchstens drei, vier Jahre.“ – „Vor genau zwei Jahren gekauft“, entgegne ich. „Sehnse, das ist das Elend. Ein Wegwerfartikel.“

 

 

Ich bereite mich auf das Schlimmste vor. Ich muss wohl Abschied nehmen von meinen bequemen Fußgefährten. „Macht 89 Euro! Mit Ledersohlen, die auch halten“, sagt der Meister und sieht meine überraschten Augen sprechen. „Gut. Ich mach´s für 80,-. Gegen Vorkasse aber nur in bar. Kartengerät habe ich nicht. Zwei Wochen Wartezeit. Ich habe viel zu tun.“ Ein „Noch“ schiebt er rasch hinterher. Schuster seien ein aussterbender Beruf, wie früher die Kohlekumpel. Die Zeiten seien längst vorbei, als es für seinen Berufsstand hieß „Handwerk hat goldenen Boden.“ Dann legt er los. Erzählt, dass er von einigen anhänglichen älteren Herrschaften aus den besseren Berliner Vierteln lebe, die ihre Schuhe bis zu zwölf- oder dreizehn Mal besohlen lassen. „Gute Schuhe können ein Leben lang halten“, betont er. „Drei bis vier Paare reichen. Mehr braucht kein Mensch“. Aber die Generation Greta trage nur noch Turnschuhe oder Sneakers. Die landen zum Saubermachen in der Waschmaschine, wenig später im Mülleimer.

 

Schuhe zum Lüften. Gesehen in Flensburg.

 

Tja. So ist das, sagen seine Augen. Er prüft noch einmal die kaputte Plastiksohle. Dann lehnt sich der Meister über den Ladentisch. Nachhaltig soll alles sein, erklärt er, die Umwelt wolle man schützen, aber die Menschen trügen heutzutage zusammengeklebte Plastiktüten um die Füße. Gesund sei das nicht. Nicht für die Füße. Nicht für die Umwelt, nicht für den Mittelstand, der noch repariert und bewahrt. Schuhmacher befänden sich auf verlorenem Posten. Von der eigenen Hände Arbeit könne keiner mehr richtig leben, sprudelt es weiter. Vielleicht wird aus seinem Laden bald ein Sushi-Lieferservice oder ein Späti.

 

Frisch besohlt? – Nur gegen Vorkasse.

 

Ob er Hoffnung habe, dass sich was ändere? Meister Luschanski lacht kurz laut und gallig auf. „Christian Lindner verspricht uns ja alles. Aber am Ende denkt er nur an sich selbst. Kannste abhaken!“ Ich gebe ihm meine Anzahlung. Er überreicht mir den Abholschein wie eine Reliquie und dankt für mein Vertrauen. Ach, was für ein schönes altmodisches Wort: Vertrauen.