Archive for : Februar, 2024

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Tapfer in den Tod?

Stille und mutige Menschen haben es schwerer als umjubelte Heldenfiguren, die ans Licht drängen. Frauen und Männer, die wenig Aufhebens machen, die um der Sache willen tätig werden. Hilde und Hans Coppi sind stille Helden. Sie Zahnarzthelferin, er einfacher Dreher. Ein verliebtes junges Paar in Zeiten des Faschismus. Sie ist schwanger. Beide schließen sich einer Gruppe Gleichgesinnter an, die in den ersten erfolgreichen Kriegsjahren der Nationalsozialisten nicht schweigen wollen. Während die NS-Propaganda von allen Fronten Siegesmeldungen verkündet, wagen in Berlin rund 150 Menschen kleine Widerstandsaktionen. Sie kommen aus allen Schichten, kleben Flugblätter an Hauswände, hören ausländische Sender ab, schicken Funksprüche nach Moskau. Die Gestapo nennt sie „Rote Kapelle“. Nach Verrat werden deren Mitglieder bis 1943 nahezu alle festgenommen und hingerichtet. Ihr Aufbegehren – ein sinnloser Akt?

 

Hilde Coppi. (1909-1943)

 

Hilde Coppi ist Anfang dreißig. Mit ihrer großen Liebe Hans verbringt sie herrlich unbeschwerte Sommertage an märkischen Seen. Hilde ist eher zurückhaltend, beobachtend. Ihr Spitzname: die „Gouvernante“. Als sie bemerkt, dass Hans in ihrer Datsche heimlich Funksprüche nach Moskau absetzt, macht sie mit. Die werdende Mutter hört „Radio Moskau“ ab, um Gefangenenmeldungen weiterzugeben, hinterlegt in der S-Bahn Flugblätter. Unspektakuläre Formen von Widerstand gegen das allmächtige NS-System. Die beiden werden denunziert. Die schwangere Hilde kommt im September 1942 ins Frauenzuchthaus an der Barnimstraße. Sie bekommt ihr Kind im Gefängnis und nennt den Jungen Hans wie ihren Mann, der im Dezember 1942 unter dem Fallbeil stirbt. Auch Hilde wird wegen „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung, Spionage und Rundfunkverbrechen“ zum Tode verurteilt. Ihr Gnadengesuch lehnt Hitler im Juli 1943 persönlich ab.

 

Hilde Coppi. Foto: Stiftung 20. Juli

 

In der Todeszelle schreibt sie an ihre Mutter Hedwig Rake: „Du wirst dir denken können, dass ich keine schönen Stunden hinter mir habe. Ein Glück, dass das kleine Hänschen noch bei mir ist, in seinem Interesse muss ich mich sehr zusammennehmen. Ach, Mama, der Gedanke an die Trennung von meinem Kinde will mich fast verzweifeln lassen. Ich glaube für eine Mutter kann es keine größere Strafe geben, als sie von ihrem Kind zu trennen.“ Die Hinrichtung wird um einen Monat verschoben, damit sie ihren kleinen Hans abstillen kann. Am 5. August 1943 wird Hilde Coppi in Plötzensee mit zwölf weiteren Frauen der „Roten Kapelle“ enthauptet.

Andreas Dresen hat dem Ehepaar Coppi ein filmisches Denkmal gesetzt. Liv Lisa Fries aus „Babylon Berlin“ spielt „In Liebe, deine Hilde“ eine junge Hilde, die ihrem Gewissen folgt. Der sensible, kammerspielartige Film geht unter die Haut. Selbst das abgebrühte Berlinale-Pressepublikum zückt Taschentücher. Dabei werden Hilde und Hans Coppi nicht verklärt. Sie bleiben nahbar, zuversichtlich bis verzweifelt, mutig wie resigniert. Bei den Verhören fehlen übliche Klischees. Es wird nicht ständig gebrüllt. Der Film konzentriert sich auf die kalte Mechanik eines Apparats, der jeden Widerspruch verfolgt. Aufseherinnen, Ärzte, Schwestern, Vernehmer und Richter sind Rädchen – „Das ist Vorschrift!“ – im Getriebe eines Systems, das von millionenfacher Anpassung getragen wurde. Dresens filmische Umsetzung öffnet Raum für eigene Gedanken: Wie hätte ich mich verhalten?

 

 

Von den geheimen Funksprüchen nach Moskau kam nur ein einziger durch. Die Reichweite des Funkgeräts war zu kurz. Die Aufrufe zum Widerstand in Museen oder an Wänden wurden getilgt, Flugblätter vernichtet, als wäre nichts geschehen. Nach dem Krieg wurde das hingerichtete Ehepaar Coppi in der DDR als Widerstandskämpfer gefeiert, im Westen lange als kommunistische Verräter ignoriert, danach gesamtdeutsch vergessen. Der neue Dresen zeigt beklemmend, dass ihre Widerstands-Geschichte keineswegs Vergangenheit ist. Politischer Terror ist heute weltweit auf den Vormarsch. Und kommt uns immer näher. Sohn Hans Coppi Jr. lebt in den USA. Er warnt mit seinen 81 Jahren am Ende des Films, Geschichte möge sich nicht wiederholen. „Anstand lohnt sich immer“, betont Drehbuchautorin Laila Stieler. Wirklich? Auch wenn die Todesstrafe droht? Tja, noch eine Aufforderung zum Nachdenken.

 

 

Leider ging der berührende und pathosfreie Film über Hilde und Hans Coppi auf der Berlinale leer aus. Keine Preise, keine Erwähnung, auch nicht für die hervorragende Lena Liv Fries. Das war fast erwartbar. Berlinale-Jurys favorisieren eher zeitgeistige, cineastische Außenseitersujets. Da haben es heimische stille Helden und deren Geschichten über Anstand, Mut und Tapferkeit schwer. Am 17. Oktober 2024 kommt „In Liebe, Eure Hilde“ in die deutschen Kinos.

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Berlins längste Röhre

Fehrbelliner Platz. „Einsteigen, bitte!“ In der U7 kannst du Berlin hautnah erleben. Der alltägliche Untergrund. Authentisch, ungeschminkt, ruppig und überraschend wie die Stadt. Willkommen in Berlins Bandwurm U-Bahn von Spandau nach Rudow, unweit vom Flughafen BER. Die U7 ist die längste unterirdisch verlaufende U-Bahn-Linie Deutschlands. Eine Zeit lang war sie sogar der längste Tunnel der Welt. Der Spaß kostet 3.50, – im Einzelfahrschein. Die Strecke ist 32 Kilometer lang, zählt vierzig Stationen. Die Fahrt durch die längste Röhre der Hauptstadt dauert eine knappe Stunde.

 

 

„Zurück bleiben!“ In vollen Zügen riecht es nach Alk, Schweiß, Parfum, kaltem Rauch und immer häufiger nach Armut. An den Haltestellen kannst du rasch die sozialen Milieus oberhalb am Tageslicht erkennen. Auf das piefige Spandau, folgen die bürgerlichen Enklaven Charlottenburg und Wilmersdorf. Das lebendige Schöneberg endet abrupt im dunklen Drogenloch U-7-Yorckstraße in Kreuzberg. Weiter geht die Reise im 5-Minutentakt zum sogenannten „Gazastreifen“, der spätestens am Hermannplatz beginnt, mit allem Licht und Schatten, was Berlin zu bieten hat. Schließlich wird es Richtung Rudow wieder etwas entspannter und braver.

„Hey, von der Tür weg. Sonst mach ich Pause!“ dröhnt es aus dem Lautsprecher. Die U7 transportiert die ganze Welt aus über 150 Nationen. Berufstätige, Pendler, Schüler, Studis, Rentner, Selbstdarsteller, Paradiesvögel, Touris, Bettler, Obdachlose, alles ist an Bord. Alle vier, fünf Stationen kann jemand mit Programm zusteigen. Text ungefähr so: „Tach. Ich bin Rudolf, unfreiwillig auf der Straße. Ich weiß, ich nerve. Ich weiß aber nicht, wo ich heute schlafen soll. Jede kleine Spende hilft. Ein Apfel, zwei Groschen, kann auch mehr sein, Ihre Pfandflasche. Bleiben Sie gesund. Gute Weiterfahrt.“ Nach seinem Kurzauftritt schiebt sich der Verzweifelte durch die stumme Menge. Sogleich kreist ein schmutziger Becher vor deiner Nase, du sollst etwas geben. Dein abgebrühtes Großstadt-Gesicht verhärtet sich zu Beton. Schon der dritte Schnorrer heute. Sollen doch andere etwas geben. Ich kann nicht alle in Not retten…“

 

 

„Knocking on heavens door…!“ Ein Australier quält seine Gitarre und die meisten Mitfahrenden. Er meint, Bob Dylan zu sein. Eine Migrantenmama brüllt in ihr Smartphone. Der Ton ist voll aufgedreht. Ein Alki ist eingeschlafen. Er lümmelt auf der Bank in voller Länge. Plötzlich steigen zwei Aufpasser vom Ordnungsdienst zu. „Geschlafen wird hier nicht“, sagt der Kräftigere in gebrochenem Deutsch und rüttelt den Mann wach. „Lass ihn doch pennen“, kontert eine junge Frau mit lila rot gefärbtem Haar. „Er stört doch keinen.“ Wortlos schnappen sich die beiden Bodybuilder-Jungs den verkaterten Kerl und bugsieren ihn beim nächsten Halt auf den Bahnsteig. Sie gestikulieren noch: „Bruder. Dort Ausgang. Tschüss!“

507 Gewalttaten verzeichnet die Statistik in einem Jahr. Die U7 liegt auf Platz zwei in der Hauptstadt. Schlimmer ist nur noch die U8. Selbst die kräftigen Kontrolletis fürchten Messerattacken. Stiche in den Oberkörper zählen bei Gericht als „schwere Körperverletzung“. Stiche in den Oberschenkel dagegen als „versuchten Mord“, wegen der Hauptschlagader. Wen sie ohne Ticket antreffen, dem sagen sie: „Wenn du nichts zahlst, musst du Strafe, Bruder.“ Trotz alledem fahre ich fast täglich U-Bahn. Nicht aus Leidenschaft, aber sie bringt mich in der verstopften Stadt schnell ans Ziel. Trotz aller Vorfälle und Schlagzeilen fühle ich mich sicher. Wenn die U-Bahn nur nicht so oft ausfallen würde wie in jüngster Zeit. In späten Abendstunden kommt sie manchmal gar nicht mehr. Die Gründe sind so vielfältig wie Berlin. Baustellen. Personalmangel. Grippewelle. Kabeldiebstahl. Oder das allseits beliebte: „Störungen im Betriebsablauf!“

 

 

„Nächster Halt: Fehrbelliner Platz.“ Meine Station an der längsten Berliner U-Bahn-Linie U7. Irgendwo in den langen Gängen streiten sich übermütige Kids. „Kriegst gleich was auf die Fresse.“ Ich ziehe den Kopf ein, eile die Treppen hoch, laufe den krumm gebogenen Bahnsteig der U3 entlang, Richtung Ausgang Hohenzollerndamm. An der letzten Bank ist der Stammplatz der Trinkerfraktion. Die Sterni-Flaschen kreisen. Im Beutel scheppern leere Pfandflaschen. Einer steckt sich seine selbstgedrehte Kippe an. „Hör uff! Roochen is verboten, weeßte doch!“ lallt sein Banknachbar. Der Kippenmann winkt ab: „Is mir doch egal!“

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„Wir werden mehr gehasst als Nordkorea“

Es ist zum Verzweifeln! Wie bei Kain und Abel nimmt das Drama im Nahen Osten seinen Lauf. Scharfmacher schüren das Feuer. „From River to the sea, Free Palastine!“ rufen pro-palästinenische Aktivisten. Ein kleines Häuflein jüdischer Gegendemonstranten kontert: „Free Palastine – from Hamas!“ Demos vor der FU Berlin mobilisieren ein Großaufgebot an Polizei. Hörsäle werden besetzt und Vorträge müssen abgebrochen werden. Ein jüdischer Student wird krankenhausreif geschlagen. Die studentische Mehrheit an den Unis schaut weg, die Uni-Leitung versucht sich rauszuhalten. Der FU-Präsident braucht eine Woche Zeit, um erst nach großem öffentlichen Druck ein dreimonatiges Hausverbot für den Schläger zu erteilen. Die Lautstarken bestimmen den Ton. Das Klima ist vergiftet. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober, seit dem Einmarsch der Israelischen Armee mit mehr als zwanzigtausend Toten, stellt sich die Frage, was wir tun könnten. Zum Beispiel David Grossman zuhören, dem großen alten Mann der israelischen Literatur.

 

David Grossman. „Frieden ist die einzige Option“.

 

„Wissen Sie, manchmal höre ich hier Leute sagen, dass die Israelis den Palästinensern das antun, was die Deutschen uns im Zweiten Weltkrieg angetan haben. Ich denke, das ist falsch, aber ich glaube, dass etwas Komplizierteres wahr ist und es mit dem zu tun hat, was man uns angetan hat. Wir sind deshalb nicht in der Lage, wirklichen Frieden zu schließen. Das Gefühl des tiefen Misstrauens und der Verletztheit muss geheilt werden, bevor wir in der Lage sind, Frieden mit den Palästinensern zu schließen.

Israel kann kritisiert werden und sollte manchmal sogar kritisiert werden. Aber es sollte nicht delegitimiert werden. Es sollte keine Zielscheibe für Stimmen sein, die dazu aufrufen, Israel zu vernichten. Wir hören es immer wieder, Massendemonstrationen, Tausende oder Hunderttausende von Menschen, die den Tod Israels fordern, die Zerstörung. Kein anderes Land der Erde hat solche Stimmen gegen sich. Nicht einmal das schreckliche, grausame Nordkorea, nicht der Irak zur Zeit Saddam Husseins, nicht Russland, das die Ukraine vergewaltigt. Niemand sagt, lasst uns Russland abschaffen, lasst uns den Irak abschaffen. Diese Rufe gibt es nur, wenn es um Israel geht.

Die moralische Verantwortung der Deutschen gegenüber Israel ist es, die Legitimation zu betonen und daran zu erinnern, auf die Nuancen der Situation zu achten. Es gibt so viele Nuancen. Jeder, der Ihnen sagt, dass er oder sie das Pro­blem sofort lösen könne, weiß nicht, wovon er spricht. Es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis wir anfangen, uns zu erholen. Von der langen Besatzung und von dem schrecklichen Massaker. Und noch einmal, ich vergleiche die beiden nicht. Ich denke, dass beides zwei völlig verschiedene Realitäten sind.“

 

Nach der Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023. Das Wohnhaus der Familie Babis in Nir Oz. Die Großeltern wurden erschossen. Mutter Shiri (33) und Vater Yarden Bibas (34), ihre Kinder Ariel (4) und Kfir (damals 10 Monate) wurden entführt. Sie sind verschollen.

 

Gaza-City nach israelischen Bombardierungen. Ende Oktober 2023. Bisher kamen über 27.000 Menschen ums Leben. (Stand: Mitte Februar 2024 nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde)

 

Frieden ist die einzige Option, so heißt das neue Buch von David Grossman. Der 70-jährige fragt: „Wie viel Blut muss noch vergossen werden, bis wir einsehen, dass der Frieden unsere einzige Option ist?“ Der Schriftsteller verlor 2006 seinen zwanzigjährigen Sohn Uri im zweiten libanesischen Krieg. Grossman hielt im Oktober 2023 in Israel die Trauerrede für die Angehörigen des Hamas-Massakers.

 

Uri Grossman (1985-2006)

 

Über den frühen Tod seines Sohnes schrieb er diese Zeilen:

Aus der Zeit fallen…

„Wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter
am Tag der Gleiche sich treffen,
so mischen Tod und Leben sich in mir
mit einer Präzision und Weisheit,
die mir – Elendigen –
zuteil wurde zum Preise deines Lebens
(welch bitteres, abscheuliches Geschäft!) –
Und doch, mein Mädchen, ich muss es dir sagen,
sonst werd ich verrückt –
zum ersten Mal weiß ich jetzt
nicht nur, was Tod,
sondern auch was das Leben ist.“

 

 

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An der Grenze

Kann Kino die Welt verändern? Ja, manchmal für ein paar heitere Stunden. Ganz selten kann ein Film eine Gesellschaft aufrütteln oder ein ganzes System von Gewissheiten durchschütteln. Das ist Zielona Granica (Green Border) gelungen. Es ist der neue Spielfilm von Agnieszka Holland, der großen alten Dame des Kinos. Zweieinhalb Stunden emotionales Kino, genauer und aufwühlender als die meisten TV-Dokus oder Internetschnipsel zusammen. Wie alle großen Würfe ist die polnische Produktion Green Border höchst umstritten: Machwerk für die einen, Meisterwerk für andere. Bei den Filmfestspielen von Venedig 2023 mit Preisen überschüttet, in Polen attackiert und von der damaligen Regierung als NS-Propaganda diffamiert.

 

 

Die Geschichte spielt im Beloweschen Wald, einem der letzten Urwälder Europas an der belorussisch-polnischen Grenze. Im Sommer 2021 organisierten Putin und Lukaschenko eine Route für Armutsflüchtlinge aus aller Welt, schleusten Abertausende Menschen aus aller Welt, um sie als Waffe gen Westen zu schicken. Die überforderten polnische Grenzer schickten auf Geheiß ihrer nationalkonservativen PIS-Regierung die Menschen postwendend zurück. Die Folge: Brutale Push-Backs an der EU-Außengrenze, in Einzelfällen bis zu fünf- oder sechs Mal. Die gesamte Grenzregion wurde militarisiert. Eine Sperrzone errichtet. Flüchtlinge wurden hin- und hergetrieben, abgeschnitten von jeder Hilfe. Der Alltag: Tritte, Schläge, Schusswaffengebrauch, Pfefferspray, Ausziehen bei Leibesvisitationen, Verletzungen, Unterkühlung, Erfrieren. Bisher wurden 55 Tote registriert, über dreihundert Menschen gelten bis heute als vermisst. Die NGO-Hilfsorganisation „Grupa Granica“ konnte rund zehntausend Menschen in Not helfen. Mittlerweile hat Polen für vierhundert Millionen Dollar einen nahezu unüberwindbaren fünf Meter hohen Zaun gebaut.

„Die Realität an der Grenze ist härter als im Film, das Drama da draußen ist noch größer“, sagt die polnische Journalistin Anna Alboth. „Wie in jeder Gesellschaft gibt es diejenigen, die Leben retten, und diejenigen, die sich um ihr eigenes Wohlergehen kümmern.“ Regisseurin Agnieszka Holland erzählt das Flüchtlingsdrama in ihrem Heimatland aus verschiedenen Perspektiven. Da sind: Bashir und Amina, sowie deren syrische Familie, die vor Krieg und Willkür nach Schweden flüchten. Jan, der sensible Grenzschützer. Seine Frau ist schwanger. Er baut ein Haus und will seinen Job nicht verlieren. Julia, die erschöpfte Psychotherapeutin. Sie will sich an ihrem Feriensitz neu erfinden, gerät in den Strudel der Ereignisse und entscheidet sich zu helfen.

 

Agniezska Holland (links) mit Schauspielerin Maja Ostaszewska (Julia) Ende Januar 2023 bei der Berliner Premiere.

 

Die vielfach ausgezeichnete 75-jährige Agnieszka Holland sagte bei der Premiere in Berlin, sie könne keine Dokus machen. Deshalb die Geschichte als Fiktion. Was ein Glück! Gerade der Spielfilm entwickelt die Kraft, hinter Mauern von Vorurteilen und Klischees zu schauen: Wer sind die Geflüchteten? Die Grenzer? Die Helfer? Der Film differenziert und holt ein Stück Wirklichkeit aus dem Hinterhof Europas auf die Leinwand. Regisseurin Holland: „Wir dürfen unsere Menschlichkeit nicht verlieren. Die Schutzimpfung durch den Holocaust hat an Wirkung verloren.“ Ihr Film hat eine Menge bewegt. Er war der zweiterfolgreichste Streifen des letzten Jahres in Polen, er löste leidenschaftliche Debatten aus, die Jarosław Kaczyński-Regierung wurde abgewählt. Jetzt läuft Green Border in Deutschland. Agnieszka Holland: „Europa hat Angst. Wir haben keine Antworten auf Krieg, Klimakrise und Migration. Die einzige Antwort sind Mauern.“