Nah am Wasser
Es ist kurz vor fünf Uhr nachmittags im Giardini. Zwischen den Biennale-Pavillons in Venedigs großer Kunstausstellung wandelt ein erschöpftes Publikum. Plötzlich entwickelt sich eine aufgeregte, große Menschenansammlung. Am österreichischen Pavillon laufen die Leute handybereit zusammen. Eine Nackte mit Sauerstoffgerät ist in einem Bassin zu sehen. Sogleich schreitet eine Performerin zu einer vergoldeten Bronzeglocke auf der zu lesen ist: „O Tempora, o Mores.“ Tja, willkommen im Herbst 2026. Oh Zeiten, oh Sitten… Das Publikum zückt die Smartphones. Es geht los.
Flugs klettert die Nackte an einem Seil akrobatisch nach oben. Sie verschwindet unter der Glocke und taucht mit dem Kopf nach unten wieder auf. Punkt Fünf benutzt die Performerin ihren Körper als menschlichen Klöppel, um die Glocke fünfmal laut läuten zu lassen. Die Zuschauer stimmen beeindruckt ein Ah und Oh an. Ein Raunen wie auf dem Rummelplatz. Schaulust vom Feinsten. Hier findet sie statt: die Performance der österreichischen Künstlerin Florentina Holzinger. Hochgehypte Theaterexpertin für Körperaktionen aller Art bis jenseits der Schmerzgrenze.

Wenn die Glocke schlägt, ist auf der Biennale das Team Florentina Holzinger aktiv. Mit vollem Körpereinsatz.
Was ist das? Provokation? Ein Weckruf des Matriarchats? Oder ein perfekt inszeniertes Spektakel für eine satte Gesellschaft, die im Instagram-Zeitalter bedient werden will? Die zusammengelaufene Menge applaudiert nach dem letzten Glockenschlag artig. Die Performerin seilt sich ab und verlässt erhobenen Hauptes die Bühne. Was war das nun? Zeitvertreib für Voyeure oder moderne Kunst des 21. Jahrhunderts, die wachrüttelt? Wir sind ratlos, gleichwohl waren wir genauso gebannt wie die nunmehr dem Ausgang zuströmenden Massen. Nun geht es Richtung Markusplatz, Rialtobrücke oder Canale Grande. Vermutlich in Erwartung eines Dinners mit Sonnenuntergang in einer „der schönsten Städte der Welt“.
Venedig hält, was es verspricht. Ein Architekturensemble zum Niederknien. Erfolgreich widersetzen sich deren Bewohner seit Generationen allen Untergangsszenarien. Die Stadt auf 127 Inseln versucht weiter den Massentourismus zu zähmen, um den UNESCO-Welterbetitel nicht zu verlieren. Mittlerweile verlangt Venedig 3,50 Euro Eintritt pro Nacht. Ja, die Lagunenstadt leidet unter den Wellen der vielen Motorboote, unter Hochwasser, Überalterung und Bevölkerungsschwund. Jede Wohnung, die in ein Airbnb-Apartment umgewandelt wird, beschleunigt den Niedergang. Dennoch bleibt die Schönheit, mit ihren Fassaden, Kirchen und Brücken aus der Zeit der Renaissance. Eine Stadt ohne Straßen, Autos und Radverkehr. Nur für Fußgänger, Flaneure und Gondolieri. Eine logistische Meisterleistung, täglich viele Tausend Einwohner und Touristen zu versorgen.

Die wunderbare Welt der Nilbar Güres aus der Türkei. Schönheit und Fantasie trotzen Willkür und Gleichschritt.
Kunst entsteht im Auge der Betrachter. Eine Floskel, die auch für der 61. Biennale gilt. Bereits nach wenigen Stunden gerät man angesichts der Bilderflut ans Limit. Die Weltkunstschau (bis November 2026) brummt und summt mit Impressionen, Installationen, Eindrücken und Reizen aller Art. In den Arsenalen, in den Gärten, in der gesamten Stadt. Meine persönlichen Highlights: „A Kiss on the Eyes.“ So lautet die liebevolle Schlussformel in türkischen Korrespondenzen an Freunde. So sehen die wundersamen Gebilde der Künstlerin Nilbar Güres aus. Fantasievoll und kreativ. Ein Fest für Augen, Sinne und Seele.

Im Palazzo Franchetti stellt der usbekische Künstler Vyacheslav Akhunov seine Arbeiten gegen das Vergessen aus.
Am Canale Grande sind die Werke von Vyacheslav Akhunov (*1948) im prachtvollen Palazzo Franchetti zu sehen. Der Usbeke erinnert messerscharf an Allmacht, Verfolgung und Deportation in seiner Heimat. An Menschen in der untergegangenen Sowjetunion, an Vergessene, Abgehängte und Ausgegrenzte. Akhunov präsentiert Koffer, Briefe, Fotos oder kleine bunte Stalinbauten voller sozialistischem Kitsch und Alltagszenen. Ein lebendiges Archiv. Geschichte greift in die Gegenwart. Weltweit. Wichtig in unseren schnelllebigen Zeiten. Noch wichtiger in der aktuellen Eskalation, in der Kunst wieder von einigen wenigen Herrschern dominiert und diktiert werden soll.

Nichts geht verloren bei Vychaslav Akhunov aus Usbekistan. Ein lebendes Archiv von und mit Menschen, die sonst vergessen werden.
Selbstverständlich bietet die Biennale 2026 viel mehr. Allerlei Absurdes, Banales oder Grenzwertiges. Ob Babypuppen, die Besucher im japanischen Pavillon wickeln können oder Urschreitherapien wie in der niederländischen Performance, in der aggressiv geschrien wird, als gebe es kein Morgen. „Ruin“ ist der deutsche Beitrag der viel zu früh verstorbenen Henrike Neumann. Sie erinnert in kühler, mintgrüner Strenge an unsere eigene wechselvolle Geschichte. Um 18 Uhr ist Schluss auf der Biennale. Molto bene! Die Fülle der Eindrücke wollen verdaut werden. Am besten sucht man einen der Kanäle auf, isst ein paar Nudeln, trinkt ein Glas Wein und schaut dem bunten Treiben zu. Venedig dankt mit dem Spiel seiner Wellen und der Geschäftigkeit der Menschen. Sie alle verweilen in einer Stadt, die nah am Wasser gebaut ist – und trotz aller Widrigkeiten – ach, so schön ist.

„Verweile doch! Du bist so schön.“ Noch mehr Kunst gibt es zum Beispiel in Venedig-Guidecca zu entdecken. Wie wäre es mit Michael Corner und seiner Goethe Interpretation? Viva Venezia!