Archive for : Oktober, 2026

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Du kannst eine Kerze ausblasen…

…aber nicht das Feuer, das lodert. Gute Ideen setzen sich durch. Nicht alle, aber diese hat es geschafft: Playing for Change. Musik für die Welt. Vor etwa zwanzig Jahren beschließen die Musikproduzenten Mark Johnson und Enzo Buono ausgetretene Wege zu verlassen. Sie wollen Songs produzieren, die unter die Haut gehen und etwas verändern. Weltweit. Ob in New York oder Nepal. Ghana oder Cuba. New Orleans oder Neu Delhi. Initiator Marc Johnson reist mit Enzo Buono um den Globus, um populäre Titel von unterschiedlichsten (Straßen-)Musikern interpretieren zu lassen. Musik als universelle Sprache, um „zu inspirieren, zu verbinden und der Welt mittels Musik Frieden zu bringen“. Große Worte, gewiss. Aber aus kleinsten Anfängen wird 2008 eine weltweite Bewegung. Der erste Song Stand by me schlägt ein. In Barcelona, Benin oder Neuseeland.

 

 

Imagine von John Lennon, Peace Train von Cat Stevens oder When The Levee Breaks mit John Paul Jones. Lieder reisen um die Welt. Mit Hilfe eines mobilen Tonstudios zeichnet das Playing for Change-Team die jeweiligen Interpretationen des Songs auf, um in der Postproduktion zusammengefügt zu werden. Mittlerweile sind weltweit über tausend Musizierende in das Projekt involviert. So entstehen Collagen, die Musiker, Chöre und Bands unterschiedlichster Ethnien und Kulturen in ihrem heimatlichen Umfeld und meist unter freiem Himmel zeigen.

 

 

Doch Playing für Change will mehr sein als vier oder fünf Minuten YouTube-Folklore. Die Songs sollen als Herzschlag eines sozialen Wandels dienen. Über dreihundert Mitarbeiter wirken vor Ort mit: Musiker, Künstler, Techniker und Koordinatoren, die von ihrer Arbeit leben können. Sie geben jährlich über 80.000 Stunden kostenlosen Unterricht für mehr als siebtausend Kinder in 26 Ländern. Von Argentinien über die Ukraine, von Uganda bis Thailand. Während sich autokratische Regierungen, darunter auch das Trump-Regime, aus UN-Programmen zurückziehen, versucht die private Initiative von Playing für Change spendenfinanziert dagegen zu halten.

 

 

Die eigentlichen Stars in den Videos sind weder Bono, Peter Gabriel noch Ringo Starr, es sind Amateure und Straßenmusiker. Sie wollen zeigen: eine bessere Welt ist möglich. Jenseits von Krieg, Katastrophen und Korruption. Lieder können genügend Kraft entwickeln, um Machthaber zu stoppen sowie Grenzen zwischen den Menschen zu überwinden. Wie heißt es so treffend im Song Biko von Petr Gabriel: „Eine Kerze kannst du ausblasen, doch ein Feuer nicht. Haben die Flammen erst einmal Nahrung gefunden, wird der Wind sie noch höher lodern lassen.“ Das Apartheid-Regime ließ Steve Biko ermorden. Ein gutes Jahrzehnt später musste die Regierung von Südafrika abdanken. Es stimmt: Musik kann Herzen entflammen. Leider dauert es manchmal viel zu lange, bis der Funke überspringt. Aber eines ist gewiss: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.

 

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Reden ist Silber…

… Schweigen ist Gold. So sagt der Volksmund. In den meisten Familien hat dieser Satz Goldstandard. Vielleicht ist es besser, bestimmte Geheimnisse für sich zu behalten. Aus guten Gründen. Dagegen stehen jedoch so viele Fragen, die auf Antworten warten. Wie war das in unserer Familie? Die junge Autorin Alisha Gamisch, 1990 am Tegernsee geboren, hat das Schicksal ihrer Vorfahren nicht zur Ruhe kommen lassen. Alisha hat eine Russlanddeutsche Familiengeschichte. Die sogenannten Kontingentflüchtlinge aus der UdSSR/ Russland lieben Putin und Helene Fischer, heißt es, viele würden AfD wählen. Stimmt das? Alisha Gamisch widerspricht. Sie wagt mit ihrem ersten Roman Parasiti einen präzisen Blick auf ihre russisch-deutsche Familie, der von Bayern nach Sibirien führt. Ihr Debüt war zum Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Aus gutem Grund.

 

Alisha Gamisch. Mit ihrem Debüt Parasiti sofort auf die Longlist des Deutschen Buchpreis 2026.

 

„Ich hatte nur einen, und das war kein Richtiger. … Ich weiß ja nicht, was Liebe ist.“ Das sagt Oma Lydia über ihren Sahska. Ehemann, Musiker, Trinker und ein Parasit, der abends, wenn er nach Hause kommt, immer „herumrutschen“ will. „Wenn sie Glück hat, tut es nicht weh“. Aber irgendwann hat die Näherin wieder einen „Braten in der Röhre“. Im Krankenhaus von Nowosibirsk kennt sie „die Kittel, das Umziehen, das „Schnell, schnell, beeilt euch, wir haben nicht ewig Zeit! … das Eisen, das sie brauchen, um das Knäulchen rauszuholen.“ Lydias Unterleib fühlt sich danach an, „als hätte man ihn mit Schwiegervaters Fleischklopfer bearbeitet“. Dabei ist Lydia eine Frau, die alles übersteht. Krieg, Vertreibung, Deportation, Barackenleben und Ausreise als Spätaussiedlerin nach Deutschland. Dort bleibt sie die Fremde. Eine „Rucksack“-Deutsche, die jetzt die Russin ist. In Sibirien war sie die Deutsche, eine „Fashisti“.

 

Russlanddeutsche. Zu Hunderttausenden kamen sie aus der einstigen Sowjetunion. Immer unter Druck. Deportiert, ausgewiesen, spät „ausgesiedelt“. Heute: Alles Putin-Fans? Stimmt das?

 

Was vererben wir und was behalten wir lieber für uns? Wie prägen Herkunft, Familie und Tradition? Was ist Heimat? Die neugierige Enkelin Rina ist eine rotblonde Sozialarbeiterin mit blauem Kinn, „geschwollen wie ein aufgegangener Dampfnudelteig“, nachdem sie Prügel von ihren Schutzbefohlenen bekommen hat. Hartnäckig will sie wissen, was in der Familie los ist. Der Grund: Die Frauen erreicht im Reihenhaus von Fürstenfeldbruck der Aufruf einer Lebensschutzorganisation, in der Abtreibung als Mord angeklagt wird. Der Flyer schlägt wie eine Bombe ein. Die Großmutter erstarrt. Tante Valli, ein Kuckuckskind, verstummt. Das große Schweigen. Enkelin Rina fragt weiter.

 

Wenn ein Leben in einen Koffer passt. Menschen auf der Flucht. Eine Arbeit von Vychaslav Akhunov aus Usbekistan auf der Biennale in Venedig 2026.

 

Tante Valli ist eine Patzanka, ein Mannsweib. Klare Ansagen, schroffer Ton. In der russischen Schule wurde sie als Deutsche gemobbt. Valli strickt, repariert den Herd, isoliert Fenster, schaut auf dem Chamäleonsofa den gutaussehenden „Bergdoktor“ und backt Kribli. Sie ist gerne mit ihrer Nichte Reni zusammen, auch wenn sie mit ihren Fragen manchmal nervt. Parasiti ist ein Generationenroman. Alisha Gamisch erzählt von der engen Familienbande, die ihre Romanfamilie wie ein Seil verbindet und hilft, aber auch bedrückt und einengt. So entsteht eine intensive Nahaufnahme von Tradition, Enge, häuslicher Gewalt und zärtlicher Intimität.

Oma sagt: „Wir sind Deutsche – das ist alles.“ Trotzig-standhaft lebt sie ihrer Enkelin vor, wie das Leben dicke Seile um die Familie geschlungen hat. Wenn nur nicht der Mushik wäre, der vermeintliche Herr im Hause, der Wodka-geschwängert abends sein Eherecht einfordert. Die Russlanddeutsche Oma Lydia bleibt sich treu: Egal, ob Männer, Kälte, harte Arbeit in der Kolchose, Stalin oder Putin. Es gibt Dinge, die muss man selbst regeln. Da hilft keine Macht, keine Politik, kein Gott.

 

Alisha Gamisch in der Reihe „Neben der Spur – Europ. Festival der Reiseliteratur“ in Wustrau. Oktober 2026. Foto: Henry Mundt.

 

Alisha Gamisch. Parasiti. Ein starkes Debüt. Eine bewegende Geschichte, die das große Schweigen in Familien durchbricht.

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Nah am Wasser

Es ist kurz vor fünf Uhr nachmittags im Giardini. Zwischen den Biennale-Pavillons in Venedigs großer Kunstausstellung wandelt ein erschöpftes Publikum. Plötzlich entwickelt sich eine aufgeregte, große Menschenansammlung. Am österreichischen Pavillon laufen die Leute handybereit zusammen. Eine Nackte mit Sauerstoffgerät ist in einem Bassin zu sehen. Sogleich schreitet eine Performerin zu einer vergoldeten Bronzeglocke auf der zu lesen ist: „O Tempora, o Mores.“ Tja, willkommen im Herbst 2026. Oh Zeiten, oh Sitten… Das Publikum zückt die Smartphones. Es geht los.

Flugs klettert die Nackte an einem Seil akrobatisch nach oben. Sie verschwindet unter der Glocke und taucht mit dem Kopf nach unten wieder auf. Punkt Fünf benutzt die Performerin ihren Körper als menschlichen Klöppel, um die Glocke fünfmal laut läuten zu lassen. Die Zuschauer stimmen beeindruckt ein Ah und Oh an. Ein Raunen wie auf dem Rummelplatz. Schaulust vom Feinsten. Hier findet sie statt: die Performance der österreichischen Künstlerin Florentina Holzinger. Hochgehypte Theaterexpertin für Körperaktionen aller Art bis jenseits der Schmerzgrenze.

 

Wenn die Glocke schlägt, ist auf der Biennale das Team Florentina Holzinger aktiv. Mit vollem Körpereinsatz.

 

Was ist das? Provokation? Ein Weckruf des Matriarchats? Oder ein perfekt inszeniertes Spektakel für eine satte Gesellschaft, die im Instagram-Zeitalter bedient werden will? Die zusammengelaufene Menge applaudiert nach dem letzten Glockenschlag artig. Die Performerin seilt sich ab und verlässt erhobenen Hauptes die Bühne. Was war das nun? Zeitvertreib für Voyeure oder moderne Kunst des 21. Jahrhunderts, die wachrüttelt? Wir sind ratlos, gleichwohl waren wir genauso gebannt wie die nunmehr dem Ausgang zuströmenden Massen. Nun geht es Richtung Markusplatz, Rialtobrücke oder Canale Grande. Vermutlich in Erwartung eines Dinners mit Sonnenuntergang in einer „der schönsten Städte der Welt“.

Venedig hält, was es verspricht. Ein Architekturensemble zum Niederknien. Erfolgreich widersetzen sich deren Bewohner seit Generationen allen Untergangsszenarien. Die Stadt auf 127 Inseln versucht weiter den Massentourismus zu zähmen, um den UNESCO-Welterbetitel nicht zu verlieren. Mittlerweile verlangt Venedig 3,50 Euro Eintritt pro Nacht. Ja, die Lagunenstadt leidet unter den Wellen der vielen Motorboote, unter Hochwasser, Überalterung und Bevölkerungsschwund. Jede Wohnung, die in ein Airbnb-Apartment umgewandelt wird, beschleunigt den Niedergang. Dennoch bleibt die Schönheit, mit ihren Fassaden, Kirchen und Brücken aus der Zeit der Renaissance. Eine Stadt ohne Straßen, Autos und Radverkehr. Nur für Fußgänger, Flaneure und Gondolieri. Eine logistische Meisterleistung, täglich viele Tausend Einwohner und Touristen zu versorgen.

 

Die wunderbare Welt der Nilbar Güres aus der Türkei. Schönheit und Fantasie trotzen Willkür und Gleichschritt.

 

Kunst entsteht im Auge der Betrachter. Eine Floskel, die auch für der 61. Biennale gilt. Bereits nach wenigen Stunden gerät man angesichts der Bilderflut ans Limit. Die Weltkunstschau (bis November 2026) brummt und summt mit Impressionen, Installationen, Eindrücken und Reizen aller Art. In den Arsenalen, in den Gärten, in der gesamten Stadt. Meine persönlichen Highlights: „A Kiss on the Eyes.“ So lautet die liebevolle Schlussformel in türkischen Korrespondenzen an Freunde. So sehen die wundersamen Gebilde der Künstlerin Nilbar Güres aus. Fantasievoll und kreativ. Ein Fest für Augen, Sinne und Seele.

 

Im Palazzo Franchetti stellt der usbekische Künstler Vyacheslav Akhunov seine Arbeiten gegen das Vergessen aus.

 

Am Canale Grande sind die Werke von Vyacheslav Akhunov (*1948) im prachtvollen Palazzo Franchetti zu sehen. Der Usbeke erinnert messerscharf an Allmacht, Verfolgung und Deportation in seiner Heimat. An Menschen in der untergegangenen Sowjetunion, an Vergessene, Abgehängte und Ausgegrenzte. Akhunov präsentiert Koffer, Briefe, Fotos oder kleine bunte Stalinbauten voller sozialistischem Kitsch und Alltagszenen. Ein lebendiges Archiv. Geschichte greift in die Gegenwart. Weltweit. Wichtig in unseren schnelllebigen Zeiten. Noch wichtiger in der aktuellen Eskalation, in der Kunst wieder von einigen wenigen Herrschern dominiert und diktiert werden soll.

 

Nichts geht verloren bei Vychaslav Akhunov aus Usbekistan. Ein lebendes Archiv von und mit Menschen, die sonst vergessen werden.

 

Selbstverständlich bietet die Biennale 2026 viel mehr. Allerlei Absurdes, Banales oder Grenzwertiges. Ob Babypuppen, die Besucher im japanischen Pavillon wickeln können oder Urschreitherapien wie in der niederländischen Performance, in der aggressiv geschrien wird, als gebe es kein Morgen. „Ruin“ ist der deutsche Beitrag der viel zu früh verstorbenen Henrike Neumann. Sie erinnert in kühler, mintgrüner Strenge an unsere eigene wechselvolle Geschichte. Um 18 Uhr ist Schluss auf der Biennale. Molto bene! Die Fülle der Eindrücke wollen verdaut werden. Am besten sucht man einen der Kanäle auf, isst ein paar Nudeln, trinkt ein Glas Wein und schaut dem bunten Treiben zu. Venedig dankt mit dem Spiel seiner Wellen und der Geschäftigkeit der Menschen. Sie alle verweilen in einer Stadt, die nah am Wasser gebaut ist – und trotz aller Widrigkeiten – ach, so schön ist.

 

„Verweile doch! Du bist so schön.“ Noch mehr Kunst gibt es zum Beispiel in Venedig-Guidecca zu entdecken. Wie wäre es mit Michael Corner und seiner Goethe Interpretation? Viva Venezia!