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Die Hundertjährige hat Fieber

Seit Monaten darben Berlins Nachtschwärmer. Sie verzagen vor verschlossenen Clubtüren. Was völkische Nazis, sittenstrenge DDR-Funktionäre und selbst der Bombenhagel im letzten Krieg nicht schafften, gelingt diesem kleinen, fiesen Covid-19-Virus. Seit Monaten fallen die legendären Kreuzberger Nächte aus oder tummeln sich maximal virtuell im Netz. Abgesehen vielleicht von einigen heimlichen Treffs in illegalen Kaschemmen oder versteckten Hinterhöfen. Manche Clubs flüchten sich in sogenannte Watchparties. Sie heißen zum Beispiel YWO. Das Kürzel steht für Yes, we`re open. Trotz aller Verheißungen von interaktiven, digitalen Dancefloors: Anfassen ist nicht. Knutschen schon gar nicht.

Tugendwächter mag diese Ruhe diebisch freuen. Berlins Clubleben liegt komplett darnieder. Online-Partys sind nun der letzte Notnagel im hauptstädtischen Nachtleben. Nächtliche Partys vor dem heimischen Laptop sind allerdings genau so verheißungsvoll wie eine Kanne Fencheltee. So lustvoll wie kalorienarmer Süßstoff. Oder verlockend wie ein Schlag Haferschleimsuppe. Das Entscheidende fehlt: Die Bühne. Die Arena zum Balzen, Flirten und Glitzern. Die kurzen Momente des Glücks, in denen Sehnsüchte wie Glühwürmchen umherschwirren, bis sie auf dem Heimweg im Morgengrauen verglühen.

 

Berliner Nachtleben vor einhundert Jahren. Erwartungsfrohe Gäste mit Masken in der „Weißen Maus“. Hier flog Anita Berber 1923 aus dem Laden und erhielt Hausverbot.

 

Der Vorhang zum echten, wilden Leben bleibt zu. Wie genau vor hundert Jahren, als die Spanische Grippe wütete. Damals raffte die Pandemie in Europa Millionen Menschen hinweg. Ohne Warn-App, Lock-Down oder besorgte Wutbürger, die an die Kraft kosmischer Strahlen glauben. Über diese Zeit ist wenig überliefert. Die Chronisten berichten lieber über den aufkommenden Berlin-Mythos der Zwanziger Jahre. Die Boheme berauschte sich an „Ausdruckstanz“, Cognac und Morphium.  Alles wurde kürzer: die Haare, die Kleider, die Liebe, der Schlaf. In jedem zweiten Nachtlokal verkaufte die Toilettenfrau den Stoff, so heißt es, der Künstler, Großbürger und Kleinkriminelle am Laufen hielt: Kokain. Klaus Mann notierte: „Früher mal hatten wir eine Armee, jetzt haben wir prima Perversitäten! Laster noch und noch! Kolossale Auswahl! Das muss man gesehen haben!“ Die moderne Großstadt als „Hure Babylon“.

 

 

Der Tanz auf dem Vulkan. Die Ikone der wilden Nächte war Anita Berber. Sie trat im „Wintergarten“, in der „Rakete“ oder im „Toppkeller“ auf, meist vor gutsitierten Gaffern. Sie tanzte bis die letzten Kleidungsstücke und Hemmungen fielen. Es gibt unzählige Anekdoten über diese Königin der Berliner Nächte. Otto Dix verewigte sie als dämonische Diva. Angezogen, im knallroten hochgeschlossenen Kleid. Von Kopf bis Fuß Grand Dame. Geheimnisvoll, gealtert, unnahbar. Der Chef der „Weißen Maus“ soll Anita Berber 1923 vor die Tür gesetzt haben. Sie habe im Rausch einem aufdringlichen Gast eine Flasche Champagner über den Schädel gebraten.

 

So sah Otto Dix die 25-jährige Anita Berber. Er malte sie ganz in Rot und als deutlich ältere Dame. Die Nazis entfernten das Porträt von 1925 als „entartet“ aus dem Nürnberger Museum. Heute ist es im Kunstmuseum in Stuttgart zu sehen.

 

Was aus der Tänzerin des Lasters wurde? Sie starb 1928 an Tuberkulose, krank und vereinsamt im Alter von gerade einmal 29 Jahren. Das Ende der wilden Berliner Lasterjahre nur wenige Jahre später blieb ihr erspart. Ein Finale des Grauens, als in den Clubs „ohne Herzbeschwerden“ noch gelacht und getanzt wurde, so Harry Graf Kessler, während in den Straßen längst Menschen starben. Als die Nationalsozialisten nach der Macht griffen, um im „brodelnden Kessel“, im „Sündenbabel Berlin“ endlich „aufzuräumen“.

Das Sylt-Versprechen

Niemals Alltag, immer Überfluss. Wilde Natur. Frischer Wind. Unbeschwertheit. Sonnenuntergänge. Romantik. Das volle Programm. So soll, so muss Deutschlands schönste und teuerste Insel wohl sein. So lautet das Sylt-Versprechen. Der Name verpflichtet. Sylt ist Sehnsuchtsort. Ein friesisches Ferienparadies mit schicken Villen im weiß-cremigen Hampton-Style, reetgedeckt. Ein exklusives Reichen- und Investorenmekka. Was Long Island für die New Yorker, ist den Deutschen dieser dünne heftig umwehte Inselstrich in der Nordsee.

Für Susanne Matthiessen ist Sylt viel mehr: Kindheit, Jugend, Heimat und Fluchtpunkt. Sie zählt sich zum Inseladel. Geboren bei auflaufender Flut in der inseleigenen Nordseeklinik. Mittlerweile sterben die echten Insulaner aus. Im Januar 2014 wurde die Geburtsstation geschlossen. Matthiessen (Jahrgang 1963) hat die schrillen Boomjahre ihrer Insel hautnah miterlebt. In den wilden Siebzigern sei Sylt „wahrscheinlich gesellschaftlich der lebendigste Ort Deutschlands“ gewesen, schreibt sie in ihrem Roman Ozelot und Friesennerz“. Eigentlich handelt es sich bei ihrem Debüt eher um eine Familienchronik. Eine Innensicht auf eine Insel, deren Geschäftsmodell die Organisation von „Eskapaden“ für Begüterte war. Heute heißt das Events.

 

Die „Goldenen Jahre“, in denen sich in Kampen an der „Buhne 16“ das „reichste, schamloseste und sündigste Strandparadies“ des Wirtschaftswunderslandes angesiedelt hatte. Ein Ort, an dem alles ging und erlaubt war. Hier trafen sich „Kampener Klunkerleute“. Eine Melange aus Geldadel, Alterben und Neureichen. In den Siebzigern kritzelte Vorzeige-Playboy Gunter Sachs Autogramme auf Geldscheine, tafelten die Vertreter von Verlegerdynastien wie Springer oder Augstein bei Fischfiete. Das Kult-Essen der Reichen und Schönen – „Langustinos à la Napoleon 63“. Alles nachzulesen im Sylt-Roman von Susanne Matthiessen.

Aus und vorbei. Heute geht es deutlich diskreter zu. Kampen ist längst eine geschlossene Gesellschaft für Wohlhabende. Mit privater Security aber ordentlich „Tinte auf dem Füller“. In Westerland hingegen versammeln sich Normalsterbliche. Die Durchschnittsurlauber im Friesennerz bilden die Zaungäste für das Treiben des Inseljetsets. Begehrt sind Sitzplätze im Café Orth an der Friedrichstraße. Dort flanieren unablässig „Schenkelschande bis Bauchblamage“ vorbei. Ein Platz zu ergattern sei wie eine Premierenkarte für die Bayreuther Festspiele.

Susanne Matthiessen entwirft fröhlich und frei ein Sittengemälde der Sehnsüchte der Deutschen, von den Siebzigern bis heute. Ihre Eltern führten in Westerland ein traditionsreiches Pelzgeschäft. Ihr Schicksal steht für die Nachkriegsgeneration. Einst galten Pelze als Statussymbol, heute stehen sie für Tierquälerei. Einst behängten aufstrebende Ehemänner ihre Gattinnen mit teurem Ozelot, Luchs oder dem „Oma-Persianer“. Der Husky-Look war übrigens der Renner bei Zahnarztfrauen. Dann klebte der neue Zeitgeist Blut an die Hände von Pelzhändlern. 2007 schloss Pelz Matthiessen für immer.

 

 

„Ozelot und Friesennerz“ ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Buch über die Trauminsel der Deutschen. Susanne Matthiessen schaut frech hinter die Kulissen und erzählt aus der Sicht einstiger Strandräuber, wie deren heutige Nachfahren die Insel wie einen Gaul tot reiten, bis er zusammenbricht. Ein Sylt-Buch, das ungeschminkt und doch voll Herzenswärme Glanz und Gegensätze beschreibt. Genau das Richtige für Menschen wie mich, die noch nie auf der Insel waren.

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Auf verlorenem Posten

In engen, scharfen Kurven schlängelt sich die Landstraße auf die Höhen des Thüringer Waldes. Geschafft. Zu sehen ist hier oben leider wenig. Es regnet aus Kübeln. Willkommen in Lichtenhain. Letzter Außenposten der einstigen DDR. Das Tor ist mit einem Schloss gesichert. Im Zaun sind Löcher. Durchs Unterholz klettert es sich kinderleicht in eine versunkene Welt. In das Reich der Grenztruppen der DDR. Grenzkompanie Lichtenhain. Gut zwanzig Kilometer entfernt von der einstigen Spielzeugstadt Sonneberg. Zwischen Birken und Kiefern verstecken sich eine Kaserne mit drei Etagen, Kfz-Garagen, eine ehemalige Hundezwingeranlage und ein Munitionsbunker. Regen prasselt auf die Dächer. Was sonst? Absolute Stille. So sieht wohl das Ende der Welt aus.

 

Nicthts bleibt ewig. Reste der 7. DDR-Grenzkompanie Lichtenhain im Juni 2020.

 

Auf der Höhe von Lichtenhain war die 7. Grenzkompanie des Grenzregiments 15 „Herbert Warnke“stationiert. Benannt nach einem verdienten Altkommunisten. Hier bewachten Soldaten einen hügeligen Abschnitt der 1.393 Kilometer langen innerdeutschen Grenze. Genannt „Staatsgrenze West“ oder „Todesstreifen“. Am Ende war dieses Monstrum ein tödlicher Irrtum der Führenden, die sich nicht anders zu helfen wussten, als ihre Macht durch Stolperdrähte, Stacheldraht und Minenfelder zu sichern. „Es gab Mauertote auf beiden Seiten, es sind auch Grenzsoldaten erschossen worden“, sagte vor kurzem Barbara Borchardt, die neue Verfassungsrichterin in Mecklenburg Vorpommern von den Linken. Dafür erntete sie einen Shitstorm.

Die Aussage ist faktisch zutreffend. Doch aus dem Mund einer ehemaligen SED-Genossin nur zynisch. Der Streit um die Notwendigkeit der Mauer ist Teil einer neu entfachten alten Debatte. Was waren die rund 500.000 DDR-Grenzer, die fast vierzig Jahre lang die Teilung bewachten? Heimatschützer oder Mördertruppe? Keiner musste zur Grenze und sich selbst zum KZ-Wächter machen, erklärte einmal SPD-Chef Willy Brandt. Auch diese Aussage ist ergänzungsbedürftig. Denn die meisten an der Grenze waren junge Wehrpflichtige. Konnten sie den Dienst verweigern? Vielleicht. Auf ihnen lastete jedoch die ganze Last der Verantwortung – mit allen Konsequenzen. Im Ernstfall: Schießen oder laufen lassen?

 

Lichtenhain. 2. Etage des Kompaniegebäudes. Erbaut 1968, geschlossen 1990.

 

Am Beispiel jeden einzelnen Grenzers lässt sich die Beziehung des Individuums zur Diktatur wie in einem Brennglas nachvollziehen. Die kleine Anpassung hatte große Folgen. Das System funktionierte. Bis zum Schluss. An den Wänden eines Schuppens in Lichtenhain lassen sich geheimnisvolle Spuren finden. Graffitis. Krakeleien mit Jahreszahlen, Namensinitialen und versteckten Botschaften. EKs, sogenannte Entlassungskandidaten hinterließen Strichlisten und Daten ihres herbeiersehnten Endes des Grenzdienstes. 1988, 1989, 1990. Jahre, in denen das kleine Land materiell und moralisch erschöpft war. Als der Westen leuchtete und jeder Ostler eine Alternative hatte. Als die große Unzufriedenheit im Sommer 1989 in eine Massenabwanderung mündete.

 

Ein beliebtes Ritual. Strichlisten bis zur Entlassung aus dem Grenzdienst markieren. Spuren in einem Schuppen am Eingangstor der Grenzkompanie Lichtenhain.

 

Am 9. November 1989 errangen die Grenzer in der Stunde der größten Niederlage ihren größten Triumph. Die Nationale Volksarmee schoss nicht auf das Volk. Sie ließ die Menschen selbst entscheiden und öffnete die Tore.

Der Regen will nicht aufhören. Ich erfahre, dass die 1968 errichtete Kaserne von Lichtenhain nach der Wende „Übergangsheim“ und auch mal Jugendherberge war. Seit über zehn Jahren steht der „Komplex“ leer. Der verlorene Außenposten liegt im Dornröschenschlaf mitten im 1.106 Kilometer langen Grünen Band quer durch Deutschland. Demnächst soll dieses Schutzgebiet UNESCO-Welterbe werden. Dreißig Jahre nach der Einheit. Der einstige Todesstreifen als grüne Oase. Nichts ist unmöglich…

 

EK 89 = Entlassungskandidat 1989. Inschrift eines Wehrpflichtigen in Lichtenhain. Manche Wände hüten heimliche Botschaften aus DDR-Tagen.

 

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Amazing Grace

Die Legende kennt jedes Kind in den USA. Kapitän John Newton geriet im Mai 1748 in schwere Seenot. In letzter Sekunde konnte er sich und sein Schiff retten. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Seine Fracht bestand aus Schwarzen, aus Sklaven. Ein einschneidendes Schlüsselerlebnis für den Sklavenhändler. Nach seiner wunderbaren Rettung schwor er, Sklaven als das zu behandeln, was sie sind: Menschen wie du und ich. Die Legende erzählt weiter, dass er später seinen Job an den Nagel hing und Pastor wurde. So schrieb er den Text zu Amazing Grace und bekämpfte fortan die Sklaverei.

 

 

Die Geschichte von diesem Wende-Wunder ist fast dreihundert Jahre alt. Sein Kirchenlied über die „wunderbare Gottes Gnade“ ist Hoffnungs-, Trauer- und Trostlied zugleich. Was hat sich seitdem geändert? Alles? Oder nichts? Im Lied des einstigen Sklavenschiffers John Newton heißt es:

Amazing Grace, how sweet the sound
That saved a wretch like me
I once was lost, but now am found
Was blind but now I see.

Wer rettet die Schufte (wretch) von heute? Die blind sind zu sehen, was in dieser Welt geschieht. Die seit drei Jahrhunderten nichts verstanden, nichts gelernt und nichts begriffen haben. Welches Schlüsselerlebnis brauchen Weltenlenker heute? Welchen Sturm? Welche Seenot? Welchen SOS-Ruf? Dieser Song mag in manchen Ohren kitschig klingen. Wer aber einmal wie ich in Arusha (Tansania), Kapstadt oder New York Upper East Side diesen Gospelsong in überfüllten Kirchen hören durfte, dazu die Begeisterung erlebte, den Stolz, das Selbstbewusstsein gepaart mit der Hoffnung auf eine bessere Welt, der vertraut in die Kraft der Musik, die Mauern zum Einstürzen bringen kann. Manche Mauern sind sehr dick. Da kann es verdammt lange dauern.

Aretha Franklin, der Harlem Gospel Choir, Cory Henry und viele, viele andere singen von der Botschaft niemals aufzugeben, diese wankende Welt in Seenot aus schwerem Wasser zu retten. Amazing Grace. Was für eine wunderbare Antwort auf die Mächtigen in ihren Bunkern.

Amazing Grace, how sweet the sound
That saved a wretch like me
I once was lost, but now am found
Was blind but now I see

Was Grace that taught my heart to fear
And Grace, my fears relieved
How precious did that Grace appear
The hour I first believed

Through many dangers, toils and snares
We have already come
T’was Grace that brought us safe thus far
And Grace will lead us home
And Grace will lead us home

Amazing Grace, how sweet the sound
That saved a wretch like me
I once was lost but now am found
Was blind but now I see.

 

 

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Urlaub von Corona

Wer hier zu Fuß unterwegs ist, macht sich schnell verdächtig. Ein Fremder? Bestimmt! Vermutlich ein Stadtmensch, sicher ein Berliner. Wanderer sind selten. Spaziergänger absolute Exoten. Der misstrauische Blick fragt: woher des Weges? Was wollen Sie hier? So ist das in der Prignitz. Auf halbem Wege zwischen Berlin und Hamburg. Das leere, flache Land mit endlosen Feldern, einsamen Wäldern mit einem weiten Himmel bis ans Ende der Welt. Was es sonst noch gibt? Landschaft, einfach nur Landschaft, nichts weiter. Willkommen in der Mark! In Corona-Zeiten ist es eine ganze Umdrehung noch stiller als üblich. Ein heftiger Platzregen kann das Aufregendste sein. Plipp, plop plattert es spritzig aus schweren Wolken! Lustige Kringel bilden sich in den Pfützen. Einsam zieht der nasse Wanderer seine Runden.

„Wollense rin?“, ruft der Mann aus dem Lieferwagen und bremst direkt vor uns. Wir stehen etwas unschlüssig vor einer märkischen Dorfkirche allerdings von stattlicher Größe mit einem auffallend schönen schlanken Turm. Friede sei mit Euch, heißt es über dem Portal. Der Mann aus dem Lieferwagen zückt den Schlüsselbund und öffnet die Dorfkirche von Teetz. Nun ist sein persönlicher Rede-Schalter umgelegt. Der Mann in Arbeitshosen vom lokalen Förderverein legt los. Wir erfahren alle Einzelheiten aus der Geschichte seines Ortes. In der Kirche sei alles selbstgemacht. Gegen die Amtskirche habe man sogar klagen müssen, weil sie die „uns die Rechte für unsere Kirche wegnehmen wollten“.

 

„Friede sei mit euch.“ Die Kirche von Teetz bei Kyritz an der Knatter. Viel zu groß. Halb saniert. Meistens leer. Aber mit großen Plänen für die Zukunft.

 

Der Prozess ging für die Teetzer gut aus. So bestaunen wir in einer halbsanierten Dorfkirche Bilder vom Abendmahl und Aposteln, während die Farbe an Wänden abblättert. Doch die Orgel ist komplett saniert, „geschenkt von der Berliner Nikolaikirche“. Die schicken Kronleuchter sind in Stettin aufpoliert worden, „auch umsonst, von den Polen, hat aber ein dreiviertel Jahr gedauert“. Studenten aus Aachen haben ein Sanierungskonzept erarbeitet, die Professorin hatte sich in die Kirche verguckt. „Ja, eine Hand wäscht die andere“. Nur es fehlt an Geld und genau genommen an Gemeindemitgliedern. Die Kirche mit ihren vielleicht 150 Sitzplätzen ist viel zu groß. Wenn zehn Besucher zum Gottesdienst kommen, betet der Pastor ein Extra-Vater unser. Aber da er sechzehn Gemeinden zu betreuen habe, berichtet der Teetzer, sehe er Kirche und Gemeinde sowieso nur wenige Male im Jahr.

 

 

Rund die Hälfte der Teetzer sind zugereiste Berliner, so der Anfang Sechzigjährige. Beliebt sei das Dorf besonders bei „Pensionären“, die dem Großstadttrubel entwachsen sind. Aber „ein paar Verrückte“ pendeln täglich. Teetz sei internationaler geworden. Es leben hier Kroaten und Engländer. Der kräftige Teetzer schließt die Kirche wieder ab, er muss zum Rasenmähen bei einer alten Dame. „Macht ja sonst keener“. Wir gehen durchs leere Dorf. Das Antiquariat eines Berliner Paares mit Kaffee, Kuchen und Kulturprogramm hat nach ein paar Jahren wieder aufgegeben. Genau wie der Ferienhof gegenüber. Die Besitzer hatten die Nase voll. Dieses Paar habe auch verkauft, erzählt uns noch der Kirchenmann, zehn Jahre Tourismus mit verwöhnten Feriengästen – na,ja – das reicht wohl. Sobald das Wetter schlecht sei, waren die Gäste wieder weg oder sind gar nicht gekommen.

 

Gasthaus zur Linde in Wutike (Prignitz) mit 365 Ruhetagen.

 

Wer zu Fuß von Dorf zu Dorf geht, fällt in der Prignitz auf. Egal ob in Teetz, Bork oder Wutike. Rennradler mit teurer Sonnenbrille, viel zu engem Dress und verbissenem Blick sind auf dem Land wohl vertraut. Sobald Wanderer kommen, bellt der Hund und setzt der Märker seinen skeptischen Is-wohl-ein-Berliner-Blick? auf. Aber sollten sie auftauen, können sie viel erzählen, von der Schönheit und Langeweile des Landlebens. Ob mit oder ohne Corona. Da kannste eh nichts machen…

 

Nicht an allem ist Corona schuld. Die „Club-Lounge“ von Wutike ist wohl schon länger dicht.

Der Stellvertreter

Überhaupt das Jackett. Es lag wie immer lose über den Schultern. Wenn er loslegte, redete und gestikulierte, griffen irgendwann die Gesetze der Physik. Es rutschte weg. Nun stand er hemdsärmelig vor dem Publikum. Aber stets betont bürgerlich mit Schlips und Kragen. So provozierte er am liebsten brave Bürgerseelen. Wenn er außer Rand und Band geriet, polterte er zornesrot vom Pult los und schlug beim Abgang alle Türen zu. Rumms! Gestatten, Rolf Hochhuth. Fabrikantensohn aus dem hessischen Eschwege und  Wutbürger auf Lebenszeit – auf seine ganz spezielle Art. Bis zum Schluss. Nun trat er im Alter von 89 Jahren ab. Das Herz. Dabei wollte er seinen Neunzigsten unbedingt noch feiern.

 

Rolf Hochhuth (1931-2020). Mahner, Moralist. Dramatiker.  Quelle: Wikipedia.

 

Der Vorhang fällt. Der Dramatiker schweigt. Für immer. – Rumms. Ein Frösteln: Erst vor wenigen Wochen hatten wir lebhaft telefoniert. Über die Goebbels-Tagebücher, das Kriegsende vor 75 Jahren, den Fanatismus und Vernichtungswillen der Nazis. Er hatte ein brillantes Vorwort zu den Tagebüchern verfasst. Das deutsche NS-Drama hat Hochhuth ein Leben lang beschäftigt. Der gelernte Buchhändler schrieb geradezu manisch gegen das bundesdeutsche Verdrängen und Vergessen an. 1963 der Durchbruch. Der Knaller war der „Stellvertreter“, sein Theaterstück über das beredte Schweigen des Papstes zum Holocaust. So entfachte er einen wahrhaften Theater-Skandal und landete einen Welterfolg.

 

 

Hochhuth brachte  1978 Hans Filbinger zu Fall, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Der ehemalige Nazi-Marinerichter wollte seine Vergangenheit nicht wahrhaben, konterte mit dem legendären Satz, der in die Geschichtsbücher einging: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Filbinger hatte einen 22-jährigen Matrosen wegen geplanter Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Er selbst leitete die Erschießung wenige Monate vor dem Ende des Dritten Reiches.

„Wenn ich nicht streiten kann, fehlt mir die Luft zum Atmen. Dann ersticke ich.“ Das raunte er mir einmal während einer langen Buchmessen-Nacht zu, als er sicheren Geleitschutz zu seinem Hotel benötigte. Für mich war der berühmte Dichter wie ein einsamer Wolf, immer auf Jagd. Gegen die Großen, die Mächtigen, die Selbstgerechten. Er legte sich in seinen Stücken mit selbsternannten McKinsey-Göttern, Treuhand-Abwicklern oder linken Kulturpäpsten an. Manches Mal verrannte er sich. Er fühlte eine Seelenverwandtschaft mit dem britischen Historiker  David Irving, der später den Holocaust leugnete. Er bekämpfte die Führung des Berliner Ensembles. Dessen damaliger Chef Claus Peymann sagte über Hochhuth trocken: „Ein echter deutscher Dichter – humorlos bis in die Knochen, kampflustig, streitsüchtig“.

 

Als Theater noch Proteste auslöste. Demonstration in den Sechzigern gegen die Aufführung von Hochhuths „Stellvertreter“ in der Schweiz. Foto: srf

 

In den letzten Jahren rannte Hochhuth  Don Quichote-gleich gegen das Vergessenwerden und seine eigene Vergesslichkeit ins Feld. „Bin ich überhaupt gewesen“, seine bange Frage. Als furchtloser Dramatiker wollte er in die Geschichtsbücher eingehen. Wie der junge Schiller. Er sah sich als Stellvertreter des anständigen Deutschlands. „Autoren müssen das schlechte Gewissen der Nation artikulieren, weil die Politiker ein gutes haben.“

In unserem letzten Telefonat drängte er auf einen „baldigen Bericht bei Ihnen im Fernsehen“. Es ging um seine neuesten Pläne. Er wollte in der „Ruine“ des Berliner  ICC-Kongresszentrums ein „Museum für neuere Geschichte“ einrichten. Auf meinen Einwand, dass es so etwas bereits gebe, winkte er ab. „Papperlapapp. Ich meinte ein richtiges Museum.  Eines für die wirklich wichtigen Geschichten…“

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Das Märchenschloss von Gentzrode

In Zeiten des Stillstandes gilt: Viele Pläne sind in die Zukunft zu verlegen. Die Vergangenheit taugt nur für Romantiker, die Gegenwart eignet sich eher für Entdecker. Momentan geht das nur in der Nähe, das Fernweh muss sich gedulden. Wie wäre es daher mit Gut Gentzrode? Eine gute Autostunde von Berlin entfernt zwischen Neuruppin und Rheinsberg. Hier ist Brandenburg am Brandenburgischsten. Eine stille Region, in der das einstige Preußen unter jedem aufgehobenem Stein eine Geschichte erzählen kann. Die beige-bunten Steine von Gentzrode berichten von kühnem Größenwahn und kauziger Kleingeisterei.

Auf nach Gentzrode. Seit fast 150 Jahren versteckt sich ein hochherrschaftliches Anwesen in dichtem Kiefernwald. Ein wundersames orientalisches Märchenschloss. Einst Sitz der Kaufmanns-Familie Gentz. Diese gelangte durch Torfabbau zu Wohlstand und reiste viel, bevorzugt in den Orient. Unternehmer Alexander Gentz beauftragte 1876 mit Martin Gropius einen der besten Architekten seiner Zeit. Dieser entwarf mit seinem Partner Heino Schmieden ein wahres Prachtschloss im Zeitgeist des orientalischen Historismus. Geld spielte offenbar keine Rolle. Übrigens: Martins Neffe Walter Gropius sollte als Bauhaus-Architekt weltberühmt werden.

 

Gut Gentzrode. Das Herrenhaus. Mai 2020.

 

Der märkische Goethe Theodor Fontane zeigte sich auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg bei seiner Visite von Schloss, Park und Wirtschaftsgebäuden beeindruckt. „Der Reiz, den diese Gentzroder Schöpfung von Anfang hatte, wird ihr noch auf lange verbleiben, der Reiz, dass hier alles erst im Werden ist. Unsere Teilnahme haftet am Unfertigen. „Was wird sich bewähren, was nicht?, „Wie wird sich´s entwickeln?“ Das sind die Fragen, die von alters her uns an Menschen und Dingen am meisten interessiert haben.“

 

 

Das Schloss brachte dem ehrgeizigen Gentz-Chef kein Glück. Die Familie mit dem „vollkommen dynastischen Gefühl“ übernahm sich mit dem Prachtbau, zudem stagnierte das Torfgeschäft. Kohle löste Torf als billiges Heizmaterial der Hauptstadt ab. Seniorchef Gentz ging kurz nach Fertigstellung des Märchenschlosses „bankrutt“, wurde verhaftet und wegen Betruges verurteilt.  „Er raste, jeder Warnung unzugänglich, in sein Verderben hinein, durch nichts berechtigt oder entschuldigt als durch den Glauben an seinen Stern“, notiert Fontane. Der stolze Bankrotteur musste das Gut „gebrochen an Leib und Seele“ verkaufen.

Fortan wechselte das Schloss munter seine Besitzer, wurde zum reinen Spekulationsobjekt. Amtmänner, Zuckerfabrikanten oder auch ein Konsul gaben sich die Klinke in die Hand. 1934 übernahm die Wehrmacht das Anwesen samt Herrenhaus und funktionierte das riesige Areal zum Schießplatz und Munitionslager um. Nach dem Untergang des Dritten Reiches übernahm 1945 die Rote Armee Gut Gentzrode. Deren 112. Garderaketenbrigade wiederum übergab Herrenhaus, Kornspeicher und das gesamte militärisch genutzte Gelände 1991 kampflos an die Bundesrepublik Deutschland.

 

Turmzimmer. Familie Gentz machte ihr Vermögen mit Torf. Schloss Gentzrode trieb sie in den Ruin. Mai 2020

 

Die neue Zeit brachte Gut Gentzrode keine blühende Zukunft. Im Gegenteil. Der Staat ließ das Areal verkommen, verscherbelte es 2000 an einen Baumschulen-Besitzer, der es wiederum 2010 an eine türkische Baufirma weitervertickte. Aus all den großspurigen Plänen für Golf-Resorts, Hotels oder was-sonst-noch wurde nichts. Die Behörden schauten diskret weg. Nach mittlerweile dreißig Jahren Leerstand ist Gut Gentzrode – ein Denkmal von „nationaler Bedeutung“ – am Ende. Nichts als eine ruinierte Schönheit, ein Lost Places. Ein Ort für Träumer, Pilzsucher und Romantiker.

 

„Ungunst und Wechsel der Zeiten zerstörte, was wir geschaffen“. Detail im Turmzimmer.  Mai 2020

 

Das ist die wundersame Geschichte von einem Spuk-Schloss in Dauer-Quarantäne. Aber vielleicht gibt es doch noch ein Happy End?

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1945 – Ein kurzer Sommernachtstraum

Alles neu macht der Mai. Ein beliebter Kinderreim. In diesen Tagen freuen wir uns über jede Lockerung. Vor 75 Jahren war am 8. Mai 1945 ein ganzes Reich untergegangen. In den Ruinen der „Reichshauptstadt“ notierte die Berliner Schriftstellerin Ruth Andreas Friedrich in ihr Tagebuch: „Wie ein Spuk ist das Dritte Reich zerstoben. Mit den Hakenkreuzfahnen ist auch Herr Hitler auf den Abfallhaufen geflogen. Fahr zur Hölle, Führer und Reichskanzler!“ Über die geschundene Stadt legte sich eine bleierne Stille. Kein Geschützlärm mehr, keine Granaten. Aber auch kein Strom, kein Gas oder etwa Wasser aus der Leitung. Merkwürdig nur: Die Nazis waren plötzlich alle verschwunden. Wohin?

Immerhin: Keine drei Wochen nach der Kapitulation – genau am 26. Mai 1945 – blüht in den Ruinen ein erstes kulturelles Pflänzlein auf. Die Philharmoniker bitten zu ihrem ersten Nachkriegs-Konzert in den Steglitzer Titania-Palast. Das Premieren-Programm hat eine klare Ansage: Auftakt mit der Sommernachtstraum-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dessen Werke waren unter den Nazis zwölf Jahre lang verschwunden, verfemt und verboten. Weiter im Programm folgen Mozart und die Vierte Symphonie von Tschaikowsky. Am Pult steht der 46-jährige Leo Borchard, genannt Andrik. Ein glänzendes Comeback. Das Publikum feiert ihn.

 

Der erste Nachkriegs-Dirigent der Berliner Philharmoniker Leo Borchard. (1899-1945) Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 

Der erste Nachkriegsdirigent der weltberühmten Berliner Philharmoniker ist ein gebürtiger Moskauer. Anfang 1933 dirigierte er als Shooting Star die »Populären Konzerte«. Doch er musste den Dirigentenstab abgeben, wegen »politischer Unzuverlässigkeit«. Leo Borchard tauchte in Berlin ab, lebte fortan gemeinsam mit der Schriftstellerin Ruth Andreas Friedrich im inneren Exil. Er unterstützte still und effektiv die Widerstandsgruppe Onkel Emil, die im südlichen Bezirk Steglitz Verfolgten Schutz bot. Zwölf Jahre lang ein Leben zwischen Bangen, Hoffen und Warten auf einen Neuanfang.

 

Leo Borchard dirigiert Johann Strauß. Eine seltene Aufnahme von 1933.

 

Endlich. Mai 45. Nach Hitlers Ende nehmen die Berliner Philharmoniker Kontakt zu Leo Borchard auf. Er ist ihr Mann für die Zukunft. Andrik steckt voller Pläne, hat tausend Ideen. Noch gilt in Berlin die Ausgangssperre. Am 23. August 1945 bittet der Besatzungs-Offizier Thomas R. M. Creighton Leo Borchard zu einem Abendessen. Der britische Oberst ist ein großer Musikliebhaber. Die Abendgesellschaft plaudert in der Offiziers-Villa im Grunewald über Bach und Mendelssohn. Spät am Abend soll ein Chauffeur den Musiker zurück in seine Wohnung im amerikanischen Sektor bringen. Die damalige Sektorengrenze am Bundesplatz durchfährt der Fahrer ohne anzuhalten. Weisungsgemäß eröffnet der amerikanische Wachtposten das Feuer. Eine Kugel trifft den Dirigenten tödlich. Das tragische Ende eines hoffnungsvollen Comebacks an der Spitze der Berliner Philharmoniker. Die Hoffnung auf einen Neuanfang blieb ein kurzer Sommernachtstraum.

 

 

Diese Mai-1945-Episode findet sich auch in dem sehr empfehlenswerten Buch von Jens Bisky. Berlin. Biographie einer großen Stadt.

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Bis zum letzten Atemzug

Vor genau 75 Jahren. Das Dritte Reich liegt in den letzten Zügen. Der 23. April 1945 ist ein Montag mit typischem Aprilwetter. Sonne folgt auf Regen. Auf der Landstraße von Neuruppin nach Wittstock ist auf einmal das tausendfache Klappern von Holzpantinen zu hören. Elendsgestalten in Blöcken zu jeweils fünfhundert Mann schleppen sich gen Norden. Die SS verfolgt ihren letzten teuflischen Plan. Über dreißigtausend KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen sollen zur Ostsee getrieben werden, um dort auf Schiffen versenkt zu werden. Am 29. April 1945 können die Überlebenden in Mecklenburg befreit werden.

 

Reinhold Heinen (1894-1969) überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen Richtung Ostsee.  Foto: Wikipedia

 

Der 51-jährige Reinhold Heinen ist einer der Todeskandidaten. Er quält sich im Block der Politischen seit zwei Tagen über die Chaussee. Teilweise bewacht von ehemaligen Mitinsassen, also eigenen „Kameraden“, denen die SS Knüppel und damit ein Stück Macht übertragen hat. Vier Jahre Konzentrationslager in Sachsenhausen hatte der frühere Chefredakteur des „Aachener Volksfreunds“ überstanden. Der Düsseldorfer will auf keinen Fall noch in den letzten Stunden in einem Straßengraben enden. Heinen hat die Kraft, Tagebuch zu führen. An diesem Montagabend (23. April 1945) notiert er:

„Steif, missmutig, kein Wasser. Kein Kaffee, nichts Warmes. Wir marschieren, machen vor dem Dorf an der Bahnstation Halt, kochen ab und warten. (…) Unsere Gruppe in eine Scheune, sehr eng, aber es geht. Am Nachmittag, der marschfrei ist, kann man sich säubern, rasieren, hinlegen, schlafen. Aber die Enge ist zu groß. Einer muss über den andern klettern. Auf den sechs Kilometern, die wir zurückgelegt haben, zählte ich zwölf Tote im Straßengraben, darunter einen Holländer. Ein Mann lag noch mit dem Genickschuss lebend und verdrehte die Augen, verfolgte unseren Marsch mit seinen Blicken.“

 

April 1945. Eines der vielen Opfer des Todesmarsches von Sachsenhausen. Foto: Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald

 

Die märkische Landbevölkerung beobachtet den Zug der Todgeweihten aus 18 Nationen eher gleichgültig bis misstrauisch. Nur ganz wenige fassen sich ein Herz und helfen. Als der Elendszug am Pfarrhaus von Rossow (heute Ostprignitz-Ruppin in Nord-Brandenburg) zum Stehen kommt, bietet Pfarrerstochter Edith von Jüchen den völlig Erschöpften etwas Warmes an. „Eine Selbstverständlichkeit.“ Die damals 24-jährige wird diese Stunden nie vergessen: „Wir hörten die Schüsse. Die KZ-Häftlinge wurden bei uns im Hof einquartiert. Der Pfarrhof wimmelte voller Menschen. Wir kochten Pellkartoffeln. Es waren verhungerte Gestalten. Sie umlagerten uns, bedrängten mich voller Hunger und Gier in den Augen. Ich bekam richtig Angst, als ich die Töpfe in den Hof trug. Es waren keine Menschen mehr, sie wirkten wie wilde Tiere. Am nächsten Morgen zogen sie weiter.“

 

Ende April 1945. SS-Angehörige plündern Hilfsgüter des Internationalen Roten Kreuzes. Eine bizarre Besonderheit war, dass es dem Schwedischen Roten Kreuz erlaubt wurde, KZ-Häftlingen auf dem Marsch Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. Quelle: Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald

 

Wenig später weiter nördlich in Wittstock. Der sechzehnjährige Werner Zimmermann ist mit einem versprengten Trupp auf wilder Flucht vor der Roten Armee. Alles löst sich auf. Statt vom Endsieg träumt der Volkssturmjunge aus Köpenick nur noch vom Überleben. Der Schüler will kein Kanonenfutter mehr sein, genau wie seine Kameraden. In der Nähe des Flugplatzes Wittstock sieht er plötzlich den Todesmarsch aus nächster Nähe.

„Wir lagerten völlig erschöpft am Straßenrand. Unser Unteroffizier rief: „Keiner steht auf. Keiner rührt sich.“ Wir sahen die Leute. Das nackte Elend. Alle nur Haut und Knochen. Ein Häftling stürzte auf der Straße. Ein SS-Mann mit Hund brüllte: „Auf, aber dalli.“ Der Häftling rührte sich nicht. Dann schoss er mit seiner Pistole. Peng! Den Mann stieß er mit den Füßen in den Graben. Wir waren entsetzt, wollten helfen. Unser Leutnant brüllte: „Kein Aufsehen! Keiner geht hin!“ Wir haben uns dann in die Wälder zurückgezogen. Als wir später die Straße noch einmal passierten, habe ich viele Tote gesehen. Links und rechts von der Straße.“

 

Todesmarsch Belower Wald bei Wittstock. Quelle: BHS-tv 1995

 

Der Düsseldorfer Reinhold Heinen überlebte den Todesmarsch. Der christliche Verleger gründete nach seiner Rückkehr im rheinischen Düren die örtliche CDU. Er ist 1969 verstorben. Pfarrerstochter Edith von Jüchen lebt heute 95-jährig in Schwerin und nimmt weiter hellwach am Geschehen teil. „Nie wieder“ ist ihr Lebensmotto. Hitlerjunge Werner Zimmermann geriet Anfang Mai 1945 im Raum Schwerin in US-Gefangenschaft. Der mittlerweile 91-jährige wohnt wieder in Berlin-Köpenick.

Mehr über den Todesmarsch von Sachsenhausen in So viel Anfang war nie. Notizen aus der ostdeutschen Provinz.

So viel Zukunft war nie

Mein Krankenhaus, in dem ich seit drei Jahren ehrenamtlich mithelfe, ist geschlossen. Im gegenwärtigen Corona-Modus sind ganze Stationen geräumt und isoliert worden. Bisher blieb der große Ansturm aus. Gott sei Dank. Aber was ist mit dem Stammpersonal? Wie geht es den Pflegekräften und der Ärzteschaft? In Nachrichten und Talkshows sind Virologen Dauergäste. Aber Pflegerinnen und Pfleger, Schwestern, Stationsärzte? Fehlanzeige oder ganz seltene Ausnahmefälle. Dabei sind sie hautnah ganz vorne und am intensivsten an Corona-Patienten. Was auf der Hand liegt: Statt Balkon-Beifall für Pflege- und Stationspersonal wären angemessene Löhne und Gehälter eine wirkliche Verbesserung. Ein Schritt in die Zukunft.

Der 23-jährige Alexander Jorde ist einer der wenigen, der offen über die Schwächen im Gesundheitssystem redet. Der Krankenpfleger in Hannover hat sich einmal in einer Wahlsendung mit Angela Merkel angelegt. Da sagte er über den Alltag auf den Stationen: „Die Würde des Menschen wird tagtäglich in Deutschland tausendfach verletzt“. Pfleger, Schwestern, Ärzte sind „systemrelevant“. Wie einst Banken. Diese schlitterten damals in eine selbstverschuldete Krise. Folge ihrer hemmungslosen Zockerei. Sie wurden mit Milliarden Euros gerettet.

 

 

In den Krankenhäusern muss mit den Folgen eines weltweit außer Kontrolle  geratenen Virus ganz alleine gerungen werden. Wie sieht deren Schutzschild aus?  Tja. Es herrschen Atemnot, Improvisation, Stress und manchmal ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten. Gesundheitsminister Jens Spahn setzte als Sofortmaßnahme die Personaluntergrenzen aus. Noch mehr Druck. Dabei liegt der Pflegeschlüssel bereits bei gegenwärtig 13:1. Das heißt eine Pflegekraft versorgt im Schnitt 13 Patienten. Das ist einer der schlechtesten Werte in Europa. Schutzmasken müssen wegen Mangel in vielen Krankenhäusern mehrfach getragen werden. Kollegen fallen wegen Krankheit aus. Es gibt ein hohes Risiko selbst infiziert zu werden. Bei 12% liegt die Rate in Spanien. In Deutschland weiß man es nicht, es wird zu wenig getestet.

 

Vhelalde aus Mailand interpretiert mit ihrer Band einen Klassiker.

 

„Wir haben genügend Betten, wir haben genügend Beatmungsgeräte, wir haben sogar meistens auch genügend Ärzte. Aber wir haben nicht genügend Pflegekräfte“, sagt Pfleger Alexander Jorde. Er hofft, dass in Corona-Zeiten endlich ergebnisorientiert debattiert wird, wer die Gesellschaft am Laufen hält. Zum Beispiel seine Kolleginnen und Kollegen, genau wie die vielen Kassiererinnen, Kuriere, Lkw-Fahrer oder Erntehelfer. Jorde appelliert: „Wir müssen gemeinsam für bessere Löhne und anständige Arbeitsbedingungen kämpfen. Auch nach Corona.“ Ein frommer Wunsch des 23-jährigen aus Hildesheim? Jung und naiv?

 

So sieht Banksy in England die Quarantäne-Zeit. Seine Frau hofft, dass er bald wieder raus kann.

 

Was wird, wenn das Kontaktverbot wieder fällt und wir in den ersehnten Normalmodus zurückkehren? Lernen wir aus der staatlich verordneten Zwangspause? Die Chance ist da. Jetzt. Noch ist die Tür einen Spalt weit geöffnet. So viel Zukunft war nie.