Trockenbewohner

Eine schöne Bleibe. In Berlin. Am besten mit Terrasse über den Dächern. Mit Blick auf Fernsehturm, Park und Spree. In der begrünten Straße Kneipe, Club und Späti. Dazu nette Nachbarn. Hausfeste. Immer ein Parkplatz vor der Tür. Wenn´s sein soll, Nightlife bis der Arzt kommt. Warum nicht? Alles eine Frage des Etats. Wer zahlt, kann alles haben. Wer nicht mithalten kann, hat eben Pech gehabt. Alles neu? Von wegen.

Der Mann – ein Dichter, knapp bei Kasse – ist Anfang fünfzig, im besten Alter. Frau, vier Kinder. Die Familie ist „Trockenbewohner“ einer feuchten Parterrewohnung am Landwehrkanal. Der Eigentümer, ein Holzhändler, erhöht kräftig die Miete. Der arme Poet bittet um Gnade. Die Familie in der Tempelhofer 51, parterre, jedoch muss raus. Wir schreiben das Jahr 1871. Berlin ist im Gründerrausch. Der gekündigte Parterrebewohner heißt Theodor Fontane. Nun beginnen seine Wanderungen auf dem Wohnungsmarkt.

Fontane war stets auf Wanderschaft. Auch in eigener Sache. Zweimal wurde ihm in Berlin gekündigt. Wohnen in vertrauter Umgebung ist auch heute „kein Naturrecht“, sagt ein Sprecher der Immobilienverbände.

Im März 1872 müssen die Fontanes auch ihre nächste Berliner Bleibe in der heutigen Stresemannstraße verlassen. Wieder zu teuer. Familie Fontane macht Bekanntschaft mit Mietsteigerungen, Verdrängung und Immobilienspekulanten. Fontane schreibt an seine Freundin Mathilde von Rohr: „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon schrieb, dass unser Haus verkauft ist, dass die Mieten mindestens verdoppelt werden, und dass wir alle ziehen.“

Am 3. Oktober 1872 ziehen die Fontanes in die Potsdamerstraße 134 c. Drei Treppen links. Hier begrüßen sie Kakerlaken. Es stinkt erbärmlich. Sohn Friedrich beschreibt die neue Bleibe als furchtbar heruntergekommen. Egal. Die Familie wohnt nun im Vorderhaus. Doch die Vormieterin, eine ältere alleinstehende Frau muss weichen. Sie zischt dem Nachmieter Fontane hinterher: „Na, Freude soll er hier nicht erleben.“ Fontanes sind von nun an „Drei-Treppen-hoch-Leute“. Fontane ist zufrieden. „Drei Treppen hoch wohnt sich´s gut“. Der soziale Aufstieg. Hier bleibt er bis zu seinem Tode 1898.

Und heute? Ein gutes Jahrhundert danach? Wieder boomt Berlin. Wieder müssen weniger Betuchte ihre Wohnungen räumen, ob parterre oder „Drei-Treppen-Hoch.“ Es explodieren die Preise. Die Welt teilt sich wieder in Gewinner und Verlierer. Das Überraschende: Jetzt jammern alle. – Alle? – Ja. Sogar Immobilienmakler. Einer klagt: „Unser Streben war, Mietwohnungen auch an sozial Benachteiligte zu vermitteln, über unsere Bank-Partner Finanzierungsmöglichkeiten zum Kauf des ersten Eigenheims ohne viel Eigenkapital zu beschaffen und bezahlbare Gewerberäume für Start-Ups zu finden.“

„Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel – aus wenig viel“. Inschrift an einem Genossenschaftshaus in Berlin-Wilmersdorf aus den zwanziger Jahren.

Makler Holtz hat die Schuldigen ausgemacht: „ Das politische Establishment dankt’s uns und unserer Zunft nun mit einem ganzen Korb voller sinnloser und schädlicher Regularien, die nichts bringen: Einer Mietpreisbremse, die nicht wirkt, einem sogenannten „Bestellerprinzip“, das Miethöhen und Kaufpreise für Eigentumswohnungen aufheizt, anstatt sie zu beruhigen, Milieuschutzverordnungen, Baurechtsverschärfungen, und Enteignungs-Phantasien.“

Quelle: OL.

Bange Frage: Wann gehen Zehntausende Makler, Investoren und Hausbesitzer auf die Straße? Berlin im Jahre 2019. Trockenbewohner Fontane hätte sich amüsiert. „Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf“, sagte der Meister und schleppte sich drei Treppen hoch, zu einem Teller Griessuppe, seinen Tagebüchern und den Kakerlaken, die umsonst mitwohnten.

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Make Bach great again

Leipzig im Frühjahr. Die Helden-Stadt von 1989. Die Messe-Metropole blüht auf. Wärmende Sonne. Zuversicht. Zuzug. Tüftler, Studenten, junge Familien wagen ihr Glück. In den Straßen innerhalb des Rings herrscht geschäftiges Treiben. Doch die Stadt ändert gerade ihr Gesicht. Wieder einmal. So wie vor dreißig Jahren – nach der Wende. Die Globalisierung drückt ihren Stempel auf. Schleichend, aber unübersehbar.

An der belebtesten Fußgängerzone, der Grimmaischen Straße, befand sich einst ein großer Buchladen. Heute? – Sitz von Vodafone. Smartphones statt Schiller und Ferdinand von Schirach. Ein paar Schritte weiter das Kino Capitol, einst zentraler Ort des Dokfilmfestivals. Heute? – Zalando Outlet. Eine ältere Leipzigerin schüttelt den Kopf. „Das Kino haben sie plattgemacht. Eine Schande.“ Einen weiteren Steinwurf entfernt der Thomaskirchhof. Der sympathische, gut sortierte Buchladen. Heute? – Coffee Shop Bigoti. Die Schaufenster sind verhängt. Ein Schild erklärt – Coming soon. Ein Plakat verspricht: „Coffee keeps me going until it´s time for wine.“ Ach so.

„Coffee“ statt Bücher. Leipzig. Thomaskirchhof im Frühjahr 2019.

Ich drehe mich um. Wenigstens er ist noch da. Johann Sebastian Bach. Er steht weiter auf festem Fundament. Zu seinen Füßen Geburtstagsblumen. Ich bin erleichtert. Zu feiern ist Ende März sein 334. Geburtstag. Der Leipziger Thomas-Kantor mit seinen rund tausend Kompositionen hat noch Freunde, bleibt wohl ewig jung. Selbst Globalisierungsgewinner Google begeht diesen Tag. Bach First. Was schenkt der Suchmaschinenkonzern? – Ein Google Doodle Bach.

Bach im Internetzeitalter. Google hat ein aufwendiges Kompositionsprogramm entwickelt. Ein selbstlernendes System für den eigenen Hausgebrauch. Komponieren wie Bach – Do it yourself! Google-Programmierer haben den Algorithmus von 360 Bach-Original-Chorälen eingelesen. So kann jede(r) Bachfreund mit Hilfe künstlicher Intelligenz einen vierstimmigen Satz komponieren. Beliebig veränderbar. Auf Midi-Dateien speicherbar. Maschinen machen Musik.



Die Google-Generation aus Silicon Valley bezeichnet Bach als den größten Meister der Kompositionstechnik. Original-Ton Bach: „Alles, was man tun muss, ist, die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.“ Nun perfektionieren und globalisieren die Netzgurus aus dem 21. Jahrhundert den Mann aus dem 18. Jahrhundert – per Klick. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. „Schönheit, Wahrheit, Hoffnung“ aus dem Rechner. Wer braucht da noch Buchläden, Kinos, Kirchen?

Happy Birthday – Johann Sebastian Bach 2019.

https://youtu.be/Oz1lYc3NfoM
Swinging Bach. Ein Live-Konzert mit echten Musikern von Bobby McFerrin bis Jacques Loussier in Leipzig. Toller Mitschnitt aus dem Jahre 2000.
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Kafka Ahoj!

Kafka, Kundera, Vaclav Havel. Ach, und der berühmte Schwejk vom Schelmendichter Hasek! Das sind die Helden der tschechischen Literatur. War´s das? Keineswegs, versprechen die Macher von Gastland Tschechien. Sie rufen laut und fröhlich Ahoj! Dreißig Jahre nach der Samtenen Revolution von 1989 präsentiert sich unser Nachbar auf der Buchmesse in Leipzig. 55 Autorinnen und Autoren mit insgesamt siebzig Neuerscheinungen sagen, was zu sagen ist.

Die Tschechen bringen ihr ausgeprägtes Talent für Geschichten mit – dieser ganz spezielle Mix aus Tragödie und Komödie. Immer dazwischen. Meist auf der falschen Seite. Besetzt von Nationalsozialisten wie Kommunisten. Das Schicksal eines kleinen Landes im Konzert der Großen. So haben sich die Tschechen nach der Wende von der Slowakei getrennt und sind um die Hälfte geschrumpft. Statt eines  Dichter-Präsidenten mit kurzen Hosen steht mit Andrej Babis ein Altkader und Oligarchen-Premier mit dickem Portemonnaie an der Spitze des Zehn-Millionen-Volkes.

Tschechien profitiert heute wie kein anderes Land von der EU und lehnt Brüssel entschieden ab. Während die Prager Intellektuellen für Europa eintreten, werden sie von den Populisten als “Bessermenschen“ verlacht. Die Mehrheit wählt stramm national. Flüchtlinge sind unerwünscht. So viel Tragödie, Komödie und eine kräftige Prise Schwejk. Das hat die Literatur zu bieten. Gastland Tschechien. Hier einige Empfehlungen.

 

Eine junge Frau sucht ihren Platz in der Welt. Sie ist schüchtern und lebt zurückgezogen, hat die Nase von den Aufschneidern voll. Konsequent zieht sich in einen Kleiderschrank in ihrer Hinterhofwohnung zurück. Und fordert ihre Mitmenschen heraus. Ein starkes Roman-Debüt.

Jarolsav Rudis. Winterbergs letzte Reise.

Der Star und Entertainer der Nachwende-Szene lässt seine beiden Helden – einen Veteranen und seinen Pfleger – von Berlin aus zum Schlachtfeld Königgrätz von 1866 ziehen. Am Ende landen sie in Sarajewo. Eine wilde Tour voller Historie, Witz und packender Reportage. Nominiert für den Buchpreis 2019.

Jaroslaw Rudis vor dem Café Liberál in Prag. Sein Lieblingsort.

Radka Denemarková. Ein Beitrag zur Geschichte der Freude.

Ein Ermittler muss einen Mord an einem Prager Geschäftsmann aufklären. Er verliebt sich in die schöne Witwe. Der Plot nimmt eine jähe Wendung, denn der Ermittler stößt auf drei ältere Damen, die weltweit gewalttätige Männer jagen. Das weibliche Simon Wiesenthal- Trio kennt kein Pardon. Schwalben spielen eine wichtige Rolle in diesem Roman der bekanntesten Gegenwartsautorin des Landes, der Schwalbe von Prag.

Vrastilav Manak. Heute scheint es, als wäre nichts geschehen.

Eine langweilige Familienfeier. Plötzlich werden Erinnerungen wachgeküsst, die Jahrzehnte zurückliegen. Geheimnisse tauchen auf. Der Aufstand der Skoda-Arbeiter in Pilsen vom Juni 1953. Opa erzählt, wovon keiner etwas wusste oder jemals wissen wollte. Vielversprechender Roman eines dreißigjährigen Talents.

Martin Becker. Warten auf Kafka.

Der Angestellte Franz Kafka begeistert die Massen. Auch wenn ihn die Wenigsten lesen. Kafka ist Touristenmagnet und der tschechische Megastar. Berühmter als Karel Gott, Vaclav Havel oder die tschechische Torwartlegende Petr Cech. Was würde es für Boulevard-Blätter bedeuten, wenn herauskäme, dass Kafka verheiratet wäre? Martin Becker weiß es.

Petr Hruska. Irgendwohin nach Hause.

Hruskas Heimat ist Ostrava. Eine Malocher-Region. Hart, hässlich, schmutzig grau. Dort wird nicht viel geredet. Eigentlich ein echtes Manko für begabte Lyriker. Dichter Petr Hruska beweist das Gegenteil. Packende Poesie aus einer Bergarbeiterstadt.

Mehr eigenwillige, aufregende und absurde Geschichten aus dem Lande Schwejks auf der Leipziger Buchmesse vom 20. bis 24. März 2019.

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Macht. Das Gedicht. Aus. – An.

So viel Aufregung war selten. Avenidas. Ein Gedicht. Acht Zeilen. Geschrieben auf einer Wand. Knallharte Konflikte um einen alten Dichter. Eugen Gomringer (94), der „Altmeister der konkreten Poesie“.  Getilgt im Namen von Aufklärung, Sittlichkeit und Reinheit der Lehre. Der Preis für derartige politische Korrektur: 31.575,59 Euro. So viel kostete die Übermalung. Nun ist das Acht-Zeilen-Gedicht wieder aufgetaucht. Ein Comeback, ein paar Straßen weiter. Avenidas ziert nun ein Genossenschaftshaus im Berliner Bezirk Hellersdorf.

Berlin-Hellersdorf. „avenidas“ ist zurück an der Fassade eines Plattenbaus. Quelle: Wohnungsgenossenschaft Grüne-Mitte Hellersdorf.

So viel Wirkung war selten. Der bizarre Berliner Bilderstreit lässt eine weitere Blüte der Poesie reifen. Seit einigen Tagen heißt es wieder:

„Alleen/Alleen und Blumen/ Blumen/Blumen und Frauen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“

Das neue, politisch genehme Gedicht, ausgelobt von den Gremien des Allgemeinen Studier_Innenausschusses (ASTA) der Alice-Salomon-Hochschule – Name hoffentlich korrekt zitiert, oder heißt es Studierendenausschuss (?) – stammt von der Lyrikerin Barbara Köhler. Es lautet.

„SIE BEWUNDERN SIE/BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN/SIE WIRD ODER WERDEN GROSS/ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO/STEHEN SIE VOR IHNEN/IN IHRER SPRACHE/WÜNSCHEN SIE IHNEN/BON DIA GOOD LUCK.“

Gomringers avenidas war zu anstößig. Es stelle eine „patriarchale Kunsttradition“ dar, in der Frauen nur schöne Musen seien wodurch sexistische Tendenzen vermittelt würden, hieß es. Nach aufgeheizter und nervöser Gender-Debatte musste das Gedicht weichen. Die Hochschule war obenauf. Doch jener Bildersturm hatte zumindest auch eine positive Seite. Monatelang wurde leidenschaftlich über Lyrik gestritten, über acht Zeilen eines Gedichtes. Mehr kann Kunst nicht erreichen.

Der Deutsch-Schweizer Dichter Eugen Gomringer pflanzte acht Kinder in die Welt. Sieben Söhne und eine Tochter. Nora nahm den Staffel ihres Vaters und seiner „Konkreten Poesie“ fantasievoll auf. Sie erfreut eine wachsende Fangemeinde mit wortmächtig-witzigen, tiefgründig-treffenden Versen, Texten und Stücken. Die 39-jährige Nora Gomringer stritt vergeblich gegen die selbsternannten avenidas-Sprachreiniger von der Berliner Hochschule.

Sprache ist Macht. Verwaltung ist Herrschaft. Dogma ist Unfreiheit. „Macht. Das Gedicht aus“, heißt es auf ihrer Website. Die in Bamberg lebende Bachmann-Preisträgerin Gomringer konzentriert sich auf „Texte in natürlicher Umgebung“. Sie denkt nach über das „Verhandeln des Poetischen im Öffentlichen“. Eine Suchende. Eine, die Grenzen überschreitet. Ein Freigeist.  Sie dichtet: Ohne Körper keine Stimme

„Ich mache das nicht zum Vergnügen
Das Auflösen in Sprache

Wie eine Tablette

Und vor ihr der Schmerz“

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Prager Fenstersturz

Wirkliche Veränderungen, so heißt es bei Bismarck, sind aus Blut und Eisen geschmiedet. Anpacken, zur Tat schreiten, vollendete Tatsachen schaffen. Die Prager haben damit Erfahrung. Dreimal in ihrer Geschichte haben sie den Fenstersturz als Methode des Herrschaftswechsels praktiziert. Zuerst stürzten aufständische Hussiten 1419 die Obrigkeit aus dem Rathaus. 1618 warfen wütende Protestanten katholische Statthalter aus dem Fenster der Burg. Die Herren überlebten. Aber nicht Außenminister Masaryk 1948. Er lag zerschmettert im Hof des Czernin-Palastes.

Der 1618er-Fenstersturz löste einen verheerenden dreißigjährigen Glaubenskrieg in Europa aus. Der 1948er sicherte den Kommunisten eine vierzigjährige Herrschaft in der neuen CSSR. Der Eiserne Vorhang teilte fortan Europa. Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. In der Mitte das eingemauerte Berlin. Fensterstürze können geschichtsmächtige Prozesse entwickeln. Unumkehrbar. Mit weitreichenden Folgen.

Dieser Herkules mit Keule empfängt den Besucher im Prager Czernin-Palast.

Was am 10. März 1948 im prächtigen Prager Czernin-Palast genau geschah, bleibt bis heute ungeklärt. Sicher ist nur: Der liberale, aus dem englischen Exil zurückgekehrte Außenminister war tot. Er stürzte im Palast fünfzehn Meter in die Tiefe, das Fenster in seinem Badezimmer stand offen. Jan Masaryk, Sohn des tschechoslowakischen Staatsgründers, war äußerst beliebt und der letzte verbliebene bürgerliche Politiker im neuen Kabinett. Die Kommunisten hatten die Macht übernommen.

British Pathé News 1948. „Europe divides“.

Gestürzt oder gestürzt worden? Die amtlichen Untersuchungen 1948/49 sprachen von einem Selbstmord. Zweifel blieben. Die offizielle Version, er habe an Depressionen gelitten, haben viele nicht geglaubt. 1968 im „Prager Frühling“ nahmen Behörden ihre Ermittlungen wieder auf. Sie wurden mit dem Einmarsch der Sowjets jäh gestoppt. Nach der „samtenen Revolution“ 1989 mühte sich eine Kommission über ein Jahrzehnt lang um Aufklärung. Das Ergebnis 2004 lautete auf Mord. Aber es sei nicht mehr eindeutig und zweifelsfrei beweisbar.

Das Fenster in der dritten Etage, aus dem Jan Masaryk 1948 stürzte. Im Halbschatten Romanautor Marek Toman.

So bleibt das Geheimnis um den letzten Fenstersturz bestehen. Der Czernin-Palast hat in seinen Gemäuern viele Wechsel erlebt. Barocke Pracht. Habsburger Pomp. Niedergang des K.u.K.-Reichs. 1918 Neugeburt und Ende der Tschechischen Republik 1938. Amtssitz des Hitler-Statthalters Reinhard Heidrich. Fenstersturz 1948. Heute residiert im Barock-Palast das Außenministerium der tschechische Republik, die sich 1992 mit der Trennung von der Slowakei halbiert hatte.

Czernin-Palast. Seit dem 17. Jahrhundert Ort von Macht- und Ränkespielen. Heute Sitz des tschechischen Außenministeriums.

„Lob des Opportunismus“. Der tschechische Autor Marek Toman hat einen Roman über die Geschichte des Czernin-Palastes geschrieben. Mit Helden und Halunken, Festen, Feiern, Machtspielen und Intrigen. Das beeindruckende Palais hoch über der Moldau hat die Toiletten mit dem schönsten Ausblick in ganz Mitteleuropa, sagt Toman. Er weiß, wovon er spricht. Der hochgewachsene Mann arbeitet im tschechischen Außenministerium. Nur sollte man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

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Villa mit Wartezeiten

„Das nächste halbe Jahr sind wir komplett ausgebucht“, betont die junge Dame stolz. Sie führt uns durch ein Meisterwerk der Moderne. Die Villa Tugendhat in Brünn. Architekt: Mies van der Rohe. Bauhaus at its best. Die deutsche Journalistengruppe nickt zustimmend. Was für eine Villa! Leicht, luftig, elegant. Motto „Weniger ist mehr“. Flachdach. Fließende Räume, viel Beton und Glas. Die erste tragende Stahlkonstruktion in einem Privathaus. Seltene Materialien: Onyx aus Marokko, italienischer Travertin, Holzfurniere aus Südostasien. Einzigartig: eine Warmluftheizung. Elektrische Jalousien. Alles erbaut  in vierzehn Monaten.

1930 zogen Fritz und Grete Tugendhat mit ihren fünf Kindern in die neue Villa ein. Das Haus am Hang mit Blick auf die Altstadt von Brünn zählte zum Modernsten, was es in Europa gab. Die Tugendhats machten ihr Geld mit Stoffen, Tuch und Seide. Brünn war das „mährische Manchester“. Doch ihr Glück in der luftigen Villa währte gerade einmal acht Jahre. 1938 mussten sie Hals über Kopf flüchten, als Hitler nach dem Münchner Abkommen Mähren annektierte. Schlechte Zeiten für jüdische Familien.

Die Tugendhats setzten sich über die Schweiz nach Venezuela ab. Die Nazis nutzten das „jüdische Haus mit Flachdach“ als ein Konstruktionsbüro für die Rüstungsproduktion. Auftrag: „Bomben für den Endsieg“. 1945 marschierte die Rote Armee in Brünn ein. Die Soldaten brieten im Wohnzimmer am offenen Feuer Ochsen und verwandelten die Villa in einen Pferdestall. Jetzt wurden die Deutschen aus der Stadt vertrieben. Den berüchtigten „Brünner Todesmarsch überlebten im Mai 45 Tausende nicht.

Mies van der Rohe. Villa Tugendhat.

Nach Kriegsende zogen Kinder und Kranke in die Luxus-Villa am Berg ein. Das Haus wurde zuerst als Ballettschule, in den fünfziger Jahren als medizinische Einrichtung für Heilgymnastik genutzt. Im großzügigen Wohnzimmer wurde nun geturnt. Ab den achtziger Jahren stand die Tugendhat-Villa leer. Die kommunistische Regierung entschied schließlich auf Drängen tschechischer Architekten das Haus einer Kapitalistenfamilie zu sanieren. Die Villa diente nun als Gästehaus der Regierung.

Noch einmal schrieb Anfang der neunziger Jahre die Villa Geschichte. Der Tscheche Vaclav Klaus und der Slowake Vladimir Meciar beschlossen 1992 die Trennung ihres Landes. Nach zwei Stunden im Wohnzimmer war alles vorbei. Die Tschechoslowakei hörte auf zu existieren. Immerhin eine friedliche Scheidung und  kein blutiger Exzess wie in Jugoslawien. Der Wunsch der Witwe Grete Tugendhat nach „Öffnung des Hauses für alle“ konnte erst im 21. Jahrhundert erfüllt werden.

Eine Villa mit Liebe zum Detail.

Die Villa wurde in den Jahren 2010 bis 2012 aufwändig und originalgetreu grundsaniert. Mies van der Rohes kühner Entwurf ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. In diesem Jahr feiert das Bauhaus sein hundertjähriges Jubiläum. Der Tipp: Rasch auf die Warteliste setzen lassen. Der Ausflug nach Brünn lohnt sich. Zu entdecken ist nicht nur ein faszinierendes Denkmal der Moderne. Die Villa mit ihren Höhen und Tiefen erzählt viel mehr über das vergangene Jahrhundert als alle dicken Geschichtsbücher.

Die Villa Tugendhat in Brünn/Tschechische Republik. 100 Jahre Bauhaus. Lohnenswert. Aber 2019 mit langen Wartezeiten.
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Geben Sie Gedankenfreiheit!

 

Er wollte kein Fürstendiener sein. Er war stolz und unbeirrbar. Der Malteser-Ritter Marquis von Posa. Keiner, der katzbuckelte, sich wendete oder anpasste. Eine Kunstfigur? Genau genommen ja. Friedrich Schiller schrieb seinen berühmten „Don Carlos“ von 1783 bis 1787. In seinem Drama ließ er den Marquis vor den spanischen König Philipp II. treten. Er klagte den Herrscher der Unterjochung Andersdenkender und Inquisition an. Er fiel auf die Knie und forderte: „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“

Philipp II. König von Spanien. Mächtiger Mann der Inquisition. (1527-1598)

Zwei Jahre nach der Uraufführung von Don Carlos in Hamburg im Jahre 1787 erhoben sich die Franzosen zur Revolution. 1789 änderte sich in Europa alles. Die Despotie wurde gestürzt. Es schien, als fielen die Worte des Romantikers Schiller aus Marbach am Neckar auf fruchtbaren Boden. Dabei hatte der Jungdichter einen hohen Preis für seine Unabhängigkeit zu bezahlen. Im Alter von 23 Jahren musste er seine Heimat verlassen, flüchtete ins liberale Baden, erhielt später bei Freunden in Thüringen Asyl.

Schiller war davon überzeugt, dass Verstand und Gefühl zusammengehören. Das Theater müsse in seinen Stoffen und Charakteren den Fürsten – also den damals Mächtigen – ein Bild der wirklichen Lebensumstände nahebringen. Die Kraft des Theaters. Schiller: „Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen.“

Urfassung Don Carlos. 1787.

Geben Sie Gedankenfreiheit – ein geflügeltes Wort. Es gibt viele Herrschenden auf der Erde, die am liebsten sogar Gedanken unter Zensur stellen würden. Tatsächlich ist das Recht, die eigene Meinung öffentlich zu äußern, längst wieder ein Risikofaktor geworden. Meinungs- und Presse-Freiheit sind auf dem Rückzug. Deutschland gehört – bei aller Kritik – zu den wenigen Inseln einer geschützten Gedanken- und Meinungsfreiheit. Das war nicht immer so und muss keineswegs so bleiben. Zwei Diktaturen in einem Jahrhundert – braun und rot –  versuchten die Freiheitsrechte gewaltsam zu ersticken.

Friedrich Schiller: Don Carlos, Infant von Spanien – Kapitel 16

Marquis „Ein Federzug von dieser Hand, und neu
Erschaffen wird die Erde. Geben Sie
Gedankenfreiheit. – (Sich ihm zu Füßen werfend.)

König (überrascht, das Gesicht weggewandt und dann wieder an den Marquis geheftet).
                Sonderbarer Schwärmer!“

1937 gab das Deutsche Theater in Berlin Schillers Don Carlos. Der damals populäre Bühnen- und Filmschauspieler Ewald Balser spielte leidenschaftlich den Marquis von Posa. Für seinen Satz „Geben Sie Gedankenfreiheit“ erntete Balser minutenlangen offenen Szenenapplaus. Propagandaminister Goebbels, der Hausherr des Deutschen Theaters, wurde informiert. Er entschied: „Weiterspielen lassen!“ Mit den Beifallsstürmen sei doch der Despot Philipp II aus Schillers Drama gemeint. Das Stück wurde – entgegen der Legendenbildung – nicht abgesetzt, sondern weitere 39 Mal aufgeführt – bis das Theater und Berlin in Schutt und Asche versanken.

2019 garantiert uns das Grundgesetz Gedanken-, Meinungs- und Pressefreiheit. Woran es mangelt? Der ewige Spötter Karl Kraus wüsste eine passende Antwort: „Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.“

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Goldgiganten

 

Gold macht Menschen süchtig. Möglicherweise mehr als schnelle Autos, teure Reitpferde, schnittige Luxusyachten oder elegante Traumvillen am See. Gold ist seit Jahrtausenden Sinnbild für Macht, Reichtum und Überlegenheit. Gold ist fast überall auf der Welt letzte Sicherheit und eiserne Reserve. Gold kann auch als Zusatzstoff für Lebensmittel verwendet werden. Die schnöde Abkürzung klingt wenig appetitlich E175.

 

Seit kurzem wissen wir, dass Gold auch als Veredelung für ein schickes Dinner dienen kann. Nichts für Genießer aber geeignet für Menschen, die Aufmerksamkeit brauchen: Schaut mal, ich kann mir das leisten. Motto: Lieber Goldsteaks als Goldbroiler. Für alle Nachgeborenen: Goldbroiler war die DDR-Variante des Masthänchens, nur ohne Blattgold. Fußball-Millionär Franck Ribery, kurz vor dem aktiven Ruhestand, erfüllte sich einen Traum. Und wusste genau: Gold glänzt nicht ohne Licht.  Deshalb postete er munter sein Prachtstück in die Welt hinaus.

Gold machte auch einen Berliner Wachmann glücklich. Von einem Tag auf den anderen konnte er sich ein 11.000 Euro feines Goldkettchen leisten – trotz seines schmalen Security-Verdienstes. So lebte er stolz den Traum vom goldenen Schlaraffenland. Schaut her, ich bin ein goldener Prinz. Dummerweise lenkte sein Kettchen pfiffige Ermittler auf eine heiße Spur. Sie führte schnurstracks zu den Goldräubern von der Berliner Museumsinsel. Jener Wachmann hatte im Frühjahr 2017 der Diebesbande Tipps geliefert, wie und wo die größte Goldmünze der Welt am leichtesten ihren Besitzer wechseln kann.

1 oz Maple Leaf Gold.

Der spektakuläre Raub der Zwei-Zentner-schweren Münze mit dem schönen Namen Big Maple Leaf (Großes Ahornblatt) flog auf. Das kleine Kettchen ist ein glänzendes Detail beim wohl größten Goldraub der letzten Jahre. Die jungen Räuber, die allesamt einem geschäftstüchtigen arabischen Clan angehören, sitzen derzeit auf der Anklagebank.

Doch ihre eroberte und mühsam weggekarrte 100-Kilogramm-schwere Münze – präsentiert in der Ausstellung Goldgiganten – ist und bleibt verschwunden. Ob versteckt, zerteilt oder gar eingeschmolzen, das wissen nur die Räuber selbst. Reden ist Silber. Schweigen ist Gold. Und doch: Das Goldstück hat ein Stück seines Glanzes verloren. Denn das weiß nun ein jeder Glückssucher – ob Fußballer, Wachmann oder Clanmitglied: Gold glänzt nicht ohne Licht.

„Familienabend“ 4. und letzter Teil

Folge 4:

„Ich fange so langsam an, die liebe Verwandtschaft zu hassen. Letzten zum Beispiel fing Karls Frau an, ob Paul nicht mal ihr Wohnzimmerfenster putzen könne. Sie hätte gar nicht mehr die Kraft dazu.“ Wolfgangs Mutter machte nach, wie gebrechlich ihre Schwägerin plötzlich tat. Selbst ihre Stimme piepste nur noch. „Ist das nicht eine Frechheit? Mein Mann ist selbst alt, schließlich lassen sie nur Rentner, na oder Stasi- bzw. Außenhandelsleute rüber. Da bildet die sich ein, Paul könne ihren Dienstbolzen machen. Ich habe sofort gesagt: Komm Paul, wir gehen! Was denkst Du, wie sich Dein Bruder aufgeregt hat. Wir sollen um Gottes Willen bleiben, seine Frau ist nicht mehr ganz normal. Das dürfe sie nie wieder tun usw.“

„Ich gebe Dir  nächstes Mal einen Eimer Wasser mit“, versuchte Karin zu ulken. Aber der Witz kam nicht an. „Na Scherz beiseite“, lenkte sie ein. „Wir haben im Urlaub auch mal einen kennengelernt, der eigentlich durch und durch Nazi war. Abends beim Skat, als er etliche Bier heruntergekippt hatte und er nicht mehr klar sehen konnte, fing er an Nazilieder zu singen. Und ihm gegenüber saß ein Skatbruder, der für jeden Halbblinden sichtbar sein Parteiabzeichen dran hatte. Aber der hat nichts gesagt, wollte wohl keinen Ärger machen. Worauf ich eigentlich hinaus will, ist folgendes: Dieser Mann, wie gesagt Ex-Nazi heute noch, erzählte mit leuchtenden Augen, das er singend und stolz lieber heute als morgen mit der roten Fahne in Westberlin einmarschieren würde. Dann beteuerte er zehnmal, dass dieser Tag kommt. Daran kann man sehen, wie auch dieser Mann bereits von den Westlern gedemütigt worden sein muss. Ich kenne viele, die denen drüben den Sozialismus gönnen, obwohl sie ihn selbst nicht lieben. So etwas kommt nicht von ungefähr. Wenn man es genau betrachtet, sind die Einzigen, die sich hin und wieder für uns einsetzen, die CDU/CSU-Politiker.“

Ein „Späti“ in der DDR. Alltag im Land der „kleinen Leute“. Foto: Jürgen Hohmuth

Wolfgangs Vater winkte ab, als wollte er sagen: Euch ist nicht zu helfen. Dann kramte er im Zeitungsständer, nahm sich eine „Berliner Zeitung“ heraus und ignorierte die weitere Unterhaltung. Nur hin und wieder, wenn er einen Schluck Kaffee trank, sagte er spöttisch: „Hm, Westkaffee!“

Das Drehbuch für die Gerichtsverhandlung am 14. März 1980 gegen das Ehepaar R. Minister Mielke zeichnete das Papier ab. Wilma erhielt sieben Jahre Haft. Vier Jahre und zwei Monate verbüßte sie. Ihre Texte blieben bis heute unveröffentlicht. Quelle: MfS/BSTU

Wolfgangs Mutter machte ihrem Sohn und der Schwiegertochter mit Zeichensprache verständlich, sie sollten den Opa in Ruhe lassen. Sie wollte nicht, dass er sich ärgere. Derartige Debatten führten nie zu etwas in der Familie. Allmählich merkte Jörg, dass er auch wieder zu Wort kommen durfte. Alle tranken etwas, nur er saß trocken. Seine Oma erlaubte ihm, sich eine Brause aus der Speisekammer zu holen. Ins Zimmer zurückgekehrt, erläuterte der Junge ihr die Hälfte aller Bilder seines Asterix-Heftes. Es kostete sie einige Mühe, ihm bei seiner sprudelnden Erzählung geduldig zuzuhören.

Als sie endlich wieder mit ihrem Mann allein war, nahm sie ihre Tabletten. Die Herzschmerzen setzten ihr zu.“ ENDE

 

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht. Wilma lebt heute zurückgezogen im Ostteil Berlins.

„Familienabend“ Teil 3

Folge 3:

Das Radio dudelte gerade: „Geht es rundherum auf dieser Erde…“ „Bloß nicht für uns“, murmelte Wolfgang. Er langte nach seiner Tasse. Der Kaffee war allerdings noch zu heiß. Er stellte die Tasse wieder ab. Dann griff er noch einmal das Kreditthema auf: „Dass die drüben unserem Staat Kredite einräumen, und zwar gern, ist doch logisch.  Hier bürgt der Staat und nicht irgendeine Firma für die Rückzahlung des Geldes. Eine sicherere Anlage können die gar nicht haben.“

„Familienabend“ ist Teil der Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft aus den siebziger Jahren der DDR. Autorin Wilma R. bot sie einem West-Korrespondenten an. 1980 wurde sie zu sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ verurteilt.

„Sag mal“, wurde jetzt sein Vater gesprächiger, „Du glaubst wohl deren Gerede drüben, wie sie für mehr Menschlichkeit sind. Was denkst Du, warum die sich noch nie dafür eingesetzt haben, mit unserer Regierung Verträge abzuschließen, dass jeder DDR-Bürger auch eine bestimmte Menge unseres Geldes drüben in Westmark umtauschen kann, wenn er in das Gebiet einreist? Das werde ich Dir sagen, weil die nicht das geringste Interesse an uns haben, die quatschen lediglich. Oder denk mal daran, wie Du Dich geärgert hast, als die SPD anfing, davon zu reden, dass man auch über die Staatsbürgerschaftsfrage mit der DDR sprechen könne!

Ich sage Dir, für einen Wahlerfolg oder irgendwas Ähnliches verkaufen die Deine Staatsbürgerschaft und pfeifen auf ihr so hoch geheiligtes Grundgesetz und vor allem auf Dich. Das ist denen höchstens lieb, wenn Du dann bei einer eventuellen Reise durch Westdeutschland rausgeschmissen werden kannst, weil Du vielleicht dableiben wolltest. Ich weiß wirklich nicht, was Du an denen findest?“

Wolfgang sah seinen Vater an. So lange Vorträge hielt er sonst nicht. „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich an denen was finde. Wenn ich ehrlich bin, wüsste ich nicht genau, wen ich drüben wählen sollte, die SPD jedenfalls nicht.“

Auch Witze über den beliebten DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn werden protokolliert. Aus der Observationsakte Wilma R. Quelle: MfS/BSTU.

„Na vielleicht die anderen Fritzen von der CDU!“ fuhr ihn sein Vater an. „Diese Gauner, die nur die Interessen der Kapitalisten vertreten! Ich habe noch sehr gut im Gedächtnis, wie sie im Westen damals Stacheldraht an die DDR verkauft haben, um dabei zu helfen, uns hier einzuzäunen. Denen ist doch alles recht, wenn sie nur viel verdienen können. Die verkaufen ihre eigene Mutter, wenn`s sein muss.“

„Halt mal Vater, die CDU hat doch keinen Stacheldraht verkauft!“ „Ich habe auch nicht die CDU gemeint, sondern gesagt, dass die Interessen auch der Stacheldrahtverkäufer von der CDU wahrgenommen werden.“

Wilma wird observiert. Ost-Berlin. Oranienburgerstraße. 1978. Quelle: MfS/BSTU.

„Im Grunde ist es schon so“, meldet sich Wolfgangs Mutter zu Wort, „die wollen uns alle nicht, die drüben. Das fängt bei der lieben Verwandtschaft an. Die ärgern sich, wenn wir hier unsere Wohnung schön einrichten, zu allem Überfluss noch einen Garten leisten können. Dabei sind sie ohnehin der Meinung, viel mehr wert zu sein, weil sie im Westen leben. Für die existiert die Mauer nicht. Wir können zwar dreißig Tage rüber, aber dann sind wir dort völlig mittellos. Du kannst hier zig Tausende besitzen, Du darfst ja nichts mitnehmen. Und das genießen die Westler so richtig. Sie spielen den großen Gönner, wenn Du eine Nacht bei ihnen Dir das Begrüßungsgeld erschlafen darfst. Ich würde das keine zweite Nacht ertragen. Ich finde, die erreichen mit dieser Maßnahme, die bestimmt dazu gedacht war, dass die Verwandten besser in Kontakt bleiben, eher das Gegenteil.“

https://youtu.be/ARt9HV9T0w8

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.