„Familienabend“ – Teil 2

Folge 2:

„Ich gehe gerne zur Arbeit“, murmelte Jörgs Opa. Ich kann Dich schon verstehen“, sagte Karin, „nicht nur weil Dein Vater Kommunist war, denkst Du so. Ich freue mich genauso wenig wie Du, wenn Kapitalisten auf Knochen der Arbeiter reicher und reicher werden. Aber Du siehst doch, dass es dort besser funktioniert. Natürlich müssen die Arbeiter starke Gewerkschaften haben, sonst macht man mit ihnen, was man will. In de Punkt gebe ich sogar den Klassikern des Marxismus-Leninismus recht, dass die einzige Waffe der Arbeiter ihre Organisation ist.“

„Mein Gott, wir haben doch auch etwas geschafft!“ schimpfte der Opa. „Ja auch, aber eben weniger. Obwohl wir hier nicht fauler sind als drüben die Leute. Was denkst Du den denn, warum wir nicht mal nach dem Westen Können? Ich glaube kaum, dass Dein Vater sich hätte träumen lassen“, hielt ihm Wolfgang entgegen.

„Ich koche mal `nen Kaffee – aus dem Westen – für uns alle.“ Mit diesen Worten erhob sich Wolfgangs Vater und ging in die Küche. Dieses „aus dem Westen“ hatte er recht spöttisch in die Länge gezogen. Er hatte keine Lust, tiefsinnige Diskussionen mitzumachen. „Ach, lasst uns in Ruhe“, bat Wolfgangs Mutter. „Er meint`s ehrlich. Der ist zu alt, um sich noch zu ändern. Ein bisschen sieht er seinen Irrtum schon ein – wenn wir nicht alleine sind. Mir zuliebe würde er sogar rüberziehen. Aber ich hänge eben auch zu sehr an allem hier.“

Karin wusste, was sie speziell meinte. Sie konnte dann ihre Söhne und Enkel nicht mehr so oft sehen, vor allem konnten sie dann nicht zu ihr. „Sag mal Mutter, Du siehst heute nicht gut aus, hast Du überhaupt richtig geschlafen?“ wollte Wolfgang wissen.

Immer auf Posten. Firma „Horch und Guck“ im Einsatz.

„Kaum. Die Doppelbettcoach, die Pauls Bruder im Wohnzimmer stehen hat, schafft mich jedesmal. Vor allem schnarcht Dein Vater meist entsetzlich. Hier höre ich das nicht, hier liegt jeder in seinem Zimmer. Aber dort! Was macht man nicht alles, um diese lumpigen dreißig Westmark zu bekommen. Wenigstens eine Nacht musst Du da geschlafen haben, das ist es ja. Vor allem ist es so deprimierend, erst stehst Du danach an und dann reichen sie Dir das, als wenn Du ihnen die Füße küssen müsstest. Vielleicht sind das gerade solche, die früher massenweise aus dem Osten rausgeschleppt haben! Ich weiß, wie das Karl gemacht hat. Der hat heute noch seinen Oststaubsauger. Wenn ich nicht so schon immer genug zittern würde bis wir endlich durch die Grenze sind, dann würde ich was auf die dreißig Piepen pfeifen und mir drüben unser Geld umtauschen. Aber ich kann`s einfach nicht, ich hab nicht die Nerven dazu.“

Wolfgangs Mutter stützte ihren Kopf mit der rechten Hand. Sie wirkte matt. Der Opa kam mit den Tassen ins Zimmer. Hinter ihm, total aufgeregt, stürzte Jörg auf seine `Großmutter zu. Er wollte ihr alle Bilder und Texte zeigen, die ihm besonders gut gefallen hatten. Und das waren so fast alle. Wolfgang und Karin versuchten, ihn zu beruhigen. Er war total aus dem Häuschen, dabei brauchte die Oma wirklich ihre Ruhe.

https://youtu.be/sjuoE0Z_dYw

„Sollen wir lieber gehen?“, fragte Karin vorsichtig. „Nein, nein! Habe ich Euch zu viel vorgejammert?! Beeilte sich Wolfgangs Mutter zu sagen. Jörg bekam striktes Redeverbot. Er zog sich in eine Ecke zurück, um das Heft einmal zu lesen. Seine Ohren leuchteten rot.

 

Wilmas Texte wurden vom Ministerium für Staatssicherheit eingehend begutachtet und „feindlich-negativ“ eingeschätzt.

Kurz danach kam Karins Schwiegervater mit dem „Westkaffee“. „Kaffee ist drüben auch wieder teurer geworden. Es wird überhaupt dauernd  alles teurer. Aber unser sogenanntes Begrüßungsgeld bleibt in der gleichen Höhe. Die Regierung drüben hat im Prinzip auch nur fromme Worte übrig, denen ist das egal, ob wir oder Jüngere rüberkommen können. Genaugenommen sind wir denen nur lästig. Die sind zufrieden, dass es die Mauer gibt. Unsere Probleme interessieren die gar nicht. Statt auf Menschenrechtsverletzungen bei uns mit wirtschaftlichem Druck zu reagieren, da geben sie denen hier einen Kredit nach dem anderen. Damit unsere Herren hier und im Ausland genug repräsentieren können. Habt Ihr das gestern Abend im Fernsehen gesehen? Wolfgangs Mutter war über ihren Besuch im Westen gar nicht besonders froh. Nur, das bei ihren Enkelkindern zu gern einen Wunsch erfüllte.

„Da fällt mir ein, was ein Kollege neulich zu dem neuen Kredit der Bundesrepublik an uns gesagt hat.“ Karin musste lächeln, dann äffte sie eine knarrige Stimme nach. „Tja, schadet euch rar nichts, dass wir euch wieder einen Kredit gegeben haben. Nun ist der Geldsack, den ihr schleppen müsst, noch dicker und schwerer geworden, hä, hä!“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

„Familienabend“

Folge 1:

„Jörg, der für gewöhnlich bei seinen Schulaufgaben mindestens zehn Träume einschob, war flink fertig geworden. Heute Abend wollten sie zur Oma gehen, die gemeinsam mit Opa zwei Tage „drüben“ in Westberlin gewesen war. Er hatte sich ein „Asterix-Heft“ bestellt und war nun schon seit Tagen gespannt, ob sein Wunsch erfüllt würde. Gleich nachdem Karin und Wolfgang nach Hause gekommen waren, drängelte der Junge unentwegt, dass sie losgehen sollten.

 Bei der Großmutter angekommen, konnte er überglücklich seinen „Asterix“ in Empfang nehmen. Er zog sich in die Küche zurück und war für niemand zu sprechen.

„Familienabend“ gehört zur Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft, die sich Ende der siebziger Jahre dem DDR-Alltag stellt. Der Autorin Wilma R. wurden ihre Geschichten zum Verhängnis. Sie erhielt 1980 sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“,

Wolfgangs Mutter sah schlecht aus. Der Besuch musste anstrengend gewesen sein. Karin und Wolfgang fragten sie, wie es ihnen gefallen habe. Wolfgangs Mutter winkte ab: „Im Grunde ist es fruchtbar. Das fängt hier schon an, wenn sie einen mit fünfzehn Westmark für die dreißig möglichen Reisetage abspeisen.“ Wolfgang warf ein: „Das sind fünfzig Pfennig pro Tag, unser Geld darfst du ja nicht mitnehmen, sehr großzügig!“

„Ja, und so fühlst Du Dich dann auch – wie ein Bettler. An der Grenze werden wir abgefertigt, das kann man kaum beschreiben“, fuhr seine Mutter fort. „Ich mach doch mal das Radio an. Es ist so hellhörig bei uns. – Einen Ton schlagen die gegenüber uns alten Leuten an, sagenhaft. Da stehen nun einige und zittern schon vor Aufregung und dann werden sie fast nochgestukt. (Berlinisch: einen kleinen Stoß/Stups versetzen)

Die Ost-Berlinerin Wilma geriet schnell ins Visier des MfS. Die federführende Abteilung II/13 überwachte West-Journalisten in der Hauptstadt der DDR. Wilma wurde als sogenannte „Anläuferin“ registiert und „bearbeitet“.

Ich würde mich nicht wundern, wenn mal einer umkippt und stirbt. Ich bin jedenfalls fix und fertig, wenn wir durch sind. Dann kommst Du drüben an und bist den ganzen Tag ein Gefangener in der Wohnungvon Karl.“ Karl war der Schwager, also der Bruder von Jörgs Opa.

„Ich habe nichts gegen Karl und seine Frau, aber wir würden ganz gern, nachdem wir uns ein bisschen erholt haben, mal allein durch die Geschäfte gehen. Das erlauben die einfach nicht. Wisst Ihr, wenn die mitzuckeln, wird jede Mark, die Du ausgibst beobachtet und dauernd werden Gegenvorschläge unterbreitet. Also hocken wir den ganzen Tag bei denen oben. Ich meine, unser Essen bringen wir ja mit. Ich mache uns hier noch Fleisch und einiges anderes zurecht. Dass lass ich mir nicht nachsagen, dass ich mich durchfuttern komme. Meist essen die noch mit uns und erzählen mir dauernd: „Hilde, die Du das Fleisch zubereitest, das schmeckt ja wunderbar!“ Ich habe mich inzwischen mit der Menge darauf eingestellt. Dafür geben sie mir Bananenoder irgendwas anderes, was ich mit der Galle vertrage.“

Wilma wollte ihre Texte veröffentlichen. Da sie in der DDR keine Chance sah, nahm sie Kontakt zum „Feindsender“ ZDF auf. Das galt nach DDR-Recht als „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“.

Wolfgangs Vater kam ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel. „Na, Opa hat´s Dir gefallen?“, fragte ihn Karin. „Ach, na ja. Bei denen ist auch nicht alles so.“ Damit klappte ihr Schwiegervater den Mund wieder zu. Sehr gesprächig war er nie.

 

https://youtu.be/i8KmscYsR-0

Wolfgangs Mutter schüttelte mit dem Kopf. „Du bist ulkig, Paul. Natürlich ist bei denen drüben nicht nur alles schön und rosig, aber sieh mal, welche Rente Dein Bruder bekommt und welche Du. Dabei hast Du Dein Leben lang schwere Arbeit getan und früher auch immer mehr verdient als er, hier bei uns haben sie Dich nur ausgenutzt. Wenn Du drüben gearbeitet hättest mit Deiner Bärenkraft, was hättest Du verdienen können! Aber Du warst Deiner inneren Einstellung treu, hast hier geschuftet. Hast Du dafür jemals einen Dank bekommen? Hat Dein Betrieb, der Dich zwar hundertmal für die Partei zu werben versucht hat, einen Finger krumm gemacht, als Du gesagt hast, Du kannst die vier Treppen nicht mehr jeden Tag laufen, Du hättest gerne eine andere Wohnung? Klar, drüben würde ein Kapitalist Dich ausnutzen, aber Du bekommst wenigsten was für Dein Geld. Hier musst Du als Rentner so hart arbeiten gehen, damit wir uns einigermaßen etwas leisten können.“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

Kleine Frau, was nun?

 

Sie hat so gelitten und ist noch immer voller Mut und Witz. Wilma R. lebt im Osten. Eine waschechte Berlinerin. Mitte siebzig. Zweieinhalb Zimmer mit Balkon. Eine Rente, die gerade so reicht. Eine „kleine Frau“ mit Herz und Schnauze. Sie konnte nicht wegsehen, Unrecht kaum ertragen. Für ihre große Klappe holte sie sich heftige Schrammen. Denn insgeheim wollte sie lieber Schriftstellerin als „Sachbearbeiterin“ werden. Also setzte sie sich abends nach Schicht und Kinderversorgung an ihre Schreibmaschine und tippte los. Mit unfassbaren Folgen.

„Tatort“ Dichterstube. Wenn Wilma die Arbeit getan hatte, fing sie abends an zu schreiben. Hier nahm ihre „Familie Kraft“ Gestalt an.
Alle Schwarzweiß-Fotos: Wilma R.

Berlin. Hauptstadt der DDR. Ende der siebziger Jahre. Wilma erfindet ihre Familie Kraft. Mann, Frau, Sohn. Eine Durchschnittsfamilie. Wohnung zu klein, Hoffnungen auf Besserung groß. Wilma schreibt über das, was sie täglich erlebt. Sie hat eine sozialistische Bilderbuch-Karriere hingelegt. Sie lernt Steinmetz, wird Kranführerin, jobbt als Stenosachbearbeiterin, studiert Ökonomie, arbeitet sich zur Abteilungsleiterin eines Großhandelsbetriebes hoch. Nur beste Referenzen. Doch sie erlebt den Alltag mit Versorgungsmängeln, Misswirtschaft und selbstgerechten Vorgesetzten. Motto: Hauptsache, der Plan wird erfüllt. Dafür ist jede Schummelei erlaubt.

Blick aus der Schreibstube. Berlin Prenzlauer-Berg. Gethsemanekirche. ca. 1978.

Als die Kurzgeschichten fertig sind, bietet sie die Texte dem ZDF-Korrespondenten an. Sie übergibt im Frühjahr 1978 dem West-Journalisten zwei Schnellhefter mit ihrem „Geschreibe“. Da steht sie bereits unter Beobachtung. In der DDR, weiß sie, haben solche Texte keine Chance. Sie hofft auf eine Veröffentlichung – im Westen. Nun nimmt das Unglück seinen Verlauf. Ihre Alltagsgeschichten mit Titeln wie „Familienabend“ oder „Golfrausch“ finden im Westen kein Interesse. Sie werden nicht veröffentlicht.

Als der Korrespondent 1979 die DDR verlässt, schlägt das Ministerium für Staatssicherheit zu. Es folgen Hausdurchsuchungen, Festnahme und monatelange Verhöre in Hohenschönhausen. Schließlich das Urteil: Sieben Jahre Haft wegen „staatsfeindlicher Hetze“ (§ 106). Nach vier Jahren und zwei Monaten Gefängnis wird Wilma 1983 in die DDR entlassen. Sie kümmert sich um ihre kranke Mutter, arbeitet bis zur Rente bei der BVG. Ihr geschiedener Mann konnte Anfang der achtziger Jahre mit ihrem Sohn in den Westen ausreisen. Die Familie blieb bis heute getrennt. Diese Mauer ist stabiler als jeder „antifaschistische Schutzwall“.

https://youtu.be/OpP2y0_IzIQ

Vor gut einem Jahrzehnt lernte ich Wilma im Rahmen einer Recherche kennen. Wir veröffentlichten ihre vergessene Geschichte in mehreren ZDF-Beiträgen und in meinem Buch „Verrat verjährt nicht“. 2018 schreibt sie:

„Die DDR war mein Land, das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Behütet, fröhlich, vom Staat gefördert. Bis ich sehen und hören gelernt hatte. Bis dieses graue, vom verwaschenen rot überzogenen Land mein Herz und meinen Verstand erreicht hatte. Mich überfiel eine unendliche Traurigkeit, wie sie es Menschen, die es doch besser hätten wissen müssen, dieses Land verkommen ließen. Sie, die vielfach in Nazi-Zuchthäusern, in KZ, im Untergrund oder im Exil gelitten hatten, regierten stümperhaft, sahen überall in jedem den Feind, der nicht alles bejubelte, was sie beschlossen. (…)

Wir kennen das Ergebnis. Natürlich sind wir heute alle schlauer, ich auch. Und es ist natürlich leichter, jetzt Vergangenes zu beurteilen als damals die Gegenwart. Ich weiß nur: Ich habe an der Entwicklung des Landes gelitten. Mir fehlte die Nische, in der ich mich hätte verstecken können. Heute leide ich wieder und immer noch – aber anders.“

 

Aus Wilmas Observationsakte. Aufnahmen aus dem Jahre 1978, entstanden in der Mittagspause. Copyright: MfS/BSTU.

 

Wilma hofft, dass ihre Geschichten von der Familie Kraft eines Tages doch noch das Licht der Welt erblicken können. Wir machen hier einen Anfang. Von nun an soll ihre Erzählung „Familienabend“ in einer mehrteiligen Fortsetzungsgeschichte den Weg zu Leserin und Leser finden. Eine Premiere. Dreißig Jahre nach dem Abgang eines Landes, das ihre Texte nicht ertragen konnte. Wilmas „Angriffe“, hieß es in einem Stasi-Gutachten, seien „gegen die DDR, plump, durchschaubar, ohne Raffinesse“ gerichtet und zeugen „von ihrem Hass, gleichzeitig aber auch von ihrem niedrigen geistigen Niveau“.

Demnächst hier „Familienabend“.

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Stecker raus

Was ist, wenn der Strom ausfällt? Kein Netz, kein Gerät, kein Computer mehr funktioniert. Dann ist der moderne Zeitgenosse ausgestöpselt. Abgezogen. Außer Gefecht und Rand und Band. Auf neudeutsch Unplugged. Stecker raus. In der Musikbranche gilt dieser Moment als einzig wahrhafter. Wer kann heute im Business noch unverstärkt und ohne Sound-Computer auftreten? Wer ist noch in der Lage live zu spielen? Wer kann noch singen? Performen? Das sind die Minuten, auf die es ankommt, die zählen.

Unplugged ist seit 1989 ein Format bei MTV. „Wer hier auftritt, hat’s geschafft: ‚MTV Unplugged‚ ist der Ritterschlag für die Größten der Großen“, heißt es vollmundig. Tja. Ungeschminkt sollen und können Musiker zeigen, was sie wirklich können. Ohne elektronische Verstärker, Playback oder andere Tricks und Hilfsmittel. Paul McCartney, Eric Clapton oder Bruce Springsteen musizierten nur mit Gitarre oder Klavier, ohne wummernde Bässe oder Synthie-Klangkaskaden. Genau wie die deutschen Größen Grönemeyer, die Toten Hosen oder Udo Lindenberg. Das macht den Reiz aus. Jeder Fehler fällt auf. Spreu trennt sich vom Weizen.

https://youtu.be/vt1Pwfnh5pc

Mittlerweile ist die Ära des Musikfernsehens abgelaufen. MTV, seit Ende der achtziger Jahre in Deutschland onair, schwächelt und verliert weiter an Zuschauer und Bedeutung. Viva, das deutsche Pendant, wird zum Jahresende 2018 endgültig eingestellt. Vor genau 25 Jahren hatte der deutsche Musiksender mit den Fantastischen Vier angefangen. „Zu geil für diese Welt“ hieß das Video. Nun tummeln sich Musikformate auf youtube, Itunes oder Spotify. Bis der Strom ausfällt. Dann heißt es – unplugged und live. Einfach ohne Netz und doppelten Boden.

Samy Deluxe und Max Herre. 2018.

Selah Sue Gare du Nord Paris. 2015.

Das Leben der Fußgänger

„Rette sich, wer kann“. Es gilt „die Menschenwürde der Fußgänger hochzuhalten, die kaltblütig, mit Todesverachtung, den Kampf gegen die Übermacht aufnehmen“. Es geht um das Überleben im Großstadtdschungel. Wir befinden uns im Jahre 1934 in der Reichshauptstadt Berlin. „Ungepanzert und waffenlos“ muss sich der Fußgänger „in schlichter Zivilkleidung“ durchkämpfen, „inmitten des tobenden und klirrenden Wirrwarrs losgelassener Mammutmächte auf dieser wildgewordenen Welt – was ist jeder einzelne von uns anderes als ein Fußgänger?“

Diese Frage stellt der literarische Fußgänger Raimund Werner Martin Pretzel. Ein junger aufstrebender Referendar am Kammergericht Berlin, der sein Geld lieber mit kleinen Alltags-Texten bei der Vossischen Zeitung verdient. Die Fußgänger-Glosse ist eine geschickte Anspielung auf die neuen Herren im Lande. Die Genossen der NSDAP regieren. Berlin blüht auf. Für alle, die mitmarschieren. Für alle anderen, es ist die Minderheit, heißt die Strafe bei offenem Widerspruch: Goebbels, Gewalt und Gestapo. Ganz Widerspenstige landen – im Namen des Volkes – im „Umerziehungslager“ KZ.

 

Raimund Pretzel alias Sebastian Haffner (1907-1999). Foto: Bundesarchiv. Peter-Adler.de

 

Berlin, die mondäne Welt-Metropole jener 30er-Jahre, boomt. Wer nicht genauer hinschaut, kann das Leben in vollen Zügen genießen. Es gibt für viele wieder Arbeit. Überall wird gebaut. Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Jungjurist Pretzel: „Es war ja so, dass in diesen ersten Nazi-Jahren – wer es nicht miterlebt hat, glaubt es nicht – das normale Leben, wenn man nicht gerade mit der Politik oder irgendetwas Politischem Berührung hatte, noch ziemlich normal war, auch das Juristische. Es war noch eine Art Rechtsstaat.“

 

Der Schreiber dieser Zeilen, den einige vielleicht als Sebastian Haffner kennen, war nicht nur ein dichtender Flaneur. Er schrieb später Zeitgeschichte. Er galt als halber Kommunist und ganzer Reaktionär, preußischer Patriot und überzeugter Europäer. Er war einer, der nicht ins Schema passte. Der Haltung bewies. Im August 1938 verließ er Berlin in Richtung London. Rechtzeitig, um mit seiner Verlobten Erika, einer Jüdin, dem Schlimmsten zu entgehen. Haffner selbst wurde nie politisch oder rassisch verfolgt. Er folgte seiner Liebe und seinem Gewissen. Mit den Wölfen wollte er nicht heulen.

Im britischen Exil verfasste er 1939 die Geschichte eines Deutschen. Das Manuskript verschwand in der Schublade. In diesem Text beschreibt er, wie sich die Deutschen mit Hitler arrangierten. Erst folgt der Rückzug ins Private, dann die Resignation. Zuletzt das Über­laufen. Die Flucht ins Private sieht Haffner als größte Gefahr – er selbst zählt sich zu dieser zahlenmäßig größten Gattung der „Wegseher“. 1939 schreibt er: „Ein kleiner Pakt mit dem Teufel und man gehörte nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern.“

 

 

Die Geschichte eines Deutschen erschien erst sechzig Jahre später, nach seinem Tod 1999. Haffners Buch wurde ein Bestseller. Es beschreibt präzise und mit cooler Distanz wie eine Kulturnation ihre Seele an Hitler verkaufte. Sebastian Haffner wählte im Exil seinen Künstlernamen nach der Haffner-Sinfonie von Mozart und seinem Idol Johann Sebastian Bach. Er empfahl stets wach durch das Leben zu gehen. In diesem Sinne: Gehen Sie spazieren. Schauen Sie, was in den Straßen passiert. Was gerade zu sehen und zu hören ist. Wir schreiben das Jahr 2018.

Und zur Entspannung noch die wunderbare Selah Sue. Time.

 

Was wird?

Que sera? Bass-Alt-Meister Marcus Miller und die hochtalentierte Selah Sue haben die passende Antwort: Es liegt an Dir. Mach was aus Deinem Leben. Ob weiß oder schwarz, reich oder arm – gute Lieder kennen keine Ober-Grenzen. Musik ist die Weltsprache, die jeder versteht, wenn er oder sie nur will. In diesem Herbst haben US-Bassist Marcus Miller und die belgische Singer-Songwriterin Selah Sue das alte Filmlied von 1965 neu intoniert.

Que será, será
Whatever will be, will be
The future’s not ours to see
Que será, será
What will be, will be

 

 

Selah Sue ist in einer belgischen Kleinstadt aufgewachsen. Rasch schaffte die 29-jährige den Sprung von einem der vielen hoffnungsvollen Nachwuchstalente zu einer angesagten Größe. Ihr Markenzeichen: eine unverwechselbare Stimme. So pendelt sie souverän zwischen Soul, Funk, Reggae, HipHop und Pop. Der legendäre Prince holte sie in Antwerpen auf die Bühne. Zwar nur im Vorprogramm, aber Selah nutzte die Chance.

2012 veröffentlichte sie ihr Album „Rarities“ und drei Jahre später „Reason“. Ihr Durchbruch. Selahs wichtigste Konstante ist, dass sie immer für Überraschungen gut ist. Sie ist eine Suchende. Eine, die sich immer wieder neu erfindet. Letztes Jahr war sie plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Der Grund für ihre Auszeit war ein schöner. Sie wurde Mutter eines Sohnes. 2018 meldet sie sich nun gemeinsam mit Bass-Größe Macus Miller zurück. Von Selah Sue wird noch viel zu hören sein.

 

 

Und nun singt Selah Sue:

Now I have children of my own
They ask their mother, what will I be
Will I be handsome
Will I be rich
I tell them tenderly

Que será, será
Whatever will be, will be
The future’s not ours to see
Que será, será
What will be, will be
Que será, será

 

Eine Frage bleibt noch: Wo ist Selah Sue bei ihrem Wohnwagen-Song Reason on the road? Hinter der 360-Grad-Kamera? Wer weiß es?

 

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Das Wunder von Rossow

Bange machen gilt nicht. Seit 93 Jahren lebt Edith von Jüchen nach diesem Motto. Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen verdankt sie ihrem Vater Aurel von Jüchen. Einem adeligen Gottesmann aus Gelsenkirchen. Er war in den Nazi-Jahren im brandenburgischen Rossow Pastor. Tochter Edith sagt: „Trotzalledem. Ich bleibe dabei. Es war die beste und schönste Zeit meiner Jugend.“

 

Edith von Jüchen-Weiß (*1924). Pfarrerstochter. „Mein Vater hatte einen unerschütterlichen Glauben an Gott. Was ihn auszeichnete: Er hat sich bis ins hohe Alter Fröhlichkeit und Kampfgeist bewahrt. Er lebte immer im Augenblick. Schaute immer nach vorne.“

 

November 1938. Edith ist vierzehn Jahre alt als der Nazi-Terror gegen Juden über Deutschland hinwegfegt. Im kleinen Rossow bei Wittstock tauchen am 11. November 1938 angetrunkene SA-Leute in Zivil auf. Es ist ein Samstag, zwei Tage nach den organisierten Pogromen im gesamten Reichsgebiet. Der Kreisleiter aus Pritzwalk feiert Geburtstag und das einzige Judenhaus von Rossow soll sein Geschenk werden. In der Region Prignitz leben noch 21 Juden. Die Berliner Familie Abraham hat in Rossow ihren zweiten Wohnsitz. Scheiben klirren. Dann wirft eine Horde angetrunkener SA-Männer Möbel aus dem Dachfenster. Anschließend ziehen sie hinter das Anwesen und stecken die Sommerlaube an.

 

Aurel von Jüchen. (1902-1991) Ende der 40er Jahre – kurz vor seiner Verhaftung. NS-Gegner. In der DDR wird er 1950 wegen „Hochverrat“ zu 15 Jahren Straflager im sibirischen Workuta verurteilt.

 

 

An diesem Samstagabend sitzt Pastor Aurel von Jüchen im nahen Pfarrhaus an seiner Predigt. Der furchtlose Mann hatte bereits zuvor als junger Pfarrer in Thüringen angeeckt und war zwangsversetzt worden. Wegen seiner Reden gegen die Nazis. Als von Jüchen das Feuer entdeckt, rennt er los. Er befürchtet Schlimmes. Das Feuer kommt tatsächlich vom Haus der Abrahams – vom Judenhaus. Er wundert sich, dass die Feuerglocke nicht geläutet wird. Tochter Edith: „Mein Vater hat sich furchtbar empört. Warum wird nicht gelöscht?“

Der Pastor versucht die rund zwanzigköpfige SA-Meute zu stoppen. Er weist die Männer darauf hin, dass alle illegalen Aktionen gegen Juden nach dem 9. November vom Reichsinnenminister untersagt worden seien. Das ist uns egal, antwortet der Kreisleiter: „Wir sind das Gesetz.“ Der Pastor eilt in die Dorfkneipe, in der die Rossower beim Samstagabendbier sitzen. Das Anwesen Abraham brennt, ruft er. Das Dorf ist in Gefahr. Die Männer zögern, dann brechen sie auf, um gemeinsam zu löschen.

 

Das Pfarrhaus von Rossow. (Landkreis Ostprignitz-Rossow)

 

 

Die Abrahams aus Berlin sind im Dorf beliebt. An diesem Schreckenssamstag übernachten beide nicht im Dorf. Ehefrau Martha, „deutschblütig“, wie es in den Akten heißt, hat in Rossow Verwandte. Martha ist die Tante des achtjährigen Hans Podorf. Der kleine Hansi muss miterleben, wie die SA-Männer auf dem Grundstück seiner Tante randalieren. Hans Podorf: „ Die Nacht war furchtbar. Ich war wie ein Kind der Abrahams. War oft in ihrer Berliner Wohnung an der Prenzlauer Allee. Ich kannte sie genau.“

 

Hans Podorf aus Rossow.  2014.

 

Die Abrahams führen einen florierenden Textilbetrieb mit 150 Mitarbeitern. Artur, der jüdische Direktor, erhält noch 1935 das Ehrenkreuz für Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges. Unterschrift: Adolf Hitler. Das alles nutzt nichts. Während sein Haus in Rossow abzubrennen droht, wird der 59jährige Fabrikant am selben Abend in Berlin verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Er schreibt später: „Die dort erlittenen Misshandlungen führten zum fast völligen Verlust meines Gehörs.“

 

Martha und Artur Abraham in Rossow. Sie überlebten im Exil in Sydney.

 

In Rossow eskaliert die Situation. Pastor von Jüchen muss flüchten, rettet sich ins Pfarrhaus. Steine fliegen. Wieder klirren Scheiben. Die aufgebrachten SA-Männer beschimpfen ihn als „Judenknecht“ und drohen ihn aufzuhängen. Da geschieht Überraschendes. Die Rossower versammeln sich vor dem Pfarrhaus. Erst die Frauen, später auch die Männer. Aufmerksame Nachbarn hatten bereits die Polizei in Herzsprung alarmiert. Zwei Gendarmen schicken am Ende die SA-Meute nach Hause. Sie erklären, der Reichsinnenminister habe Einzelaktionen gegen Juden strikt untersagt. Das Haus Abraham ist gerettet – und der Pastor auch.

 

Entlassungspapiere Artur Abraham. KZ Sachsenhausen. 1938.

 

Arthur Abraham wird am 7. Dezember 1938 aus dem KZ entlassen. Gegen Zahlung eines Lösegeldes in Höhe von einer Million Reichsmark. Kurz vor Kriegsbeginn im Sommer 1939 können die Abrahams in letzter Minute nach Australien auswandern. Pastor Aurel von Jüchen hingegen erhält ein Disziplinarverfahren – von seiner Kirchenleitung. Er habe das Dorf gespalten, heißt es. Doch die Rossower stehen einmal mehr zu ihm. Alle unterschreiben eine Petition, nur nicht der Bürgermeister und der Ortsbauernführer. Die beiden Nazis im Dorf.

 

Keine Gedenktafel erinnert in Rossow an die mutige Tat von Pastor und Gemeinde. Auf dem Dorfanger mahnt einzig und allein ein Eisernes Kreuz an die Toten der Weltkriege.

 

Diese Unterstützung hat Aurel von Jüchen vor dem KZ gerettet. Für Tochter Edith von Jüchen ist das bis heute – das Wunder von Rossow.

 

Aurel von Jüchen: „Alle politischen Unrechtsstaaten leben von der Feigheit der Verantwortlichen und von der Verschwiegenheit der Betroffenen. So blieb ich und hielt mich an die in der Kirche geltende Forderung, dass ein Pfarrer seine Gemeinde nicht verlässt.“

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„Mein Milljöh“

Wie fast alle Berliner Originale, war auch er ein Fremder, ein Zugereister. In diesem Fall ein Sachse aus Radeburg: „Pinselheinrich“ Zille. Der Maler und Chronist verkörpert die perfekte Kombination aus Berliner Schnauze und Berliner Lebensart. Ähnlich wie Volks-Sängerin Claire Waldoff, deren Wiege in Gelsenkirchen stand. Nun hat die Berlinische Galerie Heinrich Zilles fotografischen Schatz freigegeben. Es sind 628 Fotografien aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Dieses einmalige Erbe ist seit kurzem Volkseigentum. Rechtefrei und kostenlos verwendbar.

 

Reisigsammlerinnen bei der Rückkehr aus dem Grunewald.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Heinrich Zille.

 

Die Fotografien zeigen weder Kaisers Glanz und Gloria noch das vielbeschworene und verruchte Babylon Berlin. Zille kümmerte sich um die kleinen Leute. Um den Alltag in engen Hinterhöfen, trostlosen Mietskasernen und auf Volksfesten. Ihn interessierten Reisigsammlerinnen genauso wie das Ringelpietz mit Anfassen in der Eckkneipe. Zille hielt in seinen Fotografien die Bretterzäune vor zahllosen Baustellen fest, auch die vielen hölzernen Latrinen, an denen sturzbetrunkene Berliner  Erleichterung fanden.

 

Berlin zur Gründerzeit. Stadt der Bauzäune.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Heinrich Zille.

 

Einige Fotos dienten ihm als Vorlage für seine berühmten Karikaturen. Zille (1858-1929) schaute dem Volk aufs Maul, ohne den Menschen nach dem Mund zu reden. Das wahre Leben beschäftigte ihn. Eine typische Zille-Anekdote aus dem Hinterhof geht so. Eine Ehefrau ermahnt ihren Kerl vor der abendlichen Zechtour: „Besauft eich nich un bringt det Sarg wieder, die Müllern ihre Möblierte braucht’n morjen ooch.“

 

Wilde Müllkippe im Westen der Stadt.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Heinrich Zille.

Viele Jahre verdiente Zille sein Geld als Lithograf bei der feinen Photographischen Gesellschaft in Westend. 1907 wurde er gekündigt, im Alter von 49 Jahren. Er beschäftigte sich wohl zu sehr mit der trostlosen Wirklichkeit. Das störte die Chefs. Zille war tief gekränkt. Aber der Vater von drei Kindern rappelte sich wieder auf, auch weil er wusste, dass es anderen noch viel schlechter ging. Er notierte: „Dreiundzwanzig Fennje bekam ’ne Heimarbeiterin, und die Kinder jingen in ’ne Streichholzfabrik und hatten denn von dem Phosphor und Schwefel jar keene Fingernägel mehr. Und da soll man nich mal dazwischenfahren, wenn man erlebt hat, wie sich det Elend von Jeneration zu Jeneration weiterfrißt – wo det Kind schon als Sklave jeboren wird?!“

 

Im Atelier.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Vor der Haustüre. Ein obdachloses Paar.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Als Zille 1858 geboren wurde, zählte Berlin gut 450.000 Einwohner. Als er 1929 im Alter von 71 Jahren in Charlottenburg starb, lebten in der Hauptstadt zehnmal so viele Menschen, mehr als vier Millionen. Diesen rasanten Aufstieg zu einer hektischen Weltmetropole hat Pinselheinrich Zille wie kein anderer festgehalten. Ohne rührseligen Kitsch oder falsches Pathos. Er schaute nicht wie viele Zeitgenossen einfach weg, sondern genau hin. Er porträtierte das Berliner Leben wie es sonst keiner zeigte. Mehr über Zilles 628 Fotografien ist bei der Berlinischen Galerie zu erfahren.

 

„Mein Milljöh“ erschien 1914.

 

Hulda und Heinrich Zille. Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

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So viel Nähe: Muss das sein?

So dramatisch wie im Kino oder in Serien vollziehen sich große Veränderungen selten. Dramen geschehen eher beiläufig, oft unbeabsichtigt und manchmal auch lakonisch. Hoffnungen und Enttäuschungen, Mut und Angst offenbaren sich in der Regel in kleinen Episoden. Das ist der wahre Lauf der Geschichte. Der Alltag, der sich manchmal in einem einzigen Moment verdichtet, entlädt oder sogar explodiert.

Bei meinen Lesungen werde ich immer wieder gefragt, wie „meine“ Dorfbewohner auf das Buch reagiert hätten. Ob ich mich noch blicken lassen könne? Meine Antwort ist immer die gleiche: Ja. Die vielen Jahre Vorbereitung, Gespräche und Rücksprachen haben sich offenbar gelohnt. Natürlich gibt es Beleidigte, Gekränkte und einige Empörte. Doch diese Menschengruppe schweigt lieber dröhnend. Oder tobt sich im Netz aus. Ein Blick auf einige Kommentare bei amazon zu So viel Anfang war nie vermittelt einen Eindruck.

 

Treffen der Wanderburschen in Netzeband. Mai 2016.

 

Nach wie vor bekomme ich in der Dorfkneipe mein Bier. Das ist wichtig. Das zählt. Aber natürlich bleiben Bedenken. Habe ich den richtigen Ton getroffen? Im Augenblick des Schreibens triumphieren Zweifel und Fragen. Wen soll das interessieren? Habe ich tatsächlich mit allen Wichtigen gesprochen? Muss ich noch diesen oder jenen anrufen, dieses oder jenes lesen? Porträts bedeuten tagelang herumsitzen, zuhören, abwarten, beobachten, wirken lassen. Das Thema, das Erlebte, die Geschichte muss sich in einem Menschen verdichten.

 

 

Stairways to heaven. Eine Tradition im brandenburgischen Netzeband. Nach dem „Milchwald“ im Theatersommer erklingt Autor Dylan Thomas zu Ehren die ihm gewidmete Hymne von Led Zeppelin.

 

Manchmal fühlte ich mich als Eindringling. Es war nicht immer klar, ob mir mein Gegenüber gleich eine knallt oder mich umarmt. Spannende Menschen haben in ihrem Leben einen Wendepunkt. Ihre Persönlichkeit, ihr Ego, ihr Ich sind angegriffen. Sie müssen oder mussten um ihren Platz kämpfen, ihr Selbstverständnis erringen. Jedes Porträt hat eine Grenze. Zum wirklichen Kern des Menschen kann niemand vordringen. Es ist stets nur ein Versuch, ein Herantasten.

 

Heimatstolz. Gesehen auf der Heckscheibe eines Mittelklassewagens in Hoyerswerda. Sommer 2018. Foto: René Feldmann

 

Der Kontakt zu den Protagonisten ist wie eine kurze leidenschaftliche Affäre, schrieb einmal die Zeit-Autorin Jana Simon. Sehr intensiv, aber danach wollen sich beide nicht mehr so genau daran erinnern. Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ergänzt: „Ich aber sehe die Menschen mit den Augen der Menschenforscherin, nicht mit denen des Historikers. Ich bestaune die Menschen. Dieser Maßstab hat mich schon immer fasziniert – der Mensch … der einzelne Mensch. Denn im Grunde passiert alles dort“.

Unter dem Pflaster der Strand

Die Welt verändern. Aus den Angeln heben. Wie hieß es noch? „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“.  Ein halbes Jahrhundert ist es nun her. Die Helden von damals sind alt geworden. Heute heißt es Ruhestand, Reha und Rollator statt Revolte, Sex, Drugs and Rock´n Roll. Die vielbeschworenen und heftig verdammten „68er“ sind mittlerweile um die achtzig geworden.

Die vier „68er“, die wir getroffen haben, sind hellwach, engagiert und hochpolitisch geblieben.  Einer aus dem Quartett erweist sich bis heute als auffallend extrem, wechselte jedoch komplett die Seiten: Horst Mahler. Vom Faschismus-Feind zum Hitler-Verehrer. Mahler blieb uns ein großes Rätsel.

 

Die Revoluzzer von 1968 hatten große Pläne und große Sprüche: „Brecht dem Staat die Gräten – alle Macht den Räten.“ – „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Sie wollten ein freieres Miteinander, überlebte Traditionen abschaffen. Sie erzielten helle Momente wie eine grundlegende Erneuerung der Gesellschaft, naive Verwirrungen wie das blumenkinderhafte Laisser-faire und gewaltige Irrtümer wie der Weg in dogmatische Splittergruppen oder blutigen RAF-Terror.

 

Wibke Bruhns 2018. Foto: Heinz Kerber

 

Keine Generation in der bundesdeutschen Geschichte ist so gescheitert und hat doch so viel verändert. Glücksfall für die einen, Irrlichter für die anderen.

 

Hans-Christian Ströbele 2018. Foto: Heinz Kerber

 

Fünfzig Jahre danach, 2018, erleben wir einen Kulturkampf von rechts. Es heißt, Deutschland sei ein durchgeknallter „Hippie-Staat, der nur noch von Gefühlen geleitet wird“ und sich nicht mehr an das Recht hält (Anthony Glees, britischer Politologe). Es gelte die „Herrschaft des Unrechts“ zu beenden. Die Anti-68er von heute versuchen die Uhren der Geschichte und Gesellschaft auf die Zeit vor 1968 zurückzudrehen.

 

Horst Mahler 2018. Foto: Heinz Kerber

 

Wir haben in diesem Jahr Horst Mahler und Wibke Bruhns, Hans-Christian Ströbele und Alice Schwarzer beobachtet und befragt. Was bleibt von 1968? Ein Mythos? Oder vielleicht doch mehr? Die Antworten überraschen.

 

Großer Dank an mein Team um Heinz Kerber (Kamera), Jan Dottschadis (Schnitt), Alexandra Bidian (Recherche), Jutta Melsheimer & Kai Hofmann (Grafik, Firma Bildbad) und Ferdinand Schaalburg (Produktion). Betreut wurde die ZDF-Info Produktion von den Mainzer Redakteuren Paul Amberg, Susanne Krause-Klinck und Christian Deick.

ZDF. 17. Oktober 2018. 00.45 Uhr. (45 Minuten)