Category : aktuelles

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So viel Zukunft war nie

Das ehemalige Centrum-Warenhaus von Hoyerswerda ist nicht zu übersehen. Kaum kleiner als sein großer Bruder am Berliner Alexanderplatz. Auffällig durch seine markante, wabenförmige Metall-Fassade. Parterre residiert das Lausitz-Center. Weiter oben steht alles leer. Wir suchen den Zugang zum Tanz-Projekt-Abend. Niemand weiß den Weg. Besucher irren wie wir rund um das Gebäude. Einen Familienvater fragen wir nach dem Weg. Er kennt ihn auch nicht. Wir kommen ins Gespräch. Gemeinsam eilen wir um das riesige Gebäude im Zentrum von Hoyerswerda-Neustadt. Die Neustadt ist mittlerweile über ein halbes Jahrhundert alt. Unser Zufallsbegleiter ist von der Sparkasse. „Wir sponsern den Abend“, sagt er stolz. „Wir brauchen so was für die Zukunft.“ Plötzlich finden wir

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Das innere Leuchten

Mittendrin steht sie. Millionenfach besucht. Genauso viel fotografiert und in die Welt gepostet. Die Gedächtniskirche. Auf Berlinerisch: Hohler Zahn mit Lippenstift und Puderdose. Symbiose aus Alt und Neu. Offizieller Name seit 131 Jahren: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Kirchenensemble mit der markanten Turmruine ist ein wenig in die Jahre gekommen. Keine Frage. Längst spielt die Musik anderswo. Einst Kaiserlicher neoromanischer Prunk- und Protz-Bau der Superlative. Dann Kriegsruine am zerstörten Kudamm. Im Kalten Krieg: Wahrzeichen des alten West-Berlin. Symbol des freien Westens und Sehnsuchtsort für viele DDR-Bürger.     Das Schicksal der Gedächtniskirche ist so wechselvoll wie die deutsche Geschichte: Schauplatz für Kaiser-Wilhelm-Jubelfeiern und totale NS-Kriegskatastrophe. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und 68er-Proteste. Heute Ort für Friedensgebete

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„Det is Berlin?“

Was ist typisch Berlin? Der Fernsehturm, die Millionen-Metropole ohne Sperrstunde, Events bis zum Abwinken und Clubs zum Abstürzen. Dazu ein großer Steinhaufen im märkischen Sand, bevölkert mit ruppigen Eingeborenen und großer Klappe, einstürzende Mauern (lange her: 1989), Verkehrschaos, bröselnden Brücken, tagelangem Stromausfall und Mega-Mieten. In der Hauptstadt ballt sich alles zusammen: eine ausgepowerte Verwaltung, ein undurchdringlicher Dschungel an Vorschriften und das berühmte Berliner Motto: Bin nicht zuständig, da kann ja jeder kommen! Da braucht eine neue Ampel an einer Schule schon mal 25 Jahre bis zur Einweihung. Das nennt sich Behördenpingpong. Der Bauzaun ist Ikone und Symbol vom heutigen Babylon Berlin. So eine Absperrung kann durchaus mal vergessen werden. Seit

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Weimar, „groß und frei“

»Hier ist gut sein!« sagt der alte Dichterfürst an einem sonnigen Septembermorgen des Jahres 1827, als er mit seinem Gefährten Eckermann den Ettersberg bestiegen hatte. »Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.« Bei gegrilltem Rebhuhn und Wein fühlt sich Goethe „groß und frei“, hoch über Weimar. Der Legende nach habe der Meister hier seine Initialen in eine Eiche geritzt, auf dem Ettersberg, Goethes Olymp. Genau hier errichten die Nazis gut ein Jahrhundert später im Sommer 1937 das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden. Es soll K.L. Ettersberg heißen, KL steht für Konzentrationslager. Doch die traditionsbewusste NS-Kulturgemeinde in Weimar erhebt Einspruch. Nicht gegen

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Was bleibt

„Man lebt zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, heißt es bei Balzac. Erinnern als Aufgabe. Einer meiner letzten Jobs kurz vor Dienstschluss beim ZDF war es, lebende Prominente im Fließbandtakt zu beerdigen. Nekrolog hieß es früher, jetzt Lebensbild. Das klingt freundlicher. Eine anderthalbminütige Kurz- und eine Langfassung von drei Minuten. So bastelte ich möglichst kurzweilige, gleichwohl treffende Lebensbiografien. Aus Archivschnipseln, alten und neuen Interviews, ein Best of im Telegrammstil. Lässt man die Schattenseiten beiseite? Es heißt doch, kaum wird so viel gelogen wie auf Trauerfeiern und Premieren. Viele Nachrufe sind entstanden: Über Promi-Künstler, Maler, Musiker, Ministerinnen, Schriftsteller und sogar zwei Intendanten. Die eigenen

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Eintritt frei

Vor genau hundert Jahren entwarf der Autor und Grafiker Werner Graul das Plakat für den Zukunftsfilm Metropolis, eine Antwort auf Hollywood. Jetzt führt uns US-Künstler Mike Winkelmann auf das nächste Level. Roboter übernehmen die Regie: Die Hunde sind so groß wie Cocker-Spaniel und tollen im Laufstall herum. Ihre Körper sind fleischfarben, glatt und haarlos. Auf ihren künstlichen Körpern sind lebensechte Silikon-Köpfe montiert. Zu sehen sind die Tech-Milliardäre Mark Zuckerberg, Amazon-Gründer Jeff Bezos und Elon Musk, der Gruselfaktor im Trio Infernale der KI-Giganten. Musk-Mann agiert clever mit kalten Augen und ohne herzerweichenden Hundeblick. Mit dabei sind die Kunstgiganten Andy Warhol und Altmeister Pablo Picasso. Als Bösewicht bellt Kim Jong-un im Geviert,

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Oh, Michael

Der King of Pop ist wieder da. Der Mann mit dem geschmeidigen Gang und dem gewissen Etwas. Ein Mega-Star des 20. Jahrhunderts. Sein Leben klingt wie ein modernes Märchen aus den USA. Jetzt neu erzählt im Biopic-Blockbuster „Michael“. Die Geschichte des schwarzen Jungen aus dem Rust Belt rund um Detroit. Achtes Kind, Sohn des Kranführers Joseph und der Verkäuferin Katherine Jackson. Das Talent des Jungen: Tanzen, Singen, Menschen glücklich machen. Im Film heißt es: „Wir müssen aus Michaels Erfolg Kapital schlagen. Die Jackson-Familie ist wie eine Marke. Das ist unsere Coca-Cola.“ Mit sieben steht der kleine Michael zum ersten Mal auf der Bühne. Im Alter von fünfzig Jahren verlässt er

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Hitlers letzter Geburtstag

Immer wieder regnet es an diesem Freitag, den 20. April 1945. Dichte Wolken hängen über der Reichshauptstadt. Aus der Ferne grummelt Geschützdonner. Raus aus Berlin! Nur weg heißt die Devise. „Rette sich, wer kann!“ Eine Massenflucht setzt ein, in Richtung Westen, größtenteils zu Fuß. An die zweitausend Passierscheine für Parteibonzen werden eiligst ausgegeben. Plötzlich wieder „Vollalarm“. US-Kampfbomber werfen ihre tödliche Last ab. Menschen kauern in Luftschutzkellern. Adolf Hitler begeht seinen 56. Geburtstag, es ist sein letzter. Tief unter der Erde geloben im Führerbunker die Letzten ihre „Treue bis in den Tod“, so Hitlers Kammerdiener Heinz Linge. Happy Birthday, Adolf! Absurd, bizarr, grotesk! NS-Propagandachef Joseph Goebbels feiert im Großdeutschen Rundfunk ein

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„The way it is“

Der Mann am Klavier ist keine dreißig, verkriecht sich in der Garage und schreibt auf, was er in seiner Kleinstadt Williamsburg sieht, hört und erlebt: The way it is. Wir schreiben das Jahr 1986. Bruce wächst wohlbehütet auf. 15.000 Einwohner, gepflegte Vorgärten, US-Südstaaten-Idylle. In Virginia heißt es nur: „So ist das und so bleibt das!“ Quasi Gott gewollt. Bruce Hornsby eifert seinem Idol Bob Dylan nach, lässt sich von seinem Protestsong „Girl from the North Country“ anregen. Bruces Botschaft ist einfach: „Glaubt das nicht!“ Ausgrenzung, Diskriminierung und weiße Willkür sind keineswegs gottgegeben, auch wenn es manche sonntags predigen. Vor genau vierzig Jahren geschieht das kleine Wunder von Williamsburg. Der Südstaaten-Boy

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Alexander, der Große

Alexander Kluge ist dreizehn, als der Krieg endet. Ein Jahr älter als das Dritte Reich. Das Elternhaus ist beim großen Bombenangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt abgebrannt, drei Tage vor der Befreiung durch die US-Armee. Doch der wichtigste Tag beim Kriegsende ist für den jungen Kluge der 1. Juni 1945. Die Rückkehr seiner Mutter aus Berlin. „Steht in der Tür und umarmt mich. Ich erinnere mich an eine junge Frau, wie sie in den Kleidern dieser Zeit vor mir steht, in Vorkriegsmode, zigmal umgeschneidert. Meine Eltern waren ja seit 1942 geschieden. Für meine Schwester und mich ist diese Scheidung schlagender und vernichtender als die Tatsache, dass unser Elternhaus bei dem Bombenangriff

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