Archive for : Februar, 2015

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Good Bye, Fritz! – „Mein Lebenshorizont ist ausgeschritten“

Das Alter ist ein Massaker, konstatierte Marcel Reich-Ranicki kurz vor seinem Tod. Irgendwann ist Schluss. So wie sein konservativer Gegenspieler, dem er in herzlicher Feindschaft verbunden war, fühlte sich zuletzt auch Fritz J. Raddatz. Der Autor und Essayist wollte sein Leben bis zum letzten Tag würdig gestalten. In einem Interview nahm er kürzlich Abschied von seinen Lesern. Ihm fiele nichts mehr. Die Aufgeregtheiten des Tages interessieren ihn nicht mehr. Es sei genug! Fritze Raddatz nahm sich am 26. Februar in Zürich das Leben. Einen Tag, bevor sein letztes Buch erscheint „Jahre mit Ledig“.

Sein Leben war ein einziger Roman. Geboren 1931 in Berlin, wechselte er mit neunzehn Jahren von West- nach Ostberlin, „voller Hass auf das Adenauer-Globke-Deutschland und voll Abscheu vor der Bürgerwelt, deren Teil ich war und geblieben bin“, denn „mir gefielen die Gesichter im Osten besser.“ Der junge aufmüpfige Raddatz stieg zum stellvertretende Cheflektor im Verlag Volk und Welt auf, bis er die ständige Bevormundung, Zensur und DDR-Piefigkeit satt hatte.

1958 ging Raddatz zurück in den Westen. Erich Kästner vermittelte das große Talent an den Kindler-Verlag. Ab 1960 stand er mit an der Spitze des Rowohlt-Verlags und ab 1977 leitete er das Feuilleton der ZEIT. Raddatz stürzte sich zeitlebens furchtlos in alle Debatten. Streitbar, gebildet, scharfsinnig, hochmütig, verletzend und verletzbar. Er war „Torero und Stier zugleich“. So der Titel seiner Autobiografie.

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Haltung zählt.

 

Der literaturbesessene Raddatz nannte sich einen „Hochmutstrottel“. Lebte ein Leben voller glanzvoller Höhepunkte und tiefen Abstürzen. Offen bekannte er sich zu seinen homosexuellen Affären mit Allen Ginsberg oder dem Tänzer Rudolf Nurejew. Er liebte das Bordell, den Champagner – überhaupt wurde in seinem Leben viel getrunken – und den Luxus. Raddatz fühlte sich Klaus Mann sehr nahe, in den er sich während eines Vortrages auch verliebt hatte, ohne dass Klaus Mann je davon erfuhr.

Seine Hausgötter waren Kurt Tucholsky, Rainer Maria Rilke und Heinrich Heine. Er liebte literarische Duelle, legte sich mit jedem an, der ihm einigermaßen satisfaktionsfähig erschien. Seinen journalistischen und gesellschaftlichen Kosmos beschrieb er in den legendären Tagebüchern. Sie eröffneten einen unverstellten Blick hinter die Kulissen des aufgeregten plappernden Literaturbetriebes. „Ich, ich, ich – Peinlich sind immer die anderen, Freunde, das ist ein heikler Plural“, lächelte der Homme de Lettre zwischen den Zeilen.

Fritz J. Raddatz verabschiedete sich im Alter von 83 Jahren. Schon zu Lebzeiten verkörperte der „Revoluzzer im Maßanzug“ einen Typus Journalisten, den es längst und leider nicht mehr gibt: Ein gebildeter Zeitgenosse, mit brillanter Intellektualität und Lebensklugheit, Größenwahn und scharfzüngig formulierter Haltung. Er wird fehlen – im dahinplätschernden Mahlstrom der Mittelmäßigkeit unseres heutigen Kulturbetriebes.

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What a wonderful world

Erschießungen auf offener Straße, festgehalten auf Dutzenden von Handykameras. Massenhinrichtungen mit Publikum, bei Anwesenheit von Kindern. Enthauptungen zu Propagandazwecken, hochgeladen auf youtube. Folter, Willkür, versklavte Mädchen und Frauen. Millionen Menschen auf der Flucht. 2014 war ein katastrophales Jahr für die Menschenrechte.

Das stellt der soeben vorgelegte Jahresbericht von amnesty international fest. Die Organisation hat in 160 Ländern Verstöße gegen elementare Menschenrechte untersucht. Die Spitzenreiter auf dieser Liste des Schreckens sind Syrien, Irak und Nigeria. Hinzu kommen im Jahre 2014 schwere Übergriffe in der Ukraine und in Gaza. Was noch?

  • Kriegsverbrechen oder Verstöße gegen das Kriegsrecht in 18 Ländern
  • Bewaffnete Gruppen setzten in 35 Ländern Menschenrechte außer Kraft
  • Meinungs- und Pressefreiheit wurde in 119 Ländern eingeschränkt
  • Politische Gefangene in 62 Ländern
  • Schauprozesse in 93 Ländern
  • Folter und folterähnliche Misshandlungen in 131 Ländern
  • Mehr als 3.400 Menschen ertranken auf der Flucht im Mittelmeer, beim Versuch nach Europa zu gelangen
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Sehnsucht nach einem besseren Leben – Abendstimmung am Mittelmeer

 

Wo bleibt das Positive? Amnesty nennt einige Beispiele. Die Liste der Fortschritte im Jahre 2014 ist jedoch äußerst übersichtlich. Der Inder Salil Shetty, Generalsekretär der renommierten Menschenrechtsorganisation, erwähnt unter anderem:

  • In Paraquay wurde den Sawhoyamaxa-Indianern ihr Gebiet zurückgegeben
  • Mehrere Karibikstaaten verzeichneten zum ersten Mal keine Hinrichtungen mehr
  • Das UN-Waffenhandelsabkommen für leichte und schwere Waffen trat in Kraft
  • Die Ausbreitung sozialer Medien ermöglichte Foren des Austausches und der Kommunikation

Stellt sich die Frage, was der Einzelne angesichts dieser Entwicklung tun kann. Sollte Gewalt mit Gewalt bekämpft werden? Amnesty International hält sich in dieser Frage bedeckt, fordert ein entschlosseneres Einschreiten der UNO. Und sonst? Der US-Bürgerrechtler Martin Luther King antwortete einmal: „Kann man Dunkelheit mit Dunkelheit bekämpfen? – Nein. – Das geht nur mit Licht.“

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Ich habe keine Zeit mehr

Gerhard Gundermann war der singende Baggerfahrer aus der Lausitz. So hieß es über ihn. Er wollte singen wie der Boss. Und das konnte er auch. Er war ein genialer Poet, Liedermacher, Texter, Tischler und Braunkohle-Maschinist aus Hoyerswerda. Er lebte intensiv und starb jung – mit 43 Jahren. Aber er mischte sich ein wie andere in achtzig Jahren nicht.

Im Westen blieb Gundi nahezu unbekannt. Dabei sind seine Songs so anrührend wie universell und zeitlos. Er sang 1995 im Vorprogramm von Joan Baez und Bob Dylan. Erst in den letzten Jahren erfuhr der „Rio Reiser des Ostens“ die Anerkennung, die er verdient. Der Schauspieler Axel Prahl und Regisseur Andreas Dresen widmen ihm Konzerte und füllen die Hallen. Gundermann lebt. Er wäre am 21. Februar 2015 sechzig Jahre alt geworden.

 

Ich habe keine Zeit mehr

„Und ich habe keine Zeit mehr im Spalier herumzustehen

und im Refrain ein bisschen mitzusingen

Und all den Bescheidwissern hinterherzugehen

Und jeden Tag nach meiner Wurst zu springen

 

Und ich habe keine Zeit mehr, ich stell mich nicht mehr an

In den langen Warteschlangen, wo man sich verkaufen kann

Und ich habe keine Zeit mehr, ich nehme den Handschuh auf

Und ich laufe um mein Leben, und gegen meinen Lebenslauf…

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Neuer Look

Liebe Besucher, Nutzer und Neugierige,

nach sieben Jahren hat diese Seite einen neuen Anstrich verdient. Nun ist es soweit. Hoffentlich gefällt´s.  Form und Gestalt sollen diesem winzigen Haltepunkt mitten im weiten unendlichen Netz der Algorithmen leuchten lassen. Diese Website wird weiter ein Fenster zu meiner Welt sein und im Gegenzug meine Blicke, Gedanken und Überlegungen nach außen tragen.  Ohne Austausch geht nichts. Über Anregungen, Beiträge und Kritik freue ich mich.

Der Look ist neu, mein Motto bleibt: Sapere aude! – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

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Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Der Meister aus Königsberg Immanuel Kant erklärt die Welt.

 

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Selfies – Halte deine Welt fest

Die Kamera ist stets dabei. Zu jeder Zeit. An jedem Ort. Und das Selbstporträt ist der Höhepunkt aller visuellen Begierden. Schaut her, hier bin ich. Am besten an einem bekannten Ort oder mit einem berühmten Star. Autogramme von VIPs sind so etwas von vorgestern und aus dem letzten Jahrhundert. Nur das Selfie zählt.

Was früher mit exakter Motivauswahl, Selbstauslöser und Countdownzählen eine gewisse Geschicklichkeit verlangte und das Ergebnis häufig ungewiss blieb, ist längst per Smartphone in Sekundenschnelle möglich. Das Selfie hat sich rasanter als jeder Grippevirus rund um die Welt verbreitet.

„Ein Selfie ist eine Art Selbstporträt, oft auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen“, definiert Wikipedia etwas gestelzt die moderne Marotte der optischen Onanie. Tatsächlich stand das Wort Selfie im englischen Sprachgebrauch vor wenigen Jahren noch für die schnöde körperliche Selbstbefriedigung. Längst hat sich der Begriff für die fotografische Selbstbespiegelung durchgesetzt.

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Ein Selfie der gehobenen Art. Aufgenommen während der Trauerfeier für Nelson Mandela.

 

Alle tun es. Posieren für den schnellen Schnappschuss. Angezogen, Nackt. Bei Geburten oder Beerdigungen. Auch Staatsführer lieben die Selfies. Sogar bei der Trauerfeier für Nelson Mandela lächeln sie in ihre eigenen Kameras. Die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt mit Barack Obama und dem britischen Premier David Carrington. Dieses Bild wird sich die oberste Dänin sicher gespeichert haben.

Viele Künstler führen einen regelrechten Kulturkampf gegen die Fotomanie. Bob Dylan erteilt bei seinen Konzerten Bild-Verbot. Seine Ordner führen eine verzweifelte Abwehrschlacht gegen das bunte Blitzlichtgewitter. Rowdies strahlen die Hobby-Fotografen in der dunklen Menge mit starken Taschenlampen gezielt an. Meist vergeblich. Das Museum of Modern Art in New York verbietet nunmehr Selfie Sticks. Die Ego-Stangen werden künftig wie Stative, Rucksäcke oder Schirme am Eingang eingesammelt. Damit Besucher die Werke wieder ungestört genießen können.

Diese um sich greifende Selbstverliebtheit ist nicht neu. Sie hat nur ein flottes zeitgemäßes Betätigungsfeld gefunden. In Sekundenbruchteilen zum eigenen Porträt. Ein prüfender neugieriger Blick in den Spiegel der Eitelkeiten. Der Meister des gehobenen Narzissmus, der irische Schriftsteller Oscar Wilde, hatte schon vor über einhundert Jahren Verständnis für solche menschlichen Bedürfnisse: „Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.“

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Hotel Bossa Nova – Neue Welle aus Wiesbaden

„Wenn wir Jungs unseren Jazz machen, dann kommen höchstens sechs Leute“, stöhnt der Gitarrist kurz vor Auftritt. Es klingt ein wenig resigniert. Als Sängerin Liza da Costa die Bühne im angesagtesten Berliner Jazz-Club a-trane betritt, brandet Beifall auf. Vorschusslorbeeren für eine Band, die keiner kennt. Der Laden ist gerammelt voll. Vielleicht, weil an diesem kalten Winterabend alle auf ein Abtauchen in warme brasilianische Rhythmen hoffen.

E pronto! Die vier Musiker erobern die Herzen der verwöhnten Hauptstädter im Sturm. Vor allem die fröhliche Frontfrau, die Deutsch-Portugiesin Liza da Costa verleiht dem Quartett vom ersten Takt an ihre unverwechselbare Note. Sie schnurrt, surrt, trilliert, brilliert, verwandelt ihre Stimme in ein virtuoses Soloinstrument. Anspruchsvoller, professioneller Bossa Nova für Kopf und Bauch.

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Liza da Costa in Berlin. Foto: Nick Becker

Liza führt auf Deutsch durch den Abend, die Songs sind alle auf Portugiesisch. Sie erzählen von großen Hoffnungen und den miesen kleinen Tiefschlägen. Da macht jemand Schluss. Dort scheint die Sonne nie auf einen Balkon, der vom gegenüberliegenden Haus in den Schatten gestellt wird. Welche Pflanze wächst da nur? Schließlich bemüht sich ein Zugereister um Anschluss, wird zurückgewiesen, bleibt ausgeschlossen. Musik als Rettungsanker und Seelenbalsam. Wie schön können Niederlagen sein, wenn sie so gefühlvoll vorgetragen werden.

Gitarrist Tilmann Höhn, Kontrabassist Alexander Sonntag und Schlagzeuger Wolfgang Stamm kreieren einen Sound, der einen nach Rio de Janeiro oder Lissabon entführt. Eine Leichtigkeit, die beschwingt, voll ansteckender Lebensfreude. Im Wechsel mit Balladen, die von Kummer und Herzensleid künden. Die Musiker machen den Eindruck, dass sie zu dem stehen, was sie tun, auch wenn es nicht dem verkaufsfördernden Mainstream entspricht. Das steckt an. Nur solche Musiker können dieses Glücksgefühl auch an ihre Zuhörerschaft weitergeben.

 

Hotel Bossa Nova. Cooler Jazz mit Seele und bezaubernder Sängerin aus Wiesbaden. Ihre neue CD heißt Desordem & Progresso. Das bedeutet übersetzt so viel wie Turbulenzen und Fortschritt. Ein schöner Mix, eine echte Entdeckung.

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Der kleine Unterschied

Es gibt viele kleine, feine Unterschiede zwischen Mann und Frau. Der deutsche Durchschnittsmann trinkt im Jahr 20,4 Liter Alkohol, die deutsche Frau nur 8,9 Liter. Er verdient in der Stunde 19,84 Euro im Schnitt, sie exakt 15,56 Euro. Das Gehirn des Mannes wiegt 1.375 Gramm, das einer Frau 1.245 Gramm. Sind Männer deshalb klüger? 80 % der Männer geben an beim Sex zum Orgasmus zu gelangen. Nur 33% der Frauen tun dies. Sind sie einfach nur ehrlicher?

Das ewig junge Spiel um geheime Leidenschaften und Sehnsüchte erlebt gerade ein mediales Festmahl. Fifty Shades of Grey ist der Bestseller der westlichen Welt. Das Buch wurde angeblich rund um den Globus einhundert Millionen Mal verkauft. Die Käufer sind vor allem Frauen, heißt es. Auch bei der Weltpremiere in Berlin überwiegen im Zoo-Palast auffallend hübsch herausgeputzte junge Damen. Die Männer halten sich zurück und genießen offenbar im Stillen. Woran liegt´s?

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Ist sie der neue weibliche Harry Potter? Das moderne Aschenputtel – Dakota Johnson.

 

Fifty Shades erzählt die Geschichte der kleinen Literaturstudentin Anastasia Steele, die dem schnöselige Milliardär Christian Grey verfällt. Sie ist jung und hübsch. Hinzu kommt eine Prise aus Naivität, Bodenständigkeit und Schlagfertigkeit. Der Upper-Class-Mann hingegen ist unendlich reich, cool und arrogant. Aber unfähig zur Liebe. So regiert die Peitsche. Ein postmodernes Aschenputtel-Märchen.

Bei der Berliner Premiere wird das kleine Mädchen, die Hauptdarstellerin Dakota Johnson wie ein Superstar zelebriert. Die 25-jährige erfüllt mit Ponyfrisur, rotem Lippenstift und einem gewagten Ausschnitt alle Jungs- und Mädchenträume. Der Film zeigt zwei Stunden lang Flirts, Stellungen verschiedenster Art und als Höhepunkt Gymnastik im Dark Room des armen Reichen. Das Ende wird politisch höchst korrekt erzählt. Die freizügigen Szenen werden von Osnabrück bis Oklahoma-City vom Publikum genossen werden. Fifty Shades hat das Zeug, den Blockbuster Harry Potter in den Schatten zu stellen.

Es lebe der kleine Unterschied. Erfolgreiche Männer brauchen den Schmerz, um Lust zu empfinden. Frauen fügen sich. So ist die Botschaft. Hollywood inszeniert und verkauft wieder einmal erfolgreich Gefühle. Das Ziel des Daseins ist die Unterwerfung, die ewige Lust verspricht, wie schon Friedrich Nietzsche hoffte. Nietzsche? Das war ein Philosoph. Der Mann mit der Peitsche. Unterwerfung bedeutet übrigens übersetzt Islam.

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Deutsch to go

Ein neuer Text? Let´s go. Wir loggen uns ein, brainstormen und googeln, um am Laptop oder Smartphone die News zu checken. Wir mailen, downloaden und haben Fun, wenn wieder ein Shit-storm eine Very Important Person, kurz VIP, voll erwischt. Wir genießen das Surfen bei einem Coffee to go. Alles klar? Anything goes. Englisch ist die Weltpower. Unter den sechstausend Sprachen dieser Erde liegt der Anteil des Deutschen gegenwärtig bei fünf Promill. Tendenz weiter fallend.

Der Chef der Deutschen Welle Peter Limbourg will seinen Auslandssender modernisieren und stärker internationalisieren. Deutschland dürfe diesen „Wettbewerb um Werte, der in englischer Sprache gemacht werde“ nicht auf der Coach verschlafen. Der Mann schafft gerade die Programmangebote in fast allen Muttersprachen ab. Auch der Anteil der Sendungen in deutscher Sprache soll drastisch zurückgefahren werden. Ab Sommer sendet die Deutsche Welle überwiegend auf Englisch. Let´s broadcast German News.

 

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Der Siegeszug der Hashtags. Im Zeichen der Raute.

 

Was bedeutet das? Deutsch als Auslaufmodell? Lohnt sich ein Kulturkampf gegen die antigermanische Anglizismierung des Abendlandes? Haben die „Wir sind das Volk“-Brüller aus Dresden etwa Recht? Widmen wir uns einem der letzten deutschen Universalgenies Gottfried Wilhelm Leibniz. 1717 veröffentlichte er seine Schrift „Unvorgreiflichen Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“. Sein Kerngedanke, sorry seine Message: Es fehle den Deutschen „nicht am Vermögen sondern am Willen, ihre Sprache durchgehends zu erheben“.

Natürlich ist die dumpfe Eindeutschung von Fremdwörtern Unsinn. Logischerweise macht es keinen Sinn, die Zukunft in gedanklicher Isolierung und Provinzialität zu suchen. Dann müssten Tugendwächter das Fremdwort Philosophie durch Weltweisheit und Theologie durch Gottesgelehrtheit ersetzen. Geschenkt! Doch die sprachliche Globalisierung lässt den Horizont nicht erweitern, sie schränkt Kreativität und Wortbildungsschöpfung ein. Der Trend führt zu neuer Armut. Sprachlich und geistig gesehen.

Deshalb werde ich diesen Blog jetzt posten und pitchen, auf dass mein Content auf Facebook, twitter und youtube viele Likes erklickt und die User mich nicht mobben. Hashtag# noch mal…

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Über die Berliner

Sie ist dick, kugelrund und bietet auf wenig Fläche viel Raum für Selbstdarstellung. Sie steht gerne im Mittelpunkt und will rund um die Uhr bewundert werden. Die Litfass-Säule mit drei S. Ein echtes Berliner Kind. Längst eine „Säulenheilige“ der Spree-Metropole. Die Vaterschaft liegt bei Ernst Litfass, einem gewitzten Druckereibesitzer aus dem 19. Jahrhundert.

Wenn Katharina Thalbach über Helene Weigel, Gregor Gysi über Rosa Luxemburg oder Peter Schneider über Axel Springer schreibt, „dann kann das nur faszinierend und unterhaltsam werden“, feuert sich der Verlag selbst an. Von Eisbär Knut bis zur Diva Marlene Dietrich reicht die Palette der Porträtierten eines neuen Berlin-Werkes. Einziges Kriterium: die Auserwählten müssen irgendetwas mit der Stadt an der Spree zu tun haben.

Das ist nun nicht sehr schwer. Wie in den wilden zwanziger Jahren zieht die deutsche Metropole magisch Abenteurer, Glücksritter und Glückssucher, kleine und große Talente an. Berliner ist man, wenn man sich so fühlt, heißt es. Das Berlin-Sein ist eine Frage des Lebensgefühls und keine der Geburtsurkunde. Heinrich Zille, der Ur-Berliner, ja, der mit dem Pinsel und dem Milljöh, war ein waschechter Sachse aus Radeburg.

Da dachte sich der Stadtmöbelfabrikant Hans Wall, bloß kein falsche Bescheidenheit. Der umtriebige Mann aus Künzelsau macht mit schwäbischen Qualitäten aus Schiete Konfekt. Seine Bedürfnisanstalten und Wartehallen sind an fast jeder Ecke anzutreffen. Folgerichtig kümmerte sich der schwäbelnde Selfmade-Mann in seinem Text um Ernst Litfass, einen echten Berliner. Dieser erfand vor gut hundertfünfzig Jahren die nach ihm benannte Werbesäule und avancierte zum „König der Reklame“.

Abgeguckt und besser gemacht, lautet das Motto von Hans Wall. Der Kopierer hat das Glück des Tüchtigen. So schildert Wall en passant, dass er das völlig verwahrloste Grab des Litfass-Erfinders auf dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof wieder auf Vordermann gebracht hat. Für damals   sagenhafte 180.000 DM! Im Gegenzug und als Dankeschön übernahm er die Reklame auf allen Berliner Litfass-Säulen. Er ließ sie mit einer 40 Watt „Funzel“ an der Unterseite des Hutes ausstatten. Das sei zehnmal sparsamer als bei der Konkurrenz. Hans Wall lächelt siegesgewiss. „Hast du gut gemacht, Hans.“

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Die moderne Kopie mit Hut und 40 Watt-Funzel

Großzügiger geht es da bei der Liebeserklärung der Autorin Maria Ossowski an Kurt Tucholsky zu. Der Schriftsteller aus Moabit war ein gebürtiger Berliner genau wie Reklamefuchs Litfass. Nur: Tucho liebte und hasste seine Stadt zu gleichen Teilen.  Nüchtern urteilte er: „Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt.“ Den zugereisten Aufschneidern und Wichtigtuern warf er zu: „Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Lebens.“

Die Auswahl der 33 Helden in diesem neuen Berlin-Buch ist so kunterbunt wie willkürlich. Dafür fließen wahre Ströme an Lokalpatriotismus. Die Journalistin Irene Bazinger (eine Salzburgerin) und der Hans Dampf in allen Gassen der Berliner Kulturwelt Peter Raue (ein Anwalt, gebürtig aus München) sammelten die Geschichten ein und packten sie munter zwischen zwei Buchdeckel. Der Titel ist schlicht: Wir Berliner.

Na, dann mal los. Mit Gebrüll. Langweilen kann ich mich alleine…


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