Archive for : August, 2016

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Bundestag Inside

Willemsens Jahr. Mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Zwölf Monate lang beobachtete Roger Willemsen, wie das höchste Organ der Deutschen, der Bundestag, seinen Geschäften nachging. Was leisten Volksvertreter in einem Haus, das dem deutschen Volk gewidmet ist? Willemsen verfolgte aufmerksam große Auftritte und peinliche Begebenheiten. Das Experiment geschah bevor die AfD wie Phoenix aus der Asche der Etablierten die Bühne betrat. Willemsens Welt zeigt die da oben, die in unserem Namen entscheiden. Oder es sollten. Ein Jahr Bundestag Inside.

 

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Fleißarbeit. Berlin 2013. Ein Jahr lang verfolgte Roger Willemsen jede Plenarsitzung des Bundestages.

 

Reichstag. 16. Januar: „Die Stimmung ist inzwischen von leichtherziger Gereiztheit, die Oberfläche bewegt von stark expressivem Verhalten, von Ausrufen, Schaulachen, Gesten des Abwinkens und Fäuste-Reckens, bitteren Beschuldigungen.“ Willemsen zitiert den Schriftsteller Anton Kuh. „Im Saal herrscht schwatzhafte Zwischenaktstimmung, ein gemütliches, halblautes Bordeln“.

 

 

Reichstag. 17. Januar: „Das Prinzip der Wechselrede ist monoton: man redet gegeneinander, wird persönlich in der Verletzung, eitel im Selbstlob. … so verdichtet sich der Eindruck, dass sich dieser Apparat selbst ernährt. Seine Egozentrik lässt in manchen Debatten keinen Raum für die Welt derer auf den Tribünen. Eher geht es, von hier oben gesehen, um Betrachtung und Erhaltung des Status quo, also mehr um einen Zustand als um eine Bewegung.“

 

Reichstag. 21. Februar: „Die Situation umfasst das Künstlichste, was es in Kommunikationssituationen geben kann: Zwiesprache mit einer Abwesenden, Verletzungen ohne Körper, Beleidigung ohne Adressaten, Appelle ohne Gegenüber.“

 

Reichstag. 18. April: „Jemand steht am Pult und nimmt doppelt Recht für sich in Anspruch: das Recht zu reden und das Recht in der Sache. (…) Sie sind schon wieder auf einem guten Weg. Die politische Rhetorik schließt diesen Weg notorisch ein. (…) Dass wir vor Herausforderungen stehen, heißt ja auch bloß, dass wir bisher zu wenig getan haben. (…) Man kann die Würde des Hauses also nicht auf die Sprache übertragen. Denn diese muss, Friedrich Hölderlin zufolge, nicht vor allem gesprochen, sondern bewohnt werden. Wird sie es nicht, klingt sie wie aus dem rhetorischen man gesprochen.“

 

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Im Zeichen des Adlers. Reden, Reden, Reden. Zuhören? Verstehen? Ändern?

 

Reichstag. 15. Mai: „Ich nenne es das „Hohe Haus“ mit schwankenden Amplituden, weil es mir manchmal prachtvoll erscheint, weil es einfach wunderbar ist, einem repräsentativen Kollektiv beim Wägen von Wichtigkeiten zu folgen. Im nächsten Augenblick aber bin ich abgestoßen von dem Bodensatz, der aufgewirbelt wird, wo niedrigste Beweggründe unterstellt werden und jede höhere Idee brüskiert, gekränkt, wenn nicht verraten wird.“

 

Reichstag. 19. Dezember: „Dieser Typus ist neu: Die ganze Aufmerksamkeit der Rednerin ist auf die Vermittlung gerichtet und diese entsprechend effekthascherisch. Sie arbeitet also weniger am Thema als an der gelenkten Rezeption des Themas und treibt so die Auflösung der Politik in Public Relations voran – auch diese eine voraussichtliche Entwicklungslinie der künftigen parlamentarischen Kultur“.

Roger Willemsen. Hohes Haus. 2014.

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Im Haus des Volkes

In diesen Tagen holt zahlreiche Bundestagsabgeordnete eine alte Affäre um teure Füller ein. Wie „Bild“ jüngst herausfand, orderten vor einigen Jahren Mitglieder aller Fraktionen wertvolle Schreibgeräte. Selbst Abgeordnete der Linken wurden mit Luxusfüllern der Marke Montblanc im Wert von 2.900 Euro versorgt – umsonst. Ob mit solch edler Tinte die Abgeordneten-Qualität gesteigert werden konnte, bleibt das Geheimnis der Volksvertreter.

Was aber jenseits von  aufgebauschten Aufregern die Abgeordneten wirklich leisten, hat Roger Willemsen in einem beispiellosen Selbstversuch erkundet. Ein Jahr lang besuchte der viel zu früh verstorbene Publizist alle Plenarsitzungen im Reichstag. Er saß auf der Besuchertribüne, staunte, wunderte, ärgerte und langweilte sich. Manchmal war er der Einzige, der den Hervorbringungen der Parlamentarier noch folgte. Abgesehen von den Stenografen, die jede Stunde ausgetauscht werden. Sein Tagebuch „Hohes Haus – ein Jahr im Parlament“ ist von zeitloser Aktualität. Wie alle guten Bücher.

 

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Allein im Deutschen Bundestag. Roger Willemsen auf der Zuschauertribüne. Quelle: Tagesanzeiger

 

Rund 13.000 Reden werden in einer Legislaturperiode im Bundestag gehalten. Roger Willemsen war dabei. Er wollte wissen, ob das Herz der Demokratie noch richtig tickt. Und wenn ja, wie? Sein Befund: Starke Rhythmusstörungen. Ein Herzschrittmacher könnte nicht schaden. Willemsen notiert: „In der Politik hat sich irgendwann bei den meisten Fragen ein Vorrang des Strategischen durchgesetzt, in dessen Schatten sich alles andere bewegt. Man siegt nicht durch Einfühlung, sondern durch Kalkül und Technik.“

Was heißt das für ihn? „Falsch also die Vorstellung, ein Politiker verließe am Ende das Hohe Haus und habe primär etwas für die Menschen erreicht oder verloren. Es gibt sicher die Überzeugten in allen Parteien, auf allen Feldern, auf den vorderen wie auf den hinteren Bänken. Es gibt jene, die es gut meinen und die falschen Mittel haben, jene, die dauernd Brücken suchen zum Witz, zur Beleidigung, zum Schulterschluss. Es gibt die von der eigenen Fraktion Marginalisierten, die Übersehenen und Übergangenen, die Geparkten und jene, die gerade kapitulieren und erlöschen.“

 

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Roger Willemsen. (15. August 1955 – 7. Februar 2016)

Willemsen vermisste Visionen und Ideen. Vor allem aber eines: Haltung. Beispiel Bankenkrise und das Verhalten des Bundestages. „Es muss auch im Parlament erlaubt sein die Idee eines Landes aufrechtzuerhalten, in dem sich das Gemeinwohl nicht über das Wohl der Banken definiert. Die Debatte, die jetzt geführt werden müsste, wird aus vielen Gründen nicht mehr geführt. Das System begründet sich nicht mehr. Seine Krise, die auch eine Krise seiner Werte ist, wurde nicht von der Kritik oder vom Protest ausgelöst sondern von immanenten Prozessen und dem folgenden Kollaps.“

Vor genau einem Jahr ereilte Roger Willemsen der Befund, dass sich der Krebs eingenistet hat. Er zog sich zurück, ertrug die verbleibende Zeit mit Tapferkeit. Am 7. Februar 2016 starb der geschätzte Kollege in der Nähe von Hamburg. Was bleibt, sind seine Bücher. Es lohnt sich in  „Hohes Haus“ reinzuschauen.

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Das Glück am Bass

Der Bass bleibt in der Regel für Struktur, Begleitung und Tiefe zuständig. Der Bassist ist überwiegend männlich, still und im Hintergrund. Als Solo-Instrument im modernen Groove übernimmt er vorzugsweise eine dienende selten eine aktive Rolle. Nicht so bei Kinga Glyk. Virtuos entwickelt die Polin auf ihrem Bass eine eigene Handschrift, die überrascht und überzeugt. Kinga ist 19 Jahre alt. Sie gilt als eines der Super-Talente im europäischen Jazz. Sie hat eine große Zukunft vor sich.

 

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Kinga Glyk. Der neue Stern am Jazz-Himmel.

 

Kinga ist ein polnischer Vorname und bedeutet auf Deutsch Kunigunde. Glyk kommt aus dem Griechischen und steht für „süß schmeckend und Zucker“. Kinga Glyk stammt aus einer polnischen Musikerfamilie. Ihr Vater Irek ist Schlagzeuger, ihr Bruder ebenfalls Musiker. Mit zwölf begann Kinga den Bass zu entdecken, heißt es auf ihrer Website. Sie spielte bereits über 100 Konzerte quer durch ganz Polen. Nun überschreitet sie Grenzen und hat in Rostock ihr erstes Konzert in Deutschland gegeben. Das Publikum war begeistert. Großen Dank an Klaus-Martin Bresgott für seinen Hinweis.

 

 

Im März 2015 erschien ihr erstes Album „Registration“. Jetzt im Sommer 2016 legt sie mit ihrer Band „Happy Birthday“ vor. Eine durchweg starke Einspielung. Voller Spielfreude, cool und mit großartigen Soli. Sie eifert den Großen wie Jaco Pastorius, Stanley Clarke oder Victor Wooten nach. Ihre Cover-Version von Claptons „Tears in Heaven“ ist ein Hammer. Vielleicht kann Kinga eines Tages in die Fußstapfen von Jazzbass-Gott Marcus Miller treten. Das Zeug dazu hat sie.

 

 

Kinga Glyk ist Anfang Oktober 2016 wieder in Deutschland und zwar in Groß-Derschau zu sehen. Das ist in der tiefsten sächsischen Provinz in der Nähe von Zittau, aber eine Reise wert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der neue Star des polnischen Jazz bald auf den großen Bühnen der Welt anzutreffen ist. Aber vorher beim Mandau Jazz-Festival. Groß-Derschau.

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Die Nacht im Eimer

Der Malerfürst Georg Baselitz liebt es kräftig, klar und am besten so richtig deftig. Seine Helden sind gegen den Zeitgeist gemalte grandiose Anti-Helden. Gebrochen, geheimnisvoll, verstörend. Sie sind gerade im Frankfurter Städel-Museum zu sehen. Berühmt wurde der gebürtige Sachse mit einem Geniestreich. Seit Ende der sechziger Jahre stellt er seine Motive einfach auf den Kopf. Verkehrte Welt, das Markenzeichen von Baselitz. Warum? „Ich war ein sehr aufmüpfiger, renitenter Typ und musste unbedingt was machen, was ich mir vorstellte, dass es nicht existiert in der Kunst.“

1938 kam er als Hans Georg Kern in Deutschbaselitz auf die Welt. Der Vater ein Nazi. Seine Heimat ein kleiner Ort in der Oberlausitz, wo er, wie er sagt, wild aufgewachsen ist. Im Alter von 21 Jahren verweisen ihn DDR-Funktionäre wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Kunsthochschule. Kern nimmt den Namen seiner Heimatstadt an und wechselt 1957 nach West-Berlin. Auch im Westen malt er weiter gegen herrschende Normen an. „Die große Nacht im Eimer“ sorgt für einen handfesten Skandal. Ein onanierender Junge. Pornografie wirft ihm der Zeitgeist vor. Es kommt zu einem Prozess. „Ich wollte Schweinereien machen. Und Schweinereien fing, dachte ich, an bei der Farbe.“

 

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Georg Baselitz. Die große Nacht im Eimer. 1962/63.

 

In seinem produktivsten Jahr 1965 steigert sich der junge Wilde Baselitz in einen wahren Bilderrausch. Er malt siebzig Werke in einem einzigen Jahr. Sein Heldenzyklus entsteht, später folgen die Russenbilder. Baselitz bevorzugt stets deutliche Worte. „Frauen können nicht so gut malen“, tönt er und „es gab in der DDR keine Künstler, nur Arschlöcher“. Das war einmal. Baselitz ist mit seinen 78 Jahren merklich ruhiger geworden. Er wiegelt ein wenig ab: „Ich war früher sehr aggressiv. Das hat sich ein bisschen geändert. Daraus ist Humor geworden.“

 

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Der Maler im Atelier. Aus „Georg Baselitz. Ein deutscher Maler.“ Doku aus dem Jahre 2012.

 

Mittlerweile zählt der Altmeister zu den Top 3 der Weltrangliste der Kunst. Seine Bilder hängen in allen berühmten Museen. Bei Guggenheim in New York oder auch im Berliner Kanzleramt, damals bei Gerhard Schröder. Der raubeinige Provokateur hat es zu einer Art Staatskünstler gebracht. Dabei bleibt er sich über die Jahrzehnte hinweg treu – allen modischen Trends zum Trotz. Er malt die Welt weiter sinnenfroh, unangepasst und konsequent kompromisslos. „Das Motiv ist eigentlich seit fünfzig Jahren immer das Gleiche: meine Frau, ich, der Adler, die Landschaft da, wo ich herkomme und so weiter.“

 

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So sieht Dragan Iljkic den großen Provokateur der Nachkriegsmalerei Georg Baselitz.

 

Baselitz Ehefrau Elke, mit der er seit über fünfzig Jahren sein Leben am Ammersee und in Italien teilt, ist seine schärfste Kritikerin. So malt der Künstler aus Deutschbaselitz ein Leben lang kräftige Bilder auf dem Kopf und gegen den Strich. Was ist sein Credo? „Wenn man das Gegenteil macht, von dem was gefordert wird, ist es genau richtig.“

Georg Baselitz. Die Helden. Bis zum 23. Oktober 2016 im Städel-Museum in Frankfurt/Main.

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Pardon me

Musik liegt im Blut. Musik ist ihr Leben. Kein Wunder. Die Jazz-Sängerin Jessica Gall stammt aus einer alten Berliner Musikerfamilie. Die Großmutter war klassische Pianistin, der Großvater Sänger. Ihr Vater tourte mit einer Kindertheater-Show durch die DDR. Die 36-jährige hat mittlerweile selbst zwei Kinder. Sie liebt die leisen, aber stimmungsvollen Töne. In hippen Mitte-Szenecafés ist sie nicht anzutreffen. Dafür legt sie lieber alle paar Jahre ein neues starkes Album vor.

 

 

Die Berliner Jazz-Szene ist nicht gerade mit weiblichen Stimmen gesegnet. Pascal von Wroblewsky und Jocelyn B. Smith geben seit vielen Jahren den Ton an. Jessica Gall hätte das Zeug zu einer großen Karriere. Sie ist eine Entdeckung wert. Ausgebildet an der Musikschule Hans Eisler hat sie Ausdrucksfähigkeit, Repertoire und Volumen um das berühmte Eis zum Schmelzen zu bringen. Sie hat das gewisse Etwas, eine Seele von Stimme.

 

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Jessica Gall. Sängerin und Mutter. Songs zum Dahinschmelzen. Sie ist eine Entdeckung wert.

 

Jessica jobbte als Background-Sängerin bei Phil Collins und Sarah Connor. Seit Jahren ist sie mit ihrem Mann Robert Matt und einer eigenen Band auf den Bühnen der Clubszene unterwegs. Aber um es ganz an den Spitze zu schaffen, sind zwei Kinder, die geliebt, gehegt und gepflegt werden wollen, keine Empfehlung. Vielmehr eine tägliche Herausforderung. Drei Alben hat sie in den letzten zehn Jahren veröffentlicht. Im Januar 2017 folgt ihre neue Produktion Picture Perfekt.

 

 

Demnächst ist Jessica Gall im Berliner a-trane live zu erleben. (6. – 8. September 2016. Beginn jeweils 21 Uhr). Es lohnt sich.

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Erfolg macht blind

Was kostet zerstörtes Vertrauen? 15 Milliarden, 30 Milliarden, 100 Milliarden Euro? So weit reichen die Schätzungen im Fall VW. So teuer könnten die Abgas-Betrügereien an elf Millionen Dieselautos werden. Ein Fiasko. VW taumelt vom weltgrößten Autohersteller, so der einstige ehrgeizige Plan, in den größten GAU seiner Firmengeschichte. Jedem Unternehmen ohne inneren Kompass, Werte und Vertrauen in die Mitarbeiter kann ein solches Schicksal blühen. Immer dann, wenn Erfolgstreben blind macht.

Ende Mai 2016 konnte Psychotherapeut Günter Funke vor 400 VW-Führungskräften zum Thema Vertrauen, Verkaufszahlen und Erfolg seinen letzten Vortrag halten. Der Kern seiner Ausführungen lautete: „Wenn Erfolg Recht gibt, dann ist jeder Betrug, der zum Erfolg führt rechtens“. Hier einige Auszüge aus der Wolfsburger Rede, dem die gesamte Führungsspitze unter  VW-Chef Matthias Müller atemlos folgte.

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Korrekt mit Schlips und Kragen. Wie altmodisch sind Fragen wie Vertrauen oder Werte?

 

 „Die Frage steht nicht erst seit heute Abend im Raum: „Wie ist ein solches Fehlverhalten zu erklären?“ Wir können auch fragen: „Was ist schief gelaufen, wie konnte das passieren, was ist falsch gemacht worden?“ Und die Antwort auf diese Fragen dann im vorgegebenen Rahmen der Regeln und Verordnungen die bei VW in Geltung sind, suchen. Systemimmanent also. Vielleicht wird dann festgestellt, dass das System in Ordnung ist, es gab halt Bedienungsfehler.

Wir können den Horizont aber auch weiter aufspannen, also grundsätzlicher fragen, nicht nur nach dem Fehlverhalten, sondern auch grundsätzlicher: Was hat gefehlt? Das bedeutet nach Gründen suchen und nicht bei den auslösenden Aspekten stehen zu bleiben. Das Fehlende wird oft erst sichtbar, wenn größere Zusammenhänge erkennbar werden. Um überhaupt erkennen zu können, was fehlt, muss ich ein Wissen um das Ganze haben. Dieses Wissen ist oft intuitiv vorhanden, wird aber zu wenig aktualisiert und zum Gegenstand einer vernünftigen Reflexion gemacht.

Denn Fehlverhalten basiert auf dem Fehlen von Haltung. Die Haltung eines jeden Menschen wird geprägt von den ihn leitenden Werten, ohne Werte ist eine stabile Haltung nicht möglich.

Bei etwas genauerem Hinsehen erscheint mir VW immer als ein eher autokratisch geführtes Unternehmen zu sein, das in seiner weltumspannenden Größe kaum noch wirklich zu führen ist. Autokratisch geführte Unternehmen weise oft erhebliche Mängel auf, die aber durch den anhaltenden Erfolg (die Verkaufszahlen stimmen) kompensiert werden. Erfolg ist für Innovation und Kreativität kein guter Begleiter, das hat uns die Neurobiologie gezeigt.

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Eine Hand wäscht die andere. Erfolg ist alles.

Je erfolgreicher wir eine Strategie über lange Zeit anwenden, desto tiefer fahren sich die „Autobahnen“ in unser Gehirn ein und wir verfügen am Ende nur noch über die Regeln und Mechanismen des gerade laufenden Erfolgsmodells. Das Gehirn schafft keine kreativen Vernetzungen mehr, es ist eingleisig werden. Wirklich kreativ wird ein solches Gehirn erst dann wieder, wenn der Karren vor die Wand gefahren ist.

Autokratisch geführte Unternehmen versteigen sich immer mehr auf die Zahl, auf die Erhöhung der Verkaufszahl, koste es, was es wolle. Es zeugt nicht gerade von Vernunft, wenn immer neue Steigerungsanforderungen als Ziel, als Motivation herausgegeben werden. Sie kennen das ebenso wie ich. Erhöhung der Akkordnorm führt immer zu großem Widerstand und zu Ängsten. Und dann werden Schlupflöcher gesucht. „Wie können wir dem auferlegten Stress entgehen?“ Um-gehen, anstatt umzugehen. Und da wird dann plötzlich wieder Kreativität frei. Auch Betrug kann Kreativität sein – aber ohne Bezug zu tragenden Werten.

„Wenn Erfolg Recht gibt, dann ist jeder Betrug, der zum Erfolg führt rechtens“

Die Angst gerät langsam in den Hintergrund, klammheimliche Freude ist spürbar – und doch – es wird nicht aufgehen. Das Gehirn adaptiert die zuerst noch wahrgenommene Fehlhaltung, die ja auch eine Schonhaltung ist, oder ein Vermeidungsverhalten, als normal. Es nimmt die Abweichungen von der geltenden Norm nach ca. sechs Wochen nicht mehr war, es sei denn, ganz tief verankert, im Grunde verankert wären Werte andere Werte als der Erfolg um jeden Preis. Wenn Erfolg recht gibt, dann ist jeder Betrug, der zum Erfolg führt rechtens.

Ich würde auch nicht von krimineller Energie sprechen, völlig überzogen. Ja, es war ein technisches Problem – und ein Werteproblem.

Verantwortung setzt Freiheit voraus, fehlt diese Freiheit zur Verantwortung dann wird alles schnell zum Zwang, es folgt das Gefühl des zum ständigen Müssens und das wird auf Dauer unerträglich. Parolen herausgeben: Noch mehr Autos verkaufen, weltweit größter Konzern zu sein etc., das ist einer Führungskraft heute nicht mehr würdig, offenbart eher Peinlichkeit. Ein Umdenken hat begonnen, ein not-wendiges Umdenken – oder ist es ein Um-Fühlen? Es geht jetzt nicht darum Schnellschüsse zu produzieren, wichtig ist, den Prozess zu beginnen, der zu neuen, werthaften Haltungen führt, und nicht nur ein wenig an der Oberfläche des Verhaltens zu kratzen.“ (Vortrag in Wolfsburg. Mai 2016)

Günter Funke. Vortrag vom 02.11.2015

 

Günter Funke war bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, als er den VW-Oberen die Thematik von Vertrauen und Werten ins Stammbuch schrieb. Der gelernte Theologe wurde bis zum Schluss nicht müde, daran zu erinnern, dass im Leben alles veränderbar sei. Man dürfe sich von seiner Angst nichts gefallen lassen, machte er seinen Mitmenschen bis zuletzt Mut. Günter Funke starb am 3. August 2016 im Alter von 67 Jahren.

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„Kommt zur Vernunft“

Viele Deutsche träumen von einem, der durchgreift. Der sagt, was Sache ist. Der handelt und regiert, statt zu diskutieren oder abzutauchen. Es ist der Wunsch nach einem aufgeklärten Herrscher. Es muss ja nicht unbedingt der Putin sein, heißt es, eher so einer wie der „alte Fritz“. Dieser König – Friedrich II von Preußen auch „Friedrich der Große“ genannt – erlebt eine Renaissance. Er war ein typischer Barockherrscher, sozial und rücksichtslos, bescheiden und luxusliebend, bemüht um gute Herrschaft, aber leichtfertig mit den Menschen. Er verfasste fünfzigtausend Gedichte in französischer Sprache. Deutsch war für ihn die Sprache der Pferdekutscher.

Aber wer war der Große? Sein Trauma: die frühe Zwangsheirat mit Elisabeth Christine, ausgelöst durch Vater Friedrich Wilhelm I, der ihn unbedingt loswerden wollte. Friedrich war gottlos, ein Atheist. Er kämpfte selbst auf dem Schlachtfeld, das machte ihm kein anderer Fürst oder König nach. Er ging gegen Mitternacht zu Bett und stand um drei Uhr früh auf. Er war ein Pedant und Prinzipienreiter. Delegieren konnte er nicht, denn „ohne mich geht nichts“. Er war akribischer als die Stasi. Er wollte alles wissen.

 

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Friedrich II von Preußen. (1712-1786) So sah ihn Andy Warhol.

 

Der Alte ruhte in seinem Volk, konnte unbewacht schlafen. Die Türen im Schloss waren stets offen. Das Volk hat ihn geliebt. Im idyllischen Rheinsberg verbrachte er seine schönsten Jahre. Dort liebte er märkische Abgeschiedenheit, Ruhe und Natur. Friedrich schrieb hier seinen Anti-Macchiavelli, ganz im Sinne eines Romantikers und Träumers. Auf dem Thron hingegen entwickelte er sich zum knallharten Strategen und Machtpolitiker.

 

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Vernunft im Sommer 2016. Gesehen im Pausenhof einer wegen Nachwuchsmangel aufgegebenen Schule in Freyenstein in der Prignitz.

 

Seine ersten Amtshandlungen als König 1740: Verbot der Zensur. Verbot des „Fuchtelns“, das heißt kein Prügelrecht für Offiziere gegenüber Rekruten. Verbot der Zwangsheirat. Da er selbst von seinem Vater so gedemütigt worden war, machte er sein persönliches Schicksal zur Richtschnur für die neue Rechtsprechung. Über alles setzte er den preußischen Gerechtigkeitssinn. Oder was er dafür hielt. Fritz predigte Toleranz. „Jeder nach seiner Fasson.“ Und der Alte hatte noch eine glasklare Botschaft: „Wenn die Vernunft ihre Stimme gegen den Fanatismus erhebt, dann kann sie die künftigen Generationen vielleicht toleranter machen.“

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Moment mal!

Überall in unseren Städten sind geheime Botschaften versteckt. An Wänden, Türen, Fassaden. Nicht die bunten Werbesignale, die uns animieren sollen, das vorteilhaft Angepriesene zu erwerben. Nicht die Hinweisschilder auf Ärzte, Firmen oder Behörden. Auch nicht die grellen Graffiti, die mehr oder weniger fantasievoll Flächen verkleben. Gemeint sind stille Botschaften wie jene am Bahnhof Zoo. Hier zählt ein Anonymus die Tage. Seine, unsere?

 

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Berlin-Charlottenburg. Savignyplatz.

 

Die allermeisten Passanten ziehen im Alltag achtlos an den kleinen Kunstwerken vorbei. Zu viel Hektik, zu wenig Zeit. Zu viel Hast, zu wenig Muse. Zu viel Lärm, zu wenig Ruhe. Innere wie äußere. So stehen die Zeichen verloren im Raum. Lost in the Cities. Bis sie weggekärchert werden oder langsam vor sich hin verwittern. Wie US-Präsident Abraham Lincoln auf dem Fünf-Dollarschein, der im Berliner Regierungsviertel verkündet: „Changes everything.“ Geld ändert eben alles, meint dieser unbekannte Verfasser.

 

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„Changes everything“. Berlin-Mitte im Regierungsviertel. Glinkastraße. Graffiti an einem der letzten unsanierten Häuser.

 

Also Augen auf im Straßenverkehr. Über weitere auffällig-unauffällige, geheime, witzige oder geistreiche Botschaften im Stadtraum würde ich mich freuen. Zum Sammeln und weitergeben. Einfach das Handy zücken, scharf stellen und an meine Mailadresse unter Kontakt schicken.

 

 

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Banksy. Park Street. Bristol.

 

Es muss ja nicht gleich ein Banksy sein. Ich bin gespannt. Wozu ist denn das schicke Smartphone sonst gut…?

 

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Banksy.

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Lesen macht reich

Die Liebe zur Literatur gilt in der Regel als brotlose Kunst. Eine internationale Studie will nun belegen: Wer in der Jugend viel liest, ist später reicher. Es kommt allerdings auf die Zahl der Bücher an. Normalerweise fällt bei Bücherwürmern einem nicht zuallererst Geld, Besitz und Vermögen ein. Der durchschnittliche Milliardär posiert eher vor Säulen oder Golfplätzen als vor Bücherwänden. Die Vorstellung, Donald Trump vertiefe sich in eine Ausgabe des „Ulysses“ oder des „Kapitals“ führt ins Absurde. Der Mann ist steinreich, weil er maximal Kontobücher zu lesen gelernt hat.

Doch nun die frohe Botschaft: Lesen macht reich – oder doch wenigstens ein bisschen reicher. Das jedenfalls behauptet die Studie „Books Are Forever“, die jüngst im „Economic Journal“ veröffentlicht wurde. Sie untersuchte das Leseverhalten von gut fünftausend europäischen Männern und setzte die Ergebnisse in Bezug zu ihrem späteren Einkommen. Das Ergebnis: Die Probanden der Jahrgänge 1920 bis 1956, die mindestens zehn Bücher gelesen hatten, verdienten im Schnitt 21 Prozent mehr als Literaturabstinenzler.

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Lesen und Tee trinken. Aber nicht mehr als zehn Bücher.

 

Die Studie will ferner festgestellt haben, dass künftige Besserverdiener zwar zehn Bücher gelesen haben sollten – welche ist offenbar völlig egal – mehr jedoch helfen auch nicht. Tja. Das soll internationale Spitzenforschung sein. Nun erinnern wir uns, dass die weibliche Leserschaft früher, länger und vielseitiger liest als Männer, aber im Schnitt fast ein Viertel weniger verdient. Das juckt die Studie überhaupt nicht. Denn Frauen haben die Herren Wissenschaftler erst gar nicht gefragt.

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Frauen lesen mehr und verdienen weniger. Die Studie hat die weibliche Leserschaft erst gar nicht untersucht.

Fazit: Diese Studie kann ungelesen in der Papiertonne versenkt werden. Sie hilft der Menschheit in keinerlei Weise weiter. Im Gegenteil. Lesen macht in diesem Fall nicht reicher sondern dümmer. Vielleicht will die Veröffentlichung der erste ernstzunehmende Beitrag zum Sommerloch sein. Wer lesen will, hat bessere Möglichkeiten. Meine Empfehlung in diesen Olympiatagen: Berlin 1936 von Oliver Hilmes. Aufschlussreicher und anregender als jede Plattitüde über das Leseverhalten.