Archive for : Januar, 2017

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Verteidigung des Abendlandes

Das Haus steht im Nirgendwo. Nächster Nachbar ist Frau Merkel mit ihrem wuchtigen Kanzleramt, Waschmaschine genannt. Ansonsten hoppeln ein paar Kaninchen durch den abendlichen Tiergarten. Abseits und doch mittendrin im Berliner Regierungsviertel steht die Schweizerische Botschaft. Frau Botschafterin Schraner Burgener, die tüchtige Vertreterin ihrer Eidgenossenschaft, lädt zum Empfang. Sie wirbt für Dichter und Denker des kleinen Alpenvolkes. Eine Handvoll der 70 Schweizer Verleger präsentieren ihr Programm.

Links geht es rein. Tradition und Moderne. Die Schweizerische Botschaft seit 2000 in Berlin. Quelle: Diener & Diener.

 

Durch ein Tor im Altbau, nach erfolgter Einlass- und Gesichtskontrolle führen breite Stufen in das Hochparterre einer stattlichen Gründerzeitvilla. Der Besucher ist beeindruckt: Viel Stuck und Ornament, Parkett und Flügeltüren, Samtbezüge an den Wänden und Kronleuchter an den Decken. Das Palais atmet den morbiden Charme des Großbürgertums. Das Gebäude der Schweizerischen Botschaft diente ab 1870/71 dem Arzt Frierich Frerichs als Praxis. Einer seiner Patienten, der Schriftsteller Dostojewski  staunte: „Diese Leuchte der deutschen Wissenschaft wohnt in einem Palast.“

 

Ein Haus abseits aber mittendrin. Die Schweizerische Botschaft in Berlin-Mitte. Seit knapp 100 Jahren Sitz der Eidgenossenschaft.

 

Als sich Internist Frerichs zur Ruhe setzte, wechselte die Arztpraxis im Alsenviertel mehrfach den Besitzer. Rauschende Bälle wurden im Palast gefeiert bis I. Weltkrieg und Revolution einen weiteren Wechsel brachten. Die Schweiz kaufte 1919 das Palais und hisste fortan das weiß-rote Kreuz Helvetias am Himmel über Berlin. Als die Nazis an die Macht kamen, rissen sie das Alsenviertel ab. Hier sollte am Schnittpunkt der gigantischen Nord-Süd-Achse der Mittelpunkt Germanias entstehen. Auch die Botschaft sollte für die neue Halle des Volkes weichen.

Eine Ersatzresidenz wurde für die neutrale Schweiz in der Tiergartenstraße errichtet. Doch alles kam anders. Der Krieg stoppte 1942 weitere Abrissarbeiten. Die Botschaft überlebte. Das Haus der kleinen Schweiz blieb als einziges Gebäude im Spreebogen des Alsenviertels stehen. Im April 1945 besetzte die Rote Armee die Schweizer Gesandtschaft. Von dort aus stürmten Stalins Stoßtrupps den Reichstag. Das verbliebene Botschaftspersonal wurde während der Kämpfe im Keller eingesperrt und später nach Moskau gebracht. Via Türkei kehrten die Schweizer Diplomaten später in die Schweiz zurück.

 

Berlin 1945. Die Schweizer Botschaft überlebte Hitlers Größenwahn. (Mitte hinten)

 

Die Teilung Berlins drückte die Botschaft an der Bismarck-Allee 1 an den Rand der Ost-West-Grenze, mitten ins Niemandsland. Mehrfach versuchte die Schweiz ihren letzten Restposten zu verkaufen. Doch niemand wollte das einsame Haus an der Grenze haben. „Ein Glück“, schmunzelt Frau Botschafterin. Nach dem Fall der Mauer wollte die Bundesregierung das Palais einverleiben. Doch die Schweizer blieben hartnäckig. Im Jahr 2000 eröffneten sie ihre Botschaft nach über fünfzig Jahren Funkstille vergrößert um einen modernistischen Anbau. Mitten im neuen Regierungsviertel.

 

Im Zeichen des Kreuzes. Im Jahr werden in der Schweiz 16 Millionen Bücher verkauft. Tendenz stabil. Die Zahl der Kontobücher soll deutlich höher liegen.

 

So können heute Literaturfreunde bei Käsehappen und Rotwein über den Untergang der abendländischen Kultur plaudern. Die Verleger klagen über knausrige Leser. Ein Schnitzel hält zehn Minuten. Ein Buch für den selben Preis eine Woche und länger. Sie schimpfen über ungeduldige User, die lieber IPads und Internet als das gute alte Buch konsumieren. Doch die Schweizer bleiben von Natur aus konservativ. Sie habe das Geschenk zum 50. Geburtstag, ein Kindle-Lesegerät, abgelehnt, betont stolz Botschafterin Christine Schraner Burgener. Das Publikum im Kronleuchter-Saal nickt erfreut. Es ist, als ob Dostojewski gleich die Flügeltür öffnen würde. Es könnte ihm hier gut gefallen, bevor er mit einem Augenzwinkern den Salon wieder geräuschlos verlässt.

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Zu den Sternen

Branten ist ein altdeutsches Wort für Pratzen oder Tatzen. Klanglich schwingt „Brandenburg“ mit. Das dünnbesiedelte Bundesland rund um Berlin ist flach, menschenleer, spröde. Preußisch angetretene Kieferwälder und endlose Rapsfelder geben sich die Hand. Über allem ein weiter Himmel. Die Bewohner sind wie das Land. Misstrauisch und wortkarg, aber verlässlich. Im Nordwesten Brandenburgs liegt Gülpe. Dank Google Earth leicht zu orten. Hier ist das Herz Dunkel-Deutschlands. Unbestreitbarer Vorteil: hier sind die meisten Sterne zu sehen.

 

 

Die Demografie hat diesen Landstrich zwischen Berlin und Hamburg eisern im Griff. Scharenweise sind in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten junge Einheimische abgewandert. Andere wiederum ziehen hierher. Suchen ihr Glück, versuchen in diesen menschenleeren Gegenden zu siedeln. Großstadtmenschen, die nach Wiesengrün und Himmelsblau, Erdbraun und Ziegelrot dürsten. Viele zeigen eindeutige Symptome der Stadtflucht, Landlust genannt. Diese Stadtflüchtlinge hassen Lärm jeder Art, suchen unbedingte Ruhe. Leere Häuser gibt es auf dem Land genug. So kommen sie an, aus der Stadt mit reichlich Illusionen und in teuren Halbschuhen.

 

 

Diesem brandenburgischen Landstrich gehen die jungen Frauen aus. Angeblich kommen beispielsweise in der Prignitz fünf Männer auf eine Frau. Das ist sicher übertrieben. Aber Männer ohne Frauen, so heißt es, werden Alkoholiker oder rechtsradikal. Leichte Beute für Populisten. In Brandenburg besteht die Unterschicht nicht aus Migranten oder Frauen, sondern aus abgehängten deutschen Männern. Sie wissen mit sich und der Welt nichts mehr anzufangen. Ist die Region ein Notstandsgebiet? Eine Zuwanderungswelle deutscher Singlefrauen in Brandenburgische Brüche ist bisher nicht erfolgt.

 

 

Dabei sind im dunkelsten Teil Deutschlands dank fehlender Licht-Verschmutzung, so der offizielle Begriff, die meisten Sterne zu sehen. Sterne, die glitzernd klar, hell und funkelnd sind. Zum Verweilen schön.

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Bis zum Umfallen?

Rente mit siebzig, forderte Wolfgang Schäuble. Lebensfremd, konterte Andrea Nahles. Malochen bis die letzten Zähne ausfallen? Wer will das schon? Die Babyboomer-Generation steht vor einer großen Zäsur. Es ist nun mal so: Jeder will alt werden. Aber keiner alt sein. Malochen bis weit über 65? In einem kleinen Betrieb in der Nähe von Boston gehört diese Erfahrung zum täglichen Brot. Vita Needle heißt die Vorzeige-Firma im Vorort Needham. Durchschnittsalter: 74 Jahre.

Das Beste. Die vierzig Mitarbeiter kommen gerne und freiwillig. Sie sind zuverlässig, diszipliniert und belastbar. Sie arbeiten in der Regel vier bis fünf Stunden, manche deutlich mehr. Der Umsatz hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Die Alten produzieren in einer kleinen Werkhalle, die früher ein Tanzsaal war. Sie stellen Präzisionsnadeln aus rostfreiem Stahl her. Zum Aufblasen von Basketballbällen oder für Gehirnoperationen. Die Älteste? Rosa Finnegan. Kellnerin im Ruhestand, verwitwet. Mit 85 stieg Rosa bei Vita Needle ein und blieb bis zum 101. Lebensjahr. Eine vielgefragte Heldin zahlreicher Reportagen und Fernsehberichte.

 

 

Müssen im Trump-Land Senioren schuften, damit die Jungen arbeitslos bleiben? Ist das nicht pure Ausbeutung von alten Menschen in Not, die sich ihren Ruhestand nicht leisten können? Eine Perversion des amerikanischen Traums? Die Vita-Needle-Truppe winkt ab. Einige müssen in der Tat ein paar Dollars hinzuverdienen. Aber die meisten machen mit, weil sie „nicht alleine dahinrosten“ wollen. Dazugehören, gebraucht und geschätzt zu werden. Das zählt. Arbeit als Gemeinschaftserlebnis. Ein Sinnstifter. Hilfreiche Medizin gegen Frust und Einsamkeit.

 

Ein Leben lang hart geschuftet! Im Alter arm, ausgegrenzt und abgeschoben?

 

Die Beschäftigten sind frühere Lehrer, Handelsvertreter oder Ingenieure. Sie teilen sich ihre Arbeitszeit selbst ein. „Geht nicht!“ ist hier ein Fremdwort. Der Schlüssel zum Erfolg: Die Produktion ist äußerst flexibel, alle können mehr oder weniger für jeden Kollegen einspringen. Das Gehalt liegt über dem Mindestlohn. Die Senioren empfinden ihre Arbeit nicht als Last, sondern haben Spaß und sind hoch motiviert. Auch wenn die 94-jährige Grace King immer wieder mal bei der Arbeit einschläft, worüber legendäre Geschichten kursieren. Entlassen worden ist bis heute kein einziger Vita-Mitarbeiter. Freundschaften sind entstanden. Jeden Freitagabend trifft sich die 82-jährige Ruth Kenny mit Kolleginnen zum gemeinsamen Kochen.

Vita Needle ist bislang der berühmte Einzelfall. Aber einer über den sich nachzudenken lohnt. Wie wollen wir künftig im Alter leben? Wie kann aus altem Eisen Edelstahl werden, wenn die Rentenkassen geplündert sind? Hirnforscher Gerald Hüther schreibt: „Das Hirn lernt auch im Alter noch, wenn wir uns für etwas begeistern.“ Arbeit als Jungbrunnen, als Therapie oder „Urlaub“ vom tristen Seniorenalltag, so der 74-jährige Ex-Architekt Jim Downey. Seine Kollegin Rose Finnegan, die flotte Kellnerin, musste sich erst mit 101 Jahren aus der Firma zurückziehen. Es ging einfach nicht mehr. Das machte sie todtraurig. Nur ein Jahr später starb sie – im Alter von 102 Jahren.

 

Das Leben ist ein großer Roman, auch wenn man versucht, wahrhaftig zu sein. Das Ganze ist wie im Dorian Gray von Oscar Wilde. Das Bild altert, und man selber fühlt sich noch jung.

 

Mehr über die „Rentner GmbH – Arbeit und Selbstwert im Alter“ in dem lesenswerten Buch: „Geht´s noch?“ von Caitrin Lynch.

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Verordnete Trauer?

„Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Björn Höcke, beurlaubter Geschichtslehrer, Vordenker und Lautsprecher der AfD erhielt johlenden Beifall in Dresden, der deutschen Hauptstadt der Wutbürger. Was folgt? Die Schande Holocaust-Mahnmal abreißen? Planieren, um genau dort die „Altvorderen, die bekannten, weltbewegenden Philosophen“ und „Musiker“ aufzustellen? Schiller und Beethoven?

Höcke attackierte den Zeitgeist eines „brutal besiegten Volkes“ wenige Tage vor dem 75. Jahrestag der Wannsee-Konferenz. Dort fand die bürokratische Absegnung der Endlösung für elf Millionen europäische Juden statt. Fünfzehn hohe Vertreter von SS und Regierung unter Leitung von Reinhard Heydrich (Chef des Reichsicherheitshauptamts) trafen sich in der luxuriösen Villa zum Frühstück. Sie unterzeichneten ein Protokoll. Danach trank die Herrenrunde französischen Cognac.

 

Protokoll der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942: „Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten“.

 

Der Lehrer für Geschichte Björn Höcke weiter: „Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß` Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ Am Berliner Wannsee frieren in einem aufgestellten Zelt vor der historischen Villa, heute ein Gedenkstätte, derweil rund 200 Gäste bei der Erinnerungsstunde. Die Redner, allesamt hochrangige Vertreter des Staates, klagen die damalige „moralische Bankrotterklärung“ an. Bundestagspräsident Lammert betont besorgt, der Antisemitismus sei nicht ausgerottet, das Thema keineswegs erledigt.

 

Auschwitz-Birkenau.

 

Verordnete Trauer? Verschenkte Zeit? Rituale der „dämlichen Bewältigungspolitik“? Dann ergreift Otto Dov Kulka das Wort. Ein kleiner, alter Mann, fast Mitte achtzig, hellwache Augen. Er verbrachte fast zwei Jahre seiner Kindheit in Auschwitz. Da war er zehn Jahre alt. Er berichtet von einem älteren Mann, Imre hieß er, der den Kindern „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter beibrachte. Kulka, heute Professor für Geschichte in Jerusalem, beginnt die Ode zu summen. Erst leise, dann immer deutlicher: „Freude schöner Götterfunken…“

 

 

„…Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“ Imre begleitete die Kleinen vom Kinderblock auf der Mundharmonika. Schiller und Beethoven, die altvorderen Dichter und Denker in Sichtweite der rauchenden Krematorien. War es Protest? Das Beharren auf jenen unveräußerlichen Werten, die gerade in den Flammen verrauchten? Oder „ein Akt von extremem Sarkasmus“? Professor Kulka schaut fragend in die Runde. Eine Antwort gibt er nicht.

 

Otto Dov Kulka. Jahrgang 1933. The Hebrew University of Jerusalem.

 

Vor einigen Jahren veröffentlichte der Auschwitz-Überlebende Otto Dov Kulka sein Lebenswerk. Es heißt Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft. In einem Interview wurde er gefragt, ob Menschen aus der Geschichte lernen würden. Kulkas Antwort: „Wir dürfen nicht aufhören, Erklärungen zu finden für den Verlauf der Geschichte, denn so etwas wie die Vernichtung der Juden kann wieder passieren.“

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Käfer mit traurigen Augen

Rums. Die Stille nach dem Crash. Immer wenn es krachte, war Verkehrswachtmeister Arnold Odermatt zur Stelle. Er regelte das Geschehen, nahm das Malheur in Augenschein und – knips – machte ein Foto. Immer nur eins. Die Rolleiflex hatte der Schweizer Dorfpolizist in einem Preisausschreiben gewonnen. Ab 1948 knipste er im Dienst, was er an Unfällen vor die Linse bekam. Seine Bilder von Karambolagen in der Schweizer Provinz wurden Anfang des 21. Jahrhunderts berühmt. Auf der Biennale – in Venedig.

 

Arnold Odermatt. Oberdorf, 1959. Quelle: Urs Odermatt/Windisch

 

Leidenschaftlich fotografierte Kantonspolizist Arnold Odermatt Autounfälle. Konzentriert, sachlich, streng. Momentaufnahmen des Schreckens. Konsequent auf das Wesentliche reduziert. Nie zeigte der Hobbyfotograf Opfer. Das war nicht seine Sache. Kein Blut, kein Tod, kein Leid. Lieber inszenierte er automobile Wracks auf Brücken, an Steilufern oder im Straßengraben. Pro Motiv eine Aufnahme. Als ein VW-Käfer im Vierwaldstätter See zu versinken drohte, schlug des Fotografen Herzen bis zum Hals: „Ich war aufgeregt wie ein Bub an Weihnachten.“ Der Polizist stand mit beiden Beinen im Wasser, als er den Käfer mit den traurigen Augen festhielt.

 

Arnold Odermatt. (* 1925) Kantonspolizist. Fotograf. Biennale-Teilnehmer. Quelle: Silvan Bucher.

 

Für den Schweizer Kantonspolizisten handelte es sich bei den Aufnahmen um Beweismittel, nicht um große Kunst. „Keine unnötige Ablenkung. Die Fotos sollten das Wesentliche zeigen“, betonte er. Erst lange nach dem Ende seiner Dienstzeit ereilte ihn späte Anerkennung. Sohn Urs Odermatt entdeckte bei Recherchen für sein Spielfilmprojekt «Wachtmeister Zumbühl» die Schätze seines Vaters. 2001 schließlich präsentierte Harald Szeemann die Fotos einem großen Publikum. Odermatt war der erste Polizeifotograf auf der Biennale in Venedig. Ausstellungen in Chicago und anderswo folgten.

 

 

Ein echter Odermatt – das sind stille, einprägsame Aufnahmen von Katastrophen und Unfällen, vom Glück im Unglück im Zeitalter der rasanten Motorisierung. Die manchmal bizarren Bilder entwickelte er selbst in der zur Dunkelkammer umgebauten alten Toilette seines Kantonspostens in Stans. Mittlerweile sind zahlreiche Fotobände erschienen. Seine Aufnahmen sind Kult. Nun sind die stilvollen «Karambolagen» des einfachen Kantonspolizisten Odermatt (Jahrgang 1925) wieder zu sehen. Wo? In seiner Heimat. Wo sonst?

Arnold Odermatt. Vom einfachen Dorfpolizisten zum international gefeierten Fotografen. Photobastei Zürich. Bis 12. März 2017.

 

Arnold Odermatt. Kantonspolizei Nidwalden. Quelle: Urs Odermatt/Windisch

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Der neue Mensch

„Revolutionär“. Die Russische Revolution wird hundert Jahre alt. „Das Alte, Morsche, Dekadente ist zerstört, das Neue wird gewagt.“ So viel Aufbruch war nie. In kürzester Zeit entluden sich in der Kunst ungeahnte Kräfte, Konzepte und Konstruktionen. An der Schwelle vom untergehenden Zarenreich zur neuen sozialistischen Gesellschaft war in Russland alles möglich. Eine hochproduktive kurze Zeitphase bis die stalinistische Kulturpolitik Ende der zwanziger Jahre alle Blütenträume einebnete und erstickte.

 

Boris. Grigorjew. Paar, Dieb und Prostituierte. 1917

 

Die Kunstsammlung Chemnitz zeigt aus diesem Anlass derzeit rund vierhundert Leihgaben aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov. Die Werke von 110 Künstlern umfassen Gemälden, Zeichnungen und Grafiken. Hinzu kommen Architekturmodelle, Vorarbeiten für Theaterdekorationen, Entwürfe für Bucheinbände, Plakate oder Porzellan. Die Auswahl erstreckt sich auf die Jahre 1907 bis 1930, also die Zeit vor, während und nach der Oktober-Revolution vom Herbst 1917.

 

Kasimir Malewitsch. Bauer beim Wassertragen. 1920

 

„Zwischen 1905 und 1920 erschütterten Revolutionen, Krieg und Bürgerkrieg das alte Zarenreich“, heißt es im Chemnitzer Ausstellungskatalog. Eine ganze junge Künstlergeneration wagte „einen ästhetischen und visionären Aufbruch, der Vorbote und treibende Kraft kommender Veränderungen war und diese begleitete. In keinem anderen europäischen Land verband die Avantgarde so unmittelbar Kunst und soziales Engagement.“

 

„Sozialistischer Realismus“ der dreißiger Jahre.

Dieser spannende Aufbruch in die Moderne begeistert. Mut, Größe und Tatkraft bestimmten diese kurze Epoche, als der Kunst freie Flügel wuchsen. Ein schmaler Horizont, bis Funktionäre die Zügel wieder anzogen und den Kunstbetrieb regelten. Bald wurden die Avantgardisten angefeindet, abgehängt und ins Exil abgedrängt.

 

Kunst als Waffe. Ein typisches Werk aus der Stalin-Ära.

 

Wer blieb, musste sich anpassen oder wurde verboten und verfolgt. In den dreißiger Jahren etablierte sich das Prinzip Kunst als Waffe. Nicht mehr die eigene Kreativität bestimmte das Handeln, sondern Auftragskunst setzte sich durch, dominiert von der Partei. Propaganda-Kunst, die auch heutzutage allerorten wieder Konjunktur hat. Ob vom Markt oder von Mächtigen bestimmt.

„Revolutionär. Russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov“. Kunstsammlungen Chemnitz. Bis zum 12. März 2017

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Die Frau am Bass

Das neue Jahr fängt ja gut an. Mit einer Bassistin, die mit Dreißig vielen Rock und Jazz-Größen fulminanten Halt gibt. Die Dame heißt Tal Wilkenfeld, lebt in New York, kommt eigentlich von Down Under, vom anderen Ende der Welt. Sie begeistert immer mehr Fans. Vor kurzem hat sie ihr zweites eigenes Album vorgelegt. Es heißt Corner Painter. Die Bass-Lady aus Sidney ist eine Entdeckung wert.

 

 

Mit sechzehn warf sie die Schule hin, zog nach New York. Sie wollte Gitarristin werden, mit siebzehn stieg sie auf den E-Bass um. Mit Ausdauer, Talent und unbändiger Energie spielte sich Tal in die erste Liga der Jazz-Szene. Bereits mit 21 begleitete sie Chick Corea. Bald folgten Lee Ritenour oder Herbie Hancock beim Jazzfest in Montreux. Pop-Legenden wie Eric Clapton, Jackson Brown und vor allem Jeff Beck verhalfen der kleinen Bassistin zu Auftritten vor dem ganz großen Publikum. Tal steht in der Tradition von Jaco Pastorius oder Marcus Miller.

 

 

Es macht Spaß, ihren musikalischen Weg zu verfolgen. „Die australische Bass-Sensation“, schrieb der Rezensent der Washington Post. Der Kritiker war völlig aus dem Häuschen. Man müsse sie unbedingt kennenlernen, hieß es, als sie 2016 im Vorprogramm von Pete Townsends The Who auftrat. Leider stehen derzeit keine Konzerte in Europa an. Tal Wilkenfeld macht sich eher rar.

 

 

Der Berufsstand der Bassisten gilt allgemein als ein stiller, introvertierter und sehr zurückgezogener. Viel zu oft unterschätzt, sorgen die Männer und Frauen am Bass mit viel Gefühl und mächtig Hornhaut auf den Fingerkuppen für den optimalen Sound. Tal Wilkenfeld gehört dazu. Sie zählt nicht zu den Windmachern der Branche. Sie versucht keineswegs mit der Luftpumpe den Wind zu drehen. Interviews und Talk Shows sind nicht ihre Sache. Aber ihr Bass wärmt das Herz.

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Heroes

„Was haben Ihnen Ihre jahrelangen Studien der Natur über die Seele Gottes verraten?“ fragte der Papst Anfang des 20. Jahrhunderts den Naturforscher Alfred Russell Wallace. Seine Antwort: „Über die Seele Gottes habe ich nichts erfahren, aber eines ist sicher: Er hat eine große Vorliebe für Käfer.“ Roger Willemsen war wie der Tierforscher Alfred Brehm, über den er bienenfleißig ein Buch schrieb. Während der Zoologe Brehm 9.000 ausgestopfte Vögel untersuchte, sammelte Willemsen in seiner Welt Menschen und ihre Schicksale.

 

Ich hätte in diesen Tagen gerne einen Text von Roger Willemsen über den Abgang der Pop-Helden gelesen. Über die Bowies, Princes, Manfred Krugs, Cohens und George Michaels dieser Welt. Sie verließen uns 2016, so wie viele unserer Illusionen von einer freien und besseren Welt einfach dahinschmolzen. Die Helden schienen unsterblich. „Heroes, just for one day“. Sie versprachen in ihren Songs ewige Jugend, Kühnheit und die Willensstärke der Außenseiter, die sich von nichts aber auch gar nichts unterkriegen lassen. Forever young.

Aus und vorbei.

 

„We are heroes – just für one day“. David Bowie. 1947-2016.

 

Kein David Bowie, kein Prince, kein Leonard Cohen. Ihr Rebellentum muss fortan unter Grabsteinen gesucht werden. Wie bei Alfred Edmund Brehm. Über den Sammler notierte Willemsen allerdings Überraschendes: Er trat an, gegen „Pfaffenthum und Weltweisheit, gegen Schreibtischgelehrte in ihrer hohen und hohlen Weisheit.“ Er mischte „Empathie mit Empirie“, leuchtete historische Quellen aus und sammelte Beobachtungen. Fast wie bei Popstars. Die wir uns sowieso größer, stärker, entschlossener malen als sie jemals sein können.

 

„Purple Rain“. Prince. 1958-2016.

 

Jede Zeit braucht Helden. Besonders in Zeiten, in denen – wie gerade – vorlaute Heilsbringer mit falschen Versprechen die Bühne erobern. „Raus in die Welt und raus aus der Welt“. Willemsen suchte stille, bescheidene, selbstlose Helden. Er beschrieb sie, setzte ihnen kleine Denkmäler gegen das Vergessen. Ob in Afghanistan oder Wanne-Eickel. Willemsen rannte rastlos durch sein Leben. Er führte mindestens sieben Leben. Tausende Interviews, Hunderte von TV-Sendungen, 36 Bücher.

 

Grabstätte Roger Willemsen (1955-2016) in Hamburg-Ohlsdorf. Jeder der Trauergäste durfte sich einen der 300 Ranunkel-Töpfchen mitnehmen. Seine Lieblingsblumen.

 

Am Ende faszinierte ihn die Perspektive des Todeskandidaten auf das Leben. Dieser kurze, rasante Countdown knapp vor dem Finale. Daraus bezog er seine Atemlosigkeit und Dringlichkeit. Sie bewahrte ihn vor stumpfsinnigem Fernsehkarrierismus und anderen Eitelkeitsfallen der Branche. Am Schluss fehlte ihm die Zeit. Er starb viel zu früh. Mit sechzig Jahren jung genug, um unstillbar neugierig zu bleiben, während andere mit dreißig vergreisen. Weil sie nichts mehr aufregt, alles nur noch langweilt. Sie träumten einmal so zu sein wie Bowie oder Prince. Oder vielleicht auch Willemsen. Zu spät. So ist das Leben. Alles Roger!