Archive for : September, 2018

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Nur mit uns

Lust auf Geschichten? Auf Frohsinn, Gemeinsinn, Gemeinschaft? Berlin feiert Anfang Oktober drei Tage lang das größte Fest des Jahres. Motto: „Nur mit Euch!“ Mit Bundespräsident, Nena und Currywurst. Brandenburger Tor und Tiergarten verwandeln sich in eine große Fanmeile der deutschen Einheit. Eine Million Besucher werden erwartet. Wie ist das nun? 28 Jahre vereint. Ein Grund zum grenzenlosen Feiern?

Schauen wir genauer hin. Ins kleine Herzdorf, in dem die große deutsche Einswerdung noch größere Verdauungsstörungen auslöste. Bis heute. Wir befinden uns Anfang des Jahres 2000. Der Gemeinderat hat eine wichtige Entscheidung zu treffen.

 

Als Windräder und Wölfe ins Land kamen…

 

„Blumental war wieder einmal zu spät. Die Sitzung hatte begonnen. Er eilte in die verrauchte Gaststätte, in der an diesem Abend sein Parkkonzept verabschiedet werden sollte. Endlich! Dann konnte es losgehen. Das Herzstück der Weltausstellung EXPO 2000. Er hatte den Park des Bundespräsidenten neu gestaltet, die Scheichs mit seinen Innenhöfen in Riad verzaubert. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn eine Troika aus Feuerwehrhauptmann, Ex-LPG-Chef und früherem Staatsbürgerkundelehrer ihn noch stoppen würde. Blumental stellte sein Konzept vor. Er sprach von einer einmaligen Chance. Von Jobs, Entwicklung und Perspektiven. Das Beste sei, der Park erhalte eine hundertprozentige Förderung.

 

Jobs. Entwicklung. Perspektiven für´s Land.

 

Die anwesenden Männer und Frauen schwiegen. Seit Wochen hatte es in den Dörfern kein anderes Thema mehr gegeben. Der Mann sei größenwahnsinnig geworden. Jetzt nimmt er uns auch noch den Park weg, hieß es. Feuerwehrchef Hans Brenner, zeit seines Lebens im Gemeinderat, hatte erklärt: „Den Park kriegt er nicht. Nur über meine Leiche.“ Als Blumental seinen Vortrag beendet hatte, türmte sich eine Mauer aus Bedenken und Misstrauen auf. Fragen prasselten in den Raum: Wer übernimmt die Folgekosten? Was hat der Ort davon? Wer bezahlt die Pflege? Die Männer redeten sich in Rage. Das koste das Dorf ein Vermögen, eine halbe Million Mark im Jahr mindestens. „Wir wollen kein Mercedes-Dorf“, rief ein Gemeindevertreter. Schon einmal sei man über den Tisch gezogen worden, entgegnete ein anderer. Es wurde eine nervenaufreibende Sitzung. Man lasse sich nicht mehr für dumm verkaufen. Versprechungen vom Paradies auf Erden habe man sich in der DDR lange genug anhören müssen. Der Sozialismus sei eine gute Sache. Nur scheiße, dass man ihn so lange hatte. So berichteten damals Teilnehmer von diesem außergewöhnlichen Abend im Gemeinderat von Herzdorf.

 

„Wir sind doch nicht Sanssouci.“ Die Scheune hat drei Systeme überlebt. Sie bleibt. Noch hundert Jahre, sagt der Besitzer.

 

Auch Jahre später erinnern sich die Beteiligten an die turbulenten Stunden. Wenn auch höchst unterschiedlich. Nur in der Frage des Parks empfanden alle ähnlich. Es ging um Sieg oder Niederlage. Um Leben oder Tod. Fast wie in den Theaterstücken, die im Park gespielt worden waren. Nur dieses Mal spielte das Stück im richtigen Leben. Blumental: „Ich behaupte heute, es ist DDR-Denken gewesen. Dieser Park war wie die Kirche völlig ungenutzt. Einige wenige haben Löwenzahn für ihre Karnickel geschnitten. Ansonsten war der Park eine verwilderte, vernachlässigte Einheit.“ Feuerwehrchef Brenner blieb bei seiner Ablehnung. „Der Eintritt sollte zehn Mark kosten, auch für uns Einheimische. Wir sind doch nicht Sanssouci!“

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Auszug aus: So viel Anfang war nie. Btb. Im März 2018 auch als Taschenausgabe.

So viel Anfang war nie von Christhard Laepple

 

Live auf dem Fest der Einheit. Berlin. 1. Oktober 2018  16.15 Uhr Programmzelt „Geschichte und Erinnern“. Straße des 17. Juni – vor dem Sowjetischen Ehrenmal.

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Flieg!

Er raucht und säuft nicht. Das Wort Skandal ist für ihn ein Fremdwort. Er ist ein stiller weißer Mann, der den Blues hat: Steve Winwood. Seit über fünf Jahrzehnten tourt er auf den Bühnen der Welt.  Nun ist er mittlerweile runde Siebzig. Steve – das einstige Wunderkind. Der Hochbegabte und Schüchterne. Der Vielkopierte und vielfach Unterschätzte. Vorbild ganzer Musikergenerationen. Natürlich ist er älter geworden wie seine Fans. Aber sein Sound ist jung geblieben.

 

Steve Winwood. Cropredy Festival, England. 2009. Quelle: Wikipedia

 

Winwood stammt aus Birmingham. Vater Lawrence besserte sich als Hochzeitsmusiker sein bescheidendes Budget auf. Mit fünfzehn startete Steve als Pianist und Sänger in der Spencer Davis Group. Keep On Running wurde ein Welt-Erfolg. Es folgten die Superbands Traffic und Blind Faith mit Eric Clapton und Ginger Baker. I´m a man lief in allen Charts. Steve perfektionierte den treibenden Sound auf seiner legendären Hammond B3-Orgel. 1980 landete er mit Arc of Diver einen Solo-Erfolg.

 

 

In den Neunzigern wurde es still um ihn. Er zog sich in sein englisches Landhaus zurück, experimentierte, probierte Neues, scheiterte. Der unermüdliche Tüftler, der mit Jimi Hendrix, Phil Collins, Billy Joel, Talk Talk, Christina Aguilera und vielen anderen Größen gespielt hat. Sein Comeback gelang 2008. Zuerst mit Eric Clapton im New Yorker Madison Square Garden. Ein Live-Konzert der Extraklasse. Aus seinem heimischen Studio steuerte er kurz darauf sein letztes Solo-Album Nine Lives bei.

 

 

Wenige Musiker aus dieser Liga habe ich so aufmerksam, bescheiden und unprätentiös erlebt. Als wir im Londoner Hotelzimmer bei unserem TV-Interview keinen Stuhl für den Tonassistenten haben, steht er plötzlich auf und zieht los, um im Flur fündig zu werden. Nach dem Interview fragt er mich noch, was mein Lieblingssong auf Nine Lives sei. Ich antworte spontan Fly. Eine schwebende ruhige Ballade. Der Mann lächelt und strahlt wie ein Schüler, der gerade eine glatte Eins in Mathe geschafft hat.

2019 ist Steve Winwood mit Steely Dan auf Tournee. In den USA und in seiner Heimat England – aber nicht bei uns.

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Feuer!

Kinder, Kinder. Schöne neue Welt. Willkommen in der hippen Kinderstube mit younow, Instagram und you tube. Mit Shares, Likes und Retweets. Facebook ist das Auslauf-Gehege für Omas und Opas. Younow dagegen der angesagte Live-Video-Chat für Kinder und Jugendliche. Ein Kanal mit hohem Suchtpotential. Um Up-To-Date zu sein, empfehlen die Influencer der Branche alle 72 Sekunden neue Inhalte zu posten. Täglich. Das ganze Jahr. Baby, you are online!

 

Die Hälfte aller deutschen Kinder ist noch nie alleine auf einen Baum geklettert. Foto: jplenio

 

Ganz anders die alte Offline-Welt. Die Hälfte der deutschen Kinder ist noch nie alleine auf einen Baum geklettert. Für Kinder verboten sind Feuer, Schere, Licht. Das war schon immer so. Doch mittlerweile haben besorgte Eltern eine Verbotskultur mit großer Gründlichkeit durchgesetzt. Feuer machen – mit Streichholz – geht gar nicht! Spielen auf der Straße? – Unmöglich! Dabei sind die Unfallzahlen konstant rückläufig. 1980 starben 1.159 Kinder unter fünfzehn Jahren im Straßenverkehr. Nach den letzten verfügbaren Zahlen von 2016 waren es 66 Kinder. Selbstverständlich 66 Todesfälle zu viel.

 

Feuer, Schere. Licht sind für kleine Kinder nicht. Doch die Faszination bleibt. Foto: ID 12019

 

Dieser Angstmach-Mechanismus vor Feuer, Schere, Licht hat Wirkung. Kinder werden unter Verschluss gehalten, mit Lachyoga-Kursen, Smartphone und younow. Die Folge: Der kindliche Bewegungsradius hat sich seit den sechziger Jahren von mehreren Kilometern auf etwa fünfhundert Meter im Schnitt verringert. Auf Bäume klettern? Heimlich mit Streichhölzern experimentieren? – Ein entsetztes NoGo moderner Mütter und Väter. Der Berliner Künstler Kain Karawahn setzt genau hier an. Er will keine körperlich und seelisch verarmten Online-Kinder, die am Ende ausgebrannt sind. Mit Burn-Out im Kinderzimmer – genau wie ihre Eltern.

 

 

Faszination Feuer. Für Kain bedeutet das: Ohne Feuer kein Leben, keine Wärme, keine Entwicklung. Kontrolle sei der Schlüsselbegriff, klar, bevor das heimische Anwesen niederbrennt. Kain Karawahn organisiert Kurse und Seminare für die Kinder des Digitalzeitalters. Sein Motto: Wieder richtig zündeln lernen. In Workshops vermittelt er Feuer-Bildung. Die Kurse hat er gemeinsam mit Brandschutzexperten der Feuerwehr und Versicherungen (!) entwickelt. Mit dem Feuer zu spielen soll wieder kinderleicht sein. Denn, so Kain Karawahn, „hätten unsere Vorfahren nicht mit Feuer gespielt, würden wir heute noch im Dunkeln sitzen“.

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Last Call

Die Analog-Bewegung ist da, heißt es: Briefe statt Email. Buchladen statt Amazon. Bargeld statt Kreditkarten. Face2Face-Kommunikation statt Facebook. Kino statt Netflix und ja – Miteinander Reden statt Googlen. Analog ist das neue Bio. Klingt irgendwie gut. Der neue Zeitgeist-Trend. Die Alternative zum digitalen Mainstream. Schön wär´s. Das Leben spielt anders. Ganz anders. Leider.

 

Mit 33 Umdrehungen in die Welt der Musik. Vinyl hat Freunde. Aber Geschäfte lassen sich nicht mehr machen.

 

Analog ist im Alltag vielfach am Ende. Jedenfalls im Geschäftsleben. Traditionsreiche Einrichtungen schließen. Der Grund: Umsätze gehen runter, Mieten explodieren. Nun hat es einen der besten Schallplattenläden der Hauptstadt erwischt. LP Classics in der Schöneberger Welserstraße gibt auf. Eine Institution seit Jahrzehnten. Ein Paradies für Musikfans. Mit Beratung, Gespräch und Konzerten. Doch der Umsatz trudelte ungebremst in den Keller. Internet kills the Classic-Star. I-Tunes statt Ladenverkauf. Streaming statt CD. Das Experiment des Klassikladens ist gescheitert, gemeinsam mit einem Buchladen unter einem Dach zu überleben.

LP-Classics-Chef Albert Wagner schreibt in seiner Abschiedsmail: „Seit meiner Krankheit Mitte Februar sind die Umsätze bei uns im Laden so massiv eingebrochen, dass sich auch das schon sehr reduzierte Angebot wirtschaftlich leider nicht mehr lohnt. So bleibt mir leider keine andere Wahl als die noch verbliebene Ladenfläche mit unserem Klassik Angebot in den Räumen der Büchergilde Ende September aufzugeben.“

 

L&P Classics. Das war einmal. Angefangen hatte Albert Wagner in der Knesebeckstraße in Charlottenburg. Nun ist Ausverkauf. „Sale“.

 

Schallplattenhändler sind längst die Weber des 21. Jahrhunderts. Der Wandel spült alte Kulturtechniken wie Schallplatte, CD aber auch Briefe, Telegramme, Telefonzellen einfach weg. Apropos Telefonzelle. Für Jüngere zunächst der Hinweis: Telefonzellen sind keine geschlossene Haftanstalten mit Handy. In dieser für jeden offenen Kabine konnte mit Münzen telefoniert werden – eine Erfindung, die fast 140 Jahre alt wurde. Nun verramscht die Telekom historische Telefonzellen als Partygag zu 350 Euro das Stück.

 

Here is a recent video of Oxana and I performing an amazing four-hand version of Mussorgsky's Night on a Bald Mountain.Come hear us play a Two-Piano Recital in October.https://www.facebook.com/events/224637414870362/https://www.facebook.com/events/450528125450861/

Gepostet von Vassily Primakov am Dienstag, 28. August 2018

Vassily Primakov mit Betsy Franco Feeney und Oxana Mikhailoff.  28. August 2018

 

Der unentwegte Musik-Dinosaurier Albert Wagner von LP Classics verspricht trotz Geschäftsaufgabe seine legendären Klassik-Konzerte weiter zu veranstalten. Wer will, kann bis zum 25. September 2018 in den Resten wühlen und CDs aus der um dreißig Prozent reduzierten Konkursmasse kaufen. Über viertausend Tonträger aus den Bereichen Klassik, Jazz und Folk sind noch erhältlich. Last call. Servus Albert. Danke für Deinen tollen Job.

Bleibt noch eine Frage. Wie viel analog und wie viel digital willst Du in der Zukunft?

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Lost in Herzdorf

Herzdorf, einst Hertzdorf, liegt in Brandenburg. Gut zwei Autostunden von Berlin entfernt, im Nordwesten nahe der Grenze zu Mecklenburg. Die Mini-Siedlung wurde erstmals 1574 erwähnt. Mitte des 18. Jahrhunderts versuchten zehn Kleinbauern ihr Glück. Vermutlich um die Jahrhundertwende brannte das Dorf wieder ab. Die Reste von Herzdorf liegen auf dem ehemaligen Boden-Luft-Schießplatz „Polygon Wittstock“. Besser bekannt als „Bombodrom“, einst das größte Übungsgebiet Europas. Das Dorf ist verschwunden. Nur eine Wetterstation funkt noch Daten, unter anderem für Jörg Kachelmann. Das war´s.

 

Die kurze Geschichte von Herzdorf. Um 1750 gegründet. Nach 1945 militärisches Sperrgebiet. Im Volksmund genannt „Bombodrom“.

 

Doch Herzdorf lebt. Für mein Buch „So viel Anfang war nie“ ist es wieder auferstanden. Ein Symbol für das stürmische Auf und Ab der letzten Jahrzehnte. Das Herzdorf im Buch heute? Gut vierzig Prozent Einheimische. Der Rest Zugewanderte. Ein Großbauer pflügt den Acker und versprüht Glyphosat, die anderen Einheimischen hängen rum, parken ihren Rollator hinter der Haustür. Die zugezogenen Berliner züchten genfreien Salat, atmen energetisch und tanzen selbstbestimmt in Workshops, vom Sound der Klangschalen schadstofffrei untermalt. Herzdorf ist längst überall.

 

1992 räumte die Rote Armee den Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide. 2011 zog sich die Bundeswehr zurück. (Aufnahme April 2014)

 

Das Bombodrom ist seit zwei Jahren teilweise geöffnet. Rund ein Drittel der riesigen Fläche (12.700 Hektar) ist Naturschutzgebiet. Die Sielmann-Stiftung hat die Pflege übernommen. Hier ist das Begehen risikofrei. Man sollte jedoch unbedingt auf den Wegen bleiben. In den Kernzonen kann noch scharfe Munition liegen. Tickende Zeitbomben. Zu explosiv, zu gefährlich. Vier Jahrzehnte kämpfte, schoss und probte die Rote Armee den Ernstfall. Es wird vermutlich genauso lange dauern, bis das militärische Erbe aus dem Kalten Krieg geräumt sein wird.

 

Geschätzt rund 1.5 Millionen Bomben, Blindgänger und Übungsmunition sind das Erbe. Die Kernzonen gelten weiterhin als hochgefährlich. Sie sind noch nicht geräumt.

 

Das verschwundene Herzdorf heute? Ein Nichts am Rande der stillen Heide. Weites Land. So weit das Auge erreicht. Birken und Kiefern haben sich wie Pilze vermehrt und eine Höhe von drei bis vier Metern erreicht. Im einstigen Sperrgebiet sollten gigantische Windparks errichtet werden. Umweltschützer haben diese Pläne verhindert. Dafür sind Wölfe eingewandert. Zur Freude der Städter und Touristen. Die Einheimischen jedoch fürchten um Schafe, Hühner und Kälber. Wenn es nach ihnen ginge, wäre Meister Isegrim längst wieder verjagt worden.

 

Im Süden des Bombodroms ist ein kleineres Gebiet für Besucher freigegeben worden. Zugang über Pfalzheim oder Neuglienicke. (Ostprignitz-Ruppin)

 

Die Geschichte von Herzdorf steht außerdem für ein kleines Wunder. Eigentlich wollte die Bundeswehr das Gelände für die Luftwaffe intensiv nutzen. Geplant waren mehr als fünftausend Übungseinsätze pro Jahr. Nach siebzehn Jahren Auseinandersetzungen mit klagenden Bürgerinitiativen und 27 Urteilen gab das Verteidigungsministerium im Sommer 2009 auf. Das Kämpfen hat sich gelohnt. Seitdem ist die Heide frei. Es sieht so, als ob aus dem geschundenen Manöver-Gelände blühende Landschaften werden. Gerade in diesen September-Tagen, in denen die Heide blüht. Ein Traum in Rosarot. Herzdorf lebt, auch wenn es verschwunden ist.