Archive for : Januar, 2019

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Alles ist möglich


Berlin. I love you. Nun entdeckt Hollywood die einstige Mauerstadt. In einem neuen Werk deutsch-amerikanischen Filmschaffens wird der komplette Berlin-Hype der letzten Jahre verrührt. Golden Twenties, Nazis, Kommis, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Flüchtlinge, lange Nächte. Zuvor feierte Babylon Berlin den Mythos Berlin der zwanziger Jahre. Mit Charleston, Ragtime und Swing als Parkettfeger. Dazu Männer mit dicken Zigarren, Frauen an der Stange und jede Menge Glückspieler. Ferner Cabaret, Gigolos und Ganoven.  Allesamt mit Hut oder Bubikopf. Auf alle Fälle voller Testosteron.

Der Trailer zum neuen Berlin-Film. Längst ein Aufreger in den Netzwerken. Motto: So ist Berlin aber nicht…

Aus dem Zwanziger Jahre Babylon Berlin ist nun die brummende Boomtown der heutigen Zehner Jahre geworden. Ein Schlaraffenland  für Investoren, Projektentwickler, Makler, Glücksritter. Die Preise explodieren. Globalisierungsgewinner jubeln. Angestammte Ortsansässige müssen weichen. Auch 45 Jahre treue Mieterschaft zählt nicht. „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.“ So beschreibt der Berliner Vorsitzende des Eigentümerverbandes „Haus & Grund“ kühl den coolen Zeitgeist der neuen Belle Époque.

Alles ist möglich. Der Berliner Alltag bietet weitere vielfältige Höhepunkte. Teure Buden. Überfüllte Bahnen. Überforderte Bürokratie. So wartet ein junges Paar mit einem zwei Wochen alten Baby zwei Mal stundenlang im Amt ohne eine Geburtsurkunde zu bekommen. Am Ende werden die Eltern auf einen Termin acht Wochen später vertröstet. Die Folgen sind fatal. Ohne Geburtsurkunde gibt es in Berlin kein Kindergeld, kein Elterngeld, keinen Kita-Platz. Dafür beträgt die Wartezeit wiederum sechs bis zwölf Monate oder mehr. Apropos Urkunde. In Zeiten massenhaften Zuzuges und ausgepowerten Behörden, die über dem Limit sind, kann eine Sterbeurkunde bis zu sechs Wochen oder länger dauern.

Wenn die U-Bahn mal wieder nicht kommt. Oder der Kontrolleur vor einem steht. Der offizielle BVG-Werbefilm „Is mir egal“.

Behördengänge sind in der einstigen Hauptstadt Preußens dienstags besonders herausfordernd. Da gibt es für Berufstätige verlängerte Öffnungszeiten. Welch ein Glück! Aber behördenintern heißt dieser Tag schlicht Schladi-Tag. „Scheiss langer Dienstag.“ Da sinkt die Laune der Beschäftigten auf den gefühlten Nullpunkt. Rechnen Sie als Bürger mit allem, nur nicht mit rascher Erledigung Ihres Begehrens. Eine interne Anweisung lautet: „Anliegen, welche weitergeleitet werden, erhalten den Status ‚Bearbeitung‘. Nach Eingang der entsprechenden Rückmeldungen erfolgt eine Änderung des Status auf ‚erledigt‘. Eine Qualitätsprüfung erfolgt nicht.“

Natürlich ist im Hollywood-Film alles anders. Da erleben wir wilde Affären, Verwechslungen, ein paar Problemchen und am Ende ein stabiles Happy End. Berlin. I love you. So soll es sein. Ab Mai in den Kinos. Da ist dann auch das Wetter besser.

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Goldgiganten

Gold macht Menschen süchtig. Möglicherweise mehr als schnelle Autos, teure Reitpferde, schnittige Luxusyachten oder elegante Traumvillen am See. Gold ist seit Jahrtausenden Sinnbild für Macht, Reichtum und Überlegenheit. Gold ist fast überall auf der Welt letzte Sicherheit und eiserne Reserve. Gold kann auch als Zusatzstoff für Lebensmittel verwendet werden. Die schnöde Abkürzung klingt wenig appetitlich E175.

Seit kurzem wissen wir, dass Gold auch als Veredelung für ein schickes Dinner dienen kann. Nichts für Genießer aber geeignet für Menschen, die Aufmerksamkeit brauchen: Schaut mal, ich kann mir das leisten. Motto: Lieber Goldsteaks als Goldbroiler. Für alle Nachgeborenen: Goldbroiler war die DDR-Variante des Masthänchens, nur ohne Blattgold. Fußball-Millionär Franck Ribery, kurz vor dem aktiven Ruhestand, erfüllte sich einen Traum. Und wusste genau: Gold glänzt nicht ohne Licht.  Deshalb postete er munter sein Prachtstück in die Welt hinaus.

Gold machte auch einen Berliner Wachmann glücklich. Von einem Tag auf den anderen konnte er sich ein 11.000 Euro feines Goldkettchen leisten – trotz seines schmalen Security-Verdienstes. So lebte er stolz den Traum vom goldenen Schlaraffenland. Schaut her, ich bin ein goldener Prinz. Dummerweise lenkte sein Kettchen pfiffige Ermittler auf eine heiße Spur. Sie führte schnurstracks zu den Goldräubern von der Berliner Museumsinsel. Jener Wachmann hatte im Frühjahr 2017 der Diebesbande Tipps geliefert, wie und wo die größte Goldmünze der Welt am leichtesten ihren Besitzer wechseln kann.

1 oz Maple Leaf Gold.

Der spektakuläre Raub der Zwei-Zentner-schweren Münze mit dem schönen Namen Big Maple Leaf (Großes Ahornblatt) flog auf. Das kleine Kettchen ist ein glänzendes Detail beim wohl größten Goldraub der letzten Jahre. Die jungen Räuber, die allesamt einem geschäftstüchtigen arabischen Clan angehören, sitzen derzeit auf der Anklagebank.

Doch ihre eroberte und mühsam weggekarrte 100-Kilogramm-schwere Münze – präsentiert in der Ausstellung Goldgiganten – ist und bleibt verschwunden. Ob versteckt, zerteilt oder gar eingeschmolzen, das wissen nur die Räuber selbst. Reden ist Silber. Schweigen ist Gold. Und doch: Das Goldstück hat ein Stück seines Glanzes verloren. Denn das weiß nun ein jeder Glückssucher – ob Fußballer, Wachmann oder Clanmitglied: Gold glänzt nicht ohne Licht.

Gold glänzt nicht ohne Licht. Eine Interpretation von Cynthia Nickschas.
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Nach Hause

Steig herunter von deinem Thron. Jemand muss sich ändern. Du bist der Grund, warum ich so lange gewartet habe. Jemand hält den Schlüssel. Ich bin fast am Ende und habe nicht mehr viel Zeit. Ich bin betrunken und kann meinen Heimweg nicht finden. – „Herrlich!“ begeisterte sich das Kultblatt Rolling Stone im Sommer 1969, als Blind Faith ihren Song Can´t find my way home veröffentlichte. Ein zeitlos aktuelle Ballade mit dem Zeug zum Klassiker – vor genau vierzig Jahre in die Umlaufbahn gebracht.

Die Urfassung von 1969.

Blind Faith. Das waren Eric Clapton, Steve Winwood, Ginger Baker und Rick Grech. Ende der Sechziger gründeten sie – musikalisch gesehen – eine Eintagesfliege. Die Vier hielten es nicht lange miteinander aus. Nach exakt einer Tournee und vier Monaten war wieder Schluss. Die Nachfolger der legendären Cream gingen getrennt nach Hause. Eine einzige Platte hinterließen sie. Darunter die Ballade vom einsamen Trinker Can´t find my way the home von Steve Winwood.

Auch Joe Cocker fand den Weg nicht nach Hause.

Das Trinker-Lied wurde in den letzten vier Jahrzehnten vielfach interpretiert, durchgeschüttelt und neu  arrangiert. Viele versuchten sich daran. Von Gilberto Gil über Joe Cocker bis zu Sneaker Pimps. 2007 tourten Eric Clapton und Steve Winwood durch die großen Konzertsäle der Welt. Ihre Live-Version mag ich sehr. Ebenso wie die Fassung der wunderbaren, leider in Deutschland nahezu unbekannten Rachael Price. Lass uns nach Hause gehen. Wer hält den Schlüssel in der Hand?

Eine großartige
Live-Version von Rachael Price.

Can’t Find My Way Home

Come down off your throne and leave your body alone
Somebody must change
You are the reason I’ve been waiting so long
Somebody holds the key

But I’m near the end and I just ain’t got the time, oh no
And I’m wasted and I can’t find my way home

Come down on your own and leave your body at home
Somebody must change
You are the reason I’ve been waiting all these years
Somebody holds the key.

Der Klassiker Steve Windwood und Eric Clapton im Madison Square Garden. NYC.