Archive for : Dezember, 2019

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Hurra! Die Zwanziger kommen

Willkommen im Berlin der Zwanziger Jahre. In der Friedrichstraße gehen die Revue-Lichter wieder an. Im Admiral-Palast wird der perfekte Berlin-Nostalgie-Abend versprochen: „Paillettenkleider glitzern im Abendlicht, heiße Melodien treiben zu immer zügelloseren Tänzen an und alle Grenzen verschwimmen im sündigen Dickicht der Nacht.“ Babylon Berlin hat Konjunktur. Im Kino, auf Netflix, in den Clubs, in den Köpfen von Unterhaltungsmachern und Vergnügungssüchtigen. Der Spiegel meint in seiner Titelgeschichte über die Goldenden Zwanziger, „als die Vergangenheit noch Zukunft war“.

 

Berlins Exportschlager: Mackie Messer – ein Welterfolg

 

Alles auf Anfang! Die Zeitmaschine kommt auf volle Touren. Mythos Berlin. Die Roaring Twenties. Mit Heilsbringern, Propheten, viel Glitzer und Elend, Halunken, Huren, Kommunisten und Nazis. Berlin inszeniert seine Vergangenheit. Die Entertainementbranche liefert noch Zugaben wie Drittes Reich, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Fridays for Future, abgerundet durch Zeitgeistsprüche wie „das System ist am Ende“ und  „wir holen uns das Land zurück – spätestens 2021“.

Berlin mal wieder im Größenwahn? Reizt nur noch der Tanz auf der Rasierklinge? Viele Serien, Shows und Event-Partys servieren diesen Cocktail. Die Parole heißt: Vorwärts, zurück in die zwanziger Jahre. Mit Dandys, Swing und dicken Zigarren. Ladys mit Bubikopf, Zigarettenspitze und Charleston-Kleid. Mit dabei Glückspieler, Gigolos und Ganoven. Wie wäre es mit Absinth, Koks und ganz viel Testosteron?

 

Rammstein-Variante von Mackie Messer

 

Willkommen in den herbeieilenden „Zwanziger Jahren“ des 21. Jahrhunderts. Aus dem verruchten Babylon Berlin von einst ist hundert Jahre später eine brummende Boomtown geworden. Ein Magnet für Abenteurer, Investoren, Projektentwickler, StartUpper und Glücksritter. Die Preise explodieren. Clevere Geschäftemacher jubeln. Andere verlieren, fluchen, müssen weichen. „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben“ verkündet der Vorsitzende des Eigentümerverbandes „Haus & Grund“. Es ist Gründerzeit. Marktwirtschaft war einmal. Jetzt regiert wieder Mackie Messer.

 

„Und der Haifisch, der hat Zähne

Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.“

 

 

In den Clubs und Theatern der Stadt werden mehr oder weniger ambitioniert die Zwanziger Jahre zelebriert. Katherine Mehrling beispielsweise gibt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die kesse, rotzige Gangsterbraut Polly Peachum aus der „Dreigroschenoper“. Es war das Berlin-Zeitgeist-Stück der Goldenen Zwanziger. Brechts Welterfolg feierte Ende August 1928 Premiere im Theater am Schiffbauerdamm – dem heutigen Berliner Ensemble. Keine fünf Jahre später verboten die neuen Herren die Moritat von Mackie Messer und seiner Göre Polly. Ab 1933 stimmten die Nazis neue, andere Töne an. Das Ende ist bekannt.

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Oh happy Day

Heiligabend. Einmal im Jahr sind die Kirchen so rappelvoll wie Fußballarenen oder Möbelhäuser am verkaufsoffenen Sonntag. Dann werden Wünsche nach Geborgenheit, Kindheit und Gemeinsamkeit bedient. Hobby-Bläsergruppen holen das Letzte aus ihren Geräten heraus. Manchmal klingt ihr „Oh du fröhliche“ so herrlich schräg, dass die Engel im Himmel verzückt Halleluja – herrlich daneben! – rufen könnten. Die Pastorinnen und Pastoren werden an diesem Tag nicht müde, Glaube, Liebe, Hoffnung und Demut in einer überdrehten Ego-Welt zu predigen. Wie meinte doch einmal der alte Spötter Heinrich Heine? – „Wir wollen hier auf Erden schon/das Himmelreich errichten.“

Gott als Selbsterfahrungstrip? Jesus als Retter? Vielleicht für ein paar Stunden an Weihnachten, im Alltag wohl kaum. In anderen weniger begüterten Gemeinden dieser Welt wird jeden Sonntag die helfende Kraft einer höheren Instanz beschworen, die  heilen und trösten kann. Oh Happy Day! ist so ein Lied. Je mieser die Lage, desto besser der Song. In kleinen Südstaaten-Gemeinden braucht es keine Heilig-Abend-Messe. Ein Gospel-Song, das reicht. Und ab geht die Luzi.

 

 

„Wissen Sie, Gospel ist nicht der Sound, der Klang – es ist die Botschaft. Wenn es von Jesus Christus handelt, ist es Gospel.“ Das sagte Edwin Hawkins. Der Mann schrieb vor genau fünfzig Jahren den Welterfolg „Oh happy Day“. Seine Geschichte? Der Chorleiter brauchte für seine 46-köpfige Sängerschar dringend Geld, um zu einem Kirchenkongress reisen zu können. Also nahm er in der Kirche von Berkely  den Song mit Hilfe eines veralteten Zweispurtonbandes auf. Egal. Das Lied ging um die Welt. Mittlerweile wurde Oh Happy Day unzählige Male gecovert, unter anderem von Elvis Presley, Sister Act, Ray Charles und vielen anderen.

 

 

Gospel ist göttliche Musik. Gospel bedeutet übersetzt sinngemäß Evangelium. Nina Hagen, ewig suchende Schlager- und Punk-Lady, ließ sich vor zehn Jahren taufen – trotz Moralkrise der Institution Kirche. Trotz Kindesmissbrauch, Korruption und gepredigter Scheinheiligkeit. Nina wählte als Taufspruch Johannes 7,38: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Warum, fragte ich sie bei einem Interview auf dem Blauen Sofa, warum sie als geborene Atheistin plötzlich religiös geworden sei? „Ach weeste, das ist nicht nur ne Masche. Ich folge meinem Herzen.“ – Pause. Ungläubiges Staunen. – „Religion ist doch irgendwie Protest gegen Kommerz. Und weeste: Die stalinistische Gleichschaltungsmaschine hat dasselbe Betriebssystem wie die kapitalistische. Ist doch so, oder etwa nich…?

 

 

Frohe Weihnachten. Ob in deutschen Kirchen Oh happy Day! gesungen wird?

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Der Seiltänzer

Der ganze Ost-West-Streit heutzutage ist an den Haaren herbeigezogen und „pille-palle“. Das sagt der Berliner Maler Trak Wendisch, geboren in der DDR. Seit dreißig Jahren gesamtdeutscher Bundesbürger. „Die Digitalisierung ist der Epochenbruch. Das ist die Entscheidungsfrage. Wer es nicht will, muss den Seiltänzer machen.“ Die Balance im Leben halten ist ein Grundthema des 61-jährigen Künstlers. Immer nah am Abgrund. Dicht vor dem Absturz. Wie sich oben halten? Mit erhobenem Haupt, auf dünnem Seil, ohne Netz und doppelten Boden?

Trak Wendisch gehört eher zu den stillen Künstlern im Lande. Er lässt seine Werke sprechen, seine Haltung ist seine Botschaft. Er war in der DDR unangepasst, blieb sich in der Neuen Zeit treu und ist es heute noch. Auch wenn sein mittlerweile berühmter „Seiltänzer“ im Schloss Bellevue hängt, weil es Bundespräsident Steinmeier wollte. Trak – ein Staatskünstler? Das passt nicht zusammen. 1988 hatte er als einer der wenigen aus dem Kulturbetrieb den Mut offen Probleme anzusprechen. Der Ort? Eine Jubelfeier. Die Kulturfunktionäre feierten im Palast der Republik das Finale der „X. Zentralen Kunstausstellung der DDR“ mit insgesamt einer Million Besuchern. Es sollte die letzte der DDR werden, was damals niemand ahnen konnte. Und dann geschah im Festsaal etwas Unerwartetes.

 

 

Wendisch nahm allen Mut, trat ans Mikrofon. Statt Lobeshymnen ging er die Macht der Greisen im Politbüro an und forderte im Namen der Künstler mehr Freiheit und Modernität – inhaltlich wie stilistisch. Die staatliche Feierstunde erzitterte in ihren Grundfesten. Der Eklat war perfekt. Journalisten mussten eilig den Saal verlassen, allen Beteiligten wurde ein Maulkorb verpasst. Die DDR-Medien verschwiegen die Rede des Rebellen. Kein Wort war jemals zu hören oder zu lesen. Aber auch die Westkorrespondenten deckten den Mantel des Schweigens über die Palast-Revolte. Nichts sollte wohl das betuliche deutsch-deutsche Verhältnis 1988 belasten. Ruhe sollte herrschen.

In dieser bleiernen DDR-Endzeit blieb es Malern wie Wendisch vorbehalten, in ihren Bildern das „Ungesagte“ auszudrücken. Das Publikum verstand jede Anspielung, jeden Strich, jeden Hinweis. In einer Gesellschaft der hohlen Sprüche, der Lügen und Parolen fand Wendisch Antworten, formulierte bissig Zeit- wie Staatskritik. Legte die Finger in die Wunden der Mächtigen, die partout nicht mehr hinzulernen wollten. Das Ende ist bekannt. 1989 ging die DDR unter. Heute muss der Seiltänzer beweisen wie er im eiskalten Wind des Digital-Kapitalismus Balance halten kann. Abstürzen kann er jederzeit. Doch die Kunst besteht genau darin mit Haltung oben zu bleiben.

 

Trak Wendisch. Frau vorm Fernseher. 1984

 

Unter dem Titel Das Ende der Eindeutigkeit“ sind 34 Bilder der letzten DDR-Kunstausstellung noch bis zum 12. Januar 2020 in der Städtischen Galerie in Dresden zu sehen.

 

Trak Wendisch. Goldener Käfig. 2015

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Vermisstenanzeige

Er litt an Kinderlähmung, malochte fünf Jahre als Gasklempner, abends probte er in verqualmten Übungskellern seiner Heimatstadt Sheffield. John Robert Cocker. Besser bekannt als „Joe“ Cocker. Dieser ungelenke schüchterne Junge wollte sein Leben nicht als Klempner beenden. Aber er hatte etwas, was man weder kaufen noch lernen kann. Eine Stimme, die alles konnte. Die schrammte, klagte und kratzte, verzauberte und zu Tränen rührte. Anfangs coverte Cocker berühmte Songs von den Beatles oder Billy Preston. With a little help from my friends – machte Joe Cocker dann über Nacht weltberühmt. Seine geniale Beatles-Version rockte er auf die Bühne von Woodstock. In gut acht Minuten räumte er 1969 das Original zur Seite, ließ es einfach vergessen. In zehn Minuten faszinierte Cocker 1988 Zehntausende DDR-Sachsen, die völlig ausflippten.

 

Joe Cocker 1988 in Dresden. Konzert an den Elbwiesen, sorry, auf der Cockerwiese.

 

Cocker entwickelte sich folgerichtig zum Idol der Babyboomer-Generation. Die Wohlstands-Glücks-Kinder des Westens, eher sorglos in den Fünfzigern und Sechzigern des letzten Jahrhunderts in das aufziehende Wirtschaftswunder hineingeboren. Joe Cocker lebte den Nachkriegskids das wilde, unangepasste Leben vor, was sie heimlich bewunderten sich aber nie auszuleben trauten. So eroberte der Vater der Luftgitarre die Bühnen, pumpte sich mit Drinks und Drogen voll, stürzte ab, ging pleite, musste in den Entzug. Doch der Mann mit den verschwitzten T-Shirts stand immer wieder auf. Lange musste er vor allem deshalb touren, um seine Schulden bezahlen zu können.

 

 

Cocker schaffte es zum Liebling der Deutschen. Zweimal trat er mit seiner Band in der DDR auf. 170.000 Fans pilgerten nach Berlin-Ost und Dresden. Die Elbwiesen heißen bei den sächsischen Babyboomern noch heute respektvoll Cockerwiese. Seine Auftritte machten ihn zu einem der Helden der heute 60+ -Nach-Woodstock-Generation. Längst hat Cockers Liedgut die Stationen der Pflegeheime erobert. Und Cocker selbst? Der Sheffielder Junge starb vor genau fünf Jahren in der einsamen Bergwelt seiner Mad Dog Ranch in Colorado, USA. Todesursache: Lungenkrebs. Tröstlich: seine Stimme lebt weiter und wird wie guter Wein immer besser je älter sie ist.

 

 

 

Und wir Babyboomer? Träumen weiter desillusioniert vom wilden Leben eines Rockstars. Lesen auf dem Sofa Bücher über die zartbittere Zumutung des Älterwerdens. Was tun? – Bauch einziehen? Sneakers kaufen? Etwas Durchgeknalltes machen? Alle Verflossenen zum Dinner einladen? Oder die Haare einfach wachsen lassen? – Geht bei den Männern meistens schief und führt bei Frauen zielgerichtet in die Winterdepression. Was bleibt? Ach, die zeitlose Souveränität eines Cockers-Songs wie Up where we belong. So sehnen wir uns weiter nach dem Superstar mit Haarausfall, der das Bier für die nächste Runde höchstpersönlich holt. War doch nicht alles schlecht – damals.

 

Joe Cocker. 20. Mai 1944 – 22. Dezember 2014.     Quelle: Wikipedia.

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Schöner Wohnen

Die Uhlandstraße in Berlin ist knapp drei Kilometer lang. Sie verbindet die gutbürgerlichen Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf, quert kerzengerade den Kurfürstendamm. Nach der Wende lange im Schatten vom neuen Babylon-Berlin in Mitte holt nun der „alte Westen“ auf. Ihren Namen verdankt die Straße Ludwig Uhland. Ein Dichter und Denker aus der schwäbischen Professorenhochburg Tübingen. Uhlands DNA ruht im bürgerlich-gelehrten Milieu. Rechtssinn und Unbeugsamkeit rühren vom Vater, heißt es, Phantasie und Gemüt von der Mutter. Ludwig Uhland war einer der Vordenker der bürgerlichen Revolution von 1848. Sie scheiterte. Aber der stille Dichter Uhland glaubte fest an eine humanistische Zukunft, in der nicht Besitz und Herkunft, sondern Talent, Fleiß und Können maßgeblich sind. Was für ein Traum.

 

Damenmode nach Maß. Das war einmal…  Wie hieß es bei der Linie 1 vom Grips-Theater: „Die Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wären wir schon längst chaotisch, russisch oder grün.“

 

In der Straße, die seinen Namen trägt, weht seit einiger Zeit der eisige Wind der allesverschlingenden Gentrifizierung. Häuser werden hin- und hergeschoben, gekauft und alsbald teurer weiterverkauft. Gute Zeiten für Glücksritter und Spekulanten aus aller Herren Länder. Haus um Haus verändert seinen Charakter. Viele der angestammten Bewohner klagen längst über schlechten Schlaf, besonders in der Uhlandstraße 61. Hier wird auffällig rabiat saniert. Für eine neue schicke Maisonette-Wohnung muss eine ältere Dame aus dem Stamme der berühmten Wilmersdorfer Witwen weichen. Die Rentnerin wohnt seit sechzig Jahren im Seitenflügel. Für die lukrative Umwandlung brauche es „nicht einmal eine Genehmigung“, klagt Dirk Franz, Sprecher der Initiative „Uhland61“.

 

Alles muss raus. Berlin. Uhlandstraße 61.

 

Die altehrwürdige Uhlandstraße verliert in diesen Tagen ihre kleinen Läden und damit ihr Gesicht. Was bereits der mächtige Online-Handel eingeleitet hatte, führt jetzt dank großer ausländischer Investoren zum Massenexitus kleiner Mittelständler-Unternehmen. Das Beste: Alles legal. Niemand stoppt diesen Prozess. Für Gewerbetreibende gibt es keinen rettenden Mietendeckel. Die Folge – es kracht ganze Straßenzeilen entlang: Der Reinigung wird eine 100%-ige Mieterhöhung zugestellt. „Unmöglich zu stemmen“, sagt die Betreiberin, „so viel reinigen kann ich gar nicht. Das war´s nach sechzehn Jahren harter Arbeit“. Das Resultat: Ende, aus und raus. Gleich nebenan Belle Moden, eine Boutique für die reifere Dame. Mieterhöhung. Ergebnis: Räumungsverkauf. Ende, aus und raus. Nicht anders der Schreibwarenladen. Ende, aus und raus. Der Bäcker, eine Ladenzweile weiter. Ofen aus und raus. Der Sushi-Laden. Ende – aus die Maus. Und so weiter…

 

Apotheke raus. Tigerlilly Waxing rein. Bitte klingeln!

 

Ach – es trifft auch die Apotheke gegenüber. Gekündigt. Feierabend. Exitus. Ende und raus. Zumindest in diesem Fall wurde kein Leerstand produziert. Nun gibt es statt helfender Medizin Haarentfernung: Tigerlilly waxing. Bitte diskret klingeln. Waxing braucht wahrlich der moderne Großstadtmensch. So ändert die altehrwürdige Uhlandstraße unaufhaltsam ihren Charakter. Nichts bleibt wie es war, dichtete Ludwig Uhland vor zweihundert Jahren. Aber nichts in der Welt muss ewig bleiben.

 

Wohnungsangebote in der Uhlandstraße? Alles eine Frage des Portfolios.

 

Ludwig Uhland – Gang der Welt
(1802)

Da zieht in des Triumphes stolzem Glanze,
Umflattert von des Glückes Lorbeerkranze,
Da zieht die freche Bosheit hin.
An ihrem Wagen keucht im Fesselklange

Die Tugend, trüben Blicks und blasser Wange,
Die unterdrückte Königin.

Da schwelgt der Frevler von der Länder Marke
Und führt von beiden Polen seinem Parke
Gefräß’ge Ungeheuer zu.

 

 

Seit zehn Jahren der Song zur Stadt. Dickes B von Seeed.