Archive for : Dezember, 2019

post image

Vermisstenanzeige

Er litt an Kinderlähmung, malochte fünf Jahre als Gasklempner, abends probte er in verqualmten Übungskellern seiner Heimatstadt Sheffield. John Robert Cocker. Besser bekannt als „Joe“ Cocker. Dieser ungelenke schüchterne Junge wollte sein Leben nicht als Klempner beenden. Aber er hatte etwas, was man weder kaufen noch lernen kann. Eine Stimme, die alles konnte. Die schrammte, klagte und kratzte, verzauberte und zu Tränen rührte. Anfangs coverte Cocker berühmte Songs von den Beatles oder Billy Preston. With a little help from my friends – machte Joe Cocker dann über Nacht weltberühmt. Seine geniale Beatles-Version rockte er auf die Bühne von Woodstock. In gut acht Minuten räumte er 1969 das Original zur Seite, ließ es einfach vergessen. In zehn Minuten faszinierte Cocker 1988 Zehntausende DDR-Sachsen, die völlig ausflippten.

 

Joe Cocker 1988 in Dresden. Konzert an den Elbwiesen, sorry, auf der Cockerwiese.

 

Cocker entwickelte sich folgerichtig zum Idol der Babyboomer-Generation. Die Wohlstands-Glücks-Kinder des Westens, eher sorglos in den Fünfzigern und Sechzigern des letzten Jahrhunderts in das aufziehende Wirtschaftswunder hineingeboren. Joe Cocker lebte den Nachkriegskids das wilde, unangepasste Leben vor, was sie heimlich bewunderten sich aber nie auszuleben trauten. So eroberte der Vater der Luftgitarre die Bühnen, pumpte sich mit Drinks und Drogen voll, stürzte ab, ging pleite, musste in den Entzug. Doch der Mann mit den verschwitzten T-Shirts stand immer wieder auf. Lange musste er vor allem deshalb touren, um seine Schulden bezahlen zu können.

 

 

Cocker schaffte es zum Liebling der Deutschen. Zweimal trat er mit seiner Band in der DDR auf. 170.000 Fans pilgerten nach Berlin-Ost und Dresden. Die Elbwiesen heißen bei den sächsischen Babyboomern noch heute respektvoll Cockerwiese. Seine Auftritte machten ihn zu einem der Helden der heute 60+ -Nach-Woodstock-Generation. Längst hat Cockers Liedgut die Stationen der Pflegeheime erobert. Und Cocker selbst? Der Sheffielder Junge starb vor genau fünf Jahren in der einsamen Bergwelt seiner Mad Dog Ranch in Colorado, USA. Todesursache: Lungenkrebs. Tröstlich: seine Stimme lebt weiter und wird wie guter Wein immer besser je älter sie ist.

 

 

 

Und wir Babyboomer? Träumen weiter desillusioniert vom wilden Leben eines Rockstars. Lesen auf dem Sofa Bücher über die zartbittere Zumutung des Älterwerdens. Was tun? – Bauch einziehen? Sneakers kaufen? Etwas Durchgeknalltes machen? Alle Verflossenen zum Dinner einladen? Oder die Haare einfach wachsen lassen? – Geht bei den Männern meistens schief und führt bei Frauen zielgerichtet in die Winterdepression. Was bleibt? Ach, die zeitlose Souveränität eines Cockers-Songs wie Up where we belong. So sehnen wir uns weiter nach dem Superstar mit Haarausfall, der das Bier für die nächste Runde höchstpersönlich holt. War doch nicht alles schlecht – damals.

 

Joe Cocker. 20. Mai 1944 – 22. Dezember 2014.     Quelle: Wikipedia.

post image

Schöner Wohnen

Die Uhlandstraße in Berlin ist knapp drei Kilometer lang. Sie verbindet die gutbürgerlichen Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf, quert kerzengerade den Kurfürstendamm. Nach der Wende lange im Schatten vom neuen Babylon-Berlin in Mitte holt nun der „alte Westen“ auf. Ihren Namen verdankt die Straße Ludwig Uhland. Ein Dichter und Denker aus der schwäbischen Professorenhochburg Tübingen. Uhlands DNA ruht im bürgerlich-gelehrten Milieu. Rechtssinn und Unbeugsamkeit rühren vom Vater, heißt es, Phantasie und Gemüt von der Mutter. Ludwig Uhland war einer der Vordenker der bürgerlichen Revolution von 1848. Sie scheiterte. Aber der stille Dichter Uhland glaubte fest an eine humanistische Zukunft, in der nicht Besitz und Herkunft, sondern Talent, Fleiß und Können maßgeblich sind. Was für ein Traum.

 

Damenmode nach Maß. Das war einmal…  Wie hieß es bei der Linie 1 vom Grips-Theater: „Die Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wären wir schon längst chaotisch, russisch oder grün.“

 

In der Straße, die seinen Namen trägt, weht seit einiger Zeit der eisige Wind der allesverschlingenden Gentrifizierung. Häuser werden hin- und hergeschoben, gekauft und alsbald teurer weiterverkauft. Gute Zeiten für Glücksritter und Spekulanten aus aller Herren Länder. Haus um Haus verändert seinen Charakter. Viele der angestammten Bewohner klagen längst über schlechten Schlaf, besonders in der Uhlandstraße 61. Hier wird auffällig rabiat saniert. Für eine neue schicke Maisonette-Wohnung muss eine ältere Dame aus dem Stamme der berühmten Wilmersdorfer Witwen weichen. Die Rentnerin wohnt seit sechzig Jahren im Seitenflügel. Für die lukrative Umwandlung brauche es „nicht einmal eine Genehmigung“, klagt Dirk Franz, Sprecher der Initiative „Uhland61“.

 

Alles muss raus. Berlin. Uhlandstraße 61.

 

Die altehrwürdige Uhlandstraße verliert in diesen Tagen ihre kleinen Läden und damit ihr Gesicht. Was bereits der mächtige Online-Handel eingeleitet hatte, führt jetzt dank großer ausländischer Investoren zum Massenexitus kleiner Mittelständler-Unternehmen. Das Beste: Alles legal. Niemand stoppt diesen Prozess. Für Gewerbetreibende gibt es keinen rettenden Mietendeckel. Die Folge – es kracht ganze Straßenzeilen entlang: Der Reinigung wird eine 100%-ige Mieterhöhung zugestellt. „Unmöglich zu stemmen“, sagt die Betreiberin, „so viel reinigen kann ich gar nicht. Das war´s nach sechzehn Jahren harter Arbeit“. Das Resultat: Ende, aus und raus. Gleich nebenan Belle Moden, eine Boutique für die reifere Dame. Mieterhöhung. Ergebnis: Räumungsverkauf. Ende, aus und raus. Nicht anders der Schreibwarenladen. Ende, aus und raus. Der Bäcker, eine Ladenzweile weiter. Ofen aus und raus. Der Sushi-Laden. Ende – aus die Maus. Und so weiter…

 

Apotheke raus. Tigerlilly Waxing rein. Bitte klingeln!

 

Ach – es trifft auch die Apotheke gegenüber. Gekündigt. Feierabend. Exitus. Ende und raus. Zumindest in diesem Fall wurde kein Leerstand produziert. Nun gibt es statt helfender Medizin Haarentfernung: Tigerlilly waxing. Bitte diskret klingeln. Waxing braucht wahrlich der moderne Großstadtmensch. So ändert die altehrwürdige Uhlandstraße unaufhaltsam ihren Charakter. Nichts bleibt wie es war, dichtete Ludwig Uhland vor zweihundert Jahren. Aber nichts in der Welt muss ewig bleiben.

 

Wohnungsangebote in der Uhlandstraße? Alles eine Frage des Portfolios.

 

Ludwig Uhland – Gang der Welt
(1802)

Da zieht in des Triumphes stolzem Glanze,
Umflattert von des Glückes Lorbeerkranze,
Da zieht die freche Bosheit hin.
An ihrem Wagen keucht im Fesselklange

Die Tugend, trüben Blicks und blasser Wange,
Die unterdrückte Königin.

Da schwelgt der Frevler von der Länder Marke
Und führt von beiden Polen seinem Parke
Gefräß’ge Ungeheuer zu.

 

 

Seit zehn Jahren der Song zur Stadt. Dickes B von Seeed.