Archive for : Dezember, 2020

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Lamento 2020

Remember me … klingt es leise klagend aus dem Autoradio. “Vergiss mich nicht!” Wir sind alle fasziniert. Was für eine Stimme, was für ein Song! Später zuhause ein Blick in Dr. Google´s Zauberkiste. Die Spuren führen zu Annie Lennox, einem Lied, das sie vor zehn Jahren schon einmal aufgenommen hat und nun im Pandemie-Winter 2020 mit einem Londoner Chor neu interpretiert hat. Die Wege führen weiter zu Henry Purcell, diesem hochbegabten britischen Komponisten. Didos Lament stammt aus seiner Feder, um 1689 erblickte die Oper Dido und Aeneas das Licht der Welt. Didos Klage ist die berührende Arie „Wenn ich in die Erde gelegt werde“, ein Meisterstrück aus seinem Werk. Henry Purcell starb auf dem Höhepunkt seines Schaffens 1695. Da war er gerade Mitte dreißig.

 

 

Diese über dreihundertjahre alte Purcell-Klage ist zeitlos aktuell. Die unglückliche, am Herzen gebrochene Dido weiß keinen anderen Ausweg als selbst Hand anzulegen. Das kurze Memento ist so eindringlich, so melancholisch, so unter die Haut gehend. Annie Lennox erinnert die Todessehnsucht und Verzweiflung aus Purcells Oper an den Zustand unserer heutigen Gesellschaft. Ist Annie zu moralisch? Zyniker werden jetzt einwerfen, dass die Menschheit schon so häufig totgesagt wurde, nach dem Motto “am 30. Mai ist Weltuntergang…”

 

Henry Purcell. 1659-1695.

 

Annie Lennox begründet die Botschaft Didos und ihre neue Aufnahme 2020 mit den Worten, dass Menschen wahre Verdrängungskünstler sind. “Ich sehe Didos Lamento als ein Lamento für unseren sterbenden Planeten.”

 

Annie Lennox: „It’s been such an honour and privilege to have been able to create this unique event in collaboration with the London City Voices Choir during this unprecedented time of the 2020 Covid 19 pandemic. I’m deeply touched and grateful to my friend and co producer Mike Stevens and choirmaster Richard Swan for making this possible. Also, to each choir member who took part from their homes through the medium of ‘Zoom’. As a long term supporter of Greenpeace I am deeply concerned by the Global Climate Crisis, which I feel is the most urgent challenge we all have to face, particularly with regard to sustainability for future generations. I very much hope to be able to make a contribution by drawing attention towards this vital issue. Additionally, I feel a tremendous sense of empathy and concern for everyone who has lost a dearly beloved friend or family member this year and hope this recording can offer a moment of shared collective mourning for those whose lives have been taken.“

 

Annie Lennox 2010 in Wien. Quelle: Wikipedia

 

Vielleicht vermittelt dieses Lamento einen Impuls über unsere Welt im neuen Jahr 2021 nachzudenken und nicht den Kopf in den Sand zu stecken.

Vielen Dank für das Vertrauen in 2020. Alles Gute für meine Web-Leserschaft. Gesundheit, Glück und Selbstvertrauen.

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Jeder Tag ist ein Geschenk

Klaus Stuttmann.

“2020 war ein schlimmes Jahr, übellaunig, ungesund, angstbesetzt, maßregelnd, erlebnisarm und hygienisch”. So Deutschlands Dauer-Zeit-Erklärer Harald Martenstein, der jede Woche neu die Welt mit seinen Erkenntnissen beglückt. War das Corono-Jahr wirklich so schlimm, so übellaunig und angstbesetzt? Keineswegs. Ich bewunderte im Frühjahr die Nachtschicht in unserem Krankenhaus, wie immer chronisch unterbesetzt dafür rund um die Uhr erlebnisreich. Schwestern und Pfleger, die müde aber dankbar lächeln, wenn sie ehrenamtlich unterstützt werden. Ich bewunderte im Sommer Freunde, die an vielen Wochenenden im Jahr am Bahnhof Zoo in der Mission praktisch mithelfen, ohne großes Brimborium darüber zu veranstalten.

 

 

Ich bewunderte im Spätherbst die Kassiererin hinter ihrer Plexiglasscheibe, die trotz der x-ten Anmache, warum die Schlange so lange sei, irgendwann cool konterte: „Sie können ja gerne mit mir tauschen“. Ich bewunderte im Dezember die Swing-Musiker von der Andrej Hermlin Band, die seit dem 15. März ununterbrochen jeden Abend live auftreten, ob bei Minusgraden vor dem Brandenburger Tor oder bei ihren gestreamten Hauskonzerten, ohne Publikum, ohne Beifall. nur für einen Bettellohn, unverdrossen weiterspielend „bis die Krise vorbei ist“. Und ich bewunderte den Pianisten Igor Levit, der mit klammen Fingern die Rodung von Buchenwäldern musikalisch kommentierte. Was aber noch viel schöner ist: ich freute mich unbändig über das fröhliche Glucksen unserer beiden Enkelinnen.

 

 

„Ist´s auch grau und trübe – halt immer hoch die Rübe!“, konnte ich kurz vor der zweiten Schließung – im Neusprech: Lockdown II – auf einem Örtchen in Kreuzberg lesen, der zur Erleichterung dient. Natürlich nervt es mich maßlos, wenn ich erfahre, dass US-Milliardäre in diesem Jahr im Trump-Land Super-Gewinne eingefahren haben, dass allein bei uns die Zahl der Millionäre im Krisenjahr um sage und schreibe 58.000 Menschen gestiegen ist, während hunderttausende Familien und Rentner um jeden Cent kämpfen müssen oder im Flüchtlingslager auf Lesbos tausende Menschen in unwürdigen Verhältnissen gehalten werden.

Reich ist nicht derjenige, der viel hat sondern der wenig braucht, heißt es. Dieser Satz aus dem Repertoire der Nachhaltigkeitsbewegung soll keinesfalls zynisch klingen. Den überzeugendsten Spruch entdeckte ich in diesem Corona-Jahr jedoch bei der klugen, stillen und wunderbaren Dichterin Eva Strittmatter. „Die wirklich wichtigen Dinge sind kostenlos. Luft, Wasser, Liebe.“

Frohe Weihnachten und alles Gute für 2021.

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Besuch beim alten Herrn

Es gibt Geschichten, die sind spannender als die fettesten Schlagzeilen. Diese geht so: Die Milliardärin Claire Zachanassian besucht hochbetagt das veramte Güllen. Die alte Dame beschenkt ihr Heimatstädtchen, aber nur unter einer Bedingung. Sie fordert den Kopf des Mannes, der sie in Jugendjahren schwängerte und seine Vaterschaft erfolgreich leugnete. „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet. Gerechtigkeit für eine Milliarde.” Das Drama nimmt seinen Lauf. Der Plot stammt von Friedrich Dürrenmatt, dem Mann, der immer nach der „schlimmstmöglichen Wendung“ suchte. Vor dreißig Jahren ist der Schweizer Nationaldichter gestorben. Am 5. Januar 2021 können wir seinen 100. Geburtstag feiern. Der Dramatiker verstand sein Leben als Komödie. „Ich esse gerne, ich saufe gerne. Meine Zuckerkrankheit ist wahrscheinlich meine große notwendige Bremse. Wenn ich diese Bremse nicht hätte, wäre ich schon längst an meiner Gesundheit gestorben.“ Dürrenmatt wurde 69.

1956 erschien sein Welterfolg “Der Besuch der alten Dame”. Bis heute quält Dürrenmatt ganze Schülergenerationen mit seinen Werken, ob mit Der Besuch der alten Dame, Der Richter und sein Henker oder Die Physiker (1962). Vor seinem großen Durchbruch nagte Dürrenmatt jedoch am Hungertuch. Er war pleite. Vom Schreiben konnte der Anfang Dreißigjährige seine fünfköpfige Familie nicht mehr ernähren. Ehefrau Lotti: „Wir lebten von der Hand in den Mund.“ Doch Rettung nahte. 1952 rief der Schweizer Beobachter in der „Aktion Dürrenmatt“ seine Leserschaft zu Spenden auf. So könne trotz Kritik an seinen Frühwerken „ein dramatisches Talent allerersten Ranges“ gefördert werden.

 

Crowdfunding vor fast siebzig Jahren. 1952 suchte der Schweizer Beobachter „hundert geistig interessierte Menschen“, um das „Talent“ Friedrich Dürrenmatt zu unterstützen, der damals arm wie eine Kirchenmaus war.  Quelle: „Schweizer Beobachter“ v. 18.12.2020

 

Tatsächlich spendeten 170 Beobachter-Leserinnen und –Leser drei Jahre lang fleißig fünf Franken pro Monat. Eine frühe Form der Crowdfunding-Finanzierung, ohne Paypal aber mit dem Ergebnis von insgesamt 21.350 Franken (heutiger Wert knapp 100.000 Euro). Die Dürrenmatts brauchten das Geld dringend, obwohl sich Familienvater Friedrich anfangs lieber ein Segelboot kaufen wollte. Ehefrau und Freunde konnten ihn erfolgreich stoppen. Später sagte Dürrenmatt auf dem Höhepunkt seines Ruhmes mit über 30 Millionen verkauften Büchern: „Ich lebe wie ein Millionär, aber ich kann nicht sparen.“

 

 

Kurz vor seinem Tod im Dezember 1990 bezeichnete sich Dürrenmatt selbst als einen „bankrotten, aus der Mode gekommen Komödienschreiber“. Was bleibt? Dürrenmatt-Gedanken wie diese: “Wer verzweifelt, verliert den Kopf. Wer Komödien schreibt, gebraucht ihn.” Wer mehr über den Schulschwänzer, Schweizer Hilfssoldaten, Fahndungsobjekt der Politischen Polizei von Zürich und Groß-Schriftsteller wissen will, kann demnächst das Centre Dürrenmatt Neuchâtel in seinem ehemaligen Wohnhaus in der Schweiz besuchen. Wiedereröffnet werden soll es am 24. Januar 2021 drei Wochen nach seinem 100. Geburtstag – wenn, ja wenn es die Corona-Pandemie zulässt.

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Im Hufschlag der Pferde

„Take Five“. Nimm den Fünfvierteltakt. Was für ein Geniestreich! 1959 bringt das weitgehend unbekannte Bruback-Quartett statt im üblich Vier-Vierteltakt ein Album im Fünfer-Rhythmus auf die Bühne. Eine kleine Revolution, ein großer Welterfolg. Was für ein Kontrast! Auf der Bühne sehen wir vier Herren in brav-biederen CIA-Anzügen, mit Kassenbrillen, schmalen Krawatten und in frisch geputzten Schuhen. Am Flügel David Bruback, als spießiger Mittelklasse-Mainstream-Musiker belächelt. Sein Jahrhunderthit „Take Five“ beschert ihm Weltruhm. Vor genau 100 Jahren wurde er als Sohn eines Cowboys in Kalifornien geboren. Bruback über seine Wurzeln: „Der Hufschlag des Pferdes ergab einen Rhythmus, und da kamen einige dieser polyrhythmischen Ideen her.“

 

 

David Bruback. Vater Vierzüchter. Mutter Klavierlehrerin. Drei der sechs Kinder widmen sich der Musik. Dave versucht sich an Strawinsky, spielt mit dreizehn aber lieber in einer Jazz-Band. Er perfektioniert sein Klavierspiel mit versetzten Blockakkorden. 1944 spielt er als Frontmusiker für verwundete US-Soldaten in Frankreich. 1951 gründete er sein Dave Bruback Quartet. Er ist der Motor eines neuen Quartetts, in dem das wunderbare Altsaxofon von Paul Desmond so verletzbar klingt. Dave: „Wenn zwei Musiker füreinander bestimmt waren, dann Desmond und ich.“  1959 schaffen die fantastischen Vier mit ihrem Album Time Out den Durchbruch. Die Auskopplung Take Five umrundet im Fünfviertel-Beat die ganze Welt.

 

 

Time Out wird das erfolgreichste Album der Jazzgeschichte. Take Five katapultiert den stillen Pianisten in die erste Liga der Jazz-Größen. Er tritt mit Größen wie Louis Armstrong oder George Gershwin auf. 1967 löst er seine Band jedoch wieder auf. Das war´s. Was ihn auszeichnet? Der Westcoast-Musiker engagierte sich zeitlebens gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Er verteidigte in den späten fünfziger Jahren seinen schwarzen Bassisten Eugene Wright gegen alle Anfeindungen. Für ihn zählte allein Musikalität, nicht die Hautfarbe. Ob in der Frontband in Frankreich oder in seinem Quartett.

 

Jazzlegende David Bruback (6.12.1920 – 5.12.2012) im Jahre 2008. Quelle: Wikipedia

 

Dave Brubeck starb im Dezember 2012 im gesegneten Alter von 92 Jahren. Sein neuer Fünferrhythmus hat alle Zeitgeistmoden und Kritiker überlebt. Sie schmähten ihn damals als Himbeerjazzer und seichten Unterhaltungsmusiker. Take Five lebt. Vieltausendfach variiert und immer wieder neu interpretiert. Bis heute.

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Eine Klinik funkt SOS

„Wenn es so weitergeht mit dem Trend, haben wir an Weihnachten 19.200 Infektionen am Tag“, sagte Angela Merkel Anfang Oktober 2020. Nur wenige hörten zu. Tausende gingen auf die Straße, um „gegen die Corona-Diktatur“ zu demonstrieren. Seit Tagen liegt die Zahl der Neuinfizierten höher. Wenn die Zeiten mies sind, sollte man Komödien inszenieren, meinte einmal Hollywood-Ikone Billy Wilder. Ich verstoße gegen dieses ungeschriebene Gesetz, in der Hoffnung, diejenigen zu unterstützen, die in dieser Covid-Krise nicht lautstark protestieren, sondern leise ihren Job machen. Bis zur Erschöpfung.

 

Aufnahmestopp im Klinikum Niederlausitz. Die Klinik in Senftenberg (Brandenburg) funkt SOS. Foto: Wikipedia

 

Dieser Hilferuf kommt aus dem Klinikum Niederlausitz. Dort herrscht Aufnahmestopp. Der Grund: Im Raum Senftenberg/Weißwasser (Brandenburg/Sachsen) steigt „die Zahl der schweren Verläufe und Sterbefälle“. Die Situation für Ärzte und Pflegekräfte sei nur noch schwer auszuhalten, heißt es in einer Mitteilung vom 4. Dezember 2020. Thomas Schneider, Leitender Oberarzt auf der Intensivstation des Klinikums, schildert seine Erfahrungen der letzten Tage:

„Alles hat sich verändert. Wir haben jetzt knapp fünfzig Patienten, und jeden Tag kommen neue dazu. Die Patienten sind schwer krank. Sie sind stark pflegebedürftig. Die Belastung für die Ärzte, Pflegepersonal, Servicepersonal, Reinigungskräfte, Physiotherapeuten ist immens. Uns fehlt das Verständnis für Menschen, die das Krankheitsbild kleinreden oder gar leugnen. Covid-19 ist eine Multisystemerkrankung. Die Lunge ist nur eines der Systeme, das betroffen ist. Das Gehirn ist betroffen. Wir sehen Patienten, die Schlaganfälle aufgrund einer Corona-Infektion haben, wir sehen Nierenerkrankungen, wir sehen Leberversagen, wir sehen Darmversagen, wir sehen Schäden des zentralen Nervensystems.“

 

Appell des Klinikums Niederlausitz: „Zuhause bleiben.“ Foto: RitaE

 

Der Oberarzt erklärt weiter: „Das Spektrum reicht von leichten Verläufen bis zu schweren Verläufen und geht quer durch die Bevölkerung, ob jung oder alt – das macht keinen Unterschied. Das wirkt für viele vielleicht sehr abstrakt. Für den Einzelnen scheint gerade alles in Ordnung zu sein. Hinter den Mauern im Krankenhaus in Senftenberg liegen aber rund 50 Covid-Patienten. Wir müssen viele Patienten verabschieden, die das Krankheitsbild nicht überstehen, trotz maximaler Intensivtherapie. Lange, schwere Verläufe sind nicht die Seltenheit.“

Fachschwester Petra Quittel über ihre Arbeit auf der Intensivstation: „Meine Patienten haben Corona, keinen Schnupfen. Einer kämpft um sein Leben, er lässt sich nur sehr schwer beatmen, seine Werte werden immer schlechter. Versteht das jemand draußen, wenn ich sage, der bekommt sein CO2 nicht aus seinem Körper abgeatmet? Wohl nur wenige. Der andere Patient schaut mich bei der Morgenhygiene ängstlich an, er sieht seinen sterbenskranken Nachbarpatienten. Er benötigt Unterstützung beim Atmen, aber noch schafft er es selbständig, fragt sich nur wie lange. Bei jeder Anstrengung wird es knapp mit seiner Luft. Er schafft es heute nicht vor dem Bett ein paar Schritte zu gehen, zum Essen hat er keine Kraft.“

 

Klinikum Niederlausitz am 4. Dezember 2020: „Reduzieren Sie Kontakte, schützen Sie sich und andere!“

 

Einziger Rat von Arzt und Intensivschwester: „Bleiben Sie zu Hause, reduzieren Sie Kontakte, schützen Sie sich und andere!“