Archive for : April, 2022

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Mister „Master of the Universe“

Ein Mann will nach oben. Nichts kann ihn aufhalten. Einfach nichts. Kein tyrannischer Vater. Keine drei Frauen, keine drei Scheidungen. Kein schwerer Schicksalsschlag, nicht einmal der frühe Tod seines ersten Sohnes nach zehn Wochen. Seine Geschichte könnte einem Hollywood-Drehbuch entspringen. Ist sie aber  nicht. Die Wirklichkeit erzählt die besseren Geschichten. Der Mann heißt Elon Musk. Er ist kein Mittelschichts-US-Boy aus Brooklyn, er stammt aus Südafrika. Der Raketenfan besitzt drei Staatsbürgerschaften: die von Südafrika, der Heimat seines Vaters, die kanadische aus seinem Mutter-Land und die der USA, seiner neuen Heimat. Aber Musk versteht sich als Weltbürger.

 

Elon Musk. *1971. Vom gemobbten und verprügelten Schüler zum reichsten Mann der Welt. Foto Wikipedia

 

Mittlerweile ist der Junge aus Südafrika der reichste Mann der Welt. Die Erde ist ihm längst zu klein. Mit seinem ehrgeizigen SpaceX-Programm will er Menschen zum Mars befördern. Mit seinen hochkomplexen Starlink-Nachrichtensatelliten hilft er seinem ukrainischen Freund W. Selenskyj die Russen zu stoppen Mit seiner Tesla-Giga-Factory in der brandenburgischen Taiga will er den Deutschen einen neuen Elektro-Volkswagen bescheren. Mit Twitter schenkt sich der einstige Paypal-Besitzer für 44 Milliarden $ einen eigenen Kommunikationskanal. Nichts kann ihn derzeit stoppen. Der Fünfzigjährige steht im Zenit seines Lebens. Ein Selfmade-Mann ruhelos unterwegs, ohne festen Wohnsitz. Eigentlich fehlt ihm nur noch das Weiße Haus. Elon Musk auf den Spuren Donald Trumps? Es scheint, als könne er nur noch an sich selbst scheitern.

 

Familienoberhaupt Errol Musk. Foto Samantha Lowe

 

Elon wächst in Pretoria auf. Mit einem goldenen Löffel im Mund. Sein Vater Errol ist Immobilien- und Smaragdhändler. Er besitzt die Hälfte einer Mine in Sambia. Ein reicher Mann. Elons Kindheit muss ein Albtraum gewesen sein, glaubt man den Musk-Biografen. Da ist ein ehrgeiziger Vater, dessen Gebaren zwischen Genie und Gangstertum pendeln. Ein Kerl, der nicht lange fackelt. Ehefrau Marve verlässt 1980 die Familienhölle. Das Model lässt sich scheiden und kehrt mit ihren Kindern Enol, Kimble und Tosca zurück in ihre Heimat Kanada. Vater Errol hingegen zeugt im Alter von 72 Jahren mit seiner dreißigjährigen Stieftochter ein weiteres Kind. Der Patriarch erschießt drei Einbrecher und wird freigesprochen. Recht auf Notwehr, befindet das Gericht. Elon Musk. „Mein Vater ist ein schlimmer Mensch – kaum vorstellbar, wie schlecht er ist. Fast alle Verbrechen, die man sich ausmalen kann, hat er begangen“.

 

 

Elon ist zehn als sich die Eltern trennen Eine Zeitlang pendelt er zwischen Südafrika und Kanada, zwischen Vater und Mutter. Es folgt ein Jahrzehnt der relativen Armut, jedenfalls für die alleinerziehende Mutter. Marve kann sich nur noch Secondhand-Klamotten leisten. Ihre drei Kinder muss sie mit Gelegenheitsjobs durchbringen, weil der Geizhals in Südafrika offenbar keinen Cent Alimente überweist. Aus der Not macht Marve eine Tugend. Sie schreibt einen Bestseller über „erfolgreiche Kindeserziehung“. Elon hingegen studiert Volkswirtschaftslehre und Physik. Sein Idol ist der Erfinder Nikola Tesla. Als er an die renommierte Stanford-Uni in Kalifornien wechselt, merkt er nach zwei Tagen: „Das ist nichts für mich.“ So beginnt sein atemberaubender Aufstieg vom Computerfreak zum einflussreichsten US-Bürger, vom gemobbten Schüler, der krankenhausreif verprügelt wurde, zur „Person des Jahres 2021“ (Time Magazine).

 

Elon mit Mutter Marve Musk. Foto NBC-Screenshot „Saturday Night live“

 

Dieser Elon Musk kennt alles, außer Grenzen. Der sechsfache, heimatlose Kindsvater, der seinen jüngsten Spross aus dritter Ehe einfach nur „XAE-A XII“ genannt hat. Die Welt ist für einen wie ihn form- und beherrschbar. Er will den kränkelnden Planeten mit seinen Erfindungen verbessern, das Böse bekämpfen und die Natur schützen. Jetzt plant er, Twitter zu revolutionieren. Der Multi-Milliardär kündigt an, dass jede und jeder wieder seine Meinung frei sagen dürfe. Willkommen, Mister Master of the Universe. Die Erde ist eine Scheibe. Wir müssen sie retten.

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Krieg der Bilder

Vor etwas mehr als fünf Wochen, genau am 12. März 2022, veröffentlichte ich hier Passagen eines Interviews mit der Autorin Natascha Wodin. Die Russin wurde 1945 als Flüchtlingskind in Deutschland geboren, denn: „Sie kam aus Mariupol.“ In ihrem gleichnamigen, erschütternden Roman schildert sie das Schicksal ihrer Mutter. Ihr Leid war untrennbar mit dem russisch-ukrainischen Drama verknüpft, das schon ein ganzes Jahrhundert währt. Am 16. März 2022 bombardierte ein russisches Kampfflugzeug das Theater von Mariupol. In dessen Keller suchten etwa 1.500 Menschen Schutz. Nach ukrainischen Angaben seien 300 Menschen getötet worden, darunter viele Kinder. Russland behauptet, im Schauspielhaus hätten sich Kämpfer des berüchtigten nationalistischen Asow-Regiments verschanzt. Die 24-jährige Viktoria Dubowyzkij, die mit ihren beiden Kindern den Angriff im Keller überlebte, widerspricht entschieden. Zum Zeitpunkt des Angriffs sei kein einziger Soldat im Gebäude gewesen. „Jeder wusste, dass Kinder im Theater waren“.

 

 

Auf veröffentlichten Satellitenbildern war zu sehen, dass das Wort „Deti“ (Kinder) in großen weißen Buchstaben auf beiden Seiten des Theaters stand. Dennoch warf die russischen Armee gezielt Bomben. Diese Bilder waren nur möglich, weil US-Firmen der Ukraine ihre Kommunikationstechnik zur Verfügung stellten und stellen. Unmittelbar nach Putins Überfall hatte der ukrainische Minister für digitale Transformation Mykhailo Fedorov Tesla-Chef Elon Musk per Twitter um Unterstützung gebeten. Innerhalb weniger Stunden sicherte Musk die Hilfe seines Dienstleistungsunternehmens Starlink zu. Milliardär Musk verfügt über rund 2.000 Starlink-Satelliten im Rahmen seiner SpaceX-Mission im Orbit. Die Russen sind offenbar nicht in der Lage, diese Nachrichtensatelliten auszuschalten.

 

Ein ukrainischer Soldat mit einer Drohne, die das SpaceX-Netzwerk von Elon Musk nutzt. Foto Keystone

 

Die Ukrainische Armee nutzt das SpaceX-Netzwerk von Elon Musk für Drohnen-Einsätze. Daraus reultieren unter anderem die hohen Verluste der Russen. Zudem kann Präsident Wolodymyr Selenskj weltweit Live-Schaltungen mit Hilfs-Appellen weltweit in Ländern und Parlamenten durchführen, die es wünschen. Möglich sind die Übertragungen auf der Basis sog. Cubesats. Das sind hochkomplexe, aber nur knapp 50 Kilogramm schwere Hightech-Würfel, die in 400 bis 600 Kilometern Höhe um die Erde kreisen. Sie liefern auch Fotos von Truppenbewegungen mit einer Auflösung von maximal 20 Zentimetern. Die russischen Streitkräfte sind nicht in der Lage, die Kommunikationsstruktur der Ukraine zu zerstören.

Putin hatte am 24. Februar 2022 seine Kriegsmission folgendermaßen begründet: „Wir haben nicht vor, die ganze Ukraine zu besetzen, aber sie zu demilitarisieren. Das Ziel der russischen Spezialoperationen ist es, die Menschen zu schützen, die acht Jahre lang vom Kiewer Regime misshandelt und ermordet wurden. Die wahre Stärke liegt in der Gerechtigkeit und Wahrheit, die auf der Seite Russlands stehen.“

 

Mariupol. 13. April 2022. Foto: AP Alexei Alexandrov

 

Die Cubesats-Satellitenaufnahmen, die weltweit jederzeit verbreitet werden können, sprechen eine andere Sprache. Sie dokumentieren Kriegsverbrechen und Gräueltaten (auch wenn wie in jedem Krieg jedes Bild sorgfältig zu prüfen ist). Diesen Krieg der Bilder hat Moskau längst verloren. Putin führt seinen Feldzug mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts gegen einen unterlegenen, gleichwohl technologisch hochintelligenten Gegner. Was dabei herauskommt, ist massive Zerstörung. Mariupol droht das Stalingrad des 21. Jahrhunderts zu werden. Die Unglücksstadt an der Wolga war 200 Tage umkämpft. Mariupol ist seit 57 Tagen belagert. Stalingrad stand für die Wende des Zweiten Weltkrieges. Für den Anfang vom Ende, für den Untergang von Adolf Hitler. Wofür wird Mariupol stehen?

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„Nur wer nicht geliebt wird, hasst“

Propaganda ist die Kunst, andere von etwas zu überzeugen, was man selbst nicht glaubt“. Ein Gedanke von Abba Eban, dem einstigen hochgebildeten israelischen Diplomaten. Der deutsche Experte für „Volksaufklärung und Propaganda“, der promovierte Germanist und gläubige Antisemit Dr. Paul Joseph Goebbels, brachte es auf eine ähnliche Formel: „Das ist das Geheimnis der Propaganda; den, den die Propaganda fassen will, ganz mit den Ideen der Propaganda zu durchtränken, ohne dass er überhaupt merkt, dass er durchtränkt wird“. Derzeit erlebt die Welt das Comeback der klassischen Propaganda des 20. Jahrhunderts. Putins Kriegskampagne folgt im Kern der Lenin`schen Revolutionstheorie. Propaganda heißt demnach: „Aufklärung, Agitation und Organisation der Massen.“ Gleichgeschaltete Medien verwandeln einen Angriffskrieg in eine „Militär-Spezialoperation“. Und ein Brudervolk in ein Naziland, dass befreit werden muss.

Das Tragische: Die Putin-Propaganda verfängt. Sie hat Erfolg. In diesem Sinne erzielt das PR-Dauerfeuer tödliche Wirkung. In der Tat können Worte verbrecherischer sein als ein einfacher Mord, weil verbrecherische Worte Taten vervielfachen lassen können. Wenn Lügen und geschickte Verdrehungen eine Massenpsychose mobilisieren, stellen sie die Grundlagen der Menschlichkeit in Frage. Die Kriegsverbrechen von Butscha, Borodjanka, Mariupol oder Tschernihiw sind logische Konsequenz. Mitten im aufgeklärten Internet-Zeitalter erobern Echtzeit-Bilder mit explodierenden Panzern und echten Toten unsere Köpfe. Per Mausklick.

 

Mai 1945. In der Nähe von Berlin. Damals kamen sie als Befreier und Sieger der Geschichte. Russen im besiegten Deutschland. Foto: Valery Faminsky

 

Der Zentralangriff auf unsere Psyche bleibt die Verführung durch Desinformation. Mit Hilfe perfider Propaganda konnte zum Beispiel Hassprediger Dr. Goebbels ein kultiviertes Volk wie die Deutschen in die „Endlösung“ und den „totalen Krieg“ führen, bis zum totalen Untergang. Die große Mehrheit des deutschen Volkes hat an Hitler im gleichen Maße geglaubt, wie es diese Tatsache nach dem 8. Mai 1945 energisch geleugnet oder verdrängt hat. Heutzutage sollten wir hellwach sein und sogenannte „einfache Wahrheiten“ oder „Lösungen“ besser drei- als zweimal hinterfragen. Putin hat Europa in dieses Dilemma geführt. Er stellt die Gewissensfrage: Krieg führen mit immer härteren Waffen oder sich lavierend heraushalten?

London. Januar 1945. Ein Waisenkind nach dem Einschlag einer V2-Rakete. Wiederholt sich Geschichte doch? Foto: Toni Frisell

Bahnsteig in Kramatorsk, Ukraine im April 2022 Foto: +++ dpa-Bildfunk +++

 

Auf dem Höhepunkt der Hitler-Herrschaft kam Charlie Chaplins erster Tonfilm in die Kinos. Die Verwechslungsgeschichte „Der große Diktator“ erzählt vom kleinen Friseur Anton Hynkel und dem großen Diktator Hinkel. Chaplins bitter-böse Parodie traf den Nerv der Zeit. Er siedelte den Plot im Tomanischen Reich an. Mit dabei sind Gorbitsch-Goebbels und der dicke Hering-Göring. Diktator Hinkel benutzt sein Lieblings-Schimpfwort Schtonk. „Demokratie ist Schtonk! Free Sprecken ist Schtonk!“ Die bewegende Schlussrede im Film hält der falsche Hitler, der kleine jüdische Friseur Hynkel. „Nur wer nicht geliebt wird, hasst“, erklärt er. Erst 1958, dreizehn Jahre nach Kriegsende konnten die (West-)Deutschen die Hitler-Parodie in ihren Kinos sehen. Charlie Chaplin musste sich zeitlebens gegen Vorwürfe wehren, er habe Hitlers Verbrechen verharmlost: „Hätte ich von dem Grauen in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte ‚Der große Diktator‘ nicht machen können.“

 

 

„Der Große Diktator“ aus dem Kriegsjahr 1940 ist ein Meisterwerk gegen die Verführungskraft der Propaganda. In Putin-Zeiten aktueller denn je und genau der richtige Film zum friedlosen Osterfest 2022.

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Für ein Stück Brot hingerichtet

*** AKTUALISIERT am 6. April 2022 ***

Es ist wieder Krieg in Europa. Diesmal haben die russischen Streitkräfte unter Putin das Völkerrecht gebrochen und die Ukraine überfallen, um „das Land zu befreien“. Vor 77 Jahren kamen die Russen und deren Rote Armee tatsächlich als Befreier. Anfang April 1945 kehrte der Krieg nach Berlin zurück, in die Stadt, in der Hitler millionenfaches Unglück wegen seiner Eroberungsgelüste vom Zaun gebrochen hatte. Die Rote Armee setzte zur Entscheidungsschlacht an. Hitler erklärte im Führer-Bunker: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Am 1. April 1945 um 20.00 Uhr meldete der neue Sender „Radio Werwolf“: „Lieber tot als rot! – Siegen oder sterben! – Hass ist unser Gebet, Rache unser Feldgeschrei.“ Die allermeisten Berliner wollten nicht mehr kämpfen. Sie versteckten sich in Kellern, hungerten und kämpften ums Überleben. „Reichsverteidigungskommissar für den Gau Berlin“ Joseph Goebbels verfügte eine Sonderbrotverteilung nur noch für NS-Parteigenossen.

 

„Der Brotaufstand von Rahnsdorf“. NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Gathemann: „Es gibt kein Brot mehr. Nur für Parteigenossen!“ Hunderte Menschen versuchten am 6. April 1945 verzweifelt an Brot zu kommen.  Schauplatz: Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. Das Foto stammt aus den 70er Jahren.

 

Die Nachricht erreicht Berlin-Köpenick am 6 . April 1945. Es ist ein frühlingshafter Freitag. Im Ortsteil Rahnsdorf wird bekannt, dass die Bevölkerung kein Brot mehr erhalten soll. Hunderte Frauen, Kinder und Alte eilen zu den drei Bäckern des Ortes. Zwei verkaufen das Stück zu 50,- Pfennig, bis alles weg ist. Beim zentralen Bäcker in der Fürstenwalder Allee 27 weigern sich die nazitreuen Bäckersleute Brot an die Bevölkerung abzugeben.  Sie alarmieren NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Gathemann.  – „Es gibt kein Brot mehr. Nur noch für Parteigenossen!“ – Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Lage eskaliert. Erregt versucht eine vielköpfige Menge den Bäckerladen zu stürmen.  Reinhard Heuback war damals zehn Jahre alt. Der damalige Schüler erinnert sich genau. „Der komische Gathemann stand mit der Pistole in der Hand. Ich durfte noch gehen. Andere wurden verhaftet, in den Knast gesperrt.“

 

Margarete Elchlepp (1899-1945). Mit dem Tischler Max Hilliges als  „Rädelsführer“ enthauptet.  Foto: Familiennachlass Elchlepp

 

Der Nazifunktionär meldet die Frauen Margarete Elchlepp (45) und deren Schwester Gertrud Kleindienst (36) sowie den Tischler Max Hilliges (53) der Gestapo als „Aufrührer“. Sie seien „Volksschädlinge“. Hilliges war im Laden mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Er lieferte sich mit dem NS-Mann, der mit der Waffe herumfuchtelte, ein kurzes Wortgefecht: „Gib den Frauen Brot, sie wollen es ja nicht für sich, sondern für ihre Kinder.“ Dann setzt Hilliges nach: „Es dauert nicht mehr lange, dann musst du deinen braunen Rock auch ausziehen.“ Noch am gleichen Abend gegen 18 Uhr wird der Tischler in seiner Wohnung verhaftet. Die Gestapo nimmt insgesamt 15 Personen fest, die zum Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht werden. Ein Standgericht verurteilt den Tischler und die beiden Schwestern Margarete und Gertrud am nächsten Tag als „Rädelsführer“ zum Tode.

Keine drei Stunden nach dem Todesurteil werden Max Hilliges und Margarete Elchlepp in der Nacht des 7. April 1945 gegen 0.45 Uhr in der Haftanstalt Plötzensee enthauptet. Die dritte als „Rädelsführerin“ zum Tode verurteilte Gertrud Kleindienst, Mutter von drei Kindern, wird  von Gauleiter Goebbels in letzter Sekunde zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt. Hitlers Propagandaminister notiert in seinem Tagebuch am 8. April 1945: „So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will. Und die Ordnung ist die Voraussetzung der Fortsetzung unseres Widerstandes.“ Am Tag darauf werden die Hinrichtungen „unter Trommelwirbel“, so Augenzeuge Heubeck, auf dem Bismarckplatz vor der Bäckerei verkündet. „Zur Abschreckung“ kleben NS-Genossen Flugblätter mit der Nachricht von den vollzogenen Todesurteilen an Laternen und Bäume.

 

Ein Dokument des Schreckens. Das Kammerbuch der Hinrichtungsstätte Plötzensee vom 8. April 1945. Akribisch werden die letzten Habseligkeiten von Margarete Elchlepp festgehalten. Wintermantel, 1 Paar Halbschuhe, 3 Taschentücher usw. Das rote Kreuz (unten) neben der Unterschrift bedeutet: Enthauptung vollzogen. Margaretes Leichnam und der von Max Hilliges wurden wenige Tage vor der Kriegsende auf dem Friedhof Wilmersdorf verscharrt.

 

Zwei Wochen nach dem Brotaufstand marschiert am 21. April 1945 die 1. Weißrussische Front der Sowjetarmee im Berliner Vorort Rahnsdorf ein. NS-Ortsgröße Gathemann verschwindet in den Nachkriegs-Wirren. Gertrud Kleindienst überlebt. Sie wird am 2. Mai 1945 aus dem Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel befreit. Im September 1945 kehrt sie nach Rahnsdorf zurück.

Was wurde aus dem fanatischen NS-Mann Gathemann? Die Spuren führten nach Moskau. Über ein dreiviertel Jahr ließ der angefragte Militärstaatsanwalt auf eine Antwort warten. Ende 2021 teilte der kommissarische Leiter der Abteilung IV des russischen Militärstaatsanwalts in Moskau mit, dass NS-Ortsgruppenführer Gathemann am 1. August 1945 hingerichtet wurde. Er habe sich an „Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit schuldig“ gemacht. Das bedeutet: Auch der Denunziant Gathemann war nach Kriegsende denunziert worden. Wo genau das Urteil „Tod durch Erschießen“ vollzogen wurde, teilte die russische Justizbehörde nicht mit.

 

Die erste (fehlerhafte) Gedenktafel wurde 1998 an der ehem. Bäckerei Deter angebracht. Sie verschwand nach einem Eigentümerwechsel. Jetzt soll nach über sechs Jahren Streit eine neue Gedenkstele aufgestellt werden, um an den „Brotaufstand von Rahnsdorf“ zu erinnern.

 

1998 organisierten einige couragierte Bürger eine Gedenktafel am Ort des schrecklichen Geschehens. Die ehemalige Bäckerei wurde mittlerweile verkauft, das Haus vorbildlich renoviert, doch die Tafel verschwand. Seit 2016 versucht der Verein Bürger für Rahnsdorf  wieder eine Gedenktafel am Haus anzubringen. Der neue Hausbesitzer weigert sich beharrlich. Nach mehr als sechs Jahren Debatten, Petitionen und üblichem Berliner Behördenbingo soll „noch in diesem Jahr“ eine neue Gedenk-Stele vor der ehemaligen Bäckerei aufgestellt werden. Diesen Informationsstand teilte der Bürgerverein Rahnsdorf mit. Stand: Anfang April 2022.

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Z

Moskau. Ende Februar 2022. Eine kalte Winternacht. Eine Frau eilt mit einem Rollkoffer zu einem bereitstehenden Auto. An ihrer Wohnungstür ist ein großes Z aufgesprüht. Z steht für für „Za Pobedu“ – „Für den Sieg„. Überwachungsvideos halten die überstürzte Abreise fest. Die Frau flüchtet zur russisch-litauischen Grenze. Nach Verhören durch Geheimdienstmitarbeiter wird die Ausreise gestattet. Ihre Flucht stempelt sie für die offiziellen Medien zur „Nationalverräterin“. Für Marina Dawydowa, Chefredakteurin der renommierten Zeitschrift „Teatr“ und prominente Regisseurin ist Exil die einzige Alternative. Sie verlässt ihre Heimat wie viele tausend andere Kreative, die das Putin-Regime nicht mehr ertragen können. Marina Davydova hatte am ersten Kriegstag eine Protestresolution verfasst. Sofort reagierte der Apparat. Die Folge: Morddrohungen und das groß aufgesprühte Z an ihrer Wohnungstür. Die mutige Theatermacherin wurde quasi für vogelfrei erklärt. Bittere Ironie: Kriegsgegnerin Marina Davydova ist mittlerweile im Westen in Sicherheit, darf aber ein lange geplantes Theaterfestival in Finnland nicht leiten. Begründung: weil sie Russin ist.

 

Marina Davydova, 1966 geboren in Baku, ist Theatermacherin. Davydova lehrte zur Geschichte des westeuropäischen Theaters und gab Kurse für Theaterkritik an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität. Sie war Theaterkritikerin der Zeitung „Iswestija“ und ist heute Chefredakteurin der russischen Zeitschrift „teatr“. Außerdem ist sie künstlerische Leiterin des Moskauer Festivals NET sowie Kolumnistin auf www.colta.ru. Für ihre Arbeit erhielt Davydova zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Stanislawski-Preis für die beste Buchpublikation. Foto: Thalia-Theater Hamburg

 

Das Ende einer Moskauer Künstlerkarriere?  Was wird aus Marina Davydova, deren Mann in Moskau geblieben und deren 21-jähriger Sohn gleichfalls geflohen ist, um nicht zur Armee eingezogen zu werden? „Ich will arbeiten und mein eigenes Geld verdienen“, sagt die vielfach ausgezeichnete Theaterfrau, deren Stücke in Moskau, Wien oder Berlin gefeiert wurden. „Ich bereue nichts“, sagt sie. „Wir sind Geiseln. Wir brauchen Netzwerke in Europa. Eine Internationale der Künstler gegen Politischen Terror“. Für sie ist Europa eine Hoffnung. Nicht das EU-Europa in Brüssel, sondern die europäischen Ideen der Aufklärung, der Kritik und des Rechtsstaates. „In Russland wünscht man sich beim Abschied unter Freunden nicht mehr Gesundheit. Sondern Freiheit. Seelische, materielle, existenzielle Freiheit. Schaffensfreiheit, Meinungsfreiheit“.

 

 

„Ich bin eine Speiche im roten Rad“, lässt sie eine ihrer Protagonisten in ihrem Stück Eternal Russia (2017) sagen. Davydova erzählt die Geschichte ihres Landes mit Zaren und Kremlführern, mit einem russischen Volk, das immer aus Sklaven und Leibeigenen bestand. Russische Revolutionen seien stets aus einem Schuldkomplex gegenüber den Unterdrückten versucht worden. Einen ähnlichen Schuldkomplex sieht sie heute im Westen im Umgang mit dem Erbe des Kolonialismus. Modernisierungsphasen waren in Russland von kurzer Dauer und stets zum Scheitern verurteilt. Das letzte Tauwetter in der Kultur von 2008 bis 2012 in der Ära Medwedjew sei von Putin abrupt beendet worden. Seitdem herrsche wieder ein „kalter Bürgerkrieg“ gegen alles Fremde. Faschismus beginnt für sie mit dem Hass auf die Moderne und Avantgarde-Kunst.

 

Wladimir Wladimirowitsch Putin. Präsident der Russischen Föderation. Sein Stasi-Ausweis von 1985 aus dem Dresdner MfS-Archiv. Putins Amtszeit soll bis 2036 dauern.

 

Widerspruch führt zur Strafkolonie. Dieses ungeschriebene russische Gesetz hat Daviydova in Eternal Russia aufgezeigt. In der heutigen Version des 21. Jahrhunderts richte sich der staatlich verordnete Patriotismus gegen das „Gay-Europa“ und gegen alle „Feinde der Gesellschaft“. In dieser Atmosphäre der Angst werden Gegner mundtot gemacht. „Unsere Elite sind wie Vampire. Sie saugen das Blut aus, agieren im Dunkeln, scheuen Licht und Öffentlichkeit“. Eine deutliche Mehrheit des russischen Volkes scheint Putins Kriegskurs zu unterstützen. Grund zur Verzweiflung? „Nein. Ich liebe Moskau. Ich liebe die russische Sprache, die russische Kultur“, betont Marina Davydova im einzigen Interview nach ihrer Ausreise. Seit Wochen ist von der mutigen Theaterfrau nichts mehr zu hören. Ihre Resolution ist nicht mehr zu lesen. Facebook und Twitter sind in Russland gesperrt.

Sie schweigt.