Archive for : Juli, 2026

post image

Opas gegen links

„Jetzt ist die Stunde der Rentner. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Sie müssen auf die Straße gehen“, fordert Peter Hahne, 73 Jahre alt. Der mediengestählte Diplom-Theologe, Ex-ZDF-Moderator und Bestseller-Autor meint, es sei höchste Zeit für so etwas wie Opas gegen links. Der Fernsehpfarrer sieht größte Not. „Unser Land wird umgekrempelt. Ich will das nicht!“ Freundlich im Ton, kämpferisch in der Sache jammert der Mann im Unruhestand: „Ich will unser altes Land zurück. Das gute alte Deutschland. Normal soll es wieder werden.“ Normal ist bei ihm ein wichtiges Wort. Hahne – jetzt ein Rentner-Rebell? Einer der alten, zornigen Männer, die unter Bedeutungsverlust leiden? Die vom Weltuntergang reden, wenn, ja wenn nicht endlich auf sie gehört wird?

 

Stets auf Sendung. Peter Hahne. Er will Deutschland retten.

 

Peter Hahne war im ZDF viele Jahre mein geschätzter Kollege. Auf dem Nachtisch meiner Mutter lag eines seiner vielen Lebensmut-Bändlein. Über sechs Millionen seiner Besinnungs- Kalender- und Streitschriften-Exemplare hat er verkauft. Meine Mutter mochte ihn, den netten Mann vom Fernsehen. Er kann so schön reden, sagte sie, und sei ein freundlicher Mensch. Sie war sogar auf einer seiner Lesungen, vor vielen Jahren. Meine Mutter ist längst tot. Peter Hahne zieht weiter durchs Land, derzeit von Plauen nach Weißenfels. Tausende hören ihm zu. Seine Botschaft ist einfach: Deutschland retten! Vor Merz, Merkel, Klingbeil, den Grünen und dem linken Zeitgeist. Sein jüngstes Buch heißt: „Warum macht ihr uns kaputt? Wie wir unsere Zukunft verspielen“.

Peter Hahne betont, er sei nicht rechts abgebogen. Das müsse er auch nicht, denn er sei von Jugend an konservativ und rechts gewesen. „Ich hatte einen linken Lehrer.“ Der Sohn eines Drogisten aus Minden wollte eigentlich Pfarrer werden. Er studierte Theologie, landete jedoch bei ARD und ZDF. Dort machte er Karriere. Viele Jahre bis zu seinem Ruhestand 2017. Seitdem zieht er rastlos gegen die Öffentlich-Rechtlichen durchs Land. ARD und ZDF würden eine andere Welt zeigen. „Nicht die Realität.“ Er wolle keine Zwangsgebühren mehr zahlen, „für etwas, was ich nicht benutze“. Die „Öffis“ hätten sich nach links verirrt. Schluss damit, fordert der ZDF-Rentner. Das kommt beim Publikum an.

 

 

Hahne missioniert mittlerweile im Netz, in alternativen Kanälen. Er kommentiert, kritisiert und erklärt die Welt für rechte und rechtskonservative Medien wie Achse des Guten, Tichys Einblick, NIUS, Apollo News, Junge Freiheit oder das Portal Scharf rechts. Dort präsentieren zwei TV-Schönheiten, gemeinsam nicht so alt wie Gast Hahne, einen gutgelaunten älteren Herrn auf dem Sofa, der aus dem Nähkästchen plaudert und Deutschland auf der Kippe wähnt. Hahne sagt, die Wahl am 6. September in Sachsen-Anhalt habe „weltweite Bedeutung, vom Kreml bis zum Weißen Haus“. Bei dieser Schicksalswahl hoffe er auf die Wende.

Nichts mehr sei normal in Deutschland, wiederholt er. Man dürfe nicht mehr reden wie einem der Schnabel gewachsen sei. Alles ginge den Bach runter. Die Große Koalition ist für ihn ein einziges Desaster. Die Folge: Masseneinwanderung, Messerstechereien, Vergewaltigungen, Wirtschaftskrise, Pleitewelle, Volksverarmung und Klimawahn. Die beiden Moderatorinnen feuern Hahne an. Die drei auf dem Sofa sind sich total einig. Wie schön: Der alte, zornige Mann spricht aus, was viele klammheimlich denken. Schließlich liefert Hahne den entscheidenden Satz: „Die Zeit war noch nie so reif für einen Machtwechsel wie heute.“ Was danach kommt, wird nicht gefragt.

 

Nichts funktioniert mehr. Nichts ist mehr normal. Wenn Peter Hahne loslegt, sagt er, was gerade nicht wenige denken.

 

Rettet das Zigeunerschnitzel, beendet den Gender-Unfug, macht Deutschland wieder normal. Das ist Hahnes Kernbotschaft: Make Germany normal again. Vorwärts in die Vergangenheit! Als das Leben noch einfach, normal und übersichtlich war. Als Opa noch etwas zu sagen hatte. Nur, damals gab es keinen Podcast: Scharf rechts. Damals sendeten nur die Öffentlich-Rechtlichen. Selbstverständlich stets mit Peter Hahne auf Sendung. Der Mann, der gerne sagt, was viele hören wollen.

post image

What a wonderful world

Die Frau ist ein echtes Phänomen. Sie veredelt Cover-Versionen wie geschickte Hände Rohdiamanten in Schmuckstücke. Sie interpretiert berühmte Songs und präsentiert sie besser als die Originale von Sting, Cindy Lauper oder Louis Armstrong. Berühmt wird die schüchterne Sängerin erst nach ihrem frühen Tod. Ihr Name: Eva Cassidy aus Washington D.C. Ihr einmaliges Geschenk: eine klare, unglaublich gefühlvolle, unverwechselbare Stimme. Sichert Euch Taschentücher, wenn sie Over the Rainbow oder Time after Time anstimmt. Evas Lieder sind für die Ewigkeit. Eine Stimme für die vielen Menschen ohne Stimme. Für die Einsamen und Kranken und für alle, die mit ihrem Schicksal hadern. Und für den großen Rest, der einfach gute Musik mag.

 

 

Geboren im Februar 1963 in der US-Hauptstadt Washington, wächst Eva Cassidy als drittes von vier Kindern in einer einfachen, hochmusikalischen Vorortfamilie auf. Vater Hugh ist beim US-Militär, Mutter Barbara eine Deutsche, die er aus Rheinland-Pfalz mitgebracht hat. Mit neun Jahren gibt Vater Hugh Tochter Eva Gitarrenunterricht. Es folgen erste kleine Auftritte: Hausmusik in der Familie mit Gesang und Gitarre, in der Schule oder bei Festen. Eigentlich will Eva Malerin werden, als Brotberuf lernt sie Gärtnerin. Musik ist eine Option, die sie schätzt; ihr größter Traum einmal mit Stevie Wonder auf einer Bühne zu stehen.

Eine Zusage des California Institute of the Arts muss sie absagen. Dazu fehlt das Studiengeld. So singt sie weiter in Garagen oder Übungskellern und verdient ihre Brötchen als Gärtnerin in Beltsville. Unverdrossen tingelt sie mit ihrer Band BTS auf Hochzeiten, Straßenfesten oder in Cafés. Die großen Plattenfirmen zeigen nur die kalte Schulter. Viele Jahre gilt Eva als Geheimtipp, der ab und an von kleinen Radiosendern gespielt wird. Alle Versuche, das blonde Talent im Musikgeschäft zu etablieren, scheitern.  „Kommerziellen Scheiß“ (“commercial crap”) mag sie nicht singen, folglich: keine Chance im harten Musikbusiness.  Als endlich ein Produzent einen Vertrag anbietet, geht dieser gerade sang- und klanglos pleite.

 

 

Eva ist dreißig, als ihr 1993 nach Schmerzen ein Melanom (Hautkrebs) am Rücken entfernt wird. Mit Nachkontrollen nimmt sie es offenbar nicht genau. Im Sommer 1996 arbeitet sie an einer Wandmalerei in einer Grundschule. Plötzlich leidet sie an heftigen Schmerzen an der Hüfte. Eine Untersuchung ergibt einen Beckenbruch, verursacht durch Tumorzellen. Der Krebs hat sich außerdem in der Lunge festgesetzt. Im Herbst 1996 organisieren Freunde ein Benefizkonzert für die schwerkranke Eva. Am Ende des Abends verabschiedet sich Eva Cassidy mit ihrer Version von What a Wonderful World. Die erzielten Spendeneinnahmen stellt sie anderen Patienten zur Verfügung. Am 2. November 1996 erliegt Eva Cassidy ihrem Leiden. Sie ist 33 Jahre alt geworden.

 

 

Was für eine wunderbare, was für eine schreckliche Welt! Im Jahr 2000 gelingt Eva Cassidy in England mit dem Sting-Klassiker Fields of Gold posthum der große Durchbruch Vier Jahre nach ihrem Tod erobert ihre Stimme weltweit die Charts. 2007 erscheint What a wonderful world als Single, einst aufgenommen bei einer Wohltätigkeitsgala des Roten Kreuzes. Eva Cassidy sagte einmal, bescheiden wie sie war: „Ich habe den einfachsten Job der Welt. Alles, das ich tun muss, ist singen und Gitarre zu spielen.“

 

 

Freunde haben mich auf die Sängerin Eva Cassidy aufmerksam gemacht. Eine Entdeckung, die – nicht nur – mein Leben reicher macht.

post image

Mein optimiertes Leben

Die Sonne klettert nach oben. Eine Amsel zwitschert verschlafen. Höchste Zeit für frühe Vögel aufzustehen. „4 Uhr früh ist das neue 5 Uhr früh“, erklärt Wellness-Club-Guru Robin Sharma. Auf geht´s! Das Leben optimieren. Einatmen, ausatmen. Ein dreifaches Ooohm. Abschalten. Zur Ruhe kommen. Wer konsequent der Lehre der Achtsamkeit folgt, erreicht optimiertes Glück, Selbstzufriedenheit und Weisheit. Folglich wird früher aufgestanden und Hilfsmittel aller Art geschluckt: Vitamin B12, Folsäure, Proteine, Aminosäuren, Kalzium, Magnesium, Zink. Das Frühstück ist keine einfache Brötchen- oder Haferflocken-Mahlzeit mehr, sondern hochdosiertes Tages-Tuning. Schicker ist, statt Apfel- Quittensaft zu trinken. Obst wird zu Shakes- und Smoothie-Brei verrührt. Und unbedingt Sellerie verwenden.

Wie wäre es nach Aerobic und Gymnastik ins Cardio-Training einzusteigen. „Spinning Classes sind en vogue. Bei Morning Wellness Raves, Sober Morning Coffee Raves und Soulcycling wird in diskothekenhafter Atmosphäre zu Pop und Trance rauschhaft in die Pedale getreten.“ Danach ruhe man auf der 2.790 Euro teuren Akupressur-Matte VitaMat mit Anwendungen wie UVB- und Infrarot-Licht. Wer noch Zeit hat, genießt Aromatherapie, Klangschalenmassage, Saunaaufguss und Tee auf japanischer Matchabasis, genau wie Rapperin Shirin David mit ihrer Hymne „Bauch, Beine, Po“. „Auf TikTok rufen die Livestreamer zur Morgenroutine zusammen wie der Muezzin zum Gebet.“

 

 

Alles klar? Achtsamkeit ist die neue Religion im neoliberalen KI-Zeitalter. Eine milliardenschwere Wellness-Wellcare-Branche (globaler Jahresumsatz 2023: 1.8 Billionen $) vermittelt einfache Botschaften: Gegen Stress im Alltag, Arbeitsverdichtung und 24/7-Allzeitverfügbarkeit helfen Achtsamkeit, Klangschale und Infrarot-Strahler. Außerdem steht eine Armee von teuren Business- und Glücks-Coaches bereit. Das schreibt die 35-jährige Diana Kinnert in ihrem neuen Buch:Die Achtsamkeitsfalle“.

Diana Kinnert. Markenzeichen: Frau mit Hut und Migrantenkind. CDU-Karriere seit dem 15. Lebensjahr. Ein Paradiesvogel in der aufgedrehten Influencer Welt. Diana stellt nüchtern fest: „Achtsamkeit ist keine Befreiung. Sie ist Kannibalismus im Dienste des Kapitalismus.“ Die gebürtige Wuppertalerin geht noch einen Schritt weiter: „Mit der Achtsamkeit macht sich der Kapitalismus die Innenwelten des Menschen zu eigen. Der Kapitalismus hat sich eine Kultur gegeben.“

 

Diana Kinnert. Autorin, Beraterin, CDU-Mitglied. Sie fühlt dem Zeitgeist auf den Nerv.

 

Warum? In Zeiten, in denen sich alle gestresst fühlen, sei das eine fatale Entwicklung,  so Kinnert, weil: „Wir hören uns nicht mehr selbst!“ Die Achtsamkeitsbranche verlange Kontrolle und Gehorsam. Alles müsse optimiert werden: Schlaf, Leben, Arbeit, Freizeit. Die Achtsamkeitsfalle bedeute Individualisierung von Verantwortung, Versagen und Schuld. Beispiel: Wirst Du arbeitslos, bist du zu faul, also selbst schuld. Die CDU-Querdenkerin fordert: „Erschöpfung muss Widerstandsgeste sein.“ Und: „Der Zweifel ist die größte Ressource des Menschen. Der Zweifel unterscheidet den Menschen von der Maschine.“

Was tun? Sie habe überhaupt nichts gegen Klangschalen und Yoga, erklärt Diana Kinnert. Pausen, Erholung und Entspannung seien überlebenswichtig. Keine Frage sagt die belesene Kritikerin des Zeitgeists, die als liberales „Feigenblatt der CDU“ kritisiert wird. Vor vier Jahren hagelte es Plagiatsvorwürfe gegen ihre ersten beiden Bestseller: Für die Zukunft seh’ ich schwarz (2017) und Die neue Einsamkeit (2021). Vorwurf: sie habe bis zu zweihundert Stellen abgekupfert. Kinnert entschuldigte sich öffentlich. Dies sei „nicht mutwillig“ geschehen. Und zog sich zurück. Ihr neues Buch „Achtsamkeitsfalle“ erscheint nun im Selbstverlag. Es ist eine überzeugende Bestandsaufnahme unserer überdrehten TikTok-Welt.

 

 

 

Wenn Diana Achtsamkeit sucht, fährt sie früh im alten Sportwagen an stille Seen, sagt sie, angelt und lauscht aufmerksam Vogelstimmen. Selbstverständlich in der unschuldigen Morgendämmerung, bevor der Weltenlärm wieder aufdreht. Natur wahrzunehmen sei schöner und wichtiger, als die Angst, den neuesten Podcast mit Peter Thiel zu verpassen.

post image

Das Leben ist eine Baustelle

Schloss Bellevue. Der Sitz des Bundespräsidenten ist geschlossen. Für mindestens acht Jahre. Höchstwahrscheinlich deutlich länger. Das Schloss in Berlin ist in die Jahre gekommen, ein Sanierungsfall. Ab und zu fällt Strom aus oder der Fahrstuhl bleibt stehen. „Besonders sparsam und zweckmäßig“ war Bellevue 1785 in zwei Jahren erbaut worden. Das Schloss diente Prinz August Ferdinand von Preußen, dem jüngsten Bruder Friedrich des Großen als Sommerresidenz. Bellevue – zu deutsch: Schöne Aussicht – gilt als das erste klassizistische Schloss Preußens.

Im II. Weltkrieg brannte Bellevue bereits im April 1941 nach einem britischen Volltreffer aus. Vom Mittelbau blieben nur Außenmauern stehen; der südliche Anbau wurde vollständig zerstört. Bis heute steht der unterirdische Bunker unter Wasser. Das Schloss verharrte bis 1955 als Ruine, in der anfangs Ausgebombte ihre Wäsche aufhängten. Der eigentliche Wiederaufbau wurde 1959 nach vier Jahren abgeschlossen. Die Kosten sind nie dokumentiert worden. Schätzungen gehen von etwa zehn Millionen DM aus. Nach heutiger Kaufkraft wären das rund sechzig Millionen Euro.

 

Schloss Bellevue 1945. Bereits im April 1941 durch einen britischen Bombenangriff zerstört. Wiederaufgebaut ab 1955.

 

Jetzt startet die Generalsanierung des Bundespräsidenten-Schlosses. Fertig werden soll alles 2034, inklusive der Sanierung des rund zwanzig Jahre alten ovalen Neubaus. Das Bundespräsidialamt, Spitzname: Elefantenklo, ist gleichfalls ein Sanierungsfall. Aktuelle Baukosten 601 Millionen Euro plus 188 Mio. Risikoreserve für unvorhersehbare Entwicklungen und 71 Mio. € Vorsorge für Baupreissteigerungen. Das macht nach Adam Riese 860 Millionen Euro. Baufachleute rechnen eher mit Gesamtkosten bis zu einer Milliarde. Die heutige Sanierung kostet bis zum Vierzehnfachen im Vergleich zum bescheidenen Wiederaufbau Ende der 50er- Jahre. Warum?

Die zuständigen Stellen argumentieren mit gestiegenen Baupreisen und höheren Löhnen. Hinzu kommen hohe technische, sicherheitsrelevante und denkmalpflegerische Anforderungen. Das Schloss soll sicher wie eine Festung sein und klimaneutral werden. Damit steht Bellevue prototypisch für Kostenexplosion und deutsches Schneckentempo. Es gibt unzählige Beispiele von der Hamburger Elbphilharmonie (Kostensteigerung: + 1.025 %) über die Kölner Oper (+ 215 %) bis zum Berliner Flughafen BER (+ 225%). Alle Bauten dauerten um Jahre länger. Viele Milliarden Euro wurden infolge von Fehlplanung, Schlamperei und Behördenbingo in den Sand gesetzt. Geld, das heute überall fehlt.

 

Klaus Stuttmann. Tagesspiegel.

 

Zwei weitere aktuelle Fälle zeigen, wie Steuergelder in teuren Prestigeprojekten regelrecht versenkt werden. Das neue Museum des 20. Jahrhunderts neben der Berliner Philharmonie nennt sich offiziell Berlin Modern. Es sollte eigentlich in diesem Sommer eingeweiht werden. Das Vorzeigeprojekt des renommierten Schweizer Architektenbüros Herzog & de Meuron steht jedoch derzeit unter Wasser. Fertigstellung voraussichtlich 2030. Die Kosten haben sich von zweihundert Millionen auf vermutlich 526,5 Millionen € mehr als verdoppelt. Berlin Modern gilt inzwischen als teuerster Museumsneubau Deutschlands.

 

Stillstand auf der Baustelle „Berlin Modern“. Wasser ist eingedrungen. Die Kosten für das neue Museum des 20. Jahrhundert laufen aus dem Ruder.

 

Die Dauerbaustelle Stuttgart 21 ist das größte Finanzdesaster der Republik. Vor fast zwanzig Jahren wurden bei Planungsbeginn 4,5 Milliarden Euro Kosten veranschlagt. Tatsächlich sind mittlerweile mindestens 11,5 Milliarden Euro kalkuliert. Tendenz steigend. Derzeit beträgt die Verspätung der Deutschen Bahn in Stuttgart 2.750 Tage, das sind 7 ½ Jahre. Spötter sprechen längst von Stuttgart 31.

Deutschland sei Weltmeister im Geldverschwenden für Gigaprojekte, heißt es. Die Gründe sind offenbar so vielfältig wie die Ausreden der Verantwortlichen. Viele Megavorhaben dauern bis zu zwanzig Jahre. In dieser Zeit ändern sich ständig Gesetze, Technik, Wünsche und Sicherheitsvorschriften. Politiker agieren nach der Devise: Tatkraft zeigen und nach vorne Breschen. Das heißt loslegen, um erst später das eigene Prestigeprojekt ordentlich gegenzufinanzieren. Je länger gebaut wird, desto intensiver wirken steigende Energie- und Materialpreise, Lohnzuwächse, teure Finanzierungskredite und – nicht zu vergessen – schlechtes Projektmanagement. Hinzu kommen Subunternehmen, die reihenweise Konkurs gehen. Als Brandbeschleuniger im Geldversenkungs-Wettbewerb gilt die deutsche Leidenschaft für kleinteilige Bauvorschriften, Planfeststellungen, Umweltprüfungen und Widerspruchsverfahren.

 

Das Leben ist eine Baustelle. Genau wie die SPD und das ganze Land. Es gibt viel zu tun. Karikatur: Klaus Stuttmann.

 

Als Schloss Bellevue vor fast zweihundertfünfzig Jahren in zwei Jahren errichtet wurde, waren die Baufirmen zu Vertragstreue, Kosten- und Termineinhaltung verpflichtet worden. Bei Verstoß mussten nach preußischem Baurecht Vertragsstrafen gezahlt werden. Natürlich war das damalige Schloss weder klimaneutral noch mit Sicherheitspanzergläsern oder smarter Haustechnik ausgestattet. Tja, so ist das heute. Deshalb müssen der oder die neue Bundespräsidentin mit ihren gut zweihundert Beschäftigten noch viele Jahre warten. Niemand weiß, wie lange. Das präsidiale Ausweichquartier befindet sich mittlerweile am Berliner Hauptbahnhof. Ein Trost: Dort kennt man sich mit Verspätungen bestens aus.