Wo geht´s lang?
Im Regionalexpress von Finsterwalde nach Berlin. Später Freitagnachmittag. Zwei Männer unterhalten sich lebhaft im Oberdeck. Ein junger Mann in Monteurs-Kluft und ein älterer, ziemlich heiserer Mann. Die beiden reden sich zunehmend in Rage. Das ganze Abteil hört mit. Ich auch. Der Junge: „Welcher Holocaust? Es war Krieg. Da war alles möglich. Das ist lange vorbei. Da wird viel erzählt. Ich schaue nach vorn.“ Kurze Pause. „Mein Chef kauft nicht bei Zionisten. Mein Chef ist Türke, da ist er konsequent. Nein, bei Juden kauft der nicht.“ Der Alte nickt zustimmend. Der Junge: „Die Juden bestimmen den Finanzmarkt. Bitcoin, ETF, der ganze Kram, das ist alles in den Händen der Rockefellers.“ Der Alte: „Genau. Bei uns gibt es keine Meinungsfreiheit. Was wir denken und was wir sagen, ist nicht möglich. Da wirst du sofort gesperrt.“ Kurze Pause.
Der Alte: „Meine Mutter war Flüchtling. Sie wurden von Russen und Polen vertrieben. (der Junge staunt ungläubig) „Ihr hat keiner geholfen.“ Der Junge: „In Russland hilft dir als Flüchtling auch kein Mensch. Du stehst auf dem Markusplatz (sic!) in Moskau und keiner hilft dir.“ Der Alte: „Zu uns kommen doch keine Facharbeiter. So ein Quatsch! Wer Facharbeiter ist, bleibt in seinem Heimatland.“ Der Junge: „Du findest keinen einzigen deutschen „Furnier“ (sic!) mehr. Keinen einzigen. Keiner will mehr die Drecksarbeit machen.“ Der Alte stimmt zu: „Ach, wir produzieren nur noch Studenten. Die können nichts, machen nichts, reden nur so klug daher, dass niemand etwas versteht. Vergiss es!“ Die beiden Männer verlassen den Zug am Südkreuz. Es wird wieder still im Abteil.
Das mitgehörte Gespräch ist nicht mehr ganz taufrisch. Es war eine Zufallsbegebenheit, vor einigen Monaten. Die beiden Männer im Zug unterhielten sich noch über Fußball, Staus und Wohlstand, der bequem mache und die allgemein herrschende Dekadenz „wie im alten Rom“. Tja! Das Unmögliche scheint wieder möglich zu sein. Angst beherrscht das Land. Die einen fürchten Überfremdung und „Bevölkerungsaustausch“, andere die Rückkehr von Diktatur und Faschismus. Alle eint die Überzeugung, das Land sei in größter Gefahr. „Mir kommt es vor, als wären wir am Vorabend von etwas, was ich nicht miterleben möchte“, sagt der Komiker Hape Kerkeling.
Die letzten Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bestätigen den Trend. Wer laut, kantig, extrem und vor allem YouTube-tauglich auftritt, kann Wahlen gewinnen. Es stimmt: Die regierenden Parteien können, wenn sie ehrlich sind, keine Wohlstandsgewinne mehr für alle versprechen. Wie immer man sich dreht und wendet, nicht Zuwächse, sondern Einbußen werden heute und morgen zu verteilen sein. Das bringt Ängste mit sich, die das Fundament der demokratischen Ordnung angreifen. Demokratie ist anstrengend. Insofern ist die Lage ernst. Aber keineswegs hoffnungslos.
Nicht nur in vollen Regionalzügen: Es gibt eine Kultur des Wegschauens, des Zurückweichens, des Nicht-ganz-so-ernst-Nehmens der Lage und der Verzagtheit der Verteidiger demokratischer Institutionen. Die denken nur an sich! Da halte ich mich raus. Es ist doch alles verrückt geworden. Ohne mich! Wie oft kann ich Sätze wie diese hören. Teilhabe und Schutz. Das sind die wichtigsten Aufgaben der Demokratie. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn Schutz und Sicherheit nur noch für Privilegierte und Begüterte möglich sind, hat unser Land tatsächlich ein Problem. Dann verkommt das vielzitierte Wort Demokratie zu einer abgedroschenen Floskel. Dann wird es in der Mitte der Gesellschaft still. Dann dominieren Parolen und Propaganda. „Freiheit aushalten“ ist schön, aber anstrengend.
Es heißt, wir leben in der besten Gesellschaft aller Zeiten. Doch wie viele verbringen ihre Tage damit, alles Schöne und Wichtige zu verpassen, weil sie permanent auf ihr Handy starren? Stets online. Stets in der Sorge, etwas zu verpassen, immer damit beschäftigt, sich mit allen anderen zu vergleichen. Demokratie heißt Teilhabe. Nicht nur Wischen und liken. Sonst bekommen wir bei Wahlen genau das, was wir verdienen.







