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Dem Himmel nah

Aufgeregtes Tuscheln. Kurz vor dem Konzert des hoffnungsfrohen Nachwuchses der Berliner Hochschule der Künste. Großes Orchester, stattlicher Chor, nervöse Anspannung bei allen Beteiligten. Das Ganze ist kostenlos. Das Saallicht verlischt. Die Streicher setzen ein, wenig später Bläser und Chor. Sie tauchen den Saal in ein warmes Wonnebad zum Wohlfühlen. Mit ausladenden Harmonien verwandeln Chor und Orchester meinen Alltag in einen romantischen Rausch der Töne. Die jungen Musikerinnen und Musiker verzaubern mit Klarheit den vierstimmigen Chorsatz und schaffen Momente von schwelgerischer Schönheit.  Nach gut fünf Minuten ist plötzlich Schluss. Beifall brandet auf. War´s das? Ja. Das Frühwerk des 19-jährigen Gabriel Fauré dauert nicht länger. Schade! Mit seiner Vertonung der Hymne von Jean Racine gewann der Franzose 1864 den Komponistenwettbewerb.  Cantique de Jean Racine. Zum Niederknien schön.

 

 

Gabriel Fauré (1845-1924) wuchs als jüngstes von sechs Kindern in der Nähe von Carcassonne auf. Bereits mit acht Jahren spielte der talentierte Sohn eines Schulleiters so gut, dass ihn die Eltern mit neun nach Paris schickten. Er lernte an der Musikschule von Louis Niedermeyer, einem renommierten Musikprofessor in der Rue Neuve-Fontaine-Saint-Georges. In elf Studienjahren (1854-65) gewann Fauré dort Eindrücke für sein ganzes Leben. Der Schweizer Niedermeyer lehrte deutlich progressiver als die angestaubten Professoren des Parisers Nationalkonservatoriums. Er prägte Fauré genauso wie sein späterer Lehrer Camille Saint-Saëns. Faurés Frühwerk Cantique vertonte Jean Racines „Wort, dem Höchsten gleich“, eine Hymne aus dem Jahre 1688. Ein Kritiker schrieb, seine Werke zeichnen sich durch „parfumfreien Charme“ aus. Fauré gilt als geistiger Vater der Impressionisten.

 

Gabriel Fauré im Alter von 19 Jahren. Sturm und Drang.

 

Fauré lebte für die Musik. Seine Brotjobs als Organist waren mickrig bezahlt, mit der Religion hielt er es nicht so streng. Lieber improvisierte Fauré abends in den Pariser Salons. Bald sorgte der Familienvater für Gesprächsstoff. Er verliebte sich in die dreißig Jahre jüngere Pianistin Marguerite Hasselmans, die er jedoch nie heiratete. Später erklomm er die Leitungsebene des renommierten Pariser Konservatoriums. Ein weiterer Skandal für die feine Pariser Gesellschaft. Denn noch nie zuvor hatte ein Musiker diese Position übernommen, ohne vorher das altehrwürdige Konservatorium durchlaufen zu haben. Der Quereinsteiger Fauré modernisierte Lehre und Unterricht, galt gar als „Robbespiere“ des Musikbetriebes. 1903 ließ jedoch sein Gehör nach. Fauré ereilte das gleiche Schicksal wie Beethoven. 1920 war er völlig taub. 1924 starb er. Auf seiner Trauerfeier wurde sein 1887 komponiertes Requiem gespielt – was sonst? Ein großer Wurf, so fesselnd und packend wie sein Sturm- und Drangwerk Cantique de Jean Racine.

 

 

Ach, Monsieur Fauré! Was wäre ein Leben ohne Musik? Dank Euch jungen Musikenthusiasten von der Hochschule der Künste für Euer Gratis-Vorführkonzert, das mein Herz im Flug erobert hat.

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„Natur braucht Geld“

Der Regenwald soll gerettet werden. Die Amazonas-Konferenz blieb vor kurzem unverbindlich. Auf einen Abholzungsstopp ab 2030 konnte sie sich nicht einigen. Bedauerlich, es war das erste gemeinsame Treffen seit vierzehn Jahren. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva brachte das Problem auf den Punkt:  „Mutter Natur braucht Geld, sie braucht Finanzierung, weil die industrielle Entwicklung sie in den letzten 200 Jahren zerstört hat“. Das gigantische wie gefährdete Amazonasgebiet verfügt über zehn Prozent der biologischen Vielfalt unserer Erde. Die Hunderte Milliarden von Bäumen sind eine der wichtigsten Kohlenstoffsenken der Welt. Daher fordern Amazonas-Anrainer die von den Industrienationen versprochenen 100 Milliarden US-Dollar. Aber kann man mit Geld Natur reparieren? Welche Lösungen gibt es jenseits von Appellen oder Verboten, angesichts großer aber ergebnisloser Konferenzen?

 

Ein Baum ist effektiver als zehn Klimaanlagen. Foto: Brigitte Werner ArtTower

 

Die Deutschen leben längst über ihre Verhältnisse. Des Pudels Kern: Wir wissen das, wollen es aber nicht wirklich ändern. Der Erdüberlastungstag – der German Overshoot Day – wurde dieses Jahr bereits am 4. Mai erreicht. Das bedeutet: Lebten alle wie wir, bräuchte es mindestens drei Erden. Frage: Kann uns das kapitalistische Gewinnstreben helfen, das unseren Wohlstand in den letzten Jahrzehnten gesichert hat? Geht das? Bäume als Kapitalanlage? Natur als Investment? Ja, es gibt sogenannte Waldinvestments, die versuchen mit unserem schlechten Gewissen gute Gewinne zu erzielen. Investoren wie Forrest Finance oder Life Forestry Group versprechen einen „Zinseszinseffekt der Natur“. Die Botschaft: Kapitalisten aller Länder, werdet Waldbesitzer. Investiert statt in Beton, Öl und Chemie in die Natur als effektivste und ökologische Kapitalanlage. Es klingt zu schön, um wahr zu sein.

 

Robinien gelten als Zukunftsbaum. Hoch genügsam, belastbar und stress-resilient.

 

Das Münchner Start-up Econos hat für rund 1,5 Millionen Euro einen 107 Hektar großen Wald in Sachsen-Anhalt gekauft und binnen weniger als sechs Monate wieder verkauft. Rendite laut Econos: 15 Prozent. Doch solche Investments in Bäume seien hochriskant, wie Lotto spielen, warnt zum Beispiel Stiftung Warentest. Ein Waldinvestment bedeute ein hohes Risiko bei wenig Rendite. „Es ist so, als wenn man an der Bushaltestelle steht und einem wildfremden Menschen Geld leihen würde“, warnt Renate Daum, Finanztesterin von Stiftung Warentest laut Süddeutscher Zeitung.

Hinzu kommt: Brandgefahr, Borkenkäfer und Stürme sind reale Gefahren. Zudem braucht ein gesunder Wald Jahrzehnte, bis „geerntet“ werden kann. Aber dennoch muss die Gesellschaft neue Wege gehen. Ein Weiter so, geht nicht mehr. Bäume sind die beste Klimaanlage der Welt. Sie verbrauchen keine teure Energie und regulieren das Klima. Ein gesunder Baum entwickelt eine zehnmal höhere Kühlleistung als jede Klimaanlage. Unzählige Studien belegen, dass es sich im Schatten eines Baumes 10 bis 15 Grad kühler anfühlt. Warum also nicht das Naheliegende wagen? Bäume als Klima- und als Kapitalanlage fördern. Denn: Natur braucht Geld. Aber auch umgekehrt wird ein Schuh draus: Geld braucht Natur. Ohne intakte Natur ist alles Geld nichts wert.

Wer mehr über seriöse Klimafinanzprojekte weiß oder bereits Erfahrungen mit Waldinvestments gesammelt hat, bitte melden. Ich bin für jeden Hinweis dankbar.

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Letzte Worte

Vor wenigen Tagen verurteilte ein russisches Gericht den Oppositionellen Alexej Nawalny wegen „Extremismus“ zu neunzehn Jahren Straflager. Der Prozess fand in einem improvisierten Gerichtssaal im Straflager Melechowo unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In seinem Schlusswort sprach er von einer „stalinistischen Haftstrafe“ und sagte über den Schauprozess: „Die Zahl spielt keine Rolle. Ich verstehe sehr gut, dass ich, wie viele politische Gefangene eine lebenslange Haftstrafe verbüße.“ Nawalny hatte 2020 einen Nervengiftanschlag nur knapp überlebt. An die Öffentlichkeit richtete der 47-jährige folgenden Appell: „Verliert nicht den Willen zum Widerstand.“

Das System Putin bricht mit geradezu stalinistischer Härte jegliche Versuche von Widerstand und Opposition. Das Recht wird gebeugt. Nach § 293 der russischen Strafprozessordnung haben Angeklagte jedoch das Recht auf ein letztes, unzensiertes Wort vor Gericht. Ein kafkaesker Vorgang, da die Beschuldigten alles haben, nur nicht die Chance auf ein faires Verfahren oder Urteil. Wer sich fragt, wo in Russland Menschen sind, die sich gegen Willkür, Repression und Verfolgung in Putins Reich wehren, muss diese Stimmen kennenlernen. Sie zeugen von Mut, Unbeugsamkeit und Zivilcourage. Mut zum offenen Widerspruch gegen Putins Kriegspropaganda trauen sich nur wenige, auch deshalb, weil jeder Protest vom Regime mit aller Härte bestraft wird. Drei Beispiele möchte ich stellvertretend vorstellen.

 

Maria Ponomarenko. Journalistin. Urteil: 6 Jahre Lagerhaft. Februar 2023. © SOTA

 

Maria Ponomarenko, 44, Journalistin aus Westsibirien. Mutter zweier Kinder; zu sechs Jahren im Straflager Nr. 22 in Krasnojarsk verurteilt. Ihr Vergehen: Sie hatte einen Beitrag über den russischen Luftangriff auf das Theater von Mariupol verbreitet.

Letzte Worte vor Gericht am 13. Februar 2023:

„Wenn es einen Krieg gibt, sollte man ihn auch beim Namen nennen. (…)

Glauben Sie, ich werde weinen und in Hysterie verfallen, weil Sie mich zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilen? Nein. Das ist nur ein neuer Lebens­abschnitt. Und glauben Sie mir: Hinter Gittern gibt es viel mehr anständige Menschen als in der Regierungspartei Einiges Russland.“ (…)

Wir sehen uns in Freiheit! Nie sind totalitäre Regime so stark wie kurz vor ihrem Zusammenbruch.“

 

Alla Gutnikowa. Studentin. April 2022. Urteil in Abwesenheit: zwei Monate Straflager plus zwei Jahre „Besserungsarbeit“. Bildrechte: IMAGO ITAR-TASS.

 

Alla Gutnikowa, 25. Ehemalige Studentin einer Moskauer Eliteuniversität. Ehem. Redakteurin der Studentenzeitung »Doxa«. Sie wurde zu Hausarrest verurteilt, konnte fliehen. Urteil in Abwesenheit: zwei Monate Straflager + zwei Jahre „Besserungsarbeit“. Ihr Vergehen: Sie hatte mit zwei weiteren Frauen in einem Video die Exmatrikulation von oppositionellen Studenten kritisiert.

Letzte Worte am 3. April 2022:

In meinem Französischkurs an der Uni bin ich mal auf eine Liedzeile von Édith Piaf gestoßen: »Ça ne pouvait pas durer toujours« – es konnte nicht ewig so weitergehen. Als ich 19 war, fuhr ich nach Majdanek und Treblinka. Dort lernte ich, wie man »никогда больше« sagt, in sieben verschiedenen Sprachen. ­Never ­again. ­Jamais plus. Nie wieder. רעמ לאמנייק. Nigdy więcej. דוע אל. Später lernte ich ein paar weitere wichtige Lektionen. Erstens: Wörter haben Bedeutung. Zweitens: Man muss die Dinge beim Namen nennen. Und schließlich: sapere aude – habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen.“ (…)

„Wiederhole, für dich und andere: Zwei plus zwei ist vier. Schwarz ist schwarz. Weiß ist weiß. Ich bin ein mutiger, starker Mann. Ich bin eine mutige, starke Frau. Wir sind mutige, starke Menschen. Freiheit ist eine Entwicklung, in deren Verlauf man lernt, sich nicht unter­jochen zu lassen.“

 

Wladimir Kara-Mursa. Historiker. April 2023. Urteil: 25 Jahre Lagerhaft. © Natalia Kolesnikova​ AFP​/Getty.

 

Wladimir Kara-Mursa, 41, Historiker/Politiker aus Moskau. Überlebte zwei Giftanschläge. Festnahme im April 2022. Urteil: 25 Jahre Lagerhaft. Sein Vergehen: Kurz nach dem Überfall auf die Ukraine hatte Kara-Mursa mit anderen Regimekritikern ein »Komitee gegen den Krieg« gegründet.

Letzte Worte am 10. April 2023:

„Während meiner Vernehmung hier vor Gericht hat der Vorsitzende Richter mich daran erinnert, dass ich, wenn ich für die von mir begangenen Taten Reue zeige, auf mildernde Umstände hoffen könne. Obwohl ich zurzeit wenig zu lachen habe, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Verbrecher sollten Reue zeigen. Ich aber bin im Gefängnis wegen meiner politischen Ansichten. Wegen meiner Auftritte gegen den Krieg in der Ukraine. Wegen meines langjährigen Kampfes gegen Putins Diktatur.“ (…)

„In seinem Letzten Wort bittet man normalerweise um Freispruch. Für jemanden wie mich, der kein Verbrechen begangen hat, wäre Freispruch auch das einzig legitime Urteil. Aber ich bitte dieses Gericht um nichts. Ich kenne mein Urteil. Ich kannte es bereits vor einem Jahr, als ich im Rückspiegel Männer in schwarzen Uniformen und mit Masken sah, die hinter meinem Auto herliefen. Das ist in Russland der Preis dafür, dass man nicht schweigt.“

 

Wer mehr über „letzte Worte“ in politischen Schauprozessen erfahren will, findet im ZEIT-Dossier „Sogar in diesem Käfig liebe ich mein Land“ beeindruckende Beispiele. Sie erzählen von Menschen, die seit Kriegsbeginn versuchen, Putins zerstörerischem Kurs Einhalt zu gebieten, selbst wenn es ihre persönliche Freiheit kostet.

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Kirche im Dorf

Ein Sonntag auf dem Lande. Angenehme Stille. Nur die Feldlerche trillert fröhlich ein Liedchen. Ein heißer Sommertag kündigt sich an. Die riesigen Roggenfelder warten auf den Ernteeinsatz. Ich radele ins Nachbardorf, zum Gottesdienst. Wie bitte? Wirklich! Alle drei, vier Monate kommt der Pfarrer vorbei, er hat mehr als ein gutes Dutzend Gemeinden zu betreuen. Da bleibt für die kleine Kirche im Nachbardorf wenig Zeit. Ich komme in letzter Minute in der schnuckeligen Fachwerkkirche an. Gleich am Eingang werde ich vom Kirchenvorstand abgefangen: „Ah, der radelnde Kantor! Dann kommen Sie, es geht gleich los.“ Er führt mich zur kleinen Hollenbach-Orgel und wirft die Elektrik an. „Auf geht´s. Dann können wir loslegen.“

 

Ein Sonntagsausflug zur Kirche im Nachbardorf.

 

Nun wird es höchste Zeit, das Missverständnis aufzuklären. Ich sei nicht der Kantor, nur ein Besucher, wehre ich ab. „Können Sie spielen?“ – Ja, antworte ich. Es ist bei mir einfach so. Sobald  ich Tasten sehe, überkommt mich ein tiefes Verlangen. Die Freude auszuprobieren, einfach zu spielen. Ich improvisiere ein paar Takte, ziehe alle Register. Die kleine Dorforgel spukt munter Töne aus. Plötzlich steht der evangelische Pastor neben mir: „Ach wie schön. Hier sind die Gemeindelieder, die wir heute anstimmen.“ Ich sage, da müsse ich erst ordentlich üben. Vielleicht später einmal. Er zieht ein enttäuschtes Gesicht. „Wir haben hier auf dem Land dreißig Gemeinden und keinen einzigen Organisten. So ist die Lage. Wir können jede Hilfe brauchen.“

 

Ohne Musik ist ein Sonntag kein richtiger.

 

Ich flüchte mit meiner Radler-Gepäcktasche und schlechtem Gewissen in die vorletzte Reihe. Im Kirchlein haben sich genau zehn Menschen versammelt. Ein Mann erzählt, gestern sei die Freiwillige Feuerwehr mal wieder mit Tatütata auf der A24 gewesen. Für 7,50 Euro pro Einsatz riskierten die Kameraden Kopf und Kragen. Unmöglich! Ein Witz, pflichtet seine Nachbarin bei. Eine Reihe weiter erzählt eine alte Frau von Ärzten und Krankheiten. „Totumfallen. Einfach so. Das Beste, was passieren kann. Da brauchste keine Kasse, keinen Pfleger, kein Heim.“ So falle man niemanden zur Last. Zwei Frauen nicken. Der Pastor beendet alle Gespräche und begrüßt die kleine Schar. Neun Besucher halten inne. Es geht los. So ist das in einem Land, in dem mehr Menschen beim ADAC als in der Kirche sind. Tatsächlich hat in diesem Sommer Deutschlands größter Autoclub die Katholischen Kirche an Mitgliedern überholt.

„Unser Gott sei eine feste Burg“. Der Pfarrer intoniert mit kräftiger Stimme die Lieder. Die Gemeinde versucht mitzuhalten. Mit Orgel würde es sicher stimmungsvoller klingen. Haben die Massenaustritte der letzten Jahre mit der Unzufriedenheit zu tun, zuletzt über die mangelhafte Aufarbeitung von Übergriffen des Kirchenpersonals? Vermutlich wollen einfach viele die Kirchensteuer sparen, aber noch wahrscheinlicher finden die meisten längst etwas anderes wichtiger als ein Sonntagvormittag in der Kirche. Was auch immer? Die neuen Götter heißen Yoga, YouTube oder das Freiheitsversprechen schneller Flitzer.

 

Cartoon 02.07.2023

 

Müsste eine moderne Kirche nicht auch ein Dienstleister mit Rundum-Servicepaket sein? Mit Pannen-Engeln und Rettung in höchster Not? Nichts Geringeres als „Hilfe, Rat und Schutz“ verspricht der ADAC. Diese Dreieinigkeit passt doch an jedes Kirchenportal. Wir sind beim letzten Lied angekommen. Die Stimme des Pfarrers wird nach einer Stunde Service und Pannenhilfe müde. Welches Freiheitsversprechen gibt seine Kirche? Welchen Schutz, welchen Mehrwert? Nach dem Gottesdienst werde ich noch einmal gefragt, ob ich beim nächsten Mal die Orgel spielen möchte. Da hätten doch alle was davon.

 

Good Times, ist ein schönes Versprechen.

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The Voice

Als sie auf der Bühne im Rampenlicht Heal the World anstimmt, schaut eine Milliarde Menschen zu. Judith Hill hat ihren ganz großen Moment. Sie singt am 7. Juli 2009 auf der bewegenden Trauerfeier für Michael Jackson den Solopart. Der Superstar wird verabschiedet, Judith das Background-Girl hat den großen Auftritt. Endlich kann das Multitalent zeigen, was sie kann. Sie ist 25 Jahre jung, voller Lust und Leidenschaft, Menschen mit ihrer Stimme zu verzaubern. Eigentlich sollte sie gemeinsam mit Michael Jackson am 13. Juli 2009 auf Tour gehen, um mit ihm  „I will be missing you“ im Duett zu präsentieren. Doch dazu kommt es nicht. Der Sensenmann war schneller. Michael Jackson stirbt viel zu früh. Ein paar Jahre später veröffentlicht Judith Hill mit Prince ihr Debüt-Album Back in Time. Mehr noch: Sie lebt mit ihm zusammen. Niemand weiß davon. Ihr Geheimnis lüftet das „herausragende Powerpaket aus Los Angeles“, so der Rolling Stone, erst nach dem gleichfalls frühen Tod von Prince im April 2016. Judith Hill ist diskret und umworben, richtig berühmt wird sie nicht. Sie bleibt das Background-Girl.

 

 

2015 setzt sich Judith in der Talentshow „The Voice“ durch. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Die Tochter der japanischen Pianistin Michiko und des schwarzen Funk-Bassisten Robert „Pee Wee“ Hill veröffentlicht ihr erstes eigenes Album. Musik war ihr in die Wiege gelegt. Judith komponierte bereits mit vier Jahren ihre ersten kleinen Stücke. In der hochmusikalischen Familie gingen Stars  ein und aus. Judiths Eltern standen mit Bob Dylan, Chaka Khan, Wayne Shorter oder Bill Preston auf der Bühne. So nutzen Tochter Judith Talent und Kontakte. Sie startet als Back-Vocal bei Stevie Wonder oder George Benson. In dem Doku-Film „20 Feet from Stardom“ ist sie eine der unbekannten Heldinnen. Frauen, die im Background den Sound der Stars veredeln, aber musikalisch ein Schattendasein führen. Millionen kennen ihre Stimmen, einen Namen haben sie nicht. Die im Dunkeln sieht man nicht…

 

 

2021 heißt es: „Baby, I`m Hollywood“. Ihr neues Solo-Album. Jetzt zeigt Judith Hill ihre Bandbreite. Sie singt nicht nur, sie spielt selbstbewusst und gekonnt Gitarre und Piano. Ihre Soul-getränkte Stimme verleiht den Songs Flügel, während Schlagzeug und Bass mit bretthartem Funk die Stücke vorantreiben. Das Besondere: Die mittlerweile 39-jährige US-Amerikanerin performt mit ihren Eltern. Mutter Michiko brilliert am Piano, Vater „Pee Wee“ treibt den Bass voran.

Familie Hill kommt im Herbst nach Europa. Dreimal tritt Judith mit ihren Eltern in Deutschland auf. Leider fehlen die großen Bühnen, die Judith verdient hätte. Hier die Daten: 16. Oktober 2023 Zülpich (NRW), 22. Oktober Bremen, 25. Oktober Aschaffenburg. Es wird Zeit, dass die großartige Musikerin aus Los Angeles endlich auch in Europa ein größeres Publikum findet. Sie ist längst mehr als das Background-Girl, das wunderbar singen kann, aber niemand kennt.

 

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Sommerträume

Irgendwie ist alles Mist. Das typische 2023er-Lebensgefühl in Zeiten von Hitze, Krieg, Klimawandel und Ungleichheit verharrt in starrer Gleichgültigkeit. So viel Müdigkeit und Erschöpfung. „Ich bin zu matt für eine gute Wut.“ Im Netz halten die meisten ihre Identität für etwas besonders Kostbares, gleichzeitig will niemand auf etwas festgelegt werden. Sortenrein soll es im Leben zugehen. Bei den Rechten und Völkischen sowieso. Bei den Linken besonders in den eigenen Reihen. Wer anders denkt, ist AfD, Nazi oder Rassist. Die Mitte schüttelt ratlos den Kopf. Doch die allermeisten gehen auf Tauchstation. Auf TikTok, Twitter und Insta hat der Rausch der Eigenliebe und Fremdbeobachtung die allerletzten Reste Privatheit erobert. Das Anprangern feiert im Sekundentakt Triumphe. Sei der/die Coolste. 24/7.

 

Banksy. Mädchen mit Ballon.

 

Im Juli leuchtet der Klatschmohn am Feldrand, hell und schamrot-schüchtern wie ein junges Pärchen, nach einem beglückenden Date. Ich radele durch die glühende Mark Brandenburg und träume von einem Verlag, der meinen neuen Text drucken will. Da sagt meine Heldin Lisa: „Alle drei Sekunden verhungert in dieser Welt ein Kind. Und wir regen uns über geänderte Wagenreihung auf. Was für eine kaputte Welt!“ Lisa fährt fort: „Jeder von uns ist allein zu schwach, um etwas zu verändern, daher ändern wir nichts. Wir überlassen die Veränderungen den Mächtigen, den Reichen, den Gierigen. Sie halten zusammen. Wenn es um ihre Beute geht. Danach streiten sie sich um den Anteil ihrer Beute, zerfleischen sich gegenseitig. Aber das gemeinsame Ziel eint sie.“

 

UNICEF-Foto des Jahres 2023. Federico Rios, Kolumbien.

 

Lisa träumt von Wüstenblumen und neuen Ideen im Land. Einige hat sie verraten:

+ „Gebt die Dächer frei! Ideal in Berlin, da einheitliche Traufhöhe in vielen Straßen: Baut Begegnungsstätten auf den Dächern von Haus zu Haus! Gern auch mit Brücken über die Straßen in luftiger Höhe.“

+ „Wie wäre es mit einem Zeitkaufhaus, wo private Spenden gegen ehrenamtlich geleistete Zeit eingetauscht werden können?“

+ „Müllabgabe-Stationen einrichten – wer ein Kilo Müll in Parks gesammelt hat, bekommt einen Euro. Die Parks werden sauber, und die lästige Bettelei in den U-Bahnen nimmt ab!“

+ „Wer in eine kleinere Wohnung zieht, muss keine höhere Miete zahlen, damit Familien wieder Wohnungen finden.“

+ „Kronkorken werden von den Brauereien zurückgenommen, zu mindestens zwei Cent – das schont die Grünflächen.“

+ „Wie wäre es mit einem Lächeln? Kinder lachen 400mal am Tag. Erwachsene im Schnitt fünfzehn Mal.

+ Für Dich soll es frischen Erdbeeren regnen.“

 

Gewidmet den mutigen Lisas. Überall auf dieser Welt.

Istanbul. Türkei 2013. Foto: reuters4

Baton Rouge. USA 2016. Foto: Jonathan Bachman

Minsk. Belarus 2020.

Die ukrainische Autorin Wiktorija Amelina. Schwer verletzt bei einem russischen Raketenangriff. Gestorben am 1. Juli 2023, Mechnikov Hospital, Dnipro, Ukraine. Quelle: Wikipedia (Foto von 2015)

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Chausseestraße 131

Das vierstöckige Eckhaus beherrscht die laute, vielbefahrene Kreuzung an der Berliner Friedrichstraße, die sich hier zur Chausseestraße verwandelt. An der Fassade grauer DDR-Putz, verziert mit notdürftig verputzten Stellen, die wie ausgedrückte Pickel aussehen. Das dominante Gebäude wirkt wie ein vergessener Restposten in der Boomtown von Berlin-Mitte. An den Fenstern blättert Farbe ab, Hauseingang und Treppenaufgänge sind mit Graffitis beschmiert, der Hinterhof ist ein verwahrloster Gerümpel-Haufen. Zille lässt grüßen. Das Haus Chausseestraße 131 zeigt ungeschminkt die Spuren seiner bewegten Geschichte. Hier residierte einst der jüdische Mosse-Verlag. Ein halbes Jahrhundert später wohnte und lebte hier der Dichter Wolf Biermann. In seiner Wohnung entstand 1968 das legendäre Album „Chausseestraße 131“. Acht Jahre später flog er 1976 nach Schikanen, Auftrittsverbot und Rundum-Observation endgültig aus der DDR .

 

Chausseestraße 131. Ein Haus wie Berlin. Mit viel Licht und viel Schatten.

 

Heute lebt in der 190 Quadratmeter großen ehemaligen Biermann-Wohnung die Familie eines ehemaligen prominenten Linken-Vertreters. Das Haus selbst bietet einen bizarren Mix. Unter einem Dach versammeln sich eine typische Berlin-Mitte-Bar (Spezialität: „Wassermelonen-Japalénos-Margarita mit Taju, getrocknete Chili aus Mexiko“), ein neues Tapas-Restaurant – Motto: „Spanische Eleganz“ -, die Geschäftsstelle von Greenpeace, eine Immobilienfirma, die offenbar Eigentümerin des Hauses ist, eine Pizzeria und der Vintage-Kult-Laden OFT. Das Kürzel steht für „Ohne Frage toll“. Die Besitzerin sagt, ihr keineswegs preiswerter Laden für „handverlesene Einzelteile aus vergangenen Zeiten“ sei nicht nur „top aktuell“, sondern der „beste Laden in der ganzen BRD“. Selbstbewusstsein hat in der Chausseestraße 131 Tradition. Bescheidenheit wohnt woanders.

 

Hauseingang Chausseestraße 131. Ein Model von OFT präsentiert den neuen 2023er Sommer-Chic. Quelle: oft_vintage

 

Der berühmte Liedermacher Biermann wurde hier 1976 vertrieben, sein Mietvertrag sei angeblich nie gekündigt worden. Darüber gibt es unterschiedliche Versionen, wie so oft im Leben. Sicher ist: die Stasi übernahm die Biermann-Wohnung als getarntes Objekt zur Observation der gegenüberliegenden Ständigen Vertretung der BRD. Am 3. Dezember 1989, kurz nach Öffnung der Mauer, klopften die Biermanns aus Hamburg an die Tür. Ein Mann öffnete, wies sie ab. „Ich kenne sie nicht.“ Heute gehört das Haus einer AGROMEX Invest GmbH. Franz Rembold leitet deren Verwaltung, die sich auf jüdische Erben spezialisiert hat. So viel ist bekannt: Eigentümer der 1890 erbaute Chausseestraße 131 waren bis zum Zwangsverkauf 1938 die Schwestern Elise und Therese Brasch. Sie mussten das Haus für 270.000 RM unter Wert an einen Autoteilehändler verkaufen. Elise konnte sich nach England retten. Therese nahm sich im März 1942 in Berlin das Leben, nachdem sie den Deportationsbeschluss erhalten hatte.

 

 

Nach dem Krieg wurde das Haus enteignet. Die Kommunale Wohnungsverwaltung übernahm das mächtige Eckhaus. Helene Weigel vom Berliner Ensemble konnte dort für den jungen Regieassistenten Biermann eine Bleibe ergattern. Nach deutscher Einheit und Rückübertragung recherchierte die Firma AGROMEX weltweit über 100 Erben aus den Brasch-Familien – von Australien bis Uruquay. Laut Berliner Zeitung kündigten die AGROMEX-Vertreter 2019 eine umfassende Renovierung des Hauses an, „keine Pinselsanierung“. Passiert ist nichts. Der gegenwärtige Zustand ist unklar.

 

Die DDR war anders. Biermann`scher Freundeskreis in der Chausseestraße 131. Ein offenes Haus, trotz aller Verbote und Stasi-Überwachung.

 

Für den einst ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann bleibt die Chausseestraße 131 eine offene Wunde. Der mittlerweile 86-jährige Sohn eines in Auschwitz ermordeten Hamburger Kommunisten wünscht sich einen Ort für verfolgte Künstler. Stipendien sollen für jeweils ein Jahr vergeben werden, seine alte Wohnung böte dadurch Menschen aus aller Welt neue Chancen. Wäre das nicht großartig, allemal sinnvoller als nach einer Sanierung ein weiteres Renditeobjekt für Immobilienjäger auf den Markt zu werfen? Ein neuer Kreativ-Ort für Kunst, Dichtung und Widerspruch wäre OFT, ohne Frage toll.

 

Neue kreative Ideen aus der Chausseestraße 131. Auf dem Stromkasten, im Hintergrund die frühere Ständige Vertretung der BRD. Quelle: oft-vintage, Juli 2023.

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Wagners Götterdämmerung

Die Wagner-Gruppe ist in aller Munde. Putins Privatkrieger. Putins Söldner, Sträflinge und Pseudo-Putschisten. Warum eigentlich Wagner? Richtig. Gemeint ist Richard Wagner, der deutscheste aller Komponisten. „So sei des Reiches Kraft bewährt!“, heißt es im dritten Akt von Lohengrin. Solche Sätze gefielen Hitler – und auch Dmitri Utkin, Oberstleutnant der russischen 2. Spezialaufklärungsbrigade. 2014 gründete der Berufssoldat seine Privatarmee mit dem „Kampfnamen Wagner“. Utkin, Sohn eines Georgiers, wuchs bei seiner Mutter in der Ukraine auf. Zielstrebig baute er seine anfangs zehn Mann-Truppe zur Tausende Söldner zählenden starken Privatarmee aus. Sie kämpft im Ukraine-Krieg seit 2014 auf Seiten der Separatisten. 2017 wechselte Utkin zur Oligarchengruppe von Jewgeni Grigoschin, dem heutigen Wagner-Boss.

 

So sieht sich die Wagner-Gruppe selbst. Propaganda-Foto aus dem Ukraine-Krieg, August 2022. Quelle: telegram

 

Wagner-Gründer Utkin ist Anhänger der Ästhetik und Ideologie des Dritten Reiches. Der Russe trägt eine Tätowierung der Waffen-SS  und einen Reichsadler mit Hakenkreuz als Tätowierung auf der Brust. Während seiner Einsätze in Luhansk (Donbass) im Rahmen seines Einsatzes im Russisch-Ukrainischen Krieg legte er Wert darauf, dass seine Söldner Helme tragen, die denen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ähneln. Folgerichtig wählte er den Kampfnamen „Wagner“, Richard Wagner stand Pate.

Richard Wagners berühmt-berüchtigter Walkürenritt aus dem „Ring des Nibelungen“ dient häufig zur Untermalung für musikalische Kriegsverherrlichung. Hitlers Lieblingskomponist beschreibt im „Ring“ den Machtkampf zweier verfeindeter Systeme. Beide gehen am Ende unter. So liegen Parallelen zwischen Wotans Reich und Putins Welt auf der Hand. Wotan, der oberste Gott zürnt. Er beschließt die Welt untergehen zu lassen, weil er von den Menschen enttäuscht ist.  Alles geht schief, alles wird zerstört. Es folgt der Untergang der Götter im Weltenbrand, aus dem am Ende eine bessere Welt hervorgehen soll.

 

 

Wagners Walkürenritt mit seinen nach oben jubelnden Fanfaren liefert auch in Francis Ford Coppolas Vietnam-Kriegsfilm Apocalypse Now den passenden Sound für Tod, Zerstörung und Untergang. Gewiss ist: Der Komponist kann sich nicht wehren. Wie sieht die Wirklichkeit heute aus? Bis Ende Juni 2023 sind mindestens neuntausend tote Zivilisten in der Ukraine zu beklagen. Die Zahl der getöteten Soldaten bleibt auf beiden Seiten Staatsgeheimnis, liegt aber sicher mindestens um das Zehnfache höher. Im Ukraine-Krieg gibt es keine Sieger, nur Verlierer.

 

 

Putin hat sein Land in ein lupenreines Militärregime verwandelt, gespickt mit hochbewaffneten Privat-Armeen. Eine davon ist die Wagner-Truppe. Nationalismus und Imperialismus liefern das moralische Gerüst, beim zeitgleichen Vordringen einer Gefängniskultur in jede Pore des Alltags. Im heutigen Russland, so Autor Dmitri Gluhkovsky, existiere kein Schutz des Bürgers mehr durch Regeln oder Gesetze. Expansion sei die einzige gemeinsame Idee, die Russland noch zusammenhalte. Willkommen in Putins Wotan-Wagner-Reich. Eine Söldnerarmee mit dem Tarnnamen „Wagner“ marodiert mit dem Kampfnamen von Hitlers Lieblingskomponisten gegen die „Ultrafaschisten in Kiew“. Wie krank ist die Welt, die diesen Unsinn glaubt? Bis zur Götterdämmerung.

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Hatte die DDR jemals eine Chance?

DDR? Osten? Um Gottes willen, runzeln viele die Stirn. Großer Knast, hohle Sprüche, Scheitern auf der ganzen Linie. Nichts funktionierte außer leeren Versprechen und lauten Parolen. Viel Marx, noch mehr Murks, nur Petersilie auf dem Brot. Das Experiment ist krachend gescheitert. Und das ist gut so, meinen die Allermeisten. Merkwürdig: Das kleine Land ist dennoch nicht unterzukriegen. Wenn Merkels Abschiedslied „Michael, du hast den Farbfilm vergessen“ erklingt oder Oschmann in seinem Bestseller wütet: „Die Ostdeutschen; eine westdeutsche Erfindung.“ Je länger die DDR tot ist, desto schöner wird sie, hatte  der Schriftsteller Jurek Becker nach der Wende prognostiziert. Er sollte Recht behalten.

 

Gesehen in Hoyerswerda.

 

Heute träumen viele „endlich wieder“ von Ordnung und Sicherheit, von einem Land ohne Migration, Inflation, Corona, Ukraine-Krieg und Wärmepumpen. Ein Land, in dem man sich „nicht fremd fühlen muss“. Der häufigste Satz, den ich höre. Oder diesen: „Eigentlich geht es mir gut. Aber das Land steht am Abgrund. Nichts funktioniert. Bahn, Behörden, Politik. Dafür nur Mangel und Pfusch: Zu wenig Lehrer, Klempner, Pflegekräfte undsoweiter“. Typisch deutsch? Vermutlich. Diese Sehnsucht nach Erlösung durch einen Retter, die Angst vor Abstieg und die Wut auf die da oben, die nur an sich selbst denken und nicht mehr wissen, was im Volk los ist. Dazu ein unbändiger Hass auf öffentlich-rechtliche Medien, denen man keine Sekunde mehr über den Weg traut, aber dennoch einschaltet. Warum spukt die DDR noch in so vielen Köpfen? Ich glaube, sie hatte ein großes Versprechen. Ein besseres, gerechteres und soziales Deutschland wollte sie sein. Auferstanden aus den Ruinen, aufgebaut aus den Trümmern des Hitler-Systems. Doch hatte die DDR jemals eine ernsthafte Chance?

 

„Die Lehre von Marx ist mächtig, weil sie richtig ist.“ Jena, Anfang der fünfziger Jahre. Quelle: Stadtarchiv Jena

 

„Jugend erwach, erhebe dich jetzt, die grausame Zeit hat ein End! Und die Sonne strahlt wieder, die Strahlen hernieder, vom blauen Himmelsgezelt“, reimte 1947 der junge Marinehelfer Reinhold Limberg. Im Geiste der Nazis erzogen, hoffte der Zwanzigjährige auf einen Neuanfang. Limberg dichtete weiter: „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf! Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf.“ Limberg und viele andere wollten ein gerechtes, besseres, neues Deutschland. Sie räumten Trümmer weg, schufteten, allen Rückschlägen zum Trotz. Doch ihre Chancen standen schlecht. Während der Marshallplan in die neuen Westzonen über 1.5 Milliarden Dollar pumpte, beschlagnahmten die Sowjets zu selben Zeit in der Ostzone Waren und Güter, ganze Betriebe, Schienennetze und selbst Klettergerüste im Wert von etwa 14 Milliarden Dollar. Jeder DDR-Bürger musste das 130-fache an Kriegsschulden im Vergleich zum Bundesbürger-West stemmen. Bis zum Aufstandsjahr 1953 wurden sechzig Prozent der laufenden Ost-Produktion beschlagnahmt. Ein Ausverkauf, tödlich für Aufschwung und Arbeitsmoral.

 

Auge um Auge, Zahn um Zahn an der Frontlinie des Kalten Krieges. Berlin, Anfang der sechziger Jahre.

 

Hinzu kamen bürokratische, systemimmanente Aufbau-Fehler. In Folge von Bodenreform und Enteignung sank die Nahrungs-, Obst- und Gemüseproduktion dramatisch. Lebensmittel blieben in der DDR bis 1958 rationiert, im Westen bis 1950. Die anfangs rigide durchgeführte Entnazifizierung führte zum Fachkräftemangel. Ärzte, Ingenieure und Fachleute verließen das Land gen Westen. Allein im ersten Halbjahr 1953 meldeten sich 330.000 Menschen ab, darunter 37.000 Bauern. Nachdem 1951 der erste Fünfjahresplan in Kraft trat, bescherten Missernten durch Kartoffelkäferplagen einen Verlust von zwanzig Prozent. Da musste die Mär vom „Amikäfer“ her, denn die Plagegeister führten zu leeren Regalen. Dabei hatte der gelernte Tischler und SED-Aufbauleiter Walter Ulbricht versprochen, sein „fortschrittliches Deutschland“ werde das „imperialistische Deutschland“ in Sachen Lebensstandard rasch überholen. Einzig und allein im Aufrüstungsetat produzierte der neue Staat Rekorde. Die Streitkräfte wurden von 55.000 Mann Anfang 1952 innerhalb eines Jahres auf 113.000 Mann erhöht. Die DDR gab in ihren Jugendjahren 11% des Staatshaushalts für Militär und Sicherheit aus. Zum Vergleich: heute steckt das gemeinsame Deutschland etwa 2% in Armee und Rüstung.

 

Karl Marx an der „Touristen-Mauer“ in Berlin-Friedrichshain.

 

Am 17. Juni 1953 knallte es. Es kam in der neuen, sozialistischen Aufbau-Republik zum Aufruhr. Während im Westen allmählich das Wirtschaftswunder aufblühte, regierten im Osten Mangel und Missgunst, Wut, Frust und Enttäuschung. Eine zehnprozentige Normenerhöhung für die Arbeiterschaft brachte das Fass zum Überlaufen. 800, statt 700 Steine pro Stunde in der Stalinallee zu vermauern, waren genau 100 zu viel. Der Aufstand währte keine zwei Tage. Sowjetische Panzer rollten jeden Widerspruch nieder. Die DDR war gerettet. Aber zu welchem Preis? Was hinzu kommt: Der gesamtdeutsche Zeitgeist wollte „Keine Experimente“. So gewann Kanzler Adenauer seine Wahlen im Westen. Auch die Ost-Deutschen waren von Krieg und Hunger erschöpft. Sie wollten mit Politik und Parolen nichts mehr zu tun haben. Sie forderten volle Teller, ihre Ruhe und ein Leben ohne Not. Die DDR konnte ihre großen Versprechen nicht halten. Nicht in den entscheidenden Anfangsjahren, als alles möglich war: So blieb der Sozialismus, der Traum vom besseren Deutschland, eine Utopie, vor der Millionen Menschen einfach wegliefen.

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Wenn das Volk nicht mehr will

Es war, als würde ein Funke in ein Benzinfass fallen. Hunderttausende Menschen erhoben sich in der DDR innerhalb weniger Stunden. Arbeiter streikten am 17. Juni 1953 gegen ihre Arbeiterregierung. Aus über 700 Orten wurden Proteste gemeldet. Auslöser war die im April 1953 beschlossene zehnprozentige Normerhöhung. Doch die Ursachen für die Revolte lagen tiefer. Der Aufbau der DDR führte zu Wirtschaftskrisen, Mangelwirtschaft und allgemeiner Unzufriedenheit. Preise wurden erhöht, viele Waren gab es nur gegen Marken, waren unbezahlbar oder Mangelware. Die Verfolgung „objektiver Feinde des Aufbaus“ wie Unternehmer, Junge Gemeinden oder Andersdenkende mit Hilfe von Gummiparagraphen wie Boykotthetze füllte Gefängnisse. Zwischen Juni 1952 und Mai 1953 stieg die Zahl der Häftlinge in der DDR von 37.000 auf über 65.000 – eine der Hauptursachen für den Aufstand am 17. Juni 1953.

 

DDR 1953. Das Versprechen: Mit Marx in eine bessere Zukunft. Die Realität sah anders aus.

 

Hundertausende stimmten mit den Füßen ab, flüchteten aus Angst vor Verfolgung oder Enteignung in den Westen. Das Konstrukt Sozialismus in den Farben der DDR war nach wenigen Jahren am Ende. Moskau ließ seine Panzer von der Kette. In der offiziellen SED-Lesart war daher stets die Rede vom „faschistischen Putschversuch“, von bezahlten Agenten und Saboteuren aus dem Westen. Zum großen von Bert Brecht geforderten Gespräch zwischen Regierung und Volk hingegen kam es  nie – bis zum Untergang des Regimes 1989.

 

17. Juni 1953. Ausnahmezustand ab 13 Uhr. Die Revolte wurde niedergewalzt. Verhaftungen setzten ein. Regierung und Volk hatten sich nichts mehr zu sagen.

 

Der damals elfjährige Günter Töpfer wird am Vormittag des 17. Juni 1953 von der Lehrerin nach Hause geschickt. Doch der Schüler aus Jena ist neugierig und streift mit seinem Rad durch die Innenstadt. Er sieht, wie das Gefängnis gestürmt und Gefangene befreit werden. Er ist dabei, als FDJ-Kreisleitung, Gewerkschaftshaus und SED-Zentrale besetzt werden. Papiere, Schreibmaschinen und Gewehre fliegen aus den Fenstern. Beinahe wird Töpfer von einem Stalin-Bild getroffen. Der Junge erlebt, wie eine Frau Gewehre aus der SED-Kreisleitung an einem Gully zerbricht und unbrauchbar macht. Am frühen Nachmittag rollen sowjetische Panzer durch Jena und treiben rund 20.000 Menschen auseinander. Töpfer steht unmittelbar neben einem Panzer, als ein sowjetischer Offizier über die Köpfe der Menge hinweg Warnschüsse abgibt. Wenig später bricht der Aufstand in Jena zusammen. Dennoch bleibt der 17. Juni 1953 für den Bauingenieur ein Meilenstein auf dem Weg zum Fall der Mauer am 9. November 1989. Der Volksaufstand sei zwar gescheitert, aber nicht vergeblich gewesen, sagt der heute 81-jährigen Zeitzeuge.

 

Jena, 17. Juni 1953 gegen 14 Uhr. Sowjetische Panzer fahren in die 20.000-köpfige Menge. Quelle: Stadtarchiv Jena

 

Lutz Rackow ist damals 21 Jahre alt. Als Jungredakteur vom Ost-Berliner „Morgen“ erfährt er am Morgen des 16. Juni 1953 von seinem Bruder über wilde Streiks an der Stalinallee. Er setzt sich ohne Auftrag aus der Redaktion sofort auf sein Motorrad und folgt dem Protestzug durch Ost-Berlin. Die Arbeiter rufen: „Berliner reiht euch ein, wir wollen keine Arbeitssklaven sein“. Die Menge zieht zum Haus der Ministerien. Die Arbeiter wollen mit der Staatsführung über die Rücknahme der Normen verhandeln, doch SED-Politiker gehen auf Tauchstation. Von einem Baugerüst beobachtet Rackow die vielköpfige Protestversammlung, sieht an Brechts Berliner Ensemble einen umgestürzten Lautsprecherwagen Er ist dabei, als am Ostberliner Polizeipräsidium Gefangene befreit werden. Rackow geht am nächsten Morgen, am Mittwoch, den 17. Juni früh um sieben zum Strausberger Platz. Dort verhindert Kasernierte Volkspolizei der DDR einen geplanten Aufmarsch der Unzufriedenen. Als am Mittag rund 600 sowjetische Panzer Richtung Brandenburger Tor rollen, beobachtet Rackow das dramatische Geschehen vom Dach seiner Redaktion in der Ost-Berliner Taubenstraße. „Da war es vorbei“, meint Rackow. Über zehntausend DDR-Bürger werden verhaftet. Mindestens 55 Menschen kommen ums Leben. Der 91-jährige Zeitzeuge sagt heute, er empfinde diesen Tag dennoch als „Sieg und nicht als Niederlage“. Der 17. Juni habe der Welt gezeigt, dass die SED mit der Bevölkerung nicht einfach machen konnte, was sie wollte.

 

SED-Volkswacht (Jena) vom 18. Juni 1953. „Zusammenbruch des Abenteuers ausländischer Agenten in Berlin“. ´Quelle: Stadtarchiv Jena

 

Der 17. Juni 1953 war ein Trauma für die Arbeiter- und Bauernregierung. Die SED-Spitze beschloss, Geheimdienst und Sicherheitsapparat massiv aufzurüsten. Bis 1989 hielt das SED-Regime, dann implodierte der SED-Sozialismus, weil Michail Gorbatschow keine Panzer mehr schickte.