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Wiederholt sich alles?

Es war ein kühler Montag im Februar. Im neuen Museum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung am Berliner Anhalter Bahnhof stellt die Journalistin Christiane Hoffmann ihre berührende Vater-Tochter-Geschichte vor. Die stellvertretende Regierungssprecherin berichtet über die Flucht ihres Vaters. Er hatte sich als kleiner Junge mit der Familie in einem schlesischen Dorf zu Fuß auf den Weg gen Westen gemacht, um der vorrückenden Roten Armee zu entkommen. Christiane Hoffmann folgt dem Fluchtweg ihres Vaters – zu Fuß. Das Nachwandern ist Basis für Begegnungen, die aufzeigen, wie tief sich der II. Weltkrieg bis heute in die Seelen der Menschen in der Ukraine, Polen, Tschechischen Republik und bei uns eingegraben hat. Ich hatte Gänsehaut! Keine drei Tage später startet Wladimir Putin seinen „Befreiungs“-Krieg. Aus Vergangenheit wird Gegenwart. Nichts ist vorbei, nichts vergangen. Was heißt das für die Zukunft?

Dieser furchtbarste Krieg seit Ende des Zweiten Weltkriegs markiert tatsächlich einen Epochenbruch. Der russische Überfall hat das verwöhnte Europa in ein neues Licht getaucht. Die Moskauer Führung versucht, die gegebene Ordnung des Kontinents zu zerschlagen. Der neue Alltag heißt: Aufrüstung, Propaganda, „Zeitenwende“, Bruch des Völkerrechts, Flächenbombardements, Massaker, Millionen Flüchtlinge, Nahrungsmittelknappheit, Inflation und Wirtschaftskrise. Brüssel-Europa schaut auf einen Scherbenhaufen seiner gehegten Illusionen. Frieden, Wohlstand und Demokratie in Europa sind akut bedroht. Es scheint keine Lösung zu geben.

 

Christiane Hoffmann auf den Spuren ihres Vaters. Foto: Ekkovon Schwich

 

„Alles, was wir nicht erinnern“, heißt dieses aufmerksame, stille Reisebuch, das in die Vergangenheit von Christiane Hoffmann führt. Sie begibt sich auf die Spuren ihres Vaters Adolf-Walter, der im Januar 1945 als neunjähriger Junge mit seinem gesamten Dorf vor den Russen gen Westen flüchtete. „Zu Fuß? Zu Fuß. – Allein?“ Allein.“  Die meistgestellte Frage an die Wanderin auf ihrem 550 Kilometer langen Fußweg. Vom heimischen schlesischen Rosenthal (heute Rózyna, Polen) bis in die Nähe von Eger (heute Cheb, Tschechische Republik). Dort strandete der Treck im März 1945 im damaligen Sudetenland. Die Rosenthaler sind Sandkörner im Treibgut des großen Hitler-Verbrechens.

Hoffmann erfährt auf ihrer Wanderung: Die Wunden des Krieges sind keineswegs verheilt, höchstens vernarbt. Im Heimatdorf ihres Vaters im heutigen Rózyna leben seit drei Generationen einst aus einem Dorf im Gebiet Lemberg umgesiedelte Bauern, damals UdSSR, heute Ukraine. Das Ende des II. Weltkrieges löste 1945 in Europa eine Völkerwanderung aus. Allein zwölf Millionen Deutsche sind geflüchtet oder wurden vertrieben. Wichtig ist, was Hoffmann notiert: „Alle haben am Krieg gelitten. Deutsche, Russen, Ukrainer, Polen, Tschechen und viele mehr. Keine Familie, in der „niemand ermordet, verschleppt, gefallen, enteignet, vergewaltigt oder vertrieben“ worden ist.

 

 

Hoffmanns Fazit: „Nichts ist vergangen. Die Geschichte ist wie ein Teig, aus dem sich formen lässt, was man will. Alle wollen Opfer sein, Helden oder Opfer, nur nicht Täter“. Und: „Wir Deutschen glauben, dass uns der Geschichtskrieg nichts angeht, den sie im Osten entfesseln. Wir glauben, die Vergangenheit sei vergangen und die Geschichte Geschichte. Wir glauben, dass wir sie aufgearbeitet haben und deshalb nun fein raus sind“.

Wer Christiane Hoffmann persönlich erleben will: Sonntag, 4. September 2022 um 11 Uhr im Alten Gymnasium in Neuruppin.

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Sie kam aus Fürth

Natascha Wodin. Ihr Leben ist ein Roman. 1945 als Flüchtlingskind im fränkischen Fürth geboren. Vater Russe, Mutter Ukrainerin. Wie Millionen andere Zwangsarbeiter nach Hitler-Deutschland verschleppt. Nataschas Mutter schuftete in einem der 35.000 Zwangsarbeiterlager. Sie musste Granaten drehen.  Nach dem Krieg wurden sie nicht mehr gebraucht, in der Sowjetunion als „Kollaborateurin des Kriegsfeindes, als Hure der Deutschen“ beschimpft. 1956 ertränkte sich Nataschas Mutter in einem Fluss, „rechtlos, perspektivlos, zerstört von den Gewalten, in deren Mahlwerk ihr Leben geraten war“. Dieses Schicksal schildert Wodin in ihrem erschütternden Roman und Bestseller „Sie kam aus Mariupol“. Heute ist Natascha Wodin 76 Jahre alt. Und Mariupol wieder umkämpftes Kriegsgebiet.

 

Die Mutter von Natascha Wodin. Eine hochgebildete und musikalische Frau aus Mariupol. Foto: Rowohlt

 

Die ersten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte Wodin unter erbärmlichen Zuständen in einem Lager für Displaced Persons in Forchheim. Nach dem Tod der Mutter steckte ihr Vater, ein Sänger im Kosakenchor, die elfjährige Natascha in ein katholisches Mädchenpensionat. Als sie schließlich zum gewalttägigen Vater zurückkehrte, floh sie in die Obdachlosigkeit. Ohne schulische Abschlüsse schlug sie sich als Telefonistin, Stenotypistin, und Dolmetscherin durch. Ihrem Tagebuch vertraute die Deutsch-Ukrainerin ihre Erlebnisse im Wirtschaftswunderland an. Sie heiratete in erster Ehe ein NPD-Mitglied, dessen Vater Gauleiter war.  Der Scheidungsanwalt erhielt Kenntnis von ihren Tagebüchern und empfahl ihr, Schriftstellerin zu werden. So wurde Wodin zur „späten“ Autorin. Mit vierzig Jahren fing sie an, Texte zu veröffentlichen. Die zweite Ehe ging sie mit dem Leipziger Schriftsteller Wolfgang Hilbig ein. Nach acht Jahren konnte sie sich „aus den Zwängen einer desaströsen Ehe“ befreien. Erst hat sie die neue Freiheit gefeiert, bis diese „am Ende erst langweilig, dann immer deprimierender“ wurde. Seitdem verbringt die Wahl-Berlinerin Weihnachten immer alleine. „Meine alte Kindertraurigkeit“, sagt sie.

 

Natascha Wodin auf der Leipziger Buchmesse 2017. Foto: CC. BY-SA 4.0

 

Den Akt des Schreibens empfindet sie als ein „Schweben über dem Abgrund“. Während sie schreibt, läuft im Hintergrund das Fernsehen. Das lenke sie keineswegs ab, sondern sorge dafür, dass sie „in der Welt bleibt“. Eigentlich wollte sie nichts mehr mit Russland, Ukraine und dem Osten zu tun haben. Doch nach ihrem großen Erfolg „Sie kam aus Mariupol“ legte sie 2021 mit „Nastjas Tränen“ nach. Es ist die Lebensgeschichte ihrer ukrainischen Putzfee: „In ihren Augen, in denen ich einst das Heimweh meiner Mutter gesehen hatte, erkannte ich jetzt die Angst meiner Mutter. Fünfzig Jahre waren inzwischen vergangen, aber die Angst war dieselbe geblieben“. Was ist Natascha Wodin? Deutsche oder Ukrainerin? In ihrem Roman gibt sie Auskunft: „Ich dachte auf Deutsch, ich träumte auf Deutsch, ich schrieb meine Bücher in deutscher Sprache, ich hatte einen deutschen Freundeskreis und kochte deutsch oder wie es mir gerade einfiel, aber jedenfalls nicht ukrainisch“.

 

 

Schade, dass ihre Geschichte über Nastjas Tränen bereits nach 189 Seiten zu Ende ist. Wer Natascha Wodin bei einer Lesung erleben möchte, am 27. August 2022 um 21 Uhr ist Gelegenheit. Wo? Im Alten Gymnasium in Neuruppin

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Breaking the Silence

Vor genau einem Jahr musste sich das Zohra-Frauenorchester in Kabul zurückziehen. Die Musikschule wurde geschlossen. „Ein Leben ohne Musik? Sinnlos“, sagt Zarifa Adiba. Die junge Dirigentin musste sofort flüchten, als die Taliban im August 2021 das Afghanische Nationalinstitut für Musik (ANIM) schlossen. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte fand ein abruptes Ende. Wir berichteten im heute journal. Heute befindet sich in den Räumen der Musikschule die Kommandozentrale des Haqqani-Netzwerks. Das ist eine Organisation, die für die Sicherheit des neuen Regimes zuständig ist. Kurz vor Weihnachten letzten Jahres konnten 273 junge Musik-Schülerinnen und Schüler über eine Zwischenstation in Doha/Katar nach Portugal ausgeflogen werden. Afghanistans einzige Musikschule wurde gerettet und ist seitdem im Exil.

Symphony of Courage. Eine beeindruckende Doku über das Schicksal der Afghanischen Musikschule. Hinweis: Voice of America ist ein von der US-Regierung finanzierter Sender.

 

 

Aus der einzigen Musikschule Afghanistan ging Zohra hervor, das erste Frauenorchester in der Geschichte des Landes. Zohra eroberte von Kabul aus weltweit die Herzen, ob in der Oper von Sydney oder in der Carnegie Hall in New York. Das Frauenorchester wurde auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gefeiert, in Berlin umjubelt und in Stockholm mit dem Polar Music Price, dem inoffiziellen Nobelpreis für Musik, geehrt.

Portugal gab den jungen Afghanen Asyl. Seit dem 14. Februar 2022 ist das ANIM-Institut im Exil wieder geöffnet. In Lissabon wird wieder musiziert, geprobt, gelacht und gemeinsam aufgetreten. Außer der portugiesischen Regierung unterstützen Daniel Barenboim und Sponsoren wie Spotify das Projekt. Die Afghanen sind ein musikliebendes Land. Die Taliban praktizieren als einziges islamisches Land der Welt ein totales Verbot für nicht-religiöse Musik. Nicht einmal der Iran oder Saudi-Arabien gehen derart rigide vor. Einer der Gründe sei das toxische Gebräu, das die Taliban für ihren speziellen Islam zusammenrühren. Ihr Kochlöffel ist die Kalaschnikow, so der Islamwissenschaftler Idris Nasser.

 

Das Afghanistan National Institute of Music (ANIM) wurde 2010 von Dr. Ahmad Sarmast gegründet und ist die erste und einzige Musikschule des Landes. Eine Aufnahme nach der Taliban-Übernahme. Quelle: ANIM

 

Die jungen Afghaninnen und Afghanen wollen musizieren. Sie sind motiviert und wagen im fernen Exil weiter zu träumen. Wird ein Neuanfang gelingen? Vielleicht sogar eines Tages wieder ein Konzert in der Heimat erklingen? Zarifa und alle aus der ANIM-Schule im Exil eint eine Überzeugung: Ohne Musik ist die Welt ein Irrtum. Ihr Leiter Dr. Ahmad Sarmast überlebte ein Attentat. Seine Botschaft: “Musik kann man nicht töten“.

Breaking the Silence ist ihre Botschaft. Wer hört sie noch?

Wer Kindern und Jugendlichen in Afghanistan helfen will, findet bei UNICEF eine passende und seriöse Anlaufstelle.

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Der Überraschungsgast

Sie sitzt auf einem goldenen Stuhl. Eine weiße alte Frau mit Hut und Sonnenbrille. Die Hände konzentriert auf den Armlehnen. Das Klavier setzt ein, die 78-jährige Joni Mitchell wartet auf ihren Einsatz. Dann beginnt sie behutsam das Lied ihres Lebens zu singen. „Rows and flows of angel hair/And ice cream castles in the air/And feather canyons everywhere/Looked at clouds that way… Ein Gänsehaut-Moment. So schön, so klar, so würdevoll. Auch wenn nicht mehr jeder Ton sitzt, die große Dame des Folk ist wieder da. Völlig überraschend, nach langer, lebensgefährlicher Erkrankung an einem Aneurysma. Joni Mitchell zelebriert ihren Song live auf dem legendären Newport Folk Festival. „Both sides now“, ihre melancholisch-optimistische Hymne an das Leben.

 

 

Das Publikum ist ergriffen. Was für ein Moment, die lebende Woodstock-Legende wieder sehen und hören zu können. Unterstützt von der Sängerin Brandi Carlile legt Joni Mitchell einen Auftritt hin, der ähnlich wie bei den Rolling Stones zeigt: Rockstars dürfen eigentlich nicht altern, aber manche können es mit Würde, Leidenschaft und Lebensklugheit. „Ich bin eine Malerin, die Lieder schreibt. Meine Songs sind sehr visuell. Die Wörter erschaffen Szenen – in Cafés und Bars – in düsteren kleinen Zimmern – an vom Mond beschienenen Ufern – in Küchen – in Krankenhäusern und auf Rummelplätzen. Sie ereignen sich in Fahrzeugen – Flugzeugen und Zügen und Autos“, sagte sie 2015. In den letzten Jahrzehnten hatte sich Joni Mitchell nach 22 Alben zurückgezogen. Sie malte, ihre neue Passion.

 

 

Sie sei die beste Songschreiberin von allen gewesen, sagte Graham Nash über die Kanadierin mit dem bürgerlichen Namen Roberta Joan Anderson. Mit neun Jahren fing Joni das Rauchen an, mit zehn erkrankte sie an Kinderlähmung. Ihre linke Hand ist bis heute eingeschränkt. Als Teenagerin brachte sie sich das Gitarrenspiel mit Hilfe eines Pete-Seeger-Songbook bei. Mit 26 Jahren veröffentlicht sie das Album Clouds. Das war ihr Durchbruch. Woodstock verpasst sie im Sommer 1969, weil ihr Manager sie zeitgleich bei Dick Cavett in seiner TV-Talkshow platziert hatte. Als Reaktion komponiert sie ihre eigene Woodstock-Hymne.

 

 

In den Siebziger und Achtzigern experimentiert Joni Mitchell mit Jazz-Musikern der allerersten Garde – von Herbie Hancock über Jaco Pastorius bis Paul Metheney. Legendär ist ihr 1980er Live-Auftritt mit Shadows and Light. Joni übersteht eine Kokain-Sucht. Sie sucht nach neuen Formen, zieht sich aus dem Musikgeschäft zurück, widmet sich zunehmend der Malerei. Ihr bekanntester Song Both Sides Now wurde mittlerweile von über 1.500 Interpreten unterschiedlichster Art gecovert, von Frank Sinatra bis zu den MonaLisa Twins.

In diesem Sommer 2022 sang Joni Mitchell wieder ihr Both Sides Now-Lied, auf dem Newport Folk Festival. Was für ein Lichtstrahl in dunklen Zeiten.

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Der Salz-Fluss

Wer sich der Werra in der Mitte Deutschlands nähert, wundert sich. Auf den ersten Blick überrascht der Fluss mit reiner Idylle. Am Ufer tummeln sich Enten, sogar ein Fischreiher verharrt an den braunen Fluten. Beute machen kann er nicht. Der Reiher hat gelernt, dass in der Werra außer Salzkrebsen nichts zu holen ist. Die Werra ist „der salzigste Fluss Europas“. Die Einheit hat daran nichts geändert. Die Werra ist ein Fluss, der nicht mehr zufriert, „salziger als die Nordsee“. 1976 erreichte die Chlorid-Konzentration mit 40.000 mg/l ihren traurigen Höhepunkt. Nach Stilllegung der DDR-Kaliwerke in Merkers und Bischofferode sank die Belastung auf mittlerweile rund 2.500 mg/l. Der zulässige EU-Grenzwert liegt bei 100mg/l. Die Werra bleibt ökologisch tot. Bis heute ist die Werra keine Erfolgsgeschichte der deutschen Einheit.

In der Nähe von Heringen im thüringischen Werrakreis türmen sich zwei riesige Kaliberge auf. Monte Kalis im Volksmund genannt. Es sind Berge voller Probleme, tonnenweise Salzabfälle aus dem Kaliabbau. Je nach Witterung wechseln die menschengemachten Schutthalden ihr Gewand in Weiß-, Grau- oder Braun-Töne. Nach Plänen des Verursachers, des Düngemittelherstellers Kali +Salz (K&S) aus Kassel sollen die Kunstberge langfristig ein Kleid aus frischem Grün tragen. Naturschützer kritisieren, das Salz der Berge werde bei Regen ausgewaschen und lande am Ende doch wieder in der Werra. Die Kaligruben im Werratal erstrecken sich untertage auf einer Fläche so groß wie München. Längst ist das unterirdisch abgebaute Salz so wertvoll wie im Mittelalter. Der Kaliabbau zur Düngemittelherstellung ist ein Exportschlager. Der Ukraine-Krieg lässt K&S zum großen Gewinner werden.

 

Werra bei Dankmarshausen mit Monte Kali am Horizont. Juli 2022.

 

Die Werra selbst bleibt die große Verliererin. Was hat die deutsche Einheit von 1990 gebracht, um die Flusszerstörung zu stoppen? Dr. Walter Hölzel, Vorsitzender der Werra-Weser-Anrainerkonferenz kommentiert nüchtern: „Es hat sich verbessert. Der Chloridgehalt ist auf den Zustand von 1942 zurückgegangen, wie zur Zeit der Kriegsnotverordnung. Kali & Salz wollte nichts ändern, die Salzabwässer nicht aufarbeiten. Wir wissen, dass das geht, technisch und wirtschaftlich, aber es nichts gemacht worden“. Das bedeutet für die Werra, der Verschmutzungsgrad bewegt sich weiter über dem Zweitausendfachen des Grenzwertes.

Der Salz-Fluss bleibt tot. Aus Sicht der Werra sei „der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus nur einer des Verschmutzungsgrades“, bilanziert die deutsch-amerikanische Umwelthistorikerin Astrid M. Eckert. Hat die Werra noch eine Chance? Werra-Kenner Hölzel: „2003 wurde dem Unternehmen Kali & Salz gestattet, die Wasserhärte von 60 auf 90 Grad deutscher Härte zu erhöhen. Verursacht wird es vor allem durch das Magnesium. Das ist hauptverantwortlich für den schlechten ökologischen Zustand des Flusses, viel mehr als Chlorid“. Das Fazit des Werra-Schützers: „Unter den bislang genehmigten Voraussetzungen wird sich die Qualität des Flusses in den nächsten zweitausend Jahren nicht ändern. Die Werra ist ein hochversalzener Fluss mit einem zerstörten Süßwasser-Ökosystem.“

 

Monte Kali (rechts) bei Heringen, links bei Philippsthal. © CEphoto, Uwe Aranas

 

Salzige Werra. Die Behörden schauen weg, kritisieren Naturschützer. Was wird nun aus den Monte Kalis, die sich immer höher auftürmen? Hölzel: „Das sind Ewigkeitslasten. Sie sollen nicht entfernt werden. Ganz im Gegenteil. Sie sollen sich noch einmal verdoppeln, bis zur Betriebseinstellung“. Die ist für das Jahr 2060 geplant. Dann soll Schluss mit der Kaliförderung sein.

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Viva Santana

Anfang Juli klappte der 75-jährige Musiker einfach zusammen. Mitten im Stück ungefähr nach vierzig Minuten seines Auftritts im Pine Knob Music Theatre in der Nähe von Detroit. „Latin Rock-Legende Carlos Santana ist während eines Konzerts zusammengebrochen“, meldeten die Agenturen. Er habe zu wenig getrunken, hieß es, sei dehydriert. Mittlerweile gehe es ihm wieder gut. Seine Segen und Wunder-Tour 2022 musste unterbrochen werden. Wer in seinen Tourneeplan schaut, wundert sich in der Tat, was der 75jährige Gitarrist leistet. Auf der Bühne bis zum letzten Akkord? Liegt es in seinen Genen? Santana stammt aus einer Musikerfamilie. Geboren und aufgewachsen in Mexiko, lernt er bei seinem Vater zunächst Geige.

 

 

Als seine Eltern 1960 in die USA einwandern, begeistert sich der Teenager in seiner neuen Heimat San Francisco für die Gitarre und B.B. King. Der Vierzehnjährige will Musiker werden – wie sein Vater. Er jammt in Kellern, spielt in Kirchen oder Striptease-Clubs. Rasch entwickelt er einen eigenen Stil, den Latin-Rock. Diesen kombiniert er mit Blues- und Jazzeinflüssen. Mit 22 Jahren wird Santana in einer Dreiviertelstunde weltberühmt. Im Juli 1969 versetzt der Nobody in Woodstock das Publikum in Ekstase. Die junge Band spielt und trommelt sich in einen musikalischen Rausch. Der Woodstock-Filmausschnitt mit Soul Sacrifice ist Legende. Santana: „Es war beängstigend, auf ein Meer von Menschen zu blicken, ohne überhaupt eine Platte auf dem Markt zu haben. Plötzlich stehst du mit auf der Bühne mit Jimi Hendrix, Sly Stone, The Who“.

 

 

Sommer 1970. Ferienlager auf der Nordseeinsel Juist. Ich entdecke den Santana-Sound. Da bin ich zwölf, habe dank meiner zwei älteren Brüder ein wenig Einblick in die neue Rockwelt. „Samba Pa Ti“ „und „Oye Como Va“ werden meine Songs. Ich träume vom ersten Kuss, während mein Bettnachbar auf Mango Jerrys „In the Summertime“ steht. Er hat deutlich mehr Erfolg. Beim Abschlussfest schafft er es bis zum Zungenkuss, mit einem Mädchen aus der älteren Gruppe. Wow! Mir bleibt Santana. Er tröstet mich mit „Evil Ways“ oder „Black Magic Women”. Seitdem folge ich seiner musikalischen Weltreise nach Afrika (Caravanserai) oder Indien (Love, Devotion, Surrender mit John McLaughlin). Ich lese Sätze von ihm wie: „Wenn ich nach Jerusalem reise, spiele ich dort nicht nur für Juden, sondern für alle. Trete ich in St. Quentin auf, dann nicht nur für Mexikaner. Denn ich bin Woodstock und die Vereinten Nationen. Ich repräsentiere keine bestimmte Fahne, sondern Menschlichkeit. Ansonsten ladet mich gar nicht erst ein – denn das ist mir wichtig.“

 

 

Als Santana in den Achtzigern und Neunzigern nur wenig zustande bringt, bin ich trotzdem in der Deutschlandhalle, hänge im Regen in der vollen Waldbühne, über der eine riesige Kifferwolke schwebt. Als Carlos 1999 mit „Supernatural“ ein Comeback feiert, bin ich überrascht. Diesmal Crossover mit Kids aus der Rap- und Soulszene. „Maria, Maria“ und „Smooth“ werden Welthits. Santana verkauft das Album Supernatural 25 Millionen Mal, während die Kitsch-Grenze bedenklich näher rückt. Einige Songs aus dieser Zeit werden in Einkaufszentren gedudelt. Doch: Der bekennende Alt-Hippie Carlos Santana hat Substanz und eine Mission. Seine Botschaft. Musik kann die Welt zu verbessern. Daran glaubt er: „Heilung kommt, wenn du krank vom Kranksein bist“. Mit dem „Healer“ gemeinsam mit Blues-Legende John Lee Hooker zaubert er eine geniale Coproduktion aus dem Hut. „Musik ist nicht Playback. Musik ist Singen mit der Seele“.

 

 

Santana gehört zu meinem Leben, ist Soundtrack seit meiner frühesten Jugend. Natürlich will ich nicht wahrhaben, dass er alt geworden ist. (genau wie ich) Aber wenn ich in stillen Stunden an den ersten Kuss denke, dann beginnt seine Gitarre „Samba Pa Ti“ oder „Europa“ in meinem Kopf zu spielen. Ich beginne zu träumen und denke: Wer, bitte schön, ist Mungo Jerry?

 

75 Jahre Santana. 100 Millionen verkaufte Alben, 10 Grammys und eine Hoffnung: Mit Musik eine bessere Welt schaffen.

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Sax und Bach

Sie steht im Mittelpunkt. Ganz in weiß. Das Ensemble der lautten compagney trägt schwarz. Das Saxofon glänzt golden, sobald Solistin Asya Fateyeva loslegt. Ein Crossover-Abend. Klassische Musik des 17. Jahrhunderts trifft auf Klassiker des 20. Jahrhunderts. Henry Purcell jammt mit den Beatles. Die Saxofonistin schenkt dem Abend Seele, Leidenschaft und Können. Das Beste: Sie spielt ihre Soli, ohne sich als Star zu inszenieren. Faszinierend. Saxofon und Klassik. Geht das? Aber klar doch, wenn Asya ihrem Messing-Gerät den nötigen Atem schenkt. Als die junge Saxofonistin mit der „Alte-Musik-Band“ den Beatles-Oldtimer „When I am 64“ anstimmt, geht ein Raunen durch das Publikum. Die Zielgruppe gluckst selig. Die Babyboomer-Generation schwelgt in Jugendzeiten. Yesterday. Ach, wie schön!

 

 

Asya Fateyeva (*1990), Tochter eines Profifußballers, wächst in Kertsch am östlichsten Zipfel der Krim auf. Ihre Kindheit riecht nach feuchter Salzluft, sagt sie. Mit sechs lernt sie Klavier, dann bringt der Vater ein Saxofon mit nach Hause. „Ich glaube, ich war neun Jahre alt. Ich kann mich gut an den Koffer erinnern. Er war aus blauem Samt, das Saxofon silbern. Er hat sich dann in eine Ecke gestellt, gegen die Wand, um zu üben. Wenn man so spielt, glaubt man, man klingt fantastisch. Die Resonanz ist enorm. Man hat es nicht nur in der Wohnung, sondern im ganzen Haus gehört. Aber beschwert hat sich keiner.“ Asya lernt das Instrument, pendelt zwischen Moskau und der Krim. Sie belegt Kurse am renommierten Gnessin-Institut in Moskau, später im französischen Gap. 2004 zieht die Familie nach Hamburg. Für Asya mit vierzehn Jahren ein Neuanfang.

 

 

Doch ihre Welt ist die Musik. Ihre Heimat das Saxofon: “Musik ist nicht einem einzigen Instrument vorbehalten!” Als klassische Saxofonistin ist sie eine doppelte Außenseiterin. Als Frau mit einem eher typisch männlichen Instrument. Dazu das Vorurteil: Klassisches Sax – geht gar nicht! Der taz sagte sie 2016: „Ich habe noch immer diesen Komplex, dass ich nicht richtig dazugehöre. Dass die anderen hochnäsig auf mein Instrument herabschauen würden. Man kennt diese Zeichnung aus der Nazizeit: Ein Schwarzer spielt Saxofon, davor der Schriftzug „ent-artete Musik“. Sowohl im Dritten Reich als auch in der Sowjetunion war Jazz verboten. Und damit auch das Saxofon. Man hat immer noch diese Vorurteile. Man vergisst leider den Ursprung des Instruments: Mitte des 19. Jahrhunderts, Hochromantik, von dem Belgier Adolphe Sax in Paris patentiert. Es ist wichtig, dass die Leute hören, was das Saxofon kann.“

Asya gewinnt als erste Frau den Internationalen Adolphe Sax-Preis. Der Belgier Sax hatte 1846 seine Erfindung in Paris patentieren lassen. Er baute in seiner Werkstatt mehr als 20.000 Saxofone. 1894 starb er als armer Mann. In den Golden Twenties erlebt sein Saxofon den großen Durchbruch im Jazz. Asya schwärmt von den Möglichkeiten: „Auf dem Saxofon spielt man mit dem Atem. Das ist viel näher dran an einem selbst. Mit mehr Luft spielst du lauter, der Klang vibriert im Körper, man kann mit dem Klang mitleben. Wie ein Sänger.“

 

 

Mittlerweile hat die 32-jährige Künstlerin zahlreiche wichtige Preise abgeräumt. Aber ihre Leidenschaft gehört dem Experimentieren. Sax und Bach, gerne mit der Goldberg-Variation. Sax mit Kurt Weill und der Zuhälter-Ballade. Sax mit Mozart oder Chopin. Anything goes! Ihr Traum? „Selbst Musiker haben Vorurteile gegen das Saxofon und Schranken im Kopf. Wir brauchen mehr Offenheit.“ Asya Fateyeva übt täglich drei Stunden. „Minimum!“  In ihrer Wahlheimat Hamburg ist sie an den Stadtrand gezogen, weil sich Nachbarn beschwert hatten. Keine Frage: Sax ist wild. Sax ist laut. Sax hat Power. Und viel Gefühl. Das beweist jedes Konzert mit Asya Fateyeva. Oh, that Sax!

 

Asya Fateyeva. Foto: Neda Navaee.

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Stimmwunder

Als ich neulich ihre Stimme im Radio hörte, war ich hin und weg. Ein kurzer Live-Auftritt abends, unplugged. Die Stimme hell und klar, ausdrucksvoll, mit großer Bandbreite. Erster Eindruck: Auffallend anders, die Frau kann famos singen und hat mit ihren Texten auch noch etwas zu sagen. Als ich ihren Namen hörte, machte es Klick. Katharina Franck. Da war doch was? Richtig! Die Rainbirds. Eine Berliner Kultband. Unverwechselbarer Gitarrensound. Die Achtziger vor Augen suchte ich im Netz ihren größten Hit: Blueprint. Ihr Durchbruch. Wie Phoenix aus der Asche der ausgebrannten Neuen Deutschen Welle stieg die Band im Herbst 1987 empor. Eine halbe Million verkaufte Alben, lese ich nach, Goldene Schallplatte und Hymnen ohne Ende wie „Sternstunde der deutschen Pop-Musik“. Katharina Franck vorneweg. Markenzeichen Kurzhaarschnitt. Dann war sie weg. Ein Fall, wie man eine Karriere vermeidet?

 

 

Ein Jahr vor dem Mauerfall, sagte Katharina Franck auf dem Höhepunkt der Rainbirds  im Spiegel: „Wir sind irgendwie normal und stellen nicht dar, was wir nicht sind. So etwas überzeugt die Leute. So wie wir aussehen, klingen wir auch“. Die Band brauchte weder Insta-Fotos oder TikTok-Schnickschnack um europaweit bekannt zu werden. Nach zwei langen Sommern brach die Band auseinander. „Es ging damals alles viel zu schnell . . . Wir haben nach außen hin ein sehr klares Gruppenbild abgegeben, aber innen drin gab es große Probleme, weil wir aus dem Proben und Spielen und Interviews geben gar nicht mehr herausgekommen sind. Nach der zweiten Tour war ich auch körperlich einfach am Ende, ich habe mich teilweise durch die Konzerte nur noch hindurch gehustet“.

Katharina Franck machte sich auf eine lange Reise, auf die nicht einfache Suche nach neuen Wegen. Die Diplomatentochter produzierte Hörspiele, experimentierte mit Avantgarde-Künstlern aus dem Umfeld der Einstürzenden Neubauten. Sie veröffentlichte Spoken-Word- Platten, vertonte literarische Größen wie Rilke oder Fontane in Reinhardt Repkes’ „Club der Toten Dichter“. Als Proberäume in Berlin unbezahlbar wurden, zog die gebürtige Düsseldorferin in ein altes Forsthaus bei Neuruppin aufs Land. Auf die Frage, was eine berufliche Alternative wäre, sagte sie einmal: „Schleusenwärterin“. Ihr größter Traum? „Dass die Würde aller Menschen wirklich unantastbar wird“.

 

 

Wenn Katharina Franck singt, dann jubilieren meine Ohren, als würden Regenvögel einen neuen Morgen begrüßen. Auch wenn die Zeit ihrer Hits vorbei sein mag, Katharina Franck ist eine Wiederentdeckung wert. Im September will die bald 69-jährige Künstlerin Neues vorstellen.

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„Ich bin der Waffenhändler der Ukraine“

Update: Am 9. Juli 2022 entließ der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij mit dem Dekret 479/2022 Botschafter Andrij Melnyk. Dies sein ein normaler Vorgang.

Der Mann ist seit Monaten in aller Munde. Andrij Jaroslawowytsch Melnyk. Ukrainischer Botschafter. 46 Jahre. Die „verbale Panzerhaubitze“ Kiews im Westen. Der gebürtige Lwiwer (Lemberger) studierte Chemie, Jura und Internationale Beziehungen und war während der Maidan-Proteste Aktivist. „Ich war der Fahrer des Maidans“. Der ungewöhnlichste Diplomat auf deutschem Boden sagt über sich selbst: „Ich bin ein moderater Mensch. Kein Radikaler. Ich will Menschen überzeugen. Durch die Kraft des Wortes“.

Dabei versteht Melnyk seine Mission als Abwehrkampf eines überfallenen Landes, das um sein Überleben ringt. In dieser Notwehrsituation – „jede zweite ukrainische Familie ist kriegsbetroffen“ – feuert er seine Verbalattacken auf die Trägheit bundesdeutscher Entscheidungsträger, wie es ihm beliebt. Wie einst Trump twittert er gegen die deutsche Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Einen SPD-Politiker titulierte er als „Arschloch“, den Bundespräsidenten als Russenfreund und Verfasser von Friedensappellen als „pseudo-intellektuelle Versager“, die sich „zum Teufel scheren“ sollten. So viel Trommelfeuer war noch nie – von einem Diplomaten.

 

 

Jetzt legte Andriy Melnyk in einem dreistündigen Gespräch bei jung&naiv nach. Im Viertelstundentakt krachte es: „Alle Russen sind meine Feinde“. „Russland hat ein faschistisches System“. „Putin ist schlimmer als Hitler und Stalin“. „Wir haben Merkel naiv vertraut. Das war ein Fehler“. „Ich bin der Waffenhändler der Ukraine“. „Die Menschen aus der Rüstungsindustrie sind die nettesten Menschen, die ich kennenlernen durfte“. „Bandera war kein Massenmörder“.

 

Stepan Bandera. (1909-1959) Ukrainischer Nationalheld oder Nazi-Kollaborateur? Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Bandera? Ein Name, ein Mythos, ein Streitfall. Wer ist dieser Stepan Bandera? National-Held oder Nazi-Halunke? Der Priestersohn aus Staryj Uhryniw, Ostgalizien wurde 1909 in das zerfallende Habsburger Reich hineingeboren. Seine Jugend erlebte er als Angehöriger der ukrainischen Minderheit im neuen Polen. Der glänzende Redner stieg 1933 zum Prowidnyk, zum Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) auf. Die militante OUN-Bewegung orientierte sich an ihren Vorbildern Hitler und Mussolini. Sie wollten einen unabhängigen, homogenen ukrainischen Staat ohne Juden und Polen. Aus diesem Grund ermordete die OUN 1934 den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki. Bandera wurde verurteilt.

Bandera erklärte, dass im Kampf um die Freiheit der Ukraine „nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden müssen“. Nach dem Hitler-Überfall auf Stalins Sowjetunion sah Bandera seine Stunde gekommen. Er proklamierte am 30. Juni 1941 in Lemberg einen neuen Staat, doch Hitler verweigerte dieser Ukraine die Aufnahme in sein „Neues Europa“. Hitler hatte völlig andere Pläne und ließ ihn verhaften. Bis Herbst 1944 war Bandera Sonderhäftling in Sachsenhausen, allerdings mit Wohnzimmer, Teppich und einer Versorgung, von der andere KZ-Häftlinge nur träumen konnten.

 

Lemberger Pogrom Anfang Juli 1941. Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Die Bilanz von Banderas Freiheitskampf? Seine Milizen töteten im Juli 1941 in Lemberg Zehntausende Juden und im März 1943 rund 100.000 Polen. Zehntausende vertrieben sie aus der Westukraine. Bandera hatte persönlich nichts damit zu tun. Doch die OUN-Milizen, die an Massakern, Deportationen und Vertreibungen beteiligt waren, betrachteten ihn als ihren Prowidnyk, ihren Führer, wie u.a. der polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe in seiner Promotion nachwies.

 

Feierstunde zu Ehren Stepan Banderas in München am 17.10.2009 Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Nach dem II. Weltkrieg setzte sich in der Ukraine der brutale Partisanenkrieg mit mehr als Hunderttausend Todesopfern bis in die 50er Jahre fort. Stepan Bandera unterstützte diesen Kampf aus seinem deutschen Exil. Nach den tödlichen Schüssen durch den KGB-Agenten Bohdan Staschinski am 15. Oktober 1959 in München erreichte der Bandera-Kult neuen Auftrieb. Seit dem Ende der Sowjetunion wurden in der Westukraine 46 Denkmäler für Bandera aufgestellt. In der Ostukraine und besonders im Putin-Russland wird er hingegen als Verräter und Faschist wahrgenommen. Für Botschafter Andrij Melnyk ist der 2010 zum „Helden der Ukraine“ ernannte Lemberger der „Inbegriff des Freiheitskämpfers“. Als eine seiner ersten Amtshandlungen in Deutschland besuchte er im April 2015 dessen Grab im Waldfriedhof von München.

US-Historiker Timothy Snyder in Prag über Stepan Bandera.

https://youtu.be/cke7G5_2-ak

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Jenseits der Documenta

Ein Freund von mir ist verzweifelt. In seiner Heimat Äthiopien tobt seit Jahren ein grausamer Krieg. Niemand schaut hin. Er schreibt, allein letzte Woche seien mittlerweile „1.200 Angehörige seines Amhara-Volkes ermordet“ worden. Abgeschlachtet, „erschossen wie Hühner“, schreibt die US-Agentur Associated Press. Ich wusste davon nichts. Immerhin haben zwei österreichische Blätter den Massenmord an Amharas gemeldet. Es soll sich um Mordkommandos der OROMO-Milizen handeln, die offenbar unter Billigung von Premier Abyi Ahmed im bitterarmen Vielvölkerstaat vorgehen. Premier Abyi ist Friedensnobelpreisträger von 2019.

Er galt bisher als Hoffnungsträger, als „der Gorbatschow“ des geschundenen Landes am Horn von Afrika. In Deutschland hat keine einzige große Zeitung diese Meldung abgedruckt. Hierzulande dominierte die Documenta die Schlagzeilen. Der Rest unserer Aufmerksamkeitsökonomie verteilte sich auf Ukraine-Krieg, explodierende Gaspreise, Pandemie, Hitze und Waldbrände. Mein Freund schreibt: „Es ist einfach furchtbar. Zum Heulen. Wir sind … machtlos!“

 

Protest der kleinen Amhara-Community vor dem Berliner Kanzleramt. Er blieb bislang ungehört.

 

Gleichgültigkeit kann auch töten. Völlig klar ist, dass kein Mensch die vielen Krisen der Welt auch nur annähernd wahrnehmen kann. Daher sind immer wieder Mutige erforderlich, die an ihre Aufgabe und an eine sinnvolle Sache im Leben glauben. Es gibt die wunderbare Geschichte von Johann Franck aus der Armeleuteregion Lausitz. Der Gubener liebte seine Heimat und dichtete als Jurist nebenbei Lieder. Die Zeiten, in denen er lebte, waren niederschmetternd. Mitten im Dreißigjährigen Krieg griff er zur Feder. Mitteleuropa war verwüstet. Mehr als Hälfte seiner Zeitgenossen fiel dem Religionskrieg (1618 bis 1648) zum Opfer. Sie wurden abgeschlachtet, vergewaltigt, gerädert oder fielen der Pest anheim. Hobbydichter Franck wollte gegen die Volksverhetzer ein Zeichen setzen. Also dichtete er aus vollem Herzen:

„Trotz dem alten Drachen, trotz des Todes Rachen, trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh“.

Franck gehörte zu den unbeugsamen Menschen, deren Gewissen nicht schwieg. Er handelte in der Überzeugung, dass zu Lebzeiten der Feind des Menschen eben nicht der Tod, sondern das irdische Unrecht ist. Der Choral Jesu meine Freude, das Protest- und Anti-Unrechtlied des längst vergessenen brandenburgischen Dichters Jonathan Franck wurde hundert Jahre später vertont. Kein geringerer als Johann Sebastian Bach nahm sich seinem Aufschrei an. Eine Motette, die seitdem millionenfach erklungen ist.

 

 

Mein Freund aus Äthiopien ist gläubiger Christ. Für ihn mag diese kleine Anekdote aus unserem 30-jährigen Krieg ein schwacher Trost sein. Aber vielleicht findet sich jemand, der seine Klage weiterträgt. Die Klage der Amharas. „Wir sind … machtlos!“ Mein Freund wird mit ein paar mutigen Getreuen in Garmisch-Patenkirchen am Rande der Sperrzone des G7-Gipfeltreffens gegen Krieg und Massenmorde in seiner Heimat Äthiopien demonstrieren.

 

Wer mehr über die Lage der Amharas in Äthiopien erfahren will, kann hier erste Informationen erhalten.