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Väterchen Russland! Was machst Du?

„Was ist mit Russland passiert? Seit dieser Krieg im Februar 2022 begonnen hat, haben mir viele Leserinnen und Leser aus der Ukraine geschrieben. Sie haben mir Fotografien von U-Bahnhöfen aus Kiew und Charkiw geschickt, die sich bei russischen Artillerie- und Bombenangriffen in unterirdische Bunker und Städte verwandelten und in denen Menschen zum Teil wochen- und monatelang gehaust haben. Sie schrieben mir: »Sehen Sie, Dmitry, Sie haben das alles vorausgesagt. Wir leben jetzt in Ihrem Buch Metro 2033.« Natürlich habe ich, wie wir alle, diesen Krieg nicht voraussehen können. Sicher, ich habe mir mit großer Begeisterung apokalyptische Szenarien ausgemalt, aber dabei nie wirklich daran geglaubt, dass eine so ungeheuerliche Barbarei, eine so sinnlose Grausamkeit im 21. Jahrhundert möglich sein könnte und dass sich ein Volk so einfach von unsäglichen Propagandalügen in die Irre führen lässt. Doch dieser Krieg ist tatsächlich ausgebrochen und dauert nun schon viele Monate an. Und begonnen hat ihn Russland, mein Heimatland.“

 

Dmitry Glukovsky. Seine Science-Fiction-Trilogie „Metro 2033, Metro 2034, Metro 2035“ wird Realität. Er wünscht seinem unglückseligen Land „keine Niederlage, aber Heilung und Austreibung der Dämonen“. Foto: Michael Förtsch

 

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Auszüge aus dem Vorwort von „Geschichten aus meiner Heimat“ von Dmitry Glukhovksky. Jahrgang 1979. Geboren in Moskau. Weltbürger. Sprachgenie. Ausbildung als Journalist in Jerusalem. Mitarbeiter bei Russia-Today. Bestsellerautor der SF-Romane Metro 2033-35. (Trilogie über seine Heimat Russland. Story spielt nach einem Atomkrieg in der Moskauer U-Bahn) Mitverfasser einer Anti-Kriegs-Petition vom März 2022, die eine Million Russen unterzeichnet haben. Seit dem 7. Juni 2022 auf Putins Fahndungsliste. Glukhovsky lebt mittlerweile im Exil.

Am 19.10.2022 erscheint sein neues Buch: „Geschichten aus der Heimat“.

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„Was sind das für Dämonen? Jeder russische Schriftsteller, der etwas auf sich hält, macht sich irgendwann einmal Gedanken über das »Schicksal des Vaterlands«. Denkt darüber nach, warum in Russland immer alles anders ist »als bei normalen Leuten«.

(…)

Diese Krankheit hat einen Namen: Mythomanie. Mythomanie einerseits im Sinne einer obsessiven Faszination für Mythen, mit denen die harte, hässliche, unerträgliche, oft genug auf tragische Weise erbärmliche Wirklichkeit verschleiert werden soll – und andererseits in psychologisch-medizinischem Sinne: Mythomanie als ein unbeherrschbares Verlangen zu lügen und sich zu verstellen, selbst wenn die Lüge offensichtlich und für alle zu erkennen ist, ja, selbst dann noch zu lügen, wenn einem daraus nur Nachteile entstehen. Die Antwort auf die Frage: »Wie konnte Russland von einem demokratischen Staat zu einer totalitären, neosowjetischen Diktatur werden?«, lautet: Russland ist nie eine Demokratie gewesen und ist heute auch keine totalitäre Diktatur.

 

Geschichten aus der Heimat von Dmitry Glukhovsky. Erscheint in Deutschland am 19.10.2022

 

In den dreißig Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion ist mein Land stets eine durch und durch korrupte Bananenrepublik – vergleichbar mit gewissen lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten – gewesen und bis heute geblieben, nur dass es statt Bananen Öl und Gas verkauft und damit den Rest der Welt erpresst. Die Leute, die durch Zufall ans Ruder der Macht gekommen sind, allesamt Versager und absolutes Mittelmaß, haben sich am wunden Euter dieser einst so bedeutenden Weltmacht festgekrallt und sie bis auf den letzten Tropfen gemolken. Und genau diese Günstlinge des Schicksals, diese selbsternannten Zaren versuchen sich nun mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verewigen und das Volk von der sakralen Natur ihrer Macht zu überzeugen. Gerade weil sie sich bewusst sind, dass ihre Macht reiner Zufall ist, sind sie jetzt so peinlich bemüht, ihren eigentlich völlig nackten Hintern mit heldenhaften Mythen zu verhüllen. Anfangs versuchten sie sich noch wie ein progressiver, moderner, demokratischer Staat zu gerieren. Jetzt mühen sie sich ab, unsere Bananenrepublik als schaurigen Wiedergänger einer Sowjetunion Stalinscher Prägung zu inszenieren. (…)

 

 

„Doch auch das ist Russland: meine unglückliche, unfassbare Heimat, in die ich möglicherweise nie mehr zurückkehren kann. Mein Land, dem ich in seinem sinnlosen Kampf gegen den Rest der Welt keine Niederlage wünsche, sondern Heilung, Austreibung der Dämonen, die von ihm Besitz ergriffen haben, Buße für das, was es der Ukraine angetan hat und antut, und Aussöhnung mit sich selbst“.

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Liebling Kreuzberg

Eine kleine Gruppe versammelt sich in Riehmers Hofgarten. Im Vorzeige-Kreuzberg. Es gibt drei Reden. Es spricht der Kultursenator, der Sponsor und der Biograf. Danach schreitet die kleine Schar zum Ort des Geschehens. Hauseingang Hagelbergerstraße 10c, gut geschützt vom Lärm der Großstadt. Die Witwe enthüllt eine Tafel, auf der steht: „Hier wohnte von 1980 bis 1994 Jurek Becker. Drehbuchautor, freier Schriftsteller“. Die Umstehenden applaudieren, stoßen mit Sekt an. Wer? Jurek Becker! Die neue Kreuzberger Tafel hilft. Sie berichtet von „Jakob der Lügner“ und „Liebling Kreuzberg“. Das eine war ein Welterfolg, verfilmt in der DDR und für den Oskar nominiert. Das andere war eine erfolgreiche Fernsehserie. Manfred Krug als kauziger Anwalt, der komplizierte Fälle löst und grünen Wackelpudding liebt. Manfred Krug und Jurek Becker waren unzertrennliche, beste Freunde.

 

Berlin-Kreuzberg. Christine Becker enthüllt die neue Gedenktfel für ihren verstorbenen Mann Jurek Becker.

 

Auf der Messingtafel steht: „Jurek Becker. 30.09.1937 – 14.03.1997“. Dabei ist das Geburtsdatum Spekulation. Nicht einmal Becker wusste genau, wann er geboren wurde. Der Grund: Sein Vater schummelte bei seinem Geburtsdatum, um das kleine Judenkind in den Nazi-Lagern vor Schlimmeren zu bewahren. Vater und Sohn überlebten den Holocaust getrennt in verschiedenen Lagern. Über zwanzig Familienangehörige gingen ins Gas, auch Jureks Mutter starb, an Entkräftung kurz nach Kriegsende. Nach der Befreiung erzog Vater Becker seinen Sohn zu einem „guten Kommunisten“. Lagerkind Jurek sprach kein Wort Deutsch, nur polnisch. Erst mit neun Jahren wurde er eingeschult. Die deutsche Sprache wurde seine neue Heimat. So wuchs der kleine Ghetto-Junge aus Lodz in die DDR hinein. FDJ, SED, zwei Jahre Kasernierte Volkspolizei (Vorgänger der NVA), Philosophie-Studium an der Humboldt-Uni. Bis zum Einmarsch der Sowjets in Prag 1968 übte er „unbedingte Loyalität“. Dann verließ er den realsozialistischen Pfad.

 

Ein Prosit auf den Dichter Jurek Becker. (1937-1997)

 

Becker flüchtete in die Literatur. Nur hier gab es „noch Meinungsverschiedenheiten“, konnten aus Biografien Menschen werden. So erfand er Jakob, den Lügner. Der kleine Ghettojunge macht seinen angstgeschüttelten, eingepferchten und verzweifelten Mitbewohnern Mut. Jakob besitzt ein Radio, hört heimlich „Feindsender“ und berichtet, die Front der Befreier rücke ständig vor. Die Rettung sei nah. Doch das Radio gibt es nicht. Jakob ist ein Lügner. Fälschen im Namen der Menschlichkeit. Jakob der Lügner ist ein „in der Hölle spielendes Märchen“ (Louis Begley). Auch Lügner können Helden sein, wenn sie Menschen mit ihren Illusionen Hoffnung machen. Becker über seine Rolle als Autor: „Ich versuche es mit Worten, sonst habe ich nichts.“

 

Ehrung für einen Dichter, der „Liebling Kreuzberg“ erfand. Eine Fernseharbeit, die „mich ungefähr so befriedigt wie ein Sturz aus dem Fenster … sie lässt mich andererseits so viel Geld verdienen, dass mir das Romane-Schreiben plötzlich wie eine rührende Freizeitbeschäftigung vorkommt“.

 

Mit dem erstarrten Denkverbot-System der DDR konnte Becker nie klarkommen. Nach Biermann-Ausbürgerung und Ausschluss von Dichterkollegen Reiner Kunze verließ er Ende der siebziger Jahre erst den Schriftstellerverband, dann die DDR. Jedoch mit einem seltenen Privileg. Der bei den Mächtigen ins Abseits geratene Schriftsteller erhielt ein Dauervisum, wurde ein Dichter mit zwei deutschen Pässen. „Wenn ich schon die Schnauze halten soll, dann halte ich sie lieber auf den Bahamas.“ Aus der Südseeinsel wurde nichts, stattdessen fand er eine Bleibe im eher vornehmen Kreuzberger Hinterhof – in der Hagelbergerstraße 10c, an der jetzt die neue Tafel prangt.

 

 

Was hätte er zum kleinen Festakt gesagt? Der Mann, der Sport und Jazz über alles liebte, der ein begeisterter Postkartenschreiber war. Wir wissen es nicht. Aber alles Staatstragende war ihm eher verdächtig und vielmehr Material für Spott und Ironie. In „Irreführung der Behörden“ oder im „Jakob“ lässt sich vieles neu entdecken. Das Finale des kleinen Festakts „in einer Gegend, die mir sehr behagt, sehr lebendig“ (Originalton Becker) hätte ihm wohl gefallen.  So versammelten sich Freunde nach der Enthüllung in der Osteria um die Ecke – seinem Lieblingsitaliener in Kreuzberg.

 

Wer mehr erfahren will. Hier eine TV-Doku des Bayrischen Rundfunks über Jurek Becker mit überraschenden Alltagsbildern aus der Wendezeit 1989/90:

 

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Früchte des Zorns

Tom Joad ist einer von vielen. Der Farmer versucht seine Familie durchzubringen. Doch die Dürre drückt seine Erträge. Die Bank fordert Schuldzinsen, der Grundbesitzer die Pacht. Irgendwann geht es nicht mehr. Die Familie verliert ihr Land an die Bank. Auf einem Handzettel wird gut bezahlte Arbeit im Westen angeboten. Die Rettung? Tom Joad lädt seine ganze Familie auf einen schrottreifen LKW. Großeltern, Onkel, Söhne, schwangere Tochter, ihren Mann, deren Kinder und einen mittellosen Wanderprediger. Der Treck startet in Oklahoma. Immer weiter kämpfen sie sich durch Sandstürme Richtung Gelobtes Land. Während der beschwerlichen Reise sterben die Großeltern. Die Joads gehören zu den vielen Hundertausend US-Bürgern, die statt der goldenen Freiheit von der Großen Depression überrollt werden. Es ist die Weltwirtschaftskrise von 1929. Mit einer vom Menschen mitverursachten Dürre und dem Börsenkrach, der wirtschaftlichen Katastrophe des „Schwarzen Freitags“. Tom Joads letzte Hoffnung hat einen Namen: Kalifornien.

 

Erbsenpflückerin Florence Owens. Mutter von sieben Kindern. Alter: zweiunddreißig. Nipomo, California. 1936. Foto Dorothea Lange

 

Wie viele andere so genannte Okies ziehen sie über die Route 66 nach Kalifornien . Die Joads wollen dort als Wanderarbeiter einen Neuanfang wagen. Doch statt  guter Jobs erleben sie nur Ausbeutung,  Ablehnung und neue Armut. Vater Tom ist niedergeschlagen, verliert jedes Selbstbewusstsein. Mutter Joads versucht verzweifelt die Familie zusammenzuhalten. Doch in Kalifornien bleiben sie Außenseiter. Entwurzelt, rechtlos, chancenlos. Fremd im eigenen Land. Sie sind die Migranten, die den Einheimischen die Arbeit wegnehmen wollen. Am Ende strandet die Familie in einem Notlager. Tom gibt nicht auf, schlüpft allmählich in die Rolle des Wanderpredigers, der gegen Armut und Ungerechtigkeit zu Felde zieht. Die Tochter verliert ihr Baby. Am Ende gibt Rose einem verhungernden fremden Mann die Brust.

 

John Steimbecks US-Erstausgabe von „Früchte des Zorns“ aus dem Jahre 1939.

 

Früchte des Zorns von John Steinbeck erschien 1939. Sein aufsehenerregender Roman über Tom Joad traf den Nerv einer verunsicherten, krisengeschüttelten Gesellschaft. In den USA wurde John Steinbeck zunächst zum Hassobjekt von Großgrundbesitzern und radikalen Rechten. Es gab Morddrohungen und Bücherverbrennungen. Doch die Geschichte von Tom Joad setzte sich durch, wurde ein Bestseller. Steinbeck erhielt erst den Pulitzer-Preis und später den Nobelpreis.

 

 

Hollywood verfilmte seine Anklage an die amerikanischen Verhältnisse mit Henry Fonda in der Hauptrolle. Längst sind Buch und Film Klassiker. Folksänger Woody Guthire widmete Tom Joad eine Ballade, die gleichfalls berühmt wurde. Bruce Springsteen nannte 1995 sein ganzes Album The Ghost of Tom Joad. Der Titelsong wurde später von Rage Against the Machine und vielen anderen Künstlern gecovert. In diesen Tagen ist das Lied wieder so aktuell wie das Buch und der Film, weil sich die Wirklichkeit für hart arbeitende Menschen in einfachen Jobs nicht geändert hat: So viele Wanderarbeiter ziehen weltweit umher und erleben statt Hoffnung und der Aussicht auf gute Jobs die „Früchte des Zorns“.

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Wiederholt sich alles?

Es war ein kühler Montag im Februar. Im neuen Museum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung am Berliner Anhalter Bahnhof stellt die Journalistin Christiane Hoffmann ihre berührende Vater-Tochter-Geschichte vor. Die stellvertretende Regierungssprecherin berichtet über die Flucht ihres Vaters. Er hatte sich als kleiner Junge mit der Familie in einem schlesischen Dorf zu Fuß auf den Weg gen Westen gemacht, um der vorrückenden Roten Armee zu entkommen. Christiane Hoffmann folgt dem Fluchtweg ihres Vaters – zu Fuß. Das Nachwandern ist Basis für Begegnungen, die aufzeigen, wie tief sich der II. Weltkrieg bis heute in die Seelen der Menschen in der Ukraine, Polen, Tschechischen Republik und bei uns eingegraben hat. Ich hatte Gänsehaut! Keine drei Tage später startet Wladimir Putin seinen „Befreiungs“-Krieg. Aus Vergangenheit wird Gegenwart. Nichts ist vorbei, nichts vergangen. Was heißt das für die Zukunft?

Dieser furchtbarste Krieg seit Ende des Zweiten Weltkriegs markiert tatsächlich einen Epochenbruch. Der russische Überfall hat das verwöhnte Europa in ein neues Licht getaucht. Die Moskauer Führung versucht, die gegebene Ordnung des Kontinents zu zerschlagen. Der neue Alltag heißt: Aufrüstung, Propaganda, „Zeitenwende“, Bruch des Völkerrechts, Flächenbombardements, Massaker, Millionen Flüchtlinge, Nahrungsmittelknappheit, Inflation und Wirtschaftskrise. Brüssel-Europa schaut auf einen Scherbenhaufen seiner gehegten Illusionen. Frieden, Wohlstand und Demokratie in Europa sind akut bedroht. Es scheint keine Lösung zu geben.

 

Christiane Hoffmann auf den Spuren ihres Vaters. Foto: Ekkovon Schwich

 

„Alles, was wir nicht erinnern“, heißt dieses aufmerksame, stille Reisebuch, das in die Vergangenheit von Christiane Hoffmann führt. Sie begibt sich auf die Spuren ihres Vaters Adolf-Walter, der im Januar 1945 als neunjähriger Junge mit seinem gesamten Dorf vor den Russen gen Westen flüchtete. „Zu Fuß? Zu Fuß. – Allein?“ Allein.“  Die meistgestellte Frage an die Wanderin auf ihrem 550 Kilometer langen Fußweg. Vom heimischen schlesischen Rosenthal (heute Rózyna, Polen) bis in die Nähe von Eger (heute Cheb, Tschechische Republik). Dort strandete der Treck im März 1945 im damaligen Sudetenland. Die Rosenthaler sind Sandkörner im Treibgut des großen Hitler-Verbrechens.

Hoffmann erfährt auf ihrer Wanderung: Die Wunden des Krieges sind keineswegs verheilt, höchstens vernarbt. Im Heimatdorf ihres Vaters im heutigen Rózyna leben seit drei Generationen einst aus einem Dorf im Gebiet Lemberg umgesiedelte Bauern, damals UdSSR, heute Ukraine. Das Ende des II. Weltkrieges löste 1945 in Europa eine Völkerwanderung aus. Allein zwölf Millionen Deutsche sind geflüchtet oder wurden vertrieben. Wichtig ist, was Hoffmann notiert: „Alle haben am Krieg gelitten. Deutsche, Russen, Ukrainer, Polen, Tschechen und viele mehr. Keine Familie, in der „niemand ermordet, verschleppt, gefallen, enteignet, vergewaltigt oder vertrieben“ worden ist.

 

 

Hoffmanns Fazit: „Nichts ist vergangen. Die Geschichte ist wie ein Teig, aus dem sich formen lässt, was man will. Alle wollen Opfer sein, Helden oder Opfer, nur nicht Täter“. Und: „Wir Deutschen glauben, dass uns der Geschichtskrieg nichts angeht, den sie im Osten entfesseln. Wir glauben, die Vergangenheit sei vergangen und die Geschichte Geschichte. Wir glauben, dass wir sie aufgearbeitet haben und deshalb nun fein raus sind“.

Wer Christiane Hoffmann persönlich erleben will: Sonntag, 4. September 2022 um 11 Uhr im Alten Gymnasium in Neuruppin.

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Sie kam aus Fürth

Natascha Wodin. Ihr Leben ist ein Roman. 1945 als Flüchtlingskind im fränkischen Fürth geboren. Vater Russe, Mutter Ukrainerin. Wie Millionen andere Zwangsarbeiter nach Hitler-Deutschland verschleppt. Nataschas Mutter schuftete in einem der 35.000 Zwangsarbeiterlager. Sie musste Granaten drehen.  Nach dem Krieg wurden sie nicht mehr gebraucht, in der Sowjetunion als „Kollaborateurin des Kriegsfeindes, als Hure der Deutschen“ beschimpft. 1956 ertränkte sich Nataschas Mutter in einem Fluss, „rechtlos, perspektivlos, zerstört von den Gewalten, in deren Mahlwerk ihr Leben geraten war“. Dieses Schicksal schildert Wodin in ihrem erschütternden Roman und Bestseller „Sie kam aus Mariupol“. Heute ist Natascha Wodin 76 Jahre alt. Und Mariupol wieder umkämpftes Kriegsgebiet.

 

Die Mutter von Natascha Wodin. Eine hochgebildete und musikalische Frau aus Mariupol. Foto: Rowohlt

 

Die ersten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte Wodin unter erbärmlichen Zuständen in einem Lager für Displaced Persons in Forchheim. Nach dem Tod der Mutter steckte ihr Vater, ein Sänger im Kosakenchor, die elfjährige Natascha in ein katholisches Mädchenpensionat. Als sie schließlich zum gewalttägigen Vater zurückkehrte, floh sie in die Obdachlosigkeit. Ohne schulische Abschlüsse schlug sie sich als Telefonistin, Stenotypistin, und Dolmetscherin durch. Ihrem Tagebuch vertraute die Deutsch-Ukrainerin ihre Erlebnisse im Wirtschaftswunderland an. Sie heiratete in erster Ehe ein NPD-Mitglied, dessen Vater Gauleiter war.  Der Scheidungsanwalt erhielt Kenntnis von ihren Tagebüchern und empfahl ihr, Schriftstellerin zu werden. So wurde Wodin zur „späten“ Autorin. Mit vierzig Jahren fing sie an, Texte zu veröffentlichen. Die zweite Ehe ging sie mit dem Leipziger Schriftsteller Wolfgang Hilbig ein. Nach acht Jahren konnte sie sich „aus den Zwängen einer desaströsen Ehe“ befreien. Erst hat sie die neue Freiheit gefeiert, bis diese „am Ende erst langweilig, dann immer deprimierender“ wurde. Seitdem verbringt die Wahl-Berlinerin Weihnachten immer alleine. „Meine alte Kindertraurigkeit“, sagt sie.

 

Natascha Wodin auf der Leipziger Buchmesse 2017. Foto: CC. BY-SA 4.0

 

Den Akt des Schreibens empfindet sie als ein „Schweben über dem Abgrund“. Während sie schreibt, läuft im Hintergrund das Fernsehen. Das lenke sie keineswegs ab, sondern sorge dafür, dass sie „in der Welt bleibt“. Eigentlich wollte sie nichts mehr mit Russland, Ukraine und dem Osten zu tun haben. Doch nach ihrem großen Erfolg „Sie kam aus Mariupol“ legte sie 2021 mit „Nastjas Tränen“ nach. Es ist die Lebensgeschichte ihrer ukrainischen Putzfee: „In ihren Augen, in denen ich einst das Heimweh meiner Mutter gesehen hatte, erkannte ich jetzt die Angst meiner Mutter. Fünfzig Jahre waren inzwischen vergangen, aber die Angst war dieselbe geblieben“. Was ist Natascha Wodin? Deutsche oder Ukrainerin? In ihrem Roman gibt sie Auskunft: „Ich dachte auf Deutsch, ich träumte auf Deutsch, ich schrieb meine Bücher in deutscher Sprache, ich hatte einen deutschen Freundeskreis und kochte deutsch oder wie es mir gerade einfiel, aber jedenfalls nicht ukrainisch“.

 

 

Schade, dass ihre Geschichte über Nastjas Tränen bereits nach 189 Seiten zu Ende ist. Wer Natascha Wodin bei einer Lesung erleben möchte, am 27. August 2022 um 21 Uhr ist Gelegenheit. Wo? Im Alten Gymnasium in Neuruppin

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Breaking the Silence

Vor genau einem Jahr musste sich das Zohra-Frauenorchester in Kabul zurückziehen. Die Musikschule wurde geschlossen. „Ein Leben ohne Musik? Sinnlos“, sagt Zarifa Adiba. Die junge Dirigentin musste sofort flüchten, als die Taliban im August 2021 das Afghanische Nationalinstitut für Musik (ANIM) schlossen. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte fand ein abruptes Ende. Wir berichteten im heute journal. Heute befindet sich in den Räumen der Musikschule die Kommandozentrale des Haqqani-Netzwerks. Das ist eine Organisation, die für die Sicherheit des neuen Regimes zuständig ist. Kurz vor Weihnachten letzten Jahres konnten 273 junge Musik-Schülerinnen und Schüler über eine Zwischenstation in Doha/Katar nach Portugal ausgeflogen werden. Afghanistans einzige Musikschule wurde gerettet und ist seitdem im Exil.

Symphony of Courage. Eine beeindruckende Doku über das Schicksal der Afghanischen Musikschule. Hinweis: Voice of America ist ein von der US-Regierung finanzierter Sender.

 

 

Aus der einzigen Musikschule Afghanistan ging Zohra hervor, das erste Frauenorchester in der Geschichte des Landes. Zohra eroberte von Kabul aus weltweit die Herzen, ob in der Oper von Sydney oder in der Carnegie Hall in New York. Das Frauenorchester wurde auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gefeiert, in Berlin umjubelt und in Stockholm mit dem Polar Music Price, dem inoffiziellen Nobelpreis für Musik, geehrt.

Portugal gab den jungen Afghanen Asyl. Seit dem 14. Februar 2022 ist das ANIM-Institut im Exil wieder geöffnet. In Lissabon wird wieder musiziert, geprobt, gelacht und gemeinsam aufgetreten. Außer der portugiesischen Regierung unterstützen Daniel Barenboim und Sponsoren wie Spotify das Projekt. Die Afghanen sind ein musikliebendes Land. Die Taliban praktizieren als einziges islamisches Land der Welt ein totales Verbot für nicht-religiöse Musik. Nicht einmal der Iran oder Saudi-Arabien gehen derart rigide vor. Einer der Gründe sei das toxische Gebräu, das die Taliban für ihren speziellen Islam zusammenrühren. Ihr Kochlöffel ist die Kalaschnikow, so der Islamwissenschaftler Idris Nasser.

 

Das Afghanistan National Institute of Music (ANIM) wurde 2010 von Dr. Ahmad Sarmast gegründet und ist die erste und einzige Musikschule des Landes. Eine Aufnahme nach der Taliban-Übernahme. Quelle: ANIM

 

Die jungen Afghaninnen und Afghanen wollen musizieren. Sie sind motiviert und wagen im fernen Exil weiter zu träumen. Wird ein Neuanfang gelingen? Vielleicht sogar eines Tages wieder ein Konzert in der Heimat erklingen? Zarifa und alle aus der ANIM-Schule im Exil eint eine Überzeugung: Ohne Musik ist die Welt ein Irrtum. Ihr Leiter Dr. Ahmad Sarmast überlebte ein Attentat. Seine Botschaft: “Musik kann man nicht töten“.

Breaking the Silence ist ihre Botschaft. Wer hört sie noch?

Wer Kindern und Jugendlichen in Afghanistan helfen will, findet bei UNICEF eine passende und seriöse Anlaufstelle.

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Der Überraschungsgast

Sie sitzt auf einem goldenen Stuhl. Eine weiße alte Frau mit Hut und Sonnenbrille. Die Hände konzentriert auf den Armlehnen. Das Klavier setzt ein, die 78-jährige Joni Mitchell wartet auf ihren Einsatz. Dann beginnt sie behutsam das Lied ihres Lebens zu singen. „Rows and flows of angel hair/And ice cream castles in the air/And feather canyons everywhere/Looked at clouds that way… Ein Gänsehaut-Moment. So schön, so klar, so würdevoll. Auch wenn nicht mehr jeder Ton sitzt, die große Dame des Folk ist wieder da. Völlig überraschend, nach langer, lebensgefährlicher Erkrankung an einem Aneurysma. Joni Mitchell zelebriert ihren Song live auf dem legendären Newport Folk Festival. „Both sides now“, ihre melancholisch-optimistische Hymne an das Leben.

 

 

Das Publikum ist ergriffen. Was für ein Moment, die lebende Woodstock-Legende wieder sehen und hören zu können. Unterstützt von der Sängerin Brandi Carlile legt Joni Mitchell einen Auftritt hin, der ähnlich wie bei den Rolling Stones zeigt: Rockstars dürfen eigentlich nicht altern, aber manche können es mit Würde, Leidenschaft und Lebensklugheit. „Ich bin eine Malerin, die Lieder schreibt. Meine Songs sind sehr visuell. Die Wörter erschaffen Szenen – in Cafés und Bars – in düsteren kleinen Zimmern – an vom Mond beschienenen Ufern – in Küchen – in Krankenhäusern und auf Rummelplätzen. Sie ereignen sich in Fahrzeugen – Flugzeugen und Zügen und Autos“, sagte sie 2015. In den letzten Jahrzehnten hatte sich Joni Mitchell nach 22 Alben zurückgezogen. Sie malte, ihre neue Passion.

 

 

Sie sei die beste Songschreiberin von allen gewesen, sagte Graham Nash über die Kanadierin mit dem bürgerlichen Namen Roberta Joan Anderson. Mit neun Jahren fing Joni das Rauchen an, mit zehn erkrankte sie an Kinderlähmung. Ihre linke Hand ist bis heute eingeschränkt. Als Teenagerin brachte sie sich das Gitarrenspiel mit Hilfe eines Pete-Seeger-Songbook bei. Mit 26 Jahren veröffentlicht sie das Album Clouds. Das war ihr Durchbruch. Woodstock verpasst sie im Sommer 1969, weil ihr Manager sie zeitgleich bei Dick Cavett in seiner TV-Talkshow platziert hatte. Als Reaktion komponiert sie ihre eigene Woodstock-Hymne.

 

 

In den Siebziger und Achtzigern experimentiert Joni Mitchell mit Jazz-Musikern der allerersten Garde – von Herbie Hancock über Jaco Pastorius bis Paul Metheney. Legendär ist ihr 1980er Live-Auftritt mit Shadows and Light. Joni übersteht eine Kokain-Sucht. Sie sucht nach neuen Formen, zieht sich aus dem Musikgeschäft zurück, widmet sich zunehmend der Malerei. Ihr bekanntester Song Both Sides Now wurde mittlerweile von über 1.500 Interpreten unterschiedlichster Art gecovert, von Frank Sinatra bis zu den MonaLisa Twins.

In diesem Sommer 2022 sang Joni Mitchell wieder ihr Both Sides Now-Lied, auf dem Newport Folk Festival. Was für ein Lichtstrahl in dunklen Zeiten.

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Der Salz-Fluss

Wer sich der Werra in der Mitte Deutschlands nähert, wundert sich. Auf den ersten Blick überrascht der Fluss mit reiner Idylle. Am Ufer tummeln sich Enten, sogar ein Fischreiher verharrt an den braunen Fluten. Beute machen kann er nicht. Der Reiher hat gelernt, dass in der Werra außer Salzkrebsen nichts zu holen ist. Die Werra ist „der salzigste Fluss Europas“. Die Einheit hat daran nichts geändert. Die Werra ist ein Fluss, der nicht mehr zufriert, „salziger als die Nordsee“. 1976 erreichte die Chlorid-Konzentration mit 40.000 mg/l ihren traurigen Höhepunkt. Nach Stilllegung der DDR-Kaliwerke in Merkers und Bischofferode sank die Belastung auf mittlerweile rund 2.500 mg/l. Der zulässige EU-Grenzwert liegt bei 100mg/l. Die Werra bleibt ökologisch tot. Bis heute ist die Werra keine Erfolgsgeschichte der deutschen Einheit.

In der Nähe von Heringen im thüringischen Werrakreis türmen sich zwei riesige Kaliberge auf. Monte Kalis im Volksmund genannt. Es sind Berge voller Probleme, tonnenweise Salzabfälle aus dem Kaliabbau. Je nach Witterung wechseln die menschengemachten Schutthalden ihr Gewand in Weiß-, Grau- oder Braun-Töne. Nach Plänen des Verursachers, des Düngemittelherstellers Kali +Salz (K&S) aus Kassel sollen die Kunstberge langfristig ein Kleid aus frischem Grün tragen. Naturschützer kritisieren, das Salz der Berge werde bei Regen ausgewaschen und lande am Ende doch wieder in der Werra. Die Kaligruben im Werratal erstrecken sich untertage auf einer Fläche so groß wie München. Längst ist das unterirdisch abgebaute Salz so wertvoll wie im Mittelalter. Der Kaliabbau zur Düngemittelherstellung ist ein Exportschlager. Der Ukraine-Krieg lässt K&S zum großen Gewinner werden.

 

Werra bei Dankmarshausen mit Monte Kali am Horizont. Juli 2022.

 

Die Werra selbst bleibt die große Verliererin. Was hat die deutsche Einheit von 1990 gebracht, um die Flusszerstörung zu stoppen? Dr. Walter Hölzel, Vorsitzender der Werra-Weser-Anrainerkonferenz kommentiert nüchtern: „Es hat sich verbessert. Der Chloridgehalt ist auf den Zustand von 1942 zurückgegangen, wie zur Zeit der Kriegsnotverordnung. Kali & Salz wollte nichts ändern, die Salzabwässer nicht aufarbeiten. Wir wissen, dass das geht, technisch und wirtschaftlich, aber es nichts gemacht worden“. Das bedeutet für die Werra, der Verschmutzungsgrad bewegt sich weiter über dem Zweitausendfachen des Grenzwertes.

Der Salz-Fluss bleibt tot. Aus Sicht der Werra sei „der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus nur einer des Verschmutzungsgrades“, bilanziert die deutsch-amerikanische Umwelthistorikerin Astrid M. Eckert. Hat die Werra noch eine Chance? Werra-Kenner Hölzel: „2003 wurde dem Unternehmen Kali & Salz gestattet, die Wasserhärte von 60 auf 90 Grad deutscher Härte zu erhöhen. Verursacht wird es vor allem durch das Magnesium. Das ist hauptverantwortlich für den schlechten ökologischen Zustand des Flusses, viel mehr als Chlorid“. Das Fazit des Werra-Schützers: „Unter den bislang genehmigten Voraussetzungen wird sich die Qualität des Flusses in den nächsten zweitausend Jahren nicht ändern. Die Werra ist ein hochversalzener Fluss mit einem zerstörten Süßwasser-Ökosystem.“

 

Monte Kali (rechts) bei Heringen, links bei Philippsthal. © CEphoto, Uwe Aranas

 

Salzige Werra. Die Behörden schauen weg, kritisieren Naturschützer. Was wird nun aus den Monte Kalis, die sich immer höher auftürmen? Hölzel: „Das sind Ewigkeitslasten. Sie sollen nicht entfernt werden. Ganz im Gegenteil. Sie sollen sich noch einmal verdoppeln, bis zur Betriebseinstellung“. Die ist für das Jahr 2060 geplant. Dann soll Schluss mit der Kaliförderung sein.

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Viva Santana

Anfang Juli klappte der 75-jährige Musiker einfach zusammen. Mitten im Stück ungefähr nach vierzig Minuten seines Auftritts im Pine Knob Music Theatre in der Nähe von Detroit. „Latin Rock-Legende Carlos Santana ist während eines Konzerts zusammengebrochen“, meldeten die Agenturen. Er habe zu wenig getrunken, hieß es, sei dehydriert. Mittlerweile gehe es ihm wieder gut. Seine Segen und Wunder-Tour 2022 musste unterbrochen werden. Wer in seinen Tourneeplan schaut, wundert sich in der Tat, was der 75jährige Gitarrist leistet. Auf der Bühne bis zum letzten Akkord? Liegt es in seinen Genen? Santana stammt aus einer Musikerfamilie. Geboren und aufgewachsen in Mexiko, lernt er bei seinem Vater zunächst Geige.

 

 

Als seine Eltern 1960 in die USA einwandern, begeistert sich der Teenager in seiner neuen Heimat San Francisco für die Gitarre und B.B. King. Der Vierzehnjährige will Musiker werden – wie sein Vater. Er jammt in Kellern, spielt in Kirchen oder Striptease-Clubs. Rasch entwickelt er einen eigenen Stil, den Latin-Rock. Diesen kombiniert er mit Blues- und Jazzeinflüssen. Mit 22 Jahren wird Santana in einer Dreiviertelstunde weltberühmt. Im Juli 1969 versetzt der Nobody in Woodstock das Publikum in Ekstase. Die junge Band spielt und trommelt sich in einen musikalischen Rausch. Der Woodstock-Filmausschnitt mit Soul Sacrifice ist Legende. Santana: „Es war beängstigend, auf ein Meer von Menschen zu blicken, ohne überhaupt eine Platte auf dem Markt zu haben. Plötzlich stehst du mit auf der Bühne mit Jimi Hendrix, Sly Stone, The Who“.

 

 

Sommer 1970. Ferienlager auf der Nordseeinsel Juist. Ich entdecke den Santana-Sound. Da bin ich zwölf, habe dank meiner zwei älteren Brüder ein wenig Einblick in die neue Rockwelt. „Samba Pa Ti“ „und „Oye Como Va“ werden meine Songs. Ich träume vom ersten Kuss, während mein Bettnachbar auf Mango Jerrys „In the Summertime“ steht. Er hat deutlich mehr Erfolg. Beim Abschlussfest schafft er es bis zum Zungenkuss, mit einem Mädchen aus der älteren Gruppe. Wow! Mir bleibt Santana. Er tröstet mich mit „Evil Ways“ oder „Black Magic Women”. Seitdem folge ich seiner musikalischen Weltreise nach Afrika (Caravanserai) oder Indien (Love, Devotion, Surrender mit John McLaughlin). Ich lese Sätze von ihm wie: „Wenn ich nach Jerusalem reise, spiele ich dort nicht nur für Juden, sondern für alle. Trete ich in St. Quentin auf, dann nicht nur für Mexikaner. Denn ich bin Woodstock und die Vereinten Nationen. Ich repräsentiere keine bestimmte Fahne, sondern Menschlichkeit. Ansonsten ladet mich gar nicht erst ein – denn das ist mir wichtig.“

 

 

Als Santana in den Achtzigern und Neunzigern nur wenig zustande bringt, bin ich trotzdem in der Deutschlandhalle, hänge im Regen in der vollen Waldbühne, über der eine riesige Kifferwolke schwebt. Als Carlos 1999 mit „Supernatural“ ein Comeback feiert, bin ich überrascht. Diesmal Crossover mit Kids aus der Rap- und Soulszene. „Maria, Maria“ und „Smooth“ werden Welthits. Santana verkauft das Album Supernatural 25 Millionen Mal, während die Kitsch-Grenze bedenklich näher rückt. Einige Songs aus dieser Zeit werden in Einkaufszentren gedudelt. Doch: Der bekennende Alt-Hippie Carlos Santana hat Substanz und eine Mission. Seine Botschaft. Musik kann die Welt zu verbessern. Daran glaubt er: „Heilung kommt, wenn du krank vom Kranksein bist“. Mit dem „Healer“ gemeinsam mit Blues-Legende John Lee Hooker zaubert er eine geniale Coproduktion aus dem Hut. „Musik ist nicht Playback. Musik ist Singen mit der Seele“.

 

 

Santana gehört zu meinem Leben, ist Soundtrack seit meiner frühesten Jugend. Natürlich will ich nicht wahrhaben, dass er alt geworden ist. (genau wie ich) Aber wenn ich in stillen Stunden an den ersten Kuss denke, dann beginnt seine Gitarre „Samba Pa Ti“ oder „Europa“ in meinem Kopf zu spielen. Ich beginne zu träumen und denke: Wer, bitte schön, ist Mungo Jerry?

 

75 Jahre Santana. 100 Millionen verkaufte Alben, 10 Grammys und eine Hoffnung: Mit Musik eine bessere Welt schaffen.

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Sax und Bach

Sie steht im Mittelpunkt. Ganz in weiß. Das Ensemble der lautten compagney trägt schwarz. Das Saxofon glänzt golden, sobald Solistin Asya Fateyeva loslegt. Ein Crossover-Abend. Klassische Musik des 17. Jahrhunderts trifft auf Klassiker des 20. Jahrhunderts. Henry Purcell jammt mit den Beatles. Die Saxofonistin schenkt dem Abend Seele, Leidenschaft und Können. Das Beste: Sie spielt ihre Soli, ohne sich als Star zu inszenieren. Faszinierend. Saxofon und Klassik. Geht das? Aber klar doch, wenn Asya ihrem Messing-Gerät den nötigen Atem schenkt. Als die junge Saxofonistin mit der „Alte-Musik-Band“ den Beatles-Oldtimer „When I am 64“ anstimmt, geht ein Raunen durch das Publikum. Die Zielgruppe gluckst selig. Die Babyboomer-Generation schwelgt in Jugendzeiten. Yesterday. Ach, wie schön!

 

 

Asya Fateyeva (*1990), Tochter eines Profifußballers, wächst in Kertsch am östlichsten Zipfel der Krim auf. Ihre Kindheit riecht nach feuchter Salzluft, sagt sie. Mit sechs lernt sie Klavier, dann bringt der Vater ein Saxofon mit nach Hause. „Ich glaube, ich war neun Jahre alt. Ich kann mich gut an den Koffer erinnern. Er war aus blauem Samt, das Saxofon silbern. Er hat sich dann in eine Ecke gestellt, gegen die Wand, um zu üben. Wenn man so spielt, glaubt man, man klingt fantastisch. Die Resonanz ist enorm. Man hat es nicht nur in der Wohnung, sondern im ganzen Haus gehört. Aber beschwert hat sich keiner.“ Asya lernt das Instrument, pendelt zwischen Moskau und der Krim. Sie belegt Kurse am renommierten Gnessin-Institut in Moskau, später im französischen Gap. 2004 zieht die Familie nach Hamburg. Für Asya mit vierzehn Jahren ein Neuanfang.

 

 

Doch ihre Welt ist die Musik. Ihre Heimat das Saxofon: “Musik ist nicht einem einzigen Instrument vorbehalten!” Als klassische Saxofonistin ist sie eine doppelte Außenseiterin. Als Frau mit einem eher typisch männlichen Instrument. Dazu das Vorurteil: Klassisches Sax – geht gar nicht! Der taz sagte sie 2016: „Ich habe noch immer diesen Komplex, dass ich nicht richtig dazugehöre. Dass die anderen hochnäsig auf mein Instrument herabschauen würden. Man kennt diese Zeichnung aus der Nazizeit: Ein Schwarzer spielt Saxofon, davor der Schriftzug „ent-artete Musik“. Sowohl im Dritten Reich als auch in der Sowjetunion war Jazz verboten. Und damit auch das Saxofon. Man hat immer noch diese Vorurteile. Man vergisst leider den Ursprung des Instruments: Mitte des 19. Jahrhunderts, Hochromantik, von dem Belgier Adolphe Sax in Paris patentiert. Es ist wichtig, dass die Leute hören, was das Saxofon kann.“

Asya gewinnt als erste Frau den Internationalen Adolphe Sax-Preis. Der Belgier Sax hatte 1846 seine Erfindung in Paris patentieren lassen. Er baute in seiner Werkstatt mehr als 20.000 Saxofone. 1894 starb er als armer Mann. In den Golden Twenties erlebt sein Saxofon den großen Durchbruch im Jazz. Asya schwärmt von den Möglichkeiten: „Auf dem Saxofon spielt man mit dem Atem. Das ist viel näher dran an einem selbst. Mit mehr Luft spielst du lauter, der Klang vibriert im Körper, man kann mit dem Klang mitleben. Wie ein Sänger.“

 

 

Mittlerweile hat die 32-jährige Künstlerin zahlreiche wichtige Preise abgeräumt. Aber ihre Leidenschaft gehört dem Experimentieren. Sax und Bach, gerne mit der Goldberg-Variation. Sax mit Kurt Weill und der Zuhälter-Ballade. Sax mit Mozart oder Chopin. Anything goes! Ihr Traum? „Selbst Musiker haben Vorurteile gegen das Saxofon und Schranken im Kopf. Wir brauchen mehr Offenheit.“ Asya Fateyeva übt täglich drei Stunden. „Minimum!“  In ihrer Wahlheimat Hamburg ist sie an den Stadtrand gezogen, weil sich Nachbarn beschwert hatten. Keine Frage: Sax ist wild. Sax ist laut. Sax hat Power. Und viel Gefühl. Das beweist jedes Konzert mit Asya Fateyeva. Oh, that Sax!

 

Asya Fateyeva. Foto: Neda Navaee.