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Allendes Enkelin

Geschlagen ziehen die Großeltern nach Haus. Die Enkel fechten` s besser aus. Das meint der Volksmund. Bald wird in Chile eine Enkelin den Beweis antreten müssen, ob diese Volksweisheit stimmt: Maya Fernández Allende. Die Veterinärmedizinerin soll ab März 2022 Verteidigungsministerin werden. Die 50-jährige Sozialistin hat damit künftig die Generalität zu befehligen und die müssen parieren. Ein Himmelfahrtskommando? Ein alter Obrist drohte bereits offen, ihre Ernennung sei eine „Schande“ für die Armee. „Das einzige Verdienst von Frau Fernández ist ihr Hass auf die Streitkräfte“, tönte der Mann, der 2018 wegen Ermordung von mindestens 15 Allende-Anhängern verurteilt worden war.

 

Das letzte berühmte Foto von Salvador Allende (links mit Brille) im Präsidentenpalast Santiago de Chile am 11. September 1973.

 

Vor fast genau fünfzig Jahren stürzten Obristen mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA den ersten frei gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Eine bis heute traumatische Erfahrung für das Andenland. In einem blutigen Putsch errichtete General Augusto Pinochet ein Regime, das siebzehn Jahre lang mit harter Hand regierte. Die junge Elite flüchtete ins Ausland. Viele gingen in Deutschland ins Exil, das damals zwei Möglichkeiten bot: in der DDR und in der Bundesrepublik.

 

 

Wird das alte Offizierskorps der neuen Verteidigungsministerin folgen? Die Generalität genießt in Chile weitgehende Privilegien. Nach einem Gesetz der Militärjunta von 1980 sind Offiziere mit einen bestimmten Prozentsatz an Erlösen des chilenischen Exportschlagers Kupfer beteiligt. Ein lukratives Zusatzeinkommen plus großzügigen Pensionsregelungen und luxuriösen Ferienclubs. Die neue Regierung unter dem jungen linken Präsidenten Gabriel Boric will dieses Gesetz abschaffen. Für Maya Fernández steht viel Arbeit an. Gelingt ihr ein Reinigungsprozess bei den von Korruptionsfällen geschüttelten Streitkräfte? Oder belässt sie es bei symbolischen Maßnahmen?

 

Allendes Enkelin: Maya Fernández. Designierte Verteidgungsministerin Chiles.  Foto: Facebook

 

Maya Fernández Allende ist das Kämpfen in die Wiege gelegt worden. Ihr Leben ist von tiefen Einschnitten, großen Verlusten, aber auch von starkem Durchsetzungsvermögen geprägt. Als ihr Großvater 1973 im Präsidentenpalast von Santiago in auswegloser Lage Selbstmord beging, war sie zwei Jahre alt. Ihrer Mutter Beatriz Allende, nur „Tati“ genannt, gelang die Ausreise nach Kuba. Mayas Vater, ein kubanischer Geheimdienstmann, trennte sich jedoch nach der Rückkehr von „Tati“ und entschied sich für seine eigentliche Familie. Er hatte zu „Tati“ keine Liebesbeziehung aufgebaut, sondern einen Befehl ausgeführt. Mitte Oktober 1977 nahm sich Mayas Mutter das Leben. Ihre beiden Kinder wurden in Havanna von der Schwester von Allendes Geliebte großgezogen.

 

Allendes Nichte: Isabel Allende. Das Geisterhaus erschien 1982 und wurde ein Welterfolg. Isabel erzählt die Geschichte des Putsches in Chile.

 

Maya war 21 Jahre alt, als sie 1992 mit ihrem jüngeren Bruder nach Chile zurückkehrte. Dort studierte sie Biologie und Veterinärmedizin. Sie arbeitete als Bezirksrätin und leitete die chilenische Abgeordnetenkammer. Mitte März 2022 soll Allendes Enkelin das Kommando über das Militär übernehmen. Ein Apparat, der bereits ihre Berufung als „Erniedrigung für unsere Institution und ihre heilige Geschichte“ anprangert, so der verurteilte Obrist i.R. Jaime Manuel Ojeda Torrent, ein Pinochet-Getreuer.

Der neue Job ist eine wahre Herkulesaufgabe für die Frau, die ihren Großvater und ihre Mutter durch Suizide verlor, weil sie für ihr Land einen demokratische Neuanfang mit einer loyalen Armee wollten. Auf die Verfassung wird Maya Fernández Allende ihren Eid ablegen, wie ihr Großvater – im Namen des Volkes.

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„Wo aber Gefahr ist…“

„…wächst das Rettende auch“.

Am 11. September 1806 hat Friedrich Hölderlin keinen Schutzengel. Er ist in allerhöchster Gefahr, aber Rettung ist von den Häschern des Kurfürsten nicht zu erwarten. Sie verschleppen den 36-jährigen aus dem hessischen Bad Homburg nach Tübingen. Hölderlin gilt als Staatsfeind, steht unter dem Verdacht des Hochverrats. Er war als Mitglied einer revolutionären Gruppe denunziert worden. Der Dichter widerruft: „Ich will kein Jakobiner sein.“ Es hilft nichts. Hölderlin wird für „geisteskrank“ erklärt. Am 15. September 1806 trifft er in der Psychiatrischen Anstalt von Tübingen ein.

Seine „Therapie“ besteht aus einem Mix aus abwechselnd Tollkirsche, Opium und Quecksilber. Nach 231 Tagen „Behandlung“ wird er als unheilbar entlassen. Der Gutachter vermerkt, Hölderlin habe noch drei Jahre Lebenszeit. Asyl findet der „Wahnsinnige“ bei einem Tischler. Ernst Friedrich Zimmer nimmt den Dichter auf, räumt einen Raum im Turm über dem Neckar frei. 36 Jahre verbringt Hölderlin hier bis zu seinem Tode. Besser bekannt als „Hölderlin-Turm“ von Tübingen.

 

„Alles wird von Grund auf neu bestimmt.“ Friedrich Hölderlin (1770-1843). Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792.

 

Der Dichter und der Handwerker werden Freunde. Der eine arbeitet mit Gedichten und Gesängen, der andere mit Holz und Hobel. Hölderlin arrangiert sich in seinem „Käfig“. Der Dichter sehnt sich nach Schutz und Geborgenheit. Kein Wunder. Die erste Hälfte seines Lebens war von Aufbruch, Revolutionsromantik und viel Sturm und Drang geprägt. Danach folgten Krisen, Niederlagen und Absturz.  Hölderlins Mutter wollte immer, dass er Pfarrer werden sollte. Doch ihr Sohn scheiterte auf der ganzen Linie. Im bürgerlichen Sinne gelang nichts. Sein Glaube an die Französische Revolution platzte wie eine Seifenblase. Seine Liebe zur Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard endete in einer Katastrophe. Seine Hoffnung als Dichter den Lebensunterhalt bestreiten zu können, misslang. Nicht einmal als Hauslehrer konnte er sich über Wasser halten „Was du hast, ist Atem zu holen“, notiert er resigniert. Und: „Wozu Dichter – in dürftiger Zeit?“

 

Hölderlin mit Susette Gontard. Seine große, unerfüllte Liebe zur Bankiersgattin aus Frankfurt/Main. Er verewigte sie als „Diotima“ in seinem Roman Hyperion.

 

Doch seine Gedichte und Werke markieren den Durchbruch zur Moderne. „Komm ins Offene, Freund!“ ist sein Motto. Dichtung ist für ihn Dienst an der Gesellschaft. Der Versuch, Menschen mit Kunst und Kultur zu ändern sein Ideal. Friedrich Schiller ist und bleibt sein Idol. Der Dichterfürst von Weimar, der als Schwabe „im Ausland“ ein Großer wurde, genau wie Hölderlins Studienfreund Hegel in Berlin.

 

„Hölderlin-Turm“ in Tübingen. Hölderlin wurde beeinflusst durch Rousseau: „Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten.“

 

Im „Hölderlin-Turm“ pflegt die schöne Tischler-Tochter Lotte Zimmer liebevoll die verkannte, manchmal „ach so wundersame“ Person. Er habe sich in Tübingen nicht als Gefangener gefühlt, heißt es, das kleine Turmzimmer sei sein Schutzraum gewesen. 49 Gedichte verfasst er noch. Als er sich 1812 von seinem Hausherrn einen „Tempel aus Holz“ wünscht, muss Tischler Zimmer lachen. Er antwortet: „Ach, Hölderlin, ein Schreiner baut Tische und Stühle, Türen und Treppen. Ich habe keine Zeit, nur so aus Spaß einen kleinen Tempel zu machen. Da hat er mich traurig angeschaut und mit einem Stift auf eines der Bretter geschrieben.“ Er kritzelt „An Zimmern“:

 

 

Die Linien des Lebens

„Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.“

 

Die Linien des Lebens schrieb Hölderlin „in zwölf Minuten“. Es ist eines seiner schönsten Gedichte. Von einem Dichter, der den höchsten Preis bereit zu zahlen war, der amtlich für „wahnsinnig“ erklärt wurde, der 36 Jahre in Isolation verbrachte, weil er sein Leben der Kunst widmete. Und nur der Kunst.

„Was bleibet, aber stiften die Dichter“, notierte Hölderlin noch. Seine letzte Hoffnung sollte sich bewahrheiten. Aber erst nach seinem Tod im Turm 1843.

 

 

 

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Der genaue Blick

Sie war still, verschlossen und unauffällig. Eine Einzelgängerin, eine Frau mit einem eigenen Kosmos. Sie war ein Leben lang eine Nanny, ein Kindermädchen in Los Angeles und Chicago. Sie war keine Fotografin. Doch ihre Liebe gehörte der Fotografie. Wenn sie in ihren freien Stunden loszog, beobachtete sie ihre Umgebung und schaute ganz genau hin. Vivian Maier. Sie fotografierte Menschen wie sie sind. Im Alltag, bei der Arbeit, auf der Straße, im Park, vor dem Konzert. Sie hielt das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen fest. Meisterhaft, brillant, mit Witz und dem gewissen Etwas. Unzählige Momentaufnahmen aus dem Leben in den Straßen der USA bannte sie auf Negative. Doch Maiers Bilder aus vier Jahrzehnten wurden zu ihren Lebzeiten nie gezeigt. Das fotografierende Kindermädchen verstaute ihre Arbeit in Kisten, Koffern und Schachteln. Sie starb 2009 völlig vereinsamt. In ihrem Testament hielt Vivian Maier fest: „Wir müssen anderen Menschen Raum geben. Das Rad dreht sich weiter. Jemand anderes wird übernehmen. Das ist der Lauf der Dinge.“

 

Selbstporträt Vivian Maier. (1926-2009)

 

Jedes Ende kann ein Neubeginn sein. Die als Künstlerin völlig unbekannte Vivian Maier (1926-2009) sollte recht behalten. Das Rad dreht sich weiter. Der große Ruhm der gebürtigen New Yorkerin kam nach ihrem Tod. Bei ihr half der berühmte Zufall nach. Der junge Sammler John Maloof ersteigerte auf einer Auktion in Chicago Berge von Kisten und Koffern mit Fotoabzügen und Negativen. Er wusste zuerst nicht, was er damit anfangen sollte. Er googelte den Namen „Vivian Maier“ – und fand nichts. Doch der Sammler war begeistert. Der Förderer erkannte den Wert der Bilder und scannte den riesigen Bestand ein. Jahrelang klopfte er bei Museen und Galerien an. Erste Ausstellungen fanden ein begeistertes Echo. Die Entdeckung Vivian Maiers wurde „eine der größten Sensationen“ der US-Fotogeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit nunmehr zehn Jahren faszinieren Maiers Alltagsaufnahmen Menschen in aller Welt.

 

Fotos: Vivian Maier.

 

Auf ihren vielen Expeditionen in den Alltag hielt Maier Momente fest, in denen sich Menschen der Großstadt unbeobachtet wähnten. Ihre Bilder erzählen Geschichten. Sie erfassen scheinbar Nebensächliches und stellen sie in den Mittelpunkt. Mit einem feinen Gespür für Details. Das kann ein Blick, eine Frisur oder ein stolzer Schwarzer Reiter mitten im hektischen Großstadtgewühl sein. Vivian Maier konzentrierte sich auf das Wesentliche. Sie inszenierte nicht, sie wollte bewusst unerkannt bleiben. Die Tochter eines Österreichers und einer Französin machte aus ihrer Person kein Aufheben. Sie blieb unverheiratet, kümmerte sich um den Nachwuchs amerikanischer Mittelschichtsfamilien. Ein Höhepunkt bildete ihre zusammengesparte Weltreise 1959, die sie nach Bangkok, Peking und in die Heimat ihrer Mutter nach Frankreich führte. Manchmal hat sich die scheue Maier auch selbst fotografiert, mal in Spiegeln, Schaufenstern oder nur als Schatten. Danach packte sie alle Negative weg und verstaute sie.

 

Fotos: Vivian Maier.

 

Maier schottete ihr Zweitleben als Fotografin sorgsam vor den Familien ab, bei denen sie als Nanny jahrelang arbeitete und wohnte. Niemand wusste davon. Ihre Fototouren blieben ihr gut gehütetes Geheimnis, die Bilder ihr ganz persönlicher Schatz. Insgesamt entstanden zwischen 1950 und 1990 rund 150.000 Aufnahmen. Die allermeisten hat Maier vermutlich aus Geldknappheit nie entwickelt. Jetzt sind insgesamt 120 beeindruckende Bilder aus Maiers Riesenbestand in Berlin zu sehen. Eine großartige Gelegenheit, das andere Gesicht der USA kennenzulernen. Ohne Pathos oder Hochglanz-Posen. Aus der Sicht einer Nanny, die ganz genau hinschaute, wo andere weitergingen oder einfach nur wegschauten.

 

 

 

Die Vivian Maier-Ausstellung „Streetqueen“ ist bis zum 27. Februar 2022 geöffnet. Werkstattgalerie Hermann Noack. Am Spreebord 9, 10589 Berlin. Der Eintritt ist frei.

Sehr empfehlenswert.

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Umsteuern

„Ich bin Millionärin, besteuert mich endlich“, fordert Marlene Engelhorn. „Ich habe für mein künftiges Erbe nichts geleistet.“ Marlene ist 29 Jahre alt und wird ein zweistelliges Millionenerbe antreten können. Damit hätte sie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt. Ein sorgenfreies Leben, eine rosige Zukunft. Die Studentin gehört zur unbeschwerten Wohlstandsgeneration, auf die ein bedingungsloses Erbeneinkommen wartet. Doch die Enkelin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn drängt auf eine „dauerhafte Vermögenssteuer für die Reichsten“. Sie will ihr Geld nicht spenden, sondern „angemessen“ Steuern zahlen. „Ich will mein Geld für das Gemeinwohl des Landes geben!“ Ein Rich Kid, das die Klappe aufreißt, titelt abschätzig das US-Wirtschaftsmagazin Forbes. Was will Marlene Engelhorn wirklich? Die Welt umsteuern und dadurch retten?

 

BASF-Erbin Marlene Engelhorn will eine Reichensteuer. Screenshot: ORF2

 

Bereits im letzten Sommer hatte Engelhorn die Initiative #taxmenow gegründet. In diesen Tagen beteiligte sich die BASF-Erbin an einem weiteren offenen Brief. Das Schreiben der US-amerikanischen „Patriotic Millionaires“ (Patriotische Millionäre), der „Millionaires for Humanity“ (Millionäre für die Menschheit) und ihrer Initiative „Tax me now“ (Besteuert mich jetzt) ist an die Wohlhabenden auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos adressiert. 102 Mitglieder aus dem Club der Reichen sagen: „Als Millionäre wissen wir, dass das derzeitige Steuersystem nicht fair ist“. In der Pandemie sei „unser Vermögen gewachsen, obwohl die Welt in den letzten zwei Jahren ein immenses Leid durchgemacht hat“. Mäzenatentum à la Bill und Melinda Gates reiche nicht mehr aus, es brauche eine verbindliche Besteuerung, „um die Welt gerechter zu machen“. So weit, so klar.

 

 

Doch der Appell der 102 Reichen für eine Reichensteuer an die Davos-Elite ist im Nachrichtenstrom versickert. Außerdem wurde das Weltwirtschaftsforum wegen der Pandemie auf Mai 2022 verschoben. Verpufft der gut gemeinte Vorstoß? Die Initiative Taxmenow will keine falschen Hoffnungen wecken. Ziel sei nicht zu spenden oder karitativ unterwegs zu sein. Die Website weist ausdrücklich darauf hin, dass „Anfragen zu Spenden oder Projektförderungen“ nicht beantwortet werden. Die Initiative wolle strukturelle Veränderungen“ und sich „für die Verteilungs- und Steuergerechtigkeit“ einsetzen.

Höhere Steuern für Reiche? Utopien für Spinner oder für Realisten? Tatsächlich hatte selbst einmal die USA einen Spitzensteuersatz von 70%. Das Land brach keineswegs zusammen. Das war in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter dem republikanischen US-Präsident Eisenhower, so der Historiker Rutger Bregman. Er sorgte auf dem Weltwirtschaftsforum 2019 – also vor dem weltweiten Covid-Ausbruch – für Furore. Der 33-jährige Niederländer forderte höhere Steuern für die Reichen. Alles andere wäre, als ob eine Konferenz für Feuerwehrleute über alles spricht, nur nicht über Wasser zum Löschen. Seine Brandrede wurde millionenfach angeklickt. Die Wirtschaftselite nahm seine Thesen zur Kenntnis und ging zur Tagesordnung über. Übrigens: Das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums findet nun vom 22. bis 26. Mai in Davos statt. Das Motto: „Working Together, Restoring Trust“. Vertrauen wiederherstellen ist ein schönes Versprechen. Echte Taten wären besser.

 

Rutger Bregman in Davos 2019.

 

 

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„Grundlos vergnügt“

Alles war schon einmal da. Krisen, Epidemien, eine selbstverliebte Elite, verbitterte Abgehängte. Das Leben kennt kein Pardon. Siege und Niederlagen liegen oft nur einen Wimpernschlag entfernt. Genauso Hoffnungen und Hilflosigkeit, Euphorie und Enttäuschungen. Alles kommt wieder. Vor hundert Jahren wie heute. Seien wir also „sozusagen grundlos vergnügt“. Das meint eine kleine, quirlige Frau mit Witz und Esprit, die Ende der „Goldenen Zwanziger“ die Berliner Welt im Vorübergehen entdeckt, erobert und elektrisiert hat. Sie heißt Golda Malka Aufen. Besser bekannt unter dem Künstlernamen Mascha Kaléko. Ihr Motto: Ich schaue mir die Welt an, solange es sie noch gibt. Magisch zieht sie Träumer, Abenteurer und Idealisten an. Ihre Gedichte sind wie Eispickel, die einen zugefrorenen See spielend leicht knacken. Was sie nicht ertragen kann: Träumer, die nur reden, aber keinen tropfenden Wasserhahn reparieren können. Oder Kerle, die beim ersten größeren Problem weglaufen.

Sozusagen grundlos vergnügtRezitation: Carmen-Maja Antoni.

 

Mascha Kaléko starb zurückgezogen und vergessen in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Heutzutage wird die Berlinerin mit Geburtsort im galizischen Chrzanóv in Literaturkreisen gefeiert. Die heiter-zarte Melancholikerin hat viele Fans. Diese Großstadtlerche, die unbekümmert ihr Leben in vollen Zügen genoss. Eine Kostprobe? – Was, bitteschön? Das ist wohl nicht mehr als eine kurze Affäre. Warum eigentlich nicht, überlegt sie und schläft zuhause federleicht ein. Neben ihrem Ehemann. So beschreibt Florian Illies Mascha in seinem Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“.

Gedichte gelten als altmodisch, nicht Instagram-kompatibel. Doch sie können mitten ins Herz treffen. Wer sich Zeit und Geduld nimmt, wird belohnt. Und wie! Auf geht´s. Auf dieser Seite nun Mascha Kaléko. Mit zwei kurzen Texten zum Hören, Träumen, Genießen und Entdecken.

 

Kompliziertes Innenleben. Rezitation: Elke Heidenreich

 

Mascha verlebte in Berlin eine überwiegend heiter-unbeschwerte Jugend. Sie probierte sich aus, provozierte, begeisterte ihr Publikum. Als die Nazis an die Macht kamen, war sie 26 Jahre alt. Ihre Texte wurden 1935 als „schädliche und unerwünschte Schriften“ verboten. Sie konnte rechtzeitig in die USA emigrieren. Nach dem Krieg sollte sie 1960 in der Stadt ihrer hoffnungsfrohen Blüte den „Fontane-Preis“ der Akademie der Künste erhalten. Als sie im Mai 1959 erfuhr, dass ein früherer SS-Standartenführer in der Jury saß, lehnte sie die Nominierung ab. Die Akademie beschwichtigte und stufte dessen SS-Zeit als Jugendtorheit ein. Außerdem wurde ihr mitgeteilt, „wenn es „den Emigranten nicht gefalle, wie wir hier die Dinge handhaben,“ sollten sie fortbleiben. Nach diesem verbalen Fußtritt zog sie mit ihrem Mann nach Israel. Dort aber fehlte ihr die deutsche Sprache wie die Luft zum Atmen.

Ein letztes Mal überlegte Mascha Mitte der siebziger Jahre nach (West) Berlin zurückzukehren. Dazu kam es nicht mehr.  Sie erlag in Zürich einem Krebsleiden, gut ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Maschas letzte Ruhestätte ist auf dem Jüdischen Friedhof in Zürich zu finden. Ihre Gedichte aber bleiben und sind lebendiger als je zuvor.

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Kunst auf Bewährung

Dezember 2018. Port Talbot in Wales. Plötzlich war der kleine Junge mit dem Schlitten da. Mit seiner Zunge versucht er ein paar Schneeflocken zu fangen. Doch er schnappt vergeblich. Es ist ein Ascheregen, der aus einer brennenden Mülltonne entweicht. Ein Grafitto auf einer Garagenwand. Season`s Greetings. Ein Weihnachtsgruß für die hart arbeitenden Malocher im walisischen Port Talbot. Eigentlich nicht der Rede wert, aber das Bild trägt die Handschrift des Kultkünstlers Banksy. Der Streetart-Sprayer bekannte sich zu seinem Werk. Das veränderte alles. Die Menschen pilgerten aus nah und fern nach Port Talbot. Freiwillig. Zur grauen Garage von Ian Lewis, der nebenan im größten Stahlwerk des Vereinten Königsreichs schuftet. So fiel ein wenig Glanz in die Arbeitersiedlung. Das Garagen-Graffito wurde zur Touristenattraktion.

 

Der Schneejunge. Banksy in Port Talbot, Wales. „Season´s Greetings“ auf der Garage von Stahlarbeiter Ian Lewis. Der Kunstmarkt spielte darauf verrückt. Foto: Wikipedia

 

Rasch erkannte der einheimische Galerist John Brandler seine Chance. Er kaufte den Schneejungen und ließ die besprühte Garagenwand in eine Halle der Stadt transportieren, um Banksy stolz einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Die digitalen Kunstjäger entdeckten das Werk und trieben den Wert des ausgestellten Wandgemäldes auf die stattliche Summe von einer halben Million Pfund (rund 600.000 Euro). Ende 2021 sollte der kleine Junge auf Ian Lewis-Stahlarbeitergarage nach London verkauft werden. Big Business. Banksy macht´s möglich. Das wurde dem 42-jährigen Einheimischen Michael Thomas zu viel. Er versuchte im vergangenen November den Deal auf seine Art zu stoppen. Thomas plante das Kunstwerk mit weißer Farbe zu übersprühen.

 

 

„Kunst ist für uns alle“, rief er. „Sie nehmen es weg, ein reicher Mann hat es.“ Der Banksy-Liebhaber wurde festgenommen. Er scheiterte mit seinem Versuch, Kunst zu retten, indem er sie zerstört. In der Verhandlung soll es sich der Richter nicht leicht gemacht haben, heißt es. Er hatte zu entscheiden: Gehört Kunst allen? Oder ist ein Banksy-Bild ein Stück Privateigentum? In Instagram-Zeiten eine Frage, die über viel Geld entscheiden kann. Der Richter verurteilte den Banksy-Attentäter schließlich wegen Einbruchs und Sachbeschädigung zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten. In der Begründung meinte er: „Es kann gut sein, dass es nicht in Banksys Sinn war, dass das Gemälde Port Talbot je verlassen sollte.“

 

 

Was der weltberühmte aber weiter unentdeckte Banksy dazu meint, wissen wir nicht. Bekannt ist nur: Sein Werk Girl with Balloon, das bei einer Auktion öffentlichkeitswirksam geschreddert wurde, vervielfachte seinen Wert – durch den Akt der Zerstörung. Das Mädchen mit dem Ballon erzielte einen Verkaufspreis von 16 Millionen Pfund. Ach, hätte man den 42-jährigen Michael Thomas aus Port Talbot nur sprühen lassen. Vielleicht hätte er mit seiner „Rettet den Schneejungen“-Aktion im Namen der Kunstfreiheit mehr Glück gehabt. Ein neuer Banksy wäre entstanden und damit möglicherweise auch ein neuer Hype. Doch das ist sein Pech. Michael Thomas ist eben nicht Banksy. So muss er nun 12 Wochen elektronische Fußfesseln tragen, 1.200 Euro Schadenersatz zahlen und soll sich außerdem von Spraydosen fernhalten.

***

2018 zauberte Banksy die Weihnachtsgrüße an die Garage von Ian Lewis in Port Talbot. Kurz zuvor hatte er bei Sothebys PR-wirksam sein „Girl with a Balloon“ schreddern lassen – mit wertsteigernder Wirkung. „Going, Going, Gone“ nannte er seine Aktion. Die Kunstwelt hyperventilierte. Das zerstörte Bild wurde im Sommer 2021 für 16 Millionen Pfund verkauft.

 

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Fünf Fischer und eine Frau

Eine bescheidene Hütte. Fünf Männer in Arbeitskluft. Auf dem Kopf eine Mütze. An den Wänden Öljacken. An der Tür ein Zeitungsartikel, der Anleitung zur Ersten Hilfe bei Unfällen verspricht. Fünf Fischer haben sich platziert. Männer, die früh rausfahren, hart anpacken und gerade Pause machen. Einer raucht. Ein anderer schaut aus dem Fenster. Ein Dritter hat die Hände zur Raute gelegt, seinen Blick nach innen gerichtet. Der Mann im Vordergrund mit Kapitäns-Mütze scheint etwas erklären zu wollen. Ein paar fahle Sonnenstrahlen fallen in die verrauchte Stube. Jeder scheint seinen Stammplatz zu haben. Fremde fallen hier auf. Was die Männer eint, ist die Tatsache, dass sie die anwesende Frau keines Blickes würdigen. Als wäre sie nicht da. Was will sie? Wer ist sie? Worum geht es? Das Bild gibt keine schnellen Antworten. Das ist das Geheimnis guter Bilder. Sie lassen uns rätseln.

Die Mittdreißigerin mit weißer Leinenbluse, langem Jeansrock und kurzem Haar beobachtet mit gefalteten Händen ein wenig scheu, aber aufmerksam den bärtigen Mann mit Kapitänsmütze, der ihr gegenübersitzt. Der Brigadechef konzentriert sich auf einen imaginären Punkt, leger die Zigarette in der linken Hand, als habe er in diesem Augenblick die Lösung für alle Fischfangfragen gefunden. Das rauchgeschwängerte Bild vom Damenbesuch in karger Hütte wirkt wie ein Historien-Gemälde von Caspar David Friedrich. Anfang November 1990 gelang dem Fotografen Michael Ebner diese einzigartige Momentaufnahme. Das Bild ging um die Welt.

 

 

Die junge Frau in der Fischerhütte ist Angela Merkel. Die damals 36-jährige war auf ihrer ersten großen Wahlkampftour. Merkel traf die Brigade in Lobbe auf Rügen. Eine wortkarge, trinkfeste Männerrunde, die auf bessere Zeiten hoffte. Die besten Tage des Fischereikollektivs waren vorbei. So erzählten sie von ihren Sorgen und Problemen, die unbekannte Frau von ihren Ideen und Plänen. Zur Aufmunterung trank die Runde angeblich bis zu fünf Schnäpse. Die junge Frau hielt mit und hörte zu. Das imponierte den schweigsamen Seebären. Sie vertrauten Angela Merkel, so berichteten sie später Reportern, obwohl sie die Frau vorher nicht kannten. Aber sie habe zugehört und mitgetrunken, das sei schon einmal ein Anfang. Außerdem warb sie für den berühmten Herrn Kohl, den Kanzler der Einheit, und der versprach blühende Landschaften.

Was folgte, ist schnell erzählt. Mit der Fischerbrigade ging es im vereinten Deutschland bergab, mit der stillen Zuhörerin umso steiler bergauf. Sie wurde zur mächtigsten Frau des Landes. Berufsfischer in Lobbe gibt es schon lange nicht mehr. Rügen werde zum zweiten Sylt, winkt einer der ehemaligen Fischer heute ab. Längst gebe es mehr Ferienwohnungen als ortsansässige Rüganer. Immerhin besuchte Angela Merkel 2009 die Hütte ein zweites Mal. Sie sprach mit den Fischern, die längst keine mehr waren.

 

 

Und heute? Auch Angela Merkel ist mittlerweile im Ruhestand angelangt wie die Männer aus der Fischerhütte. Ob sie noch einmal vorbeikommt, auf einen Tee vielleicht oder einen Schnaps? Die baufällige Fischerbude würde die Kanzlerin nicht mehr finden. Sie wurde vor wenigen Jahren abgerissen, um Platz für eine schicke Ferienanlage zu schaffen.  „Strandoase“ heißt es hier nun. Das Ende für einen kleinen Ort, den der Volksmund einfach nur den „Merkel-Schuppen“ nannte.

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Auf ein Neues

Es ist für die meisten von uns üblich, zu reisen. Weit weg. Unterwegs zu sein. Rund um den Globus. In ferne Länder, auf andere Kontinente, bis ans Ende der Welt. Es gehört für viele zum Standard, ständig neue Orte, Menschen und Kulturen kennenzulernen. Die letzte Zeit hat uns gelehrt, dass plötzlich alles sehr anders sein kann. Angehaltene Zeit. Ruheloser Stillstand. Nun sehen wir jeden Tag immer wieder dieselben Menschen, Straßen, Plätze und Orte. Die Pandemie hat unseren Radius verkleinert.  Wenn es uns gelingt, diese vertrauten Menschen, Straßen und Häuser auf eine neue Weise zu entdecken, schreibt der norwegische Autor Tomas Espedal, ist dieser veränderte Blick eine ganz neue Art derselbe zu sein.

Ist doch eine Idee.

 

Alles Gute für 2022.

Viele neue Entdeckungen in nah und fern.

 

Für 2022 Glück, Gesundheit und viele gelassene Tage und Stunden.

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Schau mal

Sie reist gerne. Ein Notizblock ist immer dabei. Was ihr unterwegs auffällt, zeichnet sie. Es sind erste Eindrücke und Ideen, die zu Skizzen oder Entwürfen werden. Manche Anregungen werden zu eigenständigen Werken, die meisten landen im Papierkorb. Die Malerin Cornelia Schleime schaut ganz genau hin. Aus ihren Begegnungen werden Bilder, die eine eigene Sprache sprechen. Porträts vor allem. Ihre Bilder sind ein Akt der Verlangsamung. So kann sie festhalten, was sie wirklich spannend oder aufregend findet. Ihre Frauen sind Spiegel einer überreizten und vergnügungssüchtigen gleichwohl erschöpften wie gelangweilten Gesellschaft. Kann eine Künstlerin mit 68 Jahren noch Punk sein? Cornelia Schleime: „Warum nicht? Ich habe mir meine Wut erhalten.“

 

Cornelia Schleime. Drei Schritte und ein Atemzug. 2021

 

Die Ost-Berlinerin lernte Friseurin, jobbte als Pferdepflegerin. Dabei wollte sie mit 17 Jahren Künstlerin werden. Doch die DDR, in der sie aufwuchs, setzte enge Grenzen. So probierte sie sich aus: als Grenzgängerin. Sie war Punkband-Frontfrau, Friedhofwächterin, Aktmodell und Fotografin. Sie studierte Malerei in Dresden, lernte mit 18 Sascha Anderson kennen, der die Ost-Untergrund-Szene anführte und an die Stasi verriet. Seine Freundin Conny gleich mit. Schleime hatte Berufsverbot, als sie mit dreißig das kleine DDR-Land mit dem großen Anspruch verließ. Das war 1984. Sie reiste „mit Sohn Moritz, einem Koffer und einem Federbett“ nach West-Berlin aus. Zurück blieben rund 100 Ölbilder und 1.000 Zeichnungen, die bis heute nicht mehr aufgetaucht sind.

 

Cornelia Schleime. Kalte Schulter II, 2015

Neu anfangen. Sich nichts vorschreiben lassen. Den eigenen Weg gehen. Ihr Motto: „In der Kunst bin ich die Domina“. Sie eckt weiter an, weil der westliche Kunstbetrieb andere, subtile Grenzen kennt. Hier wird eine Fertigkeit verlangt, die im Osten nicht gelernt wurde: Die Kunst der Selbstvermarktung. Sie bereist die Welt, von New York bis Indonesien, von Kenia bis ins Ruppiner Land. Dort lässt sie sich nieder. Mit Hund, Katzen und Nachbarn, die misstrauisch über den Zaun schauen. „Ich bin nicht in der Berliner Szene. Ich bin gerne allein. Ich brauche die Ruhe, damit die Kunst aus mir herauskommt“. Was denken die Dörfler über den zugeflogenen Paradiesvogel? Sie schweigen, aber sie akzeptieren mich, meint Schleime: „Ach. Ich sage, was ich denke. Das verstehen die Leute.“ Und noch etwas fällt ihr auf: „Die Städter geben sich vital, sind aber melancholisch. Die Brandenburger geben sich starrköpfig, sind aber viel schlauer und flexibler.“

 

 

Cornelia Schleime.Ich sehe was, was ihr nicht seht. 2003.

 

So schreibt sie Geschichten, aus denen ihr fröhliches Kichern, Klappern und Küssen tropft. „Weit fort“, zum Beispiel, ihre Lebensgeschichte als Roman, als Einstieg sehr zu empfehlen. Und sie malt, was das Zeug hält. Auch den Papst, wenn es sein muss. Den polnischen Wojtyla, der an Parkinson litt. Conny Schleime war als junges Mädchen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Sie bleibt sich treu. Nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Porträts erzählen von selbstbewussten, ungebrochenen Menschen, die nicht aufgeben. Der Blick ihrer meist weiblichen Heldinnen ist in die Zukunft gerichtet. Sie schauen uns an: Was wird? Die Antworten sollen wir selbst finden. Cornelia Schleime malt weiter, weil die Kunst ihr Leben ist. So wichtig wie das Licht und unser tägliches Brot.

Cornelia Schleime. Drei Schritte und ein Atemzug. Galerie Schlichtenmaier. Stuttgart. Bis 7. Januar 2022

 

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„Meine ersten 100 Jahre“

Vor kurzem war ein weitgereister, älterer Herr zu Besuch in Wien, in seiner Geburtsstadt. Georg Stefan Troller. Autor, Filmemacher und Weltbürger mit amerikanischem Pass und Wohnsitz in Paris. Sein neues Buch wollte er persönlich vorstellen, das ließ er sich nicht nehmen. Titel: „Meine ersten 100 Jahre“. Natürlich wurde er sofort gefragt, wie sich denn die heutigen Zwanziger Jahre anfühlen. Troller: „Da ich die alten Zwanziger und Dreißiger erlebt habe, bin ich persönlich etwas pessimistisch”, sagte er. “Es kommt wieder eine Zeit, in der die Leute lieber glauben wollen als wissen, sich lieber einer schönen Illusion anheimgeben, als sich der miesen Realität zu stellen.”

 

 

Miese Realität und schöne Illusionen. Troller hat sich stets für beide Seiten interessiert – als Menschenfreund und Menschenfresser, wie er sich einmal nannte. Für seine Fernsehporträts hat er über 2.000 Interviews geführt, mit Herz und Hirn. Troller besuchte die Berühmten des 20. Jahrhunderts, die Stars und Sternchen, die Mächtigen und Eitlen, aber auch Außenseiter und Unangepasste wie einen kriegsversehrten Vietnam-Veteranen oder den Ost-Berliner Schriftsteller Thomas Brasch.

 

 

Troller, 1921 geboren, ist ein waschechtes Wiener Kind. Der Sohn eines Pelzhändlers wächst in einer Metropole der Melancholie auf, der Glanz der alten K.u.K.-Zeit der Habsburger ist verblichen. Jüdisch-spießig beschreibt Troller seine Kindheit. Die Eltern sind ehrgeizig, aus dem Bub soll was werden. Motto: „Tu was für deine Bildung!“ Als die Nazis 1938 Wien übernehmen, kann die Familie in letzter Sekunde nach Frankreich flüchten. Später emigriert Troller in die USA, um als amerikanischer Soldat ins zerstörte Nazi-Reich zurückzukehren. Hassgefühle hegt er nicht, allenfalls Verachtung für diejenigen, die uneinsichtig bleiben.

Das neue Fernsehen der Nachkriegsjahre wird sein Medium. Über ein halbes Jahrhundert sammelt er Geschichten ein. Unbestechlich und mit genauem Blick. Er dreht über 150 Porträtfilme, trifft Romy Schneider oder Woody Allen. Seine Begegnungen sind stets anders, immer ungewöhnlich. Wenn es sein muss, interviewt er Undergroundpoet Charles Bukowski auf dem stillen Örtchen. Oder fängt sich von Boxerlegende Muhammad Ali für sein freches Nachfragen ein paar Hiebe ein. Filmemachen sei für ihn wie eine Therapie gegen Kontaktscheu und das Gefühl, das eigene Leben sei nichts wert. Seine Arbeiten sind zeitlos sehenswert, ein Stück Fernsehgeschichte. Sein Geheimnis? Er hat die Wirklichkeit nicht glattgebügelt, sondern mit Humor und Menschenliebe einen Blick hinter die Oberfläche riskiert, auf das Absurde und das Grundsätzliche.

 

 

Was macht das Leben aus? Er sagt: Die Summe der intensiv erlebten Augenblicke. Troller hat sie eingefangen, wie kein anderer. Nun hat er seine Autobiografie veröffentlicht: „Meine ersten 100 Jahre“. Das passt. Typisch Troller.

 

Georg Stefan Troller in: Zeugen des Jahrhunderts mit Gero von Böhm.  2016