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Wenn der Schuh drückt

Es riecht nach Leder und nach frischem Kleber. Endlich geschafft! Ein Schuster, der noch besohlt. Mittlerweile sind Handwerker gefragt wie eine bezahlbare Wohnung in der Innenstadt. Schuhmacher sind mindestens so begehrt wie faire Vermieter. Schnaufend erbarmt sich Meister Luschanski aus dem hinteren Teil seiner kleinen Werkstatt in den Verkaufsraum. Mit Kennerblick zieht er seine buschigen Augenbrauen kraus, als er meine desolaten Treter auf dem Ladentisch begutachtet. Es ist ein dänischer Markenschuh, keine Billigware. Er ist mir an den Fuß gewachsen. Ich will mich nicht trennen. Die Gummi-Sohle hat sich an der Schuhspitze aufgerollt. Akute Solpergefahr. Mmh, meint der Meister. „Alles Plastik! Keine Qualität. Das hält höchstens drei, vier Jahre.“ – „Vor genau zwei Jahren gekauft“, entgegne ich. „Sehnse, das ist das Elend. Ein Wegwerfartikel.“

 

 

Ich bereite mich auf das Schlimmste vor. Ich muss wohl Abschied nehmen von meinen bequemen Fußgefährten. „Macht 89 Euro! Mit Ledersohlen, die auch halten“, sagt der Meister und sieht meine überraschten Augen sprechen. „Gut. Ich mach´s für 80,-. Gegen Vorkasse aber nur in bar. Kartengerät habe ich nicht. Zwei Wochen Wartezeit. Ich habe viel zu tun.“ Ein „Noch“ schiebt er rasch hinterher. Schuster seien ein aussterbender Beruf, wie früher die Kohlekumpel. Die Zeiten seien längst vorbei, als es für seinen Berufsstand hieß „Handwerk hat goldenen Boden.“ Dann legt er los. Erzählt, dass er von einigen anhänglichen älteren Herrschaften aus den besseren Berliner Vierteln lebe, die ihre Schuhe bis zu zwölf- oder dreizehn Mal besohlen lassen. „Gute Schuhe können ein Leben lang halten“, betont er. „Drei bis vier Paare reichen. Mehr braucht kein Mensch“. Aber die Generation Greta trage nur noch Turnschuhe oder Sneakers. Die landen zum Saubermachen in der Waschmaschine, wenig später im Mülleimer.

 

Schuhe zum Lüften. Gesehen in Flensburg.

 

Tja. So ist das, sagen seine Augen. Er prüft noch einmal die kaputte Plastiksohle. Dann lehnt sich der Meister über den Ladentisch. Nachhaltig soll alles sein, erklärt er, die Umwelt wolle man schützen, aber die Menschen trügen heutzutage zusammengeklebte Plastiktüten um die Füße. Gesund sei das nicht. Nicht für die Füße. Nicht für die Umwelt, nicht für den Mittelstand, der noch repariert und bewahrt. Schuhmacher befänden sich auf verlorenem Posten. Von der eigenen Hände Arbeit könne keiner mehr richtig leben, sprudelt es weiter. Vielleicht wird aus seinem Laden bald ein Sushi-Lieferservice oder ein Späti.

 

Frisch besohlt? – Nur gegen Vorkasse.

 

Ob er Hoffnung habe, dass sich was ändere? Meister Luschanski lacht kurz laut und gallig auf. „Christian Lindner verspricht uns ja alles. Aber am Ende denkt er nur an sich selbst. Kannste abhaken!“ Ich gebe ihm meine Anzahlung. Er überreicht mir den Abholschein wie eine Reliquie und dankt für mein Vertrauen. Ach, was für ein schönes altmodisches Wort: Vertrauen.

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Wünsch Dir was

Die Landstraße wird schmaler, die Wiesen werden weiter. Kraniche ziehen am Himmel vorbei. Irgendwann hinter abgeernteten Kornfeldern taucht das unscheinbare Lögow auf. Ein kleines märkisches Dorf im Nordwesten Brandenburgs zwischen Neuruppin und Kyritz. Eine gute Autostunde von Berlin entfernt. Am Dorfanger neben der Feldsteinkirche steht ein langgezogenes, geducktes Haus. Knapp 350 Jahre ist es alt, jedoch frisch und hübsch renoviert. An einem der Fenster zur stillen Schulstraße Nummer 2 hängt ein kleines Schild. Dorfkino Lögow. Hereinspaziert! Im alten Klassenzimmer der ehemaligen Schule laufen neue Filme aus aller Welt.  In Lögow befindet sich das kleinste Kino Brandenburgs. Ein Kleinod mit Katze, Glockenläuten der Kirche von nebenan, 16 Plätzen auf gepolsterten Kinositzen und breiten Sofas von Oma.

 

Film ab. Das Dorfkino Lögow ist Brandenburgs kleinstes Programmkino.

 

Klein, aber fein. Das ist das Konzept von Andreas Hahm-Gerling. Der Kino-Narr hat Fotografie- und Film in Bielefeld studiert und später selbst einmal einen Film gedreht. Er war jedoch eher als Kritiker für Zeitschriften unterwegs. Das Dorfkino in Lögow ist sein großes Wagnis, sein ganz spezielles Kind. Seit Anfang Januar 2019 lockt er Gäste mit einer Kino-Leinwand, Popcorn, Getränken und kostenlosen Salzstangen in sein kleines Kino der großen Gefühle, ganz am Ende der Welt. Die Atmosphäre ist fast wie zuhause auf dem Sofa und doch anders. Vorführungen gibt es donnerstags und freitags. Kinderkino sonntags. Hahm-Gerlings Versprechen: „Programmkino, Dokumentarfilme, internationale Filme. Mitmach-Kino: Kinder-Kino, Frauen-Kino, Kochen und Kino. Musik und Kino“. Für jede(n) soll etwas dabei sein. Vor allem sind ihm Austausch, Begegnungen und Kommunikation wichtig.

 

 

Etwas Besonderes des Schmuckstücks in der Kyritzer Provinz ist das sogenannte Privatkino. Besucher können sich ihre Filme selbst wünschen. Oder den Saal für eine Vorführung mieten. Soweit irgend möglich, werden Wünsche erfüllt. Natürlich ist die Pandemie den ambitionierten Plänen dieses Mini-Programmkinos mächtig in die Parade gefahren. Der Corona-Stillstand traf Lögow unmittelbar nach dem ersten vielversprechenden Auftaktjahr. Durchhalten lautet daher jetzt die Devise. Filme in Gemeinschaft sehen und erleben ist das Konzept. Gespräche über das Gesehene sind das große Plus dieses familiären Kinos im Klassenzimmerformat. Zehn Besucher pro Film kommen derzeit im Schnitt. Und noch eine Lögower Spezialität: Vorgeführt werden die durchweg neuen und anspruchsvollen Filme wie „Ich bin dein Mensch“ oder „Der Rausch“ auch dann, wenn nur ein einziger Besucher die ehemalige Schule von Lögow besucht. Dann heißt es im Dorfkino exklusiv: Vorhang auf, Licht aus und: Film ab.

 

Kino mit Kirchenglocken. Das kleine Lögow lockt mit großer Kunst.

 

Reservierungen online unter  Dorfkino Lögow.

Die Kunst des Verhüllens

Paris genießt in diesen Tagen Christos letztes Werk: die Verhüllung des Arc de Triomphe. Seit 1962 wollte der Künstler das Nationalheiligtum im Herzen der Stadt verpacken. Erst kurz vor Christos Tod im Mai 2020 gab Präsident Macron grünes Licht. Im zweiten und letzten Teil einer Annäherung an den bulgarischen Aktions- und Performancekünstler, der mit seiner französischen Frau Jeanne-Claude die Kunstwelt umkrempelte, soll an den Sommer 1995 erinnert werden. Als die Deutschen einmal beschlossen, für genau vierzehn Tage ein glückliches Volk zu werden. Als sich der mächtige, damals leerstehende Berliner Reichstag in ein leichtes, schwebendes Gebäude verwandelte. Als dieser geschichtsträchtige Klotz an der einstigen Mauer verhüllt wurde, um Neues zu enthüllen. Als Berlin einmal anders war.

 

„Wrapped Reichstag“. Sommer 1995. Christo und Jeanne-Claude.

 

Am Anfang war eine Postkarte. Im Sommer 1971 schickte der Historiker Michael S. Cullen eine bunte Ansichtskarte des Reichstages nach New York. Wäre der leere Kasten nicht ein ideales Kunstobjekt, fragte Cullen, ein Amerikaner im damaligen West-Berlin. Dann passierte erst einmal nichts. Anfang November 1971 antwortete überraschend das Ehepaar Christo und Jeanne Claude in einem förmlichen Schreiben. Jeanne-Claude teilte mit, sie seien interessiert, hätten aber frühestens 1972 Zeit. Daraus wurden am Ende 24 Jahre zähen Ringens. Die Widerstände waren groß, wie bei allen Christo-Projekten. Cullen traf das Ehepaar Christo im Hotel Savoy in Zürich. Das Trio verstand sich prächtig. Der US-Amerikaner in Berlin, der bulgarische Künstler und seine französische Frau mit Wohnsitz in New York.

 

Christo und Michael S. Cullen 1993. Cullen, ein Amerikaner in Berlin, schickte 1971 eine Postkarte nach New York – mit Folgen.

 

Das war die Grundidee: Kunst für jedermann! Kostenlos. Ohne Werbung. Ohne staatliche Förderung, Christo kam 1976 zum ersten Mal in das geteilte Berlin. Im Mai 1977 lehnte der damalige Bundestagspräsident Karl Carstens die Verhüllung strikt ab. Unvorstellbar! Der Reichstag sei ein Sakrileg. Mit insgesamt sechs Bundestagspräsidenten verhandelte das Christo-Team in den folgenden Jahren. Daraus entstanden sechzig Aktenordner Briefverkehr, die im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg archiviert sind. Erst der Mauerfall öffnete eine reelle Chance. Die damals amtierende Bundestagschefin Rita Süßmuth wurde zur großen Unterstützerin, während Helmut Kohl zeitlebens ein Gegner blieb. Er hielt die ganze Aktion für blanken Unsinn. Der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble war gleichfalls dagegen. Erst im Angesicht des verhüllten Reichstages Ende Juni 1995 um vier Uhr früh im Morgenlicht wurde er zum Fan.

 

Arc de Triomphe. September 2021. Foto: Mike S. Cullen

 

Der Reichstag wurde 1995 ein weltweit beachtetes Kunstwerk. Es verzauberte die Welt und veränderte den Reichstag. Wie bei Christo und Jeanne-Claude üblich, wurde das Projekt nach zwei Wochen beendet und alle verwendeten Materialien recycelt. Am Reichstagsgebäude sollten keinerlei Spuren der Verhüllung bleiben. Den „Wrapped Reichstag“ erlebten rund fünf Millionen Besucher. Die Aktion kostete etwa 7,5 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgte ausschließlich über den Verkauf von Zeichnungen, Skizzen und die Vergabe von Filmrechten. Handsignierte Motive brachten bei Versteigerungen in späteren Jahren bis zu 300.000 $. Der Stoff, der in diesen Tagen den Pariser Triumphbogen verhüllt, stammt von einer deutschen Firma und ist aus dem gleichen recycelbaren Material wie einst in Berlin. In solchen Fragen blieb sich Christo treu. Der Mann, der mit Kunst die Welt ein wenig verändern konnte. Wenn auch nur für zwei Wochen.

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Wen wählen?

Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler, brummte einmal der konservative Winston Churchill über die Tücken von Wahlen. Und heute? Fast vierzig Parteien stehen demnächst auf dem Zettel. Eine Vielfalt, die alles verspricht. Sie heißen Liebe, Demokratie in Bewegung, V-Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer, Gartenpartei, Tierschutzpartei, Die Urbane HiphopPartei, Bürgerbewegung für Fortschritt und Wandel, Die Pinken, Der Dritte Weg oder Menschliche Partei für das Wohl und Glücklichsein aller. Das Blaue vom Himmel und ewiger Jahrmarkt auf Erden verheißen die Programme. Natürlich stehen die Etablierten ganz oben auf der Liste. Von CDU, SPD, FDP, Grüne, AfD bis Linke. Aber wen wählen?

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Man kann es sich leicht machen. Über Dilettanten-Personal, Bullerbü-Wahlkampf, 16-Jahre-Merkel-sind-genug und Nicht-schon-wieder-SPD schimpfen und digital herumholzen.  Über eine Politik des Zu-Spät und des Zu-Wenig klagen. Über eine Gesellschaft, die immer stärker ihren Zusammenhalt verliert und dabei ständig neue Verlierer produziert. Zetern wie einst Nietzsche über den Pöbel der höheren Stände. Das altvertraute Populismus-Modell aus der Schublade holen: Das Volk ist gut, die Eliten sind verdorben. Dabei wissen wir: Alles wird knapp. Rohstoffe, intakte Umwelt, Gerechtigkeit und besonders die Fähigkeit, neu zu denken und für andere zu handeln. Das Bequemste in Zeiten der „verwirrenden Unübersichtlichkeit“ ist daher einfach nichts zu tun. Keine Experimente. Weiter so! Wird schon werden…

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Wir können weiter die Augen verschließen und den Kopf in den Sand stecken. Das hat den Vorteil, dass es kuschelig bleibt. Man sieht, hört und fühlt nichts. Dummerweise wächst die Chance, in dieser Pose kräftig ins Hinterteil getreten zu werden. „Traumtänzer sind die, die glauben, dass alles so bleiben kann, wie es ist,“ sagen die Initiatoren der Freiburger Diskurse. Sie rufen ins Land: „Wahlprogramm sucht Partei!“ Sie sagen, es reiche nicht, den Müll zu trennen, ab und zu mal ein veganes Schnitzel zu bestellen oder eine Solaranlage subventioniert aufs Dach zu stellen. In der Mitte sei es noch zu vielen zu gemütlich, um auch nur irgendetwas zu ändern. Klima, Katastrophen, Pandemie und Desaster wie in Afghanistan hin oder her. Solange die Krise draußen vor der Tür bleibt, ist doch alles gut.

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Die Freiburger Diskurse bieten frischen Wind für eine runderneuerte Gesellschaft in Politik, Gesellschaft und Umwelt. Neu denken, nachdenken, vordenken. Die Freiburger Denkschule fordert uns und die Parteien auf, sich zu ändern. Ist dieser Aufwand nicht ein wenig Lebenszeit wert, bevor das Kreuzchen mit schlechtem Gewissen wieder beim kleinsten aller Übel gemacht wird? Eine funktionierende Demokratie sollte uns doch mehr als fünf Minuten wert sein. Der alte Griesgram Churchill muss nicht immer recht behalten.

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Wer ist Sonja?

Sie sitzt aufrecht in einem Berliner Café. Sie schaut ernst und abwartend. Fast gelangweilt. Ihre Augen schauen uns direkt an. Ihre Tischnachbarn sind nur angedeutet. Wahrscheinlich sind sie unwichtig. Obwohl, wer weiß? Die Frau im „kleinen Schwarzen“ raucht, wartet, überlegt. Hofft sie, den großen Moment zu erleben oder das kleine Glück nicht zu verpassen? Sonja. Berlin, 1928. In jenem Jahr wurde mein Vater geboren, mein Schwiegervater auch. Der Maler Christian Schad hat diesen kühlen, flirrenden Augenblick des Zeitgeistes festgehalten. Nun ist Sonja nach sechs Jahren Umbauzeit wieder zu sehen. Die Ausstellungsmacher der neueröffneten Neuen Nationalgalerie in Berlin haben Sonja in die „Neue Sachlichkeit“ einsortiert. Doch wer ist Sonja?

 

Christian Schad. Sonja. 1928

 

Sonja heißt eigentlich Albertine Gempel. In Schwerin geboren, zieht die unternehmungslustige, junge Frau nach Berlin. Nur nichts verpassen, heißt die Devise. In der Hauptstadt der Hoffenden und Scheiternden jobbt sie bei einer Mineralölfirma, bewegt sich jedoch lieber in Künstlerkreisen. Albertine ist Jüdin. Als die Nazis an die Macht kommen, verpassen ihr die neuen NS-Herren einen Stern, den sie nicht mehr ablegen kann. 1933 wird sie fristlos entlassen.  Albertine zieht von Berlin nach München. Dort lernt sie das Glück ihres Lebens kennen. Den Maler Franz Herda, der aus Brooklyn, New York City stammt. Im Überlebenskampf der nächsten Jahre wird sie diese Verbindung retten.

 

Die „echte“ Sonja. Albertine Gempel (1896-1973). Dieses Foto stammt von 1926.

 

Albertine steht mehrfach auf Transportlisten. Doch viel Glück, ein US-Reisepass und „ihr unerschrockenes Auftreten“, so der Ausstellungstext, bewahren sie vor der Deportation in den sicheren Tod. Albertine kann ihrem Freund Franz Herda nach New York folgen. Dort heiraten sie 1948. Aus Sonja wird nun die US-Bürgerin Albertine Herda. Das Paar bleibt bis Anfang der sechziger Jahre in New York, dann kehren sie gemeinsam nach Deutschland zurück. Da Ehemann Herda nicht nur Sonja das Leben gerettet hat, ernennt ihn die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zum „Gerechten unter den Völkern“. Die Geschichte vom Happy End von Sonja alias Albertine Gimpel ist dem neuen Begleitext der Nationalgalerie zu verdanken. Neu ist: Schicksale porträtierter Personen werden – soweit möglich – entschlüsselt und erklärt.  Jetzt bekommen die Unbekannten ein Gesicht, eine Geschichte, einen Namen.

 

Lotte Laserstein . Abend über Potsdam. (1930) Mehr Frauen, mehr globale Moderne, mehr Transparenz verspricht die Neue Nationalgalerie.

 

In der detailgetreu aufgehübschten Neuen Nationalgalerie sind nun 250 der 1.800 Bestandsbilder endlich wieder zu sehen. Die neue Dauerausstellung Kunst der Gesellschaft zeigt prominente Werke von 1900 bis 1945. Von Käthe Kollwitz bis Picasso, von Lotte Laserstein bis George Grosz. Diese unruhige, nervöse Krisenzeit mit zwei Weltkriegen und einem hektischen Tanz auf dem Vulkan steht wie keine andere Epoche für Aufbruch und Erschütterung. Erfreulich: Das sechsjährige Warten wegen der Generalsanierung des ikonischen Baus von Mies van der Rohe durch den Briten David Chipperfield hat sich gelohnt.  Sonja, Abbild der neuen Frau von 1928, wartet wieder im Untergeschoss. Mit kühlem Blick, einer Rose am Kleid und einer qualmenden Zigarette. Sie signalisiert: „Ich lebe meine Leben. Und Du?“ Vielleicht ergibt sich doch etwas Neues – beim Rendezvous in der Neuen Nationalgalerie. Wer weiß?

 

 

Die Kunst der Gesellschaft. Neue Nationalgalerie Berlin. Bis 2. Juli 2023

Last Exit, Kabul

Check-in Kabul. Am deutschen Flughafen pflaumt uns die Lufthansa-Mitarbeiterin an: „Da haben wir nichts zu suchen!“ In der Maschine sitzt eine merkwürdige Mischung aus Geheimdienstleuten, Militärs, Vertretern von NGOs, mein Kameramann und ich. Eine Woche lang wollen wir herausfinden, wie der Stand der Demokratisierung im Land am Hindukusch ist. Wir treffen Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen, den Leiter einer Lehrlingswerkstatt, einen vorsichtigen, einheimischen Wahlbeobachter und einen traumatisierten Filmemacher. Das war vor gut zehn Jahren. Was hat sich geändert? Was die Hoffnungen betrifft, nichts. Was die Befürchtungen angeht, alles. Ein filmreifes Ende wie in einem Hollywood-Blockbuster. Die korrupte Elite hat sich im Hubschrauber abgesetzt. Doch für die Menschen sind alle Illusionen zerstört.

Der 36-jährige Regisseur Aboozar Amini hat Anfang 2021 den beeindruckenden Dokumentarfilm Kabul, City in in the Wind in Deutschland veröffentlicht. Die Fortsetzung  als Spielfilm „Ways to run“ musste in den letzten Tagen gestoppt werden. Amini ist in Sicherheit. Sein ganzes Team aber in Kabul in großer Gefahr.

 

 

Hier sollen einige Stimmen aus der afghanischen Kulturbranche zu Wort kommen. Es sind selbstbewusste, stolze, mutige Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte aktiv einsetzen. Sie leben in Angst. Ihre Namen sind geändert.

 T. hat über einhundert Filme produziert. Er liebt das Action-Kino, in dem am Ende immer das Gute siegt. T. ist eine Art Bud Spencer. Er nimmt selbst auswegloseste Situationen mit Humor. In einem kleinen Kabuler Studio arbeitet er wie ein Besessener. Außer Actionkino hat er unzählige Dokumentarfilme über Drogen, Armut und Frauenrechte in seinem Land gedreht. „Bei den Dreharbeiten habe ich einmal acht Mitarbeiter verloren. Wir wurden während unserer Aufnahmen von den Taliban beschossen.“ T. wurde verletzt, machte weiter: „Zukunft? Das ist wohl ein Witz. Unsere Regierung ist korrupt, die Taliban sprengen uns in die Luft, unsere Kinder hungern und der Rest der Welt versucht seit Jahren etwas zu verbessern. Ich mache Filme, das ist alles. Ich habe bei den Märtyrern geschworen, das afghanische Kino Tag für Tag besser zu machen.“

 

Zwei afghanische Filmemacher bei der Arbeit. Foto: Heinz Kerber

 

Afghanistan ist eine Männergesellschaft. In einem unscheinbaren Hinterhof der Hauptstadt arbeitet einer der mutigsten Frauen des Neuanfangs. Die Journalistin Z. hat einen Terminkalender wie eine Managerin. Pausenlos klingeln ihre drei Telefone. Die Mutter von fünf Kindern ist eine viel gefragte Gesprächspartnerin: „Uns gibt es wirklich. Das Afghanische Frauenradio. Dieser Sender ist die erste weibliche Stimme in unserer Geschichte.“ Die Angehörige einer alteingesessenen Familie mit 150-jähriger Stammesgeschichte hat unzählige Morddrohungen erhalten. Aber nur vor einem hat sie Angst, dass sie mit den Taliban allein gelassen wird. „Ich denke ein guter Mensch lässt seinen Freund in schweren Zeiten nicht in Stich. Wenn Ihre Streitkräfte uns jetzt verlassen, bleibt alles auf halber Strecke stehen. Wollen Sie das wirklich?“

Das war einmal: Live auf Sendung in Kabul. Das erste Frauenradio. Foto: Heinz Kerber

 

Die Mehrheit der Afghanen ist unter zwanzig. Die Jugend hat vom Krieg die Nase gestrichen voll. Die Jungen wollen ein neues, ein anderes Afghanistan, dafür steht der Sender Tolo TV. Nachrichtenchefin A. hat wenig Zeit. Die Mittzwanzigerin betont, Afghanistan sei viel mehr als Attentate, Bomben und Gewalt. Dann schaut sie uns direkt an: „Warten Sie! Ich möchte noch etwas Wichtiges sagen. Afghanistan ist auch für den Rest der Welt wichtig. Falls andere Länder uns im Stich lassen, ist es möglich, dass diese Länder eines Tages selbst Probleme bekommen.“

In den Straßen von Kabul. Foto: Heinz Kerber

 

„Eine Reise nach Kabul“ lief 2010 im ZDF. Unser afghanischer Producer konnte sich mittlerweile in Sicherheit bringen.

Nichts gelernt? Die traurige Wahrheit ist eindeutig ja.  „Was haben wir dort zu suchen“, war die Frage schon vor 12 Jahren. Beklemmend aktuelle Antworten damals u.a. von Khazan Gul („Freundeskreis Afghanistan“) und Peter Scholl-Latour. Man hätte nur zuhören müssen. Sehr zu empfehlen.

 

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Lost in Berlin

„Wer hier wohnt, hat verloren“. Das meint die Berlin-Bashing-Kolumne der Süddeutschen aus München. Das Blatt stellt fest: „Was in Berlin schiefläuft? So ziemlich alles.“ Das Verrückte ist: Trotzdem kommen weiter viele Menschen in die deutsche Hauptstadt. Berlin ist nach wie vor Magnet. Die Stadtregierung lobt sich gerne über den grünen Klee. Berlin sei Melting Pot. Drehscheibe. Zukunftswerkstatt. Place to be. In einem Loft am Landwehrkanal lässt es sich leicht über den Alltag der meisten Bewohner hinweglächeln. Was der Stadt fehlt? Eine funktionierende Verwaltung. Wer seinen Ausweis verlängern oder einen Kitaplatz beantragen will, scheitert bereits beim zuständigen Bürgeramt. Termine sind so rar wie bezahlbare Wohnungen. Wartezeiten bis zu drei, vier Monate sind normal. 250.000 unerledigte Fälle. Willkommen in der postsozialistischen Wartegemeinschaft!

 

 

Das Motto der Behörden: ‚Ein kluger Beamter prüft zuerst seine Zuständigkeit und verneint sie.‘ Die Rechnung zahlt der Bürger: Statt sofort und unverzüglich heißt es, eher vielleicht und irgendwann. Folge eines dramatischen Abbaus. Sparen bis es quietscht, hieß es vor Jahren unter dem damaligen Finanzsenator Thilo Sarrazin. Eine ausgebrannte, überalterte, Mitarbeiterschaft soll den Bedarf einer stetig wachsenden Stadt bewältigen. Die logische Folge. Alles dauert. Eine Einbürgerung kann bis zu 24 Monate dauern. Eine alleinstehende Mutter wartet auf das Überbrückungsgeld für ihr neues Baby bis zu drei Monate. Wer im Park oder Wald seinen Müll entsorgt, muss sich keine Sorgen machen. Der bleibt liegen. Im Wald gibt es keine Förster mehr. Zwei Drittel der Stellen fielen weg. Die Grünflächenämter, für die Sauberkeit zuständig, sind überfordert.

Unglaubliche acht bis neun Jahre dauert beispielsweise der Neubau einer Schule.  Warum? Ein Dschungel an Zuständigkeiten, „Behördenpingpong“ genannt: 1) Bezirk definiert Bedarf, 2) Mittel werden beantragt, 3) Testat wird erstellt, 4) Senat für Finanzen verabschiedet Investplan, 5) Anmeldung durch Bezirk, 6) Senatsbeschluss, 7) Erarbeitung Bedarfsprogramm, 8) Genehmigung Bedarfsprogramm, 9) Vergabeverfahren, 10) Auswahlentscheidung, 11) Vorplanungsunterlagen (VPU) werden erarbeitet, 12)  VPU werden genehmigt, 13) Veranschlagung im Haushalt, 14) Bauplanungsunterlage (BPU) wird erarbeitet, 15) BPU wird genehmigt, 16) Ausführungsplanung, 17) Ausschreibungscheck, 18) Baubeginn, 19) Fertigstellung (unbestimmt). Ein Wunder, dass der Flughafen BER nach fast zwei Jahrzehnten Planung, Pleiten, Pech und Pannen überhaupt fertiggestellt werden konnte.

 

Warten, hoffen, aufstehen, weitermachen. Quelle Margherite Saiko

 

Ein letztes Beispiel: Am 11. September 2019 beschloss das zuständige Bezirksamt in Pankow nach Unfällen, dass eine Straße verkehrsberuhigt werden soll. „Aufgrund der dramatischen Personalsituation in der Straßenverkehrsbehörde“ konnten seitdem nicht einmal mehrere Kleine parlamentarische Anfragen beantwortet werden. Fast zwei Jahre sind seit dem Beschluss vergangen. Geschehen ist nichts. „Aktuell krankheits- und urlaubsbedingt“ verfüge man nicht „über die notwendigen Personalressourcen“.  Vielleicht sollte die Straße ausgebürgert werden.

 

Genug gegruselt. Schwabinger Schickeria und Stuttgarter Stammtischler mögen es sicher gerne hören, dass die Berliner nur eine große Klappe haben „und sonst nichts“. Geübte Kenner der Stadt wissen: „Um Berlin in seiner jetzigen Verfassung zu malen, müsste man den göttlichen Dante Alighieri bemühen, welcher die Hölle und das Fegefeuer zu schildern wusste.“ Diese Feststellung ist aus dem Jahre 1896. Nachzulesen bei Alfred Kerr in: „Was ist der Mensch in Berlin – Briefe eines europäischen Flaneurs“.

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„Holt uns raus!“

An einem Sonntag im August liest ein Achtzehnjähriger das Neue Deutschland. Damals hatte das SED-Parteiorgan noch eine Sonntagsausgabe. Die Grenze ist geschlossen, heißt es, die Kriegspläne der Bonner Ultras sind durchkreuzt. Die Geburtsstunde des antifaschistischen Schutzwalls, weltweit nur Mauer genannt. Peter Joachim Lapp ist entsetzt. Er sitzt mit der Gefangnenennummer 1373/60 im Kommando 1 des sächsischen Zuchthauses Waldheim. Verurteilt wegen staatsfeindlicher Hetze. Mit seinen Zellenkameraden diskutiert er deprimiert, was die Grenzschließung zu bedeuten hat. „Es gibt Krieg“, sagt einer. Andere lachen höhnisch. „Die Westmächte werden wieder nichts tun, wie am 17 Juni 1953“, dem Tag des DDR-Volksaufstandes. Andere fantasieren, dass „demnächst Hubschrauber der Amerikaner im Gefängnishof landen und uns rausholen“.

 

Zuchthaus Waldheim. Zellentrakt. Lapp war im Kommando 1 von 1960-1964.

 

Nichts passierte an diesem Sonntag, den 13. August 1961 hinter den Mauern des Zuchthauses von Waldheim – vor sechzig Jahren. Kein Hubschrauber landete. Keiner der rund 1.200 Insassen wurde befreit. Der heute 79-jährige Lapp erinnert sich genau: „Wir waren im Schichtbetrieb auch am Sonntag. Ich war zur Nachtschicht eingesetzt und da liefen verstärkt Offiziers-Patrouillen mit Tränengaspatronen durch die Gänge. Die Wachen auf den Türmen rund um die Anstalt waren normalerweise durch einen Posten besetzt, diesmal mit zwei. Sie patrouillierten mit Hunden. Es war erhöhte Alarmbereitschaft. Die Volkspolizei war verstärkt überall und man spürte die allgemeine Nervosität.“

 

Urteil vom 18.08.1960 wegen „staatsgefährdender Gewaltakte in Tateinheit mit staatsgefährdender Propaganda und Hetze“. Der Gewaltakt bestand in einem Stück Papier mit 13 Artikeln für eine vierkköpfige „Deutsche Widerstandsbewegung“, die im März 1960 vier Wochen existierte.

 

Immerhin gab es kein Krieg. Kaufmannslehrling Lapp durfte in Waldheim als Dreher in einer zugigen Lagerhalle schuften. Damit konnte er sich ein paar Kleinigkeiten im „Knast-HO“ leisten, dem Anstaltsladen. Er saß vier Jahre und sechs Monate ab, wegen „Kindereien“, wie er betont. Seine Schülerclique in Rudolstadt hatte auf dem Papier eine „Deutsche Widerstandsbewegung“ gegründet. Der Name wirkte mächtig, die Ziele waren romantisch-pubertär. Die Schüler forderten die Abschaffung des DDR-Regimes und eine demokratische Erneuerung nach Vorbild der USA. Spitzel meldeten die „Untergrundgruppe“. Die DDR-Behörden nahmen die vier Teenager ernst und sperrten sie wegen Gesellschaftsgefährlichkeit als Feinde des Arbeiter- und Bauernstaates ein. Der achtzehnjährige Peter Joachim Lapp saß seine Strafe bis zu seinem Freikauf in den Westen 1964 nahezu komplett ab.

 

Als das Land noch geteilt war. Brandenburger Tor 1988. Luftbild: MfS. Quelle: BSTU

 

Das Einmauern 1961 gilt als zweiter Gründungsakt der DDR.  Der Schutzwall sollte dem SED-Sozialismus eine zweite Chance geben, Imperialisten, Geschäftemachern und Schiebern in die Schranken weisen, wie es offiziell hieß. Im Zuchthaus Waldheim sank die Stimmung kontinuierlich auf den Nullpunkt. Lapp: „Als dann im Herbst 1961 die Zellen statt mit dreien mit sechs Gefangenen belegt wurden, da hatte die Revolutionäre Justiz zugeschlagen. Alle Kritiker am 13. August kamen zu uns.“ Viele der „Politischen“ in Waldheim waren verzweifelt und hoffnungslos. „Was uns vor allem abgestoßen hat, war diese irre Propaganda, die diese ganze Geschichte als Erfolg der DDR oder des Sozialismus vorstellte. Das Gegenteil davon war der Fall. Wer die eigenen Leute im Lande mit Gewalt halten musste, der konnte nicht sagen, dass das der Humanismus des 20. Jahrhunderts war.“

Die DDR-Führung feierte den 13. August als Akt der Stärke und Tag des Friedens. Peter Joachim Lapp sagt: „Das war der soziokulturelle Geburtstag der DDR. Seitdem konnte dieser Staat sichtbar nicht ohne Befestigung der Grenzen leben und das ist natürlich ein Armutszeugnis gewesen bis zum Schluss.“ Lapp wurde 1992 vom Bezirksgericht Gera rehabilitiert. Das Urteil vom 18.08.1960 wurde aufgehoben.

 

„Alles, was ich bin, wurde ich durch die DDR. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges“. Peter Joachim Lapp. Autor, Publizist.

 

Peter Joachim Lapp lebt heute in der Eifel. Der Politologe und Publizist war von 1977 bis 1997 beim Deutschlandfunk. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur DDR und einer der Zeitzeugen in meiner ZDF-Dokumentation „Am Todesstreifen“. Seine Zeit im Zuchthaus Waldheim hat er in „Zuchthausjahre“ (2019) veröffentlicht.

Machs gut, Ben

Einen alten Baum… verpflanzt man nicht, schrieb ich vor gut einem Monat. Hätte ich ihn doch besucht. Ben Wagin. Bildhauer, Baumpate, Lebenskünstler, Maler und unermüdlicher Kämpfer „Komm einfach vorbei“ knurrte er ins Telefon. „Die Deppen von der Firma verstehen sowieso nichts von Kunst. Das soll alles weg. Die Welt ist so.“ Pause. „Vom Fernsehen bist Du? – Ja, vielleicht hilft´s, antworte ich. „Du weißt ja, wo ich wohne…“ Ich kam nicht vorbei. Weder mit noch ohne Kamera. Niemand wollte die Geschichte über das Wegsanieren seines letzten großen Wandbildes in Berlin. Also besuchte ich ihn nicht. Ein Fehler. Ende Juli ist Ben Wagin im Alter von 91 Jahren gestorben „wie er gelebt hat: munter, mutig, heiter“, erklärte sein Baumpatenverein.

Ben war eine Berliner Pflanze. Er duzte jede(n), den mächtigen Minister wie die eifrige Feministin. Ben war Ende Juni sauer: Sein Weckruf für mehr Umweltschutz aus den Achtzigern sollte weichen. Pointe: Im Namen des Umweltschutzes. Die schwarzbraun, verrußte Ziegelwand am S-Bahnhof Savignyplatz soll einen modernen Dämmputz erhalten. Nun kann der Investor loslegen. Der grantige Kauz ist nicht mehr. Doch seine Botschaft vom pfleglichen Umgang mit der Natur bleibt. Dafür stand er.

 

Weltenbaum II am S-Bahnhof Savignyplatz. 105 Meter lange Street Art. Vielleicht kann die Denkmalpflege das Werk aus den Achtzigern retten. Es soll verschwinden.

 

„Wir trinken was wir pinkeln!“ habe ich unzählige Male am S-Bahnhof Savignyplatz auf seinen Weltenbaum II gesehen. Meistens so lange, bis die nächste Bahn kam. Sein Werk ist 105 Meter lange kostenlose Kunst. Ein Riesenbaum mit Ästen, züngelnder Schlange, verzweifelten Gesichtern, Trauernden, Toten, dazwischen ein Mädchen, das lächelt. „Idealisten sind immer in der Gefahr/An ihrem Idealismus zugrunde zu gehen.“ Schiller grüßt. Ben schrieb es in den achtziger Jahren an die Wand, als die Züge viel seltener fuhren, als die Mauer den Weg in der Stadt versperrte.

 

 

„Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur.“ Sein Satz auf seinem riesigem in die Jahre gekommenen Wandbild hat sich mir eingebrannt. Ob die Smartphone-Generation Bens Botschaften noch wahrnimmt? Heute heißt auf den Zug warten, aufs Gerät starren und zum nächsten Bild wischen. Der Weltenbaum II verbindet bekannte Künstler wie Beuys, Grass oder Frida Kahlo. Das Wagin-Gesamtwerk, 2013 komplett saniert, schlägt eine Brücke von den Nazi-Jahren bis zur Umweltzerstörung unserer Tage. Bens Werk soll gerettet werden. Nach Vorstellung der Investoren am besten im Internet. Als Instagram-News.

Als 14-jähriger Junge musste er am Ende des II. Weltkrieges aus seiner westpreußischen Heimatstadt Jastrow flüchten. Er versteckte sich in Pommern hinter einem schützenden Baum, als die Kugeln umherflogen. Sein ganzes späteres Leben stellte er sich folgerichtig vor die Bäume. Er vergaß nie die Worte seines Großvaters, der ihm mit auf den Weg gab: „Egal, was kommen wird, die Bäume werden zu dir sprechen.“ Sein bekanntes Parlament der Bäume am Reichstag genießt mittlerweile Denkmalschutz. Weltweit pflanzte Ben an die 50.000 Bäume.

 

 

Weltenbaum II ist (noch) zu sehen am S-Bahnhof Savignyplatz. 24/7. Eintritt frei. Den Sound liefert die Berliner S-Bahn. Ebenfalls umsonst und draußen.

Ben, mach´s gut!

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Sei du selbst

Auf Island suchen viele Menschen das, was sie zuhause nicht finden. Weite, Wärme, Ruhe, Geborgenheit. Eine unberührte Natur, so schön wie schroff, so wild wie verwegen. Ende Februar 2020, wenige Tage vor dem großen Lockdown in Europa, reiste die polnische Pianistin Hania Rani in den äußersten Südosten der Vulkaninsel. Sie inszenierte am Ende der Welt ihren Song „F Major“.  Der Filmemacher Neels Castillon drehte das Video in einem einzigen Mastershot, ohne einen einzigen Schnitt. Eine Herausforderung bei minus sieben Grad für alle Beteiligten. Für Hania Rania, die drei Tänzerinnen Mellina Boubetra, Janina Sarantsina und Fanny Sage und das Team. Ihr Motiv? Die Suche nach dem einzigartigen Moment der Wahrhaftigkeit. Die entscheidende Voraussetzung für Kunst, die wirklich etwas zu sagen hat.

 

 

Hania Rani sagt: „Ich glaube, ich bin als Musiker wie als Privatperson der gleiche Mensch. Musik ist meine Art zu kommunizieren und ich sehe die Kunst, die Musik als ein großes Ganzes, ohne Grenzen, Unterteilungen, oder sogar Genres.“ Die Pianistin und Komponistin lebt teils in Warschau teils in Berlin. Die deutsche Hauptstadt ist für die 30-Jährige Polin ein Place to be: „Hier hast du die Freiheit, du selbst zu sein“, betont sie.

 

 

Rani wuchs in einer musikalischen Familie in Danzig/Gdansk auf. Ursprünglich wollte sie Klassische Musik studieren, doch sie entschied sich für Jazz und Elektronische Musik, „mixte Chopin & Schostakovitch mit Dave Brubeck und Moderat.“ Ihre Vorbilder sind Komponisten und Musiker wie Max Richter, Esbjorn Svensson, Miles Davis, Nils Frahm, Murcof, Portico Quartet, Radiohead oder die Beatles. „Das, was alle Künstler, die mich inspirieren, verbindet, ist ihre spezielle Herangehensweise an die Musik und ihren Sound. Für mich haben sie alle ein großes Herz und einen riesigen Verstand.“

 

 

Mittlerweile ist die Pianistin auf großen Bühnen wie in der Nationalphilharmonie Warschau, im Funkhaus Berlin oder im Londoner Roundhouse aufgetreten. Ihr zweites Album „Home“ legte sie im Mai 2021 vor. Dabei versucht sie ihren musikalischen Radius zu erweitern, setzt die eigene Stimme ein und wird auf einigen Stücken von Bassist Ziemowit Klimek und Schlagzeuger Wojtek Warmijak begleitet. „Home“ ist für Rani die Fortsetzung ihrer musikalischen Lebensreise, die auf „Esja“ ihren Anfang nahm. Wie rasch die Lebensentwürfe anders verlaufen können, hat die bleierne Corona-Zeit gezeigt. Mutter Natur zeigt ihre Krallen. Die Menschen reagieren aggressiv, hilflos oder überfordert. Plötzlich steht alles still. Dann bleibt nur die Reise zu uns selbst. Für solche Momente ist Hania Reni eine wunderbare Gefährtin.