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Denken ohne Geländer

Manhattan, 4. Dezember 1975. Plötzlich wollte das Herz nicht mehr. Es beschloss stehen zu bleiben. Das Herz von Hannah Arendt. In der Schreibmaschine steckte die erste Seite eines neuen Textes über „Das Urteilen“. Am nächsten Tag wollte die 69-jährige streitbare Denkerin loslegen. Von Arendt stammt der Satz: „Der Sinn von Politik ist Freiheit und nicht Einschränkung.“ Freies Denken und der Streit um den richtigen Weg waren der Motor ihres Lebens. Dabei war die Kettenraucherin eine Außenseiterin hoch drei. Sie war Jüdin, Frau und Intellektuelle. Zweimal musste die Bürgertochter aus Königsberg neu anfangen. 1933 nach der Flucht aus Hitler-Deutschland. 1941 als Exilantin in New York.

„Wir sind nicht geboren, um zu sterben, sondern um gemeinsam etwas Neues anzufangen.“ Typisch Arendt. Wir sollten unsere Tage besser mit konkretem Handeln nutzen bevor wir wieder in jenem „Nirgends“ verschwinden, aus dem wir gekommen sind. Bei unserem Verschwinden würde „der Kosmos nicht einmal zucken“, meint sie augenzwinkernd. In ihrer speziellen Mischung aus Schnoddrigkeit und Schärfe beschreibt sie das Lebensgefühl des modernen Menschen, in dem jede Freiheit von Anpassung, Sach- und Leistungszwängen erdrückt werde. Bürger hätten brav zu sein, sollten Dinge herstellen und verbrauchen, auch diejenigen, die sie gar nicht brauchen. Durch kapitalistische „Vergeudungswirtschaft“ verlören „ganze Bevölkerungsschichten ihren Platz in der Welt“. Die Gesellschaft dränge auf Veränderungen, doch Machteliten schotteten sich ab. Experten behaupteten beschwichtigend, die Gesellschaft sei eben so komplex wie die Evolution. Das schrieb sie vor über fünfzig Jahren.

 

 

Scharf kritisiert Hannah Arendt „die Religion des Eigentums“. Sie bekümmert, dass Bürgern „Meinungen und Gesinnungen wie Seifenpulver und Parfum“ verkauft werden. Die blockierten sozialen Kämpfe verwandelten sich am Ende in Kulturkämpfe. (Heute wären das Gendern und Identität). In Stellvertreterdebatten werde nur noch aggressiv gestritten, nicht jedoch das Gemeinsame gesucht. Für Arendt war klar, dass in fragmentierten Teilwelten keine kommunikative Macht entstehen kann. Anything goes. Alles geht, aber das mit voll aufgedrehter Lautstärke.

Gegen ihre Morgenmelancholie half eine Tasse Kaffee und natürlich Zigaretten. Wer raucht, denkt, war ihr Credo. Natürlich irrte auch die Dame aus Manhattan, manchmal sogar gewaltig. Ihr berühmter Gedanke über den NS-Schreibtischtäter Adolf Eichmann von der „Banalität des Bösen“ kostete der Philosophin 1964 viele Freundschafen. Man warf ihr „Originalitätssucht, Arroganz und Verrat an der jüdische Sache“ vor. Sie erntete jahrelang gewaltige Shitstorms. Aber sie blieb dabei: „Eichmann ist ein Hanswurst. Das nahmen mir die Leute übel.“ Die Geschichte gab ihr Recht. SS-Täter Eichmann war kein Dämon, er war ein Bürokrat. Die Banalität des Bösen.

 

Gegen den Strom. Nicht immer einfach, besonders in Hamburg im Juni 1936.

 

Eigenständiges Denken ist und bleibt ihr Vermächtnis. Dinge verstehen wollen. Suchen, Nachdenken. Wie genial einfach ist dieser innere Kompass und wie schwer ist ihm zu folgen. Gerade in heutigen Zeiten von Twitter-Gewitter, Cancel Culture und selbstgerechter, moralischer Belehrung. Zum Schluss daher lieber noch einer dieser typischen Arendt-Sätze: „Wenn die Weltgeschichte nicht so beschissen wäre, wäre es eine Lust, zu leben.“

Der Mann mit der Maske

Wenige Minuten vor Konzertbeginn. Das Berliner Tempodrom am Anhalter Bahnhof ist rappelvoll. Das Publikum wartet ungeduldig auf den Meister. Kein Wunder. Seine Audienz ist sündhaft teuer. Plötzlich geht ein Spot an. Eine Dame im Business-Kostüm stöckelt auf die Bühne, nestelt an ihrem Headset und bittet routiniert im Stewardessen-Ton um Aufmerksamkeit. „Im Interesse der Künstlers und des Konzerts sind Handyaufnahmen und Fotos unerwünscht.“ Abgang. Die Kapelle legt los. Aus dem Nichts betritt ein Mann mit Hut das Geschehen. Gesicht verschlossen. Ganz in schwarz. Der knarzende Nobelpreisträger singt maskenhaft. Seit 1988 jettet er rastlos mit seiner Never Ending Tour um die Welt. Bob Dylan. Sechzig Jahre Bühnenpräsenz, 600 Songs und jetzt vielleicht etwas mehr als sechzig Minuten in Berlin. Der Mann auf der Bühne hält Distanz. Deutlich mehr als 1 Meter 50. Lange bevor Abstand pandemiebedingt gesellschaftsfähig wurde.

 

 

Mit dem Auftaktsong beginnt ein digitales Blitzgewitter. Hunderte Smartphones leuchten. Rowdies beziehen hinter den Boxen Position und zielen mit riesigen Mag-Lite-Taschenlampen auf jeden Knipser. Luftkampf im Tempodrom! Dylan singt unbewegt seine Lieder von Abschied, Hoffnung und Liebesleid. Knockin on heavens door. Seine Songs sind Balladen für die Ewigkeit. Texte, die andeuten, verschlüsseln, verwirren. Forever young. Wie er. Der ewige Lonesome Cowboy aus Minnesota/USA. Im Publikum flitzen Ordner zu Besuchern, die das Knipsen nicht lassen können. Mehr oder wenig rustikal werden sie gestoppt. All along the watchtower. Dylan nuschelt unbeeindruckt seine Songs von der Suche nach Erfüllung und Erlösung. Er formuliert diesen Kinderwunsch von einem guten Ende, an dem sich alles fügt, was bislang schief ging.

 

 

Hat der Bote auf der Bühne eine Botschaft? – Antwort Dylan: Warum fragt Ihr mich? Strengt Euren Grips an. Er sei kein Erfinder von Ideen, nur so eine Art Erbe. Das sagte er einmal. Oh, Mister Tambourine Man. Die Texte seien ihm nicht eingefallen, sondern „geisterhaft“ zugetragen worden. In seiner Biografie Chronicles von 2004 schreibt er: „Ganz egal, was man sagt, es ist nur Gestammel. Man hat nie die Zeit, in Ruhe über alles nachzudenken. Zusammenflicken, drüberbügeln, rein damit, und ab geht die Post – so läuft das normalerweise.“ Don´t think twice it´s all allright.

 

 

Das Konzert knarrt dem Ende zu. Wieder blitzen Dutzende Handylichter auf. Tapfer hält die Dylan-Crew mit ihren Lampen dagegen. Ein wundersames Spektakel. Spannender als die routiniert heruntergeschnurrten Songs des Meisters. Als wollte Meister Dylan die Zeit aufhalten. Hört lieber zu. Als mit Euren Geräten verwackelte Selfies zu produzieren. Schnell ist die Stunde um. Eine Zugabe gibt es noch. Blowin in the wind. Verjazzt, verfremdet und doch freundlich wiedererkennbar. Keine Version zum Mitschunkeln. Aber zum wundern, dass in diesem alten, weißen Mann so viel an Potential steckt. Einer, der auch im achten Lebensjahrzehnt Lust an Neuem hat. Dylans Blowin in the Wind verweht leise im weiten Rund des Tempodroms. Die Lichter gehen an. Der Meister mit der Maske ist längst entrückt. Das Blitzen der Handys hat aufgehört.

Mein Berliner Dylan-Konzert war 2015. Live und mit Publikum. Happy Birthday zum 80ten, Bob.

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Irisch Man

Ein 75-jähriger Nordire stellt Fragen wie: „Why you are on Facebook? Why do you need secondhand friends?” Der Mann röhrt mit Leib und Seele: “Suchst Du dort etwas, was Du nicht finden kannst?” Der Facebook-Song ist einer von 28 neuen Songs des Urgesteins Van Morrison. „Latest Record Project“ heißt sein mittlerweile 36. Album. Sir Van, geadelt für sein Lebenswerk, kann es nicht lassen. Im neuen Album folgt sein Sound altbewährten, vertrauten Pfaden. Der Van the Man-Sound aus Blues, Bläsern und seiner seit sechzig Jahren einzigartig aufgerauhten Balladen-Stimme. Der Mann kann es. Übel gelaunt den besten Blues auf die Bühne bringen.

 

 

Jetzt schlagen Tugendwächter Alarm. Das neue Album sei musikalisch uninteressant, inhaltlich jedoch höchst bedenklich. Van nur noch ein „knurriger „Aluhütchen-Protestsänger“ und ein „frustrierter Rebell im Rentenalter“. Was ist passiert? Van Morrison kritisierte bereits 2020 in den Songs “Born to Be Free,” “As I Walked Out” and “No More Lockdown die Corona-Maßnahmen seiner Regierung. Der nordirische Gesundheitsminister Robin Swann war sauer und nannte Morrisons Texte „gefährlich“.

Ein Licht in Cancel Culture-Zeiten, jubeln seine Fans. Was denn nun? Gefährlich oder großartig? In mehreren Songs des 2021-Albums, vor allem in „They Own the Media“ heißt es zum Beispiel: „They control the story we are told“. Kritiker sagen, damit bediene Van Morrison ein klassisches Verschwörungsnarrativ. Wie sich die Zeiten ändern. 1968 hatten die Medien sein aufmüpfiges Werk Astral Weeks in den Himmel gelobt. Das Album sei ein Meilenstein. Einfühlsame, kritische Texte, musikalisch innovativ. Astral Weeks entstand in nur zwei Tagen mit renommierten Jazzmusikern in New York. Die außergewöhnliche Mischung aus Folk-, Blues-, Soul- und Jazzelementen errang 68er-Kultstatus, verkaufte sich nur äußerst miserabel.

 

 

Kritiker schwärmten dennoch weltweit: Astral Weeks sei unangepasst und ein mutiges Zeichen gegen den Mainstream. „Eine in sich geschlossene musikalische Welt aus akustischen Gitarren, Streichern, Vibraphonen, Cembalos und Van Morrisons seelenvollem Gesang. Ein Gemälde aus Klang, das erst unzugänglich erscheint und sich dann zu einem ganzen Universum purer Schönheit öffnet“. Und der Bayrische Rundfunk jubelte noch vor kurzem: „Wenn dieses Album dich einmal auf dem richtigen Fuß erwischt hat, dann bleibt es für den Rest deines Lebens“.

 

 

Und jetzt beim 36. Album „Latest Record“? Van auf dem falschen Fuß erwischt? Alles vorbei? Der Tenor der Verrisse lautet: Der alte weiße Mann wisse nicht mehr was er tut. Bitte mal einen Moment innehalten. Luft holen. Nachdenken. — Sind wir auf dem Weg zurück in den Kalten Krieg? Damals wurden „falsche“ Meinungen angefeindet in der Version-West: „Geh doch rüber!“ oder eingesperrt in der Logik-Ost: „Hetze für den Klassenfeind“. Heute werden Abweichler von Nena bis Van Morrison verteufelt.

Mein Tipp: Album anhören, eine eigene Meinung bilden. In der Frage des Corona-Krisen-Managements ließen sich viele Argumente austauschen. Van the Man, „ich teile Deine Meinung nicht. Ich werde aber bis zum letzten Atemzug dafür kämpfen, dass Du Deine Meinung frei äußern kannst“.

Dieses Zitat ist von Voltaire.

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Der Volksfreund

Der Norweger Henrik Ibsen meinte vorab, es werde „diesmal ein freundliches Stück sein, das von Staatsministern und Großhändlern sowie deren Damen gelesen werden kann und vor dem die Theater nicht zurückzuschrecken brauchen“. Sein brandneues Stück „Ein Volksfeind“ wurde ein Skandal. Der Plot: Kurarzt Tomas Stockmann entdeckt, dass sein Heilwasser verunreinigt ist. Die nahe Gerberei des örtlichen Großunternehmers vergiftet mit seinen Rückständen heimlich das Badewasser des Kurortes. Stockmann schlägt Alarm, ist überzeugt, „dass die Wahrheit vor jeder Rücksichtnahme kommt“. Er fordert den Missstand zu beseitigen. Mit seinen Enthüllungen hofft er als wahrer Freund des Volkes gefeiert zu werden. Vielleicht sogar mit einem Fackelzug.

 

Henrik Ibsen. 1828-1906. „Ein Volksfeind“ veröffentlichte er 1882.    Quelle: Wikipedia

 

Es kommt anders. Die Obrigkeit in Person seines Bruders Amtsrat Peter Stockmann schlägt geschickt zurück. Die Offenlegung des Übels sei keineswegs bewiesen, schade jedoch in erster Linie den ökonomischen Interessen der Bürger. Zwei Presseleute werden zu den wichtigsten Verbündeten der „hohen Herren“. Mit Falschmeldungen und billigen Vorwürfen heizt Redakteur Billing die Stimmung an. Sein Kollege Hovstad vertritt als Hofschranze geschmeidig die Interessen der Unternehmer und Mächtigen.

Die Bürger bilden eine „geschlossene Mehrheit“ gegen den „Brunnenvergifter“ Stockmann. Der Arzt wird boykottiert, seine Praxis gekündigt, die Tochter als Lehrerin entlassen. Selbst Stockmanns letzte Hoffnung, in die USA auszuwandern, wird vereitelt. Der um die Gesundheit besorgte Kurarzt wird zum tragischen Helden. Verzweifelt ruft er am Ende aus: „Der Starke ist am mächtigsten allein“. Wie einstweilen Wilhelm Tell bei Friedrich Schiller.

 

 

Die „geschlossene Mehrheit“ von Bürgern und Presse ist stärker als jede Wahrheit. „Die Quellen unseres geistigen Lebens sind vergiftet, Grund und Boden unter uns verseucht“, lässt Ibsen im Volksfeind (veröffentlicht 1882) erklären. Am Ende seiner Tragik-Groteske bleibt ein am Boden zerstörter brot- und besitzloser Badearzt zurück, der verlassen in einer Wohnung mit eingeschlagenen Fenstern sitzt. Aus dem angesehenen Bürger der Stadt ist ein verachteter Volksfeind geworden.

 

Seit der Uraufführung vor 140 Jahren auf Hunderte Bühnen der Welt gespielt. Bis heute. Hier: Theater in der Altstadt Meran/Südtirol.

 

Ibsens Stück spielte in einer norwegischen Kleinstadt in der Nähe von Oslo. Ein Volksfeind hat nunmehr 140 Jahre auf dem Buckel, jedoch kein bisschen Staub angesetzt. Im Gegenteil. Vor den Toren Berlins wird in diesen Tagen die „Tesla-Gigafactory Berlin-Brandenburg“ fertiggesellt, ohne gültige Genehmigungen, aber mit dem Versprechen „die fortschrittlichste Serienproduktionsstätte für Elektrofahrzeuge der Welt“ zu werden. Behörden und Rot-grüne Politiker wischen alle Bedenken beiseite. Das Giga-Projekt gilt als Innovation und Vorzeigeprojekt für den Klimaschutz. Auch hier geht es ums Wasser. Eine Steilvorlage für ein neues Theaterstück rund um die alte Frage, wer am Ende wem das Wasser abgräbt. Wie wäre es mit …  „Die Volksfreunde von Grünheide“.

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Am Ende der Welt

Hier ist die Natur weit größer als der Mensch. Und wie! Im hohen Norden befindet sich eine der abgelegensten Gegenden Islands. Das rund dreißig Kilometer lange Tal Flateyjardalur bahnt sich in atemberaubender Schönheit seinen Weg in den Atlantik. Gerade in dieser schwer zugänglichen Region kämpften Generationen von Isländern mit den Gesetzen der Natur. Ein hartes, mühsames und entbehrungsreiches Leben. Bis zu sechs Bauernhöfe wurden noch vor hundert Jahren bewirtschaftet, bis alle aufgaben. Der hier aufgewachsene Schriftsteller Theodor Fridriksson notierte 1944: “Mir geht es nicht aus dem Sinn, wie meine alten Eltern sich totgearbeitet haben, nur um in der Einöde in einer Hütte zu leben”. Im Winter fiel so viel Schnee, dass Sohn Fridriksson einmal die Hütte seiner Eltern nicht mehr fand. Zufällig stieß er beim Suchen mit seinem Skistock gegen den Dachfirst. Er fand seinen Hof erst, als er auf ihm stand.

 

Wie kam Johann Sebastian Bach vor 100 Jahren in den Hohen Norden Islands? Alle Fotos: Dagur Gunnarsson

 

Der Bauernhof Vargsnes befand sich an einer dieser unzugänglichen Buchten, an einem hohen Hang, der steil zum Meer abfiel. Aus der Wohnstube konnte man in den Zwanziger Jahren plötzlich Johann Sebastian Bach hören. Das kam so: Bauer Sigurbjörn erkannte das Talent seiner zehnjährige Sigridur. Sie träumte von einer Orgel. Der Vater machte sich auf und konnte im weit entfernten Husavik tatsächlich ein gebrauchtes Exemplar auftreiben. Er verpackte das gute Stück sorgfältig in eine Kiste, verschiffte die Orgel mit seinem Boot an den Strand von Vargsnes. Doch dann kam die eigentliche Herausforderung. Selbst mit Hilfe seiner herbeigerufenen Brüder war der steile, steinige Pfad zum Hof kaum zu überwinden.

 

Ásbyrgi. Island kann viel über Schönheit und Gefahren der Natur erzählen.

 

“Jeder hält die Kiste an einer Ecke, und immer wieder müssen sie sie drehen, die Seile etwas lösen, die Kiste auf dem Rücken zurechtsetzen, während sie sich durch einen Felsspalt nach dem nächsten zwängen. Mit einer unmenschlichen Kraftanstrengung von Kristjan kamen sie auch hier herum, dann konnte er unter seinem Orgelkasten aufstehen, und so brachten sie die Orgel heim”. So beschreibt der Schriftsteller Thor Vilhjálmsson den mühsamen Transport. Sigridur wurde Organistin, spielte ihren geliebten Bach bis ins hohe Alter. Für Landeskenner Halldor Gudmundsson (Biograf des isländischen Nobelpreisträgers Halldor Laxness) war dieses Konzert ein magischer Moment, als er die alte Dame im Jahre 2000 noch leibhaftig erleben durfte.

 

Autor Hallldor Gudmundsson mit dem (noch fahrbereiten) Jaguar seines großen Vorbildes Halldor Laxness, isländischer Nobelpreisträger für Literatur.

 

Die Geschichte vom Orgeltransport am Ende der Welt ist nur eine von dreißig Episoden aus der Feder von Islands kenntnisreichstem Geschichtensucher Halldor Gudmundsson. Seine Botschaft: Auch am Außenposten der Welt gedeihen seit vielen Jahrhunderten Kultur und Literatur. Man muss nur genau hinschauen. Dank der eindrucksvollen Fotos von Dagur Gunnarsson lädt der neue Bildband in Pandemiezeiten ein, wenigstens mit dem Kopf bis ans Ende der Welt zu reisen. Übrigens: Die Isländer teilen die Deutschen in zwei Gruppen auf: Diejenigen, die schon einmal auf ihrer Insel waren, und diejenigen, die unbedingt einmal dorthin möchten.

 

 

Island. Insel aus Geschichten. Ab dem 27. April 2021 im Buchhandel. Wirkungsvoller Impfstoff gegen Corona-Frust. Einzige Nebenwirkung: Fernweh.

Hat Sahra Recht?

Der Zeitgeist schlägt links. Wirklich? Sahra Wagenknecht sagt Nein. Mit scharfem Schwert rechnet sie in ihrem neuen Buch mit dem rotgrünen Milieu im Lande ab. Der Titel ist eine Kampfansage: Die Selbstgerechten. Auf 334 Seiten attackiert Wagenknecht eine hochmütige Minderheit. Die sich progressiv wähnt, aber die arbeitende Bevölkerung längst vergessen hat. Entsprechend sind die Reaktionen im Netz: Streiterin Sahra wird gehasst wie gefeiert. Das Lager der attackierten „Selbstgerechten“ schimpft sie eine reaktionäre Kommunistin, eine Frau von vorgestern und narzisstische Außenseiterin. „Ohne solche Leute wäre vieles besser“, so der Sound der Wagenknecht-Kritiker.

 

 

Die Bandbreite ihrer Unterstützer hingegen ist überraschend wie kurios. Tenor: Die hasserfüllten Reaktionen zeigten, dass Wagenknecht ins Wespennest gestochen habe. Verrückt. Die einstige Ikone der Kommunistischen Plattform gilt heute als „Stimme der Vernunft“, als Sprachrohr der schweigenden Mehrheit. Am heftigsten geht der Gaul mit der AfD durch. Sie plakatiert in Sachsen-Anhalt: SARAH HAT RECHT! Ein Super-Gau? Für Wagenknecht-Gegner in der eigenen Partei ist die Aktion der definitive Beweis ihrer „Kontaktschuld“ mit Nationalisten. Sind die Selbstgerechten also überflüssig wie ein Kropf?

Als Anhänger der Aufklärung empfehle ich etwas anderes: Ein eigenes Urteil bilden. Wie wäre es mit argumentieren statt moralisieren? Das ist sinnvoller als jedes Twitter-Gewitter. Wagenknechts Kernthese: Die Linken haben die Seiten gewechselt. Sie sind auf die Seite der (neoliberalen) Sieger übergelaufen. Die Verlierer der Globalisierung bleiben draußen vor der Tür. Wagenknecht macht eine neue gutsituierte, linksliberale Klasse aus, die „Lifestyle-Linke“. Diesem akademischen Milieu bedeute Identität mehr als die soziale Situation ihrer Mitmenschen. Mitgefühl mit Unterprivilegierten? Fehlanzeige.

 

 

Das Buch liefert zahlreiche Beispiele. So feierten linksliberale Meinungsmacher im Sommer 2020, dass nach einem erfolgreichen Shit-Storm das Knorr-Produkt Zigeunersauce nunmehr diskriminierungsfrei als „Paprikasauce Ungarische Art“ angeboten wird. Zeitgleich zum Ende der „rassistischen“ Zigeunersauce drohten 550 Mitarbeitern im Knorr-Stammwerk Heilbronn Kündigung bzw. massiver Stellenabbau. Hier rührte sich kein Protest. Reine Symbolpolitik statt Sozialpolitik, poltert Wagenknecht, ein Markenzeichen des neuen linken Zeitgeists.

Original-Ton Wagenknecht: „Der typische Lifestyle-Linke wohnt in einer Großstadt oder zumindest in einer schicken Unistadt und selten in Orten wie Bitterfeld oder Gelsenkirchen. Er studiert oder hat ein abgeschlossenes Universitätsstudium und gute Fremdsprachenkenntnisse, plädiert für eine Post-Wachstums-Ökonomie und achtet auf biologisch einwandfreie Ernährung. Discounterfleisch-Esser, Dieselauto-Fahrer und Mallorca-Billigflugreisende sind ihm ein Graus.“

 

 

Die promovierte Ökonomin plädiert für den Nationalstaat. „Nationale Identität“ definiert sie „kulturell und historisch, aber nicht genetisch“. Der diffamierte Nationalstaat sei der einzige Garant für einen funktionierenden Sozialstaat. Die EU habe bewiesen eine schöne Vision ohne Bodenhaftung zu sein. Brüssel ignoriert die realen Sorgen und Nöte der Menschen. Und die 51-jährige zerlegt  in einem ganzen Kapitel analytisch fundiert „die wunderbare Erzählung von der Migration als großen Freiheitsgewinn und Vorteil für alle Seiten“. Zum Beifall der AfD, zum Ärger der Linken.

Wagenknechts Fazit: Die richtige Gesinnung – oder Neusprech: Haltung – wiegt schwerer als das Richtige zu tun. „Den Mindestlohn zu erhöhen oder eine Vermögenssteuer für die oberen Zehntausend einzuführen ruft natürlich ungleich mehr Widerstand hervor, als die Behördensprache zu verändern, über Migration als Bereicherung zu reden oder einen weiteren Lehrstuhl für Gendertheorie einzurichten“.

Hat Sahra Recht? Fährt der Zug gerade in die komplett falsche Richtung? Wagenknechts Streitschrift liefert provokativen Stoff zum Überprüfen der eigenen Meinungen und Überzeugungen. Es empfiehlt sich das ganze Buch zu lesen. Und nicht vorschnell als Nazi-Müll zu disliken. Die Lektüre lohnt sich. Gesalzen und gehaltvoll wie eine „Paprikasauce Ungarische Art“. Guten Appetit.

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Der morbide Charme der Vergänglichkeit

Zu den Riesen von Rüdersdorf geht es einen Kanal entlang, dann steil die Uferböschung hoch, durch ein kleines Loch im Zaun. Plötzlich öffnet sich eine andere Welt. Wie Dinos ragen gigantische Hallen, Ruinen, Silos und Schornsteine in den märkischen Himmel. Willkommen im Jurassic-Park einer untergegangenen Epoche. Auf zu einem Abenteuerspielplatz für Entdecker, Filmteams, Graffiti-Sprayer und Sonntagsausflügler. Rüdersdorf ist gerade mal rund vierzig Kilometer östlich vom Alexanderplatz entfernt. Ein Symbol für das Verfallsdatum eines ganzen Industriezeitalters mit Zementwerken, historischen Schachtofenbatterien und einem Volkseigenen Chemiegiganten.

 

Die Reste des Futtermittelwerks. Das VEB Glühphosphatwerk Rüdersdorf exportierte Düngemittel gegen Westdevisen. 1999 stillgelegt.  Alle Fotos von Ende März 2021.

 

Apropos: Augen auf. Versteckt lauern Löcher und Stolperstellen. Rüdersdorf 2021 ist ein Sammelsurium aus rostigen Ruinen, geborstenen Rohren, Scherben, Stahl, Schrott, Schutt, Schienen, Loren, verbogenem Metall, Müll aller Art, Öfen, Rückhalte-Becken mit undefinierbarer Flüssigkeit, Spraydosen, Sackkarren und heruntergefallenen Ziegeln. Alles ist vergänglich, will Rüdersdorf wohl sagen. Am Anfang stand eine Kalkgrube. Aus dem abgebauten Kalkstein wurde der berühmte Rüdersdorfer Zement gebrannt. Von 1876 bis 1967 brannten 18 Öfen für die neue Hauptstadt. Rund um die Uhr. Vier Zementwerke gab es, eines ist noch in Betrieb. Das hatte Folgen. Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts war die Natur in der Umgebung eine weiß-graue, verkalkte Mondlandschaft. Auf Bäumen, Pflanzen und Häusern lag eine zentimeterdicke Staub- und Rußschicht.

 

Kathedralen der Kalkverarbeitung. In 18 Rumfort-Öfen wurde der Zement für den Bauboom in Berlin gebrannt.

 

Graffitis, Tanks und Kriegskulisse. Im Innern der Ruinenlandschaft von Rüdersdorf.

 

Der andere Industrieriese, das gigantische VEB Glühphosphatwerk Rüdersdorf, produzierte ab Anfang der sechziger Jahre Düngemittel. Bevorzugt für den Westen. „Rükana“ war ein Devisenbringer. Ökologie hingegen ein Fremdwort. Pro Jahr  setzte das Chemiewerk 200.000 Tonnen Schwefelsäure frei. Es muss die Hölle auf Erden gewesen sein. Als die DDR 1989/90 kollabierte, übernahm ein Investor das Phosphatwerk, scheiterte und hinterließ gewaltige Altlasten, die bis heute im Erdreich stecken. Seit der Stillegung im Jahre 2000 dient das Gelände als Kulisse für Kriegsfilme. „Monument Men“, „Inglorious Bastards“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“ wurden in den Ruinen gedreht. Rüdersdorf verwandelte sich wahlweise in Stalingrad oder in die Schlacht um Berlin. Hollywood in der Mark Brandenburg.

 

So weit das Auge reicht. Der noch aktive Kalk-Tagebau von Rüdersdorf. 2062 soll Schluß sein.

 

Übrigens: Kalk wird im angrenzenden Tagebau weiter abgebaut. Über riesige Förderbänder wandert der Kalk in ein neueres Zementwerk. So speist Rüdersdorfer Zement auch heute noch das boomende Berlin wie einst in der kaiserlichen Gründerzeit. Bis ins Jahr 2062 reichen die Kalkvorräte. Dann ist endgültig Schluss. Die riesigen Kraterflächen sollen bis 2077 geflutet und rekultiviert werden. Es ist spannend in Rüdersdorf zu erleben, wie sich die Natur in den letzten Jahren augenscheinlich erholt hat. Kaum zu glauben, aber die Wunden der letzten 150 Jahre scheinen zu heilen. Am Ende bleibt eine einfache Wahrheit. Wir brauchen die Natur. Aber die Natur braucht uns nicht.

 

Der morbide Charme der Vergänglichkeit. Die leere Produktionshalle des ehemaligen Futtermittelwerks.

Der Museumspark Rüdersdorf mit geführten Touren ist eine Reise wert. Sehr zu empfehlen.

 

 

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Brot ist Leben

Was muss in ihr vorgegangen sein? In der Todesstunde, gegen Mitternacht in Berlin-Plötzensee. Wir wissen es nicht. Margarete Elchlepp starb „im Namen des Volkes“ einsam unter dem Fallbeil. Ihr Verbrechen: Sie hatte kurz vor Kriegsende mit Hunderten anderen hungernden Menschen in Berlin-Köpenick Brot verlangt. Die Hausfrau starb am 8. April 1945 um 0.45 Uhr. Genau wie ihr Leidensgenosse Tischlermeister Max Hilliges. Die beiden Köpenicker wurden als „Rädelsführer“ wegen „Landfriedensbruchs, Plünderns und Wehrkraftzersetzung“ enthauptet. Auf Befehl von „Reichsverteidigungskommissar“ Joseph Goebbels. Ermöglicht durch einen fanatischen NS-Ortsgruppenleiter, denunziert von Hitler-treuen Frauen aus der Nachbarschaft. Das grausame Ende des Brotaufstands von Rahnsdorf: Drei Todesurteile, zwei vollstreckt. Eine Frau wurde in letzter Minute zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt, weil sie Mutter von drei Kindern war. Hingerichtet für ein Stück Brot, vier Wochen vor dem Ende des Dritten Reiches.

 

Magarete Elchlepp (1899-1945) Ihren Wunsch nach Brot musste sie am 8. April 1945 um 0.45 Uhr mit dem Leben bezahlen. Foto: Familiennachlass Elchlepp

 

Freitag, 6. April 1945. Im beschaulichen Berliner Vorort Rahnsdorf am Müggelsee verbreitet sich am Vormittag ein Gerücht. Brot gibt es nur noch für NS-Mitglieder! Hunderte Köpenicker eilen zu den drei Bäckern des Ortes. Frauen, Kinder, Alte. Zwei Bäcker zeigen Herz und verteilen das Brot zu 50,- Pfennig das Stück. Beim zentralen Bäcker an der Fürstenwalder Allee eskaliert die Situation. Das nazitreue Bäckerspaar weigert sich Brot an die Bevölkerung abzugeben. Der alarmierte Ortsgruppenleiter Hans Gathemann droht mit gezogener Waffe zu schießen, kann aber nicht verhindern, dass Brot den Besitzer wechselt. Es gibt Wortgefechte. Der in der Bäckerei mit Reparaturen beschäftigte Tischlermeister Max Hilliges sagt zum 52-jährigen NS-Funktionär: „Gib den Frauen doch Brot“. Und: „Deinen Rock wirst Du bald ausziehen müssen“.

 

Die ehemalige Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf vor der Sanierung. Links unter der Hausnummer ist die noch nicht enthüllte Gedenktafel von 1998 zu erkennen. Sie verschwand nach der Renovierung vor ca. fünf Jahren.

 

Margarete Elchlepp soll in der Menge vorne gestanden haben. Was sie genau getan oder gesagt hat, ist unbekannt. Laut Kripoakten soll sie „vermittelt haben“. Sie habe jedoch „unumwunden zugegeben, Brot genommen zu haben“. Schließlich gelingt es NS-Mann Gathemann, die wütende Menge zu vertreiben. Nun nehmen die Nazis Rache. Frauen aus der Umgebung notieren Namen auf einem Stück braunem Papppapier. Gathemann meldet die Beteiligten der Gestapo. Am selben Abend werden 15 Rahnsdorfer verhaftet und zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht. Am folgenden Tag verurteilt ein Standgericht Max Hilliges (56), Margarete Elchlepp (45) und Gertrud Kleindienst (36) als „Rädelsführer“ zum Tode.

 

Max Hilliges. (1891-1945) Auch der Tischlermeister musste sterben, weil er es wagte, dem NS-Ortsgruppenleiter zu widersprechen. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 

Drei Stunden nach dem Urteil muss Margarete Elchlepp im Gefängnis Plötzensee ihre letzte Habe abgeben. Ein paar Halbschuhe, drei Taschentücher, zwei Halstücher und ein Wintermantel. Sie kann nicht einmal mehr quittieren. Ein rotes Kreuz wird nachträglich markiert. Es bedeutet Hinrichtung. Der Henker muss in der Nacht extra wegen der „Brotaffäre“ kommen. So dringend war Joseph Goebbels das Abschreckungsurteil, dass er den nächsten regulären Hinrichtungstermin am 10. April 1945 nicht abwarten wollte. In seinem Tagebuch notiert er: „So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will. Und die Ordnung ist die Voraussetzung der Fortsetzung unseres Widerstandes.“

 

Das sog. Kammerbuch von Plötzensee. Eintrag Margarete Elchlepp vom 8. April 1945, ca. 0.30 Uhr. Kurz vor der Hinrichtung wurde ihr die letzte Habe abgenommen und genauestens protokoliiert.

 

Viele Jahrzehnte wurde das „Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung“ vergessen und verdrängt, so Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Erst 1998 wurde eine (fehlerhafte) Gedenktafel am Haus der Bäckerei angebracht. Diese verschwand nach einem Eigentümerwechsel. Was wir mittlerweile wissen: NS-Ortsgruppenleiter Gathemann wurde laut Moskauer Akten von einem Sowjetischen Militärtribunal zum „Tode durch Erschießen“ verurteilt. Ob das Urteil vollzogen wurde, war bislang nicht zu erfahren. Eine der Frauen aus der Nachbarschaft wurde 1953 in der DDR zu sechs Jahren Zuchthaus „wegen Denunziation“ verurteilt. Sie saß fünf Jahre unter anderem im Frauengefängnis Hoheneck.

Familie Elchlepp sprach nur im engsten Familienkreis über das Schicksal Margaretes. Der heute 83-jährige Dietrich Elchlepp:„Ich erinnere mich als kleiner Bub, wie unsere Familie nur ganz leise über den Tod meiner Tante sprach. Mit Entsetzen in den Augen. Man wollte es einfach nicht glauben.“ Der ehemalige Europarlamentarier aus Denzlingen bei Freiburg schaut mich an: „Mir wird heute noch schlecht. Ich kann mir das richtig vorstellen. Es geht mir unheimlich nahe. Diese Unverhältnismäßigkeit. Für einen Laib Brot, Kopf ab.“ Dietrich Elchlepp ist eine Sache noch wichtig: „Wenn Herr Gauland von der AfD im Bundestag sagt, die NS-Zeit sei in der Geschichte Deutschlands nur ein Vogelschiss gewesen, dann sage ich ganz klar. Das war kein Vogelschiss. Das war die Ermordung der Margarete Elchlepp und vieler Hundertausende anderer.“

 

Margarete Elchlepp 1936. Die gebürtige Brandenburgerin aus Müncheberg war mit dem Steglitzer Textilkaufmann Walter Elchlepp verheiratet. Dieser stellte nach dem Krieg Anträge auf Entschädigung. Sie wurden abgelehnt. Foto: Familiennachlass Elchlepp

 

Margarete Elchlepp aus Berlin-Rahnsdorf wurde 45 Jahre alt. Seit Jahren wird versprochen, eine neue Gedenktafel an der Bäckerei anzubringen.

Über mittelmäßigen Sex

Kaya liebt Rammstein und norwegische Berge. Sie modelt für Gucci und spielt im Mystery-Thriller Thelma eine Studentin. Sie lebt in Oslo, New York und Berlin. Und singt in ihren Liedern: „Ich könnte eine Alge sein und du ein Pilz.“ Ihre Songs sind kleine Kurzgeschichten, ehrlich, überraschend und verstörend. Es geht um Hormoneinflüsse und Routine in der Therapie. „Ist der Sex mit mir nur mittelmäßig“, fragt sie. Sie kann über sich lachen und entdeckt die Fähigkeit sich selbst zu akzeptieren. Kaya Wilkins alias Okay Kaya ist eine junge Singer-Songwriterin, die etwas zu sagen hat. Weil sie zu ihrem Doppelleben steht.

 

 

Was die Dreißigjährige genau antreibt, ist nur schwer zu beschreiben. Sie hat viele Gesichter, führt mindestens zwei Leben. Vielleicht sogar einige mehr. Ihre Motivation – sie will den Dingen auf den Grund gehen. Eintauchen in neue Welten, das Geheimnis des Lebens entdecken. Geboren ist Kaya in New Jersey als Tochter einer Norwegerin und eines Amerikaners. Sie wächst in der Heimat ihrer Mutter auf. Es ist die eher ländliche Halbinsel Nesoddtangen im Oslofjord.

Mit achtzehn bricht sie nach London auf, lernt das Tanzen. Geld verdient sie „mit meinem Gesicht und meinem Körper“. Kaya wird rasch ein vielgefragtes Fashionmodel. Ein rastloses Leben. Immer auf Tour. Hotelzimmer. Flughafen. Modemessen. Täglich neu Scheinwerferlicht, Schminke, Umziehen und ein Lächeln auf Verlangen.

 

 

Kaya wird schnell klar. Das ist nicht ihr Leben. Modeln ist  nichts als Fassade, maximal ein Job. Ihr Herz findet zielsicher den Weg zur Musik. Schon als Teenie hatte sie in der Metall-Band ihres Bruders mitgejammt. Kaya zieht von London nach New York, steht 2017 in Thelma vor der Kamera. Seit drei Jahren geht sie nun musikalisch eigene Wege. Die taz verlieh ihr das Etikett „Radical Softness“. Eine Mischung aus nordischen Balladen und modernem Feminismus, aus schnellen Beats und sanftem Indierock.

Ihre Plattenfirma wollte sie lieber als singendes Model präsentieren, das mache sich gut. „Mit zwanzig wollte ich es allen recht machen“, erinnert sie sich. Doch Kaya Wilkins nennt sich fortan Okay Kaya und will so sein wie sie ist: Selbstbestimmt, lesbisch, euphorisch und dann wieder von Depressionen gebeutelt. Kaya kündigt beim Label und produziert ihr neuestes Album selbst. „Watch this Liquid pour itself“. „Was, wenn die Antidepressiva mich nicht mehr feucht werden lassen?“ singt sie. Ihren Zwilling wird sie einfach nicht mehr los.

 

 

Kaya schreibt schonungslos ehrliche Texte und mixt sie mit entschleunigten Songs im Sound der heutigen zwanziger Jahre. Eine Zeit der Krisen, Einsamkeit und seelischen Verwüstungen durch die Corona-Pandemie. „Alle sind überrascht über meinen Optimismus“, sagt die US-Norwegerin, „aber ich hebe mir den Nihilismus einfach für besondere Momente auf.“

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Das Volk der Bäume

Schon gehört: Walduntergang? In solchen Momenten wird gerne der Baumfreund Albert Schweitzer zitiert. „Der Mensch hat die Fähigkeit verloren, vorauszublicken und vorzusorgen. Er wird am Ende die Welt zerstören“. So Schweitzer vor fast einem Jahrhundert im Schicksalsjahr 1933 in „Ehrfurcht vor dem Leben“. Da praktizierte der äußerst populäre Arzt und Theologe im fernen Urwaldhospital in Gabun. NS-Propagandachef Joseph Goebbels schickte dem Vordenker eine Einladung mit Hitlergruß, er möge nach Deutschland zurückkehren. Menschenfreund und Bach-Liebhaber Schweitzer schickte aus Lambaréné eine höfliche Absage – „mit zentralafrikanischem Gruß“.

Heute hätte der Urwald-Doktor viel zu tun. Welt, Wald und Klima sind krank. Dabei lieben die Deutschen ihren Wald mit Herz und Seele. Die Alten schätzen Gedichte von Eichendorff und Klopstocks Oden an die deutsche Eiche. Bilder von Caspar David Friedrich und Grimms Märchen. Die mittlere Generation kauft Förster Peter Wohllebens Waldbücher und Internetkids entdecken Shinrin Yoku, das „Waldbaden“ für 39 Euro die Stunde. Natürlich wissen die meisten, dass eine grüne Idylle in dem Augenblick gefährdet ist, in dem sie entdeckt wird. Dann hilft nur noch Greenwashing. Wir wollen uns ja wohlfühlen. Beispiel „Landlust“. Das Hochglanzblatt zeigt das Leben in der Natur etwa so realitätsnah wie einst der untergegangenen „Playboy“ Frauen.

 

 

Der deutsche Wald ist krank. Das sagt der neue Waldzustandsbericht. Es ist die schlimmste Bilanz seit 36 Jahren, seitdem es diesen Jahresbericht gibt. Nur noch jeder fünfte Baum ist gesund. Egal ob Eiche, Kiefer oder Buche. „Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten 2018 – 2020 hat verbreitet dazu geführt, dass die Blätter vorzeitig abgefallen sind. Bei der Fichte begünstigte sie, dass sich Borkenkäfer weiter massenhaft vermehren. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Absterberate nochmals gestiegen. Vor allem unsere alten Wälder (>60 Jahre) sind betroffen.“ Ausführlich nachzulesen im Waldzustandsbericht 2020.

Das Waldsterben sei ein „ökologisches Hiroshima“, titelte vor dreißig Jahren der SPIEGEL. Was geschah? – Nichts. Es war möglicherweise in den letzten Jahren einfach zu viel los. Deutsche Einheit, Ost-West-Gezänk, Gentechnik, Dioxin, Ozonloch, Allergien, Abgasskandal, Verkehrsinfarkt, Treibhauseffekt, Vogelgrippe, Schweinepest, Rinderwahnsinn, Bankencrash, Terrorismus, Migration, Wutbürger, Pegida, Pandemie, Korruption, jetzt Gender- und Rassismus-Debatte. Unsere Angstlustgesellschaft hat Heißhunger nach neuem Futter. Welche Krise, welcher Schadstoff darf der Nächste sein?

 

 

Währenddessen leidet der Wald und schweigt. Eine Wende tut not. Statt kranker Fichte oder Kiefer müssen resistente Bäume her. Klimataugliche Weggefährten, die Hitze, Dürre, Stürme und Borkenkäfer überleben. Migranten aus Amerika und Afrika sollen den kranken Wald retten. Als Bäume der Zukunft gelten sogenannte Neophyten.  Einwanderer wie Douglasie, Robinie oder die Libanon-Zeder. Besonders Zedern wachsen besser als Kiefer oder Fichte, hat die Uni Bayreuth in jahrelangen Tests herausgefunden. Sie liefern wertvolleres Holz und seien „robust gegenüber Klimaextremen“.

Der deutsche Wald wird sich radikal ändern, soll er bleiben. Er muss vielfältiger und artenreicher, neudeutsch: diverser werden. Eine Jahrhundertaufgabe, so Waldexperten. Na, darauf ein Likörchen.