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Genau richtig

Hat Literatur die Macht, Wut, Hass und Vorurteile zu überwinden? Können Bücher wirklich etwas verändern? Jostein Gaarder müsste es eigentlich wissen. Der Norweger hat seinen Bestseller Sofies Welt sechzig Millionen Mal in die Welt verkauft. Momentan entdecken die Chinesen seine Betrachtungen über die Fragen des Woher und Wohin der Menschheit. Jostein Gaarder zögert mit seiner Antwort. Er schaut mich an. Überlegt. Der große alte Erzähler aus Norwegen bleibt skeptisch.

Er sagt: Wir leben in einem Zeitalter der Bilder. Sie haben längst mehr Wert als Worte. Aber! Die Zukunft des Wortes sei dennoch nicht zu unterschätzen. In diesem Sommer erscheint in Deutschland sein neues Buch: Genau richtig. Die Geschichte von Albert und Eirin. Der Mann erhält von seiner Ärztin und ehemaligen Geliebten eine niederschmetternde Diagnose. Während Ehefrau Eirin auf einem Kongress weilt, zieht er sich verstört in eine einsame Ferienhütte zurück. Was soll er tun? Sein einziger Freund ist sein Tagebuch. Fragen über Fragen.

 

Mit Ellen Olerud und Jostein Gaarder nach dem Interview in Lillehammer.

 

Was bleibt am Ende? Darf man mit einer Lüge die Welt verlassen? Geht ein Check-Out ohne ehrlich zu bleiben? Gaarder entwickelt eine kurze Geschichte über die großen Fragen. 136 Seiten Gedankenfutter zum Sinn des Lebens. Fragen, die ihn seit seiner Kindheit umtreiben. Soweit sein neues Buch. Im echten Leben, sagt er dann im Interview, gelte es die Welt zu retten. Die Jugend habe Recht. Er lächelt. Dann zeigt er mir seine Ohrstöpsel, die er wegen einer lauten Fridays for Future-Demo direkt vor seinem Hotelzimmer in seine Gehörgänge gestopft hatte. Sonst komme er nicht zum Denken, meint er, das sei dies doch die vornehmste Aufgabe der Literatur.

 

 

Eine bessere Welt mit Hilfe der Literatur erträumen? Ist das ein Plan, der überzeugt? Der Traum in uns ist das Motto der Norweger auf der diesjährigen Buchmesse 2019 in Frankfurt. 255 deutschsprachige Neuerscheinungen sind angekündigt. Das ist für ein kleines fünf Millionen Volk eine ganze Menge. Die Skandinavier wollen zeigen, dass sie mehr zu bieten haben als Öl, Lachs, Hurtigruten und Kaviar aus der Tube. Ihr Versprechen: spannende, gute, aufregende Bücher.

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Landregen

Wie wäre es mit einem langen, ergiebigen, auf Dächer und Fensterscheiben platternden Regen? Nicht generiert auf der App „Rainy“ oder „Relax“ zum besseren Einschlafen. Nein. Vielmehr in der wirklichen Wirklichkeit. Im richtigen Leben. Landregen hieß es bei den Großeltern, wenn es mehr als sechs Stunden gleichmäßig aus dunkel-grauen Wolken tröpfelte, goss und plätscherte. Wenn Regen über das Land hinwegzog. Und einfach verweilte. Kein Starkregen. Keine Unwetter mit tennisballgroßen Hagelkörnern. Nein, einfach ein stiller, langanhaltender, unspektakulärer Dauerregen.

Bereits im zweiten Sommer in Folge erweist sich diese Form von Landregen als äußerst sparsam und zurückhaltend. Petrus verweigert in weiten Regionen des Landes seine Dienste. Da kann die Wetter-App vorab noch so viel versprechen, meist bleibt der feuchte Segen von oben aus. Welche Wohltat wäre es für Garten und Flur, welche Hilfe für verbrannte, ausgezehrte, versteppte Natur. Landregen – was für ein angenehm altmodisches Wort! Ohne Wasser kein Leben. So einfach sind die Regeln, nicht nur in der Sahel-Zone.

 

 

Uns bleibt derzeit nur der Griff ins digitale Archiv, um das Lob auf den Regen wenigstens musikalisch zu unterstreichen. Auf Mallorca komponierte vor fast zweihundert Jahren Frédéric Chopin seine zweite Klaviersonate. Genau die mit der berühmten Feier des Regentropfens. Lasst uns seine Regen-Fantasie genießen, in der Hoffnung, dass Musik uns lehrt, Freude und Demut für die Natur und ihre Launen wiederzuentdecken. Ohne sofort wieder auf das Smartphone zu starren. Ohne dessen Wetter-Prognosen heutzutage kaum noch jemand seinen Fuß vor die Haustür setzt. Man könnte ja im Regen stehen. Oder gar nass werden.

Genau. Singing in the rain… noch so ein wunderschönes Lied. Ein Lobgesang auf das frisch verliebte, feucht-fröhliche Vergnügen im Dauerregen. Ein Song zur Freude der Allergiker und Stärkung der Regenschirm-Branche, die in diesen trockenen Zeiten ohnehin unter Umsatzrückgang zu leiden hat. Gene Kelly macht es vor. Was schert ihn schon die prasselnde Himmelskraft. Wenn es lauter Glückshormone regnet.

 

https://youtu.be/D1ZYhVpdXbQ

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Flieg, Amsel, flieg

Abheben, Fliegen, Frei sein. Paul McCartney packte in seine zwei Minuten und zwölf Sekunden Blackbird alles, was ihn bewegte. Er verdichtete das wilde Jahr 1968 in wenige Zeilen. Aufbruchstimmung. Protest. Hoffnung. Ausrufezeichen einer Generation, die unbeschwert an ein besseres Morgen glaubte. Blackbird fly into the light. Musikalisch inspiriert durch Johann Sebastian Bachs Bourée griff McCartney die alltägliche Diskriminierung der schwarzen Minderheit in den USA auf.

Die Amsel verkörpert für ihn eine Frau, die sich schlimmsten Attacken ausgesetzt sieht. Nur wegen ihrer Hautfarbe. „Anstatt konkret zu werden und von einer ‚schwarzen Frau in Little Rock‘ zu singen, wurde diese Frau zum Vogel, ein Symbol, das die Zuhörer dann auf ihr spezielles Problem beziehen konnten“, schrieb damals Beatle Paul und damit gelang ihm ein kleines Stück Musikgeschichte. Ein stiller Song, voller Kraft, Poesie und Zuversicht. Trotz gebrochener Flügel nicht aufgeben, nicht einmal in der dunkelsten Nacht.

Blackbird ist vielfach gecovert und neu interpretiert worden. Von Crosby, Stills, Nash & Young in Woodstock über Alicia Keys bis Jacob Collier. Genauso zahlreich sind die Deutungen. Doch der Ur-Song ist es, der berührt und überzeugt. The Beatles at its best.

 

 

Der Song Blackbird bleibt zeitlos aktuell. Die Amsel muss weiterfliegen – trotz gebrochener Flügel. Mit einer neuen, indigenen Cover-Version des Beatles-Hits sorgt in diesem Sommer die 16-Jährige Emma Stevens für einiges Aufsehen. Die Nachfahrin kanadischer Ureinwohner nahm das Lied in ihrer traditionellen Sprache Mi’kmaq auf. Als wäre alles beim alten geblieben. Als hätte sich die Welt in den letzten fünfzig Jahren nicht bewegt. Amsel, flieg.

 

 

Blackbird singing in the dead of night

Take these broken wings and learn to fly

All your life

You were only waiting for this moment to arise

Blackbird singing in the dead of night

Take these sunken eyes and learn to see

All your life,

You were only waiting for this moment to be free

Black bird fly, black bird fly Into the light of the dark black night

Blackbird singing in the dead of night

Take these broken wings and learn to fly

All your life

You were only waiting for this moment to arise

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Nichts müssen

„Nichts machen, nichts wollen, nichts müssen! – Einfach sein.“ Was für ein einfacher, bestechender Gedanke. Einmal die Woche zählt nur diese Erfahrung – für eine Viertelstunde. Entspannen. Loslassen. Abtauchen. Keine Termine, keine Hektik. Keine Konkurrenz, keine Konflikte. Keine bange Frage – wie schaffe ich das nur? Dann weckt die Yoga-Lehrerin ihre versammelten Zöglinge mit der Klangschale. Runter von der Matte. Zurück ins Leben. Auf zu neuen Taten.

John Metcalfe kommt vom anderen Ende der Welt. Geboren und aufgewachsen in Neuseeland, fand er in London eine neue Heimat. Der 55-jährige Komponist sucht den richtigen Ton. Für sich und seine Zuhörerschaft. Der Bratschist entdeckt mit Hilfe der Musik die Welt, wandert durch das Labyrinth des Lebens, immer auf der Suche nach innerer Ruhe und äußerer Gelassenheit. Er arbeitet als Produzent mit Größen wie Peter Gabriel oder Simple Minds. Zwei seiner Alben sind mir aufgefallen. Appearance of Colour aus dem Jahre 2013. In diesem Sommer legt Metcalfe seine neueste Produktion vor. „Absence“. Es ist seine fünfte Veröffentlichung.

 

 

Das Kernthema von „Absence“, so erzählt John Metcalfe, bildet ein imaginäres Gespräch zwischen ihm und seinem verstorbenen Vater. In seinem zentralen Stück „Solitude“ geht es um den Verlust. Die Frage „Was wäre wenn?“ beschäftigt den Neuseeländer bis heute. Übersetzt in Klänge und Soundeffekte verarbeitet er den schmerzlichen Schicksalsschlag in berührende, melodiöse Songs. Doch bei allem Schmerz, allen Klagen und aller Trauer vermittelt seine Musik am Ende verlässlich Hoffnung: „I dream / Open the door“.

Metcalfe will uns auf behutsame Weise daran erinnern, dass nichts für immer währt, dass sich alles in wenigen Momenten ändern kann. Wir seien es unseren geliebten Verstorbenen schuldig, meint er, dass wir weiterkämpfen und „unser Leben leben – ihnen zu Ehren“. So ist es. Mitten hinein ins Leben. Bis zur nächsten Entspannung, wenn es heißt: „Nichts machen, nichts wollen, nichts müssen! – Einfach sein.“ Und danach staunen und zuhören, was uns die Welt bietet.

 

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Schiller. Punkt!

„Der ist allein glücklich und groß, der weder zu gehorchen noch zu befehlen braucht, um etwas zu sein.“ Stimmt das noch? Über zweihundert Jahre sind diese Worte alt. Damals gab es weder Trump, Twitter, Selbst-Optimierungsstrategen und digitalen Pranger. Die Gedanken sind frei, hieß es vielmehr. So einfach formulierte es dieser schwäbische Freigeist. Schiller sein Name. Er mochte das Pathos, liebte die Freiheit, kämpfte für seine Ideale. Als er 1805 starb, sollte er bald auf Berlins schönsten Platz – den Gendarmenmarkt – befördert werden.

Doch das dauerte. Noch zu seinem hundertsten Geburtstag im Jahre 1859 verboten die Preußischen Behörden einen geplanten Straßenumzug – aus Angst vor Unruhen. Dennoch wurden Zehntausende Taler für ein Denkmal des Dichters gesammelt und bereitgestellt. Aber erst 1861 konnte ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. Den gewann der Bildhauer Reinhold Begas. Es war sein erster großer Auftrag. Den jugendlichen Schiller mit Locken stellte er auf einen Marmorsockel, ihm zu Füßen platzierte er vier Musen. Eine schöner als die andere: die Lyrik, die Philosophie, die Tragödie und die Geschichte.

 

Im April 1986 reiste Schiller visafrei aus Westberlin in die DDR-Hauptstadt ein. Die Aufnahme zeigt den Transport in der Elsenstraße im Bezirk Berlin-Treptow. 1988 stand Schiller wieder am ursprünglichen Standort vor dem Schauspielhaus. Quelle: Bundesarchiv

 

Die Einweihung war 1871. Zehn Jahre nach Planungsbeginn. So viel zum berühmten Berliner Bau-Tempo. Danach stand Schiller ein halbes Jahrhundert unerschütterlich in Berlins Mitte – bis die neuen Machthaber von der NSDAP den Schillerplatz (heute Gendarmenmarkt) zum militärischen Aufmarschplatz umfunktionierten. Das Schiller-Denkmal wurde abgeräumt, dabei beschädigt und im Westen der Stadt am Lietzensee notdürftig zwischengelagert.

Im Zweiten Weltkrieg fiel auch der Platz in Trümmern und mit ihm das Schauspielhaus. Die DDR taufte das Areal Platz der Akademie, restaurierte in den achtziger Jahren mit großer Sorgfalt das von Schinkel errichtete Schauspielhaus. Dann stellte die DDR Schiller wieder 1988 auf seinen angestammten Platz, um ein Jahr später selbst abzutreten. Endlich ist die Herrschaft, die nicht auf freiem Denken basiert, hätte Schiller wohl geraunt.

 

Friedrich Schiller am Gendarmenmarkt. Mit Punkt. Versteht sich.

 

Wer sich nun heute das Marmor-Denkmal für Friedrich Schiller (1759-1805) genauer anschaut entdeckt eine Besonderheit. Es geht um einen kleinen Punkt hinter dem Namen. Die Legende erzählt, darauf habe der preußische König Wilhelm I bestanden, um die jahrelange Debatte über das richtige Denkmal mit dem richtigen Helden zu beenden. Da kommt Schiller hin. Punkt, verfügte er. Am Ende mussten die widerspenstigen Berliner parieren. So steht Schiller heute noch genauso auf seinem Sockel – mit Punkt. Versteht sich.

 

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Zimmer frei

Anfang 1990. Ein Mecklenburger steht am Gartentor. Zigarillo im Mund. Er fixiert den Fotografen. Auf den ersten Blick wirkt der Mann misstrauisch-skeptisch. Dabei versprechen seine Schilder das pure Gegenteil: Gastfreundschaft und ein warmes Bett. „BRD-Bürger. Übernachtung kostenlos.“ Dreißig Jahre später lächeln wir über seine Offerte. Beim Nachdenken spüren wir wie sich die Zeiten geändert haben. Ob jemals ein Bürger aus der BRD das Angebot angenommen hat, wissen wir nicht. Was heute dominiert, das wissen wir wohl. Geschäftssinn statt Gastfreundschaft. Fremdeln mit allem Fremden, so tickt der Zeitgeist.

Zimmer frei? – Umsonst? – Für Fremde? – Wer ein Nachtquartier sucht, der bekommt es heute nur für Zahlung im Voraus. Dreißig Jahre Einheit hat die Menschen verändert. Die Wende hat allen Festreden und Statistiken zum Trotz offenbar – gefühlt – mehr Verlierer als Gewinner hervorgebracht. Die Einheit empfinden viele nicht als freundliche sondern feindliche Übernahme. Das Trauma Treuhand bedeutet für zahllose Familien Enttäuschung und Kränkung. Die Verletzung von Biografien und Seelen. Die Flüchtlingsfrage entwickelt sich zur Sollbruchstelle für die liberale Demokratie westlicher Prägung. Vereint? Von wegen. Integriert doch erst mal uns, heißt es trotzig.

 

Mecklenburg, Anfang 1990. Quelle: Robert Havemann-Gesellschaft

 

Ohne uns! So lautet die andere Botschaft. Längst existiert eine Parteiendemokratie ohne Mitmacher. In Sachsen lautet die magische Zahl aller Parteimitglieder 0,8% gemessen an der wahlberechtigten Bevölkerung. Somit sind die Sachsen Spitzenreiter, tragen die Rote Laterne. Parteimitgliedschaft? Nein, danke. Im Westen pendelt die Quote zwischen 1 und 2%, im Saarland immerhin bei über 4%. Alle sächsischen Parteien zusammen haben nur etwas mehr Mitglieder als der Fußballverein Dynamo Dresden. (rund 20.000). Parteiendemokratie heißt in Sachsen von 0,8% regiert zu werden.

 

Gesehen in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße.

 

Das Problem sind wir. Aber auch die Lösung.“ Das sagt Dirk Neubauer, Bürgermeister von Augustusburg bei Chemnitz. Der Quereinsteiger versucht seit Jahren das Unmögliche. Aus stummem Frust und besorgter Bürgerwut einen Neuanfang zu schmieden. Noch sei es nicht zu spät, schreibt er in seinem Buch, das Anfang September 2019 – am Tag nach der Sachsenwahl – erscheinen wird. Seine Botschaft: Nicht auf Zeit spielen. Etwas daraus machen. Handeln. Kennen wir das nicht? Erinnert uns dieser Stoßseufzer nicht an die sattsam bekannte Klimadebatte?

 

„Ich war gerne DDR-Bürger.“ Gesehen in Hoyerswerda auf der Heckscheibe eines Mittelklassewagens.

 

Der Osten eine fremdenfeindliche Zone? – Von wegen. An einem heißen Juliabend erreichten wir nach einem langen Arbeitstag erschöpft eine Gaststätte in Thüringen. Potzblitz. Was sahen wir? Ruhetag! Geschlossen. Doch unser Klingeln und Betteln half. Am Ende der Welt, mitten im ehemaligen Grenzgebiet zur „BRD“, ließ sich die Wirtin erweichen, packte die Pfannen aus und servierte ihren hungrigen Gästen „Thüringer Rostbrätl mit Bratkartoffeln“. Das Wegebier für die Nacht verkaufte der Sohn für einen Euro die Flasche. So viel Gastfreundschaft und Fremdenfreundlichkeit geht auch – dreißig Jahre nach dem Fall der sichtbaren Mauer.

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Wenn der Asphalt glüht…

…und der Aufzug stehen bleibt. Die U-Bahn stoppt. Das Internet schweigt. Alle Lichter verlöschen. Das Wasser aus dem Hahn versiegt. Dann herrscht der Black-Out. In New York, der Mutter der Städte, ist in diesen Sommer dieser Notfall bereits zweimal eingetreten. Die totale Havarie. K.O. in der 12-Millionenstadt, die nichts dringender in ihren Adern braucht als pulsierenden Strom. Einmal gingen in Manhattan die Lichter aus, auch am Time Square. Ein anderes Mal in Brooklyn. Stundenlang. Auch die Berliner kennen das. Manchmal trennen tollkühne Baggerfahrer zielsicher die Zufuhr mit lebensnotwendigem Saft aus der Steckdose, weil sie punktgenau die Hauptleitung lahmlegen.

 

Über den Dächern New Yorks. Cory Henry & The Funk Apostles.

 

In New York sollen die aktuellen Stromausfälle Folge der großen Hitze sein. Wenn der ganze Schlamassel wie in New York bei 115 Fahrenheit passiert, das sind stolze 46 Grad, dann kollabiert eine Stadt. Stillstand. Nur noch Schweiß fließt in Strömen. Der Bürgermeister ruft den Notstand aus. Überleben in Zeiten tropischer Temperaturen und der Stromausfälle. Wir erleben die totale Abhängigkeit von Computergesteuerten Algorithmen. Laptops und Smartphones werden schwarz, wenn sich Funknetze reihenweise abmelden.

Cool bleiben, lautet die Devise. Sobald der Strom wieder fließt, die U-Bahn losrattert und die Klimaanlagen wie gewohnt wieder heiß laufen, kehren alte Bequemlichkeiten zurück. Na siehste! Noch mal gutgegangen. Nur nichts ändern. Immerhin ist es dann wieder möglich, die andere Seite von New York kennenzulernen. Zeit um begnadete Musiker wie Cory Henry zu hören. Pianist, Wunderkind, Tausendsassa auf den Tasten. Begleiter von Größen wie Bruce Springsteen, Marcus Miller und Motor der New Yorker Kultband Snarky Puppy.

 

 

Cory Henry interpretiert auf seine Art Amazing Grace. Dieses Kirchenlied über die „wunderbare Gottes Gnade“ ist Hoffnungs- Trauer- und Trostlied zugleich. Der Legende nach ist seine Entstehung einem Schlüsselerlebnis des Sklavenhändlers John Newton zu verdanken. Der Kapitän geriet im Mai 1748 in schwere Seenot. Nach seiner wunderbaren Rettung schwor er, Sklaven als Menschen zu behandeln. Später gab er seinen Beruf sogar ganz auf, wurde Priester, schrieb den Text zu Amazing Grace und bekämpfte die Sklaverei.

Welches Schlüsselerlebnis brauchen Weltenlenker heute? Welchen SOS-Ruf? Cory Henry zaubert auf den Tasten seines Flügels den Sound nie aufzugeben, diese Welt in Seenot aus schwerem Wasser zu retten. Amazing Grace. Was für eine wunderbare Hymne!

 

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Zauber im Gutspark

Ein Sonntagabend im Juli. Das Theaterdorf Netzeband in der Prignitz, nördlich von Berlin. Eine gute Autostunde entfernt. Die Kindervorstellung ist beendet. Die Besucher abgereist. Auf den Terrassen vor der Kirche studiert der Regisseur mit Schauspielern und großem Eifer „Ellernklipp“ ein. Das neue Stück vom Alt-Meister Fontane. Der märkische Goethe reflektiert über Blumen-Unkraut. „Und wer den Todten Blumen streut, der streut sie, denk´ ich, auch den Lebenden.“ Fontanes Stimmen hallen lautsprecherverstärkt durch den Park. Auf der Wiese posieren junge Mädchen für ihre Smartphones. Sie schlagen Rad, bringen sich in Position, werfen ihren Kopf nach hinten, streichen sich verführerisch durchs Haar. Hände in die Hüften. Brust raus, den Kopf zur Seite, ein Lächeln. Klick. Dann fröhliches Gelächter.

 

Seit über zwanzig Jahren der Klassiker im Gutspark Netzeband. „Unter dem Milchwald“ von Dylan Thomas.

 

Vor der Kneipe im Gutshaus sitzen die Männer des Dorfes, Einheimische wie Zugereiste. Sie trinken ihr Sonntagsbier, klären die Lage und stellen fest, dass früher alles besser war. Eindeutig. Ohne Frage. Die nächste Runde bitte, aber dalli! Über allem schwebt eine sirrende Drohne. Ein Netzebander steuert sein Fluggerät über den riesigen Holzhaufen des wegen Waldbrandgefahrs ausgefallenen Osterfeuers. Seine schnurrende Wespe aus Metall fliegt weiter über die Kulisse des Parks, beobachtet die Proben der Fontane-Jünger, die Trinker und tanzenden Jungschauspielerinnen. Vor einem Vierteljahrhundert, kurz nach der Wende fing alles an. Theater am Rande der Welt. Dort, wo ein Neuanfang möglich war. Was für ein Zauber!

 

Stil-Leben im Gutshaus.

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Der Tintensklave

Fontane? Mmmh. Dieser preußische Goetheverschnitt und Märkische Heimatdichter? Ein Fall für Gestrige und angestaubte Geister, sagen viele. Einer für Deutsch-Lehrerinnen und Männer-Gesangsvereine. Aber nichts für Menschen von hier und heute. Tja. Der Meister sagte über sich selbst, er sei „mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlecht sitzenden Hose“. Dieses Talent zu würdigen, schlägt des Dichters Geburtsstadt Neuruppin, eine Autostunde von Berlin entfernt, mächtig auf die Werbetrommel. Der 200. Geburtstag ist zu feiern, mit Worten, Taten, Ausstellungen, Inszenierungen und dem ganzen Gedenk-Gedöns. Fontane gibt es natürlich auch als Playmobil-Figur.

Das kleine Neuruppin geht den großen Fontane 2019 sehr ambitioniert an. Nicht was der Dichter geschrieben hat, steht im Mittelpunkt einer zentralen Ausstellung. Sondern wie er die Welt aufgefasst, geschildert und interpretiert hat. Das Fontane-Prinzip wird vorgestellt. „So oder ähnlich. So oder ganz anders.“ Fontane liebte solche Wendungen. Dinge im Ungefähren lassen. „Sie erzielen den Effekt von Realität. Weil sie gelten lassen, dass die Wahrheit etwas Subjektives und Relatives ist“, schreiben Ausstellungsmacher.

 

Das Leben … ist ein weites Feld. Gesehen in Wittstock. Juli 2019.

 

Der Apotheker-Sohn aus Neuruppin entwickelte seine spezielle Meisterschaft des Dialogs. Fontane notierte alltägliche Situationen, alltägliche Ereignisse, würzte sie mit banalen Details. So erscheinen seine Romane bis heute real. Das Offenlassen in Dialogen als Prinzip. „Warum machst Du keine Dame aus mir? – Möchtest Du`s? – Nein.“ Das fragt Effi Briest im Alter von 17 Jahren ihre Mutter. Sie muss den 38-jährigen Landrat Innstetten heiraten. Das Ende? Effi stirbt mit 29, vermutlich aus Langeweile. Nicht anders funktionieren heute Serien auf Netflix oder TV-Quotenrenner wie „In aller Freundschaft“.

 

Der Meister in der Scheibwerkstatt. Theodor Fontane (30.12.1819 – 20.09.1898) Copyright: bpk

 

Fontane war eine unermüdliche, einzigartige Worterfindungsmaschine. Er mixte in seiner Schreibwerkstatt Buchstaben/Gedanken/Wörter neu zusammen. Sammeln als Leidenschaft. Geschichten im Kopfkinoformat. Den Kern herauspulen, das war ihm wichtig, mit „Pusselei“ und „Bastelei. Fontane: „Ich ordne, gruppire, erfinde, nur das Gestalten glückt nicht.“ Diese Fontane-Maschine lief auf Hochtouren.

Kostproben aus der Fontane-Manufaktur: Aufsteigemensch. Ängstlichkeitsprovinz. Behaglichkeitsbau. Dunkelstunde. Einbahnstraßenpersonenhülle. Erkältungsgeneigtheit. Generalpapierkorb. Hintertreppenweg. Kolossalschnupfen. Korrespondenzartikel-Fabrikant. Lobkugeln. Mauseloch-Existenz. Nervenpleiten. Vertraulichkeitsausdruck. Vorurteilsalbernheit. Weltfriedensbrecher. Wiederverheiratungsgeschichten. Totalkenntnis. Trübsinns-Apathie.

 

Fontane als Ampelmännchen in Neuruppin. Das brandenburgische Städtchen hat zum 200.Geburtstag selbst das Verkehrsgeschehen „fontanisiert“.

 

Fontane. Ein alter Mann von gestern? In „Irrungen, Wirrungen“ notiert er über die Brandenburger Mentalität folgendes: Ängstlichkeitsprovinz. „Unsere gute Mark Brandenburg ist die Sparsamkeits-, und wo geholfen werden soll sogar die Ängstlichkeitsprovinz.“

Über das Lobkugeln. Diese können direkt in den Leib geschossen werden. Fontane: „Nur Blech und Oedheit.“ Das Parkett der Gesellschaft der Lobkugler sortiert sich folgendermaßen: „Alles ist doch schließlich Eitelkeit, Dünkel, Aufgeschlossenheit, Wichtigtuerei. Dazwischen brennt eine Tochter durch und der Sohn muss nach Amerika.“

Vortrefflichkeits-Schablone. Als Lohn- und Tintensklave war der Meister zu Lebzeiten stets in Geldnöten. Das schärfte seinen Blick auf Eliten wie Kutscher, Wichtigtuer wie Verlierer. Fontane. „Man kann alle Reisenden in zwei Charakterklassen theilen, in freundliche Sanguiniker, die überall sehen und auch sehen wollen, wodurch sich die Fremde vortheilhaft von ihrer Heimath unterscheidet und in leberkranke Nörgler, die sich zu Hause eine Vortrefflichkeits-Schablone zurechtgemacht haben und über alles verstimmt sind, was davon abweicht.“

 

„Fontane-Rose“ Jahrgang 2019. Blumen und Pflanzen waren für den Apotheker-Sohn das „ABC der Seele“.

 

Mehr Fontane gibt es hier. „Fontane.200/Autor – Die Leitausstellung zum 200. Geburtstag Theodor Fontanes.“ Bis 30. Dezember 2019 im Museum Neuruppin. Empfehlenswert. Besonders mit Führung. Denn man sieht nur, was man weiß. Noch so ein Fontane-Gedanke.

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Aus Kellern und Dachböden

Wer ist Anna Hönigsberg? Sie „wohnte“ im Block L112. In Theresienstadt. „Judenlager.“ Eine alte Postkarte, abgeschickt in Italien von einer Melanie Friedrich, abgestempelt am 13. Mai 1943. Ist die Karte angekommen? Wurde sie gelesen? Was ist aus den beiden Frauen geworden? Aus Absenderin und Empfängerin? Lukas Lev winkt ratlos ab, genau wie sein Freund Jiri Smutny. Die beiden Tschechen haben diese Karte gefunden. Und viel mehr. Briefe, Ghetto-Ausweise, Essensmarken, Flaschen, Teller, Besteck, Knöpfe, Ringe, Schmuck. Sogar eine Handgranate, die stammt allerdings aus dem I. Weltkrieg.

 

Jiri Smutny und Lukas Lev. Die Spurensucher von Terezin.

 

Spuren menschlichen Lebens. Ausgegraben aus meterdickem Schutt in Kellern und auf Dachböden im einstigen Ghetto Theresienstadt. Anna Hönigsberg war im Haus L112 interniert. L stand für Längs. Q für quer. L112 war ein Ort der Prominenten aus Berlin und Wien, sagt Lukas. Juden wurden während des NS-Regimes aus ganz Europa nach Theresienstadt verschleppt. Von der Außenwelt ab Ende 1941 hermetisch abgeriegelt, errichtete die SS in einer ehemaligen Militärfestung aus der K.u.K-Zeit ein riesiges Sammellager, eine Stunde von Prag entfernt.

 

Theresienstadt. Ehemalige Bahnhofstraße. Von 1941 bis 1945 Ghetto.

 

Vom Ghetto aus gingen insgesamt 63 Transporte weiter in Todeslager, in der Regel nach Auschwitz. Theresienstadt war kein Vernichtungslager. Theresienstadt war eine Art Zwischenstation. Die Menschen vegetierten zusammengepfercht auf durchschnittlich anderthalb Quadratmetern pro Bewohner. Sie starben „wie die Fliegen“. Über 35.000 Menschen an Hunger, Krankheit, Erschöpfung. Insgesamt waren bis zur Befreiung im Mai 1945 rund 140.000 Juden in Terezin, so der heutige Name, interniert.

 

Essensmarken aus dem Ghetto. Gefunden im Block L112. Jedes Haus steckt noch voller Geheimnisse. Man muss nur suchen.

 

Lukas Lev, der 37-jährige Guide von Theresienstadt sucht unermüdlich weiter. „Einer muss es ja machen. Sonst macht es niemand.“ Sein Motto. Tagsüber führt er Touristen aus aller Welt durch Theresienstadt, in seiner Freizeit gräbt er mit Freunden nach Spuren aus der Ghetto-Zeit. Seine Motivation? „Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Großmutter mit dem deutschen Namen Clausnitzer hatte. Sie war Sudetendeutsche“. Lukas sagt, er weiß, was Unrecht mit Menschen macht. Erst der Genozid der Nazis, dann die Vertreibung nach 1945. „Das lässt mich einfach nicht los.“

 

Aktuelle Grabungsstätte. Der Dachboden von L425.

 

2015 eröffnete er mit ersten Funden, es waren Wandzeichnungen, Gedichte und Graffitis, auf dem Dachboden L237 in der ehemaligen Bahnhofstraße eine kleine Ausstellung. Sie hieß: „Finde Träume, Erinnerungen und Wirklichkeit“. Für Lukas sind die Botschaften aus der Vergangenheit eine Art Facebook. Made in Terezin. Graffitis und Kritzeleien, Ausdruck von Verzweiflung, Angst, aber auch Hoffnung, Heimatliebe und dem Willen zum Überleben. Seine private Aktion mit der Ausstellung brachte ihm viel Anerkennung, aber auch massiven Ärger. Er wolle wohl mit dem Holocaust Geld verdienen, wurde kolportiert. Die Gedenkstätte entließ ihn als Touristenführer, stellte ihn aber nach einigen Monaten wieder ein. Lukas macht seinen Job einfach zu gut. Er kann gelangweilten Schulklassen Geschichte lebendig nahebringen. Und Lukas spricht dank seines Germanistikstudiums ein wunderbares Schwejk-Deutsch. Er ist ein Erlebnis.

 

Ein harter Job. Große Hitze. Staub. Dreck. Tonnen von Schutt. Doch es wird immer wieder etwas gefunden.

 

Lukas Lev will nicht locker lassen. Die aktuellen Grabungen mit seinen Unterstützern finden in diesem Sommer im Block L425 statt. L425 war die alte Weinstube, heute Kamensheko 154. Auch hier stoßen die ehrenamtlichen Archäologen ständige auf neue Ghetto-Spuren. Theresienstadt ist für ihn wie ein großes Geschichtsbuch. Voller Schicksale, voller Dramatik. Zu schade, um wegzuschauen. Wer nur war Anna Hönigsberg?

 

Einer der ersten Funde. Die berühmte Prager Burg mit Karlsbrücke als Wandzeichnung. Durch Zufall auf dem Dachboden entdeckt vor mehr als fünf Jahren im Haus L237. Heute ist dort eine Pizzeria.

 

Aktualisierung (10. Juli 2019)

Mittlerweile teilte das Arolsen Archives – das weltweit umfassendste Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus auf Anfrage von Lukas Lev mit:

„Anna Hönigsberg, geb. 03.03.1864 in Kirchschlag, wurde am 22.07.1942 aus Wien mit dem 33. Transport, Kennung IV/5, Nummer auf dem Transport: 973, ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Letzte Adresse: 10. Alxingerg. 97. Sie wurde in Theresienstadt befreit und ist nach Wien zurückgekehrt.“

Anna Hönigsberg hat Theresienstadt überlebt.