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Blicke

Zu den Schönen, Kreativen, Wichtigen zu zählen, ist ein gutes Gefühl. Es ist aber auch anstrengend. Immer on top zu sein. Eine Einladung zu haben. Das Bändchen am Gelenk tragen zu können. Berlin brummt. Jeden Abend feiert die Szene sich selbst. Welche Szene? Es gibt im Swinging-Berlin der späten Zehner-Jahre so unendlich viele wie Tage im Jahr. Oder noch mehr. 24/7. Selbst Profis kommen ins Schwitzen. Wohin gehen? Wen muss man kennen? Was darf man auf keinen Fall verpassen? Film und Fernsehleute, Kunst, Theater, Literatur dazu die versammelte Lobbyisten-Blase aus Politik, Wirtschaft und Investment von Bitcom bis zum Bundesverband der Brauer begehen unentwegt jeden Abend ein Come-Together. Ein Event. Oder ein Sommerfest. Stehen Sie auf der Gästeliste?

Das Tipi-Zelt am Kanzleramt. Zu Gast beim Produzententreff der Film- und Fernsehbranche. Berlin dampft. Sahara-Hitze 35 Grad. Bei Hummus-Wraps und Tonic-Cocktails treffen sich A-B-C-Promis. Mittendrin: Iris Berben, Didi Hallervorden, Burkhard Klausner, Heike Makatsch. Grüppchen-Bildung. Konzentrische Kreise um Entscheider und angesagte Menschen. Schnelle Blicke. Scannen: bist du, mein Gegenüber wichtig? Lohnt es sich? Kannst du mir einen Job vermitteln?

 

 

Männer mit Sonnenbrillen in Sneakers ohne Socken. Frauen mit buntem Geschmeide und luftigen Sommerkleidchen. Nimm-mich-Blicke, ich will spielen. Coole Jungs, kleine Weinstein-Verschnitte. Aufgedrehte Ladys. Posieren für die Fotografen. Verschwörerische Kreise. Geschäftsgespräche, wer gegen wen? Überall Heckenschützen, murmelt jemand. Das Brüllen der Fotografen übertönt alles. Ringen um das beste Bild. Erschöpfte, verschwitzte Klatsch-Reporter.

Gelangweilte Gestalten. Ihr Blick: Ich weiß alles, kann alles. Ich bin der Beste – wer sagt mir das jetzt endlich? Manager, Produzenten, Geldgeber. Geldsucher. Kreative und Kommerzmenschen. Immer wieder Blicke. Kurz, intensiv, suchend. Muss ich den/die kennen? Was machst du? Abwenden, wenn das Gegenüber ein Suchender wie man selbst ist. Ein Spiegelbild. Mist. Motto: „Prüfe deinen Status. Überprüfe dein Mindset. Folge deinen Trieben.“ Karma, Kontakte, Konkurrenz, Kampf. „Nimm mich!“

 

Berlin der Zwanziger Jahre. Otto Dix. Die Stützen der Gesellschaft.

 

Wenn es nur nicht so heiß wäre. Frischen Wind fächern in der aufgestauten Hitze. Nächste Chance, nächstes Glück: Ach, woher kennen wir uns denn?

Waren so die Zwanziger? Spielen wir mittlerweile das Revival? Diese aufgeregt-plappernde Dauer-Börse der Suchenden. Der florierende Jahrmarkt der Eitelkeiten. Die Stunde der Schwätzer und Sinnsucher. Positionierungsexperten und Coach-Helden, Salon-Löwen und Fitness-Gurus, Spielwütigen und Schönheiten, Freisprecherinnen und Damen-Imitatoren, Selbstdarsteller und Yoga-Krieger-Übende, Narzissten, Zyniker, Rund-um-die-Uhr-Talker. Überall Dampfplauderer. Schweigen macht verdächtig.

 

 

Nach einer knappen Stunde ziehen Fotografen und Society-Klatsch-Reporter müde und erschöpft weiter. Zur nächsten Party. Der Schönen, Kreativen, Wichtigen. See you again?

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Mehr Wibke wagen

Was diese Frau alles bewegte. Wibke Bruhns präsentierte die ZDF-Nachrichten – als erste Frau im Blümchenkleid. Damals eine Sensation in der westdeutschen Männerwelt. Fast fünfzig Jahre ist es her. Und stets die gleiche Frage: wie war´s beim ersten Mal? Saß die Frisur? Gab es einen Versprecher? Wibke: „Wir durften an dem Text nix machen zum Wohle der Grammatik. Der langweiligste Job meines Lebens.“ Aber sie wollte keine „Sprechpuppe“ sein. War sie auch nie.

Einfach nur Nachrichten verlesen war nicht ihr Ding. Wibke Bruhns mischte sich ein, machte 1972 Wahlkampf für die SPD, für Willy Brandt. Als Nachrichtensprecherin. Das war damals noch möglich und führte zielsicher zum Skandal. Ein einziger Shit-Storm ging über sie hernieder. Alle trotzten: Wibke. Das ZDF. Ihr Publikum. Wibke wurde zum Vorbild für eine ganze Generation. Doch die kalte Rache folgte auf dem Fuß. Man dichtete ihre eine Affäre mit Willy Brandt an. Es ging um ein Collier. Aber vielmehr um ihren Ruf. Sie wehrte sich. Die Legende von der Kanzler-Geliebten hielt sich bis heute. Sie sollte Recht behalten. „Auf meinem Grabstein wird irgendjemand schreiben. Sie war die erste Nachrichtenfrau und die Geliebte Willy Brandts.“

 

Wibke Bruhns. (1938-2019) Im ZDF-Nachrichtenstudio. Still sitzen für das 68er-Projekt. 2018. Foto: Heinz Kerber.

Kämpfen, eigene Wege gehen, nicht aufgeben, das war ihr wohl in die Wiege gelegt. Aufgewachsen in Halberstadt als fünftes Kind einer großbürgerlichen Unternehmer-Familie. Vater Hans-Georg Klamroth wurde 1944 von den Nazis als Verschwörer gegen Hitler in Plötzensee hingerichtet. Wibke musste lernen, dass sie selbst im Nachkriegs-Deutschland noch als Mitglied einer Verräterfamilie attackiert wurde. „Entweder du gehst daran kaputt oder du wirst stärker“, antwortete sie selbstbewusst. Motto: Lächeln, auch wenn es schwer fällt.

Ihr zentrales Lebensthema – das Schicksal ihrer Familie – verarbeitete sie 2004 in ihrem Bestseller „Meines Vaters Land“. Ein Generationenkonflikt. Was hast Du damals getan? Ungeschminkt erzählt sie die tragisch-aufwühlende Familiengeschichte. In ihrer Autobiografie „Nachrichtenzeit“ (2012) schilderte sie schnörkellos ihre Stationen als Journalistin. Ob in Hamburg oder Bonn, Jerusalem oder Washington, bei den Mächtigen oder Ohnmächtigen. Wibke Bruhns war eine genaue Beobachterin und unerschrockene Zeitzeugin. Auch wenn sie das ungerne hören mochte. „Es ist zum Kotzen wofür ich alles herhalten sollte. Ich habe doch nur meinen Job gemacht.“

 

Vergessen? Geht gar nicht. Es ist essentiell. Wenn wir das nicht mehr tun, dann können wir auch aufhören zu existieren.“ Mit Wibke Bruhns im ehemaligen KZ-Außenlager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt. April 2018.  Foto: Heinz Kerber.

 

Klartext reden, das war Wibke Bruhns. Offen, frech, fröhlich. Manchmal auch beißend bis an die Schmerzgrenze. Wibke: „Ärger stählt. Ich habe nie Schwierigkeiten gehabt mich mit irgendjemandem rumzuzanken. Es sei denn, ich war hochmütig. Dann kriegte ich eins auf den Deckel. Das war auch in Ordnung.“

Mit dem heutigen Journalismus haderte sie: „Was heute im Programm ist, kann ich kaum noch aushalten. Fernsehen machen ist auf jeden Fall schöner als Fernsehen schauen.“ – Chapeau, Madame! Also zogen wir 2018 noch einmal gemeinsam los. Zögernd und eher widerwillig stellte sie sich einem Filmprojekt zu den Fragen über die 68er. Fünfzig Jahre danach. „Was soll ich denn da?“, fragte sie. „Ich bin keine 68erin.“ Korrekt – Wibke Bruhns. Widerspruch war ihr Leben. Dazu brauchte sie keine Jahrestage, keine inszenierten Heldengeschichten, keine Konferenzen oder Jubelfeiern. Einfach sagen, was ist. Das war ihr Leben.

 

Ihr letztes Projekt 2018. Wibke Bruhns zieht Bilanz. Was haben die 68er erreicht? – Für Eilige: Wibke Bruhns ab TC 13:18.

 

Wibke Bruhns starb im Alter von 80 Jahren in Hamburg am 20. Juni 2019.

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Tl; dr

Die Überschrift – ein Rätsel? Funde aus vergangenen Zeiten? Eine chemische Formel? Nichts verstanden? – Da kann geholfen werden. Hier grüßt der digitale Zeitgeist. Tl bedeutet too long – dr = didn´t read. Kurzum: Wenn Geschichten zu lang sind, werden sie nicht gelesen. So einfach ist das. Kein neues Phänomen, aber ein neuer Name. Wenn Texte langweilen, steigt die geneigte Leserschaft aus. Oder fängt erst gar nicht an. Die User im Netz sind höchst sensibel, nervös und ungeduldig. Die nächste News, der nächste Spot. Wisch und weg.

Das hohe Gut Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource. Was tun? – Trotzig dagegen halten? Oder mitsurfen und nach Schlagzeilen schielen? Die Klicks und Likes versprechen? Google verspricht schnelle Hilfe. In jeder Lebenslage und Frage. Aufbruch in Berlin, heißt es nun. Eine bunte, analoge Broschüre des Internet-Konzerns feiert auf Papier (!) unser täglich digitales Brot als unverzichtbares Lebensmittel. Als Heil und Heilung. Als Wahrer des Guten, als Kämpfer für eine bessere Welt.

 

Die Google-Mitarbeiter sind cool, smart, divers, feministisch, international, innovativ, weltoffen. Google-like eben. Sie tragen dezent-legere Kleidung, modische Zöpfe und ticken 24/7 im Gründer-Modus. Das Leben als Startup. Sie forschen über Künstliche Intelligenz, vernetzen sich in Coworking-Spaces und produzieren rund um die Uhr Event- und Podcasts-Reihen. Ihre Abteilungen heißen Cloud, Lokalisierung, Marketing, Google Play, Policy, Sales, Google for Startups, youtube.

 

 

In Kreuzberg unerwünscht. In Berlin-Mitte zuhause. Google in Deutschland. Auf Imagekampagne.

 

Too long? Gut möglich. Nur noch ein Gedanke. Über eine Googlerin heißt es: Sie sei Mutter und Feministin, Nachrichtenjunkie und Twitter-Pionierin. Fakten-Checkerin und Womanwill-Netzwerkerin. Ihr Motto: „Sie kann einfach nicht genug bekommen.“ Kreuzberg wollte Google nicht. Die Neue Heimat der schönen Google-Welt befindet sich nun in Berlin-Mitte, in der Tucholskystraße. Die Räume sind modern, nachhaltig und hübsch aufgemöbelt. Früher war dort die Geburtsklinik der Charité. Täglich kam neues Leben in die Welt. Und heute?

 

Too long? 2.004 Zeichen. Lesedauer: 2 Minuten

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„Top of the world“

Eine lange Schlange vor dem Jazz-Club Village Vanguard. Anstehen für das zweite Konzert. Warten auf Ben Wendel. Ein Kanadier in New York. Am Ende der Straße leuchtet das One World Center. Errichtet auf den Trümmern des World Trade Center. Manhattan kurz vor halb elf abends. Gelbe Taxen huschen vorbei, hupen, halten. Starten durch. Die Menge verharrt geduldig. Der erste Durchgang ist vorbei. Das Halb-neun-Publikum strömt die Stufen aus dem Basement nach oben, verlässt den Club, wird verschluckt vom unablässigen Strom der Menschen, Autos, Busse, Bahnen.

Unten im Bauch des Vanguard viel roter Plüsch an den Wänden. Schwarz-Weiß-Fotos von Jazz-Größen. Sparsame Beleuchtung. Es ist klein, eng, dunkel und voll. Jeder Zentimeter ist verplant. Fleißige Kellnerinnen servieren das Fläschchen Bier zum Preis von acht Dollar. Der Hausherr startet routiniert seine Ansage. Rauchen, Fotografieren, alles nicht erlaubt. Strengstes Handyverbot. Aber ansonsten „Let us entertain you“ und natürlich „Have Fun“. Das Licht wird weiter heruntergedimmt. Am Nachbartisch hat ein Pärchen auf diesen Moment gewartet. Es geht in den Nahkampf über.

 

Spot an. Ben Wendel und sein Quartett entern aus dem dunklen Nichts die winzige Bühne. Der Saxophonist gilt als neuer Stern am Jazz-Himmel. In den USA handeln ihn die Medien als Mann der Zukunft, als Shooting Star. Er sei ein Talent von großer Bandbreite. Mit Kent Nagano gab er klassische Konzerte. Mit Pop-Größen wie Prince stand er auf der Bühne. Mit seiner eigenen Band Kneebody war der 46-jährige bereits für den Jazz-Grammy nominiert.

 

Wendel im feinen Sakko erinnert an den jungen Brian Ferry von Roxy Music. Sein New Yorker Publikum begrüßt er mit dem der Stadt angemessenen Selbstbewusstsein. „Welccome in the Greatest Club of the World“. Einige wenige lachen, die meisten klatschen. Natürlich bestreitet er den Abend mit der „Greatest Band of the World“. Was sonst? Und los geht es. Wendel zelebriert einen abgeklärt-sehnsuchtsvollen Saxophonsound, immer wieder gebrochen durch überraschende Wechsel, aufgeladen mit dynamisch-pulsierenden Rhythmen. Wow! Jazz vom Feinsten. Innovativ, spannend und mit sehr viel Gefühl.

 

 

Ein hochmusikalischer Abend. Die Band spielt sich in Fahrt. Doch nach einer guten Stunde ist plötzlich Schluss. Zugabe? – Fehlanzeige. Das Licht geht an. Der Beifall verstummt sofort. Die Kassiererin eilt von Tisch zu Tisch, sammelt flink ihre Dollars ein. Das Publikum erhebt sich, kontrolliert kollektiv die aus den Taschen gezauberten Smart-Phones. Nun dimmert es überall blau. Das Pärchen von nebenan ist längst verschwunden. Professionell bittet das Personal die Besucher den Club zu verlassen. „The next show will start soon.“

Time is money. Also raus auf die Straßen von Manhattan. Hinein in den flutenden Strom von Flaneuren, Vergnügungssüchtigen, Wartenden, Ewig-Suchenden, Einzelgängern, Pärchen, chinesischen Reisegruppen und deutschen Besuchern, die versuchen sich in ihren Reim auf das Erlebte zu machen.

 

 

Apropos Europa. Ben Wendel ist im Sommer auf Tournee quer durch den alten Kontinent. Zum Beispiel am 15. und 16. Juli 2019 ab 21:00 Uhr im Jazz Dock in Prag. Ben Wendel with The Jazz Dock Orchestra. Möglicherweise gibt es dort Zugaben. Der Mann hätte es verdient.

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Was uns blüht

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Eine alte Weisheit. Immer wieder neu erlebt. Was hatten die frisch vereinten Deutschen vor dreißig Jahren für Träume, Hoffnungen, Erwartungen. Meinungsfreiheit. Blühende Landschaften. Viasfrei bis Hawaii. Die friedliche Wende hat sich in ein lautes, verzagtes Jammern, Klagen und Verdammen verwandelt.

Geh ins Offene, empfahl Hölderlin. Doch wohin? Ohne Geländer? Ohne Führung? Selbstbestimmt gar? Das verquere Ding mit der Einheit. So viel Frust war nie. Der Osten wütend, der Westen genervt. Die SPD ausgelaugt, die AfD stark. Tonnen an Büchern, Schriften und Rechtfertigungen versinken im trockenen Sand wie ein heißer Sommerregen. Der gemeinsame Grund scheint ausgelaugt und verstaubt zu sein wie der Waldboden in unserem zweiten Dürrejahr.

 

40 Jahre Militärische Sperrzone. Seit knapp 30 Jahren erholt sich die Natur. Blick aufs „Bombodrom“ – Kyritz-Ruppiner Heide zwischen Neuruppin und Wittstock. Juni 2019.

 

1989 hieß es. Wir wollen Lügen nicht mehr Wahrheiten nennen, und Wahrheiten nicht Lügen. Eine banale Forderung und doch so richtig. Die allesverschlingende Globalisierung spülte gleichwohl alte Gewissheiten einfach weg. Ungebremst gilt das Recht des Stärkeren, des Geldes, der Vermögenden. Es zählen die Argumente der Macht. Nicht die Macht der Argumente. Dabei ist diese Macht anonym und scheinbar unangreifbar geworden. Regiert wirklich die von uns gewählte politische Elite? Oder nicht die Zentralen des Plattform-Kapitalismus – Investmentfonds, Google, Facebook und wie sie alle heißen. Was bleibt? Die Empfehlung „Optimiere dich selbst“.

 

„Heimatschützer“. In abgelegenen Teilen In Brandenburgs überall plakative Wahlversprechen – auch lange nach der Wahl. Die Botschaften bleiben einfach hängen.

 

„Je länger die DDR tot ist, desto schöner wird sie.“ Das erkannte rasch der viel zu früh verstorbene Schriftsteller Jurek Becker. Er kannte sich mit Wahrheiten aus. Sein wichtigstes Werk war „Jakob der Lügner“ über einen Juden, der mit kleinen Lügen die Hoffnung in der KZ-Hölle nährt. Und heute? Das Erbe der untergegangen DDR bleibt ihr Versprechen: eine faire, gerechte, gemeinschaftliche Gesellschaft anzustreben. Eine Hoffnung, die von der DDR-Führung bürokratisch und planmäßig mit Mauer und Überwachung erdrosselt wurde. Bis das Land erstickte.

 

Blühende Landschaften rund um Berlin 2019. Der Trockenheit abgetrotzt.

 

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sagte Hermann Hesse, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Genau über diese wunderbare Zeit handelt So viel Anfang war nie, als alles möglich erschien.

 

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Mann mit Fahrrad

Ein Mann steht stumm mit seinem Fahrrad am Straßenrad. Er schweigt. Dabei hätte er viel zu sagen. Touristen ziehen vorbei, fotografieren ihn. Oder sie knipsen sich, am besten ein Selfie mit dem stummen Radfahrer. Der Mann mit Mütze und skeptischem Blick steht in Oslo. Direkt an der Karl Johans Gate, dem Kurfürstendamm der norwegischen Hauptstadt. Wartet er? Ist er verabredet? Was hat er vor? Er kann nichts sagen. Er ist aus Bronze. Ich bewundere den stillen Zeitzeugen. Ein Freund hatte mir den Tipp gegeben, ihn in Oslo zu besuchen.

 

Mann mit Fahrrad in Oslo. Touristen fotografieren gerne den Mann mit der Schiebermütze. Wer weiß schon, wer dieser Unbekannte wirklich ist?

 

Gunnar Sonsteby heißt der unbekannte Radfahrer mit der kecken Schiebermütze. „Freiheitskämpfer 1940-1945“ ist auf einem Schild vermerkt. Während ich die schlichte Skulptur betrachte und gleichfalls fotografiere, nähert sich ein älterer Osloer. „Wissen Sie, wer das ist?“ fragt er freundlich auf Englisch. „Nein. Nicht wirklich. Ein Widerstandskämpfer?“ – „Ja. Er heißt Gunnar. Ein Arbeiterjunge aus einer Industriestadt in der Provinz. Beim Einmarsch der Deutschen 1940 stand er genau hier – mit seinem Fahrrad.“

Der Mann kommt in Schwung. Er berichtet, die deutschen Truppen seien gerade siegesstolz über den Boulevard Richtung Schloss marschiert. Gunnar sei „total schockiert“ gewesen. In diesem Moment habe er sich entschlossen, in den Widerstand zu gehen. 23 Jahre sei er gewesen. Alles habe er riskiert, sein Leben, um die Freiheit Norwegens wiederzuerlangen. „A National Hero“, betont der Osloer. Jedes Schulkind kenne seine Geschichte.

 

Die Karl Johans Gate in Oslo. Morgens früh um sieben Uhr. Hier zogen im Frühjahr 1940 die siegreichen deutschen Truppen zum Schloss. Gunnar stand stumm am linken Straßenrand.

 

Plötzlich fragt er mich, wo ich herkomme. Aus Berlin, antworte ich. Pause. Er runzelt seine Stirn. Seine Augen bleiben freundlich, sagen wohl, ist ja interessant. Viele Deutsche, die er kennengelernt habe, hebt er an, fühlten sich „guilty“. Das sei Unsinn. Verantwortlich, das sei okay, aber nicht schuldig. Er sei Jahrgang 1948, habe in seinem Leben nichts anderes als Frieden, Wohlstand und Fortschritt erlebt. Keine Kriege. „Wir sind Glückskinder. Unsere Generation. Nicht wahr?“

 

Gunnar Sønsteby (1918 – 2012). Er war der hochdekorierteste Bürger Norwegens.

 

Er fragt, wie alt ich sei. Jahrgang 1958 antworte ich. „Auch ich bin ein Glückskind. Keine Kriege, keine Not, kein Mangel.“ Nur Alltagssorgen kenne unsere Generation, ergänzt meine Zufallsbekanntschaft und mustert den Mann mit dem Fahrrad, vor dem wir stehen. Der ältere Norweger lächelt mich an. „Wir gehören zusammen. In unserem Europa.“ Er gibt mir die Hand. Ich bin gerührt, schlage dankbar ein. Er geht, ich bleibe zurück. He made my day. Was kann jetzt noch passieren? – Ich grüße noch einmal den Mann mit dem Fahrrad. Mir ist, als würde er zurückwinken. Aber er bleibt stumm.

 

Nur ein paar Meter von Gunnar entfernt befindet sich Oslos führender Jazz-Club Nasjonal. Hier das Espen Eriksen Trio live im Club an der Karl Johans Gate in Oslo.

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Geschlossene Gesellschaft

Ganz im Süden von Manhattan. Richtung One World Center. Wo einst zwei Türme standen, ragt ein schlanker Superturm noch kühner in den Himmel. Zu seinen Füßen Greenwich Village. Gleich nebenan das Viertel um die High Line. Ein schickes neues Stadtviertel entlang einer stillgelegten Hochbahn. Früher der Schlachthof New Yorks – heute Szeneviertel mit Restaurants, Clubs, Cafés. Wohnen als Investment oder Ausdruck der Zugehörigkeit zu den zahlungskräftigen Happy Few. Hier ist alles sündhaft teuer. Das Sandwich an der Ecke ist nicht unter zehn Dollar zu haben. Aber bitte mit Avocado! Der In-Frucht des New Yorkers.

Ein paar Ecken weiter das legendäre White Horse Tavern. Kneipe. Und Mythos. Hier feierte der Waliser Dylan Thomas seinen größten Triumph. Und sein Ende. Anfang November 1953 fand in der Nähe die szenische Premiere von Unter dem Milchwald statt. Zwanzig Jahre hatte Dylan am Text gearbeitet, geschwitzt, an jedem Wort gefeilt. Ein Stück für siebzig Stimmen. Im Mittelpunkt ein Tag im Leben einer kleinen walisischen Hafenstadt.

Dylan Thomas. (*27.10.1914- 09.11.1953). Ein Waliser in New York.

Eine Nahaufnahme von einfachen Bürgern, arm und reich, kleinen wie großen Glücksuchern. Von der Hafenhure Rosie Probert bis zum Bach-Fan Orgel-Morgan. Der Dylan-Sound geht so: „Anfangen, wo es anfängt: Es ist Frühling, mondlose Nacht in der Kleinen Stadt. Sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehen-schwarzen, zähen, schwarzen krähenschwarzen fischerbootschaukelnden See. Die Zeit vergeht. Horch, die Zeit vergeht.“

 

 

Im White Horse Tavern logierte Dylan Thomas. Drei Tage und Nächte feierte das Team die Premiere. So viele Pints, so viele Schnäpse, so viel neue Pläne. Am 9. November 1953 dem dritten Tag war Dylan Thomas tot. Der geniale Dichter und grandiose Trunkenbold. Er wurde gerade einmal 39 Jahre alt. Aufgewachsen in der tiefsten Provinz, gefeiert und gestorben in New York. Die eigentliche Premiere erlebte er nicht mehr. Ein gewisser Robert Zimmermann verehrte ihn. Damals wie heute. Er nannte sich nach seinem Vorbild – heute hat Bob Dylan den Preis, den Dylan Thomas verdient hätte: den Nobelpreis für Literatur.

Der berühmte Theaterkritiker Friedrich Luft schrieb anlässlich der „eigentlichen“ Uraufführung in Edinburgh, 1955: „Seine quellende Sprache senkt sich wie ein warmer Regen über eine Landschaft des Alltags. Und siehe, nun blühen die Kleinstadtfiguren, werden spektakulär, werden in all ihrer Spießigkeit interessant, rund, tragisch oder komisch.“

 

Das White Horse Tavern – eine New Yorker Institution. Geschlossen. Gibt es ein Comeback oder entsteht ein neues Event-Etablissement?

 

Ich wollte auf den Großen Meister im White Horse Tavern anstoßen. Doch der alte Pub ist geschlossen. Für immer? Nein, die Kneipe soll nur renoviert werden, verspricht ein kleiner Zettel am Eingang. Ein paar „Upgrades“, heißt es, man wolle das „Erbe“ einer der „besten Kneipen in der Geschichte New Yorks“ nicht verspielen. Also keine Gentrifzierung wie nebenan mit Lofts für Millionen Dollar. Eine Nachbarin winkt ab. „Ob die je wieder aufmachen? Wir werden sehen.“

Dylans Milchwald spielt im fiktiven Llarregub. Rückwärts gelesen bedeutet es Bugger all = Rein gar nichts. Die Nichtsnutze. An der Kneipentür stand bis zur angekündigten Renovierung „Drink till late“. Was sollte man auch sonst tun? Die großartige Geschichte vom Milchwald schmuggelte sich auch in meine brandenburgischen Dorfgeschichte So viel Anfang war nie.

Es war in diesem Mai eine große Ehre das Buch vom kleinen Herzdorf im großen New York vorzustellen. Das geladene Publikum im Deutschen Generalkonsulat spitzte die Ohren. Am Ende waren alle mitgebrachten Bücher weg. Es hätten mehr sein können. Dummerweise sind Bücher schön, aber schwer. Den Abend zu feiern, muss nun verschoben werden. Ob es ein Comeback des alten White Horse Tavern gibt?

 

Kneipe dicht. Ein „Upgrade“ der legendären Dylan Thomas-Kneipe wird auf einem weißen Informationsblatt versprochen. Die Nachbarn sind skeptisch.

 

Das Theaterstück Unter dem Milchwald hingegen kommt wieder. Ende Juni 2019 steht es  auf dem Spielplan des Theatersommers Netzeband – ein echtes Kultereignis seit über zwanzig Jahren. Nur eine gute Autostunde von Berlin entfernt – in der tiefsten und schönsten Provinz, die ich kenne.

Take a walk

Reisender kommst du nach New York, heißt es: Los geht´s. Immer die Fifth Avenue lang. Geradeaus. Gen Süden. Vorbei am Central Park. Zwischen Häuserschluchten, hupenden Autos, eilenden Passanten, kichernden Touristen und misstrauischen Polizisten. In den Himmeln ragen Hochhäuser dünn wie Bleistifte. Lustwandeln wie einst Fontane? Geht nicht in dieser Stadt. Manhattan erhöht den Blutdruck. Kostenlos. Alles andere ist eine Nummer größer als anderswo und auf alle Fälle sündhaft teuer.

 

Warte nicht, bleib nicht stehen! Business wird gemacht. Wo eilen die Menschen hin? Zu Events, Meetings, Partys? Der New Yorker ist busy. Time is money. Schaufenster mit prächtig-schrillen Angeboten. Teure Accessoires, zum Beispiel ein Damentäschchen in Dackelform von Gucci. Dazu Gedanken von Susan Sontag. Mode ist, „wenn Style über Inhalt, Ästhetik über Charakter und Ironie über Tragödie siegt“. Die Modebranche zitiert eine ihrer schärfsten Kritikerinnen. Muss verkaufsfördernd sein, sonst wären ihre Gedanken nicht in Bestlage ausgestellt.

Times Square. Menschen in New York. Manche sind sehr gelassen.

Schnell weiter auf dem Laufsteg der Eitelkeiten. Keine Atempause! Vor dem Trump-Tower stehen Marsmenschen. Es sind schwer bewaffnete Cops mit Helm, Sonnenbrille und MPi. Chinesische Touristen machen Selfies mit ihnen. Alle genießen die Show. Gutgekleidete Männer und Frauen im Business-Alter hetzen vorbei. Sie reden laut und mit sich selbst, über Termine, Treffen und Investments. Stöpsel im Ohr. Junge Avantgarde auf der Überholspur der Fifth Avenue. Vor den Eingängen Männer im Anzug. Hände wie zum Gebet gefaltet. Wacher Blick. Doormen oder andere Security-Gestalten. Sie kommen aus aller Welt. Viele mit hartem, osteuropäischen Akzent. Aus Montenegro, Mazedonien oder auch aus Algerien. Sie sind die Türsteher der Reichen.

 

Vor dem MoMa Menschenmassen. Kunst zieht. In den heiligen Hallen schiebende Menschentrauben – vor Vincent Van Gogh oder Gustav Klimt in der fünften Etage. Die Smartphones laufen heiß. Kampf um den besten Platz. Es klickt in einem fort. Schnell weiter. Nur nichts verpassen. Vor Kaufhäusern oder Edel-Boutiquen campieren Bettler. Manche zeigen offene Wunden an Beinen und Armen. Einer schneidet sich die Fußnägel. Sie gehören zur Straße wie Ampeln, Sirenengeheul oder schreiende Straßenverkäufer. Es beginnt zu nieseln. Eine Frau ruft „Umbrellas“. Regenschirme haben jetzt Konjunktur. 50 Dollar das Stück.

St. Patricks Kathedrale. Mittagsmesse mit Touristen und Zwischenrufen.

Rasch über die Straße! Auf den Stufen der St. Patricks-Kathedrale sitzt ein deutscher Schauspieler. Er spielt mit seinem Handy. Als wir ihn grüßen, lächelt Lars Eidinger freundlich zurück. Er ist doch nicht allein – der German-Man in New York. In der katholischen Kirche ist Mittagsmesse. Der Pastor betet, ein schwarzer Obdachloser kommentiert lautstark Predigt, Psalme und Segen. Niemand stört´s. Unsere blonde Sitz-Nachbarin zur Rechten verbirgt ihr Gesicht. Ist sie allein? Verzweifelt? Bittet sie um Hilfe? – Wer weiß es? Die Dame, Mitte vierzig, will offenbar nicht gestört werden. Take care.

Vor dem Rockefeller-Center.

Raus aus der Touristen-Kirche, rein ins Leben. Juweliere preisen edle Ringe oder anderes Geschmeide an. Diskret ohne Preise. Am Rockefeller-Center schieben sich die Massen wie Lemminge in die Geschäfte. Ein großes Messingschild erinnert an den amerikanischen Traum The pursuit uf happiness – das Streben nach Glück. Eine Ecke weiter im Medienviertel buhlen Laufbänder um Aufmerksamkeit. Fox News, Trumps Haussender, meldet: „Große Bedrohung. Artenvielfalt geht verloren. Mittlerweile leben weltweit mehr Tiger in Zoos als in der Wildnis. 12.500 Tiger in Zoos. 4.000 in Freiheit. Eine Herausforderung für Eltern, Gesellschaft und die Welt.“ Niemand schaut hin. Mitten im Business-Viertel ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Oder seinem Smartphone. Tiger sind weit weg. Dezent tätowierte zweibeinige Fabelwesen in High Heels trippeln vorbei. Ein Wachmann gähnt. Eine aufgeregte asiatische Reisegruppe schnattert hinter ihrem Reiseleiter her. Sie zücken ihre Phones wie Revolver. Jederzeit schussbereit.

Einstein rettet uns. In der Public Library.

Unser Kopf brummt. Wo ist ein Ort zum Ausruhen und Verweilen? Sorry. Das heißt hier Chillen und Relaxen. Aber wo? An der 42. Straße eine Art antiker Tempel. Selbst dieser Koloss wirkt verloren zwischen den Hochhäusern. Aber der freundliche Riese lädt ein und beruhigt. Die Public Library – „das Wohnzimmer der New Yorker“. Die Bibliothek ist kostenlos – und für jedermann frei zugänglich.  Eine Kathedrale des Wissens. Sozusagen ein begehbares Internet. Ein Gruß aus dem vergangenen Jahrhundert. Durchatmen! In der Lobby am Museumsshop grüßt ein älterer Herr mit wildem Haar. Einstein in New York. Das Genie im Angebot. Die kleinen Figuren winken fröhlich. Dazu die Botschaft: „Die wichtigste Sache im Leben ist, nie aufzuhören zu fragen.“

Aber, ach, weiter geht´s – immer die Fünfte entlang. Richtung Süden. Bis zur Spitze.

Neues Deutschland

Harte Arbeit, schlecht bezahlt.  Viele Termine, keine Zeit. Ständig auf dem Sprung, völlig ausgebrannt. Wer mithalten will, muss alles geben, sich ständig optimieren. Durchhalten bis zum Umfallen. Deutschland hat sich verändert. Kaum zu glauben: Nur wenige Flecken dieser Erde sind gleichermaßen so wohlhabend wie gereizt, so strebsam wie genervt. Unter Druck heißt das neue Buch von Jana Simon, Autorin bei der Zeit. Die Journalistin hat genau hingeschaut und noch genauer zugehört. Eine Tugend, die selten geworden ist. In einer Zeit, in der jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint.

Sechs Menschen dieses Landes hat Simon porträtiert. Eine Ingenieursfamilie kurz vor dem Burn-Out. Eine coole aber gestresste Influencerin, die täglich neue Selfies-Botschaften aussendet. Ein Investmentbanker, der Terminen und Erfolgen hinterherrennt. Eine Krankenschwester, die trotz harter Arbeit und Überstunden in München obdachlos zu werden droht. Ein Polizist, der zwischen alle Fronten gerät und sich alleine gelassen fühlt. Ein hochgebildeter Biedermann, der als Brandstifter unterwegs ist. Dieser neue Erfolgstyp ist der einzige Prominente: Alexander Gauland, der joviale Vordenker der Aufsteiger-Partei AfD. Ein Krisengewinnler. Ein selbsterklärter Abendland-Retter. Einer, der nicht nur unter Druck steht, sondern auch kräftig Druck macht.

Jana Simon. Foto Mike Minehan.

So unterschiedlich Lebenswege und Erfahrungen sind. Eines eint diese sechs Deutschen. Angst vor der Zukunft. Vor Verlust, Abstieg, Armut, Alter, Krankheit, den Krisen und Kriegen der Welt. Diese aufsteigende Nervosität zieht sich wie ein roter Faden durch die Episoden. Die Porträts beginnen 2013, mit Euro-Krise und Bürger-Krieg in Syrien. Es folgt der Flüchtlingssommer 2015. Alles ändert sich. Das Klima wird rau. Lautstarke Wutbürger, ratlose Eliten. Demokratieverdruss, Fremdenhass und Sehnsucht nach einer starken Hand. „Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich“, beobachtet Jana Simon.

Alle sechs Porträtierten kämpfen mit den Folgen der Globalisierung.  Der Boom schafft eine Menge Gewinner und noch mehr Verlierer. Mieter werden vertrieben, verlieren ihre Heimat. Menschen leben in einer neuen Welt, in der sie sich nicht mehr zurecht finden. Wohlstand für alle?“ Das war einmal das Erfolgsrezept der alten Bundesrepublik. Und: „Leistung lohnt sich.“ Die Frau eines Bosch-Ingenieurs aus dem Stuttgarter Speckgürtel winkt ab: „Wohlstand ist, wenn du Sicherheit hast, ein Haus besitzt, aus dem dich keiner rauswerfen kann.“ Die Familie zahlt ihr teures Reihenhaus ab – bis zur Rente. „Wenn du in dem Moment, wo du krank wirst, alles verlierst, ist das kein Wohlstand.“

Ihre Kinder haben den Familien-Alltag in einer Zeichnung festgehalten. Ganz vorne in der Lokomotive sitzt der Zugführer. Er transportiert viel Geld. – Ist das der Konzern, bei dem der Vater arbeitet? – Dahinter einige Wagen, in denen Menschen mit Sektgläsern Party feiern. Hinter dem Zug rennen Menschen her, die versuchen, aufzuspringen. „Geld, Haus, Wohnung, Ferien, Auto, Rente“, ist in Denkblasen notiert. Darüber ist dreimal geschrieben: „Angst!“ mit Ausrufezeichen. Die hartarbeitenden, gutverdienenden Eltern wollten übrigens ihren richtigen Namen auf keinen Fall in diesem Buch lesen. Wie heißt es so schön beim schwäbischen Vorzeigebetrieb? „Schaffst du bei Bosch, halt dei Gosch!“

Ein wichtiges, einfühlsames und sehr aufschlussreiches Buch. Empfehlenswert. Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert hat. S. Fischer. 2019.

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„Reich aber sexy?“

„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See, Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg“, singt Peter Fox von Seeed. Der Traum vom idealen Heim, von Natur und Freiheit, Gemeinschaft und Geborgenheit. Der Häusle-am-See-Song ist genau elf Jahre alt. Genau solange ist ein Mann am Ruder, dessen Wirken in Berlin Aufregung, Staunen wie Unbehagen auslöst: Michael Zahn, Jahrgang 1963, Diplom-Volkswirt aus Freiburg. Der Super-Mann des Konzerns Deutsche Wohnen.

In Zeiten, in denen selbst ein Wohnwagenplatz 600 Euro kostet, soll sein Unternehmen nun volkseigen werden. Mietdämpfung durch Enteignung. Das sieht ein Bürgerbegehren vor. Im Visier ein Immobilienkonzern, der zwei riesige Wohnbaugenossenschaften übernommen hat: erst die Gehag, 2013 die GSW. Mittlerweile verwaltet die einstige Deutsche Bank-Tochter Deutsche Wohnen in Berlin rund 115.600 Wohnungen, alles ehemaliger Senatsbesitz. Die Folge: Preise steigen, Temperaturen fallen. Volkswirt Zahn: „Wir wussten gar nicht, dass die Heizung ausgefallen ist.“ Mieter frieren, weil Reparaturen und Service an Drittfirmen ausgelagert wurden.

Wer ist Michael Zahn? Auf der Website heißt es: „Der Chief Executive Officer verantwortet die strategische Ausrichtung der Deutsche Wohnen-Gruppe. Er steuert die Bereiche Strategy, Asset Management, M&A/Disposals, Corporate Communication, Procurement & Strategic Participations, Human Resources, Marketing und IT.” Alles klar? Über den Mann aus Baden ist nur wenig bekannt. Er liebt und sammelt Kunst, fördert Handball und bevorzugt schnelle Autos. Schwarze Maseratis zum Beispiel. Öffentliche Auftritte behagen ihm weniger. Diskretion ist sein Geschäftsmodell.

Seit der Enteignungsdebatte („Kommt jetzt die DDR zurück?“) steht der Wohnungs-Chef unter Druck. Er reagiert mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits betont er: „Wir haben teilweise zu wenig mit den Mietern und mit der Öffentlichkeit gesprochen und zu wenig über die positiven Aspekte unserer Arbeit berichtet.“ Andererseits gibt er sich kämpferisch: „Wir lassen uns nicht enteignen und wir werden nicht enteignet.“ Die Emotionen kochen hoch. Berlin brummt, zittert, wettert, stöhnt und streitet. Die Nation schaut zu.

Berlin-Mitte. Dorotheen- Ecke Schadowstraße. Überall wird abgerissen, neu gebaut. Eine Stadt im Boom. Jeder Quadratmeter ist umkämpft.

Der Berlin-Boom hat Michael Zahn nach oben katapultiert. Der Vorstandsvorsitzende konnte innerhalb von wenigen Jahren sein Gehalt nahezu verdoppeln. Derzeit liegt seine Vergütung bei geschätzten 4.4 Millionen Euro im Jahr. Damit verdient der Herr der Deutsche Wohnen mehr als zehnmal so viel wie die Bundeskanzlerin. Sie kommt unterm Strich auf rund 300.000 Euro brutto pro Jahr. Deutschland hat sich verändert.

Dieser Wandel geschieht ganz legal. Folge der Liberalisierung auf dem Wohnungsmarkt. Der eine zahlt (immer mehr) Miete, der andere wird reich. Zahn ist seinen Aktionären und nicht den Mietern verpflichtet. Er kümmert sich um Börsenkurse, nicht um das Gemeinwohl. Das ist Angela Merkels Aufgabe. Verrückte Welt? Viele Menschen verbringen derzeit schlaflose Nächte. Sie wissen nicht, ob sie bleiben können. Oder wenn ja, wie sie die nächste „energetische Modernisierung“ sprich: Erhöhung bezahlen sollen.

https://youtu.be/kJen73982SE
Ich suche neues Land
Mit unbekannten Straßen,
Fremde Gesichtern und keiner kennt meinen Namen!
Alles gewinnen beim Spiel mit gezinkten Karten.
Alles verlieren, Gott hat einen harten linken Haken.
Ich grabe Schätze aus im Schnee und Sand.
Und Frauen rauben mir jeden Verstand!
Doch irgendwann werd ich vom Glück verfolgt, hmm
Und komm zurück mit beiden Taschen voll Gold.
Ich lad‘ die alten Vögel und Verwandten ein, ou
Und alle fangen vor Freude an zu weinen.
Wir grillen, die Mamas kochen und wir saufen Schnaps.
Und feiern eine Woche jede Nacht.

Peter Fox. 2008

Für alle anderen geht es munter und fröhlich weiter: Auf zur nächsten Party. Berlin ist nun reich und sexy für alle, die es sich leisten können. Die Hauptstadt hat sich verändert. Schon vor zehn Jahren zelebrierte Peter Fox seinen Traum, ein Haus am See: „Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön, alle kommen vorbei, ich brauch nicht mehr rauszugehen.“