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Donna, donna

Wer kennt es nicht – dieses Lied mit der einprägsamen Melodie? Donna, donna wird oft gespielt und gemeinsam gesungen. Abends am See, mit Freunden, wenn das Feuer knistert und die Hitze des Tages weicht. Manche meinen, es sei von Donovan, andere bestehen darauf, es sei von Joan Baez. Alle haben nicht ganz recht. Das Lied ging in den Sechzigern um die Welt. Doch der Song hat tiefere Wurzeln.

1941 entstand „Donna, Donna“. Das jiddisches Lied erzählt von einem Kälbchen, das hilflos ist und sich nicht wehren kann. Es wird zur Schlachtbank geführt. Es träumt davon, eine Schwalbe zu sein, die ihr Schicksal selbst bestimmen kann. Das Lied war eine stille und trotzig-verzweifelte Antwort auf die Verbrechen der Nazis. Es stammt von den jüdischen Künstlern Aaron Zeitlin (Text) und Sholom Secunda  (Melodie). Aber erst Joan Baez  machte dieses Lied Anfang der sechziger Jahre weltberühmt – als wirkungsvollen, oft gesungenen Protestsong.

 

 

DAS KÄLBCHEN (deutsche Übersetzung)

Auf dem Wagen liegt ein Kälbchen,
liegt da, gefesselt mit einem Strick.
Hoch im Himmel fliegt ein Vogel,
fliegt und flitzt hin und zurück.

Da lacht der Wind im Kornfeld,
lacht und lacht und lacht,
lacht den ganzen Tag über
und noch die halbe Nacht.

Das Kälbchen schreit, der Bauer sagt:
„Wer hat dich geheißen, ein Kalb zu sein??
Du hättest doch auch ein Vogel werden können!
Du hättest doch auch eine Schwalbe werden können!“

Die armen Kälblein – sie werden gefesselt
und geschleift und geschlachtet. –
Wer Flügel hat, fliegt aufwärts,
macht sich bei keinem zum Knecht!

 

 

Im Mai 1989 sang Joan Baez dieses Lied zum ersten Mal in Prag. Zu diesem Zeitpunkt herrschte die Kommunistische Partei noch uneingeschränkt. Die Folksängerin bat Vaclav Havel auf die Bühne. Der verbannte Dissident wurde frenetisch begrüßt. Demonstranten wie Polizisten verstanden sofort die Symbolik. Daraufhin drehten die Behörden den Ton ab. Die viertausend Besucher sangen das Lied mit Joan Baez einfach weiter.

So entstand ein magischer Moment. Lieder können den Lauf der Welt sehr wohl beeinflussen. Donna, Donna wurde zur Hymne der Samtenen Revolution in der CSSR. Damit schloss sich ein Kreis. Vor genau fünfzig Jahren, im August 1968, hatten sowjetische Panzer den Prager Frühling niedergewalzt. 21 Jahre später zeigte ihnen das Lied den Weg in eine neue Zukunft. Ohne Willkür und Rechtlosigkeit. Ohne Strick um den Hals.

Joan Baez ist übrigens in diesen Tagen auf Europa-Tournee. Unter anderem in Wien, Halle, Berlin, Ludwigsburg, Schwetzingen und Köln.

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Was für ein Blick

Der Rand der Welt ist interessant, nicht die Mitte. Davon war die Ost-Berliner Fotografin Sibylle Bergemann zeitlebens überzeugt. Sie beobachtete den Wandel der Jahreszeiten, Menschen und Systeme. Niemand schaute so genau hin wie sie. Ihre Aufnahmen sind Dokumente feiner, fliehender, flüchtiger Momente. Meist beiläufig, stets unaufgeregt, gleichwohl sorgfältig und präzise. So hielt sie das Besondere im Banalen fest. Bilder zum Entdecken. Mit einem Augenzwinkern oder einem Aha-Effekt. Jetzt erinnert die große Ausstellung „Landläufig“ im Kurt-Mühlenhaupt-Museum in Bergsdorf bei Berlin an die vor acht Jahren verstorbene Künstlerin.

 

Sibylle Bergemann. Hochzeit. Teschendorf 6. November 1971. Der andere Blick.

 

Sibylle Bergemann (1941-2010) sagte einmal: „Der Wandel hat die bekannten Zeichen vielleicht verwischt, aber nicht unkenntlich gemacht.“ Landläufig beschreibt die großen Veränderungen seit dem Mauerfall am Beispiel einfacher Menschen und kleiner Alltagssituationen. Die Fotografin hatte bereits Ende der siebziger Jahre an den Wochenenden Berlin gegen das Land eingetauscht. Eine Pionierin. Heutzutage pendeln Zehntausende am Freitagnachmittag zu ihren Zeitwohnsitzen, bewohnen aufgehübschte Bauernhöfe und edelsanierte Ställe.

 

Sibylle Bergemann. Jana. Margaretenhof. 1983

 

Bergemanns Sehnsuchtsort war das heruntergekommene Schloss Hoppenrade. Der traditionsreiche Landsitz ist nicht weit entfernt vom heutigen Ausstellungsort in Bergsdorf. In dieses kleine Dorf bei Zehdenick hatte sich der West-Berliner Maler und Bildhauer Kurt Mühlenhaupt nach der Wende aufgemacht. Beide Künstler einte der Wunsch nach Ruhe und Rückzug. In der märkischen Sandbüchse gelangen Bergemann einige ihrer bekanntesten Fotografien. Aber der Wechsel aufs Land war nicht nur stille Kontemplation: „Oft enden hier die Tage nach der Arbeit zwar in ausschweifenden Festen, die Fotografie bleibt dabei aber immer im Mittelpunkt“, deutet der Ausstellungstext dezent an.

 

Sibylle Bergemann. Kirsten, Hoppenrade 1975.

 

So sind nicht nur die Bilder Sibylle Bergmanns in der stilvoll sanierten Feldsteinscheune zu empfehlen. Das Kurt Mühlenhaupt Museum selbst ist einen Besuch wert. Es lockt ein Mix aus Kunst aller Art mit Bildern, Grafiken, Werkstatt und Skulpturen, Angereichert mit dem Duft von Esel, Heu und Hängebauchschwein. Eine entspannte Kombination aus Natur, Landleben und anregender Kunst. Im Café gibt es selbstgebackenen Kuchen. Manchmal wird im Hof ein Wildschwein gegrillt. Die unvergleichliche Atmosphäre ist das Verdienst von Gastgeberin Hannelore Mühlenhaupt, der Witwe des Künstlers. Besuchen Sie das Museum. Wer weiß, wie sich die Welt an den Rändern weiter wandelt?

 

Sibylle Bergemann. Selbstporträt.

 

Landläufig. Fotografien von Sibylle Bergemann. Bergsdorfer Dorfstraße 1 in Zehdenick. Ortsteil Bergsdorf. Nur am Wochenende von 13 bis 18 Uhr und nach tel. Vereinbarung geöffnet. Bis 9. September 2018.

 

Sibylle Bergemann. Barbara Paz. Sao Paulo 2001.

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Mein Freund der Baum

Der kräftige Ahorn-Baum vor unserem Haus wankte, dann krachte er auf das Auto unserer Nachbarin. Ihr kleiner Sportflitzer war platt. Sie hatte Glück. Zwanzig Minuten zuvor war sie ausgestiegen. Das war im letzten Herbst als der Orkan Xavier über Berlin hinwegfegte. Die Feuerwehr zerlegte den Baum. Zurück blieb ein hässlicher Stumpf, aufgerissenes Pflaster und eine Lücke. Diese wird wohl lange bleiben.

 

 

Seit dem Orkan passierte neun Monate – eine ganze Schwangerschaft lang – nichts mehr. Außer einer rot-weißen Flatterleine, die notdürftig gespannt wurde. Der Berliner Amtsschimmel ruhte. Ende Juni 2018 ein kleines Wunder. Zwei freundliche Mitarbeiter einer Gartenbaufirma gruben das Wurzelwerk aus und transportierten den traurigen Rest ab. Auf unsere Frage, ob nun ein neuer Baum gepflanzt werde, lächelten sie nur. Sie sprachen kein Deutsch.

 

Berlin. 5. Oktober 2017. Sturm Xavier zeigt seine Kräfte. Das Auto unserer Nachbarin ist reif für die Schrottpresse. Unsere Fahrräder im Glück. Foto: Jürgen Ziegenhagen

 

Längst hatten Anwohner und Nachbarn überlegt, was zu tun sei. In Berlin werden mehr Bäume gefällt als gepflanzt. Über zehntausend Straßenbäume fehlen. Die Verwaltung ist überfordert und unterbesetzt. Unser Ahornbaum war stolze zwanzig Meter hoch, spendete im Sommer Schatten und dämpfte den Großstadtlärm. Der Ahorn, lese ich, hatte schon immer eine große Bedeutung. Die Ruhe, die er ausstrahlt, soll dazu dienen, böse Geister fernzuhalten. Daher ist er noch heute in vielen Gärten zum Schutz vor Eindringlingen zu finden. Zudem ist der Ahorn sehr genügsam, kann sich an widrige Verhältnisse gut anpassen.

Der robuste Ahorn ist eine optimale Berliner Pflanze. Der ideale Straßenbaum für aufgeheizte Großstädte. Ein neuer „kompletter“ Jungbaum kostet um die tausend Euro. Er kann bis zu fünfhundert Jahre alt werden. Also reifte der Entschluss, den Baum einfach zu spenden. Nachdem Bürger dazu aufgefordert wurden, aktiv zu werden, meldeten wir uns bei der Hotline. Doch die Nummern beim Grünflächenamt führten ins Nichts. Sie sind abgeschaltet.

 

Erste Aufräumarbeiten nach dem Orkan.  Foto: Maurizio Gambarini.

 

Wer in Berlin etwas Gutes tun will, darf sich von solchen kleinen Hindernissen nicht aufhalten lassen. Nach vielfachen Versuchen erreichten wir auf einer internen Nummer eine Mitarbeiterin des zuständigen Amtes. „Baumspenden geht nicht mehr“, erklärte sie genervt. „Der Stadtrat hat verfügt, bis Ende 2019 sind Baumpflanzungen nicht mehr möglich. Kein Personal.“ Ende der Durchsage.

Was tun? Der Baum fehlt. Der Wille zur Selbsthilfe ist vorhanden. Also Selbstpflanzen? Das geht nicht im preußischen Berlin. Laut Vorschriften heißt es: „Eine komplette Jungbaumpflanzung in Maßen 18-20 cm Stammumfang, 3mal verpflanzt mit Ballen“ plus „Einbau der Baumsicherung, Dreierbock mit Verlattung, Urinschutz und Stammschutz“ auf öffentlichem Straßenland geht nur auf Veranlassung des Grünflächen- und Tiefbauamtes.

 

Sommer 2018. Ein Quadratmeter Baum-Erwartungsland. Gesichert mit amtlichen Flatterband.

 

Ein Quadratmeter Berliner Baumerwartungsfläche hofft nun auf 2020. Das Jahr, in dem der Flughafen BER an den Start gehen soll und unsere Lücke möglicherweise mit neuem Grün versehen wird. Oder bleibt nur noch das Warten auf ein Wunder? Selbstbestäubung durch die Natur? Wäre möglich aber nicht zulässig. Dann wäre der neue Baum ein Fall für das Ordnungsamt. Das funktioniert noch und verfügt über genügend Personal. Unsere Straße befindet sich in einer gebührenpflichtigen Parkzone. Szenen aus dem Alltag einer Stadt, deren Verwaltung dazu auffordert mit Sandalen in die Arktis zu ziehen. Wer sich kalte Füße holt, ist selber schuld.

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Auf und davon

„Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern!“ Das notierte Rainer Maria Rilke in seinen Briefen. Was für ein Wunsch! Zeitlos bohrend, hoch aktuell. Gestresste Stadtmenschen mit zu hoher Drehzahl suchen Ruhe. Schnell, preisgünstig, nachhaltig. Innere Ruhe ist ein kostbares Gut geworden. Das Landleben verspricht Alternativen: Bäume umarmen, Unkraut jäten, Marmelade einkochen, sein Seelenheil finden. Wirklich?

 

Kunststück Natur. Ein Gemälde von Louis Busman.

 

Der Zug aufs Land ist ungebrochen. Je voller die Ballungszentren werden, desto mehr Städter siedeln auf dem flachen Land. Hübschen verfallene Bauernkaten auf. Organisieren Opern in Kuhställen. Verrenken sich zur Kirschblüte auf Yoga-Matten. Lobpreisen die Stille der Landschaft. So joggen, reiten und radeln sie durch Feld und Flur. Dorfkinder schütteln den Kopf und wenden sich ihrem Smartphone zu. Die Alten träumen von Zeiten, als die Feuerwehr noch Feste feierte und jederzeit zum Löschen ausrücken konnte.

 

„Echte“ Natur als Foto. Eine Momentaufnahme aus dem Juni.

 

Andere auf dem Lande wettern gegen die Dummheit im Kommunismus und die Gier im Kapitalismus. Was bringt die Zukunft? So die bange Frage. Sie fürchten um ihre Heimat. Wollen sie schützen. Einer sagt den schönen Satz: „Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm als ein Wald der wächst.“ Eigentlich sei alles in Ordnung, betont er. Auf den ersten Blick. Aber wer genauer hinschaue, könne die Risse entdecken. Heute denke doch jeder nur noch an sich. Gemeinschaft? Ein Wort aus der Vergangenheit.

 

Windräder. Ikonen der Moderne. Ärgernis der Anwohner.

 

Das Teilzeit-Leben auf dem Lande ist für viele die neue Lebensform. Auf und davon. Raus am Wochenende. Für Zugezogene ist das Dorf eine Mischung aus Ponyhof, Outdoor-Fitnessstudio und Therapiekurs. Für Einheimische ein Schlafort, um sich von den Strapazen des Pendelns zur Arbeit zu erholen. Städter knipsen Sonnenuntergänge und posten sie auf Instagram. Sonntagabend wird die leere Kühltasche wieder im Wagen verstaut. Zurück im Stau. Was bleibt? Im Kofferraum die Sehnsucht nach Heimat und Selbstverwirklichung. Ach, dieser alte Wunsch. „Du musst dein Leben ändern.“ Hat Rilke Recht?

Wer wissen will, wie der Traum vom einfachen Landleben ganze Regionen verändert hat, dem sei ein Hinweis in eigener Sache erlaubt: So viel Anfang war nie erzählt die Geschichte vom Aufbruch eines kleinen märkischen Dorfes in den neunziger Jahren. Es ist die Reise in eine blühende Pionierzeit, in der alles möglich war.

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Frohe Botschaften

Ein kleiner Schaukasten in Berlin-Mitte. Er fällt kaum auf. Die verglaste Mitteilungstafel steht vor einem hohen Zaun, dahinter ein Siebzigerjahre-Betonklotz. In diesem Schaukasten befindet sich eine Art nordkoreanisches Facebook unserer Tage. Zu sehen sind einige Bilder und Texte, die das aktuelle Zeitgeschehen kommentieren.

 

Der Schaukasten. Neues aus der Nordkoreanischen Botschaft.

 

Das offizielle Mitteilungsorgan der nordkoreanischen Botschaft wird in regelmäßigen Abständen aktualisiert. Allerdings lässt man sich dabei Zeit. Im Mittelpunkt des Kastens ist derzeit der Staatsführer. Keine Frage. So heißt es: „Der verehrte Oberste Führer Genosse Kim Jon Un bei der Vor-Ort-Anleitung.“ Alle lächeln, genau wie die behelmten Kinder auf dem Foto nebenan mit der Unterschrift „In einem Sportpark“.

 

Hinter Glas. „Der Verehrte Führer Genosse Kim Jong Un.“

 

Die aktuellen Entwicklungen der letzten Tage werden noch nicht erwähnt. Dabei war über den 34-jährigen Führer Genossen Kim viel Neues zu hören. Der Mann sei „ehrlich und direkt, unterhaltsam und strategisch.“ Schließlich: „Er ist klug, er liebt sein Volk und liebt sein Land.“ Diese Einschätzungen stammen jedoch nicht vom Kulturattaché der nordkoreanischen Botschaft sondern vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Donald Trump stellte fest, das sei eine „großartige Beziehung“.

 

Botschaften aus einer anderen Welt.

 

Werden in diesen unruhigen Zeiten aus alten Feinden neue Freunde? Mag Donald Trump Kim Jong Un mehr als Angela Merkel oder Kanadas Justin Trudeau? Das Treffen der beiden Staatsmänner in Singapur produzierte wahre Perlen politischer Inszenierung. Trump führte Kim ein Vier-Minuten Werbevideo vor. Titel: „Zwei Männer, zwei Führer, ein Schicksal.“

 

 

Wann wird die Hollywood-Botschaft die Schautafel von Nordkoreas diplomatischer Vertretung erreichen? Bisher herrscht Funkstille. Die PR-Spezialisten in Pjöngjang scheinen sich Zeit zu lassen. Wie immer. Obwohl sie wissen, dass die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches mittlerweile länger ist als die eines heutigen Facebook-Nutzers. Egal. Wandel ist möglich. Noch hat es Donald Trump nicht in den Schaukasten geschafft. Jedenfalls nicht in den der nordkoreanischen Botschaft in Berlin.

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Tanz, wenn du kannst

Es waren heiße Tage im September. Ich musste schnell nach Hoyerswerda. Wohin? Hoyerswerda kannte ich nicht. Spätsommer 1991 und weit weg von Berlin. Als wir dort zwei Stunden später eintrafen, herrschte eine brisante Mischung. Ungehemmt tanzten Wutbürger in den Straßen. „Ausländer raus“, schallte es. Im Visier vor allem Mocambikaner, Gastarbeiter in der DDR. Es hieß, sie lebten auf Kosten der Einheimischen.

Fünf Tage Ausnahmezustand. Jagdszenen in Sachsen. Am helllichten Tage. Als wir in der Thomas-Müntzer-Straße für das Heute Journal unsere Kamera auspackten, wurden wir beschimpft. Das Ausländerheim war attackiert und geräumt worden. Busse transportierten die Bewohner ab. Dieser Moment brannte sich mir ein. Wir waren ratlos. Nicht wenige Hoyerswerdaer jubelten. Die meisten schwiegen. Die Polizei schaute weg. Im Rathaus wiegelte man ab.

 

Zum Nachahmen empfohlen. Hilft gegen Wut und Frust.  „Eine Stadt tanzt: Manifest“. Hoyerswerda. Ehem. Centrum-Warenhaus. Juni, 2018. Alle Fotos: Dirk Lienig.

 

Ein Augenzeuge berichtet: „Siebzig haben am Anfang randaliert. Sieben haben sich dagegengestellt. Mehr nicht. Und jetzt kommt eigentlich das Schlimme: 700 – junge Familien mit Kindern – die haben Beifall geklatscht – jetzt schmeißen sie endlich die Nigger raus. Und 70.000 – die haben geschwiegen.“

Hoyerswerda hatte von nun an sein Image. Von diesen Tagen hatte sich das einstige Prestigeprojekt der DDR lange nicht erholt. Die bange Frage: Welches Leitbild, welche Zukunft kann eine solche Stadt entwickeln? Da von der Politik allenfalls ausweichende Antworten kamen, nahm eine Handvoll Kulturenthusiasten das Schicksal in die Hand. Die Geburtsstunde eines bemerkenswerten Projekts: Hoyerswerda tanzt. Am Abgrund. Aber aus eigener Kraft. Und mit eigenem Programm. Das Beste: Niemand redet rein.

 

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Hoyerswerda will und sucht eine Zukunft.

 

Drei Tage lang eroberten in diesem Juni Tänzer, Sänger, Musiker und Schauspieler eine viertausend Quadratmeter leere Kaufhausfläche. Ihr Programm heißt „Manifest“. Sie spielten sich selbst: die Geschichte ihrer Stadt vom Aufstieg aus dem Nichts zu einer 70.000 Einwohner-Industriestadt der DDR. Der Absturz nach der Wende. Die neue Zeit mit Abwanderung, Abriss, Arbeitslosigkeit, Betriebsschließungen und Demontage. Kapitalismus als Abstiegserlebnis, als Rutschbahn nach unten. Mittlerweile zählt die ostsächsische Plattenstadt noch 35.000 Bewohner.

 

„Ihr hört später von uns“. Das Team um Dirk Lienig und Olaf Winkler hat eine ganze Stadt in Bewegung versetzt. Alle Vorstellungen waren ausverkauft.

 

Dagegen wird angetanzt. Was auffiel: Das Lächeln in den Augen der Beteiligten. Die Inszenierung ist ein Mix aus Szenen, Situationen, Theater-Chor- und Tanz-Projekt. Für die gewählte Form von „Manifest“ gibt es keinen wirklich passenden Begriff. Ein Stück weit Dokumentartheater vielleicht. Vor allem aber Lebensfreude und Selbtsbehauptung. Dargeboten von Amateuren. Mit professionellem Ergebnis. Ein kluges, intensives, temporeiches Programm. Siebzig Minuten, die sich lohnen.

 

 

“Zukunft ist ne abgeschossene Kugel“, singen die Hoyerswerdaer aus voller Brust und zitieren ihren Helden Gundi Gundermann. Der „singende Baggerfahrer“ und großartige Rockpoet ist früh verstorben und längst eine Legende.  Ikone einer Region am Rande, die inständig hofft, dass die Kugel endlich einmal ins Ziel trifft. Keine Frage: Wer tanzt, lebt. Im Herbst will Initiator, Tänzer und Filmemacher Dirk Lienig die Botschaft in einem neuen Dokumentarfilm in die Welt hinaustragen. Sie ist so einfach wie genial: Hoyerswerda hat Zukunft.

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Ten years after

Ein Samstagnachmittag. Mitte Juni 2008. Zeit für Experimente. Plötzlich eine Unachtsamkeit. Ein kurzer Moment der Irritation. Es wurde ein Schicksalsschlag. Esbjörn Svensson starb vor genau zehn Jahren bei einem Tauchunfall im Hafen seiner Heimatstadt Stockholm. Die Umstände konnten nie geklärt werden. Besonders tragisch: sein fünfzehnjähriger Sohn Ruben wartete am Hafenbecken, war beim Unglück dabei.

Aus und vorbei. Esbjörn, der begnadete Virtuose, war einfach nicht mehr da. Der Mann, der mit seinem innovativen Spiel Jazz und Rock neu erfand. Dessen Energie bei seinen Live-Auftritten legendär war. Esbjörn Svensson wurde 44 Jahre alt. Nun erinnert ein bisher unveröffentlichtes Live-Album, mitgeschnitten bei einem Konzert in London an den großen Jazz-Pianisten. Es heißt: „Mingle In A Mincing Machine“.

 

 

Frei übersetzt bedeutet das ungefähr in einen Fleischwolf geraten. Björn Svensson liebte Herausforderungen. Grenzüberschreitungen. Experimente. So spielte er sich in die Herzen seiner Fans und entwickelte sich zu einem der ganz großen Jazz-Pianisten des 21. Jahrhunderts. Cool, improvisationsstark, voller Gefühl und Leidenschaft. Mit seinem e.s.t.-Trio – am Bass Dan Berglund und am Schlagzeug Gründungsmitglied Magnus Öström – setzte der Schwede Maßstäbe.

Den besten Einstieg in Svenssons Welt findet man über die beiden Stücke „Seven Days Of Falling“ und „Elevation of Love“. Längst ist dieser Live-Mitschnitt ein Klassiker, in der Version vom Mai 2004, aufgenommen bei den Jazz-Tagen im bayrischen Burghausen.

 

 

Aus Anlass seines zehnten Todestages präsentiert das deutsche Jazz-Label act zudem im Berliner Jazzclub a-trane zum ersten Mal den schwedischen Dokumentarfilm „A Portrait of Esbjörn Svensson“ (OmU, 2016). 12. Juni 2018. Beginn: 21 Uhr. Weitere Abende mit dem Dokumentarfilm gibt es am 14. Juni in München und Erlangen.

Esbjörn Svensson starb am 14. Juni 2008 in Stockholm. Seine Musik aber bleibt unsterblich. Was für ein tröstlicher Gedanke…

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Der König von Korsika

Einmal König sein. Wenn auch nur für eine kurze Zeit? Auf der französischen Ferieninsel Korsika hatte sich der westfälische Baron Theodor von Neuhoff diesen Traum erfüllt.  Seine Herrschaft währte nur kurz. Sie dauerte nicht einmal sieben Monate. Aber der Baron, der sich bereits Lord von England oder Grande von Spanien nannte, hatte einen Plan. Er wollte den Korsen die Unabhängigkeit bringen, versprach die verfluchte Fremdherrschaft der Genuesen abzuschaffen. Das kam gut an.

Wir schreiben das Jahr 1736. Theodor von Neuhoff landet in einem Phantasiekostüm an der korsischen Küste. Von Bord seines Schiffes lässt er einige Kanonen, 400 Gewehre  und Munition entladen. Dazu als weitere, nichtmilitärische Argumentationshilfe Gold, Geld und Getreide. Der umtriebige Theodor erklärt den überraschten Korsen, dies sei nur der Anfang.  Korsika werde frei. Endlich! Er stellt ein Heer auf und befördert einheimische Clan-Chefs in den Adelsstand. Kein schlechter Plan. Aus Dankbarkeit ändert die korsische  Volksversammlung die republikanische Verfassung. Nun ist der Weg frei für den ersten und einzigen König von Korsika. Der Glücksritter und selbsternannte Unabhängigkeitskämpfer besteigt als Theodor der I. den Thron.

 

Theodor von Neuhoff. Erster und einziger König von Korsika. Kupferstich von 1737.

 

Diese Geschichte klingt wie eine Operette. Das Beste daran: Sie ist es auch und bleibt dennoch eine wahre europäische Episode lange vor EU, Brexit und Autonomie-Bewegungen. Wie es damals weiterging? Natürlich  wehrte sich die mächtige Seemacht Genua. Zugleich nahmen die Franzosen die Insel vor ihrer Küste ins Visier. Nach drei erfolglosen Anläufen scheiterten am Ende Theodors Korsika-Pläne. Der Operetten-König musste als Priester verkleidet von der Insel flüchten. Jahre später endete der Luftschloss-Regent im Schuldturm von London. Völlig verarmt starb der einzige deutsche König von Korsika 1756 in der britischen Hauptstadt. Die Republik Genua schließlich verkaufte Korsika 1768 für zwei Millionen Franc an Frankreich.

 

Seit kurzem steht Theodor I. sogar auf einem hohen Sockel in Cervione. Das neue Denkmal ist im Zentrum in der Nähe des kleinen Museums zu finden.

 

Voltaire setzte dem König für sieben Monate ein angemessenes literarisches Denkmal. In Candide lässt er den Baron von Neuhoff aus dem sauerländischen Pungelscheid mit diesen Worten auftreten: „Ich bin Theodor, man hat mich in Korsika zum König gewählt; man nannte mich ‚Eure Majestät‘, und jetzt nennt man mich mit Müh und Not ‚Herr‘. Ich habe Münzen schlagen lassen und besitze nicht einen Heller, ich saß auf einem Thron und habe lange Zeit in London im Gefängnis gelegen, auf einem Strohlager.“

 

Der schwarze Mann mit dem weißen Stirnband – das offizielle Symbol Korsikas seit 1762.

 

 

Der begabte Hochstapler Theodor I. beflaggte sein Landungsschiff übrigens mit dem korsischen Symbol. Der Kurzzeitkönig popularisierte während seiner Regentschaft den mit Stirnband geschmückten Mohrenkopf. Sinnbild für den Kampf gegen Sklaverei und Fremdherrschaft. Das Motiv stammt eigentlich von den Königen von Aragon, die im 15. Jahrhundert mit Genua um Korsika stritten. Theodor hatte also durchaus Weitblick, als er sich mit fremden Federn schmückte. Der korsische Volksheld Pasquale de Paoli bestimmte schließlich 1762 das Symbol zum Staatswappen. Der Kopf mit dem weißen Stirnband ist das Freiheitssymbol Korsikas. Bis heute.

 

 

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Der letzte Vorhang

Vorhang zu. Aus und vorbei. In wenigen Tagen ist Schluss mit zwei Traditionsbühnen auf dem Kudamm. Die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm müssen schließen. Sie weichen einem neuen Shoppingcenter. Das Ende einer hundertjährigen Theatergeschichte. Ein russischer Investor an der Spitze eines verschachtelten Anlegerimperiums errichtet eine Luxusmeile. Einziger Kompromiss nach Protesten und zähen Verhandlungen: Im Keller entsteht ein kleines Ausweichquartier. Der Deal: Die Kosten für die künftig teure Miete soll am Ende der Senat, sprich der Steuerzahler übernehmen.

 

Theater am Kurfürstendamm. Im Mai 2018 ist Finale. Das Haus wird geschlossen.

 

In der Hauptstadt wird derzeit gekauft, verkauft, abgerissen und neugebaut als müsse in wenigen Jahren das neue Rom entstehen. Eine Stadt im Gründerrausch. Besonders die Vorzeigemeile Kurfürstendamm ist im Visier. Alteingesessene Theater, Cafés, kleine Läden und Kinos müssen weichen. Sie können einfach nicht mithalten. Politik und Kulturmanager erklären, sie hätten alles versucht, könnten aber das Theatersterben nicht verhindern. Viele befürchten, jetzt verliert die Stadt ihre Seele.

Rolf Hochhuth, der alte zornige Mann des deutschen Theaters, ist wütend. Über die Abzocke der Investoren aber auch über die Gleichgültigkeit der Verantwortlichen. Er ist den Bühnen am Kudamm eng verbunden. Sein Werk „Stellvertreter“ über das Schweigen des Vatikans in der NS-Zeit feierte genau hier im Februar 1963 Premiere. Erwin Piscator übernahm Regie und das Risiko den jungen Autor Rolf Hochhuth zu präsentieren. Die Inszenierung wurde ein Skandal – und ein Welterfolg.

 

Rolf Hochhuth. Am 20. Februar 1963 feierte sein Stück „Stellvertreter“ in der Inszenierung von Erwin Piscator am Theater am Kurfürstendamm seine Weltpremiere.

 

Für Hochhuth ist das Abräumen eines hundertjährigen Theaterstandorts das Werk von „Barbaren“. Hochhuth wörtlich: „Vor allem wusste auch jeder von der Tradition dieses Hauses. Zwei Juden hatten die Bühnen gebaut und aus eigener Tasche bezahlt. Max Reinhardt und der berühmte Oskar Kaufmann. Es ist genau wie Theodor Fontane es gesagt hat: Die Juden finanzieren die deutsche Kultur, und wir Arier finanzieren den Antisemitismus. Es ist eine Kulturschande ohne Beispiel.“

Über den Deal von Investor und Berliner Senat das „86. Einkaufszentrum in Berlin“ zu genehmigen und als Feigenblatt ein unterirdisches Theater als Erfolg zu verkaufen schüttelt der 87-jährige Hochhuth den Kopf. „Muss Berlin ein Theater in den Keller verlegen? In der prominentesten Straße? Bismarck hat über den Kudamm gesagt: Diesen herrlichen Corso den blöden Berliner Behörden aufzuzwingen, war der härteste Kampf meines Lebens.“

 

Nun schließen zwei traditionsreiche Häuser mit einem treuen Publikum. Kultur weicht Kommerz. Hochhuth schimpft in einem Interview der Berliner Zeitung über „die hündische Unterwürfigkeit der Politik gegenüber dem Großkapital“. Einziger Lichtblick: Der Altmeister des Dramas gewinnt mit dem Kudamm-Plot explosiven Stoff für sein neues Werk. Titel: „Germany, 52. US-Bundesstaat.“ Die Geschichte vom Theatertod soll ein eigenes Kapitel werden. Wir dürfen gespannt sein, wenn es heißt: „Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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Is your fire still burning?

Er ist ein echter 68er. Jedenfalls den Lebensjahren nach. Im Herbst wird er 69. Bruce Frederic Joseph Springsteen. Ist nun Zeit für die verdiente Rocker-Rente? Oder hat die Zitrone noch Saft? Für seine Fans ist die Frage überflüssig wie ein Kropf. In dem Dokumentarstreifen „Springsteen and I“ erzählen Verehrer aus aller Welt in selbstgemachten Videos von ihrer  Beziehung zum „Boss“. Herausgekommen ist ein einziges Bewunderungswerk. Aber die Doku des Briten Baillie Walsh offenbart eine ganze Menge über unsere eigenen Sehnsüchte.

Eine Truckerin betont, seine Songs vermittelten ihr, nicht die Reichen, sondern sie sei die Stütze des Landes. Eine ältere Dänin verfasst flammende Liebesschwüre. Bruce hätte ihr das Gefühl gegeben, er spiele einzig und allein für sie. Ein Malocher aus Manchester bemerkt, seine viel zu langen Live-Konzerte verursachten ein Problem. Er verpasse jedes Mal den Nachtzug nach Hause.

 

 

Der Film zeigt: Bruce Springsteen aus Fairhold, New Jersey ist mehr als ein Musiker. Er ist einer dieser wenigen amerikanischen Legenden, die es noch gibt. Bis heute verkörpert er den hilfsbereiten Nachbarn von nebenan. Einer dieser traurigen Verlierer aus der Vorstadt, der allen Anfechtungen zum Trotz anständig bleibt. So trifft er den Nerv der schweigenden Mehrheit in den USA. Die ist viel zu konservativ um wirklich aufzubegehren, aber geprägt von einer Wut auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Nicht wenige davon haben Trump gewählt. Obwohl Bruce keinen Zweifel lässt, dass er diesen Präsidenten für ein Unglück hält.

Springsteen liefert den Sound einer ganzen Generation. „Born in the USA“ wurde einst zum Wahlkampfschlager der Republikaner bis Springsteen jede Werbung mit seinem Song unterband. Er unterstützte Barack Obama und widmete vor einigen Jahren dem erschossenen Teenager Trayvon Martin den Song „American Skin“. Trayvon war farbig und siebzehn. Der weiße Schütze wurde in Florida freigesprochen.

 

 

Der letzte lebende große Rockstar der USA ist längst Religion. Entweder man liebt ihn abgöttisch oder man hasst ihn abgrundtief. Musikalisch betrachtet ist Bruce Springsteen eher ein Mann der Vergangenheit. Aber nach wie vor kann er das Feuer entfachen. Er verkörpert das Gewissen der Nation. Er versöhnt viele mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums.  Mit Gewalt, Willkür und schreiender Ungerechtigkeit. The fire is still burning. Die Zitrone ist noch nicht ausgepresst.