Flieg mit

„Wenn es dir mies geht, wenn du Hoffnung brauchst, folge diesem Lied“. Olivia Trummer sitzt am Flügel. Zierlich. Konzentriert. Dann legt sie los. Schwingt sich auf. Kontrabass und Schlagzeug steigen ein, geben dem Song Halt und Linie. Sinn und Form. Olivia Trummer präsentiert Lieder aus ihrem Album „Fly now“. Sie gilt als Geheimtipp und großes Talent des Jazz. Jung, neugierig, unaufgeregt. Cool im allerbesten Sinne.

Die 31-jährige Pianistin, die viel jünger aussieht, stammt aus einer Stuttgarter Musikerfamilie. Insgesamt fünf Mal gewann sie den Wettbewerb „Jugend musiziert“. Sie studierte klassisches Klavier an der Musikhochschule Stuttgart, wechselte über den großen Teich nach New York. Sie lernte an der Manhattan School of Music. Ihren Zugang zur Musik charakterisiert sie so: „Meine Beziehung zum Klavier ist nicht einseitig. Von den Tasten kommt etwas zurück. Ich spiele auch deshalb nicht so laut, weil der innere Klang wichtig ist, Ich höre den Ton schon, wenn ich meine Finger auf die Taste lege“.

 

 

In New York verfeinerte sie ihre Lieder. Aus Manhattan brachte sie dieses ganz spezielle Großstadtgefühl mit. Das nervöse Pulsieren zwischen aufkeimender Hoffnung, heller Erwartung und bedrückender Einsamkeit. „Don´t ask love“, suche dein Glück, vielleicht findest du die große Liebe. Am Ende bleibt das ewige Versprechen „All is well“. Es sind diese magischen Momente in Live-Konzerten, in denen das Geheimnis der Musik aus dem Nichts aufblitzt. Ein Blick, ein Ton, ein Akkord, der uns trägt. Manchmal sogar über den Abend hinaus.

Fly Now. Ihr jüngstes Album. Ein Flug mit der Pianistin Olivia Trummer kann zu neuen Ufern führen. Einfach nicht anschnallen. Nur loslassen. Den Alltag vergessen. Dann kann es gelingen.

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Verweile doch

„Das ist absolut cool“, ruft die junge Ausstellungmacherin ihrer Gruppe zu. Sie weist auf einen Grabstein für Graffiti-Kunst hin. Entworfen von einem Vertreter der sprühenden Branche. Ruhe sanft! Von wegen. Aus den Boxen in der Werkstatthalle dröhnen die Bässe. Der Rapper textet kraft seiner Verstärkung: „Baby, deine Augen sind es, die machen mich verrückt!“ Das Publikum wiegt im Rhythmus. Das Wegbier in der Hand. „Welcome to Wandelism“, willkommen zur schnellen Kunst mit Verfallsdatum. In einer stillgelegten Werkstatt ist der Wandel Berlins aus erster Hand zu besichtigen.

 

 

Die Hauptstadt wächst rasant. Überall neuer Beton, Glas und Stein. Wohnpaläste ragen in den Himmel. Die Freiflächen für Kunst und Kreativität schwinden. In einem Autohaus im Westen der Stadt feiert die Pop-Art-Szene ihr Fest. Für wenige Tage. Dann wird der Autohandel abgerissen, macht Platz für exklusives Wohnen im gehobenen Eigentumssegment, wie es heißt. „Den Wandel feiern“ wollen die Künstler. Und der Stadt die Seele erhalten, nach der die Touristen an jedem Wochenende neu suchen.

 

 

„Verweile doch, du bist so schön.“ Kunst als Antwort auf Wandel. Und Angst. Angst vor Verdrängung und steigende Mieten. Es ist der Kampf um die letzten Freiräume für eine Szene, die mit dem rasenden Tempo der Veränderung mithalten will. Mit der Spraydose gegen Gentrifizierung. Hier ist es erlaubt. Erwünscht. Wird gefördert und geduldet. Künstler und Immobilienmacher gehen ein Bündnis ein – auf Zeit.

 

 

Wie rebelliert man? Wie geht eine Revolution in der Kunst? Wenn alles schon gesagt, getan und ausprobiert worden ist? Fragen der blondierten Künstlerin. Sie muss weiter tapfer gegen die wummernden Beats aus den Boxen anschreien. Kunst kann und soll die Augen öffnen, fährt sie fort. Ob die Gruppe noch etwas versteht, geht im Lärm der Rapper unter. „Wir wollen ein Zeichen setzen.“ Also Augen auf: Die Arbeiten sind bunt, schräg, witzig und voller Energie.

 

 

Schaut her, wie wir auf den Wandel reagieren, sagen die Künstler. Nicht alles gefällt. Manches ist plakativ, billig, kopiert. Doch in der Gesamtwirkung überrascht der Ort. Es ist eine Zeitansage an Wände, Decken und in Kellergewölben. Die Austellungsführerin lächelt. Sie droht heiser zu werden. Unverzagt präsentiert sie die flüchtigen Arbeiten im Abrisshaus mit einer Leidenschaft, die ansteckt. Am Ende bleibt nur ein Gedanke: Schade, dass hier bald die Abrissbirne regiert.

 

 

Für nichtkommerzielle Kunst wird es eng. Aber beim nächsten Abriss- und Zwischennutzungsprojekt sind wir dabei, versprechen die Macher. So ist Berlin im Jahre 2018. Nichts ist ewig, alles vergänglich. Das nächste Event steht vor der Tür. Ganz bestimmt. Welcome to Wandelism. Der schnellen Kunst auf Zeit.

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Zuhören

Wäre es möglich ein oder zwei dieser Menschen kennenzulernen? Meine Bitte geht an die Leiterin eines Sprach-Netzwerkes, von dem ich nichts wusste. Roswitha Keicher lacht. Sie ist die Chefin von mehr als 400 Übersetzern und Dolmetschern aus 41 Nationen. Sie nennt sie Mittler. In Heilbronn haben mehr als die Hälfte der Menschen einen Migrationshintergrund. Gebürtige Schwaben sind in der Minderheit. Heilbronn ist eine traditionsreiche und wohlhabende Stadt. In der Industriestadt im Südwesten leben heute 140 Nationen. Ein modernes Babylon.

 

Im Ratssaal von Heilbronn. Alle Fotos: Heinz Kerber.

 

Als wir im Heilbronner Rathaus eintreffen, ist die Überraschung perfekt. Dutzende Menschen versammeln sich. Von Minute zu Minute werden es mehr. Es sind überwiegend Frauen. Die Stimmung ist gelöst. Viele umarmen sich. Sie kommen aus Ägypten oder Togo, Albanien oder dem Iran. Rasch sind es mehr als siebzig Ehrenamtler innerhalb von wenigen Stunden mobilisiert. Sie sind Übersetzer, Welcome-Guides, Elternmultiplikatoren. Was sie verbindet? Sie halten Heilbronn am Laufen. Sie arbeiten in Ämtern, Schulen, Vereinen, Organisationen. Sie sind dort, wo Hilfe gebraucht wird. Ohne sie geht nichts.

 

Ein Teil der 400 Sprach-Mittler von Heilbronn.

 

Integrationsfrau Roswitha Keicher hat Wort gehalten. Heilbronn hat etwas zu bieten, ist Vorreiter. Mit der Ausdauer und dem Fleiß einer schwäbischen Hausfrau organisiert sie seit knapp zehn Jahren das Zusammenleben in ihrer Heimatstadt. Sie schafft es auch, die gute Stube, den großen Ratssaal für das Treffen zu öffnen. Mit so viel Zuspruch hatte niemand gerechnet. So versammeln wir uns vor dem Porträt des Heilbronner Ehrenbürgers und ersten Bundespräsidenten der Nachkriegszeit Theodor Heuss. Im Saal ist eine Stimmung wie auf einer UNO-Vollversammlung in New York. Die Welt ist zu Gast.

 

 

Ich will wissen, ob Integration in einer Multi-Kulti-Stadt wie Heilbronn funktioniert? Die Wünsche der Frauen – die wenigen Männer halten sich eher zurück – sind einfach und kommen aus dem Leben: Anerkennung von Schulabschlüssen, kommunales Wahlrecht oder schlicht weniger Bürokratie bei Aufenthaltsfragen. Das wäre schon eine Menge, sagt eine Russland-Deutsche. Unisono loben die Frauen Heilbronn und die Chancen, die sich bieten. Doch ein wenig mehr Anerkennung, so eine zugewanderte Italienerin, wäre schön. „Wir bereichern mit unserer Kultur ja auch die Stadt.“

 

Mit Roswitha Keicher (links) im Heilbronner Ratssaal.

 

Was ich zum Schluss noch erfahren will: Wer fühlt sich als echte Heilbronnerin oder Heilbronner? Alle Arme gehen hoch. Keine Frage: Diese Menschen wollen sich beteiligen und fühlen sich längst integriert. Roswitha Keicher nickt zufrieden. „Es geht doch, wenn man nur will. Hier ist ein riesiges Potential, welches das Land nutzen kann.“ Nach mehr als einer Stunde Zuhören gehen wir auseinander. Am Ausgang sprechen mich noch zwei Frauen an. Sie sagen, die entscheidende Frage hätte ich nicht gestellt. Ich stutze. „Ja, ob wir verheiratet sind oder nicht!“ – Sie lachen fröhlich und verschwinden im Getümmel ihrer Kollegenschar.

 

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Bezahlt wird nicht

Der Durchschnittspreis für eine reguläre Theaterkarte liegt in Deutschland derzeit zwischen 30 und 35 Euro. Die Häuser sind hochsubventioniert. Alles hat seinen Preis. Für Normalverdiener sind Tickets in der Regel bezahlbar. Für immer mehr Menschen jedoch nicht. Sie bleiben draußen vor der Tür. Für sie wird ein Konzert-, Opern- oder Theatererlebnis zum Luxus. Nun hilft eine Einrichtung, die größte Not zu lindern: Die Kultur-Tafel. Richtig gelesen. Auch Kultur kann ein Lebensmittel sein. Kultur kann verschenkt werden.

Kulturtafeln gibt es mittlerweile in über sechzig deutschen Städten. Marburg war 2010 der Vorreiter.  In der Uni-Stadt als Kulturloge gegründet, funktioniert die Vermittlung wie die Lebensmittelhilfe. Theater, Konzert- und Opernhäuser stellen kostenlos nicht verkaufte Karten zur Verfügung.  Die jeweilige Tafel vor Ort vermittelt sie an Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten können. Ein einfaches Prinzip. Für einen immer größer werdenden Nutzerkreis bedeutet die Kulturtafel eine echte Chance, wieder am Leben teilnehmen zu können.

 

 

 

Die Lübecker Kultur-Tafel zum Beispiel ist seit knapp einem Jahr ehrenamtlich aktiv. Sie hat über dreitausend Tickets vermittelt und äußerst positive Erfahrungen gesammelt. Die Arbeit zeigt, dass von einer (kostenlosen) Tafelrunde der Kultur alle profitieren können. Ensembles, die sich über volle Vorstellungen freuen und ein Publikum, das selten gewordene Gaben verschenkt: Aufmerksamkeit und Dankbarkeit. Kultur kann Herzen wärmen. Mehr geht nicht.

 

 

Hier einige Lübecker Stimmen

 

„Der Abend hat mir so viel gegeben. Ich habe richtig wieder am Leben teilgenommen, davon zehre ich immer noch.“

 

„Es war das allererste Mal überhaupt, dass ich bei einer kulturellen Abendveranstaltung war, dank Ihrer Unterstützung!!!“

 

„Ich habe mich riesig gefreut und war sogar ziemlich aufgeregt, weil es für mich der erste Besuch einer Oper in meinem Leben überhaupt war. Bisher konnte ich mir eine Kulturveranstaltung dieser Kategorie nicht leisten.“

 

„Mein Partner und ich möchten uns herzlichst bei Ihnen bedanken, dass wir durch Ihren Anruf, gestern Abend einen sehr schönen Abend erleben durften. Das Theaterstück ist ein sehr schönes Stück, wobei man für 2 Stunden wirklich alle Sorgen, Ängste usw. vergessen kann. Dass uns, die wir jeden Cent mindestens einmal umdrehen müssen, diese Karten ermöglicht wurden, ist ganz toll.“

 

„Man schämt sich so. Ich möchte so gerne mal einen unbeschwerten Abend haben, aber ohne mich zu outen. Dass die Kultur-Tafel dies möglich macht, ist wirklich toll. Endlich komme ich mal wieder raus!“

 

Kultur-Tafeln gibt es mittlerweile in sechzig deutschen Städten. Eine einfache, aber geniale Idee. Auch Kultur ist ein Lebensmittel.

Über richtiges Verhalten bei Weltuntergang

Atomschlag. Armageddon. Flüchtlingsströme. Börsenkrach. Schuldenkrise. Klimakollaps. Jüngstes Gericht. Egal, wie dickhäutig oder zartbesaitet der moderne Zeitgenosse ist: Der nächste Weltuntergang steht offenbar vor der Tür. Aber wann genau? Und wo? Wen trifft es? Welche Musik hört man dazu? Wie bereitet man sich vor? Kann man sich schützen? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, abgekürzt BBK, empfiehlt offiziell und mit aller Dringlichkeit, Vorsorge zu treffen. Jetzt. Sofort. Ohne Ausreden.

Wie wäre es mit einem Notkoffer? Ein Journalist der seriösen Zeit hat sich seine Überlebens-Kiste für alle Fälle schon gepackt. Was kommt rein? Ein Radio, empfiehlt er, das mit Batterie, Kurbel oder Solarzelle betrieben werden kann. Natürlich Kerzen, Decken, Reservebatterien. Dazu Konserven und einen Gaskocher. Ferner Erster-Hilfe-Kasten, Schmerzmittel, Antibiotika, Brandsalbe und Desinfektionsmittel. Ganz wichtig ist Wasser in ausreichender Menge. Am besten bei Alarm sofort die Badewanne volllaufen lassen, rät das BBK. Das ergebe rund 120 Liter Reserve. Denn die Pumpen, die frisches Wasser aus der Leitung garantieren, fallen nach einem Stromausfall ziemlich schnell aus.

 

Ab in den Bunker?

 

Ein Krisenszenario für durchgeknallte Weltverschwörungsfreunde? Oder für Reichsbürger, die sich für den Endkampf wappnen wollen? Der Zeitreporter wehrt alle Einwände ab. Er sagt, er wisse, dass ein Atomschlag nicht zu überleben sei, aber unterhalb dieser Schwelle gebe es Szenarien, die weitaus wahrscheinlicher seien. Ein manipulierter Stromausfall beispielsweise reiche aus. Nichts funktioniere mehr. Kein Internet, kein Nahverkehr, kein Krankenhaus. Ein Leben ohne funktionierende Ampeln, Kühlschränke und Notrufsysteme sei alles – nur nicht sicher. Flucht sinnlos.

Das BBK, die Behörde der amtlichen Katastrophenschützer, geht im Krisenfall von neunzig Prozent gesetzestreuen Bürgern aus. Die restlichen zehn Prozent würden sich über alle Gesetze stellen und das Faustrecht bevorzugen. Das Leben auf Straßen, Plätzen und Bahnen würde folglich äußerst ungemütlich werden. Also zuhause bleiben. Im Keller. Mit Familie, Freunden, Nachbarn. In unserem Berliner Mietshaus existieren übrigens noch die Türen vom alten Luftschutzbunker von 1945. Sie ächzen und quietschen erbärmlich, wenn sie bewegt werden.

 

 

Solche verstörenden Gedanken will ich lieber abschütteln wie eine lästige Mücke an einem lauen Sommerabend. Krise ist ein produktiver Zustand, sagt Max Frisch. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Was tun? Notkoffer packen oder es besser sein lassen? Der Zeit-Reporter hält seine Vorsorge-Kiste nicht für ängstlich, sondern für vernünftig. Sind die Zeiten reif um Karl Kraus wieder aus dem Regal zu holen? Seine „Letzten Tage der Menschheit“ veröffentlichte er 1918, vor genau einhundert Jahren. Bei dem Wiener Satiriker Kraus heißt es dann: „Das Leben geht weiter! – Als es erlaubt ist.“

Bedingungsloses Höchsteinkommen?

Geld macht glücklich. Aber gibt es noch ein paar Dinge mehr im Leben? – Zum Beispiel die Carnegie-Hall in New York. Ein Konzertsaal der Extraklasse. Gestiftet von einem knorrigen Mitmenschen, der viel Geld und obendrein ein zündende Idee hatte. Er beschloss sein Vermögen mit anderen zu teilen. Sein Name: Andrew Carnegie. Sohn eines Webers. Schotte aus ärmlichen Verhältnissen. Er wanderte 1848 in die USA aus und wurde dort zum reichsten Mann seiner Zeit.

Sein Vermögen machte er mit Stahl. In der Region Pittsburgh, heute Stammland der treuesten Trump-Wähler. Dort betrieb er mehrere hochrentable Werke. Der Eisenbahnbau ließ ihn unvorstellbar reich werden. Im Alter von 64 Jahren setzte sich der Stahl-Tycoon zur Ruhe. 1889 veröffentlichte er sein Vermächtnis, das „Evangelium des Reichtums“. Dort heißt es: „Wer reich stirbt, stirbt in Schande.“

 

Der amerikanische Traum. Vom Tellerwäscher zum Milliardär. Vom schottischen Armenkind zum US-Stahlbaron. Andrew Carnegie. (1835-1919)

 

Carnegie gründete Hilfsorganisationen für Bergbaukumpel, finanzierte Stiftungen für Friedensarbeit, unterstützte Bibliotheken und soziale Projekte. Seiner schottischen Heimatstadt Dunfermline stiftete er einen Bürgerpark mit Botanischem Garten. Carnegie war der einzige Großunternehmer, der für die American Anti-Imperialist League offen gegen Kolonialkriege eintrat.

Mittlerweile haben sich über Hundert Superreiche in der Initiative „The Giving Pledge“ dazu verpflichtet, mindestens die Hälfte ihres Vermögens an die Allgemeinheit zurückzugeben. Mit dabei: Bill und Melinda Gates, Warren Buffet und als einziger deutscher Milliardär der SAP-Mitbegründer Hasso Plattner. Bekannt geworden als Finanzier des Barberini-Museums in Potsdam. Aber reicht das?

 

Museum Barberini in Potsdam. Stifter ist Hasso Plattner. Seit Januar 2017 geöffnet. Im ersten Jahr kamen 520.000 Besucher.

 

Eine Volksweisheit sagt: Du kannst Dir das beste und exklusivste Bett kaufen. Den ruhigen Schlaf nicht. Weil immer mehr Menschen immer schlechter schlafen, weil steigende Mieten und sinkende Kontostände die Nachtruhe rauben, gilt das bedingungslose Grundeinkommen als das Projekt der Zukunft. Das Versprechen: Tausend Euro für jeden Bürger. Ohne Prüfung, ohne Ansehen der Person. Diese Mindestsicherung, sagen Experten, wird kommen. Die Frage sei nicht mehr ob sondern wann.

 

 

In der Bibel heißt es: „Gott nährt die Spatzen und kleidet die Lilien.“ Für alle werde gesorgt, niemand bleibe zurück. Dieser fromme Wunsch bedarf jedoch zwingend einer irdischen Grundlage. Das wusste der knallharte Geschäftsmann Andrew Carnegie. Deshalb erklärte er in seinem Gospel of Wealth, seinem Evangelium des Reichtums. „Geben ist seliger als nehmen.“ Ein bestechend einfacher Gedanke, der doch so schwer umzusetzen ist.

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Von Hoffnungen und Pleiten

Aurel schlängelt sein Taxi sicher durch den ruppigen Verkehr von Bukarest. Wenn es sein muss, hupt er sich den Weg frei. Der kräftige Mann kennt sich aus. Wir fahren zum Haus der Presse. Ein riesiger Stalin-Bau nach Moskauer Vorbild. Dort soll einmal mein rumänischer Verlag gewesen sein. Aurel ist Anfang vierzig, wir kommen ins Gespräch. „Rumänien ist ganz großer Mist. Schrecklich.“ Er will weg. Warum? Aurel aktiviert seinen kleinen Bildschirm neben dem Taxameter, zeigt Familienfotos.

 

Mit der Dacia-Taxe von Aurel quer durch Bukarest.

 

„Das ist mein Sohn Alexander, sieben Jahre alt“, erklärt er stolz. „Zweite Klasse.“ – Wo ist seine Frau? Seine Miene verdunkelt sich. – „Sie arbeitet in Germania.“ In Meiningen, erfahre ich, in Thüringen. Aurel verständigt sich mit Händen und Füßen. Englisch fällt ihm schwer. Er malt auf seinem Notizblock Wörter, Linien und Bilder, wenn ich ihn nicht verstehe. Seine Frau jobbt in Deutschland. Auch er will nur noch weg. Die Trennung sei nichts für die Familie. Aurel lebt das rumänische Drama. Ein Brain Drain ohne Ende. Über vier Millionen Rumänen haben ihr Land seit dem EU-Beitritt vor zehn Jahren verlassen.

 

„Verrat stirbt nie“. Wie geht es dem rumänischen Verlag? Wer sind die Herausgeber? Hat das Buch Leser gefunden?

 

Aurel zuckt mit den Schultern. „Das Land hat keine Zukunft.“ Taubenzüchten ist sein Hobby. Seine geflügelten Freunde können überall hinfliegen. Nur er nicht. Er kann nur Taxifahren. Wir halten am Haus des Volkes. Auf den Palast ist er stolz. Der „Sohn der Sonne“ – Rumäniens gestürzter Ex-Diktator Ceausescu – hatte den gigantischen Kasten von zwanzigtausend Arbeitern in nur fünf Jahren errichten lassen. Als wir die russische Botschaft passieren, erklärt er: „Putin ist stark. Ein Mann der Vertikalen.“ Aurel malt mit den Händen in seiner kleinen Dacia-Taxe eine gerade Linie von oben nach unten. „Kein hin und her. Er weiß, was er will. Ein Schachspieler, ein Stratege. Kein Clown wie Trump.“ Aurel findet Putin gut, obwohl er die Russen nie mochte.

 

Vorne ein Denkmal für die „Opfer des Kommunismus“. Im Hintergrund das „Haus der Presse“ in Bukarest. Es steht heute weitgehend leer.

 

Ankunft Haus der Presse. 2009 wurde mein Buch Verrat verjährt nicht in Rumänien veröffentlicht. Nun erfahre ich: Seit 2015 ist der Verlag mit dem weltläufigen englischen Namen „House of Guides“ pleite. Im einstigen kommunistischen Verlagshaus residierte er einmal. Der Chef war der bekannte rumänische TV-Moderator Mihai Totulici, sozusagen der Plasberg von Rumänien. Vor einiger Zeit verschwand er spurlos von der Bildfläche. In der rumänischen Variante wurde aus Verrat verjährt nicht der entschieden härtere Titel „Verrat stirbt nie“. Es nutzte offenbar nichts. Wie viele Bücher einen Leser fanden, warum der Verlag in Konkurs ging, werde ich wohl nie erfahren.

 

Kein Verlag mehr. Keine Bücher mehr. Alles pleite. Taxifahrer Aurel hält meine vergebliche Suche in Bukarest mit einem Foto fest.

 

Literatur hat es im heutigen Rumänien schwer. Der Alltag lastet auf den Menschen. Die Krankheit des Landes? Korruption. Ein Krebsgeschwür. Dazu schlecht bezahlte Jobs und steigende Preise. Acht Euro kostet ein Buch, bei fünfhundert Euro liegt der Durchschnittslohn. Taxifahrer Aurel hat die Nase voll. Auch er will die Heimat verlassen. Aber wohin? Einfach losfliegen wie seine Tauben kann er nicht. Eigentlich möchte er sowieso viel lieber zuhause bleiben, deutet er an. Wenn nur seine Frau wieder zurück wäre. Nach zwei Stunden Fahrt durch Bukarest steht der Taxameter bei 47 Lei. Das sind etwas mehr als zehn Euro. Ich gebe ihm zwanzig. Er lächelt freundlich und fragt noch, ob ich in Germania Arbeit für ihn hätte?

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Vorschlag für weiße Wände

„Alleen/Alleen und Blumen/ Blumen/Blumen und Frauen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“ Dieses spanische Gedicht des Bolivianisch-Schweizer Poeten Eugen Gomringer (93) wird getilgt. Die Entscheidung ist gefallen. Das Ende eines monatelangen Kulturkampfes. Ein Kräftemessen, irgendwo zwischen Posse und sehr viel deutscher Prinzipienreiterei. Das Ergebnis: ein postmoderner Bildersturm. Nun werden die Wände übertüncht. Der „Allgemeine Studierendenausschuss“ der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin errang einen Sieg, die Kunst eine Niederlage.

 

Umstrittene Wandpoesie. Das Gedicht von Eugen Gomringer muss weg. Die Entscheidung ist gefallen.

 

Was nun? Kommen nun Gedichte mit Gender-Gerechtigkeit und künstlerischer Korrektheit bis zum letzten Komma? „Sexistische, rassistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert“, heißt es. Die beauftragte Lyrikerin Barbara Köhler ist um ihren Auftrag nicht zu beneiden. Künftig sollen Schichttexte an der Wand der Berliner Hochschule angebracht werden. Gut sicht- und überall lesbar. Politisch korrekt, diskriminierungsfrei und geprüft tugendgerecht. Kunst im Rotationsverfahren. Alle fünf Jahre übermalt.

Was geht da noch? Ich empfehle für einen Schichttext an der Alice-Salomon-Hochschule das Hohelied Salomos. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von zärtlichen, an manchen Stellen hochgradig erotischen Liebesliedern. Es geht um das Suchen und Finden, das Sehnen und gegenseitige Lobpreisen zweier Liebender. Eigentlich um das, was das Leben ausmacht.

 

Egon Tschirch. 1923. Das Hohelied Salomos.Nr. 1

 

Er – Salomo

„Wie schön sind deine Schritte in den Sandalen, / du Edelgeborene! / Das Rund deiner Hüften / ist das Werk eines Künstlers. Dein Schoß ist eine runde Schale, / an Mischwein soll es nicht fehlen! / Dein Leib ist wie ein Weizenhügel / von Lilienblüten umrankt. / Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden.“

 

Sie – Sulamit

„Seine Schenkel sind Säulen von Marmor, / Gegründet auf Sockeln von Gold. /Sein Aussehen ist gleich dem Libanon, Auserkoren gleich den Cedern. / Sein Mund ist voll Süße; / alles ist Wonne an ihm. / Das ist mein Geliebter, / ja, das ist mein Freund, / ihr Töchter Jerusalems.“

 

Egon Tschirch. 1923. Das Hohelied Salomos. Nr. 8.

 

Diese Gedichte mögen mehrere tausend Jahre alt sein. Sie sind in der Kultur Israels, Ägyptens und des Vorderen Orients verankert. Eine Sprache wie ein Gedicht. „Seine Wangen sind wie Balsambeete, darin Gewürzkräuter sprießen.“ Der Verfasser ist unbekannt. Es soll sich um König Salomo handeln. Zu finden im Alten Testament. Eine einzige poetische Entdeckung – das Hohelied Salomos. Zu eindeutig für die Wand?

Kunst. Kommerz. Retter der Welt

Kunst entsteht im Kopf des Betrachters. Wahre, schöne Kunst gehört genau genommen allen. Sie schmückt die Menschheit, erzählt von ihrer Kraft, Kreativität und Leidenschaft. Ein Kulturgut. Doch gute Kunst ist knapp geworden. Nicht nur Immobilien schießen durch die Decke. Bilder sind längst das neue „Wandgold“ der Reichen und Vermögenden. 450,3 Millionen Dollar kostete vor kurzem das Ölbild Salvator Mundi, Retter der Welt. Eine Machtdemonstration. Schaut her, wem die Welt gehört.

Der unbekannte Investor aus der Golfregion ersteigerte das Bild für den neuen Louvre-Ableger in Abu Dhabi. Vor sechzig Jahren war der Salvator exakt für 45 Pfund zu haben, das sind 51 Euro. Das reicht in den angesagten Restaurants der Welt gerade noch für die Vorspeise. Dabei ist weiter ungeklärt, ob das Werk tatsächlich ein echter Leonardo da Vinci ist. Es gibt genügend Experten, die den Retter der Welt seinem Schüler Giovanni Antonio Boltraffio zuordnen. Wiederum andere sprechen gar von einer Fälschung.

 

Hier der ganze Salvator Mundi. 66 auf 44 cm. Öl auf Holz. Bis heute ist nicht zweifelfrei geklärt, ob der Maler wirklich Leonardo da Vinci ist. Das Werk aus der Zeit um 1500 wird ihm zugeschrieben.

 

Egal. Die Kunst-Society ist von der Echtheit überzeugt. Das genügt. Kunst als Wertanlage, als Prestige- und Spekulationsobjekt. Die Folge: Das Angebot an Klassikern ist ähnlich wie bei Luxusapartments in London, Paris oder Berlin knapp geworden. Da steigen die „Fantasien“ der Anleger ins Unermessliche. Der internationale Kunstmarkt läuft heiß. Das Suchtpotential scheint unbegrenzt zu sein. Auktionator Simon de Pury kommentierte trocken: „Kunst sammeln ist die schönste Krankheit der Welt.“

Beim großen Kunst-Shopping liefern sich reiche Öl-Scheichs, US-Investmentbanker und chinesische Aufsteigerkonzerne ein Wettrennen vor allem um bekannte Klassiker der Vor- und Nachkriegsmoderne.

 

Edvard Munch. Der Schrei.

 

Edvard Munchs malte 1892 seinen weltberühmten „Schrei“ in verschiedenen Varianten mit Öl, Tempera und Pastell auf Pappe. Das Werk wurde vor zwanzig Jahren mehrfach gestohlen. In jüngster Zeit erwarb ein amerikanischer Finanzmanager den Schrei für 120 Millionen Dollar.

Paul Cezannes schuf den „Kartenspieler“ zwischen 1892 und 1896. Das Werk von dem gleichfalls mehrere Varianten existieren, gilt als Ikone der klassischen Moderne. Die Herrscherfamilie von Katar hat das Gemälde für 250 Millionen Dollar erworben.

 

Paul Cezanne. Die Kartenspieler.

 

Pablo Picassos „Les femmes d´Algier“ erzielte 2015 einen Verkaufswert von 180 Millionen Dollar. Der „Liegende Akt“ des Italiener Modigliani wechselte im gleichen Jahr für 170 Millionen Dollar den Sammler. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

 

Pablo Picasso. Led Femmes d`Algier.

 

Kunst macht satt. Ein schöner Traum. Besonders für diejenigen, die Kunst herstellen – die Künstler. Einige profitieren vom Boom. Die allermeisten knabbern am Existenzminimum. In Berlin halten sich derzeit rund siebenhundert Galerien. Dazu geschätzt gut 30.000 Künstler. Die große Mehrheit muss sich mit zwanzigtausend Euro im Jahr bescheiden. Das abgelutschte Bild vom „Über-Lebens-Künstler“ ist kein Klischee. Nur mag kaum jemand darüber offen reden.

Eine Zahl wenigstens ist offiziell: Die Berlin Biennale im Sommer 2018 kann exakt drei Millionen Steuermittel ausgeben, um die sich viele hundert Künstler bewerben. Das Motto der Messe der modernen Kunst: „We don´t need another hero“.

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Blick zurück im Zorn?

Eine berechtigte Frage: Hatte die kleine DDR jemals eine echte Chance? War sie nicht vom ersten Tag an eine Totgeburt? Zum Scheitern verurteilt? Aussichtslos im Wettlauf mit dem ganz großen Geld und angetreten gegen alle Gesetzmäßigkeiten von tausenden Jahren Menschheitsgeschichte: Das einzelne Menschenkind strebt eben nach Glück, Wohlstand und dem eigenen Vorteil. Der Ost-Berliner Fotograf Jürgen Hohmuth gibt mit seinen DDR-Bildern überraschende Antworten.

 

Kollwitzstraße, Ecke Belforter Straße, Berlin, 1983. Alle Bilder: Jürgen Hohmuth.

 

Hohmuths Blick zurück in den Alltag stammt aus dem letzten Jahrzehnt der DDR. Es sind die achtziger Jahre, die bleierne Zeit des VEB-Sozialismus. Die Mauer war unüberwindbar geworden, die Menschen hatten sich arrangiert, alle Versprechen waren abgenutzt. Stillstand. Nichts bewegte sich mehr. Nichts wurde wirklich besser. Wer konnte, ging. Trotz sicheren Jobs, billigen Mieten und dem Anspruch auf soziale Rundumversorgung.

 

Berlin, 1982. Für Insider: Der Mann am Steuer ist nicht Sascha Anderson.

 

Seine Schwarz-Weißbilder erzählen von angehaltener Zeit. Von Langeweile und Leere, von Abhängen, Aufgeben und auch von stillem Aufbegehren. Von Warten auf Godot und größtmöglicher Gottverlassenheit. Das Arbeiter- und Bauernparadies aus der Nahdistanz. Hohmuth ist ein sehr genauer Chronist. Er fotografierte auf Kundgebungen und in Betrieben, vor Geschäften und in Wohnzimmern. So dokumentierte er den schleichenden Untergang einer Menschheitsidee. Am Ende blieben Rituale, billige Rhetorik und trügerische Ruhe.

 

Uftrungen, 1987.

 

„Graustufen“ heißt der neue Fotoband. War alles nur grau? Keineswegs. Die DDR konnte sehr anders und zuweilen ganz schön bunt sein. Einzige Voraussetzung: etwaige Vorurteile mussten bei der Einreise abgegeben werden. Dann konnte der unvoreingenommene Bürger-West Menschen kennenlernen, die lachten und weinten, feierten und fröhlich waren, sich anpassten und auflehnten. Mein Eindruck war: Die meisten wurstelten sich durchs Leben. Ist das heute so viel anders?

 

Dessau, 1989.

 

In „Graustufen“ wetzen vierzig bekannte und unbekannte Weggefährten von Jürgen Hohmuth die Feder. Viele liefern teilweise sehr persönliche Bildbetrachtungen, frei von Pathos und nostalgischen Seufzern. Nicht wenige Autoren kommentieren ihre Geschichten mit einem wissenden Lächeln, angereichert mit einer Portion Selbstironie. So wird zwischen zwei Buchdeckeln ein Land wach geküsst, das es nicht mehr gibt. Ein Land mit einem gewaltigen Planüberschuss an Zeit und Leere, aber auch mit Bier, Bratwurst und deftigen Besäufnissen.

 

Jena, Marktplatz, 1988.

 

Der begnadete Schriftsteller Jurek Becker („Jakob der Lügner“) verließ 1977 entnervt das Honecker-Land und erfand im Westen „Liebling Kreuzberg“. Nach der Einheit schrieb er: Je länger die DDR tot ist, desto schöner wird sie. Ironie der Geschichte: Längst wohnen in den alten Werkhallen und Wohnstuben des Berliner Ostens junge, zugezogene Familien und rendite-fixierte Start-Up-Unternehmer. Die DDR ist abgewickelt. Ihr Versprechen nicht. Es bleibt der Traum von einer gerechteren Welt. Wie der Sozialismusversuch der Väter und Mütter einmal aussah, das zeigt dieser Bildband ungeschminkt und präzise – mit Blicken zurück ohne Zorn. Jürgen Hohmuth. Graustufen. Leben in der DDR in Fotografien und Texten. Braus-Verlag.