post image

Bezahlt wird nicht

Der Durchschnittspreis für eine reguläre Theaterkarte liegt in Deutschland derzeit zwischen 30 und 35 Euro. Die Häuser sind hochsubventioniert. Alles hat seinen Preis. Für Normalverdiener sind Tickets in der Regel bezahlbar. Für immer mehr Menschen jedoch nicht. Sie bleiben draußen vor der Tür. Für sie wird ein Konzert-, Opern- oder Theatererlebnis zum Luxus. Nun hilft eine Einrichtung, die größte Not zu lindern: Die Kultur-Tafel. Richtig gelesen. Auch Kultur kann ein Lebensmittel sein. Kultur kann verschenkt werden.

Kulturtafeln gibt es mittlerweile in über sechzig deutschen Städten. Marburg war 2010 der Vorreiter.  In der Uni-Stadt als Kulturloge gegründet, funktioniert die Vermittlung wie die Lebensmittelhilfe. Theater, Konzert- und Opernhäuser stellen kostenlos nicht verkaufte Karten zur Verfügung.  Die jeweilige Tafel vor Ort vermittelt sie an Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten können. Ein einfaches Prinzip. Für einen immer größer werdenden Nutzerkreis bedeutet die Kulturtafel eine echte Chance, wieder am Leben teilnehmen zu können.

 

 

 

Die Lübecker Kultur-Tafel zum Beispiel ist seit knapp einem Jahr ehrenamtlich aktiv. Sie hat über dreitausend Tickets vermittelt und äußerst positive Erfahrungen gesammelt. Die Arbeit zeigt, dass von einer (kostenlosen) Tafelrunde der Kultur alle profitieren können. Ensembles, die sich über volle Vorstellungen freuen und ein Publikum, das selten gewordene Gaben verschenkt: Aufmerksamkeit und Dankbarkeit. Kultur kann Herzen wärmen. Mehr geht nicht.

 

 

Hier einige Lübecker Stimmen

 

„Der Abend hat mir so viel gegeben. Ich habe richtig wieder am Leben teilgenommen, davon zehre ich immer noch.“

 

„Es war das allererste Mal überhaupt, dass ich bei einer kulturellen Abendveranstaltung war, dank Ihrer Unterstützung!!!“

 

„Ich habe mich riesig gefreut und war sogar ziemlich aufgeregt, weil es für mich der erste Besuch einer Oper in meinem Leben überhaupt war. Bisher konnte ich mir eine Kulturveranstaltung dieser Kategorie nicht leisten.“

 

„Mein Partner und ich möchten uns herzlichst bei Ihnen bedanken, dass wir durch Ihren Anruf, gestern Abend einen sehr schönen Abend erleben durften. Das Theaterstück ist ein sehr schönes Stück, wobei man für 2 Stunden wirklich alle Sorgen, Ängste usw. vergessen kann. Dass uns, die wir jeden Cent mindestens einmal umdrehen müssen, diese Karten ermöglicht wurden, ist ganz toll.“

 

„Man schämt sich so. Ich möchte so gerne mal einen unbeschwerten Abend haben, aber ohne mich zu outen. Dass die Kultur-Tafel dies möglich macht, ist wirklich toll. Endlich komme ich mal wieder raus!“

 

Kultur-Tafeln gibt es mittlerweile in sechzig deutschen Städten. Eine einfache, aber geniale Idee. Auch Kultur ist ein Lebensmittel.

Über richtiges Verhalten bei Weltuntergang

Atomschlag. Armageddon. Flüchtlingsströme. Börsenkrach. Schuldenkrise. Klimakollaps. Jüngstes Gericht. Egal, wie dickhäutig oder zartbesaitet der moderne Zeitgenosse ist: Der nächste Weltuntergang steht offenbar vor der Tür. Aber wann genau? Und wo? Wen trifft es? Welche Musik hört man dazu? Wie bereitet man sich vor? Kann man sich schützen? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, abgekürzt BBK, empfiehlt offiziell und mit aller Dringlichkeit, Vorsorge zu treffen. Jetzt. Sofort. Ohne Ausreden.

Wie wäre es mit einem Notkoffer? Ein Journalist der seriösen Zeit hat sich seine Überlebens-Kiste für alle Fälle schon gepackt. Was kommt rein? Ein Radio, empfiehlt er, das mit Batterie, Kurbel oder Solarzelle betrieben werden kann. Natürlich Kerzen, Decken, Reservebatterien. Dazu Konserven und einen Gaskocher. Ferner Erster-Hilfe-Kasten, Schmerzmittel, Antibiotika, Brandsalbe und Desinfektionsmittel. Ganz wichtig ist Wasser in ausreichender Menge. Am besten bei Alarm sofort die Badewanne volllaufen lassen, rät das BBK. Das ergebe rund 120 Liter Reserve. Denn die Pumpen, die frisches Wasser aus der Leitung garantieren, fallen nach einem Stromausfall ziemlich schnell aus.

 

Ab in den Bunker?

 

Ein Krisenszenario für durchgeknallte Weltverschwörungsfreunde? Oder für Reichsbürger, die sich für den Endkampf wappnen wollen? Der Zeitreporter wehrt alle Einwände ab. Er sagt, er wisse, dass ein Atomschlag nicht zu überleben sei, aber unterhalb dieser Schwelle gebe es Szenarien, die weitaus wahrscheinlicher seien. Ein manipulierter Stromausfall beispielsweise reiche aus. Nichts funktioniere mehr. Kein Internet, kein Nahverkehr, kein Krankenhaus. Ein Leben ohne funktionierende Ampeln, Kühlschränke und Notrufsysteme sei alles – nur nicht sicher. Flucht sinnlos.

Das BBK, die Behörde der amtlichen Katastrophenschützer, geht im Krisenfall von neunzig Prozent gesetzestreuen Bürgern aus. Die restlichen zehn Prozent würden sich über alle Gesetze stellen und das Faustrecht bevorzugen. Das Leben auf Straßen, Plätzen und Bahnen würde folglich äußerst ungemütlich werden. Also zuhause bleiben. Im Keller. Mit Familie, Freunden, Nachbarn. In unserem Berliner Mietshaus existieren übrigens noch die Türen vom alten Luftschutzbunker von 1945. Sie ächzen und quietschen erbärmlich, wenn sie bewegt werden.

 

 

Solche verstörenden Gedanken will ich lieber abschütteln wie eine lästige Mücke an einem lauen Sommerabend. Krise ist ein produktiver Zustand, sagt Max Frisch. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Was tun? Notkoffer packen oder es besser sein lassen? Der Zeit-Reporter hält seine Vorsorge-Kiste nicht für ängstlich, sondern für vernünftig. Sind die Zeiten reif um Karl Kraus wieder aus dem Regal zu holen? Seine „Letzten Tage der Menschheit“ veröffentlichte er 1918, vor genau einhundert Jahren. Bei dem Wiener Satiriker Kraus heißt es dann: „Das Leben geht weiter! – Als es erlaubt ist.“

Bedingungsloses Höchsteinkommen?

Geld macht glücklich. Aber gibt es noch ein paar Dinge mehr im Leben? – Zum Beispiel die Carnegie-Hall in New York. Ein Konzertsaal der Extraklasse. Gestiftet von einem knorrigen Mitmenschen, der viel Geld und obendrein ein zündende Idee hatte. Er beschloss sein Vermögen mit anderen zu teilen. Sein Name: Andrew Carnegie. Sohn eines Webers. Schotte aus ärmlichen Verhältnissen. Er wanderte 1848 in die USA aus und wurde dort zum reichsten Mann seiner Zeit.

Sein Vermögen machte er mit Stahl. In der Region Pittsburgh, heute Stammland der treuesten Trump-Wähler. Dort betrieb er mehrere hochrentable Werke. Der Eisenbahnbau ließ ihn unvorstellbar reich werden. Im Alter von 64 Jahren setzte sich der Stahl-Tycoon zur Ruhe. 1889 veröffentlichte er sein Vermächtnis, das „Evangelium des Reichtums“. Dort heißt es: „Wer reich stirbt, stirbt in Schande.“

 

Der amerikanische Traum. Vom Tellerwäscher zum Milliardär. Vom schottischen Armenkind zum US-Stahlbaron. Andrew Carnegie. (1835-1919)

 

Carnegie gründete Hilfsorganisationen für Bergbaukumpel, finanzierte Stiftungen für Friedensarbeit, unterstützte Bibliotheken und soziale Projekte. Seiner schottischen Heimatstadt Dunfermline stiftete er einen Bürgerpark mit Botanischem Garten. Carnegie war der einzige Großunternehmer, der für die American Anti-Imperialist League offen gegen Kolonialkriege eintrat.

Mittlerweile haben sich über Hundert Superreiche in der Initiative „The Giving Pledge“ dazu verpflichtet, mindestens die Hälfte ihres Vermögens an die Allgemeinheit zurückzugeben. Mit dabei: Bill und Melinda Gates, Warren Buffet und als einziger deutscher Milliardär der SAP-Mitbegründer Hasso Plattner. Bekannt geworden als Finanzier des Barberini-Museums in Potsdam. Aber reicht das?

 

Museum Barberini in Potsdam. Stifter ist Hasso Plattner. Seit Januar 2017 geöffnet. Im ersten Jahr kamen 520.000 Besucher.

 

Eine Volksweisheit sagt: Du kannst Dir das beste und exklusivste Bett kaufen. Den ruhigen Schlaf nicht. Weil immer mehr Menschen immer schlechter schlafen, weil steigende Mieten und sinkende Kontostände die Nachtruhe rauben, gilt das bedingungslose Grundeinkommen als das Projekt der Zukunft. Das Versprechen: Tausend Euro für jeden Bürger. Ohne Prüfung, ohne Ansehen der Person. Diese Mindestsicherung, sagen Experten, wird kommen. Die Frage sei nicht mehr ob sondern wann.

 

 

In der Bibel heißt es: „Gott nährt die Spatzen und kleidet die Lilien.“ Für alle werde gesorgt, niemand bleibe zurück. Dieser fromme Wunsch bedarf jedoch zwingend einer irdischen Grundlage. Das wusste der knallharte Geschäftsmann Andrew Carnegie. Deshalb erklärte er in seinem Gospel of Wealth, seinem Evangelium des Reichtums. „Geben ist seliger als nehmen.“ Ein bestechend einfacher Gedanke, der doch so schwer umzusetzen ist.

post image

Von Hoffnungen und Pleiten

Aurel schlängelt sein Taxi sicher durch den ruppigen Verkehr von Bukarest. Wenn es sein muss, hupt er sich den Weg frei. Der kräftige Mann kennt sich aus. Wir fahren zum Haus der Presse. Ein riesiger Stalin-Bau nach Moskauer Vorbild. Dort soll einmal mein rumänischer Verlag gewesen sein. Aurel ist Anfang vierzig, wir kommen ins Gespräch. „Rumänien ist ganz großer Mist. Schrecklich.“ Er will weg. Warum? Aurel aktiviert seinen kleinen Bildschirm neben dem Taxameter, zeigt Familienfotos.

 

Mit der Dacia-Taxe von Aurel quer durch Bukarest.

 

„Das ist mein Sohn Alexander, sieben Jahre alt“, erklärt er stolz. „Zweite Klasse.“ – Wo ist seine Frau? Seine Miene verdunkelt sich. – „Sie arbeitet in Germania.“ In Meiningen, erfahre ich, in Thüringen. Aurel verständigt sich mit Händen und Füßen. Englisch fällt ihm schwer. Er malt auf seinem Notizblock Wörter, Linien und Bilder, wenn ich ihn nicht verstehe. Seine Frau jobbt in Deutschland. Auch er will nur noch weg. Die Trennung sei nichts für die Familie. Aurel lebt das rumänische Drama. Ein Brain Drain ohne Ende. Über vier Millionen Rumänen haben ihr Land seit dem EU-Beitritt vor zehn Jahren verlassen.

 

„Verrat stirbt nie“. Wie geht es dem rumänischen Verlag? Wer sind die Herausgeber? Hat das Buch Leser gefunden?

 

Aurel zuckt mit den Schultern. „Das Land hat keine Zukunft.“ Taubenzüchten ist sein Hobby. Seine geflügelten Freunde können überall hinfliegen. Nur er nicht. Er kann nur Taxifahren. Wir halten am Haus des Volkes. Auf den Palast ist er stolz. Der „Sohn der Sonne“ – Rumäniens gestürzter Ex-Diktator Ceausescu – hatte den gigantischen Kasten von zwanzigtausend Arbeitern in nur fünf Jahren errichten lassen. Als wir die russische Botschaft passieren, erklärt er: „Putin ist stark. Ein Mann der Vertikalen.“ Aurel malt mit den Händen in seiner kleinen Dacia-Taxe eine gerade Linie von oben nach unten. „Kein hin und her. Er weiß, was er will. Ein Schachspieler, ein Stratege. Kein Clown wie Trump.“ Aurel findet Putin gut, obwohl er die Russen nie mochte.

 

Vorne ein Denkmal für die „Opfer des Kommunismus“. Im Hintergrund das „Haus der Presse“ in Bukarest. Es steht heute weitgehend leer.

 

Ankunft Haus der Presse. 2009 wurde mein Buch Verrat verjährt nicht in Rumänien veröffentlicht. Nun erfahre ich: Seit 2015 ist der Verlag mit dem weltläufigen englischen Namen „House of Guides“ pleite. Im einstigen kommunistischen Verlagshaus residierte er einmal. Der Chef war der bekannte rumänische TV-Moderator Mihai Totulici, sozusagen der Plasberg von Rumänien. Vor einiger Zeit verschwand er spurlos von der Bildfläche. In der rumänischen Variante wurde aus Verrat verjährt nicht der entschieden härtere Titel „Verrat stirbt nie“. Es nutzte offenbar nichts. Wie viele Bücher einen Leser fanden, warum der Verlag in Konkurs ging, werde ich wohl nie erfahren.

 

Kein Verlag mehr. Keine Bücher mehr. Alles pleite. Taxifahrer Aurel hält meine vergebliche Suche in Bukarest mit einem Foto fest.

 

Literatur hat es im heutigen Rumänien schwer. Der Alltag lastet auf den Menschen. Die Krankheit des Landes? Korruption. Ein Krebsgeschwür. Dazu schlecht bezahlte Jobs und steigende Preise. Acht Euro kostet ein Buch, bei fünfhundert Euro liegt der Durchschnittslohn. Taxifahrer Aurel hat die Nase voll. Auch er will die Heimat verlassen. Aber wohin? Einfach losfliegen wie seine Tauben kann er nicht. Eigentlich möchte er sowieso viel lieber zuhause bleiben, deutet er an. Wenn nur seine Frau wieder zurück wäre. Nach zwei Stunden Fahrt durch Bukarest steht der Taxameter bei 47 Lei. Das sind etwas mehr als zehn Euro. Ich gebe ihm zwanzig. Er lächelt freundlich und fragt noch, ob ich in Germania Arbeit für ihn hätte?

post image

Vorschlag für weiße Wände

„Alleen/Alleen und Blumen/ Blumen/Blumen und Frauen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“ Dieses spanische Gedicht des Bolivianisch-Schweizer Poeten Eugen Gomringer (93) wird getilgt. Die Entscheidung ist gefallen. Das Ende eines monatelangen Kulturkampfes. Ein Kräftemessen, irgendwo zwischen Posse und sehr viel deutscher Prinzipienreiterei. Das Ergebnis: ein postmoderner Bildersturm. Nun werden die Wände übertüncht. Der „Allgemeine Studierendenausschuss“ der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin errang einen Sieg, die Kunst eine Niederlage.

 

Umstrittene Wandpoesie. Das Gedicht von Eugen Gomringer muss weg. Die Entscheidung ist gefallen.

 

Was nun? Kommen nun Gedichte mit Gender-Gerechtigkeit und künstlerischer Korrektheit bis zum letzten Komma? „Sexistische, rassistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert“, heißt es. Die beauftragte Lyrikerin Barbara Köhler ist um ihren Auftrag nicht zu beneiden. Künftig sollen Schichttexte an der Wand der Berliner Hochschule angebracht werden. Gut sicht- und überall lesbar. Politisch korrekt, diskriminierungsfrei und geprüft tugendgerecht. Kunst im Rotationsverfahren. Alle fünf Jahre übermalt.

Was geht da noch? Ich empfehle für einen Schichttext an der Alice-Salomon-Hochschule das Hohelied Salomos. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von zärtlichen, an manchen Stellen hochgradig erotischen Liebesliedern. Es geht um das Suchen und Finden, das Sehnen und gegenseitige Lobpreisen zweier Liebender. Eigentlich um das, was das Leben ausmacht.

 

Egon Tschirch. 1923. Das Hohelied Salomos.Nr. 1

 

Er – Salomo

„Wie schön sind deine Schritte in den Sandalen, / du Edelgeborene! / Das Rund deiner Hüften / ist das Werk eines Künstlers. Dein Schoß ist eine runde Schale, / an Mischwein soll es nicht fehlen! / Dein Leib ist wie ein Weizenhügel / von Lilienblüten umrankt. / Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden.“

 

Sie – Sulamit

„Seine Schenkel sind Säulen von Marmor, / Gegründet auf Sockeln von Gold. /Sein Aussehen ist gleich dem Libanon, Auserkoren gleich den Cedern. / Sein Mund ist voll Süße; / alles ist Wonne an ihm. / Das ist mein Geliebter, / ja, das ist mein Freund, / ihr Töchter Jerusalems.“

 

Egon Tschirch. 1923. Das Hohelied Salomos. Nr. 8.

 

Diese Gedichte mögen mehrere tausend Jahre alt sein. Sie sind in der Kultur Israels, Ägyptens und des Vorderen Orients verankert. Eine Sprache wie ein Gedicht. „Seine Wangen sind wie Balsambeete, darin Gewürzkräuter sprießen.“ Der Verfasser ist unbekannt. Es soll sich um König Salomo handeln. Zu finden im Alten Testament. Eine einzige poetische Entdeckung – das Hohelied Salomos. Zu eindeutig für die Wand?

Kunst. Kommerz. Retter der Welt

Kunst entsteht im Kopf des Betrachters. Wahre, schöne Kunst gehört genau genommen allen. Sie schmückt die Menschheit, erzählt von ihrer Kraft, Kreativität und Leidenschaft. Ein Kulturgut. Doch gute Kunst ist knapp geworden. Nicht nur Immobilien schießen durch die Decke. Bilder sind längst das neue „Wandgold“ der Reichen und Vermögenden. 450,3 Millionen Dollar kostete vor kurzem das Ölbild Salvator Mundi, Retter der Welt. Eine Machtdemonstration. Schaut her, wem die Welt gehört.

Der unbekannte Investor aus der Golfregion ersteigerte das Bild für den neuen Louvre-Ableger in Abu Dhabi. Vor sechzig Jahren war der Salvator exakt für 45 Pfund zu haben, das sind 51 Euro. Das reicht in den angesagten Restaurants der Welt gerade noch für die Vorspeise. Dabei ist weiter ungeklärt, ob das Werk tatsächlich ein echter Leonardo da Vinci ist. Es gibt genügend Experten, die den Retter der Welt seinem Schüler Giovanni Antonio Boltraffio zuordnen. Wiederum andere sprechen gar von einer Fälschung.

 

Hier der ganze Salvator Mundi. 66 auf 44 cm. Öl auf Holz. Bis heute ist nicht zweifelfrei geklärt, ob der Maler wirklich Leonardo da Vinci ist. Das Werk aus der Zeit um 1500 wird ihm zugeschrieben.

 

Egal. Die Kunst-Society ist von der Echtheit überzeugt. Das genügt. Kunst als Wertanlage, als Prestige- und Spekulationsobjekt. Die Folge: Das Angebot an Klassikern ist ähnlich wie bei Luxusapartments in London, Paris oder Berlin knapp geworden. Da steigen die „Fantasien“ der Anleger ins Unermessliche. Der internationale Kunstmarkt läuft heiß. Das Suchtpotential scheint unbegrenzt zu sein. Auktionator Simon de Pury kommentierte trocken: „Kunst sammeln ist die schönste Krankheit der Welt.“

Beim großen Kunst-Shopping liefern sich reiche Öl-Scheichs, US-Investmentbanker und chinesische Aufsteigerkonzerne ein Wettrennen vor allem um bekannte Klassiker der Vor- und Nachkriegsmoderne.

 

Edvard Munch. Der Schrei.

 

Edvard Munchs malte 1892 seinen weltberühmten „Schrei“ in verschiedenen Varianten mit Öl, Tempera und Pastell auf Pappe. Das Werk wurde vor zwanzig Jahren mehrfach gestohlen. In jüngster Zeit erwarb ein amerikanischer Finanzmanager den Schrei für 120 Millionen Dollar.

Paul Cezannes schuf den „Kartenspieler“ zwischen 1892 und 1896. Das Werk von dem gleichfalls mehrere Varianten existieren, gilt als Ikone der klassischen Moderne. Die Herrscherfamilie von Katar hat das Gemälde für 250 Millionen Dollar erworben.

 

Paul Cezanne. Die Kartenspieler.

 

Pablo Picassos „Les femmes d´Algier“ erzielte 2015 einen Verkaufswert von 180 Millionen Dollar. Der „Liegende Akt“ des Italiener Modigliani wechselte im gleichen Jahr für 170 Millionen Dollar den Sammler. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

 

Pablo Picasso. Led Femmes d`Algier.

 

Kunst macht satt. Ein schöner Traum. Besonders für diejenigen, die Kunst herstellen – die Künstler. Einige profitieren vom Boom. Die allermeisten knabbern am Existenzminimum. In Berlin halten sich derzeit rund siebenhundert Galerien. Dazu geschätzt gut 30.000 Künstler. Die große Mehrheit muss sich mit zwanzigtausend Euro im Jahr bescheiden. Das abgelutschte Bild vom „Über-Lebens-Künstler“ ist kein Klischee. Nur mag kaum jemand darüber offen reden.

Eine Zahl wenigstens ist offiziell: Die Berlin Biennale im Sommer 2018 kann exakt drei Millionen Steuermittel ausgeben, um die sich viele hundert Künstler bewerben. Das Motto der Messe der modernen Kunst: „We don´t need another hero“.

post image

Blick zurück im Zorn?

Eine berechtigte Frage: Hatte die kleine DDR jemals eine echte Chance? War sie nicht vom ersten Tag an eine Totgeburt? Zum Scheitern verurteilt? Aussichtslos im Wettlauf mit dem ganz großen Geld und angetreten gegen alle Gesetzmäßigkeiten von tausenden Jahren Menschheitsgeschichte: Das einzelne Menschenkind strebt eben nach Glück, Wohlstand und dem eigenen Vorteil. Der Ost-Berliner Fotograf Jürgen Hohmuth gibt mit seinen DDR-Bildern überraschende Antworten.

 

Kollwitzstraße, Ecke Belforter Straße, Berlin, 1983. Alle Bilder: Jürgen Hohmuth.

 

Hohmuths Blick zurück in den Alltag stammt aus dem letzten Jahrzehnt der DDR. Es sind die achtziger Jahre, die bleierne Zeit des VEB-Sozialismus. Die Mauer war unüberwindbar geworden, die Menschen hatten sich arrangiert, alle Versprechen waren abgenutzt. Stillstand. Nichts bewegte sich mehr. Nichts wurde wirklich besser. Wer konnte, ging. Trotz sicheren Jobs, billigen Mieten und dem Anspruch auf soziale Rundumversorgung.

 

Berlin, 1982. Für Insider: Der Mann am Steuer ist nicht Sascha Anderson.

 

Seine Schwarz-Weißbilder erzählen von angehaltener Zeit. Von Langeweile und Leere, von Abhängen, Aufgeben und auch von stillem Aufbegehren. Von Warten auf Godot und größtmöglicher Gottverlassenheit. Das Arbeiter- und Bauernparadies aus der Nahdistanz. Hohmuth ist ein sehr genauer Chronist. Er fotografierte auf Kundgebungen und in Betrieben, vor Geschäften und in Wohnzimmern. So dokumentierte er den schleichenden Untergang einer Menschheitsidee. Am Ende blieben Rituale, billige Rhetorik und trügerische Ruhe.

 

Uftrungen, 1987.

 

„Graustufen“ heißt der neue Fotoband. War alles nur grau? Keineswegs. Die DDR konnte sehr anders und zuweilen ganz schön bunt sein. Einzige Voraussetzung: etwaige Vorurteile mussten bei der Einreise abgegeben werden. Dann konnte der unvoreingenommene Bürger-West Menschen kennenlernen, die lachten und weinten, feierten und fröhlich waren, sich anpassten und auflehnten. Mein Eindruck war: Die meisten wurstelten sich durchs Leben. Ist das heute so viel anders?

 

Dessau, 1989.

 

In „Graustufen“ wetzen vierzig bekannte und unbekannte Weggefährten von Jürgen Hohmuth die Feder. Viele liefern teilweise sehr persönliche Bildbetrachtungen, frei von Pathos und nostalgischen Seufzern. Nicht wenige Autoren kommentieren ihre Geschichten mit einem wissenden Lächeln, angereichert mit einer Portion Selbstironie. So wird zwischen zwei Buchdeckeln ein Land wach geküsst, das es nicht mehr gibt. Ein Land mit einem gewaltigen Planüberschuss an Zeit und Leere, aber auch mit Bier, Bratwurst und deftigen Besäufnissen.

 

Jena, Marktplatz, 1988.

 

Der begnadete Schriftsteller Jurek Becker („Jakob der Lügner“) verließ 1977 entnervt das Honecker-Land und erfand im Westen „Liebling Kreuzberg“. Nach der Einheit schrieb er: Je länger die DDR tot ist, desto schöner wird sie. Ironie der Geschichte: Längst wohnen in den alten Werkhallen und Wohnstuben des Berliner Ostens junge, zugezogene Familien und rendite-fixierte Start-Up-Unternehmer. Die DDR ist abgewickelt. Ihr Versprechen nicht. Es bleibt der Traum von einer gerechteren Welt. Wie der Sozialismusversuch der Väter und Mütter einmal aussah, das zeigt dieser Bildband ungeschminkt und präzise – mit Blicken zurück ohne Zorn. Jürgen Hohmuth. Graustufen. Leben in der DDR in Fotografien und Texten. Braus-Verlag.

post image

Wer verdient was?

Das große Tabu. Was verdient die Freundin, der Chef oder die nette Kollegin von der Frühschicht? Tja. Wir wissen, dass Frauen im Schnitt gut zwanzig Prozent weniger verdienen als Männer. Aber wie ist es von gleich zu gleich, sozusagen auf Augenhöhe? Es bleibt in der Regel ein großes Geheimnis. Bloß keinen Neid schüren, wiegeln wortstark die Vertreter von Diskretion ab. Bitte Abstand halten. Leistung muss sich lohnen.

 

Der große Traum. Am Ball sein. Sorglos leben. Bewundert werden.

 

Manchmal erfahren wir von einzelnen Eskapaden. Vor einiger Zeit veröffentlichten Medien dank Football-Leaks Gehälter und Prämien von Mitarbeitern der Fußballbranche Ein Torwarttrainer verdient demnach mehr als der Filialleiter einer Bank. Ein einfacher Ersatzspieler kassiert in einer Saison mehr als der Klempner in seinem ganzen Leben. Ein Spielerberater bezieht für einen einzigen Transfer mehr als einem mittelgroßen Krankenhaus für seine Patienten im ganzen Jahr zur Verfügung stehen.

 

Jeder Ersatzspieler im Profigeschäft verdient mittlerweile mehr als ein Fließenleger in seinem ganzen Leben.

 

Der Brasilianer Neymar erhielt für seinen Wechsel von Barcelona nach Paris St. Germain 222 Mio Euro. Ein Spitzenwert. Bleiben wir im Krankenhaus-Vergleich: Nur wenig mehr kostet ein kompletter Neubau in Frankfurt. Jener Fußball-Gott Neymar verfügt über ein Grundgehalt von drei Millionen im Monat. Ein durchschnittlicher Bundesliga-Spieler wie Lewis Holtby vom Krisenclub HSV verdient laut Football Leaks im Monat 291,666,77 Euro. Die Krankenschwester, die ihn nach einer Verletzung pflegen müsste, darf sich mit 2.350,- Euro brutto zufrieden geben.

 

Eine alte Faustformel. Wer mit den Händen arbeitet, wer hilft oder pflegt, muss sich mit kargen Lohn begnügen.

 

Wer etwas leistet, soll sich etwas leisten können, heißt es. Angela Merkel stehen im Monat 25.900,- Euro zu. Jeder deutsche Sparkassenvorstand verdient deutlich mehr. Spitzenkräfte in Hamburg liegen bei 70.000 Euro, die Sparkasse in Köln zahlt ihrem Chef sogar ein Monatsgehalt von über 90.000. Der Direktor regiert zwar kein Land, ist jedoch wer: der Sparkassen-König von Köln.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Keinen Gott verehren moderne Menschen mehr als den Gott des Geldes. Kaum einer hat so intensiv über diesen Gott nachgedacht wie ein bürgerlicher Gelehrter aus Trier. Hoch gebildet aber ständig klamm. Sein Name: Karl Marx. Im Londoner Exil schrieb er einen seiner Bettelbriefe an Freund Friedrich Engels. Er war Fabrikdirektor aus Manchester: „Seit einer Woche habe ich den angenehmen Punkt erreicht, wo ich aus Mangel an den im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr ausgehe und aus Mangel an Kredit kein Fleisch mehr essen kann. Das ist alles nur Scheiße, aber ich fürchte, dass der Dreck einmal mit Skandal endet.“

 

Geld ist das moderne Opium. Macht es abhängig? Oder frei?

 

Karl Marx wurde vor genau 200 Jahren geboren. Er hinterließ auf 900 Seiten sein Kapital. Drei Jahrzehnte hat er daran herumgedoktert. Immer wieder musste er beim Onkel, so hieß der Pfandleiher im Hause Marx, den Gehrock in Papier und Tinte eintauschen. Nun ist sein Werk UNESCO-Welterbe. Im Mai enthüllt Marx Geburtsstadt Trier ein fünf Meter fünfzig hohes Bronze-Denkmal. Das nötige Kleingeld dafür kommt aus Peking, von seinen chinesischen Fans. „Die Anzahl der Neider bestätigt unsere Fähigkeiten“, würde Oscar Wilde anmerken. Ein später Zeitgenosse von Marx, der gleichfalls in London – der Stadt des großen Geldes – sein Glück suchte … und dort auch fand.

post image

Zufrieden?

Rundum froh und zufrieden? Na? – Wohl kaum. Wer ist das schon? In Bachs kleinem Choral heißt es kurz und bündig: „Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens.“ Der Altmeister vertraute auf irdische Demut und eine höhere Instanz. Die meisten Menschen heutzutage haben andere Götter. Exklusive Clubs, Luxus-Resorts, hochgerüstete PS-Boliden oder andere Ersatz-Götter wie Gurus, Crystal Meth oder das Om-Mantra zur Selbstperfektionierung. Mit Bach ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

 

Baton Rouge. USA. Die 27-jährige Krankenschwester Ieisha Evans stellt sich den Sicherheitskräften entgegen. World Press Photo 2017. 1. Preis in der Kategorie Contemporary Issues. Foto: Jonathan Bachman

 

Wie sieht die Welt Anfang 2018 aus? Hunger, Krankheit und Krieg sind zu Beginn des dritten Jahrtausend nahezu besiegt. Es ist gelungen, diese jahrtausendalten Menschheitsplagen „im Zaum zu halten“. Diese These setzt Yuval Noah Harari dem Medien-Mainstream entgegen, der nervös zwischen Verharmlosung und Übertreibung pendelt. In seinem neuesten Buch Homo Deus beschreibt der israelische Historiker folgenden Trend: Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sterben mehr Menschen, weil sie zu viel essen und nicht weil sie zu wenig haben. 2014 waren mehr als 2.1 Milliarden Menschen übergewichtig, 850 Millionen litten an Unterernährung. 2010 starb rund eine Million Menschen an Hunger, drei Millionen aber an Fettleibigkeit.

 

Menschengier. Das Nashorn muss bezahlen. Hluhluwe Umfolozi Game Reserve, South Africa. World Press Photo 2017. 1. Preis für Naturfotos. „Rhino Wars“ von Brent Stirton, Getty Images for National Geographic Magazine.

 

Terror, Kriege, Kriminalität? Harari kontert: „Coca-Cola ist eine weitaus größere Bedrohung als al-Qaida“ und „Zucker gefährlicher als Schießpulver.“ Die Fakten: Mehr Menschen sterben an Altersschwäche als an ansteckenden Krankheiten. Mehr Menschen begehen Selbstmord als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen zusammen getötet werden. Ob in Afghanistan Syrien oder anderswo. Tschechows Gesetz ist folglich für die meisten Erdenbürger längst außer Kraft gesetzt worden: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, wird es im letzten Akt abgefeuert.

 

Die Welt steht Kopf. Das „Monument“ von Manaf Halbouni. Hommage in Form von drei Bussen an die Menschen von Aleppo, Syrien. Berlin-Brandenburger Tor. 2017.

 

Nach Harari stirbt der Durchschnittsmensch „mit größerer Wahrscheinlichkeit, weil er sich bei MacDonalds vollstopft“ als etwa „durch Dürre, Ebola oder einen Terror-Anschlag “. Die Selbstmordrate sei zudem in wohlhabenden Ländern erheblich höher als in traditionellen Gesellschaften. Was folgt? Die letzten noch nicht erreichten Ziele seien das Streben „nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit“. Google forscht konsequenterweise für das ewige Leben und verspricht in Zukunft den Tod zu besiegen.

Schöne Neue Welt. Der Traum von der Unsterblichkeit. Google Life Sciences macht es möglich und nennt sein Medizinforschungsunternehmen Verily. Hier ein Spot:

 

 

Was bleibt? Eine moderne parodoxe Wohlstandsfalle: Je wohlhabender die Menschen, desto unzufriedener sind sie. Harari: „Es bedurfte nur eines Stückes Brotes, um einem hungernden mittelalterlichen Bauern Freude zu bereiten. Womit aber macht man einem gelangweilten, überbezahlten und übergewichtigen Ingenieur eine Freude?“

An einem Schuppen auf einem abgewrackten Güterbahnhof hat der 87-jährige Berliner Aktionskünstler Ben Wagin ein Schild angenagelt. Dort steht: „Nicht der ist reich, der viel hat, sondern der wenig braucht.“

 

post image

Bäuerin sucht Wohnung

Nennen wir sie Li Si. Wie bei Michael Endes Geschichte von Jim Knopf und Lukas. Li Si ist keine Märchenprinzessin, keine Comicfigur. Sie ist Bäuerin. Aufgewachsen in einer kleinen Hütte mit einfachen Mao-Möbeln. Das ganze Leben Arbeit von früh bis spät. Li Si ist eine von vielen Millionen Chinesen, die gerade ihre Sachen packen. Einige freiwillig, die meisten still und genügsam. Die Partei hat es angeordnet. Die Volksrepublik setzt ihren ehrgeizigen Modernisierungsplan um. Bis 2020 sollen rund Hundert Millionen Bauern Städter werden. Der Plan: Wohlstand durch Urbanisierung.

 

Auf in die Städte. Tanz in den Straßen von Shanghai. Fotos: Chinareise 2015.

 

Ein dreißig Punkte umfassender Nationalplan Pekings sieht vor: Elf Ballungszentren werden auf Reisfeldern aus dem Boden gestampft: mit „hochwertigen Arbeitsplätzen und energieeffizienten Bürogebäuden“ wie es heißt. Das ergibt gigantische Hochsiedlungen und Hochgeschwindigkeitsbahnen. Soweit das Auge reicht. Mittlerweile zählt China bereits über 600 Städte, darunter viele, die Berlin an Einwohnerzahl weit überschreiten. Viele dieser neuen Megastädte waren noch vor wenigen Jahren Dörfer.

 

Das Urbanisierungsprogramm läuft von 2014 bis 2020.

 

Li Si zieht in eines der Entschädigungshäuser. Wenn sie Glück hat, kann sie zusammen mit ihrer Dorfgemeinschaft in einem der sogenannten Kompensationsblocks unterkommen. Das sind Hochhäuser mit 30, 32 oder noch mehr Etagen. Jedes Familienmitglied erhält im Schnitt vierzig bis achtzig Quadratmeter Wohnfläche. Balkon und Zentralheizung statt Kohleofen und Plumpsklo. Die jungen Erfolgreichen machen ihr Glück als Makler, andere versuchen sich mit Start-Ups. Einige Ex-Bauern konnten ihr Land unter der Hand an Funktionäre veräußern. Sie machten das Geschäft ihres Lebens. Sie gehören zu Gewinnern des Urbanisierungsprogramms.

 

Die Jeunesse dorée Chinas bei der Fashion Week in Peking.

 

Vielleicht gelingt Li Si der Sprung in die neue Zeit problemlos. Vielleicht findet sie Anschluss, gelingt ein Neuanfang. Sicher wird sie nicht klagen. Vermutlich schließt sie sich der weit verbreiteten Meinung vieler Neu-Städter an: „Wissen Sie, unsere Wohnung ist sauber, es gibt eine Toilette, es sind keine Moskitos dar und man muss auch nicht auf dem Feld arbeiten.“

 

Shanghai. Posieren für die Hochzeits-Einladungskarte.

 

Der soziale Wandel ist atemberaubend. Innerhalb von wenigen Monaten katapultiert der Fortschritt Menschen wie Li Si in Betonburgen, mitten ins 21. Jahrhundert mit Smartphone, U-Bahnanschluss und Karaoke-Bars. Plötzlich werden Hunde bestaunt oder zu Freunden; früher landeten sie an der Kette oder im Kochtopf. Überall zwischen den Betongiganten pflanzen Bewohner auf kleinen Beeten Süßkartoffeln, Bohnen oder Kohl an. Die Partei duldet diese kleinen Inseln des ländlichen Widerstands.

 

Vormittags treffen sich Frauen zur Gymnastik im Zentrum von Choncqing. Mit rund 30 Millionen Einwohnern derzeit die größte Stadt der Welt.

 

Der Sechs-Jahres Plan ist bald abgeschlossen. Bis 2030 sollen rund eine Milliarde Chinesen in den neuen Riesen-Städten leben. Das wären dann fast 80% aller Einwohner. Die neue Super-Megastadt ist Jing-Jin Ji in der Zentralregion. Dazu gehört Peking. Dort leben später einmal rund 130 Millionen Einwohner. Bäuerin Li Si ist dann Rentner, hat eine zentralbeheizte Wohnung in der 24. Etage. Wenn sie Glück hat, kann sie – sollte mal kein Smog sein – sehr weit auf das neue China schauen. Wie heißt doch ein altes chinesisches Sprichwort? „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Chinas neue Windmühlen heißen Entschädigungshäuser.