Alle meschugge?

Paul Levite ist eine total verkrachte Existenz. Er war Vertreter, Callcenter-Verticker und Drücker für Finanzmodelle. Aber er hat ein unnachahmliches Talent: er kann Menschen besoffen reden. Ein Pfund, mit dem er wuchern will. Denn er hat die Nase „von denen da oben“ gestrichen voll. Er will alles fürs Volk ändern, Karriere machen. So schließt er sich der aufstrebenden rechtspopulistischen Bewegung an. Levite legt einen kometenhaften Aufstieg bis ins Kanzleramt hin.

 

 

Ein Märchen? Eine Seifenoper? Realsatire, reif für die Heute-Show? Ja und doch viel mehr. Die Geschichte von Paul ist einfach meschugge. Sie geht so: Der neue Kanzler ist ein jüdischer Bub aus Offenbach. Talent, Ehrgeiz und unbedingter Machtwille katapultieren ihn an die Spitze der neuen Deutsch-Nationalen Mehrheitspartei (DNMP). Die Populisten koalieren nach einer gewonnenen Bundestagswahl 2019 mit den Linken, genannt – Die Deutschen Realsozialisten (DDR). Gemeinsam jagen die Wutbürger die alte verhasste Elite der Großen Koalition aus dem Amt.

Ausgedacht hat sich diesen Plot Rafael Seligmann. Er ist Politikwissenschaftler und Publizist. Ein Berufs- oder Quotenjude sei er nicht, sagt er gleich. Er beschäftige sich als Autor, Historiker und Chefredakteur mit der Gegenwart. Das treibe ihn um. Natürlich ist die Geschichte vom Aufstieg des jüdischen Kleinbürgers Levite eine bittere Satire auf den heutigen Politbetrieb. Aber undenkbar? Seligmann winkt ab. Vergessen werde, dass Marine Le Pen in Frankreich 34 Prozent der Stimmen erhalten habe. In seinem Roman hätten es die Rechtspopulisten gerade mal auf 27% geschafft. Seligmann: „Die Wirklichkeit ist immer radikaler als das, was die menschliche Fantasie sich ausdenken kann.“

 

Rafael Seligmann. Autor, Historiker, Chefredakteur: „Die Realität überholt längst jede Satire“

 

So führt der ehrgeizige Levite die Rechtspopulisten in den Kampf mit Flüchtlingsströmen und gegen die NATO. Er trommelt für patriotische Gesinnung und deutsche Werte. In seiner Regierungserklärung redet er sich in einen wahren Rausch. Er schafft den Soli ab. (Beifall) Er wettert gegen Islamisten. “Die Scharia mag in Iran Geltung besitzen. In Deutschland greift ausschließlich deutsches Recht.“ Der Beifall explodiert. Er setzt den entscheidenden Punkt: „Wer als Ausländer gegen deutsches Recht verstößt, wird unnachsichtig ausgewiesen werden.“

Das Volk jubelt. Levite ist fest davon überzeugt, dass Menschen privat wie politisch unbelehrbar sind. Macht ist für ihn Lebenssinn. Seine einzige Schwäche ist typisch für einen Machtmenschen wie ihn. Eitelkeit gewinnt allzu schnell über instinktive Vorsicht. Lebensfremd? Von wegen. Seligmann ist eine bitterböse Satire gelungen. Politik ist für Seligmann kein Streichelzoo. Politik ist viel mehr routinierte Heuchelei. In hellen Momenten kann Politik vielleicht „die Kunst des Möglichen“ sein. Bismarck lässt grüßen.

 

Sind alle meschugge? Alltag oder Satire?

 

Sind alle meschugge? Vielleicht, lächelt Seligmann. Übersetzt aus dem Hebräischen bedeutet meschugge leicht verrückt. Warum also nicht? Ein Jude als Kanzler. Dieser redet sich nach oben und besiegt den Antisemitismus mit den Mitteln von Stammtisch und Antiislam-Parolen. Ist das die deutsche Zukunftsvision in Zeiten von Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan?

 

Rafael Seligmann. Deutsch. Meschugge. Transit, 2017.

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Schinkels Burn-Out

Wenn er Bühnenbilder entwarf, fühlte er sich glücklich. Karl Friedrich Schinkel liebte das Theater. Über vierzig Kulissen für Opern und Schauspielstücke stammen aus seiner Feder. Wenn er traumhafte Schlösser, Kathedralen oder Kaufhäuser entwerfen konnte, ruhte er in sich. Vieles blieb Vision, einiges wurde tatsächlich gebaut. Berlin ist voller Schinkel-Spuren. Vom Schauspielhaus am Gendarmenmarkt über das Alte Museum am Lustgarten bis zur Neuen Wache Unter den Linden.

 

Kaufhaus Unter den Linden. 180 Läden. Geplant auf dem heutigen Standort der Staatsbibliothek. Einer von Schinkels modernsten Entwürfe. (1827). Nie realisiert.

 

Die Welt durch zeitlose Schönheit veredeln, das war sein Ziel. Für viele ist der Sohn eines Neuruppiner Pastors der bedeutendste deutsche Architekt. Ein Meister des Klassizismus. Ludwig Mies van der Rohe, der Stararchitekt der deutschen Moderne, Anhänger der Maxime „Weniger ist mehr“, war gleichfalls ein Perfektionist bis ins Detail und ein glühender Verehrer Schinkels.

 

Susanne und Karl Friedrich Schinkel. (um 1807/09)

 

Als Schinkel (1781 – 1841) mit Anfang Fünfzig zum Geheimen Oberbaudirektor von Preußen ernannt wurde, konnte er wie kein anderer Einfluss auf das Baugeschehen nehmen. Er überarbeitete und korrigierte zahllose Entwürfe. Doch das wurde seine Crux. Er war für so ziemlich alles zuständig, von der Entwicklung, Betreuung bis zur Begutachtung repräsentativer Bauten. Sein Aufgabengebiet erstreckte sich von Aachen bis Königsberg. Die ständige Überarbeitung zeigte Spuren. Er litt unter „Brustbeklemmung“ und „heftigem Kopfschmerz“. So musste er Verpflichtungen und Hoffeste absagen. Der König reagierte verärgert. Zumindest genehmigte sein Dienstherr eine „Gehaltszulage“ und Hilfe in der Person eines „Assessors“.

 

 

Als oberster Baumeister machte sich Schinkel in Preußen keineswegs nur Freunde. Im Gegenteil. Die Zahl seiner Feinde wuchs. Einer der prominentesten Gegner war König Friedrich Wilhelm III. Als dieser 1839 bei der Einweihung der Potsdamer Nikolaikirche das neu erbaute Gotteshaus von Schinkel vorzeitig verließ, spottete er über die schlechte Akustik. Man habe nichts verstanden, nicht mal das könne Schinkel ordentlich bewerkstelligen. Er sei einfach ein unfähiger Baumeister.

Das war zwei Jahre vor Schinkels Tod. Zwar erhielt der Architekt eine ganze Reihe preußischer Auszeichnungen. Wirkliche Erfolge blieben jedoch zu Lebzeiten aus. Dabei arbeitete der Oberlandesbaudirektor Tag und Nacht. Er kämpfte mit Bauvorschriften, entwickelte Denkmalschutzvorgaben. Ein Workaholic, der schließlich ausbrannte. Das Reisen wurde lästig. Er starb im Alter von sechzig Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Magische Momente

Eine Koreanerin in Europa. Eine von vielen. Fleißig, wohlerzogen, unscheinbar. Ihr Name: Youn Sun Nah. Die junge Frau soll in Paris französische Literatur studieren. Das wünschen sich die Eltern. Die Tochter aus Seoul pariert und parliert los. Doch vielmehr als die Sprache fasziniert sie das Leben und besonders europäische Musik. Savoir vivre. Nun will sie Klassischen Gesang studieren. Beethoven Chopin und Schubert, gerne auch Brel und Piaf. Der Dozent rät ab. Sie sei zu alt. Sie könne es ja mit Jazz und Chanson versuchen. Ein Glücksfall. Denn die 25-jährige Youn Sun Nah erobert eine Neue Welt – die des Jazz. Unbekümmert, konsequent und voller Energie. Eine Kostprobe aus Havanna 2017.

 

 

Youn Sun Nah ist ein Stimmwunder und längst eine atemberaubende Jazz-Interpretin. Die Sängerin ist in einer koreanischen Musikerfamilie aufgewachsen, die das Schicksal ihres Landes teilt. Der Vater, ein Dirigent, ist in Nordkorea geboren. In Seoul wird sie in neunziger Jahren gefragt, ob sie bei einem Casting für ein Musical mitmachen möchte. Worum es geht, fragt Youn. Um die Linie 1. – Nie gehört! Der weltberühmte Berlin-Klassiker aus dem frisch vereinten Deutschland soll im geteilten Korea zum ersten Mal auf die Bühne gebracht werden. Youn setzt sich als singende Göre durch, erhält die Chance und nutzt sie. Viele Jahre brilliert sie als koreanische Stimme des Berliner Grips-Theaters und rattert mit der Linie 1 in höchsten Tönen durch den Untergrund.

 

 

Mit dem schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius entwickelt sie in den Nullerjahren ihren eigenen Stil. Klassiker des Chansons und des Pops interpretiert sie neu – auf ihre Youn Sun Nah-Art. Frech, frisch und frei von falschen Allüren. Die bescheidene Künstlerin wandelt traumwandlerisch sicher zwischen Genres, Kulturen und Kontinenten. Sie legt innerhalb weniger Jahre mehrere Alben vor, in der sie zu einer der Größen des Jazz reift.

 

 

Auf der Bühne ist sie in ihrem Element. Mittlerweile tourt sie mit einer neuen Band aus den USA. Ihr Titel Momento Magico ist live ein Ereignis der Extraklasse. Ohne Pathos, aber mit viel Präzision, Witz und Tempo. Die Kritik überschlägt sich. Die mittlerweile 47-jährige Echo-Preisträgerin gehöre „zu den besten Sängerinnen unserer Zeit“. Im persönlichen Gespräch wirkt sie immer noch wie eine junge Studentin. Still, höflich, zurückhaltend. Wie ein zerbrechliches Wesen, das seinen Platz auf der Welt noch sucht. Doch sobald sie die Bühne betritt und die Band den Groove vorgibt, dann strafft sich der kleine Körper der Youn Sun Nah und sie wird eine ganz Große. Wie einst Edith Piaf in Paris.

Erzähl mir was

So dramatisch wie im Kino oder Fernsehen vollziehen sich große Veränderungen selten. Im richtigen Leben geschieht es eher beiläufig oder lakonisch. Hoffnungen und Enttäuschungen, Mut und Angst zeigen sich in den kleinen Geschichten. Das ist der wahre Lauf des Lebens.  Im Augenblick des Schreibens ringen Zweifel mit Fragen. Wen soll das interessieren? Habe ich wirklich mit allen Wichtigen gesprochen? Nichts vergessen oder übersehen?

Porträts bedeuten: abwarten, beobachten, herumsitzen, zuhören, wirken lassen. Das Erlebte muss sich allmählich in einem Menschen verdichten. Jede Frage kann zur Zumutung werden. Manchmal bleibt einen Wimpernschlag lang unklar, ob mein Gegenüber wütend hinwirft oder mich innig umarmt. Spannende Menschen haben in ihrem Leben einen Wendepunkt. Ihre Persönlichkeit, ihr Ego, ihr Ich sind oft angegriffen. Sie sind verbittert, ihr Selbstbewusstsein erschüttert. Jedes Porträt stößt an Grenzen. Zum wirklichen Kern eines Menschen vermag niemand vordringen. Es kann stets nur ein Versuch sein.

 

Worum es geht: Weites Land, weite Gedanken?

 

Der Kontakt zu ihren Protagonisten sei wie eine kurze leidenschaftliche Affäre, schreibt die Journalistin Jana Simon. Sehr intensiv, aber danach wollen sich beide Seiten nicht mehr so genau daran erinnern. Die weißrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat einmal ihre Rolle so definiert: „Ich sehe die Menschen mit den Augen der Menschenforscherin, nicht mit denen des Historikers. Ich bestaune die Menschen. Dieser Maßstab hat mich schon immer fasziniert – … der einzelne Mensch. Denn im Grunde passiert alles dort.“

 

Weite Wege, wohin?

 

Die Stimmen einer Zeit oder einer ganzen Generation zu Gehör zu bringen, hat in der Literatur viele Vorbilder. Dylan Thomas ließ seine Heimat Wales in „Unter dem Milchwald“ erklingen. Zwanzig Jahre lang quälte sich der Dichter an diesem Werk. Er beschrieb das Leben in einer kleinen verschlafenen Stadt Er rang buchstäblich um jedes Wort. Dieser hochtalentierte Schriftsteller und unermüdlicher Trinker. Der Milchwald ist ein verrücktes, rätselhaftes und wunderbares Klanggebilde. Ein Mikrokosmos der Träume und Wünsche – mit Bösewichtern, Mitläufern und Engeln.

 

Windräder ohne Zahl. Landschaften ohne Menschen.

 

Dylan ahnte, dass er früh abtreten musste. Sein Leben war intensiv. Alkohol, Tabak, Dichtung, Drogen und Frauen. Stets auf der Überholspur. Dylan wurde gerade einmal 39 Jahre alt. Penibel in seiner Kunst aber schlampig in seinem Alltagsleben. Des Erzählers wichtigster Satz: „Es gibt nur eine Stellung für einen Künstler, ganz gleich wo: aufrecht.“

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Briefe an den Feind

„Schimpfen ist der Stuhlgang der Seele“, notiert die Berliner Autorin Susanne Schädlich. Schimpfen verschafft ein wenig Luft. Mildert den Druck. Hate Speech heißt es heute in den digitalen Netzwerken. Im Kalten Krieg gab es kein Internet, aber „Briefe ohne Unterschrift“. Anonyme Botschaften, verschickt über Tarnadressen, später im Radio verlesen. Immer Freitagabends. Punkt Sieben. Stimmungsberichte aus der Zone, wie die DDR damals noch hieß. Briefe an den Feindsender BBC.

Susanne Schädlich ist tief in alte Archive abgetaucht. Die Journalistin hat in Reading, im Vereinten Königreich wahre Schätze entdeckt und jetzt veröffentlicht. Zehntausende Briefe aus der frühen DDR. Die abgefangene Post hingegen verschwand nach der Wende im Stasi-Unterlagen-Archiv. Allein im Bezirk Rostock hatte der DDR-Geheimdienst 1969 exakt 1.675 Briefe konfisziert. Briefe an die BBC, zumeist von jungen Leuten. Briefe, die nie ankamen jedoch brandgefährlich werden konnten.

 

Einige der Absender schafften es statt ins Radio in eines der Gefängnisse der DDR. So der Schüler Karl-Heinz Borchardt aus Greifswald. Nach dem Einmarsch in Prag will der 17-jährige protestieren. „Ein spontaner Entschluss.“ Borchardt wird ermittelt und festgenommen.  Im März 1971 erhält der Gymnasiast zwei Jahre Haft – wegen versuchter staatsfeindlicher Hetze. Der Vernehmer, ein Leutnant: „Bei den Nazis hätten wir dich schon längst durch den Schornstein gejagt.“

Beispiele aus Briefen, die im Deutschsprachigen Service der BBC verlesen wurden.

  1. „Prima Obst“ berichtet über Dreharbeiten in Ost-Berlin: „In der Nähe der Frankfurter Allee und dem Bersarinplatz ist der Weidenweg. Neulich wurden zum größten Erstaunen der Bewohner viele Kisten mit Obst abgeladen. Äpfel, Apfelsinen, Bananen. So etwas geht ja bei uns sofort von Mund zu Mund. Es waren Attrappen.“
  2. Ein unbekannter DDR-Bürger dichtet. „Nichts uff´n Tisch, nichts uff´n Tella, nichts uff´n Boden, nichts im Kella. Uff de Toilette keen Klosettpapier, lieber Walter Ulbricht wir danken dir.“                                         

 

Die BBC galt im Dritten Reich als Feindsender. Diese Tradition setzte die DDR fort. Wer das Programm hörte, wurde nicht mehr eingesperrt. Aber: Wer Briefe nach London schickte, wurde observiert und in manchen Fällen auch wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Unzählige Briefe kamen nie an.

 

Die BBC veröffentlicht auch Briefe von überzeugten Anhängern der DDR. Oktober 1963 „Werte Herren Meinungsmacher, einem Feind unserer Ordnung muss man eben eins aufs Mundwerk geben, das ist überall üblich, bei uns vielleicht etwas strenger. Wer bei uns arbeitet, der lebt auch anständig. Die, die über die DDR klagen und meckern, die würden auch im Kapitalismus dem Anarchismus frönen oder würden überzeugte Kommunisten sein. Ihre Taktik ist die stille Lüge im großen Stil, die bewusste Volksverdummung.“

 

„Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben.“ Foto: Knaus-Verlag

 

In den siebziger Jahren nehmen Briefe aus der DDR ab. Folge der Entspannungspolitik oder Einsicht, dass die Mauer noch hundert Jahre stehen soll?

1973 klagt ein DDR-Bürger. „Kohlen sind sehr teuer. 400 Mark, die ich verdiene, verbrauche ich alle für Kohlen, wenn ich es warm haben will. Das zieht in der Wohnung wie in einem Affenstall, da haben die Kühe und Schweine der LPG bessere Behausungen.“ Dieser Brief kam nie an. Stasi-Kontrolleure fingen den Brief ab.

Diese Nachricht erreicht die BBC, unterläuft alle Kontrollen. „SOS helft uns: Die sog. „DDR“ bietet uns so viel Freiheit, Demokratie und Hochgefühle an soz. Lebensverhältnissen, dass wir es vorziehen, in den krisengeschüttelten und monopolkap. Westteil unseres Vaterlandes überzusiedeln.“  Andere wiederum beschimpfen die BBC als „Moraltrompeter, Dummquatscher, Lügenstudio“.

 

Susanne Schädlich. Briefe ohne Unterschrift. 2017

 

Im Juli 1974 stellte die BBC Briefe ohne Unterschrift ohne Angaben von Gründen ein. Die Stasi triumphierte. Dann verschwand die stille Post in Archiven. Susanne Schädlich hat eine beeindruckende Auswahl aus 25 Jahren zusammengestellt. Verdienstvoll.

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Wer scheitert, kommt ins Museum

Scheitern als Chance. Ein geflügeltes Wort. Flott dahinfabuliert. Aber wer fällt schon gerne auf den Allerwertesten? Nach allen Anstrengungen, Mühen und Kämpfen. Ein Haus in Helsingborg macht das Scheitern ab sofort museumsreif. Das Museum der Fehler – The Museum of Failure – hat seit Anfang Juni seine Tore geöffnet. Es setzt Fehlern und Irrtümern ein Denkmal. Die Cola mit Kaffeegeschmack. Kugelschreiber – in Pink – nur für Frauen. Ein Brettspiel aus den achtziger Jahren. „Trump, the Game“. Alles Flops, Ladenhüter, Nieten. Umsonst und vergeblich.

 

Das Trump-Spiel. Ein Flop.

 

Museumsdirektor Samuel West hat in seinem schwedischen Museum insgesamt siebzig Exponate ausgewählt. Sein funkelnagelneues Haus ist klein, aber fein. Die einfache aber geniale Idee: „Wenn wir etwas Neues wollen, müssen wir Fehlschläge hinnehmen. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Und dann möchte ich, dass Organisationen besser aus Fehlern lernen, als sie immer nur unter den Teppich zu kehren.“

 

Samuel West. Mastermind des Museums of Failure.

 

Der Museumsdirektor präsentiert ein Parfüm des Motorrad-Herstellers Harley Davidson. Es floppte. Biker lieben mehr den Duft von Schmieröl als teures Parfum. Das kombinierte Handy-Spielgerät „N-Gage“. Eine totale Pleite. Der einstige Innovationsriese Nokia konnte damit seinen Niedergang nicht stoppen. Eine Plastikmaske mit einer eingebauten strombetriebenen Massage, die Frauen schön wie Marylin Monroe erscheinen lassen sollte. Ab in die Tonne.

 

Parfum von Harley Davidson? -Ein einziger Irrtum.

 

Wir sind zum Scheitern verdammt. Patrick Süsskind hat die Lebensgeschichte des Menschen als die Geschichte der Muschel-Verkalkung bezeichnet. Die Muscheln versteinern wie wir Menschen. Franz Kafka kombinierte haarscharf: „Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.“ Winston Churchill setzte noch ein Bonmot obendrauf: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.“

Ob das neue Museum im schwedischen Helsingborg ein Erfolg wird? Direktor Samuel West lächelt vielsagend. Er zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht. Nur eines ist klar: „Wir brauchen sehr viele Besucher, um nicht pleite zu gehen.“ So gilt für sein Projekt die Devise Samuel Becketts. Nicht Warten auf Godot. Sondern: „Immer versuchen, immer scheitern. Wieder versuchen, wieder scheitern. Besser scheitern.“

 

 

Das Museum of Failure in Helsingborg ist eine Reise wert. Täglich geöffnet von 12 – 18 Uhr.

Bissige Welpen

Snarky Puppy. Fusionsjazz vom Feinsten. Ein Tornado aus Texas. Talentschmiede für junge Musiker und Sängerinnen. Snarky Puppy ist ein doppelsinniges Wortspiel. Es kann bissige oder sarkastische Welpen bedeuten. Vom Kopf bis zum Hintern will die Band wirken. Das gelingt ihnen zu einhundert Prozent. Mit starken Bläsersätzen, treibenden Rhythmen und einer optimistisch-fröhlichen Grundhaltung. Tanzbare Musik – für Kopf, Seele und Bauch.

 

 

Das Jazzer-Kollektiv aus den USA ist dem Bassisten und Komponisten Michael League zu verdanken. Aus einer Uni-Garagenband entwickelte der Tüftler Anfang der Nuller-Jahre ein Bigband-Konzept mit ständig wechselnden Musikern, Sängerinnen und Sängern. Mindestens vierzig Musiker gaben Snarky Puppy bereits ihre Energie. Jede Konzerttournee bringt eine neue Besetzung hervor.

Legendär sind ihre Freitagabend-Konzerte in New York. Zum „Family Dinner“ trifft sich die Band, um ständig neue Konstellationen und Kombinationen auszuprobieren. In einem kleinen Studio mit toller Live-Atmosphäre treffen sich Band, Gastmusiker und Besucher, um den Jazz zu zelebrieren. Die Session mit Lalah Hathaway erhielt 2014 den Grammy. Snarky Puppy gehört längst zu den Großen im Fusion-Jazz.

 

 

Auf ihrem ersten Brooklyner Freitagabend-Album Familiy Dinner Volume 1 treten außer Lala Hatjaway auf: Chantae Cann, Shayna Steele, N’Dambi, Lucy Woodward, Malika Tirolien, Tony Scherr und Magda Giannikou. Magda präsentiert nicht nur eindrucksvoll ihre Stimmqualitäten, sondern auch ihre Fingerfertigkeit auf dem Akkordeon. Bei den diesjährigen 2017er Grammy Awards wurde die Band für das beste zeitgenössische Instrumentalalbum ausgezeichnet –  für Culcha Vulcha.

 

Snarky Puppy haben ihre Europa-Tournee nahezu beendet. (am 7. Juni sind sie noch einmal um 21 Uhr in Eindhoven/NL zu sehen) Wer im Sommer in New York sein sollte, hat eine großartige Gelegenheit. Die Puppys sind am 5. August 2017 eines der Highlights auf dem traditionsreichen Newport Jazz-Festival (Rhode Island).

Vom Berliner Unwillen

Jetzt kommt das Freiheits- und Einheitsdenkmal doch. Im Volksmund nur Einheitswippe genannt. Es ist der dritte Anlauf des Bundestages. Oder kippt die Wippe vielleicht doch noch? Das neue begehbare Denkmal soll das Schloss schmücken. Das Schloss heißt übrigens auch nicht Schloss, sondern Humboldtforum. 2019 soll der Neo-Preußen-Palast eingeweiht werden. Auf leisen Sohlen schleicht die politische Elite um den kolossalen Neubau. Nur in keine Fettnäpfchen stolpern. Kein Desaster wie beim Hauptstadtflughafen produzieren. Längst heißt es: Berlin kann alles – außer Bauen.

 

Die Wippe vor dem Schloss. 2007 beschlossen. 2016 gestoppt. 2017 erneut beschlossen.

 

Der zähe Ehrgeiz der Macher gilt der besten Adresse Berlins. Schlossplatz 1. Einige Jahrzehnte lang hieß der zentrale Ort der Stadt Marx-Engels-Platz. Was auffällt: Planer und Verantwortliche drängt es weder in Talkshows noch zu allzu offenen Bekenntnissen. Das 600-Millionen-Projekt soll möglichst geräuschlos in Berlins Mitte gestellt werden. Getreu der Devise: Die Zukunft im Sinn – die Vergangenheit als Vorbild.

 

Das Beliner Stadtschloss um 1900 in voller Pracht. (vor seiner endgültigen Sprengung 1950) Rechts vorne das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal. Hier soll das neue Einheitsdenkmal errichtet werden.

 

Der Schlossplatz war immer ein heiß umkämpftes und umstrittenes Gelände. Prestigebauten waren hier noch nie willkommen. Auffällig: Keiner der Hohenzollern fühlte sich jemals im Stadtschloss wohl. Das Glück war anderswo. Die Hausherren verflüchtigten sich lieber auf ihre Residenzen in Charlottenburg, Rheinsberg oder ganz besonders nach Sanssouci.

 

Friedrich II von Brandenburg (1413-1471) Genannt der „Eiserne“ oder „Eisenzahn“. Erster Schlossherr in Berlin.

 

Im 15. Jahrhundert beim ersten Schlossbau zeigten widerspenstige Berliner, was sie von den Plänen des damals regierenden Kurfürsten Friedrich II hielten. Nichts! Der brandenburgische Markgraf nur „Eisenzahn“ genannt peitschte sein Prestigeprojekt im Alleingang durch. Aufgebrachte Berliner fluteten daraufhin 1448 die Baugrube mit Wasser aus der nahen Spree. Außerdem verhafteten sie seinen unbeliebten Hofrichter Balthasar Hake und vernichteten alle Unterlagen.

Das Schloss verzögerte sich um ein paar Jahre, konnte aber nicht verhindert werden. Friedrich II, jener besagte Eisenzahn, errichtete sein Schloss am heutigen Platze. Der neue Prunkbau machte den hartherzigen Markgraf bei seinen Untertanen zu keinem Zeitpunkt beliebter. Die Proteste der aufmüpfigen Bürger gingen als „Berliner Unwille“ in die Chronik ein. Aber diese Geschichte ist über fünfhundert Jahre alt.

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Geld oder Leben!

Der Mann ist einunddreißig Jahre alt. Frisch verheiratet. Nachwuchs ist unterwegs. Die Miete in Berlin-Mitte ist hoch. Sehr hoch. Der Job dürftig entlohnt. Einnahmen nach Auftragslage. Woher die Miete nehmen, wenn nicht stehlen? Der Besitzer drängt. Der junge Mann sucht in seiner Not einen Untermieter. „Stube und Kammer für fünf bis sieben Taler.“ Den Mittagstisch für „höchstens fünf Silbergroschen“. Spätestens jetzt wird klar. Diese Geschichte ist zwar hoch aktuell, doch fast 200 Jahre alt.

Der klamme Mieter ist der junge Theodor Fontane. Wir schreiben das Jahr 1851. Der freie Schriftsteller weiß nicht, wie er seine geräumige Wohnung in der Luisenstraße 35 bezahlen soll. „La bourse ou la vie! klagt der Mann, der vom Schreiben leben will. Geld oder Leben! Doch das Zeilengeld ist verdammt gering. Fontane jammert in feiner blassblauer Schrift auf acht Bögen „über das Buchhändlergesindel“ und seinen „Dummkopf von Verleger“. Fontane ballt schriftlich die Faust: „Ich bin fest entschlossen, mich nicht zu verkaufen.“

 

Theodor Fontane weiß nicht, wie er seine Miete zahlen soll. „Sie wissen, dass ich nicht über Krösusschätze verfüge.“

 

Not macht erfinderisch. Stets knapp bei Kasse suchte Fontane bei seinen Recherche-Reisen später vorzugsweise wohlhabende Adelshäuser und Offiziersfamilien auf. Die Mahlzeiten waren dort üppiger, der Wein süffiger, die Konversationen angenehmer. Dennoch hat Fontane mit seinen Wanderungen rund um das aufstrebende Berlin ein literarisches Denkmal gesetzt. Er schreibt über Glanz  und Elend des Adels und die märkische Streusandbüchse. Vor ihm hatte die flache Landschaft einfach nur „als uninteressant, öde und hässlich gegolten“, notierte 1990 Günter de Bruyn.

Heinrich von Kleist, selbst ein Brandenburger, hatte in einem Brief über seine sandige Heimat die Vermutung geäußert, ihr Gestalter sei über die Arbeit an ihr eingeschlummert. Der Franzose Marie-Henri Beyle besser bekannt als Stendal hatte es als unsinnig empfunden, Städte wie Berlin oder Potsdam in solcher Einöde zu gründen. Für Friedrich von Cölln war die Mark die Sandwüste Arabiens, und Jean Paul verglich sie mit der Sahara, fügte aber hinzu: Immerhin Oasen darin!

 

Kunst, wo man sie nicht vermutet. Im Oderbruch, Brandenburg. Das Bild ist von Lothar Maertins. Das Foto von Nick Becker.

 

Dass die Sandwüsten den Geist eintrocknen ließen, meinte auch Gottfried Keller. Doch als Fontanes  ‚Wanderungen‘ zum Allgemeingut wurden, war es mit diesen Vorurteilen vorbei. Um die ruhige Schönheit märkischer Landschaft würdigen zu können, muss der Reisende, wie der Dichterfürst erklärte, Vorurteile vergessen und falsche Vergleiche unterlassen können. Er darf nicht „grobe Effekte wie Gletscher oder Meeresstürme“ verlangen, sondern muss „einen feineren, empfindsameren Natursinn“ entwickeln.

Der Erfolg kam mit sechzig, im Zenit seines Lebens. Nun konnte er vom Schreiben leben. Die Geldsorgen waren verschwunden, dafür quälten ihn jetzt die Zipperlein des Alters. Was Glück sei, wurde er einmal gefragt. „Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel“ So viel Bescheidenheit. Was will man mehr?

 

Fontane konnte lange nicht vom Schreiben leben. „La bourse ou la vie!“ – Geld oder Leben.

 

Der achtseitige Original-Brief des armen Poeten aus dem Jahre 1851 ist mittlerweile verkauft worden. Für 2.400 Euro. (entspricht ungefähr einer Monatsmiete in Berlin-Mitte)

 

Abendstimmung in Brandenburg. Foto: Nick Becker

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Ein einziger Satz

Manchmal reicht ein Gedanke, um ein Leben komplett zu verändern. Herbst 1943. Die Kaminrunde trifft sich immer mittwochs im Schloss Teutschenthal unweit von Halle/Saale. Gedankenaustausch bei Cognac und Gebäck. Es gilt das freie Wort. Mit dabei Unternehmer, ein Chefarzt, ein Oberbürgermeister. Gastgeber ist der Zuckerbaron Carl Wentzel. Herr über 44.000 Beschäftigte. Die Kriegslage hat sich seit Stalingrad verschlechtert. Wentzel lässt einen Satz fallen: „Es muss sich doch ein deutscher Offizier finden, der das Problem Hitler löst.“

 

Das Wohnzimmer von Carl Wentzel (1876-1944) im Schlossgut Teutschenthal. Ort der Kaminrunde.

 

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geht alles ganz schnell. Großagrarier Wentzel wird anonym angezeigt, festgenommen, vor Freislers Volksgerichthof gestellt und „wegen Hochverrat“ in Plötzensee enthauptet. Seine Asche wird im Gefängnishof in alle Winde verstreut. Der Denunziant? Bis heute ist die Frage ungeklärt, aber vieles spricht für Wentzels persönlichen Mitarbeiter Ludolf von Alvensleben, einem hoch verschuldeten SS-Offizier.

 

Carl Wentzel vor Richter Roland Freisler. Volksgerichtshof 1944. Quelle: Bundesarchiv

 

Ende Juli 1944 beschlagnahmte die SS das „gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen“. Die Nazis nahmen in Teutschenthal alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Eine exklusive Gemälde-Sammlung, wertvolle Möbelstücke, Meißner Porzellan für achtzig Personen. Eine beispiellose Strafaktion und ein skrupelloser Beutezug. Zuckerbaron Carl Wentzel galt nunmehr als Volksschädling. Er hatte mit den Männern des Widerstands sympathisiert.

 

„Zum Schutz von Volk und Staat.“

 

Mai 1945. Die neuen Sieger übernehmen die Macht. Die Wentzels werden ein zweites Mal enteignet. Diesmal durch die Sowjets, diesmal als Großgrundbesitzer. Die DDR verstaatlicht alle 17 Betriebe. Die Familie flüchtet in den Westen. Teile der Bildersammlung werden vermutlich in einen Keller der Moritzburg in Halle versteckt.

 

Allein diese Venus im Park blieb. So gut wie alles andere wurde von Nazis und DDR beschlagnahmt und ist seitdem verschwunden.

 

Nach der Wende erhalten die Enkel das Schloss zurück. Immerhin. Doch seitdem kämpfen die Wentzel-Nachfahren um die verschwundene Familiensammlung mit Meisterwerken von Canaletto, Rembrandt oder Picasso. Vergeblich. 168 Bilder haben die Wentzels als vermisst gemeldet. Der Wert der Sammlung beträgt viele Millionen Euro. Beharrlich stoßen die Wentzels bei Behörden und Museen auf eine Mauer des Schweigens. In der Regel ernten sie ein Bedauern, mehr nicht. Carl Wentzel. Späte Folge eines einzigen Satzes, der alles veränderte. Vor über siebzig Jahren. Vertraulich, im Freundeskreis.