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Großes Kino

Der letzte Schauer ist gerade übers Land gezogen. Eine feuchte Wiese am Ende der Welt. Am Rande steht ein knallrotes Magirus-Feuerwehrauto, dazu ein kleines Zelt, ein paar Bänke. Das Wanderkino ist da. In Warnkenhagen – im Niemandsland zwischen Lübeck und Wismar. In der Ferne rauscht die Ostsee. Ein privater Gastgeber hat sein Gelände geöffnet. Es gibt selbstgebackene Pizza, einheimisches Bier und über Hundertjahre alte Filme. Stummfilme in Schwarz-Weiß mit kleinen und großen Helden.

 

Das Wanderkino braucht eine kleine Wiese, gutes Wetter und eine stabile Stromversorgung. Dann kann es losgehen!

 

Bei Einbruch der Dunkelheit hat sich eine große Schar Interessierter eingefunden. Das Publikum trotzt dem nassen Regensommer. Einheimische und Urlauber. Kinder, Opas, ganze Familien. Der Eintritt ist frei. Alle sind blitzgespannt. Dann eine kurze Ansprache des Gastgebers. Es kann losgehen. – Doch als würde aus heiterem Himmel ein Blitz von oben herabsausen, fällt der Strom aus. In Sekundenschnelle herrscht Dunkelheit. Dann Ratlosigkeit. Schließlich emsige Suche nach den Ursachen. Plötzlich flackert das Licht wieder. Der Generator springt an. Jetzt geht es wirklich los. Das Wanderkino in Warnkenhagen.

 

Es kommt Leben auf die nächtliche Wiese. Die kleinen Strolche ziehen los, um ihre Streiche zu spielen. Charlie Chaplin ist der Abenteurer von 1917, immer auf der Flucht vor den Gesetzeshütern. Harald Lloyd balanciert in atemberaubender Höhe. Unentwegt auf der Suche nach dem kleinen und großen Glück. Den Sound liefern Tobias Rank am Piano und Gunthard Stephan auf der Violine. Besser als jedes youtube-Mäusekino. Ein herrlicher Sommerspaß. Großes Live-Kino auf der Wiese. Am Ende prasselt der Beifall in den Augusthimmel. Jeder kann spenden so viel er will. Die Büchse füllt sich.

 

 

Noch bis Oktober ist das Leipziger Wanderkino unterwegs. Von der Ostsee bis zum Weißwurstäquator. Die Kinowandergesellen treten bevorzugt in Dörfern und Kleinstädten auf. Einzige Station in der Nähe von Berlin ist am 26. August 2017 in Erkner vor dem Gerhard Hauptmann-Museum. Wenn es trocken bleibt und der Generator durchhält, heißt es dann wieder: Film ab!

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Flieg, Engel, flieg

Jeder ambitionierte Gitarrenspieler kennt das Intro. Viele haben sich daran versucht. Ganze Generationen von Garagen- und Hinterhofmusikern. Little Wing. Diese Ballade von Jimi Hendrix gehört zu den Jahrhundertsongs. Geschrieben, komponiert und aufgenommen in einem New Yorker Studio. Unzählige Male gecovert und variiert. Von Amateuren und Profis. Eric Clapton. Santana. Sting. Toto. Pearl Jam. Steve Ray Vaughan. Nigel Kennedy, The Corrs. Und vielen anderen. Ein Song zum Abheben. Little Wing wird nun genau fünfzig Jahre alt. Am 25. Oktober 1967 lernte der Engel das Fliegen.

 

Jimi Hendrix. 1943-1970.

 

Jimi Hendrix spielte das Lied im Rahmen seines Albums Axis: Bold as love ein. Da war der hochtalentierte Linkshänder 24 Jahre alt. Ein Meisterstück der Balladen für Stratocaster, Bass, Glockenspiel und Schlagzeug. Eine Hommage an engelsgleiche Gestalten, die einem das Überleben im tristen Alltag erleichtern. Möglicherweise war es aber auch ein Liebeslied für seine damalige schwedische Freundin Katharina. Who knows? Sein letztes Konzert gab Jimi Hendrix am 6. September 1970 auf der Ostseeinsel Fehmarn. Wenige Tage später starb das Gitarren-Genie im Alter von 27 Jahren. Jimi Hendrix zählt zum fiktiven Club 27. Deren Devise lautet „live fast, love hard, die young“.

Drei in Deutschland eingespielte Coverversionen zum 50. Geburtstag von Little Wing will ich vorstellen. Randy Hansen in Solingen, der seit Jahrzehnten in seine Fußstapfen getreten ist. Der Jazz-Gitarrist Nguyên Lê in einer Live-Version, aufgenommen in Leipzig. Und eine äußerst gelungene Studio-Version junger Leipziger Hendrix-Fans.

 

 

Little Wing

„Well she’s walking through the clouds
With a circus mind that’s running ‚round.
Butterflies and zebras, fairy tales,
That’s all she ever thinks about.

When I’m sad she comes to me
With a thousand smiles she gives to me free.
Said, „It’s all right, take anything you want,
Anything you want, anything.“

 

 

Well she’s walking through the clouds
With a circus mind that’s running ‚round.
Butterflies and zebras, fairy tales,
That’s all she ever thinks about.

When I’m sad she comes to me
With a thousand smiles she gives to me free.
Said, „It’s all right, take anything you want,
Anything you want, anything.“

Fly on, little wing.“

 

 

Noch ein Tipp. Lohnenswert ist das Museum „Handel & Hendrix in London“ im Stadtteil Mayfair. Das neue Museum umfasst zwei Häuser, in einem wohnte Hendrix, gleich nebenan im 18. Jahrhundert der deutsche Komponist Georg Friedrich Händel.

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Sommer auf dem Land

Wohlfühlmagazine wie „Glücklich“ „Landlust“ oder „Ma Vie“ florieren. Gestresste Digitalos dürsten nach analoger Nestwärme. Die umgebaute Scheune in der Uckermark ist für viele Berliner Kultur- und Kopfmenschen ein erstrebenswertes Ziel. Auf jeder verfügbaren Grünfläche ziehen Großstädter Bohnen, Beeren oder Tomaten. Der Kampf mit der Feldmaus um gärtnerische Ernte-Hoheit ist zum Event der Saison geworden. Zurück zur Datsche, zur Laube, zum Schrebergarten! Unruhige Zeiten wecken den Wunsch nach Idylle, Gemeinschaft und Sicherheit. Derartige Garten-Bewegungen versprechen Antworten auf den optimierten Alltagskapitalismus.

 

Hinaus aufs Land.

 

So schwärmen Großstadtmenschen von Wiesengrün und Himmelsblau, Erdbraun und Ziegelrot. Nicht wenige zeigen eindeutige Symptome von Aussteigertum und Stadtflucht. Sie hassen Lärm jeder Art, suchen die Ruhe. Leere Häuser gibt es auf dem Land noch, wenn auch immer weniger. Es drängt die Städter aus dem boomenden Berlin ins Jrüne. So kommen sie am Wochenende auf dem Lande an, mit ihren teuren Halbschuhen. Doch länger als ein paar Tage halten es nur Hartgesottene aus.

 

Treffen der Wanderburschen in Netzeband (Land Brandenburg)

 

Das Umland hat sich stark verändert. Eine Faustformel gilt: Je weiter von Berlin entfernt, desto leerer die Dörfer. Es sind längst reine Schlaforte. Wenn mehr als drei Frauen vor einer Haustür stehen, ist das ein seltener Anblick. Zudem besagt eine alte Regel, dass Neuankömmlinge drei Generationen brauchen, bis sie wirklich akzeptiert werden. Dabei sind mittlerweile selbst auf dem Land die meisten Bewohner Zugezogene. Für Verbrüderungsmaßnahmen mit Einheimischen eignen sich besonders Kümmerling oder, wenn es sein muss, auch der Kleine Feigling.

Der Städter fragt: was gibt es Neues im Dorf? – Was soll es Neues geben? lautet die Antwort. Die Tage kommen und gehen. Vor kleinen Büdnereien oder stillgelegten Bauernhäusern parken morgens und abends bunte Kleinwagen der ambulanten Pflegedienste. Zweimal die Woche kachelt der Bäckerwagen durchs Dorf und klingelt die Restbevölkerung zum mobilen Verkaufsstand. Kein Wunder: Alle Läden, Poststellen und Arztpraxen sind längst geschlossen. Ohne Auto geht gar nichts. Die Feuerwehr kann nur noch am Wochenende ausrücken, wenn überhaupt.

 

Sternenhimmel über Gülpe (Land Brandenburg)

 

Im Sommer huschen bepackte Radfahrer vorbei. Junge Leute, Familien, kleine Gruppen, Professionelle. In der Regel starren sie auf ihren Navi am Lenker. Keine Zeit, das nächste Etappenziel muss erreicht werden. Die Sehnsucht treibt sie voran. Immer weiter, immer schneller. Nur wohin? So übersehen sie die kleinen Begebenheiten, wie sie sich nur in der ländlichen Provinz ereignen können. Das Weinregal in einem der wenigen noch verbliebenen Tante-Emma-Läden ist leer. Frage an den Verkäufer, was denn los sei. Dessen knappe Antwort: „Wir machen jetzt DDR-Wochen.“

Alle meschugge?

Paul Levite ist eine total verkrachte Existenz. Er war Vertreter, Callcenter-Verticker und Drücker für Finanzmodelle. Aber er hat ein unnachahmliches Talent: er kann Menschen besoffen reden. Ein Pfund, mit dem er wuchern will. Denn er hat die Nase „von denen da oben“ gestrichen voll. Er will alles fürs Volk ändern, Karriere machen. So schließt er sich der aufstrebenden rechtspopulistischen Bewegung an. Levite legt einen kometenhaften Aufstieg bis ins Kanzleramt hin.

 

 

Ein Märchen? Eine Seifenoper? Realsatire, reif für die Heute-Show? Ja und doch viel mehr. Die Geschichte von Paul ist einfach meschugge. Sie geht so: Der neue Kanzler ist ein jüdischer Bub aus Offenbach. Talent, Ehrgeiz und unbedingter Machtwille katapultieren ihn an die Spitze der neuen Deutsch-Nationalen Mehrheitspartei (DNMP). Die Populisten koalieren nach einer gewonnenen Bundestagswahl 2019 mit den Linken, genannt – Die Deutschen Realsozialisten (DDR). Gemeinsam jagen die Wutbürger die alte verhasste Elite der Großen Koalition aus dem Amt.

Ausgedacht hat sich diesen Plot Rafael Seligmann. Er ist Politikwissenschaftler und Publizist. Ein Berufs- oder Quotenjude sei er nicht, sagt er gleich. Er beschäftige sich als Autor, Historiker und Chefredakteur mit der Gegenwart. Das treibe ihn um. Natürlich ist die Geschichte vom Aufstieg des jüdischen Kleinbürgers Levite eine bittere Satire auf den heutigen Politbetrieb. Aber undenkbar? Seligmann winkt ab. Vergessen werde, dass Marine Le Pen in Frankreich 34 Prozent der Stimmen erhalten habe. In seinem Roman hätten es die Rechtspopulisten gerade mal auf 27% geschafft. Seligmann: „Die Wirklichkeit ist immer radikaler als das, was die menschliche Fantasie sich ausdenken kann.“

 

Rafael Seligmann. Autor, Historiker, Chefredakteur: „Die Realität überholt längst jede Satire“

 

So führt der ehrgeizige Levite die Rechtspopulisten in den Kampf mit Flüchtlingsströmen und gegen die NATO. Er trommelt für patriotische Gesinnung und deutsche Werte. In seiner Regierungserklärung redet er sich in einen wahren Rausch. Er schafft den Soli ab. (Beifall) Er wettert gegen Islamisten. “Die Scharia mag in Iran Geltung besitzen. In Deutschland greift ausschließlich deutsches Recht.“ Der Beifall explodiert. Er setzt den entscheidenden Punkt: „Wer als Ausländer gegen deutsches Recht verstößt, wird unnachsichtig ausgewiesen werden.“

Das Volk jubelt. Levite ist fest davon überzeugt, dass Menschen privat wie politisch unbelehrbar sind. Macht ist für ihn Lebenssinn. Seine einzige Schwäche ist typisch für einen Machtmenschen wie ihn. Eitelkeit gewinnt allzu schnell über instinktive Vorsicht. Lebensfremd? Von wegen. Seligmann ist eine bitterböse Satire gelungen. Politik ist für Seligmann kein Streichelzoo. Politik ist viel mehr routinierte Heuchelei. In hellen Momenten kann Politik vielleicht „die Kunst des Möglichen“ sein. Bismarck lässt grüßen.

 

Sind alle meschugge? Alltag oder Satire?

 

Sind alle meschugge? Vielleicht, lächelt Seligmann. Übersetzt aus dem Hebräischen bedeutet meschugge leicht verrückt. Warum also nicht? Ein Jude als Kanzler. Dieser redet sich nach oben und besiegt den Antisemitismus mit den Mitteln von Stammtisch und Antiislam-Parolen. Ist das die deutsche Zukunftsvision in Zeiten von Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan?

 

Rafael Seligmann. Deutsch. Meschugge. Transit, 2017.

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Schinkels Burn-Out

Wenn er Bühnenbilder entwarf, fühlte er sich glücklich. Karl Friedrich Schinkel liebte das Theater. Über vierzig Kulissen für Opern und Schauspielstücke stammen aus seiner Feder. Wenn er traumhafte Schlösser, Kathedralen oder Kaufhäuser entwerfen konnte, ruhte er in sich. Vieles blieb Vision, einiges wurde tatsächlich gebaut. Berlin ist voller Schinkel-Spuren. Vom Schauspielhaus am Gendarmenmarkt über das Alte Museum am Lustgarten bis zur Neuen Wache Unter den Linden.

 

Kaufhaus Unter den Linden. 180 Läden. Geplant auf dem heutigen Standort der Staatsbibliothek. Einer von Schinkels modernsten Entwürfe. (1827). Nie realisiert.

 

Die Welt durch zeitlose Schönheit veredeln, das war sein Ziel. Für viele ist der Sohn eines Neuruppiner Pastors der bedeutendste deutsche Architekt. Ein Meister des Klassizismus. Ludwig Mies van der Rohe, der Stararchitekt der deutschen Moderne, Anhänger der Maxime „Weniger ist mehr“, war gleichfalls ein Perfektionist bis ins Detail und ein glühender Verehrer Schinkels.

 

Susanne und Karl Friedrich Schinkel. (um 1807/09)

 

Als Schinkel (1781 – 1841) mit Anfang Fünfzig zum Geheimen Oberbaudirektor von Preußen ernannt wurde, konnte er wie kein anderer Einfluss auf das Baugeschehen nehmen. Er überarbeitete und korrigierte zahllose Entwürfe. Doch das wurde seine Crux. Er war für so ziemlich alles zuständig, von der Entwicklung, Betreuung bis zur Begutachtung repräsentativer Bauten. Sein Aufgabengebiet erstreckte sich von Aachen bis Königsberg. Die ständige Überarbeitung zeigte Spuren. Er litt unter „Brustbeklemmung“ und „heftigem Kopfschmerz“. So musste er Verpflichtungen und Hoffeste absagen. Der König reagierte verärgert. Zumindest genehmigte sein Dienstherr eine „Gehaltszulage“ und Hilfe in der Person eines „Assessors“.

 

 

Als oberster Baumeister machte sich Schinkel in Preußen keineswegs nur Freunde. Im Gegenteil. Die Zahl seiner Feinde wuchs. Einer der prominentesten Gegner war König Friedrich Wilhelm III. Als dieser 1839 bei der Einweihung der Potsdamer Nikolaikirche das neu erbaute Gotteshaus von Schinkel vorzeitig verließ, spottete er über die schlechte Akustik. Man habe nichts verstanden, nicht mal das könne Schinkel ordentlich bewerkstelligen. Er sei einfach ein unfähiger Baumeister.

Das war zwei Jahre vor Schinkels Tod. Zwar erhielt der Architekt eine ganze Reihe preußischer Auszeichnungen. Wirkliche Erfolge blieben jedoch zu Lebzeiten aus. Dabei arbeitete der Oberlandesbaudirektor Tag und Nacht. Er kämpfte mit Bauvorschriften, entwickelte Denkmalschutzvorgaben. Ein Workaholic, der schließlich ausbrannte. Das Reisen wurde lästig. Er starb im Alter von sechzig Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Magische Momente

Eine Koreanerin in Europa. Eine von vielen. Fleißig, wohlerzogen, unscheinbar. Ihr Name: Youn Sun Nah. Die junge Frau soll in Paris französische Literatur studieren. Das wünschen sich die Eltern. Die Tochter aus Seoul pariert und parliert los. Doch vielmehr als die Sprache fasziniert sie das Leben und besonders europäische Musik. Savoir vivre. Nun will sie Klassischen Gesang studieren. Beethoven Chopin und Schubert, gerne auch Brel und Piaf. Der Dozent rät ab. Sie sei zu alt. Sie könne es ja mit Jazz und Chanson versuchen. Ein Glücksfall. Denn die 25-jährige Youn Sun Nah erobert eine Neue Welt – die des Jazz. Unbekümmert, konsequent und voller Energie. Eine Kostprobe aus Havanna 2017.

 

 

Youn Sun Nah ist ein Stimmwunder und längst eine atemberaubende Jazz-Interpretin. Die Sängerin ist in einer koreanischen Musikerfamilie aufgewachsen, die das Schicksal ihres Landes teilt. Der Vater, ein Dirigent, ist in Nordkorea geboren. In Seoul wird sie in neunziger Jahren gefragt, ob sie bei einem Casting für ein Musical mitmachen möchte. Worum es geht, fragt Youn. Um die Linie 1. – Nie gehört! Der weltberühmte Berlin-Klassiker aus dem frisch vereinten Deutschland soll im geteilten Korea zum ersten Mal auf die Bühne gebracht werden. Youn setzt sich als singende Göre durch, erhält die Chance und nutzt sie. Viele Jahre brilliert sie als koreanische Stimme des Berliner Grips-Theaters und rattert mit der Linie 1 in höchsten Tönen durch den Untergrund.

 

 

Mit dem schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius entwickelt sie in den Nullerjahren ihren eigenen Stil. Klassiker des Chansons und des Pops interpretiert sie neu – auf ihre Youn Sun Nah-Art. Frech, frisch und frei von falschen Allüren. Die bescheidene Künstlerin wandelt traumwandlerisch sicher zwischen Genres, Kulturen und Kontinenten. Sie legt innerhalb weniger Jahre mehrere Alben vor, in der sie zu einer der Größen des Jazz reift.

 

 

Auf der Bühne ist sie in ihrem Element. Mittlerweile tourt sie mit einer neuen Band aus den USA. Ihr Titel Momento Magico ist live ein Ereignis der Extraklasse. Ohne Pathos, aber mit viel Präzision, Witz und Tempo. Die Kritik überschlägt sich. Die mittlerweile 47-jährige Echo-Preisträgerin gehöre „zu den besten Sängerinnen unserer Zeit“. Im persönlichen Gespräch wirkt sie immer noch wie eine junge Studentin. Still, höflich, zurückhaltend. Wie ein zerbrechliches Wesen, das seinen Platz auf der Welt noch sucht. Doch sobald sie die Bühne betritt und die Band den Groove vorgibt, dann strafft sich der kleine Körper der Youn Sun Nah und sie wird eine ganz Große. Wie einst Edith Piaf in Paris.

Erzähl mir was

So dramatisch wie im Kino oder Fernsehen vollziehen sich große Veränderungen selten. Im richtigen Leben geschieht es eher beiläufig oder lakonisch. Hoffnungen und Enttäuschungen, Mut und Angst zeigen sich in den kleinen Geschichten. Das ist der wahre Lauf des Lebens.  Im Augenblick des Schreibens ringen Zweifel mit Fragen. Wen soll das interessieren? Habe ich wirklich mit allen Wichtigen gesprochen? Nichts vergessen oder übersehen?

Porträts bedeuten: abwarten, beobachten, herumsitzen, zuhören, wirken lassen. Das Erlebte muss sich allmählich in einem Menschen verdichten. Jede Frage kann zur Zumutung werden. Manchmal bleibt einen Wimpernschlag lang unklar, ob mein Gegenüber wütend hinwirft oder mich innig umarmt. Spannende Menschen haben in ihrem Leben einen Wendepunkt. Ihre Persönlichkeit, ihr Ego, ihr Ich sind oft angegriffen. Sie sind verbittert, ihr Selbstbewusstsein erschüttert. Jedes Porträt stößt an Grenzen. Zum wirklichen Kern eines Menschen vermag niemand vordringen. Es kann stets nur ein Versuch sein.

 

Worum es geht: Weites Land, weite Gedanken?

 

Der Kontakt zu ihren Protagonisten sei wie eine kurze leidenschaftliche Affäre, schreibt die Journalistin Jana Simon. Sehr intensiv, aber danach wollen sich beide Seiten nicht mehr so genau daran erinnern. Die weißrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat einmal ihre Rolle so definiert: „Ich sehe die Menschen mit den Augen der Menschenforscherin, nicht mit denen des Historikers. Ich bestaune die Menschen. Dieser Maßstab hat mich schon immer fasziniert – … der einzelne Mensch. Denn im Grunde passiert alles dort.“

 

Weite Wege, wohin?

 

Die Stimmen einer Zeit oder einer ganzen Generation zu Gehör zu bringen, hat in der Literatur viele Vorbilder. Dylan Thomas ließ seine Heimat Wales in „Unter dem Milchwald“ erklingen. Zwanzig Jahre lang quälte sich der Dichter an diesem Werk. Er beschrieb das Leben in einer kleinen verschlafenen Stadt Er rang buchstäblich um jedes Wort. Dieser hochtalentierte Schriftsteller und unermüdlicher Trinker. Der Milchwald ist ein verrücktes, rätselhaftes und wunderbares Klanggebilde. Ein Mikrokosmos der Träume und Wünsche – mit Bösewichtern, Mitläufern und Engeln.

 

Windräder ohne Zahl. Landschaften ohne Menschen.

 

Dylan ahnte, dass er früh abtreten musste. Sein Leben war intensiv. Alkohol, Tabak, Dichtung, Drogen und Frauen. Stets auf der Überholspur. Dylan wurde gerade einmal 39 Jahre alt. Penibel in seiner Kunst aber schlampig in seinem Alltagsleben. Des Erzählers wichtigster Satz: „Es gibt nur eine Stellung für einen Künstler, ganz gleich wo: aufrecht.“

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Briefe an den Feind

„Schimpfen ist der Stuhlgang der Seele“, notiert die Berliner Autorin Susanne Schädlich. Schimpfen verschafft ein wenig Luft. Mildert den Druck. Hate Speech heißt es heute in den digitalen Netzwerken. Im Kalten Krieg gab es kein Internet, aber „Briefe ohne Unterschrift“. Anonyme Botschaften, verschickt über Tarnadressen, später im Radio verlesen. Immer Freitagabends. Punkt Sieben. Stimmungsberichte aus der Zone, wie die DDR damals noch hieß. Briefe an den Feindsender BBC.

Susanne Schädlich ist tief in alte Archive abgetaucht. Die Journalistin hat in Reading, im Vereinten Königreich wahre Schätze entdeckt und jetzt veröffentlicht. Zehntausende Briefe aus der frühen DDR. Die abgefangene Post hingegen verschwand nach der Wende im Stasi-Unterlagen-Archiv. Allein im Bezirk Rostock hatte der DDR-Geheimdienst 1969 exakt 1.675 Briefe konfisziert. Briefe an die BBC, zumeist von jungen Leuten. Briefe, die nie ankamen jedoch brandgefährlich werden konnten.

 

Einige der Absender schafften es statt ins Radio in eines der Gefängnisse der DDR. So der Schüler Karl-Heinz Borchardt aus Greifswald. Nach dem Einmarsch in Prag will der 17-jährige protestieren. „Ein spontaner Entschluss.“ Borchardt wird ermittelt und festgenommen.  Im März 1971 erhält der Gymnasiast zwei Jahre Haft – wegen versuchter staatsfeindlicher Hetze. Der Vernehmer, ein Leutnant: „Bei den Nazis hätten wir dich schon längst durch den Schornstein gejagt.“

Beispiele aus Briefen, die im Deutschsprachigen Service der BBC verlesen wurden.

  1. „Prima Obst“ berichtet über Dreharbeiten in Ost-Berlin: „In der Nähe der Frankfurter Allee und dem Bersarinplatz ist der Weidenweg. Neulich wurden zum größten Erstaunen der Bewohner viele Kisten mit Obst abgeladen. Äpfel, Apfelsinen, Bananen. So etwas geht ja bei uns sofort von Mund zu Mund. Es waren Attrappen.“
  2. Ein unbekannter DDR-Bürger dichtet. „Nichts uff´n Tisch, nichts uff´n Tella, nichts uff´n Boden, nichts im Kella. Uff de Toilette keen Klosettpapier, lieber Walter Ulbricht wir danken dir.“                                         

 

Die BBC galt im Dritten Reich als Feindsender. Diese Tradition setzte die DDR fort. Wer das Programm hörte, wurde nicht mehr eingesperrt. Aber: Wer Briefe nach London schickte, wurde observiert und in manchen Fällen auch wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Unzählige Briefe kamen nie an.

 

Die BBC veröffentlicht auch Briefe von überzeugten Anhängern der DDR. Oktober 1963 „Werte Herren Meinungsmacher, einem Feind unserer Ordnung muss man eben eins aufs Mundwerk geben, das ist überall üblich, bei uns vielleicht etwas strenger. Wer bei uns arbeitet, der lebt auch anständig. Die, die über die DDR klagen und meckern, die würden auch im Kapitalismus dem Anarchismus frönen oder würden überzeugte Kommunisten sein. Ihre Taktik ist die stille Lüge im großen Stil, die bewusste Volksverdummung.“

 

„Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben.“ Foto: Knaus-Verlag

 

In den siebziger Jahren nehmen Briefe aus der DDR ab. Folge der Entspannungspolitik oder Einsicht, dass die Mauer noch hundert Jahre stehen soll?

1973 klagt ein DDR-Bürger. „Kohlen sind sehr teuer. 400 Mark, die ich verdiene, verbrauche ich alle für Kohlen, wenn ich es warm haben will. Das zieht in der Wohnung wie in einem Affenstall, da haben die Kühe und Schweine der LPG bessere Behausungen.“ Dieser Brief kam nie an. Stasi-Kontrolleure fingen den Brief ab.

Diese Nachricht erreicht die BBC, unterläuft alle Kontrollen. „SOS helft uns: Die sog. „DDR“ bietet uns so viel Freiheit, Demokratie und Hochgefühle an soz. Lebensverhältnissen, dass wir es vorziehen, in den krisengeschüttelten und monopolkap. Westteil unseres Vaterlandes überzusiedeln.“  Andere wiederum beschimpfen die BBC als „Moraltrompeter, Dummquatscher, Lügenstudio“.

 

Susanne Schädlich. Briefe ohne Unterschrift. 2017

 

Im Juli 1974 stellte die BBC Briefe ohne Unterschrift ohne Angaben von Gründen ein. Die Stasi triumphierte. Dann verschwand die stille Post in Archiven. Susanne Schädlich hat eine beeindruckende Auswahl aus 25 Jahren zusammengestellt. Verdienstvoll.

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Wer scheitert, kommt ins Museum

Scheitern als Chance. Ein geflügeltes Wort. Flott dahinfabuliert. Aber wer fällt schon gerne auf den Allerwertesten? Nach allen Anstrengungen, Mühen und Kämpfen. Ein Haus in Helsingborg macht das Scheitern ab sofort museumsreif. Das Museum der Fehler – The Museum of Failure – hat seit Anfang Juni seine Tore geöffnet. Es setzt Fehlern und Irrtümern ein Denkmal. Die Cola mit Kaffeegeschmack. Kugelschreiber – in Pink – nur für Frauen. Ein Brettspiel aus den achtziger Jahren. „Trump, the Game“. Alles Flops, Ladenhüter, Nieten. Umsonst und vergeblich.

 

Das Trump-Spiel. Ein Flop.

 

Museumsdirektor Samuel West hat in seinem schwedischen Museum insgesamt siebzig Exponate ausgewählt. Sein funkelnagelneues Haus ist klein, aber fein. Die einfache aber geniale Idee: „Wenn wir etwas Neues wollen, müssen wir Fehlschläge hinnehmen. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Und dann möchte ich, dass Organisationen besser aus Fehlern lernen, als sie immer nur unter den Teppich zu kehren.“

 

Samuel West. Mastermind des Museums of Failure.

 

Der Museumsdirektor präsentiert ein Parfüm des Motorrad-Herstellers Harley Davidson. Es floppte. Biker lieben mehr den Duft von Schmieröl als teures Parfum. Das kombinierte Handy-Spielgerät „N-Gage“. Eine totale Pleite. Der einstige Innovationsriese Nokia konnte damit seinen Niedergang nicht stoppen. Eine Plastikmaske mit einer eingebauten strombetriebenen Massage, die Frauen schön wie Marylin Monroe erscheinen lassen sollte. Ab in die Tonne.

 

Parfum von Harley Davidson? -Ein einziger Irrtum.

 

Wir sind zum Scheitern verdammt. Patrick Süsskind hat die Lebensgeschichte des Menschen als die Geschichte der Muschel-Verkalkung bezeichnet. Die Muscheln versteinern wie wir Menschen. Franz Kafka kombinierte haarscharf: „Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.“ Winston Churchill setzte noch ein Bonmot obendrauf: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.“

Ob das neue Museum im schwedischen Helsingborg ein Erfolg wird? Direktor Samuel West lächelt vielsagend. Er zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht. Nur eines ist klar: „Wir brauchen sehr viele Besucher, um nicht pleite zu gehen.“ So gilt für sein Projekt die Devise Samuel Becketts. Nicht Warten auf Godot. Sondern: „Immer versuchen, immer scheitern. Wieder versuchen, wieder scheitern. Besser scheitern.“

 

 

Das Museum of Failure in Helsingborg ist eine Reise wert. Täglich geöffnet von 12 – 18 Uhr.

Bissige Welpen

Snarky Puppy. Fusionsjazz vom Feinsten. Ein Tornado aus Texas. Talentschmiede für junge Musiker und Sängerinnen. Snarky Puppy ist ein doppelsinniges Wortspiel. Es kann bissige oder sarkastische Welpen bedeuten. Vom Kopf bis zum Hintern will die Band wirken. Das gelingt ihnen zu einhundert Prozent. Mit starken Bläsersätzen, treibenden Rhythmen und einer optimistisch-fröhlichen Grundhaltung. Tanzbare Musik – für Kopf, Seele und Bauch.

 

 

Das Jazzer-Kollektiv aus den USA ist dem Bassisten und Komponisten Michael League zu verdanken. Aus einer Uni-Garagenband entwickelte der Tüftler Anfang der Nuller-Jahre ein Bigband-Konzept mit ständig wechselnden Musikern, Sängerinnen und Sängern. Mindestens vierzig Musiker gaben Snarky Puppy bereits ihre Energie. Jede Konzerttournee bringt eine neue Besetzung hervor.

Legendär sind ihre Freitagabend-Konzerte in New York. Zum „Family Dinner“ trifft sich die Band, um ständig neue Konstellationen und Kombinationen auszuprobieren. In einem kleinen Studio mit toller Live-Atmosphäre treffen sich Band, Gastmusiker und Besucher, um den Jazz zu zelebrieren. Die Session mit Lalah Hathaway erhielt 2014 den Grammy. Snarky Puppy gehört längst zu den Großen im Fusion-Jazz.

 

 

Auf ihrem ersten Brooklyner Freitagabend-Album Familiy Dinner Volume 1 treten außer Lala Hatjaway auf: Chantae Cann, Shayna Steele, N’Dambi, Lucy Woodward, Malika Tirolien, Tony Scherr und Magda Giannikou. Magda präsentiert nicht nur eindrucksvoll ihre Stimmqualitäten, sondern auch ihre Fingerfertigkeit auf dem Akkordeon. Bei den diesjährigen 2017er Grammy Awards wurde die Band für das beste zeitgenössische Instrumentalalbum ausgezeichnet –  für Culcha Vulcha.

 

Snarky Puppy haben ihre Europa-Tournee nahezu beendet. (am 7. Juni sind sie noch einmal um 21 Uhr in Eindhoven/NL zu sehen) Wer im Sommer in New York sein sollte, hat eine großartige Gelegenheit. Die Puppys sind am 5. August 2017 eines der Highlights auf dem traditionsreichen Newport Jazz-Festival (Rhode Island).