Vom Berliner Unwillen

Jetzt kommt das Freiheits- und Einheitsdenkmal doch. Im Volksmund nur Einheitswippe genannt. Es ist der dritte Anlauf des Bundestages. Oder kippt die Wippe vielleicht doch noch? Das neue begehbare Denkmal soll das Schloss schmücken. Das Schloss heißt übrigens auch nicht Schloss, sondern Humboldtforum. 2019 soll der Neo-Preußen-Palast eingeweiht werden. Auf leisen Sohlen schleicht die politische Elite um den kolossalen Neubau. Nur in keine Fettnäpfchen stolpern. Kein Desaster wie beim Hauptstadtflughafen produzieren. Längst heißt es: Berlin kann alles – außer Bauen.

 

Die Wippe vor dem Schloss. 2007 beschlossen. 2016 gestoppt. 2017 erneut beschlossen.

 

Der zähe Ehrgeiz der Macher gilt der besten Adresse Berlins. Schlossplatz 1. Einige Jahrzehnte lang hieß der zentrale Ort der Stadt Marx-Engels-Platz. Was auffällt: Planer und Verantwortliche drängt es weder in Talkshows noch zu allzu offenen Bekenntnissen. Das 600-Millionen-Projekt soll möglichst geräuschlos in Berlins Mitte gestellt werden. Getreu der Devise: Die Zukunft im Sinn – die Vergangenheit als Vorbild.

 

Das Beliner Stadtschloss um 1900 in voller Pracht. (vor seiner endgültigen Sprengung 1950) Rechts vorne das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal. Hier soll das neue Einheitsdenkmal errichtet werden.

 

Der Schlossplatz war immer ein heiß umkämpftes und umstrittenes Gelände. Prestigebauten waren hier noch nie willkommen. Auffällig: Keiner der Hohenzollern fühlte sich jemals im Stadtschloss wohl. Das Glück war anderswo. Die Hausherren verflüchtigten sich lieber auf ihre Residenzen in Charlottenburg, Rheinsberg oder ganz besonders nach Sanssouci.

 

Friedrich II von Brandenburg (1413-1471) Genannt der „Eiserne“ oder „Eisenzahn“. Erster Schlossherr in Berlin.

 

Im 15. Jahrhundert beim ersten Schlossbau zeigten widerspenstige Berliner, was sie von den Plänen des damals regierenden Kurfürsten Friedrich II hielten. Nichts! Der brandenburgische Markgraf nur „Eisenzahn“ genannt peitschte sein Prestigeprojekt im Alleingang durch. Aufgebrachte Berliner fluteten daraufhin 1448 die Baugrube mit Wasser aus der nahen Spree. Außerdem verhafteten sie seinen unbeliebten Hofrichter Balthasar Hake und vernichteten alle Unterlagen.

Das Schloss verzögerte sich um ein paar Jahre, konnte aber nicht verhindert werden. Friedrich II, jener besagte Eisenzahn, errichtete sein Schloss am heutigen Platze. Der neue Prunkbau machte den hartherzigen Markgraf bei seinen Untertanen zu keinem Zeitpunkt beliebter. Die Proteste der aufmüpfigen Bürger gingen als „Berliner Unwille“ in die Chronik ein. Aber diese Geschichte ist über fünfhundert Jahre alt.

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Geld oder Leben!

Der Mann ist einunddreißig Jahre alt. Frisch verheiratet. Nachwuchs ist unterwegs. Die Miete in Berlin-Mitte ist hoch. Sehr hoch. Der Job dürftig entlohnt. Einnahmen nach Auftragslage. Woher die Miete nehmen, wenn nicht stehlen? Der Besitzer drängt. Der junge Mann sucht in seiner Not einen Untermieter. „Stube und Kammer für fünf bis sieben Taler.“ Den Mittagstisch für „höchstens fünf Silbergroschen“. Spätestens jetzt wird klar. Diese Geschichte ist zwar hoch aktuell, doch fast 200 Jahre alt.

Der klamme Mieter ist der junge Theodor Fontane. Wir schreiben das Jahr 1851. Der freie Schriftsteller weiß nicht, wie er seine geräumige Wohnung in der Luisenstraße 35 bezahlen soll. „La bourse ou la vie! klagt der Mann, der vom Schreiben leben will. Geld oder Leben! Doch das Zeilengeld ist verdammt gering. Fontane jammert in feiner blassblauer Schrift auf acht Bögen „über das Buchhändlergesindel“ und seinen „Dummkopf von Verleger“. Fontane ballt schriftlich die Faust: „Ich bin fest entschlossen, mich nicht zu verkaufen.“

 

Theodor Fontane weiß nicht, wie er seine Miete zahlen soll. „Sie wissen, dass ich nicht über Krösusschätze verfüge.“

 

Not macht erfinderisch. Stets knapp bei Kasse suchte Fontane bei seinen Recherche-Reisen später vorzugsweise wohlhabende Adelshäuser und Offiziersfamilien auf. Die Mahlzeiten waren dort üppiger, der Wein süffiger, die Konversationen angenehmer. Dennoch hat Fontane mit seinen Wanderungen rund um das aufstrebende Berlin ein literarisches Denkmal gesetzt. Er schreibt über Glanz  und Elend des Adels und die märkische Streusandbüchse. Vor ihm hatte die flache Landschaft einfach nur „als uninteressant, öde und hässlich gegolten“, notierte 1990 Günter de Bruyn.

Heinrich von Kleist, selbst ein Brandenburger, hatte in einem Brief über seine sandige Heimat die Vermutung geäußert, ihr Gestalter sei über die Arbeit an ihr eingeschlummert. Der Franzose Marie-Henri Beyle besser bekannt als Stendal hatte es als unsinnig empfunden, Städte wie Berlin oder Potsdam in solcher Einöde zu gründen. Für Friedrich von Cölln war die Mark die Sandwüste Arabiens, und Jean Paul verglich sie mit der Sahara, fügte aber hinzu: Immerhin Oasen darin!

 

Kunst, wo man sie nicht vermutet. Im Oderbruch, Brandenburg. Das Bild ist von Lothar Maertins. Das Foto von Nick Becker.

 

Dass die Sandwüsten den Geist eintrocknen ließen, meinte auch Gottfried Keller. Doch als Fontanes  ‚Wanderungen‘ zum Allgemeingut wurden, war es mit diesen Vorurteilen vorbei. Um die ruhige Schönheit märkischer Landschaft würdigen zu können, muss der Reisende, wie der Dichterfürst erklärte, Vorurteile vergessen und falsche Vergleiche unterlassen können. Er darf nicht „grobe Effekte wie Gletscher oder Meeresstürme“ verlangen, sondern muss „einen feineren, empfindsameren Natursinn“ entwickeln.

Der Erfolg kam mit sechzig, im Zenit seines Lebens. Nun konnte er vom Schreiben leben. Die Geldsorgen waren verschwunden, dafür quälten ihn jetzt die Zipperlein des Alters. Was Glück sei, wurde er einmal gefragt. „Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel“ So viel Bescheidenheit. Was will man mehr?

 

Fontane konnte lange nicht vom Schreiben leben. „La bourse ou la vie!“ – Geld oder Leben.

 

Der achtseitige Original-Brief des armen Poeten aus dem Jahre 1851 ist mittlerweile verkauft worden. Für 2.400 Euro. (entspricht ungefähr einer Monatsmiete in Berlin-Mitte)

 

Abendstimmung in Brandenburg. Foto: Nick Becker

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Ein einziger Satz

Manchmal reicht ein Gedanke, um ein Leben komplett zu verändern. Herbst 1943. Die Kaminrunde trifft sich immer mittwochs im Schloss Teutschenthal unweit von Halle/Saale. Gedankenaustausch bei Cognac und Gebäck. Es gilt das freie Wort. Mit dabei Unternehmer, ein Chefarzt, ein Oberbürgermeister. Gastgeber ist der Zuckerbaron Carl Wentzel. Herr über 44.000 Beschäftigte. Die Kriegslage hat sich seit Stalingrad verschlechtert. Wentzel lässt einen Satz fallen: „Es muss sich doch ein deutscher Offizier finden, der das Problem Hitler löst.“

 

Das Wohnzimmer von Carl Wentzel (1876-1944) im Schlossgut Teutschenthal. Ort der Kaminrunde.

 

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geht alles ganz schnell. Großagrarier Wentzel wird anonym angezeigt, festgenommen, vor Freislers Volksgerichthof gestellt und „wegen Hochverrat“ in Plötzensee enthauptet. Seine Asche wird im Gefängnishof in alle Winde verstreut. Der Denunziant? Bis heute ist die Frage ungeklärt, aber vieles spricht für Wentzels persönlichen Mitarbeiter Ludolf von Alvensleben, einem hoch verschuldeten SS-Offizier.

 

Carl Wentzel vor Richter Roland Freisler. Volksgerichtshof 1944. Quelle: Bundesarchiv

 

Ende Juli 1944 beschlagnahmte die SS das „gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen“. Die Nazis nahmen in Teutschenthal alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Eine exklusive Gemälde-Sammlung, wertvolle Möbelstücke, Meißner Porzellan für achtzig Personen. Eine beispiellose Strafaktion und ein skrupelloser Beutezug. Zuckerbaron Carl Wentzel galt nunmehr als Volksschädling. Er hatte mit den Männern des Widerstands sympathisiert.

 

„Zum Schutz von Volk und Staat.“

 

Mai 1945. Die neuen Sieger übernehmen die Macht. Die Wentzels werden ein zweites Mal enteignet. Diesmal durch die Sowjets, diesmal als Großgrundbesitzer. Die DDR verstaatlicht alle 17 Betriebe. Die Familie flüchtet in den Westen. Teile der Bildersammlung werden vermutlich in einen Keller der Moritzburg in Halle versteckt.

 

Allein diese Venus im Park blieb. So gut wie alles andere wurde von Nazis und DDR beschlagnahmt und ist seitdem verschwunden.

 

Nach der Wende erhalten die Enkel das Schloss zurück. Immerhin. Doch seitdem kämpfen die Wentzel-Nachfahren um die verschwundene Familiensammlung mit Meisterwerken von Canaletto, Rembrandt oder Picasso. Vergeblich. 168 Bilder haben die Wentzels als vermisst gemeldet. Der Wert der Sammlung beträgt viele Millionen Euro. Beharrlich stoßen die Wentzels bei Behörden und Museen auf eine Mauer des Schweigens. In der Regel ernten sie ein Bedauern, mehr nicht. Carl Wentzel. Späte Folge eines einzigen Satzes, der alles veränderte. Vor über siebzig Jahren. Vertraulich, im Freundeskreis.

Ein Jahrhundert-Kennedy

John war das Zweite von neun Kindern des Kennedy-Clans. Schon als Baby nannten sie ihn Jack. Wie kein anderer verkörperte John F. Kennedy die Hoffnung für Abermillionen von Amerikanern vom Aufstieg durch Leistung. JFK lebte diesen amerikanischen Traum: Jeder, der überdurchschnittlich begabt und motiviert ist, könne es zu Reichtum und Ruhm bringen. So stand er für das “andere, das bessere Amerika“. Auch wenn sein Leben ein unvollendetes Versprechen blieb.

Vor einhundert Jahren am 29. Mai 1917 wurde der stets strahlende Politiker in Massachusetts geboren. Was die wenigsten wissen: Der Führer der freien Welt war eine wandelnde Apotheke. Bereits mit dreizehn rebellierten bei ihm Magen und Darm. Als siebzehnjähriger Teenager laborierte er an einer spastischen Kolitis. Ab dem dreiundzwanzigsten Lebensjahr  klagte er über Rückenschmerzen – zeitlebens.

 

JFK im Alter von 26 Jahren auf dem Torpedoschnellboot PT 109. Pazifik vor den Salomon-Inseln. August 1943.

 

Im Alter von dreißig erwischte den gut aussehenden Kennedy die  Addisonsche Krankheit. Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Müdigkeit, bräunlich-gelbe Hautfarbe mit langsamer Schrumpfung der Nebennierendrüsen. Im September 1947 spitzte sich die Krankheit derart zu, dass der Katholik die letzte Ölung erhielt. Mit sechsunddreißig überstand JfK eine schwere Operation an der Wirbelsäule. Als er mit dreiundvierzig Jahren Präsident wurde, plagten ihn chronische Magen-Darm-Probleme, Prostatabeschwerden, Fieberschübe, Abszesse und Schlaflosigkeit. Kennedy ließ sich nichts anmerken. Er war ein talentierter Schauspieler, spielte den kraftstrotzenden Himmelstürmer.

Vielleicht erklären die vielen chronischen Krankheiten seinen unstillbaren Verbrauch von Frauen. Kennedys Womanizer-Verhalten entsprach dem eines britischen Aristokraten, der sich beim Angeln, Segeln oder Golfspiel entspannt. Er sei „triebhaft wie Mussolini“ gewesen, notiert Biograf Robert Dallek. Das Weiße Haus hatte einen eigenen Protokollchef, zuständig für weiblichen Nachschub und Pool Partys. Ehefrau Jacqueline musste viel aushalten. Marlene Dietrich war fasziniert von ihm. Im Dezember 1961 gestand JfK: „Wenn ich nicht alle drei Tage eine Frau habe, bekomme ich fürchterliche Kopfschmerzen.“

 

Das offizielle John F. Kennedy-Porträt im Weißen Haus.

 

Eintausend Tage war Kennedy Präsident der USA. Seine innenpolitische Bilanz bis zur Ermordung im November 1963 blieb ein Flickwerk. Seine größte Leistung: die Verhinderung eines Atomkrieges. Und doch: John F. Kennedy ist bis heute Vorbild aller ausgegrenzten Amerikaner. Er bleibt das Versprechen für eine bessere Welt. Welcher US-Präsident kann das heute noch von sich behaupten?

 

Das offizielle Familienfoto. John und Jacqueline Kennedy mit John, Jr. und Caroline in Hyannisport, 1962. Photograph by Cecil Stoughton, White House, in the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

 

Mehr bei Peter DeThier. John F. Kennedy. 100 Seiten . Neu erschienen als Reclam-Heftchen für 10 Euro.

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Die Schönheit der Lüge

Ohne Lüge geht nichts. Nicht in der Politik, in der Familie, im Alltag. Lügen ist der wirksamste Schutz, wenn es eng wird. Familien und Partnerschaften wären dem Untergang geweiht, gäbe es keine Lüge. Das gilt genauso für Beruf, Politik oder Staaten. Eine Welt ohne Lügen gibt es nicht. Dumm nur: Eine Welt, in der die Lüge hoffähig ist, müsste genauso untergehen. Es wäre gleichfalls die Hölle auf Erden.

René Margritte hat dieses Spannungsfeld fasziniert. Der belgische Maler gilt als Meister des Surrealismus. Wahrheit und Lüge sind für ihn Materialien. Was ist Realität? Was sind Illusionen? Niemand weiß es. Es ist immer das, was wir am Ende glauben wollen. Die Welt als Bild unserer Vorstellung. Margritte bewegte sich genau auf dieser dünnen Erkenntnislinie wie ein Hochseilartist ohne Netz und doppelten Boden. Margritte malt: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?

 

René Margritte. 1898-1967.

 

Die Kunst der Täuschung. Die Schönheit der Illusionen. Das ist die Methode Magritte. Er verstand sich nicht als Künst­ler. Er wollte als denken­der Mensch seine Fragen ans Leben stellen. Seine Ideen setzte er in Male­rei um. Schon Picasso sagte: „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.“

Wahrheit ist das, was der Einzelne dafür hält oder was gerade der Meinung der Machthaber oder der Mehrheit entspricht. „Es gibt genauso wenig eine hundertprozentige Wahrheit wie einen hundertprozentigen Alkohol“, notierte Sigmund Freud an den Schriftsteller Stefan Zweig. Wenn es im Leben kritisch wird, steht der Selbsterhaltungstrieb über dem Wahrheitsgebot. Obwohl jeder weiß, dass Wahrheit das Wertvollste ist, was es zwischen Menschen gibt.

 

 

Was ist Schein? Was ist Sein? Antworten von  René Magritte. Der Verrat der Bilder. Die Ausstellung  in der Frankfurter Kunsthalle Schirn – noch bis zum 5. Juni 2017.

Bezahlt wird nicht

„Wir singen im Atomschutzbunker – Hurra diese Welt geht unter“, intoniert die Band AnnenMayKantereit. Hurra, grölen die Fans begeistert mit, „auf den Trümmern das Paradies“. Lust am Weltuntergang? Berlin kennt sich damit aus. Vor genau einem Menschenleben gingen die Lichter am Brandenburger Tor aus. Die Party des Tausendjährigen Reichs war endgültig vorbei. Im Mai 1945. Vor exakt 72 Jahren.

 

Die Lobby im historischen Hotel Adlon. Zuletzt gab es Cocktails ohne Rechnung.

 

Wie bizarr die Welt unterging, zeigt sich am Luxus-Hotel Adlon. Publizist und Chronist Alexander Kluge schreibt, bis zum 30. April 1945 war das Grand-Hotel „ein fast friedensmäßig ausbalancierter Hoteldampfer. Eigene Elektrizitätsversorgung. Gut bevorratet, auch dadurch, dass die Anlieferungen für die traditionelle Mittwochsgesellschaft des Auswärtigen Amtes, die nicht mehr stattfindet, noch nicht verbraucht sind“.

 

Berlin. Pariser Platz Mai 1945. Links das Adlon.

 

Vor der Drehtür des Adlon wurde bereits gekämpft und gestorben. Ein Dachstuhlbrand konnte durch das Personal und einige Gäste noch gelöscht werden. Seit Ende April stellte das Adlon keine Rechnungen mehr aus. Kluge notiert: „Der Rhythmus der Mahlzeiten über den Tag hin bleibt unverändert. Gäste aus Ungarn, Schweden, aus Österreich, das nicht mehr zu Deutschland gehört. Im Foyer und in den unteren zwei Stockwerken liegen Verwundete. Der Oberkellner ist seit 1925 im Amt. Weisungen und deren Ausführungen vollziehen sich reibungslos. Keine Nervosität.“

 

Berlin. Brandenburger Tor. Ende April/Mai 1945.

 

Am Ende diente das Adlon als Lazarett mit Weinkeller. Die Stunde Null folgte am 2. Mai 1945. Berlin kapitulierte. In dieser Nacht brannte das weitgehend unbeschädigte Gebäude aus. Im einstigen Luxus-Dampfer hatten Rotarmisten ihren Sieg gefeiert. Eine weggeworfene Kippe soll die Ursache gewesen sein. Nur ein Seitenflügel blieb stehen. Der Stummel diente bis Anfang der achtziger Jahre weiter als Hotel, zuletzt als Internat für Berufsschüler.

 

Das Adlon nach dem Brand vom 2./3. Mai 1945. Vorne grüßt der Große Führer Genosse Stalin.

 

Seit dem Mauerbau 1961 standen die Reste des Grand-Hotels mitten im Grenzgebiet. 1984 sprengten Grenztruppen den Rest vom Adlon im Rahmen der Aktion „Verschönerung der Staats-Grenze“. 1997, vor genau zwanzig Jahren, konnte das Grand Hotel in seiner heutigen Gestalt neu eröffnet werden. Der Weinkeller ist wieder geöffnet. Und Rechnungen kommen nun  pünktlich nach der Party.

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Der Himmel über Potsdam

Die Tischgesellschaft ist erschöpft, müde, ratlos. Schweigen. Alles vorbei? Alles vergeblich? In der Mitte des Tisches stiert eine Frau im gelben Kleid ins Leere. Sie markiert den Mittelpunkt wie einst Jesus bei Michelangelos Abendmahl. Abend über Potsdam heißt das Ölgemälde. Eine Momentaufnahme über den Dächern der Stadt. Festgehalten im Herbst-Winter 1929/30 für die Ewigkeit. Der Himmel über Potsdam ist grau. Bedrohlich. Ein spätes Sommergewitter zieht auf.

Die Berliner Malerin Lotte Laserstein transportierte im September 1929 eine lange Holztafel mit einer Pferdekutsche nach Potsdam. Um einen provisorischen Tisch versammelte sie Freunde. Schauplatz eine Dachterrasse in der Gregor-Mendelstraße. Am Horizont sind Nikolaikirche und die noch unzerstörte Garnisonkirche über Preußens Heimstatt zu erkennen. Die Freunde schweigen sich an, schauen sich nicht an, als hätten sie sich nichts mehr zu sagen. Kein Wort. Kein Lächeln, nichts. Auf dem Tisch ein paar Früchte und Brot. Zu ihren Füßen döst ein Hund. In Wartestellung ein paar Weinflaschen.

 

Abend über Potsdam. 1929/1930. Seit 2010 wieder im Besitz der Nationalgalerie Berlin.

 

Während Lotte in ihrem Atelier akribisch Monat für Monat an ihrer melancholischen Balkongesellschaft arbeitet, verändert sich das Land. Die Nazis erringen ihre ersten Wahlerfolge. Wut, Hass und Fanatismus werden salonfähig. Straßenkämpfe, Arbeitslosigkeit und Not nisten sich im Alltag ein. Die vielgepriesene bürgerliche Moral löst sich scheibchenweise auf. Angst, Abschottung und Ignoranz ziehen auf. Überall. Auch in Potsdam.

 

Lotte Laserstein. (1898-1993) Vergessen, verdrängt, wiederentdeckt.

 

Lotte Laserstein setzt dem aufziehenden Unheil ein künstlerisches Denkmal. Abend über Potsdam verkörpert Ratlosigkeit, Ohnmacht und das beredte Schweigen der Mehrheit. Lotte ist Berliner Jüdin. Sie kann 1937 nach Schweden flüchten. Ihr Bild, das sie „Meine Freunde“ nennt, nimmt sie mit. Sie wird nie mehr in ihre Heimat zurückkehren. 1993 stirbt Lotte Laserstein. 2010 kehrt das Potsdam-Porträt nach Deutschland zurück. Die Berliner Nationalgalerie hatte das vergessene Meisterwerk angekauft. Zurzeit ist es im Depot gelagert. Leider.

 

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater versucht sich in einer Theaterfassung am Abend über Potsdam. Eine verdienstvolle Wiederentdeckung, auch wenn die Kritiken bislang eher zwiespältig sind. Wichtiger wäre jedoch, das visionäre Bild von Lotte Laserstein endlich wieder der Öffentlichkeit zu präsentieren.

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Donalds Schutzwall

Das Bollwerk soll „eine ästhetische Anmutung“ erzielen, zumindest auf US-Seite. Die Mauer muss eine Mindesthöhe von sechs bis neun Metern erreichen. Die Konstruktion soll „Vorschlaghämmern, Wagenhebern, Pickel, Meißel und batteriebetriebenen Schneidewerkzeugen“ widerstehen. So die Ausschreibung der US-Heimatschutzbehörde für einen Mega-Auftrag. Fast 700 Firmen haben sich beworben, um Donald Trumps Monument aus Beton, Stahl und/oder Stacheldraht zu realisieren. Kosten: bis zu 38 Milliarden Dollar. Sie soll „schön“ werden die Mauer – zwischen den USA und Mexiko.

 

Das Mauer-Projekt 2017. Entwurf von San Diego Project Management. Quelle: US-Heimatschutzbehörde.

 

Die Bewerbungsfrist ist mittlerweile abgelaufen. Auch deutsche Firmen sollen sich mit Hilfe ihrer US-Tochterfirmen an diesem Jahrhundertprojekt heimlich beteiligt haben, darunter der bayrische Baukonzern Bauer AG, der Bauriese Hochtief und der Baustoffkonzern HeidelbergCement. Offiziell wird eine mögliche Mitarbeit an der Trump-Mauer dementiert. Eine hochspezialisierte ostdeutsche Firma konnte sich übrigens nicht mehr melden. Der DDR-Mauer-Lieferant VEB Baustoffkombinat Neubrandenburg ist 2004 in Konkurs gegangen.

 

Dokumentierter Grenzdurchbruch am Bauelement UL 12.41S. Berliner Mauer. 1980er Jahre. Quelle: Ministerium für Staatssicherheit. (BSTU)

 

Die Neubrandenburger waren in Europa Marktführer für Mauerelemente. Das fleißige Kombinat hatte im mecklenburgischen Malchin zuverlässig viele Tausend Betonsegmente für die Berliner Mauer gefertigt. UL 12.41S war die Katalogbezeichnung für ein 3,60 Meter hohes und 1,20 Meter breites, L-förmiges Stützwandelement. Das „S“ stand für „Sonderelement mit Kopfstück“. Anfang November 1989 endete abrupt die Auftragslage. Die Mauer war überflüssig geworden.

 

Einer der 450 Entwürfe für die Mauer zwischen Mexiko und den USA. Hadrian Construction Company. Quelle: US-Heimatschutzbehörde.

 

Nun sind die ersten Entwürfe für Donalds Schutzwall veröffentlicht werden. Die Ideen für den dreitausend Kilometer langen Wüstenwall reichen vom Hochsicherheits-Maschendrahtzaun über bunt bemalte Betonwürfel bis zu tiefen Gräben, die mit Atommüll gefüllt werden sollen. Trumps Mega-Projekt entspricht der Größenordnung der Chinesischen Mauer. Ein Entwurf lehnt sich sogar eng an das chinesische Vorbild an. Aus einer später begeh- und befahrbaren Mauer soll eine Touristenattraktion werden. So könnte die Trump-Mauer aussehen. Hier einige Entwürfe.

 

Eine Alternative. Aber derzeit chancenlos. Die schwebende Trasse. Ein Bauwerk, das verbindet und nicht trennt. Entwurf: „Made Collective“. (USA – Mexiko)

 

Bei der federführenden US-Heimatschutzbehörde gingen auch überraschende Alternativen ein. Eine Gruppe aus US-amerikanischen und mexikanischen Architekten setzte sich über alle Vorgaben „einer neun Meter hohen schönen Mauer“ hinweg. Das „Made Collective“ entwarf eine elegante Trasse für eine Magnetschwebebahn. Ein modernes Bauwerk, das verbindet und nicht trennt. Die drei Meter sechzig hohe Berliner Mauer übrigens stand – unterm Strich – genau 10.315 Tage und keinen Tag länger. Das war auch gut so, meinte der damals amtierende US-Präsident George Bush.

Der wahre Dylan

Nun fügt sich alles. Der Meister verbreitet ewige Wahrheiten. Über Liebe und Schmerz, Hoffnung und Verlust. Dafür darf sich Bob Dylan in Stockholm den Nobelpreis abholen. Die Kultur-Verwerter-Maschine läuft auf Hochtouren. Martin Scorsese arbeitet an einem neuen Biopic. In Tulsa, Oklahoma, USA öffnet das Dylan-Archiv. Zwei neue Bücher erscheinen. Der 76-jährige Dylan selbst tourt mit seinem gerade erschienenen Album Triplicate rund um die Welt. Was für ein Dreiklang, was für eine Dreifaltigkeit! Gott, Vater und Erdensohn Bob Dylan.

Times, they are a changing. Höchste Zeit an einen seiner wichtigsten Vorbilder zu erinnern. Dylan Thomas. Er gab dem jungen Songwriter Robert Zimmermann den Namen Dylan. Er inspirierte und befruchtete den heutigen Nobelpreisträger. Dylan Thomas war ein begnadeter Lyriker des 20. Jahrhunderts, ein gefallener Engel, genialer Trunkenbold und Schürzenjäger.

 

Dylan Thomas. *27.10.1914- 09.11.1953

 

Der Poet aus Wales ist ein weltberühmter Unbekannter. Mit seinen Versen hat er unzählige Künstler beeinflusst: neben Bob Dylan, Igor Strawinsky genauso die Stones wie die Beatles. Die Schauspielerin Catherine Zeta Jones, selbst Waliserin, nennt ihre Produktionsfirma „Milchwald“. Van Morrison widmete ihm seinen Song „For Mr. Thomas“. John Cale „Velvet Underground“ vertonte seine Gedichte.

 

 

 

Sein wichtigstes Werk ist „Unter dem Milchwald“. Ein Spiel für Stimmen. Das Porträt einer kleinen walisischen Stadt im Frühlingserwachen. An diesem Stück hatte er zwanzig Jahre gefeilt.

„Anfangen, wo es anfängt: Es ist Frühling, mondlose Nacht in der Kleinen Stadt. Sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehen-schwarzen, zähen, schwarzen krähenschwarzen fischerbootschaukelnden See. Die Zeit vergeht. Horch, die Zeit vergeht.“

Die Vorab-Premiere seines Milchwaldes – eine szenische Lesung – wurde im November 1953 in New York ein Riesenerfolg. Das Team zog danach ins White Horse Tavern, eine Hafenarbeiterkneipe, in der reichlich der Lebens-Saft floss. Drei Tage später war der kleine Waliser mit der großen Fantasie tot. Dylan Thomas starb mit 39 Jahren in Greenwich Village, New York City, USA.

 

„Nur du kannst die Häuser schlafen hören, in den Straßen, in der langsamen, tiefen, salzigen, schweigenden, schwarzen bindenumhüllten Nacht.“

 

Der berühmte Theaterkritiker Friedrich Luft urteilte anlässlich der Uraufführung in Edinburgh im Jahre 1955: „Seine quellende Sprache senkt sich wie ein warmer Regen über eine Landschaft des Alltags. Und siehe, nun blühen die Kleinstadtfiguren, werden spektakulär, werden in all ihrer Spießigkeit interessant, rund, tragisch oder komisch.“

 

Unter dem Milchwald. Ein großes Kult-Stück im kleinen Netzeband.

 

Ab Ende Juni 2017 ist „Unter dem Milchwald“ wieder im kleinen märkischen Netzeband eine Autostunde nördlich von Berlin zu sehen. Seit 20 Jahren wird in einem wunderschönen Park das Meisterwerk von Dylan Thomas mit überlebensgroßen Puppen und noch mehr Leidenschaft gespielt. Ein Kult-Stück. Nicht verpassen.

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Achtung Bücher!

Leipziger Buchmesse 2017. Alle Jahre wieder Frühlingserwachen. Die Qual der Wahl. Die intensive Suche nach dem neuen guten/schlechten Buch. Es wird gelesen, zugehört, diskutiert, gelobt und zerlegt. Pro und Contra. Ein weites Feld der Emotionen, Leidenschaften und persönlichen Überzeugungen. In Leipzig wird geworben, empfohlen und verworfen aus der Fülle der jährlich weit über hunderttausend Neuerscheinungen. Auf ein Neues: Außergewöhnliches, Ungewöhnliches, Abseitiges, Schönes, Wertvolles, Kuriositäten, Raritäten. Vom kleinsten Buch der Welt über antiquarische Entdeckungen bis zum prächtigen Bildband für tausendfünfhundert Euro und mehr.

 

Mein kleines Herzdorf ist auf der großen Messe zweimal vertreten.

 

* Samstag, 25 März 2017   20.30 Uhr

Leipzig Apothekenmuseum. Thomaskirchhof 12

So viel Anfang war nie

Moderation: Knut Elstermann

 

 

* Sonntag, 26. März 2017   12.00 Uhr

Leipzig Forum Literatur, Halle 4, F100

So viel Anfang war nie

 

 

Auf nach Leipzig! Sehen wir uns?