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Kartoffelkäfer flieg

Bis heute halten sich an Stammtischen sagenumwobene Geschichten über den gemeinen Kartoffelkäfer. Fantastische Episoden, voller Helden und Schurken. Weißt Du noch…?! Denn der Schädling kam aus der Luft und – aus dem Westen. Bekannt ist der Kartoffelkäfer auch als Ami-Käfer oder Colorado-Käfer. Er krabbelt weiter in Köpfen, Erzählungen zwischen Tresen und Stammtisch, vierter Molle und allerletztem Korn. Was ist dran?

Anfang Mai 1950 erreichte die junge DDR eine Kartoffelkäferplage. Sie führte zu Ernteausfällen. Fast die Hälfte der Anbauflächen war befallen. Wer war schuld? Die Käfer konnten nicht mit Insektiziden bekämpft werden. Geeignete Mittel fehlten. Leuna und Buna waren demontiert. Das Politbüro suchte und fand eine Lösung: Schuld ist der US-Geheimdienst. Die CIA schicke seine biologische Geheimwaffe, „die sechsbeinigen Botschafter von der Wallstreet“. Klassenkampf mit Käfern.

 

DDR-Propaganda. 1950.

 

Die Parteipresse entfachte eine erfolgreiche Kampagne („US-Bomber-Geschwader“; „Saboteure in amerikanischen Diensten“) nach der der „Leptinotarsa declemlineata = Zehnstreifen-Leichtfuß“ massenweise über der DDR nachts abgeworfen werde. Am 16. Juni 1950 veröffentlichte das Neue Deutschland (ND) den Aufmacher: „Gemeinsame Abwehrmaßnahmen gegen Kartoffelkäfer“. Warum? „Seit dem 22. Mai 1950 haben Flugzeuge, aus dem Westen kommend, über dem Gebiet der Republik Koloradokäfer abgeworfen.“

Das ND weiter: „Die Kriegstreiber im amerikanischen Lager haben, den Fußspuren Hitlers und seiner japanischen Spießgesellen folgend, aus Furcht vor dem Anwachsen der Friedenskräfte und in Erkenntnis der Schwäche der eigenen Position, die Verschärfung des sogenannten ‚Kalten Krieges‘ auch durch Anwendung der Methoden bakteriologischer Kriegsführung aufgenommen. Der Abwurf von Koloradokäfern auf das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik ist dafür ein Beweis.“

Bertolt Brecht „FÜR DEN FRIEDEN!“


„Die Amiflieger fliegen,
silbrig am Himmelszelt,
Kartoffelkäfer liegen
in deutschem Feld.“

 

Viele DDR-Bürger glaubten diesen Fake-News und sammelten in freiwilligen Einsätzen die gefräßigen roten Larven von den Kartoffelfeldern. Schon die NS-Propaganda hatte behauptet, US-Flugzeuge hätten über dem Reich Käfer abgeworfen. Tatsächlich hatte die Wehrmacht 1943 selbst rund 14.000 Kartoffelkäfer über der Pfalz abgeworfen, um zu testen, ob die Käfer den Sturz überlebten. Sie taten es, wurden jedoch nicht mehr eingesetzt.

 

DDR-Propaganda 1950.

 

Der gemeine Kartoffelkäfer war Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa eingewandert. Er hatte sich ostwärts durchgefressen. In der Folge des II. Weltkrieges erreichte er die Elbe, 1950 die Oder. Der schwarz-gelbe Kartoffelkäfer gehört zur Familie der Blattkäfer. Sie wachsen schnell heran, sind schon nach 14 Tagen fortpflanzungsfähig, vermehren sich extrem und überwintern im Boden. Heute kämpfen Öko-Landwirte mit Bakterien und Pflanzen-Extrakten gegen den äußerst resistenten Vielfraß.

 

Die Jugend sammelt den US-Käfer. DDR. 1950.

 

Sollten Sie in eine Dorfschenke einkehren, sofern es noch eine gibt, fragen Sie nach dem Kartoffelkäfer. Sie werden sehen, hören und staunen, wie schnell er wieder das Fliegen lernt.

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Bauer mit Kultur

Er knipste das Licht aus. Wickelte die Genossenschaft ab. Schickte fast siebzig Mitarbeiter in die Marktwirtschaft. Aus und vorbei. Siegfried Naumann. Letzter Chef der LPG-Tierproduktion „Thomas Müntzer“ im kleinen märkischen Netzeband. Sein Betrieb hörte auf den Namen des Bauernführers. Gut tausend Schafe und hundert Milchkühe gehörten dazu. Karges Land, schlechte Böden. Viel Arbeit, wenig Ertrag. Gleich nach der Wende das Ende. Naumann nüchtern: „Wir haben die LPG aufgelöst, weil die Landwirtschaft unter kapitalistischen Verhältnissen eigentlich nicht machbar war“.

 

Siegfried Naumann. (1935 – 2017) Bauer, Jäger, Reiter, Opernliebhaber. Für ihn war Kultur kein Luxus, sondern ein überlebenswichtiges Lebensmittel.

 

Siegfried Naumann ist ein pragmatischer Mensch. Und doch folgt er seinen Prinzipien. Er studierte Landwirtschaft und Pädagogik. Er liebte leidenschaftlich die Jagd und Arien von Wolfgang Amadeus Mozart. Er war ein passionierter Reiter und treuer PDS-Genosse. Ein gebildeter, lebenskluger Mann. Stets als Krisenmanager im Einsatz. In das abgelegene Netzeband kam er im Jahr vor der Wende weil die dortige LPG abgewirtschaftet hatte. Was er anfasste, hatte Hand und Fuß. Jetzt hörte das Herz auf zu schlagen. Mit 82 Jahren. Ein gesegnetes Alter – und doch reißt er eine Lücke.

Mit dem gebürtigen Sachsen Naumann traf ich mich letzten Sommer auf seiner Terrasse. Er war gerade von seinem Lieblingspferd verletzt worden. „Ich habe nicht aufgepasst, es kam von hinten, schubste mich. Ich habe wohl irgendeine Dummheit gemacht“. Aber er wollte lieber über sein Verhältnis zur Kultur reden. Naumann wollte den Bauern Musik und Theater näherbringen. „Wir hatten einen Freundschaftsvertrag mit der Komischen Oper Berlin. Dann haben wir geworben, dass Mitglieder unserer Genossenschaft und Dorfbewohner mitkommen, wenn wir mit Bussen mit 30, 35 Leuten nach Berlin fuhren.“ Ehefrau Gisela wirft ein: „Es gehört zur Wahrheit, dass sie sagten: Das ist nichts für uns! Machen wir nicht!“

 

Wer genau hinschaut, kann Fontane noch heute in der Mark Brandenburg entdecken.

 

Naumann lächelt verständnisvoll. Er machte einfach weiter: „Dann hat sich das nach und nach ergeben, als die ersten mitgingen, die wir belatschert hatten.“ Der Jagdhund zu seinen Füßen knurrt zufrieden. Mozart, Rossini und Verdi für die Menschen vom Land. Auch das war die DDR. Als die Planwirtschaft 1990 zusammenbrach, setzte er auf das, was ihm blieb: Kultur. Er unterstützte den zugereisten Landschaftsplaner Horst Wagenfeld. Der Düsseldorfer entwickelte Anfang der neunziger Jahre mit seiner Frau ambitionierte Theaterpläne. Naumann warb einen jungen talentierten Regisseur an. Er hieß Frank Matthus und war der Sohn des Komponisten Siegfried, den Naumann von der Komischen Oper kannte.

Naumann blieb Genosse, ging für die Linke, wie sie nunmehr hieß, in den Gemeinderat. Sein Herz aber schlug für den Förderverein. Beharrlich und konsequent unterstützte er den Anfang des Theatersommers von Netzeband. Er half Gorki und Goethe in die Provinz zu lohnen. Nun kamen die Städter aufs Land. Viele träumten von Idylle, Landlust und Selbstverwirklichung. Naumann blieb vorsichtig. Er räumt ein: „Wir hatten eine Voreingenommenheit gegenüber den Wessis.“

 

Er liebte seine Pferde. Ohne sie konnte er nicht leben.

 

Das gemeinsame Projekt half Vorurteile zu überwinden. LPG-Chef Naumann und Landschaftsarchitekt Wagenfeld verstanden sich. „Ich habe viel von ihm gelernt. Ich habe auch politisch profitiert“, sagt Naumann und streichelt seinen Hund. Zehn Jahre später, Anfang 2000, scheiterte der Landschaftsplaner aus dem Westen. Er hatte sich übernommen, musste vier GmbHs in den Konkurs schicken. Genau wie Naumanns LPG einige Jahre zuvor. Tragisch nennt das Naumann. „Das habe ich nie begriffen. Er als eingefleischter Kapitalist hat so eine tolle Sache geplant und dann hat ihm die Bank den Kapitaldienst versagt.“

 

https://youtu.be/cPv9lH_23FU

 

Mit Kultur könne keiner reich werden, weiß Naumann. Aber Theater gebe den Menschen Hoffnung. „Schauen Sie sich heute um. Aus unserem Klein-Sibirien wurde ein einmaliges Theaterdorf. Er hat ein Denkmal verdient.“ Das sagte der alte Kommunist und ewig junge Opern-Liebhaber in seinem letzten Interview. So lernte ich Siegfried Naumann kennen. Ein Mann mit Kultur. Einfach, schnörkellos und überzeugend. Für ihn gilt das Hölderlin-Wort: „Wir, so gut es gelang, haben das Unsere getan.“

 

Last Song

So schnell kann es gehen. Für Juli war ein großes Sommerkonzert im gediegenen Schloss Neuhardenberg östlich von Berlin angekündigt. Ein Top-Ereignis. Summertime im Park mit Al Jarreau. Dann kam vor wenigen Tagen eine Absage der Veranstalter. Er sei zu erschöpft. Das Konzert müsse ausfallen. Diesen Sonntag (12. Februar 2017) wurde aus einer kleinen Nachricht traurige Gewissheit. Al Jarreau hat sich verabschiedet. Für immer. Der 76-jährige Sänger verstärkt nun das Himmels-Orchester mit David Bowie, Prince, Leonard Cohen und vielen anderen. Dort oben wird es ziemlich voll…

Al Jarreau gehört zu den Stars, die man nicht vorstellen muss“, hieß es im Programm für das Sommerkonzert in Neuhardenberg. Ein ganzes Orchester hatte er in der Kehle. „Singend, gurgelnd, mit der Zunge schnalzend, stöhnend, schreiend, flatternd, flüsternd, seufzend, knatternd“, lobte die Süddeutsche Zeitung in einem hymnischen Nachruf. So eroberte Al die Bühnen der Welt. Uneitel, aber hochmusikalisch. Seine Interpretation von Take Five machte ihn bekannt. So gewann er auch Menschen, die eher Lady Gaga oder Robbie Williams hören. Al Jarreau veredelte Dave Brubacks Jahrhunderthymne des Jazz.

 

 

Seinen Durchbruch in Deutschland gelang Al Mitte der Siebziger in der Hamburger Onkel Pö´s Carnegie Hall. Eine verrauchte Eckkneipe, in der sich damals auch Udo Lindenberg herumtrieb. Al Jarreau kam, sang und verzauberte. Das Publikum ist in den Jahren mit ihm „reifer“ geworden. Viele brachten zu den Konzerten gleich die ganze Familie mit, einschließlich der Enkel. Zuletzt huldigte der Ausnahme-Vokalist Jazz-Legende Duke Ellington.

Mit Al Jarreau ist schon wieder einer der Großen abgetreten. Was bleibt? Seine Lieder, seine unverwechselbare Stimme, seine einzigartigen Interpretationen. Al Jarreau lebt in diesen Songs weiter. Nur ein Beispiel: Gemeinsam mit Alita Moses stand er 2015 beim Montreux Jazz-Festival noch einmal auf der Bühne. Das sind zehn Minuten, die sich lohnen. Denn, das ist das Geheimnis guter Musik, mit solchen Künstlern ist selbst bei trübsten Aussichten … Summertime.

 

 

„summertime
and the living is easy
fish are jumping
and the cotton is high

oh you’re daddy’s rich
and your mum is good looking
so hush little baby
don’t you cry

one of these mornings
you gonna rise up singing
then you spread your wings
and you take to the sky

but until morning
there’s nothing can harm you
with daddy and mummy
standing by…

(George Gershwin)

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Hey Bots

Alle Jahre wieder ist Berlin die Kino-Hauptstadt der Welt. Knapp 400 Filme werden in den nächsten Tagen auf der Berlinale zu sehen sein. Glitzer und Glamour, Frust und Leid liegen nur einen roten Teppich entfernt auseinander. „Lebensbejahende Stoffe und Themen“ in schweren Zeiten verspricht Berlinale-Chef Kosslick im 67. Jahr. Tausende selbsternannte, selbstverliebte aber auch professionelle Filmkritiker werden die Darbietungen auf der Leinwand loben und zerlegen, verklären oder vernichten.

 

Die Stunde der Entscheidung. Manchmal herzbeglückend schön, manchmal abgrundtief zerstörerisch. Das war schon immer so in der Welt der Stars, Sternchen und filmenden Sinnsuchern. Kritik ist das Salz in der Suppe. Doch nun tauchen in der Flut der Kritiken erste Texte auf, die von Robotern geschrieben werden. Genosse Computer verwandelt mit der Macht der Algorithmen Textbausteine in Rezensionen. Achtung: „Powered by Narrative Science“. Meistens wird die maschinengesteuerte Quelle verschwiegen.

 

Journalisten. Hannah Höch. 1925.

 

Das Verrückte. Der geneigte Leser merkt es kaum. Noch besser: drei aktuelle Studien in Schweden, Deutschland und in den Niederlanden kommen zu ähnlich überraschenden Befunden. Computertexte werden als „deutlich informativer und vertrauenswürdiger“ eingeschätzt. Aber eben „auch langweiliger“ als von Menschenhand geschriebene Texte. Die schwedische Untersuchung konzentrierte sich auf Sportthemen. Niederländische Wissenschaftler testeten zusätzlich Börsenberichte. Die Münchner Untersuchung ließ 986 Befragte Sport- und Finanzberichte bewerten. Unterm Strich: Roboter-Texte gelten bei Probanden als glaubwürdiger und vertrauenswürdiger.

 

Auf in die schöne neue Welt. Kinohelden der ersten Stunde: Charlie Chaplin und Jackie Coogan 1921.

 

Wird der Mensch überflüssig? Wann erhält der erste Robotertext den Pulitzer-Preis oder als digitaler Drehbuchautor den Oscar? Schreibprogramme wie Swiftkey nutzen beispielsweise Shakespeare-Wendungen. Der Plot für Berlinale oder Buchmessen-Berichterstattung. Alles ist programmierbar. Bots – die Kurzformel für den englischen Begriff Robot – manipulieren nicht nur in den Netzwerken. Sie erobern nun auch klassische Felder des Journalismus. Gibt es noch Rettung auf der Reise in die Schöne Neue Welt? Unbedingt. Maschinen kennen keine Emotionen. Weder Glücksmomente noch Phasen totaler Verzweiflung. Momente, in denen wirklich große Texte entstehen. Bots sind exakt so gut wie sie programmiert werden.

 

Dieser Text ist Menschengemacht. 100 Prozent. Ehrenwort!

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Der große Deal

Deals zu machen ist in. Donald Trump lebt das Big Business vor. Beim Deal gewinnt der eine, der andere verliert. Wie herrlich altmodisch war da Ludwig Erhard. Einst konservativer Kanzler mit Zigarre. Vater des westdeutschen Wirtschaftswunders. Verfechter der Sozialen Marktwirtschaft. Sein Motto: Wohlstand für alle. Für den CDU-Mann war der Kompromiss das Wesen einer Demokratie. Ein gelungener Deal bedeute, dass beide Seiten am Ende glauben, das größere Stück vom Kuchen abbekommen zu haben.

 

Dr. Ludwig Erhard „Wohlstand für Alle“. 1957.  Quelle: Bundesarchiv

 

Wenn heute nach Gründen der Demokratieferne und -Müdigkeit der Ostdeutschen gefragt wird, muss an den großen Deal der neunziger Jahre erinnert werden. Das Prinzip Rückgabe vor Entschädigung war ein genetischer Fehler der Einheit. Eine Vorkriegs-Urkunde zählte mehr als jahrzehntelanger Besitz. Über 2,2 Millionen Rückgabeforderungen auf Wohn- und Wochenendgrundstücke wurden eingereicht und zum allergrößten Teil realisiert. Zwischen 1990 und 1991 verloren rund 2,5 Millionen Ostdeutsche ihren Arbeitsplatz. Zu keinem anderen Zeitpunkt in der deutschen Nachkriegsgeschichte verloren so viele Menschen Jobs und ihre alte Heimat.

Gelernte DDR-Bürger hatten viele Fähigkeiten. Das wichtigste Talent: Aus Nichts das Beste machen. Sie konnten Leitungen unter Putz legen, Geräte reparieren, Rohre verlegen. Sie hatten jedoch nicht gelernt, in Konkurrenzsystemen Karriere zu machen. Viele der Generation 40plus gingen folgerichtig einfach unter. Das DDR-System hatte stets verlangt, still zu sein. Der Westen verlangte nun, schrill zu sein. Jeder soll zuerst an sich denken, dann ist am Ende an alle gedacht. Der (neoliberale) Schlachtruf der letzten Jahrzehnte.

 

„Changes everything“. Seit 1914 auf jedem Fünf-Dollar-Schein. US-Präsident Abraham Lincoln. Gesehen in Berlin-Mitte.

 

Betriebe wurden geschlossen, Büros geleert, Biografien abgewickelt. Viele der Abgehängten zogen sich beleidigt zurück, wurden empfänglich für einfache Wahrheiten. Sie folgten Gruppen, die von einem Deutschland in den Grenzen von 1937 träumten. In den neunziger Jahren entschied häufig der Zufall, ob jemand Neonazi, Manager, Trinker oder Scientologe wurde. Es war nur eine Frage, wer als erster über den Weg lief und einen mitnahm. Die Enttäuschten bildeten die Fußtruppen der Pegida-Verführer. Heute sehnen sich unzählige Menschen nach Ordnung, Übersichtlichkeit und Heimat.

 

Gewitter über dem Land.

 

Was lernen wir aus der Geschichte? Wenig bis nichts, dämmert uns. Ein Gedanke, der unangenehm die Beine hochkriecht. Erich Kästner formulierte einmal scharfsinnig: „Immer wieder kommen neue Maler, die die Wände neu anstreichen. Es ist immer eine andere Farbe, aber immer dieselbe Wand.“ Es ist ärgerlich, dass es Diktaturen gibt. Aber noch ärgerlicher ist, dass immer wieder von neuem jede Menge Menschen mitmachen. Viele davon sind sogar äußerst intelligent.

Ludwig Erhard. Vor 120 Jahren geboren. Vor genau sechzig Jahren schrieb er den Klassiker „Wohlstand für alle“. (1957). Auf den Mann mit der Zigarre steht auch Sahra Wagenknecht.

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Da wächst Gras drüber

Hof und Haus, Stall und Scheune wurden gesprengt oder abgetragen. Abgeräumt und eingeebnet. Ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Über fünfzig Siedlungen ereilte dieses Schicksal. Mitten in Deutschland. Das Schicksal dieser Dörfer? Sie standen dem Kalten Krieg im Wege. Die Grenztruppen brauchten freies Schussfeld. Die Kommandos wüteten ab den frühen fünfziger bis in die späten achtziger Jahre. So verschwanden jahrhundertealte menschliche Ansiedlungen für immer.

 

Groß Grabenstedt. Kreis Salzwedel (Sachsen-Anhalt). Erstmals erwähnt 1291, gewüstet 1986. Foto: Anne Heinlein/Göran Gnaudschun

 

Wüstungen heißt ein ambitioniertes Ausstellungs- und Dokumentationsprojekt der beiden Potsdamer Fotografen Anne Heinlein (Jahrgang 1977) und Göran Gnaudschun (1971). Sie reisten viele Jahre buchstäblich ans Ende der Welt. Die Fotografen suchten und fanden Spuren einer untergegangenen Welt. Grenzdörfer, die verschwinden mussten, um „Angriffe auf die Staatsgrenze“ verhindern zu können. Störfaktoren und Verstecke mussten beseitigt, „Republikflucht“ unmöglich gemacht werden. Doch selbst das Planieren zahlreicher Dörfer im Grenzgebiet konnte die Fluchtwelle nie wirklich stoppen. In Nordwest-Mecklenburg stiegen 1988, im Jahr vor dem Mauerfall,  die Fluchtversuche sprunghaft an. Um 180 Prozent wie ein Bericht der Grenztruppen beunruhigt festhält.

 

Schmerbach. Kreis Schmalkalden-Meiningen. 1562 erstmals erwähnt. 1974 eingeebnet. Foto: BSTU

 

Jahrelang blutete die Republik aus. An ihren Rändern, im Grenzgebiet zum kapitalistischen Westen, verschwand still, heimlich und leise eine Ortschaft nach der anderen von der Landkarte. So wurden systematisch gewüstet: Bardowiek (Selmsdorf), Lankow (bei Mustin), Lenschow und Wahlstorf (Lüdersdorf), Neuhof (Gadebusch), Neu Zweedorf, Wendisch Lieps Billmuthausen, Erlebach, Leitenhausen, Dornholz, Groß Grabenstedt, Jahrsau, Stresow, Kaulsroth, Liebau, Korberoth, Schmerbach, Ruppers, Stresow, Taubenthal bei Falken, Vorwerk Karneberg, Gut Greifenstein, Rittergut Keudelstein, Stöckigt, Troschenreuth, Christiansgrün bei Tettau und weitere Dörfer.

 

Verblasste Erinnerungen. Orte, die verschwunden sind. Momentaufnahmen einer untergegangenen Welt.

 

Orte, die keiner mehr kennt. Es ist das Verdienst der Fotografen Heinlein und Gnaudschun sie wieder ins Gedächtnis gerufen zu haben. Collageartig halten die beiden Potsdamer untergegangenes Dorfleben fest. Alte Aufnahmen zeigen unbeschwerten Ringelreihen-Tanz oder Hofschlachtung.

Die heutigen Bilder der geschleiften Orte hingegen offenbaren verwunschene Naturparadiese. Erst mit dem Wissen um ihre Geschichte erhalten sie ihre eigentliche Bedeutung wieder. Wüstungen hatte es in der Menschheitsgeschichte immer gegeben. Im Dreißigjährigen Krieg waren ganze Regionen verwüstet worden. In allen Zeiten mussten ganze Dörfer Truppenübungsplätzen oder Braunkohlerevieren weichen.

 

Zur Ausstellung erscheint das gleichnamige Buch „Wüstungen“ im Distanz-Verlag. Berlin, 2017.

 

An der einstigen innerdeutschen Grenze verloren Tausende Menschen ihre Heimat. Dörfer und Siedlungen wurden im Namen einer Fortschrittsidee geopfert. Ironie der Geschichte: Der Schutzwall, der den Sozialismus vor dem Kapitalismus bewahren sollte, wurde nach seiner Überwindung binnen kürzester Zeit selbst zur Wüstung. Nun überzieht ein grünes Band die Wunde des Kalten Krieges. Auch wenn Orte wie Groß Grabenstedt oder Schmerbach mit ihrem Untergang bezahlen mussten.

 

„Wüstungen – Geschleifte Orte an der innerdeutschen Grenze“. Haus am Kleistpark, Berlin. Bis 5. März 2017. Eine sehenswerte Ausstellung.

Verteidigung des Abendlandes

Das Haus steht im Nirgendwo. Nächster Nachbar ist Frau Merkel mit ihrem wuchtigen Kanzleramt, Waschmaschine genannt. Ansonsten hoppeln ein paar Kaninchen durch den abendlichen Tiergarten. Abseits und doch mittendrin im Berliner Regierungsviertel steht die Schweizerische Botschaft. Frau Botschafterin Schraner Burgener, die tüchtige Vertreterin ihrer Eidgenossenschaft, lädt zum Empfang. Sie wirbt für Dichter und Denker des kleinen Alpenvolkes. Eine Handvoll der 70 Schweizer Verleger präsentieren ihr Programm.

Links geht es rein. Tradition und Moderne. Die Schweizerische Botschaft seit 2000 in Berlin. Quelle: Diener & Diener.

 

Durch ein Tor im Altbau, nach erfolgter Einlass- und Gesichtskontrolle führen breite Stufen in das Hochparterre einer stattlichen Gründerzeitvilla. Der Besucher ist beeindruckt: Viel Stuck und Ornament, Parkett und Flügeltüren, Samtbezüge an den Wänden und Kronleuchter an den Decken. Das Palais atmet den morbiden Charme des Großbürgertums. Das Gebäude der Schweizerischen Botschaft diente ab 1870/71 dem Arzt Frierich Frerichs als Praxis. Einer seiner Patienten, der Schriftsteller Dostojewski  staunte: „Diese Leuchte der deutschen Wissenschaft wohnt in einem Palast.“

 

Ein Haus abseits aber mittendrin. Die Schweizerische Botschaft in Berlin-Mitte. Seit knapp 100 Jahren Sitz der Eidgenossenschaft.

 

Als sich Internist Frerichs zur Ruhe setzte, wechselte die Arztpraxis im Alsenviertel mehrfach den Besitzer. Rauschende Bälle wurden im Palast gefeiert bis I. Weltkrieg und Revolution einen weiteren Wechsel brachten. Die Schweiz kaufte 1919 das Palais und hisste fortan das weiß-rote Kreuz Helvetias am Himmel über Berlin. Als die Nazis an die Macht kamen, rissen sie das Alsenviertel ab. Hier sollte am Schnittpunkt der gigantischen Nord-Süd-Achse der Mittelpunkt Germanias entstehen. Auch die Botschaft sollte für die neue Halle des Volkes weichen.

Eine Ersatzresidenz wurde für die neutrale Schweiz in der Tiergartenstraße errichtet. Doch alles kam anders. Der Krieg stoppte 1942 weitere Abrissarbeiten. Die Botschaft überlebte. Das Haus der kleinen Schweiz blieb als einziges Gebäude im Spreebogen des Alsenviertels stehen. Im April 1945 besetzte die Rote Armee die Schweizer Gesandtschaft. Von dort aus stürmten Stalins Stoßtrupps den Reichstag. Das verbliebene Botschaftspersonal wurde während der Kämpfe im Keller eingesperrt und später nach Moskau gebracht. Via Türkei kehrten die Schweizer Diplomaten später in die Schweiz zurück.

 

Berlin 1945. Die Schweizer Botschaft überlebte Hitlers Größenwahn. (Mitte hinten)

 

Die Teilung Berlins drückte die Botschaft an der Bismarck-Allee 1 an den Rand der Ost-West-Grenze, mitten ins Niemandsland. Mehrfach versuchte die Schweiz ihren letzten Restposten zu verkaufen. Doch niemand wollte das einsame Haus an der Grenze haben. „Ein Glück“, schmunzelt Frau Botschafterin. Nach dem Fall der Mauer wollte die Bundesregierung das Palais einverleiben. Doch die Schweizer blieben hartnäckig. Im Jahr 2000 eröffneten sie ihre Botschaft nach über fünfzig Jahren Funkstille vergrößert um einen modernistischen Anbau. Mitten im neuen Regierungsviertel.

 

Im Zeichen des Kreuzes. Im Jahr werden in der Schweiz 16 Millionen Bücher verkauft. Tendenz stabil. Die Zahl der Kontobücher soll deutlich höher liegen.

 

So können heute Literaturfreunde bei Käsehappen und Rotwein über den Untergang der abendländischen Kultur plaudern. Die Verleger klagen über knausrige Leser. Ein Schnitzel hält zehn Minuten. Ein Buch für den selben Preis eine Woche und länger. Sie schimpfen über ungeduldige User, die lieber IPads und Internet als das gute alte Buch konsumieren. Doch die Schweizer bleiben von Natur aus konservativ. Sie habe das Geschenk zum 50. Geburtstag, ein Kindle-Lesegerät, abgelehnt, betont stolz Botschafterin Christine Schraner Burgener. Das Publikum im Kronleuchter-Saal nickt erfreut. Es ist, als ob Dostojewski gleich die Flügeltür öffnen würde. Es könnte ihm hier gut gefallen, bevor er mit einem Augenzwinkern den Salon wieder geräuschlos verlässt.

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Zu den Sternen

Branten ist ein altdeutsches Wort für Pratzen oder Tatzen. Klanglich schwingt „Brandenburg“ mit. Das dünnbesiedelte Bundesland rund um Berlin ist flach, menschenleer, spröde. Preußisch angetretene Kieferwälder und endlose Rapsfelder geben sich die Hand. Über allem ein weiter Himmel. Die Bewohner sind wie das Land. Misstrauisch und wortkarg, aber verlässlich. Im Nordwesten Brandenburgs liegt Gülpe. Dank Google Earth leicht zu orten. Hier ist das Herz Dunkel-Deutschlands. Unbestreitbarer Vorteil: hier sind die meisten Sterne zu sehen.

 

 

Die Demografie hat diesen Landstrich zwischen Berlin und Hamburg eisern im Griff. Scharenweise sind in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten junge Einheimische abgewandert. Andere wiederum ziehen hierher. Suchen ihr Glück, versuchen in diesen menschenleeren Gegenden zu siedeln. Großstadtmenschen, die nach Wiesengrün und Himmelsblau, Erdbraun und Ziegelrot dürsten. Viele zeigen eindeutige Symptome der Stadtflucht, Landlust genannt. Diese Stadtflüchtlinge hassen Lärm jeder Art, suchen unbedingte Ruhe. Leere Häuser gibt es auf dem Land genug. So kommen sie an, aus der Stadt mit reichlich Illusionen und in teuren Halbschuhen.

 

 

Diesem brandenburgischen Landstrich gehen die jungen Frauen aus. Angeblich kommen beispielsweise in der Prignitz fünf Männer auf eine Frau. Das ist sicher übertrieben. Aber Männer ohne Frauen, so heißt es, werden Alkoholiker oder rechtsradikal. Leichte Beute für Populisten. In Brandenburg besteht die Unterschicht nicht aus Migranten oder Frauen, sondern aus abgehängten deutschen Männern. Sie wissen mit sich und der Welt nichts mehr anzufangen. Ist die Region ein Notstandsgebiet? Eine Zuwanderungswelle deutscher Singlefrauen in Brandenburgische Brüche ist bisher nicht erfolgt.

 

 

Dabei sind im dunkelsten Teil Deutschlands dank fehlender Licht-Verschmutzung, so der offizielle Begriff, die meisten Sterne zu sehen. Sterne, die glitzernd klar, hell und funkelnd sind. Zum Verweilen schön.

Bis zum Umfallen?

Rente mit siebzig, forderte Wolfgang Schäuble. Lebensfremd, konterte Andrea Nahles. Malochen bis die letzten Zähne ausfallen? Wer will das schon? Die Babyboomer-Generation steht vor einer großen Zäsur. Es ist nun mal so: Jeder will alt werden. Aber keiner alt sein. Malochen bis weit über 65? In einem kleinen Betrieb in der Nähe von Boston gehört diese Erfahrung zum täglichen Brot. Vita Needle heißt die Vorzeige-Firma im Vorort Needham. Durchschnittsalter: 74 Jahre.

Das Beste. Die vierzig Mitarbeiter kommen gerne und freiwillig. Sie sind zuverlässig, diszipliniert und belastbar. Sie arbeiten in der Regel vier bis fünf Stunden, manche deutlich mehr. Der Umsatz hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Die Alten produzieren in einer kleinen Werkhalle, die früher ein Tanzsaal war. Sie stellen Präzisionsnadeln aus rostfreiem Stahl her. Zum Aufblasen von Basketballbällen oder für Gehirnoperationen. Die Älteste? Rosa Finnegan. Kellnerin im Ruhestand, verwitwet. Mit 85 stieg Rosa bei Vita Needle ein und blieb bis zum 101. Lebensjahr. Eine vielgefragte Heldin zahlreicher Reportagen und Fernsehberichte.

 

 

Müssen im Trump-Land Senioren schuften, damit die Jungen arbeitslos bleiben? Ist das nicht pure Ausbeutung von alten Menschen in Not, die sich ihren Ruhestand nicht leisten können? Eine Perversion des amerikanischen Traums? Die Vita-Needle-Truppe winkt ab. Einige müssen in der Tat ein paar Dollars hinzuverdienen. Aber die meisten machen mit, weil sie „nicht alleine dahinrosten“ wollen. Dazugehören, gebraucht und geschätzt zu werden. Das zählt. Arbeit als Gemeinschaftserlebnis. Ein Sinnstifter. Hilfreiche Medizin gegen Frust und Einsamkeit.

 

Ein Leben lang hart geschuftet! Im Alter arm, ausgegrenzt und abgeschoben?

 

Die Beschäftigten sind frühere Lehrer, Handelsvertreter oder Ingenieure. Sie teilen sich ihre Arbeitszeit selbst ein. „Geht nicht!“ ist hier ein Fremdwort. Der Schlüssel zum Erfolg: Die Produktion ist äußerst flexibel, alle können mehr oder weniger für jeden Kollegen einspringen. Das Gehalt liegt über dem Mindestlohn. Die Senioren empfinden ihre Arbeit nicht als Last, sondern haben Spaß und sind hoch motiviert. Auch wenn die 94-jährige Grace King immer wieder mal bei der Arbeit einschläft, worüber legendäre Geschichten kursieren. Entlassen worden ist bis heute kein einziger Vita-Mitarbeiter. Freundschaften sind entstanden. Jeden Freitagabend trifft sich die 82-jährige Ruth Kenny mit Kolleginnen zum gemeinsamen Kochen.

Vita Needle ist bislang der berühmte Einzelfall. Aber einer über den sich nachzudenken lohnt. Wie wollen wir künftig im Alter leben? Wie kann aus altem Eisen Edelstahl werden, wenn die Rentenkassen geplündert sind? Hirnforscher Gerald Hüther schreibt: „Das Hirn lernt auch im Alter noch, wenn wir uns für etwas begeistern.“ Arbeit als Jungbrunnen, als Therapie oder „Urlaub“ vom tristen Seniorenalltag, so der 74-jährige Ex-Architekt Jim Downey. Seine Kollegin Rose Finnegan, die flotte Kellnerin, musste sich erst mit 101 Jahren aus der Firma zurückziehen. Es ging einfach nicht mehr. Das machte sie todtraurig. Nur ein Jahr später starb sie – im Alter von 102 Jahren.

 

Das Leben ist ein großer Roman, auch wenn man versucht, wahrhaftig zu sein. Das Ganze ist wie im Dorian Gray von Oscar Wilde. Das Bild altert, und man selber fühlt sich noch jung.

 

Mehr über die „Rentner GmbH – Arbeit und Selbstwert im Alter“ in dem lesenswerten Buch: „Geht´s noch?“ von Caitrin Lynch.

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Verordnete Trauer?

„Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Björn Höcke, beurlaubter Geschichtslehrer, Vordenker und Lautsprecher der AfD erhielt johlenden Beifall in Dresden, der deutschen Hauptstadt der Wutbürger. Was folgt? Die Schande Holocaust-Mahnmal abreißen? Planieren, um genau dort die „Altvorderen, die bekannten, weltbewegenden Philosophen“ und „Musiker“ aufzustellen? Schiller und Beethoven?

Höcke attackierte den Zeitgeist eines „brutal besiegten Volkes“ wenige Tage vor dem 75. Jahrestag der Wannsee-Konferenz. Dort fand die bürokratische Absegnung der Endlösung für elf Millionen europäische Juden statt. Fünfzehn hohe Vertreter von SS und Regierung unter Leitung von Reinhard Heydrich (Chef des Reichsicherheitshauptamts) trafen sich in der luxuriösen Villa zum Frühstück. Sie unterzeichneten ein Protokoll. Danach trank die Herrenrunde französischen Cognac.

 

Protokoll der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942: „Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten“.

 

Der Lehrer für Geschichte Björn Höcke weiter: „Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß` Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ Am Berliner Wannsee frieren in einem aufgestellten Zelt vor der historischen Villa, heute ein Gedenkstätte, derweil rund 200 Gäste bei der Erinnerungsstunde. Die Redner, allesamt hochrangige Vertreter des Staates, klagen die damalige „moralische Bankrotterklärung“ an. Bundestagspräsident Lammert betont besorgt, der Antisemitismus sei nicht ausgerottet, das Thema keineswegs erledigt.

 

Auschwitz-Birkenau.

 

Verordnete Trauer? Verschenkte Zeit? Rituale der „dämlichen Bewältigungspolitik“? Dann ergreift Otto Dov Kulka das Wort. Ein kleiner, alter Mann, fast Mitte achtzig, hellwache Augen. Er verbrachte fast zwei Jahre seiner Kindheit in Auschwitz. Da war er zehn Jahre alt. Er berichtet von einem älteren Mann, Imre hieß er, der den Kindern „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter beibrachte. Kulka, heute Professor für Geschichte in Jerusalem, beginnt die Ode zu summen. Erst leise, dann immer deutlicher: „Freude schöner Götterfunken…“

 

 

„…Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“ Imre begleitete die Kleinen vom Kinderblock auf der Mundharmonika. Schiller und Beethoven, die altvorderen Dichter und Denker in Sichtweite der rauchenden Krematorien. War es Protest? Das Beharren auf jenen unveräußerlichen Werten, die gerade in den Flammen verrauchten? Oder „ein Akt von extremem Sarkasmus“? Professor Kulka schaut fragend in die Runde. Eine Antwort gibt er nicht.

 

Vor einigen Jahren veröffentlichte der Auschwitz-Überlebende Otto Dov Kulka sein Lebenswerk. Es heißt Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft. In einem Interview wurde er gefragt, ob Menschen aus der Geschichte lernen würden. Kulkas Antwort: „Wir dürfen nicht aufhören, Erklärungen zu finden für den Verlauf der Geschichte, denn so etwas wie die Vernichtung der Juden kann wieder passieren.“