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Käfer mit traurigen Augen

Rums. Die Stille nach dem Crash. Immer wenn es krachte, war Verkehrswachtmeister Arnold Odermatt zur Stelle. Er regelte das Geschehen, nahm das Malheur in Augenschein und – knips – machte ein Foto. Immer nur eins. Die Rolleiflex hatte der Schweizer Dorfpolizist in einem Preisausschreiben gewonnen. Ab 1948 knipste er im Dienst, was er an Unfällen vor die Linse bekam. Seine Bilder von Karambolagen in der Schweizer Provinz wurden Anfang des 21. Jahrhunderts berühmt. Auf der Biennale – in Venedig.

 

Arnold Odermatt. Oberdorf, 1959. Quelle: Urs Odermatt/Windisch

 

Leidenschaftlich fotografierte Kantonspolizist Arnold Odermatt Autounfälle. Konzentriert, sachlich, streng. Momentaufnahmen des Schreckens. Konsequent auf das Wesentliche reduziert. Nie zeigte der Hobbyfotograf Opfer. Das war nicht seine Sache. Kein Blut, kein Tod, kein Leid. Lieber inszenierte er automobile Wracks auf Brücken, an Steilufern oder im Straßengraben. Pro Motiv eine Aufnahme. Als ein VW-Käfer im Vierwaldstätter See zu versinken drohte, schlug des Fotografen Herzen bis zum Hals: „Ich war aufgeregt wie ein Bub an Weihnachten.“ Der Polizist stand mit beiden Beinen im Wasser, als er den Käfer mit den traurigen Augen festhielt.

 

Arnold Odermatt. (* 1925) Kantonspolizist. Fotograf. Biennale-Teilnehmer. Quelle: Silvan Bucher.

 

Für den Schweizer Kantonspolizisten handelte es sich bei den Aufnahmen um Beweismittel, nicht um große Kunst. „Keine unnötige Ablenkung. Die Fotos sollten das Wesentliche zeigen“, betonte er. Erst lange nach dem Ende seiner Dienstzeit ereilte ihn späte Anerkennung. Sohn Urs Odermatt entdeckte bei Recherchen für sein Spielfilmprojekt «Wachtmeister Zumbühl» die Schätze seines Vaters. 2001 schließlich präsentierte Harald Szeemann die Fotos einem großen Publikum. Odermatt war der erste Polizeifotograf auf der Biennale in Venedig. Ausstellungen in Chicago und anderswo folgten.

 

 

Ein echter Odermatt – das sind stille, einprägsame Aufnahmen von Katastrophen und Unfällen, vom Glück im Unglück im Zeitalter der rasanten Motorisierung. Die manchmal bizarren Bilder entwickelte er selbst in der zur Dunkelkammer umgebauten alten Toilette seines Kantonspostens in Stans. Mittlerweile sind zahlreiche Fotobände erschienen. Seine Aufnahmen sind Kult. Nun sind die stilvollen «Karambolagen» des einfachen Kantonspolizisten Odermatt (Jahrgang 1925) wieder zu sehen. Wo? In seiner Heimat. Wo sonst?

Arnold Odermatt. Vom einfachen Dorfpolizisten zum international gefeierten Fotografen. Photobastei Zürich. Bis 12. März 2017.

 

Arnold Odermatt. Kantonspolizei Nidwalden. Quelle: Urs Odermatt/Windisch

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Der neue Mensch

„Revolutionär“. Die Russische Revolution wird hundert Jahre alt. „Das Alte, Morsche, Dekadente ist zerstört, das Neue wird gewagt.“ So viel Aufbruch war nie. In kürzester Zeit entluden sich in der Kunst ungeahnte Kräfte, Konzepte und Konstruktionen. An der Schwelle vom untergehenden Zarenreich zur neuen sozialistischen Gesellschaft war in Russland alles möglich. Eine hochproduktive kurze Zeitphase bis die stalinistische Kulturpolitik Ende der zwanziger Jahre alle Blütenträume einebnete und erstickte.

 

Boris. Grigorjew. Paar, Dieb und Prostituierte. 1917

 

Die Kunstsammlung Chemnitz zeigt aus diesem Anlass derzeit rund vierhundert Leihgaben aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov. Die Werke von 110 Künstlern umfassen Gemälden, Zeichnungen und Grafiken. Hinzu kommen Architekturmodelle, Vorarbeiten für Theaterdekorationen, Entwürfe für Bucheinbände, Plakate oder Porzellan. Die Auswahl erstreckt sich auf die Jahre 1907 bis 1930, also die Zeit vor, während und nach der Oktober-Revolution vom Herbst 1917.

 

Kasimir Malewitsch. Bauer beim Wassertragen. 1920

 

„Zwischen 1905 und 1920 erschütterten Revolutionen, Krieg und Bürgerkrieg das alte Zarenreich“, heißt es im Chemnitzer Ausstellungskatalog. Eine ganze junge Künstlergeneration wagte „einen ästhetischen und visionären Aufbruch, der Vorbote und treibende Kraft kommender Veränderungen war und diese begleitete. In keinem anderen europäischen Land verband die Avantgarde so unmittelbar Kunst und soziales Engagement.“

 

„Sozialistischer Realismus“ der dreißiger Jahre.

Dieser spannende Aufbruch in die Moderne begeistert. Mut, Größe und Tatkraft bestimmten diese kurze Epoche, als der Kunst freie Flügel wuchsen. Ein schmaler Horizont, bis Funktionäre die Zügel wieder anzogen und den Kunstbetrieb regelten. Bald wurden die Avantgardisten angefeindet, abgehängt und ins Exil abgedrängt.

 

Kunst als Waffe. Ein typisches Werk aus der Stalin-Ära.

 

Wer blieb, musste sich anpassen oder wurde verboten und verfolgt. In den dreißiger Jahren etablierte sich das Prinzip Kunst als Waffe. Nicht mehr die eigene Kreativität bestimmte das Handeln, sondern Auftragskunst setzte sich durch, dominiert von der Partei. Propaganda-Kunst, die auch heutzutage allerorten wieder Konjunktur hat. Ob vom Markt oder von Mächtigen bestimmt.

„Revolutionär. Russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov“. Kunstsammlungen Chemnitz. Bis zum 12. März 2017

Die Frau am Bass

Das neue Jahr fängt ja gut an. Mit einer Bassistin, die mit Dreißig vielen Rock und Jazz-Größen fulminanten Halt gibt. Die Dame heißt Tal Wilkenfeld, lebt in New York, kommt eigentlich von Down Under, vom anderen Ende der Welt. Sie begeistert immer mehr Fans. Vor kurzem hat sie ihr zweites eigenes Album vorgelegt. Es heißt Corner Painter. Die Bass-Lady aus Sidney ist eine Entdeckung wert.

 

 

Mit sechzehn warf sie die Schule hin, zog nach New York. Sie wollte Gitarristin werden, mit siebzehn stieg sie auf den E-Bass um. Mit Ausdauer, Talent und unbändiger Energie spielte sich Tal in die erste Liga der Jazz-Szene. Bereits mit 21 begleitete sie Chick Corea. Bald folgten Lee Ritenour oder Herbie Hancock beim Jazzfest in Montreux. Pop-Legenden wie Eric Clapton, Jackson Brown und vor allem Jeff Beck verhalfen der kleinen Bassistin zu Auftritten vor dem ganz großen Publikum. Tal steht in der Tradition von Jaco Pastorius oder Marcus Miller.

 

 

Es macht Spaß, ihren musikalischen Weg zu verfolgen. „Die australische Bass-Sensation“, schrieb der Rezensent der Washington Post. Der Kritiker war völlig aus dem Häuschen. Man müsse sie unbedingt kennenlernen, hieß es, als sie 2016 im Vorprogramm von Pete Townsends The Who auftrat. Leider stehen derzeit keine Konzerte in Europa an. Tal Wilkenfeld macht sich eher rar.

 

 

Der Berufsstand der Bassisten gilt allgemein als ein stiller, introvertierter und sehr zurückgezogener. Viel zu oft unterschätzt, sorgen die Männer und Frauen am Bass mit viel Gefühl und mächtig Hornhaut auf den Fingerkuppen für den optimalen Sound. Tal Wilkenfeld gehört dazu. Sie zählt nicht zu den Windmachern der Branche. Sie versucht keineswegs mit der Luftpumpe den Wind zu drehen. Interviews und Talk Shows sind nicht ihre Sache. Aber ihr Bass wärmt das Herz.

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Heroes

„Was haben Ihnen Ihre jahrelangen Studien der Natur über die Seele Gottes verraten?“ fragte der Papst Anfang des 20. Jahrhunderts den Naturforscher Alfred Russell Wallace. Seine Antwort: „Über die Seele Gottes habe ich nichts erfahren, aber eines ist sicher: Er hat eine große Vorliebe für Käfer.“ Roger Willemsen war wie der Tierforscher Alfred Brehm, über den er bienenfleißig ein Buch schrieb. Während der Zoologe Brehm 9.000 ausgestopfte Vögel untersuchte, sammelte Willemsen in seiner Welt Menschen und ihre Schicksale.

 

Ich hätte in diesen Tagen gerne einen Text von Roger Willemsen über den Abgang der Pop-Helden gelesen. Über die Bowies, Princes, Manfred Krugs, Cohens und George Michaels dieser Welt. Sie verließen uns 2016, so wie viele unserer Illusionen von einer freien und besseren Welt einfach dahinschmolzen. Die Helden schienen unsterblich. „Heroes, just for one day“. Sie versprachen in ihren Songs ewige Jugend, Kühnheit und die Willensstärke der Außenseiter, die sich von nichts aber auch gar nichts unterkriegen lassen. Forever young.

Aus und vorbei.

 

„We are heroes – just für one day“. David Bowie. 1947-2016.

 

Kein David Bowie, kein Prince, kein Leonard Cohen. Ihr Rebellentum muss fortan unter Grabsteinen gesucht werden. Wie bei Alfred Edmund Brehm. Über den Sammler notierte Willemsen allerdings Überraschendes: Er trat an, gegen „Pfaffenthum und Weltweisheit, gegen Schreibtischgelehrte in ihrer hohen und hohlen Weisheit.“ Er mischte „Empathie mit Empirie“, leuchtete historische Quellen aus und sammelte Beobachtungen. Fast wie bei Popstars. Die wir uns sowieso größer, stärker, entschlossener malen als sie jemals sein können.

 

Jede Zeit braucht Helden. Besonders in Zeiten, in denen – wie gerade – vorlaute Heilsbringer mit falschen Versprechen die Bühne erobern. „Raus in die Welt und raus aus der Welt“. Willemsen suchte stille, bescheidene, selbstlose Helden. Er beschrieb sie, setzte ihnen kleine Denkmäler gegen das Vergessen. Ob in Afghanistan oder Wanne-Eickel. Willemsen rannte rastlos durch sein Leben. Er führte mindestens sieben Leben. Tausende Interviews, Hunderte von TV-Sendungen, 36 Bücher.

 

Grabstätte Roger Willemsen (1955-2016) in Hamburg-Ohlsdorf. Jeder der Trauergäste durfte sich einen der 300 Ranunkel-Töpfchen mitnehmen. Seine Lieblingsblumen.

 

Am Ende faszinierte ihn die Perspektive des Todeskandidaten auf das Leben. Dieser kurze, rasante Countdown knapp vor dem Finale. Daraus bezog er seine Atemlosigkeit und Dringlichkeit. Sie bewahrte ihn vor stumpfsinnigem Fernsehkarrierismus und anderen Eitelkeitsfallen der Branche. Am Schluss fehlte ihm die Zeit. Er starb viel zu früh. Mit sechzig Jahren jung genug, um unstillbar neugierig zu bleiben, während andere mit dreißig vergreisen. Weil sie nichts mehr aufregt, alles nur noch langweilt. Sie träumten einmal so zu sein wie Bowie oder Prince. Oder vielleicht auch Willemsen. Zu spät. So ist das Leben. Alles Roger!

 

 

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Ins Offene!

Was für Zeiten! Das Weltenende nah? Der Dichter Hölderlin rief einmal in Zeiten großer Not: „Komm! Ins Offene, Freund.“ Der Gang aufs Land sei allemal besser als in der privaten Nische zu verfaulen oder im Clinch mit einer kaputten Welt zu verglühen. Stadtflucht und Landlust sind ein Wesensmerkmal der modernen, entwurzelten Gesellschaft. Gerade in Zeiten von Terror, Gewalt und Globalisierung suchen immer mehr Menschen einen sicheren Rückzugsort. Fort aus den Städten, hinaus aufs Land – zu Ackerbau und Viehzucht, Piepmätzen und Blumenkohl.

 

Seit langem verbreitet sich diese Landlust-Schwärmerei. Die Biomärkte sind rappelvoll, Kirchen dagegen leer. Die Sehnsucht nach Landleben ist zu einer Art-Ersatzreligion geworden. Bioprodukte haben zugleich viel mit sozialer Abgrenzung zu tun. Damit kann sich der moderne Mensch selbst optimieren. Früher war die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, heute arbeiten beispielsweise gerade noch drei Prozent der Brandenburger in der Landwirtschaft. In den frühen Neunzigern waren es noch knapp sieben Prozent. Die früheren Agrargebiete sind längst ein Land ohne Landwirte, ein Bauernland ohne Bauern geworden.

 

Wer kann noch Roggen von Gerste unterscheiden?

 

Landschaft und Natur werden auf die Rolle puren Freizeitvergnügens reduziert. Auslaufgebiete für Großstadtmüde. Ansiedlungsflächen für Golfplätze und Wellness-Center. Kinder wissen heute viel über Klimawandel und CO2, können aber Roggen nicht von Gerste unterscheiden. Wer könnte heute im Freien eine Woche überleben? Nur die wenigsten. Viele haben es lieber wärmer und bequemer. Aber natürlich mit Smartphone und W-Lan. Wer das Landleben nicht mehr kennt, erkennt auch nicht mehr, welche Gefahren der Natur aus menschlichem Handeln drohen. Wie wir in atemberaubend kurzer Zeit das, was die Erde in Millionen Jahren produziert hat, verbrauchen.

 

Eine ganze Branche bedient den Traum vom einfachen Landleben.

 

Was nun? Paradise Now. Den Garten Eden sofort! Wie einst Hölderlin und Hegel hofften die 68er auf einen grundlegenden Wandel. Diese Generationen tauschten wie die 89er ihre Hoffnung auf eine erneuerte Gesellschaft mit der nachfolgenden tiefen Enttäuschung. Von den großen Utopien blieb bei vielen nur die kleine Landflucht. Erst die Toskana, dann die Uckermark. Andere kamen nur bis zur Parzelle in der nächsten Laubenkolonie. Übrigens für Heimat gibt es im Französischen keine Übersetzung. Genauso wenig wie für das deutsche Wort Schadenfreude. Bestimmte Dinge müssen wir schon selbst regeln.

Frohes Fest

Alles wie immer und doch ganz anders. Aleppo, Ankara, Bagdad, Berlin, Lampedusa, Libyen. Das Zeitalter der Vereinfacher triumphiert. Trump, Brexit, Populisten aller Länder. Das Eis ist rutschig und dünn auf dem wir uns bewegen. In diesem Sinne allseits festen Grund im Neuen Jahr. Ein frohes und fröhliches Fest. Dazu viele gute weiterführende Ideen, Lösungen und Antworten für 2017. Weniger Sprüche, Sprechblasen und alternativlose Plattheiten. Den Vernünftigen eine Chance.

 

Weihnachtsheft der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo.

Frohe Weihnachten. Merry Christmas, Joyeux Noel, с Рождество́м!, عيد الميلاد سعيد

 

 

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Vermisst

Das Bild entstand 1913. Der Turm der blauen Pferde. Ein ganz großer Wurf. Intensiv, wild, expressionistisch. Ein Jahr vor Ausbruch des ersten großen Infernos des 20. Jahrhunderts. Vor genau einhundert Jahren starb an den Fronten des I. Weltkrieges dessen Schöpfer Franz Marc. Für Kaiser, Reich und Vaterland, wie es hieß. Die Pferde gehören zu seinen aufwühlendsten und bekanntesten Werken. Sein Werk hat den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden. Seit 1945 sind die Pferde spurlos verschwunden.

Der letzte bekannte Besitzer des Turms der blauen Pferde war Nazi-Größe Hermann Göring. Der selbsternannte Reichsfeldmarschall hatte das Gemälde nach Ende der Ausstellung Entartete Kunst im Jahr 1937 in München einfach beschlagnahmt. Es soll sich in seiner Privatsammlung befunden haben. Offiziell ist das Werk seitdem verschollen. Niemand weiß, wo es sich befindet oder ob es überhaupt noch existiert.

 

Hermann Göring nach seiner Festnahme am 9. Mai 1945. Im Hintergrund eine texanische Flagge der US-Army.

 

Der gebürtige Münchner Franz Marc hatte 1911 den Künstlerbund „Blauer Reiter“gemeinsam mit Wassily Kandinsky, August Macke und Paul Klee gegründet. Der Gruppe gelang ein atemberaubender Aufbruch in die Moderne. Intensive Farben, expressionistische Leidenschaft und ungezügeltes Temperament. Franz Marc: „In unserer Epoche des großen Kampfes um die neue Kunst streiten wir als Wilde. Die gefürchteten Waffen der Wilden sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.“

1914 tauschte Franz Marc Pinsel und Worte gegen Karabiner und Stahlhelm. Sein enger Freund August Macke fiel bereits wenigen Wochen nach Kriegsausbruch im Alter von 27 Jahren. Es dauerte ein weiteres Jahr, bis Franz Marc das Gemetzel an den Fronten entscheidend veränderte. In einem Brief an Lisbeth Macke, der Witwe seines Freundes August, schrieb er desillusioniert, der Krieg sei der „gemeinste Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“.

Franz Marc wurde 1916 in die „Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands“ aufgenommen. Damit konnte er vom Kriegsdienst befreit werden. An seinem letzten Einsatztag vor der Rückkehr fiel er während eines Erkundungsritts kurz vor Verdun. Zwei Granatsplitter trafen ihn tödlich. Das war am 4. März 1916 – vor hundert Jahren.

 

Der Turm der blauen Pferde. 1912/13. Beschlagnahmt, vermisst, verschollen.

 

Zwölf internationale zeitgenössische Künstler in Berlin und acht in München suchen nun mit Mitteln der Malerei, Skulptur, Video, Fotografie, Installation und Texten nach der Imagination dieses Bildes. Sie wollen neue Fragen rund um Mythos und Verbleib des Turm der blauen Pferde aufwerfen.

In Berlin mit dabei sind die Künstler: Martin Assig, Norbert Bisky, Birgit Brenner, Johanna Diehl, Marcel van Eeden, Julia Franck, Arturo Herrera, Christian Jankowski, Via Lewandowsky, Rémy Markowitsch, Tobias Rehberger, Peter Rösel
In München beteiligen sich: Viktoria Binschtok, Dieter Blum, Tatjana Doll, Slawomir Elsner, Jana Gunstheimer, Almut Hilf, Thomas Kilpper, Franz Marc, Dierk Schmidt.

 

Das Kunstexperiment startet am 3. März 2017 im Haus am Waldsee Berlin und sechs Tage später am 9. März in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München.

Über eine Zipfelmütze

Die Gedenkstätte Berliner Mauer zeigt sich empört. Eine weihnachtliche Zipfelmütze auf einem DDR-Wachturm. Das geht gar nicht. Kostümierung für einen Werbegag, nein danke! Direktor Axel Klausmeier: „Ich hoffe, die Initiatoren der Aktion entfernen die Mütze umgehend. Das hat für mich mit Humor nichts zu tun, sondern mit einer totalen Verfremdung eines historisch bedeutsamen Relikts zugunsten von Geschäftemacherei.“ Der Berliner CDU-Abgeordnete Schatz pflichtet konsequent humorfrei bei. Das sei „Verharmlosung des Unrechtsstaates DDR“.

Die Zipfelmütze – ein abgeschmackter billiger Jakob? Der Chef vom Projekt Berlin Wall Exhibition wundert sich. Seine Firma hatte den übrig gebliebenen, etwas versteckt stehenden Turm am Potsdamer Platz restauriert. Und jetzt den BT9, so im Grenzer-Jargon, vorweihnachtlich geschmückt. Seine Guides erinnerten täglich Touristen aus aller Welt an das DDR-Grenzregime, erklärt Jörg Moser-Metius gegenüber der Berliner Zeitung. „Wenn man dieser bedrückenden Atmosphäre etwas Humor in der Weihnachtszeit entgegensetzt, kann das jeder verkraften“. Die Mütze bleibt.

 

Der BT9 – Beobachtungsturm – ungeschmückt. Relikt der Teilung am Rande des Potsdamer Platzes.

 

Die Zipfelmütze – ein schlechter Witz? Humor war in der geschlossenen Gesellschaft DDR einmal eine wirkungsvolle Waffe. Je länger das Regime regierte desto besser wurde die Humorproduktion. Hohn und Spott blühten jenseits von Wachtürmen und Mauern besonders üppig. Der Witz ist die Waffe der Wehrlosen, sagte einmal Siegmund Freud. Ein Beispiel gefällig?

„DDR-Staatschef Honecker sieht eine große Menschenschlange vor einem Gebäude. Auch er stellt sich an, ohne zu wissen, was angeboten wird. Da löst sich die Schlange schlagartig auf. Honecker fragt seinen Vordermann: Kannst du mir sagen, Genosse, weshalb wir hier Schlange gestanden haben? – Klar, sagt der, die Leute standen hier, um ihre Ausreiseanträge abzugeben. Honecker: Und weshalb gehen die jetzt alle so plötzlich? Antwort: Na, wenn du einen Ausreiseantrag stellst, können wir ja alle hierbleiben!“

 

Am 4. November 1989 schlug die Schauspielerin Steffi Spira auf der großen Kundgebung am Alex vor, künftig möge doch die Staats- und Parteiführung am Volk vorbeiziehen.

 

Kein Witz. Solche Geschichten notierte damals der BND. Von Amts wegen. Die westdeutschen Nachrichten-Lauscher überwachten – streng geheim – den volkseigenen Humor-Output. Ein Beispiel von vielen aus der BND- Verschlusssache: „Was ist das: Es hat 80 Zähne und 4 Beine? Ein Krokodil! – Und was ist das: Es hat 8 Zähne und 52 Beine? – Das SED-Politbüro!“ In den späten achtziger Jahren notierte der westdeutsche BND diesen ostdeutschen Kalauer: „Warum sind DDR-Bürger immer so müde? Weil es schon seit 40 Jahren bergauf geht!“

 

In der Humorproduktion erreichte die DDR durchaus Weltniveau. Der „Krenzman“ stammt vom 4. November 1989, als das Volk seine Kreativität zum ersten Mal offen laufen lassen konnte…

 

Einer aus 40 Jahren Humorproduktion geht noch: „Sozialismus ist schöner als Sex. Da stöhnt man länger.“

Weitere Witze aus 40 DDR-Mauerjahren und wie und warum sie der BND gesammelt hat, bei Hans-Hermann Hertle und Hans-Wilhelm Saure: „Ausgelacht“. Ch. Links Verlag, Berlin.

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„Unser Uwe“

„Angela Merkel war vor kurzem hier. Heimlich. Ohne Tamtam. Einfach so. Und Thomas de Maiziere auch.“ Kurze Pause. Der Mann lächelt zartbittersüß. „Eigentlich hätte ich das vorher wissen müssen. Ich bin ja der Bürgermeister.“ Der Mann grinst weiter. Lokalstolz steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Städtchen Klütz ist ein Anlaufpunkt für Bundesprominenz. Warum?  Wegen eines Speichers, der zu einem Literaturmuseum für Uwe Johnson umgebaut wurde. Ein Mann, den auch sonst kaum noch jemand kennt.

Wie bitte, Klütz? Das Provinzstädtchen liegt am nordwestlichen Zipfel Mecklenburgs, auf halbem Wege zwischen Lübeck und Wismar. Eine stille, spröde Landschaft mit wortkargen Menschen, deren sanfte Hügel plötzlich in der Ostsee versinken. Ein Flecken Erde, einst Deutsche Demokratische Republik. Mitten in Deutschland, jedoch zwei Generationen lang in tödlicher Randlage. Östlicher Außenposten vor dem reichen Westen, gegen den sich die Oberen mit Sperranlagen und Küstenschutzbooten abriegelten. Zu viele schwammen von hier einfach rüber. Die meisten schafften es.

 

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Uwe Johnson. Schriftsteller im eigenen Auftrag. (1934 – 1984)

 

Uwe Johnson war vermutlich nie hier, muss die freundliche Mitarbeiterin des Klützer Literaturhauses eher kleinlaut einräumen. Aber der gleichfalls verschlossene wie geniale Chronist des geteilten Deutschlands Johnson erfand in seinen „Jahrestagen“ einen fiktiven Ort mit dem Namen Jerichow. Und dieses Jerichow „unweit der Lübecker Bucht“ passe auf Kluetz wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf. Darum das Literaturhaus.

Uwe Johnson war ein vertriebener Heimatdichter im besten Sinne. Er beschrieb Menschen, Landschaften und Traditionen, die sonst verloren gingen. Rastlos war er unterwegs, nirgendwo zuhause. Ein heimatloser Intellektueller. Geboren in Pommernland, seine Heimat im Nazi-Krieg abgebrannt. Aufgewachsen in der Barlach-Stadt Güstrow. Studium in den Fünfzigern in Leipzig. Parteifunktionäre, die ihm die Luft zum Atmen nehmen. Wechsel, nicht Flucht, wie er stets betonte, von Ost- nach West-Berlin. Dann der große Sprung nach New York, bald weiter in eine arme Arbeitergegend nach London. Dort starb er gerade mal mit 49 Jahren. An Alkohol, Weltschmerz und gebrochenem Herzen.

„Auch die rücksichtsloseste Diktatur“ ist nicht in der Lage „die Seelen ihrer Opfer zu beherrschen“, schrieb der Kritiker Joachim Kaiser über den unerschrockenen Erzähler Uwe Johnson. Mitglied der legendären „Gruppe 47“ und Weggefährte von Günter Grass, Max Frisch und Hannah Arendt. Johnson träumte die Sehnsucht vom freien Leben – ohne Unterordnung, Willkür und eitle Kulturfunktionäre.

 

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Uwe Johnsons Studienbuch an der Uni Rostock in der DDR.

 

In Klütz, am mecklenburgischen Ende der Welt, sind Spuren seines kurzen intensiven Lebens liebevoll zusammengetragen worden. Der vergessene Dichter darf hier reden: „Das Romane-Schreiben kann auch Geschichten-Erzählen sein. Für mich ist da aber noch etwas anderes dabei, nämlich der Versuch, ein gesellschaftliches Modell herzustellen. Das Modell besteht allerdings aus Personen. Diese Personen sind erfunden, sind zusammengelaufen, aus vielen persönlichen Eindrücken, die ich hatte. Und insofern ist der Vorgang des Erfindens eigentlich ein Erinnerungsvorgang.“ (Uwe Johnson. 29. Juli 1971)

 

 

Mehr Erinnern an diesen außergewöhnlichen Schriftsteller im Uwe-Johnson-Literaturhaus in Kluetz. Im Winter nur Do bis So von 10-16 Uhr geöffnet.

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Der Augen-Blick

Paris 1950. Das US-Magazin LIFE bestellte eine Reportage zum Thema „Verliebte in Paris“. Ein lukrativer Job. Der Fotograf Robert Doisneau zog los, um seine Heimatstadt für amerikanischen Leser auftragsgemäß einzufangen. Er entschied sich für ein junges verliebtes Paar mitten in der Menge, direkt vor dem Rathaus der französischen Hauptstadt. Dieser stürmische Kuss machte Karriere. Die Momentaufnahme verzauberte die Welt. Schlicht, in Schwarz-Weiß aber voller Hingabe. Ein Jahrhundertbild.

Vive l´amour. 1986 erlebte das Foto vom küssenden Paar ein weltweites Comeback. Es wurde wieder entdeckt, erschien in Magazinen und auf Postern. Mehrere Passanten meinten, sich auf dem Foto wiederzuerkennen. Sie verklagten Fotograf Doisneau auf Tantiemen. Doisneau weigerte sich. Erfolgreich. Denn er hatte dem Zufall nachgeholfen. Das Foto war mit zwei Pariser Schauspielstudenten inszeniert worden. Françoise Bornet und ihr Freund Jacques Carteaud erhielten für den Kuss sogar ein kleines Honorar. 2005, zehn Jahre nach dem Tod Doisneaus  wurde seine Rolleiflex-Aufnahme für 155.000 Euro an einen unbekannten Schweizer Sammler versteigert.

 

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„Un regard oblique, 1948.“ Quelle: Atelier Robert Doisneau, 2016.

 

Der Kuss war eine Ausnahme. Normalerweise inszenierte das Leben Doisneaus Arbeit. Der Alltag der kleinen Leute von Paris, das war sein Metier. Er fotografierte Naheliegendes und Abseitiges. Vor, während und nach dem II. Weltkrieg. So porträtierte er seine Sicht von Paris: Einfache Arbeiter und Handwerker. Tänzerinnen und Nachtschwärmer, Stadtstreicher und Straßenjungen, Einsame und Liebespärchen. In den Cafés, auf den Straßen oder in Vorortzügen. „Meine Fotos gefallen den Leuten, weil sie darin wiedererkennen, was sie sehen würden, wenn sie aufhören würden sich abzuhetzen. Wenn sie sich Zeit nehmen würden, um die Stadt zu genießen…“

 

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Quelle: Atelier Robert Doisneau, 2016

 

So durchwanderte er die Straßen der französischen Metropole. Über 350.000 Aufnahmen entstanden in fünf Jahrzehnten. Doisneaus Chronik eines steten Wandels und der doch immer ähnlichen Sehnsüchte. Das Streben nach dem kleinen und großen Glück. Festgehalten in Momenten, die Menschen verändern, überraschen oder in Bann halten. “Die Wunder des täglichen Lebens sind so spannend; kein Regisseur der Welt könnte das Unerwartete, das man auf der Straße findet, arrangieren”.

 
Längst zählen seine Arbeiten zum Besten der humanistischen Fotografie. Es zeigt, dass sich der genaue Blick doch lohnt. Beim Fotografieren und beim Betrachten. So entstehen statt hektischer Selfies zeitlose magische Momente. Liebevoll und geduldig verwandeln sich Anekdoten auf subtile Weise in einzelne Geschichten, die sich jeder selbst neu zusammensetzen kann. Der Standort im Schaufenster eines Antiquitätenhändlers war sicher kein Zufall, aber wie Doisneau den flüchtigen Augenblick der Voyeure festhält, erzählt viel von seiner Vorliebe für Humor, Details, Respekt und Zärtlichkeit.

 

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Quelle: Atelier Robert Doisneau, 2016

 

Unter dem Titel „Robert Doisneau – Fotografien. Vom Handwerk zur Kunst“ ist dem 1994 gestorbenen Pariser Fotografen eine große Retrospektive im Martin-Gropius-Bau Berlin gewidmet. Vom 9. Dezember 2016 bis 5. März 2017. Öffnungszeiten Mittwoch bis Montag 10:00–19:00 Uhr.

 

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Robert Doisneau. (1912-1994) Eine Aufnahme aus dem Jahre 1992.