Good Bye, Mister Cohen

Die Schlange bei der Einreise am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv nahm kein Ende. Warten auf die Güte der Grenzbeamten. Ich summte „First we take Manhattan, then we take Berlin“. Warum, weiß ich nicht mehr. Hinter mir begann plötzlich eine mittelalte Frau mitzusingen. Ich drehte mich um. Sie lachte mich fröhlich an. „I love him. Leonard is simply the best“. Für einen kurzen Moment verwandelte sich die nervige Warteschlange am Flughafen zur unwichtigsten Nebensache der Welt. Leonard Cohen verband uns. Wir lächelten beide.

120 wollte er werden. 82 Jahre ist er geworden. Der beste und tiefsinnigste Melancholiker, der mein Leben zuverlässig begleitet hat. Vor kurzem erst zelebrierte er bescheiden mit rauer Stimme seinen Abschied. You Want It Darker erschien vor wenige Wochen. Auf Hebräisch hauchte er „Hineni, Hineni“. »Hier bin ich, hier bin ich.« bedeutet es. Der zentrale Ausdruck in der jüdischen Religion für menschliche Aufmerksamkeit und Bereitschaft, eine Aufgabe mit eindeutiger Verpflichtung und Präsenz einzugehen.

 

 

Cohen beginnt sein letztes Album mit Hineni, I´m ready my Lord. In einem Interview erklärte er: „Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich.“ In seinem Abschiedslied heißt es weiter: »Wenn du der Dealer bist, bin ich raus aus Deinem Spiel. Wenn deines die Glorie ist, muss meines die Schande sein – du willst es dunkler, dann töten wir die Flamme.«

Cohen beschreibt eine Welt, »in der eine Million Kerzen brennen, für Hilfe, die niemals kam«. Wie kein anderer war er in seiner künstlerischen Arbeit der komplette Gegenentwurf zur heutigen Selfie-Spaßgesellschaft. Am Ende schien er all die Anfechtungen, Niederlagen und Schicksalsschläge zu akzeptieren – demütig, lebensklug und zum letzten Schritt bereit. „Hier bin ich.“ – „Hineni!

 

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„In Uffing wollte er sich erschießen“

Das Geburtshaus in Braunau soll abgerissen werden. Schluss mit dem Hitler-Rummel, sagen österreichische Behörden. Das wäre schade, meint Hobby-Historiker Harald Sandner. Er legte vor kurzem sein Mammutwerk vor: Hitler. Das Itinerar. Itinerar bedeutet so viel wie „Reiseroute“ eines Herrschers.  Jedem Krümel seines Lebens spürte der Coburger Geschichtsforscher mit Hilfe von Urkunden, Chroniken, Zeitungsartikeln und Tagebucheinträgen nach. Ein weltweit einmaliges Werk, an dem er Jahrzehnte arbeitete.

Der Mühe wert? Noch ein Hitler-Buch nach mittlerweile über achtzig seriösen Hitler-Biografien? Ja, schon stellt  das Itinerar stellt doch  etwas Neues dar. Die Sammlung ist Dokumentation, nicht Interpretation. Eine Art Hitler-Tagebuch, nur diesmal nicht gefälscht. Der methodische Ansatz: Hitler war ständig unterwegs. Das wird festgeghalten. Auf Reisen zelebrierte er seine Omnipräsenz und pflegte die propagandistische Inszenierung. Seine Botschaft: Ich bin überall. Hannah Arendt sagte dazu einmal: „Die Uneindeutigkeit des Machtzentrums ist das entscheidende Charakteristikum totaler Herrschaft.“

 

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„Unsern Hitler gibt uns täglich“. Itinerar-Forscher Harald Sandner. Foto: Philip Artelt.

 

Nehmen wir den 9. November 1923. Hitler ist auf der Flucht. Sein Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle endet mit einem ausgekugelten Arm. Sein großangekündigter Putsch versinkt im Desaster. Es gibt zwanzig Tote. Hitlers linker Arm ist lädiert, weil der bei ihm untergehakte Max Erwin von Scheubner–Richter von Kugeln getroffen auf den Anführer der NSDAP fiel. Auf dem Fluchtweg über Pullach ins oberbayrische Uffing bleibt der Wagen mit Motoschaden stehen. Auf Nebenwegen erreicht Hitlers Flucht-Trio am Abend erschöpft das Anwesen der Erna Hanfstaengel in der Uffinger Rußbichlstraße 2.

 

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Fluchtpunkt Uffing. Rußbichlstraße 2. Quelle: Harald Sandner.

 

Was dann passiert, schildert Itinerar-Autor Harald Sandner so: „Hitler ist leichenblass und barhäuptig. Gesicht und Kleidung sind schmutzig. Er hält sich im ersten Obergeschoss auf. NSDAP und SA werden verboten. Bei einem Putschteilnehmer wird Hitlers Notverfassung gefunden, in der es heißt: „Alle in Deutschland aufhältliche Angehörige des jüdischen Volksstammes sind in Sammellager zu überführen.“

Am darauffolgenden Sonnabend beschattet ein Gendarmerie-Kommissar das Haus. Die Polizei hat Hitlers Schlupfloch in Uffing ausgekundschaftet. Am Sonntag, den 11. November 1923 gegen 17 Uhr umstellen sieben Polizisten das Bauernhaus. Hitler bemerkt die Falle, zieht seinen Browning-Revolver und will sich im Wohnzimmer töten. „Das ist das Ende! Mich von diesen Schweinen verhaften lassen … niemals! Lieber tot!“ Harald Sandner weiter: „Frau Hanfstaengl entwindet den Revolver durch einen Jiu-Jitsu-Griff. Hitler sitzt in einem Polstersessel im Schlafanzug mit blauem Bademantel, als er durch Oberleutnant Rudolf Belleville verhaftet wird.“

 

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Sandners Mammutwerk. „Hitler. Das Itinerar“.

 

Wenig später stellen die bayrischen Behörden einen Schutzhaftbefahl aus. Was wäre der Welt erspart geblieben, hätte nicht ein beherzter Griff einer Frau Hitler an seiner Tat gehindert. Ausführlich beschreibt Harald Sandner diese Szene und viele weitere aus den 11.443 Tagen im Leben des Diktators. Hitler. Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945. Vier voluminöse Bände. 2.432 Seiten. Stolzer Preis: 499 Euro.

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Bürger begehren

Herrschaft bedeutet im Alltag primär Verwaltung, schrieb vor hundert Jahren Vordenker Max Weber. Heutzutage im Internetzeitalter produziert Verwaltung zuallererst Verdruss. Es heißt Warten auf die Gnade eines Termins. Auf einen Bescheid, eine Zugangsnummer, eine wohlwollende Prüfung. Der Bürger hat dankbar zu sein. Der Ton in den Amtsstuben ist dementsprechend rau. Hier überforderte Beamte, deren Dienststellen zusammengespart wurden, dort frustrierte Bürger, die ungeduldig auf einen Hauch  Besserung hoffen. Das Ergebnis: knechtische Gesinnung breitet sich aus. Folge einer tyrannischen Bürokratenherrschaft, die ihre Waffen Abstumpfung, Prinzipienreiterei und Gleichgültigkeit wirkungsvoll einzusetzen weiß.

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Beispiele gefällig? Bürgeramt Berlin-Kreuzberg in der Yorckstraße. Ein Herbsttag. 11 Uhr vormittags. Ein kranker Mann möchte einen Berlinpass beantragen. Die Dame hinterm Schalter: „Heute sind die Nummern alle, kommen Sie morgen wieder.“ Am nächsten Tag, 10 Uhr 20: „Heute sind die Nummern alle…“ Und so geht es eine Woche lang, bis…: „Ich möchte einen Berlinpass beantragen. Ich habe Krebs und war schon sieben Mal hier.“ Die Schalter-Dame: „Da können wir eine Ausnahme machen. Aber heute sind die Nummern alle, kommen Sie morgen wieder.“

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Nach mehreren Unfällen verlangen Bürger längere Grünphasen für Kinder und Alte an Ampeln. Berlins zuständige Behörde – die Verkehrslenkung VLB – antwortet nach sorgfältiger Prüfung: „Das führt nicht per se zu größerer Akzeptanz der StVO. Eine Verlängerung von fünf Sekunden für die querenden Fußgänger würde den Straßenverkehr für den MIV (Motorisierten Individualverkehr) erheblich beeinträchtigen. Die daraus folgende Staubildung führt zu weiteren Schadstoffbelastungen zum Nachteil von Mensch und Umwelt. Darunter würden alle Anwohner und vor allem die Kinder an Ihrem Wohnort leiden.“ Anliegen der Bürger abgelehnt.

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Da stimmt es geradezu heiter und gelassen, was Im Sommer zu Ferienende im Vorzeigebezirk Prenzlauer Berg geschah. An einer Grundschule fehlte zu Schulbeginn der Stundenplan. Kein Problem, sagten sich die Lehrer. Zur Beruhigung der besorgten Eltern konnten die Kinder am zuckerfreien Vormittag schon mal ihre Namen tanzen.

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„Freude durch Arbeit“

Eine große Mehrheit der Deutschen gibt an, gerne zu arbeiten.  88% erklären in Umfragen, Arbeit macht Spaß. Das ist weltweit Spitze. Typisch deutsch? – Typisch Luther! Da ist es das Mönchlein, das vor fünfhundert Jahren den Grundstein legte, Arbeit sei keine Strafe sondern sinnerfülltes Tun. Aus Beruf machte er Berufung, aus Musik eine höhere Mission. Die Folgen beschäftigen uns bis heute: Protestanten haben ein höheres Bildungsniveau als Katholiken. Am Ende des Tages klingelt es bei ihnen im Durchschnitt mehr im Portemonnaie. Zufall? Nein, sagen Luther-Experten. Das sei sein Erbe.

 

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Luthers Zeitgenosse Hieronymus Bosch machte sich ein eigenes Bild seiner Zeit. Hier: „Kreuztragung Christi“. etwa 1510-1535. Museum der schönen Künste Gent. Hiernoymus Bosch oder Nachahmer.

 

Martin Luther war ein Kraftmensch. Und ein Workaholic. Das Neue Testament übersetzte er in wenigen Monaten. Dabei plagte ihn eine 25-jährige Krankengeschichte. Der Darm quälte ihn – der Teufel auch. Ständig musste der Gotteskrieger Diät halten. Aber er konnte nicht stillsitzen. Seinen Arbeitseifer pflanzte er in die deutsche DNA. Heute macht der Durchschnittsdeutsche nicht nur die meisten Überstunden im Weltmaßstab. Nach wie vor opfert er zusätzlich seine freie Zeit in Bürgerinitiativen oder für Fußballvereine und im Schrebergarten.

 

Die angesehensten Berufe stellen in Deutschland keineswegs Ärzte, Professoren oder Ingenieure. Ganz oben im Sozialranking  stehen Feuerwehrleute, Altenpfleger und Krankenschwester. Auf Platz sechs der Rangliste folgt der Müllmann, erst mit großem Abstand folgen Wissenschaftler, Politiker oder Journalisten. Luther hat das Aufopfern für eine Sache übrigens genau salonfähig gemacht wie den Antisemitismus. „Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding.“

 

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So sah Hieronymus Bosch den „Aufstieg in das himmliche Paradies“. Zu Luthers Zeiten enschied der Geldbeutel über die besten Plätze.

 

Ab jetzt möchte die Evangelische Kirche 500 Jahre Luther ganz groß feiern. Manche träumen von einer zweiten Reformation. Dazu mobilisiert sie im Atheisten- Eintopf- und Besorgte-Bürger-Land alle Kräfte. „Ich und Luther – Am Anfang war das Wort“ lautet die PR-Aktion. Ob Seelen zurück-gewonnen werden, steht auf einem anderen Blatt. Die Auftaktveranstaltungen waren mit Politikern und Würdenträgern gut gefüllt, aber die Kirchen bleiben sonntags weiter leer. Auch die Amtskirche leidet unter der Vertrauenskrise wie alle Institutionen ob Parteien, Banken oder Medien. Der Versuch eines Comebacks, einer einer zweiten Reformation hat gerade begonnen. Ausgang völlig offen.

Zum Lutherjahr erscheint eine Flut an Biografien. Ein erster Einstieg bei Willi Winkler. Luther – ein deutscher Rebell Rowohlt.

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Vogel flieg

Wer ist der größte Feind einer guten Idee? Der eigene Kopf. Die eigene Mutlosigkeit. Und: Das Weiter-so-bloß-nichts-ändern-Denken. Jeder kennt das. In großen Unternehmen hat es der kleine Freigeist besonders schwer. Er trifft allzu schnell auf den Typus des Feldwebels. Dieser vertritt Dienstweg, Vorschriften und die Kraft der Vorgesetzten. Denken ohne Geländer? Geht gar nicht. So werden die besten Ideen zielsicher zur Strecke gebracht. Gebügelt, geplättet, notfalls bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen. Der Illustrator Christoph Niemann kennt diesen Kreislauf der Kreativen zur Genüge.

 

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Alle Illustrationen: Christoph Niemann.

 

Aus einem kleinen Fabelwesen, das so gerne das Fliegen lernen will, kann schnell ein bunter, prächtiger Paradiesvogel werden. Die Fantasie nimmt ihren Lauf. Ungehemmt, wild und herrlich geheimnisvoll verschlungen.

 

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Schon wetzen die Bedenkenträger ihre Messer. So nicht! Lautet ihr Urteil. Zurückgeschnitten wird der Vogel, so einer kann doch nicht fliegen. Untauglich, riskant, das will doch keiner sehen.

 

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So wird der kleine Ideenvogel zurechtgestutzt, bis er gerupft und federleicht das Weite sucht. Eine einfache aber geniale Idee wird zu Grabe getragen. Da kann ja jeder kommen! Herzblut, Schweiß und Tränen sind umsonst vergossen worden.

 

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Zurück an den Schreibtisch. Ein guter Künstler kann Experimentieren ohne Rücksicht auf Verluste, sagt Christoph Niemann. Seine Lösung: Üben, üben und nochmals üben. Denn: „Schreiben, zeichnen, designen – darin ist man nicht einfach gut. Darin wird man gut.“

 

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Mehr über den fantasievollen Überflieger und Illustrator Christoph Niemann, der erst in New York und nun in Berlin lebt und der stets zwei unterschiedliche Dinge auf verblüffende Weise neu zusammenbringt, in seinem gerade erschienenen Buch Sunday Sketching bei Knesebeck.

Erinnerung an Esbjörn

Es war ein warmer freundlicher Sommertag, dieser 14. Juni 2008. In den Schärengärten vor Stockholm sprang Esbjörn Svensson in die Ostsee und tauchte ab. Sein Sohn wartete am Ufer. Dann passierte Schreckliches. Esbjörn verhedderte sich, tauchte nicht mehr auf. Das abrupte Ende einer Leidenschaft. Einer der bedeutendsten und einflussreichsten Jazz-Pianisten der Jahrtausendwende starb im Alter von 44 Jahren. Ein Unglück notierte die schwedische Polizei. Es war eine Tragödie für die Welt des Jazz.

Esbjörn Svensson, Sohn einer Konzertpianistin, revolutionierte den gefühlvollen Piano-Jazz. Der große Bach-Liebhaber setzte mit seinem Trio e.s.t. neue Maßstäbe. Nach dem Motto Weniger ist mehr machte er das Komplexe sinnlich begreifbar und ließ das Einfache nicht banal klingen. Er schuf auf seinem Flügel wahre Ohrwürmer, die er umspielte, erweiterte und um deren Kern er einfühlsam experimentierte. Großartiger Jazz zum Niederknien.

 

 

Jetzt über acht Jahre nach seinem Tauchunfall versuchen Esbjörns schwedische  Musikerkollegen ihrem unvergessenen Freund ein Denkmal zu setzen. Mit Unterstützung eines neunzigköpfigen Klangkörpers entstand in diesem Sommer die E.S.T Symphony. Der schwedische Dirigient und Arrangeur Hans Ek erweckte das verstummte Trio zu neuem Leben. Mit dabei die beiden alten Weggefährten Esbjörns: der Bassist Dan Berglund und der Schlagzeuger Magnus Öström.

 

 

Den Part des Klaviers übernahm der finnische Ausnahme-Pianist Iiro Rantala, die sinfonische Interpretation das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra.  Welcome back, Esbjörn Svensson. Geniale Musik kennt kein Verfallsdatum. Am 28. Oktober 2016 erscheint das Album E.S.T Symphony. Wir dürfen gespannt sein.

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Ein Leben mit vielen Akten

Es war das einzige Buch, das in fast fünfzehn Jahren meiner Moderationen auf dem Blauen Sofa während der Buchmessen sofort geklaut wurde. Es war ein neuer Bildband von Günter Rössler. Den damals bereits betagten Leipziger Fotografen begleitete ich von der Bühne hinunter zum Signieren an den nahen Autogrammtisch. Das Buch ließ ich für einen winzigen Moment liegen. Ein Fehler. Als ich zurückkehrte, war es längst weg.

 

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Günter Rössler. (1926 – 2012)

 

Rösslers Buch erschien 2006. Es hieß: „Mein Leben in vielen Akten“. Es erzählt die Geschichte eines DDR-Fotografen, der aus Leidenschaft unbekümmert und unverkrampft die Weiblichkeit in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hatte. „Nacktheit empfand ich von Anfang an nicht als Peinlichkeit oder etwas Verbotenes“, erklärte Rössler. So machte er sich ans Werk. Sein Vorbild: der italienische Maler Modigliani. Rössler arbeitete ohne großen Stab, Effekte und Aufwand.

Seine Bilder waren in der DDR Bückware. Sie erschienen in der kleinen aber begehrten Monatszeitschrift „Das Magazin“. Er fotografierte die Damenwelt gerne nackt aber genauso auch schick angezogen  für die Modezeitschrift „Sibylle“ oder die „Berliner Zeitung“. Rössler meinte mit einem Lächeln: „Die meisten Frauen, die ich liebte oder liebe, waren oder sind größer als ich.“ Seine Vorliebe galt natürlichen Motiven: „Juliette Greco beeindruckte ohne Spektakel. Große Wirkung durch das Einfache.“

 

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Günter Rössler. Berlin. 1966. Bildrechte: Günter Rössler.

 

Der „Helmut Newton des Ostens“. Dieses Prädikat konnte er partout nicht ausstehen. Inszenierung von exklusiver Schönheit der Reichen und Wohlhabenden waren ihm fremd. Rössler konzentrierte sich lieber auf Anmut und Wahrhaftigkeit von Schönheit. Am liebsten in Schwarz-Weiß, ohne Schnickschnack, wie er sich ausdrückte.  Nach  Wende und Siegeszug einer durchkommerzialisierten  Busenindustrie geriet der Leipziger Frauenfreund in eine tiefe künstlerische Krise. Er war ratlos. Rössler: „Aber die Kunst? Die Aktfotografie? Für wen? Und warum angesichts der Überfülle an Kunst und Künstlichem? Zwischen 1992 und 1995 fotografierte ich keinen Akt mehr.“

 

 

Voilà.  Mitte der neunziger Jahre erlebte er seine Wiedergeburt. Nach überstandener  Depression, erfolgreicher Herzoperation und junger Vaterschaft mit über siebzig Jahren zog er wieder los, um Frauen auszuziehen. Auf seine Art. Er schuf seine Welt mit Anna, Anastasia, Filia und wie sie alle hießen.

Die Ausstellung MEISTERFOTOGRAFIE. Günter Rössler & Michael Bader feiert in Leipzig noch bis zum 31.10.2016 den Fotografen, der die Frauen liebte – so wie sie sind.

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Musik, die träumt

Er wird viel gespielt, ist verkannt und vergessen. Von jungen Musikern wird er jedoch begeistert wiederentdeckt: Gabriel Fauré. Ein französischer Komponist und Pianist. Spätromantiker vom Scheitel bis zur Sohle. Ein stiller, leiser Mann, der die sanfte Macht der Musik zelebrierte wie kein anderer. Er ist es wert, gespielt zu werden. Besonders Cantique, sein Lobgesang. Komponiert im Alter von 19 Jahren. Ein frühes Meisterwerk.

 

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Gabriel Fauré. Mit Neunzehn gelang ihm ein ganz großer Wurf. Cantique de Jean Racine.

 

Der junge Student vertonte im Choral Cantique, auf Deutsch Lobgesang, eine 200 Jahre alte Textvorlage seines Landsmanns Jean Racine aus dem Jahre 1688. In dieser Hymne heißt es:

„Gieße aus auf uns das Feuer deiner machtvollen Gnade,

dass die ganze Hölle flieht vor dem Klang deiner Stimme.

Vertreibe diesen Schlummer einer trägen Seele,

der sie verleitet, deine Gebote zu vergessen.“

 

 

Das fünfminütige Loblied Cantique de Jean Racine wird gerne gemeinsam mit dem Requiem aufgeführt. Diese Werke verkörpern die magische Welt des Gabriel Faurés. (1845-1924) Seine Arbeiten sind intim und introvertiert, voller Anmut und Zauber. Er schuf eine vielfach verkannte Musik, die träumt. Die in sich ruht. Fauré ließ beim Komponieren die Sehnsucht von der Kette. Er war stets auf der Suche nach der verlorenen Zeit, genau wie sein Freund und Weggefährte Marcel Proust.

Mit Mitte fünfzig erkrankte Fauré und wurde schwerhörig. Er zog sich einsam zurück. Späte Anerkennung fand er erst im Tod. Das offizielle Paris spendierte 1924 ein pompöses Staatsbegräbnis. Sein Requiem gehört heute zu den häufig gespielten Werken, ob vor zwanzig Jahren bei der Trauerfeier für Francois Mitterand oder jüngst für die Opfer des LKW-Attentäters von Nizza.

Richtig entdeckt habe ich Cantique bei einem Studenten-Konzert der Berliner Universität der Künste. Junge Musiker verabschiedeten liebevoll ihren langjährigen Ausbilder Professor Ulrich Mahlert, der nach 95 Semestern Ausbildungszeit, wie er sich ausdrückte, in den Ruhestand ging. Die angehenden Musiker der größten Kunsthochschule Europas boten Beethovens Zweite, Robert Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und eben Fauré. Zum Wegschmelzen schön.

Mehr bei Jean-Michel Nectoux. Fauré. Seine Musik – sein Leben.

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Was Recht war…

„Alles war Recht und Gesetz.“ – „Wir taten nur unsere Pflicht.“ – „Fachleute werden immer gebraucht.“ So hieß es unter Juristen nach Kriegsende. Der Rest war Schweigen. Jahrzehntelang. Erst jetzt über siebzig Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes klärt eine aufsehenerregende Studie, wie unbeschadet Justizvertreter in der Nachkriegszeit im neuen Bundesjustizministerium weiter machen konnten. Als wäre nichts passiert. Zehn von dreizehn Abteilungsleitern der Rosenburg, dem ersten Bonner Dienstsitz, waren im Jahre 1957 frühere Parteigenossen der NSDAP. Das bedeutet 76,9 Prozent. Mit dabei Eduard Dreher, einst Sonderstaatsanwalt am NS-Sondergericht in Innsbruck.

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Die „Rosenburg“ auf dem Venusberg bei Bonn. Erster Dienstsitz des neuen Bundesjustizministeriums mit reichlich altem Personal.

 

Eduard Dreher machte in der Rosenburg Karriere. Er stieg in den fünfziger Jahren am Bonner Venusberg zum Referatsleiter auf, kommentierte das Strafgesetzbuch und koordinierte die Strafrechtsreform. Dreher war unbestritten der Doyen des bundesdeutschen Strafrechts. Ganze Studentengenerationen paukten seine Texte. Niemand störte offenbar, dass er in der NS-Zeit am Sondergericht Innsbruck insgesamt 17 Mal die Todesstrafe gefordert hatte, für Vergehen wie diese:

 

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Eduard Dreher. Referatsleiter im Bundesjustizministerium. 1954-1969.

 

Drehers Liste:

  • Todesstrafe für Anton Ratgeber. Dem 62-jährige Mann wurde 1943/44 vorgeworfen, nach Fliegerangriffen geplündert zu haben. NS-Sonderstaatsanwalt Dreher wendete den § 1 der „Volksschädlingsverordnung“ an.
  • Todesstrafe für Josef Knoflach. Der 56-jährige hatte mehrfach Brot, Zucker und Speck aus einem Bauernhof gestohlen. Dreher bezeichnete den Angeklagten als  „gefährlichen Gewohnheitsverbrecher“.
  • Todesstrafe für Karoline Hauser. Die Frau hatte Kleiderkartenpunkte gestohlen. Dreher erklärte sie 1942 zum „Volksschädling“. Das Gericht verurteilte sie letztlich  nur zu 15 Jahren Zuchthaus.
  • Todesstrafe für Maria Pircher. Die Angeklagte hatte bei einem Luftangriff einen fremden Koffer aufgebrochen und Kleider im Wert von 400 Reichsmark entwendet. Sie wurde 1944 hingerichtet, nachdem Sonderstaatsanwalt Dreher für die Frau als sogenannte Rückfalldiebin den Strang gefordert hatte.

Der Vorzeigejurist Dreher setzte sich auch in der Bundesrepublik für die Todesstrafe ein. Seine Karriere zeige exemplarisch, so die Professoren Görtemaker und Safferling in ihrer Studie, wie sich altes Personal in neuen Ämtern etablierte. Viele NS-Gesetze seien folgerichtig nur oberflächlich entnazifiziert, eine Strafverfolgung von Kriegsverbrechern vereitelt worden. Fazit: die Justiz hat sich selbst amnestiert. Ein Persilschein auf ganzer Linie. Am bedrückendsten: Kein Wort der Einsicht oder Entschuldigung war jemals zu hören.

 

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Roland Freisler. Staatssekretär im Reichsjustizministerium. Vorsitzender des Volksgerichtshofes. Hitlers fanatischer Vollstrecker. (1893-1945)

 

Bleibt eine berechtigte Frage. Wäre etwa auch Roland Freisler, der Vorsitzende des Volksgerichtshofs, unbeschadet davon gekommen? Freisler hatte 1939 von seinen Volks-Richtern verlangt:

„Sie müssen ebenso schnell sein wie die Panzertruppe, sie sind mit ebenso großer Kampfkraft ausgestattet. (…) Sie müssen denselben Drang und dieselbe Fähigkeit haben, den Feind aufzusuchen, zu finden und zu stellen, und sie müssen die gleiche durchschlagende Treff- und Vernichtungssicherheit gegenüber dem erkannten Feind haben.“

Das Schicksal traf im Fall Freisler eine kluge Entscheidung: der furchtbarste Jurist des Dritten Reiches fiel einer Fliegerbombe zum Opfer. Wenige Monate vor Kriegsende.

 

Mehr über die braune Vergangenheit vieler Bonner Nachkriegs-Juristen in dem neuen und äußerst informativen Buch von Manfred Görtemaker und Christoph Safferling.  Die Akte Rosenburg. Das Bundesjustizministerium der Justiz und die NS-Zeit. C.H. Beck

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„Merkel muss weg“

Das muss weg, sagte sich Irmela Mensah-Schramm im Mai 2016. Die rüstige Rentnerin nahm eine Spraydose, Farbe Pink, und verwandelte die Parole in einer Unterführung  in ein friedlicheres „Merke! Hass weg“. Dazu sprühte sie zwei Herzchen. Die siebzigjährige Berlinerin wurde beobachtet, angezeigt und in diesen Tagen vom Amtsgericht Tiergarten offiziell verurteilt. Bei Wiederholung drohen der engagierten Frau 1.800 Euro Geldbuße und eine Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung.

Mit der grellen Farbe Pink habe sie wissentlich eine Sachbeschädigung herbeigeführt, argumentierte die übereifrige Staatsanwältin. Sie beharrte auf einer Bestrafung, obwohl das Gericht zu einer Einstellung des Verfahrens tendierte. Die Frau, die sich selbst einmal als Politputze bezeichnete, wäre damit vorbestraft. Dabei ist sie seit  dreißig Jahren unermüdlich in den Straßen Berlins unterwegs, um Hassparolen und Nazi-Schmähaufkleber zu entfernen.

 

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Irmela Mensah-Schramm. Jahrgang 1945. Geboren in Stuttgart. Seit dreißig Jahren in Berlin unterwegs.

 

Zweifelsohne ist Irmela Mensah-Schramm eine Überzeugungstäterin. Ihre Waffen: Ceranfeldschaber. Nagellackentferner. Dispersionsfarbe. Zivilcourage. Die gelernte Heilpädagogin hat mittlerweile über 130.000 Nazi-Parolen im Lande übermalt oder entfernt. Darüber führt sie penibel Buch. Warum? Weil aus Worten Waffen und aus Parolen Munition werden können, sagt sie. Hass-Graffitis sind für die Zehlendorferin ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Da müsse sie einfach einschreiten.

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Irmela Mensah-Schramm. „Ich gehe dagegen auf alle Fälle in Berufung“

 

Seit 1986 führt sie einen zähen einsamen Kampf um Sauberkeit im Straßenbild.  Dafür erhielt sie Schmähungen und Bedrohungen, aber auch das Bundesverdienstkreuz und zahlreiche Auszeichnungen. Wozu all das?  Irmela Mensah-Schramm: „Wichtig sind für mich Gespräche, die ich auch zu meinen Gegnern suche. Ich weiß aus Erfahrung, dass über bestimmte Dinge im Kollegenkreis oder in der Familie gesprochen wird und mein Verhalten mitunter Diskussionen auslöst – aber gerade das ist mein Anliegen.“

 

 

Doch manchmal gibt es kleine Erfolge: „Ich habe sogar erlebt, dass ich bei einem Zusammentreffen mit sympathisierenden oder bekennenden Nazis diese so in Verlegenheit brachte und sie – ohne Drohung gegen mich – schweigend weggegangen sind.“ Nun geht es also bald in höherer Instanz um Angela Merkel. Das Urteil muss weg, meint sie. Dafür will sie kämpfen und in Berufung gehen. Aufgeben ist nicht, sagt sie.