Wir brauchen einen Willy
Die Bundesrepublik ist mittlerweile 67 Jahre alt. Das Land hat bei allen Fehlern ein paar Dinge geschafft: die längste Wohlstandsphase seit Menschengedenken, die stabilste Friedensperiode der deutschen Geschichte und eine Vereinigung, die den Kalten Krieg ohne einen einzigen Schuss beendete. Selbst die skeptischen Briten erklären die Deutschen in BBC-Umfragen regelmäßig zum populärsten Land der Welt. Und die Deutschen selbst? Sie maulen, meckern und folgen zunehmend denen, die Angst und Schrecken beschwören. Man könnte meinen, die Welt gehe bald unter. Und nur eine Kraft kann sie retten: die AfD.
Die Stärke der AfD ist eindeutig die Schwäche der etablierten Parteien. CDU, SPD und Grüne gelten als verbraucht und unfähig Probleme zu lösen. Angesichts einer biblischen Flüchtlingswelle, Folge der ungehemmten Globalisierung, ist das kein gutes Zeichen. Aber es fehlt noch mehr: Eine politische Elite mit Haltung, Herz und Zielen. „Die Willy Brandts wachsen nicht auf den Bäumen“, klagte einmal SPD-Vordenker Erhard Eppler. Dabei wäre ein Politiker von diesem Format nötiger denn je. Verzweifelter Ruf an die Götter: Wo ist ein neuer Willy?
Die Lage der Volksparteien ist kritisch. Jahr für Jahr verlassen zehntausende Mitglieder CDU und SPD. Ähnlich wie die Amtskirchen verlieren Parteien ihre wichtigste Ressource: das Volk. Doch deren Antwort lautet: verharmlosen und verschweigen. Stattdessen dienen Altparteien als Postenjäger- und Karriereunternehmen für 18.000 Berufspolitiker. Für viele gilt: Ein Talkshow-Auftritt zählt mehr als Sacharbeit. Loyalität ist wichtiger als Leistung. Mauscheln um Listenplätze ein notwendiges Übel. An die Spitze gelangen ehrgeizige Referenten oder Menschen mit ausreichend Sitzfleisch, für die Konferenzen der Kern ihres Daseinszwecks ist.
Handwerker, Bauern oder einfache Arbeitnehmer sind Mangelware im professionellen Politbetrieb. Wichtige Entscheidungen werden in kleinsten Kreisen gefällt, häufig an externe Berater delegiert, und anschließend nur halbherzig oder gar nicht erklärt. Verantwortung ist ein Fremdwort geworden. In den Parteien selbst wird über Wolfsrudelverhalten geklagt. Es herrsche ein zynischer Umgang, mit medialen Heckenschützen und Kannibalismus an der Spitze. Übrig blieben Politiker wie Volkmar Kauder oder Sigmar Gabriel. In der SPD beispielsweise war noch nie die Sehnsucht nach einem Willy Brandt so groß wie in diesen Tagen.
Vielleicht eröffnet der kometenhafte Aufstieg der AfD in diesen Tagen eine einmalige historische Chance. Die Volksparteien könnten sich wieder besinnen, dass sie Teil des Volkes sind und in zentralen politischen Fragen für das Volk da sein sollten. In den letzten Jahren schien im Politbetrieb die Sonne nur noch für clevere Strippenzieher und deren so fleißige wie anonymen Helfer.
Wer mehr über Willy Brandt wissen will, dem sei die Biografe von Peter Merseburger „Visionär und Realist“ aus dem Jahre 2002 empfohlen.


















