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Die Nacht im Eimer

Der Malerfürst Georg Baselitz liebt es kräftig, klar und am besten so richtig deftig. Seine Helden sind gegen den Zeitgeist gemalte grandiose Anti-Helden. Gebrochen, geheimnisvoll, verstörend. Sie sind gerade im Frankfurter Städel-Museum zu sehen. Berühmt wurde der gebürtige Sachse mit einem Geniestreich. Seit Ende der sechziger Jahre stellt er seine Motive einfach auf den Kopf. Verkehrte Welt, das Markenzeichen von Baselitz. Warum? „Ich war ein sehr aufmüpfiger, renitenter Typ und musste unbedingt was machen, was ich mir vorstellte, dass es nicht existiert in der Kunst.“

1938 kam er als Hans Georg Kern in Deutschbaselitz auf die Welt. Der Vater ein Nazi. Seine Heimat ein kleiner Ort in der Oberlausitz, wo er, wie er sagt, wild aufgewachsen ist. Im Alter von 21 Jahren verweisen ihn DDR-Funktionäre wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Kunsthochschule. Kern nimmt den Namen seiner Heimatstadt an und wechselt 1957 nach West-Berlin. Auch im Westen malt er weiter gegen herrschende Normen an. „Die große Nacht im Eimer“ sorgt für einen handfesten Skandal. Ein onanierender Junge. Pornografie wirft ihm der Zeitgeist vor. Es kommt zu einem Prozess. „Ich wollte Schweinereien machen. Und Schweinereien fing, dachte ich, an bei der Farbe.“

 

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Georg Baselitz. Die große Nacht im Eimer. 1962/63.

 

In seinem produktivsten Jahr 1965 steigert sich der junge Wilde Baselitz in einen wahren Bilderrausch. Er malt siebzig Werke in einem einzigen Jahr. Sein Heldenzyklus entsteht, später folgen die Russenbilder. Baselitz bevorzugt stets deutliche Worte. „Frauen können nicht so gut malen“, tönt er und „es gab in der DDR keine Künstler, nur Arschlöcher“. Das war einmal. Baselitz ist mit seinen 78 Jahren merklich ruhiger geworden. Er wiegelt ein wenig ab: „Ich war früher sehr aggressiv. Das hat sich ein bisschen geändert. Daraus ist Humor geworden.“

 

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Der Maler im Atelier. Aus „Georg Baselitz. Ein deutscher Maler.“ Doku aus dem Jahre 2012.

 

Mittlerweile zählt der Altmeister zu den Top 3 der Weltrangliste der Kunst. Seine Bilder hängen in allen berühmten Museen. Bei Guggenheim in New York oder auch im Berliner Kanzleramt, damals bei Gerhard Schröder. Der raubeinige Provokateur hat es zu einer Art Staatskünstler gebracht. Dabei bleibt er sich über die Jahrzehnte hinweg treu – allen modischen Trends zum Trotz. Er malt die Welt weiter sinnenfroh, unangepasst und konsequent kompromisslos. „Das Motiv ist eigentlich seit fünfzig Jahren immer das Gleiche: meine Frau, ich, der Adler, die Landschaft da, wo ich herkomme und so weiter.“

 

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So sieht Dragan Iljkic den großen Provokateur der Nachkriegsmalerei Georg Baselitz.

 

Baselitz Ehefrau Elke, mit der er seit über fünfzig Jahren sein Leben am Ammersee und in Italien teilt, ist seine schärfste Kritikerin. So malt der Künstler aus Deutschbaselitz ein Leben lang kräftige Bilder auf dem Kopf und gegen den Strich. Was ist sein Credo? „Wenn man das Gegenteil macht, von dem was gefordert wird, ist es genau richtig.“

Georg Baselitz. Die Helden. Bis zum 23. Oktober 2016 im Städel-Museum in Frankfurt/Main.

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Pardon me

Musik liegt im Blut. Musik ist ihr Leben. Kein Wunder. Die Jazz-Sängerin Jessica Gall stammt aus einer alten Berliner Musikerfamilie. Die Großmutter war klassische Pianistin, der Großvater Sänger. Ihr Vater tourte mit einer Kindertheater-Show durch die DDR. Die 36-jährige hat mittlerweile selbst zwei Kinder. Sie liebt die leisen, aber stimmungsvollen Töne. In hippen Mitte-Szenecafés ist sie nicht anzutreffen. Dafür legt sie lieber alle paar Jahre ein neues starkes Album vor.

 

 

Die Berliner Jazz-Szene ist nicht gerade mit weiblichen Stimmen gesegnet. Pascal von Wroblewsky und Jocelyn B. Smith geben seit vielen Jahren den Ton an. Jessica Gall hätte das Zeug zu einer großen Karriere. Sie ist eine Entdeckung wert. Ausgebildet an der Musikschule Hans Eisler hat sie Ausdrucksfähigkeit, Repertoire und Volumen um das berühmte Eis zum Schmelzen zu bringen. Sie hat das gewisse Etwas, eine Seele von Stimme.

 

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Jessica Gall. Sängerin und Mutter. Songs zum Dahinschmelzen. Sie ist eine Entdeckung wert.

 

Jessica jobbte als Background-Sängerin bei Phil Collins und Sarah Connor. Seit Jahren ist sie mit ihrem Mann Robert Matt und einer eigenen Band auf den Bühnen der Clubszene unterwegs. Aber um es ganz an den Spitze zu schaffen, sind zwei Kinder, die geliebt, gehegt und gepflegt werden wollen, keine Empfehlung. Vielmehr eine tägliche Herausforderung. Drei Alben hat sie in den letzten zehn Jahren veröffentlicht. Im Januar 2017 folgt ihre neue Produktion Picture Perfekt.

 

 

Demnächst ist Jessica Gall im Berliner a-trane live zu erleben. (6. – 8. September 2016. Beginn jeweils 21 Uhr). Es lohnt sich.

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Erfolg macht blind

Was kostet zerstörtes Vertrauen? 15 Milliarden, 30 Milliarden, 100 Milliarden Euro? So weit reichen die Schätzungen im Fall VW. So teuer könnten die Abgas-Betrügereien an elf Millionen Dieselautos werden. Ein Fiasko. VW taumelt vom weltgrößten Autohersteller, so der einstige ehrgeizige Plan, in den größten GAU seiner Firmengeschichte. Jedem Unternehmen ohne inneren Kompass, Werte und Vertrauen in die Mitarbeiter kann ein solches Schicksal blühen. Immer dann, wenn Erfolgstreben blind macht.

Ende Mai 2016 konnte Psychotherapeut Günter Funke vor 400 VW-Führungskräften zum Thema Vertrauen, Verkaufszahlen und Erfolg seinen letzten Vortrag halten. Der Kern seiner Ausführungen lautete: „Wenn Erfolg Recht gibt, dann ist jeder Betrug, der zum Erfolg führt rechtens“. Hier einige Auszüge aus der Wolfsburger Rede, dem die gesamte Führungsspitze unter  VW-Chef Matthias Müller atemlos folgte.

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Korrekt mit Schlips und Kragen. Wie altmodisch sind Fragen wie Vertrauen oder Werte?

 

 „Die Frage steht nicht erst seit heute Abend im Raum: „Wie ist ein solches Fehlverhalten zu erklären?“ Wir können auch fragen: „Was ist schief gelaufen, wie konnte das passieren, was ist falsch gemacht worden?“ Und die Antwort auf diese Fragen dann im vorgegebenen Rahmen der Regeln und Verordnungen die bei VW in Geltung sind, suchen. Systemimmanent also. Vielleicht wird dann festgestellt, dass das System in Ordnung ist, es gab halt Bedienungsfehler.

Wir können den Horizont aber auch weiter aufspannen, also grundsätzlicher fragen, nicht nur nach dem Fehlverhalten, sondern auch grundsätzlicher: Was hat gefehlt? Das bedeutet nach Gründen suchen und nicht bei den auslösenden Aspekten stehen zu bleiben. Das Fehlende wird oft erst sichtbar, wenn größere Zusammenhänge erkennbar werden. Um überhaupt erkennen zu können, was fehlt, muss ich ein Wissen um das Ganze haben. Dieses Wissen ist oft intuitiv vorhanden, wird aber zu wenig aktualisiert und zum Gegenstand einer vernünftigen Reflexion gemacht.

Denn Fehlverhalten basiert auf dem Fehlen von Haltung. Die Haltung eines jeden Menschen wird geprägt von den ihn leitenden Werten, ohne Werte ist eine stabile Haltung nicht möglich.

Bei etwas genauerem Hinsehen erscheint mir VW immer als ein eher autokratisch geführtes Unternehmen zu sein, das in seiner weltumspannenden Größe kaum noch wirklich zu führen ist. Autokratisch geführte Unternehmen weise oft erhebliche Mängel auf, die aber durch den anhaltenden Erfolg (die Verkaufszahlen stimmen) kompensiert werden. Erfolg ist für Innovation und Kreativität kein guter Begleiter, das hat uns die Neurobiologie gezeigt.

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Eine Hand wäscht die andere. Erfolg ist alles.

Je erfolgreicher wir eine Strategie über lange Zeit anwenden, desto tiefer fahren sich die „Autobahnen“ in unser Gehirn ein und wir verfügen am Ende nur noch über die Regeln und Mechanismen des gerade laufenden Erfolgsmodells. Das Gehirn schafft keine kreativen Vernetzungen mehr, es ist eingleisig werden. Wirklich kreativ wird ein solches Gehirn erst dann wieder, wenn der Karren vor die Wand gefahren ist.

Autokratisch geführte Unternehmen versteigen sich immer mehr auf die Zahl, auf die Erhöhung der Verkaufszahl, koste es, was es wolle. Es zeugt nicht gerade von Vernunft, wenn immer neue Steigerungsanforderungen als Ziel, als Motivation herausgegeben werden. Sie kennen das ebenso wie ich. Erhöhung der Akkordnorm führt immer zu großem Widerstand und zu Ängsten. Und dann werden Schlupflöcher gesucht. „Wie können wir dem auferlegten Stress entgehen?“ Um-gehen, anstatt umzugehen. Und da wird dann plötzlich wieder Kreativität frei. Auch Betrug kann Kreativität sein – aber ohne Bezug zu tragenden Werten.

„Wenn Erfolg Recht gibt, dann ist jeder Betrug, der zum Erfolg führt rechtens“

Die Angst gerät langsam in den Hintergrund, klammheimliche Freude ist spürbar – und doch – es wird nicht aufgehen. Das Gehirn adaptiert die zuerst noch wahrgenommene Fehlhaltung, die ja auch eine Schonhaltung ist, oder ein Vermeidungsverhalten, als normal. Es nimmt die Abweichungen von der geltenden Norm nach ca. sechs Wochen nicht mehr war, es sei denn, ganz tief verankert, im Grunde verankert wären Werte andere Werte als der Erfolg um jeden Preis. Wenn Erfolg recht gibt, dann ist jeder Betrug, der zum Erfolg führt rechtens.

Ich würde auch nicht von krimineller Energie sprechen, völlig überzogen. Ja, es war ein technisches Problem – und ein Werteproblem.

Verantwortung setzt Freiheit voraus, fehlt diese Freiheit zur Verantwortung dann wird alles schnell zum Zwang, es folgt das Gefühl des zum ständigen Müssens und das wird auf Dauer unerträglich. Parolen herausgeben: Noch mehr Autos verkaufen, weltweit größter Konzern zu sein etc., das ist einer Führungskraft heute nicht mehr würdig, offenbart eher Peinlichkeit. Ein Umdenken hat begonnen, ein not-wendiges Umdenken – oder ist es ein Um-Fühlen? Es geht jetzt nicht darum Schnellschüsse zu produzieren, wichtig ist, den Prozess zu beginnen, der zu neuen, werthaften Haltungen führt, und nicht nur ein wenig an der Oberfläche des Verhaltens zu kratzen.“ (Vortrag in Wolfsburg. Mai 2016)

Günter Funke. Vortrag vom 02.11.2015

 

Günter Funke war bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, als er den VW-Oberen die Thematik von Vertrauen und Werten ins Stammbuch schrieb. Der gelernte Theologe wurde bis zum Schluss nicht müde, daran zu erinnern, dass im Leben alles veränderbar sei. Man dürfe sich von seiner Angst nichts gefallen lassen, machte er seinen Mitmenschen bis zuletzt Mut. Günter Funke starb am 3. August 2016 im Alter von 67 Jahren.

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„Kommt zur Vernunft“

Viele Deutsche träumen von einem, der durchgreift. Der sagt, was Sache ist. Der handelt und regiert, statt zu diskutieren oder abzutauchen. Es ist der Wunsch nach einem aufgeklärten Herrscher. Es muss ja nicht unbedingt der Putin sein, heißt es, eher so einer wie der „alte Fritz“. Dieser König – Friedrich II von Preußen auch „Friedrich der Große“ genannt – erlebt eine Renaissance. Er war ein typischer Barockherrscher, sozial und rücksichtslos, bescheiden und luxusliebend, bemüht um gute Herrschaft, aber leichtfertig mit den Menschen. Er verfasste fünfzigtausend Gedichte in französischer Sprache. Deutsch war für ihn die Sprache der Pferdekutscher.

Aber wer war der Große? Sein Trauma: die frühe Zwangsheirat mit Elisabeth Christine, ausgelöst durch Vater Friedrich Wilhelm I, der ihn unbedingt loswerden wollte. Friedrich war gottlos, ein Atheist. Er kämpfte selbst auf dem Schlachtfeld, das machte ihm kein anderer Fürst oder König nach. Er ging gegen Mitternacht zu Bett und stand um drei Uhr früh auf. Er war ein Pedant und Prinzipienreiter. Delegieren konnte er nicht, denn „ohne mich geht nichts“. Er war akribischer als die Stasi. Er wollte alles wissen.

 

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Friedrich II von Preußen. (1712-1786) So sah ihn Andy Warhol.

 

Der Alte ruhte in seinem Volk, konnte unbewacht schlafen. Die Türen im Schloss waren stets offen. Das Volk hat ihn geliebt. Im idyllischen Rheinsberg verbrachte er seine schönsten Jahre. Dort liebte er märkische Abgeschiedenheit, Ruhe und Natur. Friedrich schrieb hier seinen Anti-Macchiavelli, ganz im Sinne eines Romantikers und Träumers. Auf dem Thron hingegen entwickelte er sich zum knallharten Strategen und Machtpolitiker.

 

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Vernunft im Sommer 2016. Gesehen im Pausenhof einer wegen Nachwuchsmangel aufgegebenen Schule in Freyenstein in der Prignitz.

 

Seine ersten Amtshandlungen als König 1740: Verbot der Zensur. Verbot des „Fuchtelns“, das heißt kein Prügelrecht für Offiziere gegenüber Rekruten. Verbot der Zwangsheirat. Da er selbst von seinem Vater so gedemütigt worden war, machte er sein persönliches Schicksal zur Richtschnur für die neue Rechtsprechung. Über alles setzte er den preußischen Gerechtigkeitssinn. Oder was er dafür hielt. Fritz predigte Toleranz. „Jeder nach seiner Fasson.“ Und der Alte hatte noch eine glasklare Botschaft: „Wenn die Vernunft ihre Stimme gegen den Fanatismus erhebt, dann kann sie die künftigen Generationen vielleicht toleranter machen.“

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Moment mal!

Überall in unseren Städten sind geheime Botschaften versteckt. An Wänden, Türen, Fassaden. Nicht die bunten Werbesignale, die uns animieren sollen, das vorteilhaft Angepriesene zu erwerben. Nicht die Hinweisschilder auf Ärzte, Firmen oder Behörden. Auch nicht die grellen Graffiti, die mehr oder weniger fantasievoll Flächen verkleben. Gemeint sind stille Botschaften wie jene am Bahnhof Zoo. Hier zählt ein Anonymus die Tage. Seine, unsere?

 

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Berlin-Charlottenburg. Savignyplatz.

 

Die allermeisten Passanten ziehen im Alltag achtlos an den kleinen Kunstwerken vorbei. Zu viel Hektik, zu wenig Zeit. Zu viel Hast, zu wenig Muse. Zu viel Lärm, zu wenig Ruhe. Innere wie äußere. So stehen die Zeichen verloren im Raum. Lost in the Cities. Bis sie weggekärchert werden oder langsam vor sich hin verwittern. Wie US-Präsident Abraham Lincoln auf dem Fünf-Dollarschein, der im Berliner Regierungsviertel verkündet: „Changes everything.“ Geld ändert eben alles, meint dieser unbekannte Verfasser.

 

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„Changes everything“. Berlin-Mitte im Regierungsviertel. Glinkastraße. Graffiti an einem der letzten unsanierten Häuser.

 

Also Augen auf im Straßenverkehr. Über weitere auffällig-unauffällige, geheime, witzige oder geistreiche Botschaften im Stadtraum würde ich mich freuen. Zum Sammeln und weitergeben. Einfach das Handy zücken, scharf stellen und an meine Mailadresse unter Kontakt schicken.

 

 

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Banksy. Park Street. Bristol.

 

Es muss ja nicht gleich ein Banksy sein. Ich bin gespannt. Wozu ist denn das schicke Smartphone sonst gut…?

 

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Banksy.

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Schaumbad in luftiger Höhe

Ein Bad in 426 Metern Höhe gefällig? In New York ist nichts unmöglich. Der feuchte Spaß in einer Marmorwanne im neuen Luxustower in der 432 Park Avenue hat natürlich seinen Preis. Eine Penthouse-Wohnung mit diesen Aussichten kostet 96 Millionen Dollar. In Frankfurt ist der kleine Bruder geplant. 2018 soll der Porsche Design Tower bezugsfertig sein. Es geht voran.

Der Investor verspricht eines der außer­gewöhn­lichsten Wohn­hoch­häuser Deutsch­lands. Etwas „Großartiges“ soll hier entstehen. Das Versprechen: „Ein Wohn­tower in außer­­ge­wöhn­­lichem, unver­­wech­sel­­­­barem Design mit exzellentem Interior und ganz beson­­derer Wohn­­qualität.“ Über Preise im Porsche-Turm spricht man nicht. „Oberes Preissegment“, heißt es nur. Eine Frage der Diskretion. Für die zahlungskräftige Klientel spielen Kosten eher eine nachgeordnete Rolle. Exklusiv dabei zu sein, das zählt.

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Porsche Design Tower. Frankfurt. Geplante Fertigstellung: 2018.

 

Bei mittlerweile über 1.1 Millionen deutschen Einkommensmillionären mit einem geschätzten Gesamtvermögen von über 2,7 Billionen Euro ist auch im eigenen Lande ausreichend Kaufkraft vorhanden. Das Privat-Vermögen ist übrigens deutlich höher als der Jahresetat, den Finanzminister Schäuble für die ganze Republik verwalten kann. Und noch eine Zahl: von den rund 1.300 Milliardären weltweit haben 135 Super-Vermögende einen deutschen Pass.

 

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Die neue Porsche-Welt. 160 Wohnungen im „oberen Preissegment“.   Foto: Porsche Design

 

Die Porsche-Welt kommt. Während der Rest der Welt sich mit den Folgen von Ungleichheit und Unsicherheit arrangieren muss. Kein schönes Drehbuch: Überall Religions- und Rohstoff-Kriege, Verteilungskämpfe, Terror, Massenflucht, Hungersnöte. Der neue Wolkenkratzer verspricht einen Vorteil. Die neuen 160 Luxuswohnungen ragen weit über die Niederungen des Alltags hinaus. Denn, so werben die Porsche Designer vollmundig: „Ansprechend gestal­tete Park- und Frei­­flächen, eine viel­­fältige soziale Infra­­struktur, die direkte Nähe zur City sowie ein phäno­­me­naler Aus­­blick auf Taunus und Skyline perfek­­tio­nieren den Standort und prädes­tinieren ihn für dieses einzig­­artige Bau­­vor­­haben.“

Der lange Atem

Wir sehen eine trostlose karge Landschaft. Lavasand. Steppengras. Einige Baumstümpfe ragen aus dem Boden. Apokalypse Now? Könnte sein. Aber es wächst ein wenig Grün. Mühsam behauptet es sich. Diese Aufnahme entstand in Island und stammt aus diesen Tagen, während das alte Europa in Angst und Schrecken versinkt. Das Bild zeigt ein kleines Wunder. Natur heilt Wunden. Auch wenn sie sich manchmal Zeit lässt. Sehr viel Zeit.

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Island. Sommer 2016.

 

Halldor Gudmundsson hat diese stille Landschaft fotografiert. Der langjährige Verleger und heutige Harpa-Konzerthaus-Chef schreibt: „Ein Wald in Island, der vor ca. 1.200 Jahren einer Überschwemmung oder Sandflut zum Opfer fiel, wahrscheinlich von einem Vulkanausbruch in Mýrdalsjökull verursacht, ist in den letzten Jahrzehnten langsam wieder aus dem Sand gekommen, unglaublich gut aufbewahrt.“

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Island. Foto: Heinz Kerber

 

Die Isländer debattieren in diesen Tagen intensiv, was die Rückkehr der Bäume zu bedeuten hat. Im Land der Sagen und Trolle ist der Glaube an Wunder und Naturphänomene keine Ausnahme, sondern Bestandteil von Tradition und Kultur.  Halldor ergänzt noch: „Dieser Wald stand da bevor die ersten Menschen nach Island kamen, und vielleicht wird er völlig auferstanden sein, wenn wir wieder gehen.“

 

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Warum tötest Du, David?

Was wir wissen: David S. war 18 Jahre alt. Deutsch-Iraner. Er wohnte bei seinen Eltern in einem gutbürgerlichen Viertel. Er ist der Amokläufer von München. Oder: Der unbegleitete Flüchtling aus Afghanistan. Er war 17 Jahre alt. Untergebracht bei einer Pflegefamilie. Der Amokläufer im Regionalzug nach Würzburg. Beide sind tot. Beide zerstörten das Leben anderer unschuldiger Menschen. Was wir nicht wissen: Warum? Was treibt junge Männer zum Töten an? Sind wir in Rambos Amerika angekommen?

 

„Um ein Haar wäre auch ich Terrorist geworden. Ich wäre der idealtypische Amokläufer gewesen: Kind einer dysfunktionalen Familie, einsam, verzweifelt, frustriert und geladen wie ein Fass Dynamit auf der Bounty. Jeder Sozialarbeiter hätte seine Freude an mir gehabt. Was mir freilich fehlte, war der Drang, mich an der Welt zu rächen.“ So stichelte einmal Henryk M. Broder mit der ihm eigenen Lust an zynischer Provokation.

Broder wurde nicht Terrorist sondern Journalist. Warum aber verwandeln sich junge Menschen in Killermaschinen mit dem einzigen Ziel möglichst viele Menschen mit in den Tod zu nehmen? Ist es wirklich die Aufmerksamkeit, die sie nach ihrer Tat umgibt? Oder ist es ihre Rache am Westen? An den Ungläubigen? Was auffällt: Islamische Gesellschaften produzieren für Jugendliche ohne Aufstiegschancen den Hass auf den Westen zum Nulltarif.

In Syrien oder Palästina sind Selbstmordattentäter Fernsehstars. Die Inszenierung der Attentate in den Medien spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt: Geistige Brandstifter liefern religiöse Untermauerung durch Koranzitate. Sie berufen sich auf die Sure „Die Sippe Imrans“: „Halte diejenigen, die auf dem Wege Gottes getötet wurden, nicht für tot. Sie sind vielmehr lebendig bei ihrem Herrn, und sie werden versorgt.“

 

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Die Welt ist schön. Aber nicht für alle. Sonnenuntergang bei Bora Bora. Französisch Polynesien.

 

Der Amoklauf des Attentäters als Ausstiegsszenario für alle Frustrierten dieser Erde? Was für eine apokalyptische Vorstellung. Wenn wir nicht in einer Orgie aus Gewalt, Selbstinszenierung und Untergangshysterie versinken wollen, muss gegengesteuert werden. Ausgangspunkt ist eine einfache Erkenntnis: Solange Menschenfänger wie die von der IS offenbar die bessere Sozialarbeit für Jugendliche leisten, ist alles andere vergeblich. Mit Benzin lässt sich kein Feuer löschen, auch nicht das des Terrorismus.

 

Die Zeugen Jehovas haben ihr Personal an Bahnhöfen aufgestockt. Sie versprechen Erlösung – im Jenseits.

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Stürmische Höhen

Sie ist die Elfe des Pops. Sinnlich, zärtlich, unnahbar. Ihre feine hohe Stimme könnte locker Gläser zum Zerspringen bringen. Kate Bush. Königin der distanzierten Poesie. Ihre beste Zeit hatte sie in den Achtzigern und Neunzigern. „Don´t give up“, sang sie herzzerreißend im Duett mit Peter Gabriel. Doch der Bush-Kult lebt. Ihre Hommage an die Dichterin Emiliy Bronte ist ein Dauerbrenner. Wuthering Heights, auf deutsch Sturmhöhe, zählt im Netz fast 22 Millionen Klicks.

Vor allem weibliche Fans huldigen der Waldfee in roten Strümpfen. Wuthering Heights war 1978 das Debut von Kate Bush. Der erste kommerziell erfolgreiche Song des Pops, komponiert und interpretiert ausschließlich von einer Frau. In ihrem Lied erzählt Kate die Geschichte des Findelkindes Heathcliff, das auszog das Fürchten zu lernen. Nun trafen sich Hunderte Bush-Jüngerinnen in Berlin zu einem Flash-Mob. Ganz in Rot, darunter einige Männer, tanzten sie mehr oder weniger elegant auf dem alten Flughafengelände in Tempelhof. Wie ihre Schwestern in Brighton oder Melbourne.

 

 

„Draußen auf dem trügerischen, windigen Moor
Rollten wir herum und fielen ins Grüne
Dein Temperament war so groß, wie meine Eifersucht
Zu heiß, zu gefräßig

Wie konntest Du mich verlassen
Wo ich Dich doch unbedingt besitzen wollte?
Ich hasste Dich dafür, doch liebt‘ ich Dich auch

Schlimme Träume in der Nacht
Du hast mir prophezeit, dass ich den Kampf verlieren würde
Ich lasse das Wüten, Wüten,
auf der Sturmhöhe hinter mir

Heathcliff, ich bin es, Cathy, Ich bin nach Hause gekommen
Mir ist so kalt, lass mich durch Dein Fenster.“

 

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Kate Bushs Vorbild Emily Bronte. (1818-1848) Wuthering Heights blieb ihr einziger Roman. Sie starb im Alter von dreißig Jahren vermutlich an einer Lungenentzündung, die sie einfach ignorierte.

 

Ein modernes Märchen. Genau das Richtige in Zeiten, in denen die reale Welt nur noch zum Weglaufen ist. Und so träumten sich viele Kates mit Blume im Haar und schwarzem Gürtel in stürmische Höhen. Besucher zückten ihre Handykameras , um das Massen-Ereignis sogleich ins Internet hochzuposten. Aus der Ferne wirkte der Tanz wie ein wogendes Mohnfeld an einem heißen Sommertag. Was für eine wunderbare Wiederkehr für Kate Bush, um die es im schnelllebigen Pop-Geschäft so still wurde. Am 30. Juli feiert die kleine Elfe mit dem roten Kleid ihren 58. Geburtstag.

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Lieber Luther

Am Anfang waren viele Worte – auf Deutsch. Die Bibel. Und dann?  Aufbruch. Reformation. Religionskriege. Staatsdoktrin. Im Gepäck: Deutsche Tugenden wie Arbeit, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit. Deutschland wurde so protestantisch geprägt wie kaum ein anderes Land der Erde. Und heute? Lutherland ist abgebrannt. Es gibt kaum eine Region in der Welt, die so vollumfänglich säkularisiert – sprich: entkirchlicht – wurde wie Luthers Heimat zwischen Eisenach und Wittenberg. Kirche, was war das noch?

Dennoch hat dieser aufbrausende gottesfürchtige Bibel-Mann aus Eisleben, der an Hexen glaubte, die deutsche DNA geprägt wie kein anderer. Bis heute. Die Deutschen sind fleißig, sparsam und obrigkeitsgläubig. Sie sparen wie die Weltmeister, kaufen keine Aktien, sind Überstunden-Rekordhalter, verfügen über das dichteste soziale Netz und lesen nach wie vor am längsten und intensivsten Bücher. Wenn auch nicht mehr Luthers Bibelübersetzung.

 

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Martin Luthers großes Werk. Die Heilige Schrift auf Deutsch.

 

88% der Deutschen geben an, gerne zu arbeiten. Da ist er der Luther, der postulierte, Arbeit sei keine Strafe sondern sinnerfülltes Tun. Aus Beruf machte er Berufung, aus Musik eine Mission. Sein Verdienst: Protestanten haben ein höheres Bildungsniveau als Katholiken und am Ende des Tages im Durchschnitt auch mehr in der Tasche. Zufall? Nein, sagen Luther-Forscher. Die Gemeinwohlorientierung habe er ins deutsche Gen hineingeimpft. Ob in der Rolle eines Dieners des Herrn oder des Fürsten, das spielt längst keine Rolle mehr. Heute ist es der Betrieb, die Bürgerinitiative oder einfach „die Sache“, für die sich die liebe Seele aufopfert.

 

Die angesehensten Berufe sind daher in Deutschland seit vielen Jahren keineswegs Ärzte, Manager oder Ingenieure, sondern in dieser Reihenfolge: Feuerwehrmann, Altenpfleger und Krankenschwester. Auf Platz 6 folgt der Müllmann, übrigens mit großem Abstand vor Wissenschaftlern, Politikern oder Journalisten. Luther hat das Aufopfern und Dienen einer Sache übrigens genauso salonfähig gemacht wie den Antisemitismus.

Nächstes Jahr möchte die Evangelische Kirche 500 Jahre Luther ganz groß feiern. Manche träumen von einer zweiten Reformation. Dazu mobilisiert die EKD im Atheisten- Eintopf- und Besorgte-Bürger-Land alle Kräfte. „Ich und Luther 2017 – Am Anfang war das Wort“ lautet die Parole. Ob neue Seelen in den Kasten springen oder gewonnen werden können, steht auf einem anderen Blatt. Diese Geschichte ist noch nicht geschrieben. Der Ausgang völlig offen.