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Der kleine Unterschied

Ost trifft West. Zwei Kulturen, eine gemeinsame Sprache? Von wegen. Aber: eine spannende Beziehungskiste. Yang Liu ist in Peking geboren und aufgewachsen. Als sie dreizehn war, zog sie 1990 mit ihren Eltern nach Berlin. Ein echter Kulturschock. Sprache, Sitten, Einstellungen, Umgangsformen – alles änderte sich auf einen Schlag. Das volle Programm. Sauerkraut statt scharfer Nudelsuppe.

Yang Liu schaute von nun an sehr genau auf die kleinen und großen Unterschiede zwischen westlichen Europäern und fernöstlichen Chinesen. Sie verglich Kartoffeln mit Reis, Äpfel mit Birnen, deutsche Pünktlichkeit mit chinesischer Lautstärke. Ihre Anregungen und Antworten suchte und fand sie gleich vor der Haustür, im Alltag: Ost trifft West.

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Yang Liu. Party.

In einfachen Piktogrammen erklärt die Designerin die komplizierten Feinheiten unterschiedlicher Lebensarten. Völkerverständigung ohne viele Worte, das ist ihre Kunst.  Sie erinnert sich, als sie nach Deutschland kam: „Alle Dinge waren genau das Gegenteil von dem, was ich gewohnt war. Es gab unzählige Male, in denen ich unvorstellbar verwirrt, überrascht, verärgert und geschockt war – oder ich musste einfach lachen.“

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Yang Liu. Im Restaurant.

Ihr simples Prinzip: sie schildert Szenen aus dem eigenen Umfeld, beobachtet Freunde, Nachbarn oder im Restaurant den Tisch nebenan. Zielsicher steuert sie die Kampfzone der kleinen Konflikte an, mit ihren gewollten oder ungewollten Missverständnissen. Typisch deutsch oder so ist er eben, der Chinese. Die Farbe Rot symbolisiert China, Blau den Westen.

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Yang Liu. Sonntags auf der Straße.

Mittlerweile ist Yang Liu eine renommierte Künstlerin. Sie arbeitete in Singapur, London, New York und seit einigen Jahren auch wieder in Berlin. Die nunmehr vierzigjährige Grafik-Designerin blieb sich in allen Zeiten und Kulturen treu. Sie  versucht unsere komplexe Welt mit einfachen Strichen zu beschreiben, ohne zu vereinfachen oder zu verniedlichen, aber stets mit einem Augenzwinkern. So erklärt sie uns in zwei neuen Bänden weitere Problemzonen des alltäglichen Culture Clash, wenn es heißt: „Mann trifft Frau“ und „Heute trifft Gestern“.

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Yang Liu. Transportsysteme.

Zur Zeit ist Yang Lius Welt der Piktogramme im Schloss Neuhardenberg bei Berlin zu sehen. „Mann trifft Frau“ – bis 31. Juli 2016.

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Umsonst und üppig

Es ist heiß. Wie in einer dampfenden Waschküche. Das Thermometer zeigt auch abends noch 32 Grad. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei über 90 Prozent. Nach wenigen Minuten ist das Hemd klatschnass. Jeder Schritt fällt schwer. Neun Damen scheint die Hitze der Hongkonger Nächte wenig anzuhaben. Sie sind nackt, bewegen sich nicht, ruhen oder posieren voller Gelassenheit. Schaut her, egal was passiert, das Leben ist schön. Nehmt die Widrigkeiten nicht zu ernst. Wie Schönheitsstatuen aus der Renaissance-Ära trotzen die starken Frauen dem Zeitgeist.

Fernando Botero feiert Premiere in China. Der kolumbianische Bildhauer zeigt seine Skulpturen und Werke in Peking, Shanghai und zum ersten Mal in Hongkong. „Meine Arbeit spricht eine universale Sprache“, schreibt Botero über seine erste öffentliche Ausstellung im wuseligen Hongkong direkt an der Waterfront. Er sei stolz, den sieben Millionen Hongkonger mit seinen Werken Anschauung, Abwechslung und Freude vermitteln zu dürfen.

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Fernando Botero in Hongkong.

 

Aufmunterung können die Bewohner der Sonderverwaltungszone derzeit gut gebrauchen. Die Stimmung ist schlecht. Jedenfalls den Umfragen nach. 42% der Hongkonger würden wegziehen, wenn sie es könnten. In Shanghai sind es nur 17%. Und zwei von drei Bürger Hongkongs (66%) meinen, ihre Stadt sei kein guter Ort für Kinder, um hier aufzuwachsen. Nur 17% der Shanghaier sind der gleichen Meinung.

Was ist los in der einst quirligsten Metropole des asiatischen Finanzkapitalismus? Düstere Endzeitstimmung? Die pure Angst vor der Übernahme durch die Volksrepubik China, die 2047 endgültig vollzogen wird? Von wegen. Die Menschen sind unzufrieden mit ihrer Stadtregierung, mit exorbitant hohen Wohnkosten und explodierenden Ausgaben für Bildung. Wohnen und Kinder sind Luxus. Hongkong hat weltweit mit die höchsten Ausbildungskosten für junge Menschen. Ein Kind kostet im Jahr 16.182 $, wenn es in Hongkong auf eine höhere Schule geht oder studieren will. Zum Vergleich: der weltweite Satz für einen Uni-Platz liegt im Durchschnitt bei 7.631 $.

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Neun Skulpturen sind an der Waterfront zu sehen. Bis 14. August 2016.

 

Wenigstens Boteros Damen im Zentrum der teuren Stadt machen eine löbliche Ausnahme. Sie sind kostenlos zu bewundern und zwar noch bis zum 14. August 2016.

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Maos mächtiger Schatten am Horizont

In diesen Tagen besucht Angela Merkel mit großem Gefolge China. Es geht um Big Business, Börsenwerte und neue ökonomische Partnerschaften. Handel und Wandel auf hohem Niveau. Im Riesenreich jedoch wächst die Zahl der Abgehängten, Enttäuschten und Zurückgebliebenen. Immer mehr Chinesen träumen von alten Zeiten. Von mehr Gerechtigkeit, einer verlässlichen Macht und vor allem von Mao. Selbst junge Volksrepublik-Chinesen verehren den Führer des Großen Marsches und der Kulturrevolution. Es gibt eine anhaltende Sehnsucht nach der Ära der Kulturrevolution, schreibt die South China Morning Post, eine liberale Zeitung aus Hongkong.

Was ist los im Reich der Mitte? Zurück in eine Zeit der Finsternis, in der im Namen der Revolution über 1.7 Millionen Menschen eines unnatürlichen Todes starben, wie selbst offizielle Statistiken einräumen? Vor genau fünfzig Jahren brachen junge Rotgardisten auf, um Zaudernde, Zweifelnde und Gegner auf den richtigen Weg zu bringen. Wer nicht spurte, bekam die Macht von Maos Fußvolk zu spüren. Und heute? „Ich vermisse die unbedingte Hingabe an die Revolution. Ich vermisse Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen den Menschen“, sagt Zhou Jiayu, ein ehemaliger Rotgardist. Heute ist der 71jährige einer der vielen frustrierten Rentner.

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Mao ziert jeden 100 Yuen-Schein.

Aber auch junge Chinesen sympathisieren offen mit Maos Kulturrevolution vor fünfzig Jahren. Li Bifeng ist heute 38 Jahre alt. Der Absolvent der London School of Economics gehört zur Smartphone-Generation. Er begeistert sich für Maos Traum einer egalitären Gesellschaft. Li sagt: „Ich habe begriffen, was wichtiger ist als Wissen, nämlich Haltung und Verständnis. Für wen schlägt dein Herz mehr? Für die Mächtigen und Reichen oder die schikanierten und gefährdeten Menschen?“ Die Kinder der Globalisierung sehnen sich nach einer neuen Kulturrevolution.

Besonders Ex-Parteisekretär Bo Xiliai aus Chinas 27-Millionen-Megastadt Chongqing gilt unter Demonstranten und auf Meetings in den Provinzen als Held. Bo wurde 2012 aus dem Amt entfernt, weil er – so die Lesart – die Kreise der mächtigen Kader zu sehr gestört habe. Er hatte sich für niedrige Mieten eingesetzt, überhaupt für eine Sozialpolitik, die den Namen verdient. Und der missliebige Parteisekretär förderte die Wiederbelebung alter Kampflieder aus Maos Zeiten. Das kommt bis heute gut an. Im Mai dieses Jahres, schreibt die South China Morning Post, wurde in der Großen Halle des Volkes in Peking ein Revolutionslied frenetisch gefeiert. Es heisst: „Segeln durch stürmische See hängt vom Steuermann ab“.

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Mehr als Nostalgie? Der Handel mit Mao-Nippes und Souvenirs boomt.

So erleben Nostalgiker in China derzeit ein grosses Comeback, egal ob sie jung oder alt sind. Angetrieben durch alltägliche Erfahrungen von Ungleichheit und Ungerechtigkeit träumen sie von einer „guten, alten Zeit“, für die der Große Führer Mao steht. Und sie reden nicht mehr über Prada, sondern vom Proletariat. Sie sehnen sich nicht mehr nach McDonalds, Max Mara oder Mercedes, sondern bewundern Mao Tse Tung.  Als wäre von fünfzig Jahren nichts gewesen. Wiederholt sich Geschichte?

 

Großstadt-Dschungel

„Es heißt, ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Das ist das Motto von Andy Yeung. Dessen Luft-Bilder machen sprachlos. Unweigerlich hält der Betrachter den Atem an, sucht Halt, fürchtet den Taumel der Tiefe. Man ist gleichermaßen fasziniert wie irritiert. Die Aufnahmen des jungen Fotografen aus Hongkong sind außergewöhnlich, aufregend und beeindruckend. Yeung zeigt seine Heimatstadt Hongkong völlig anders. Eine Millionen-Metropole mit Häusern bis zum Himmel, ohne Menschen, aber Lichterströmen, die sich wie Lava durch die Straßenschluchten schieben.

 

Vielleicht lässt sich die asiatische Mega-City nur aus der Vogel-Perspektive ertragen. Am besten von ganz weit oben. Am Boden sieht die Welt anders aus. Menschen eilen, drängen und hetzen durch volle Straßen, arbeiten in riesigen Großraumbüros, leben in winzigen Wohnungen, die sich in Wohnmaschinen bis auf drei- vierhundert Meter Höhe stapeln. Die Behausungen sind teuer und klein wie Hasenställe. In die Schlafzimmer passt maximal ein Bett. Mehr nicht. Wohnen auf engstem Raum.

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Sheung Wan. Projekt: Urban Jungle. Quelle: Andy Yeung. Hongkong.

Geduld, Disziplin und Rücksichtnahme sind Hongkonger Tugenden. Warenhäuser, U-Bahnen und Shopping-Center sind zuverlässig prall voll. In den Fahrstühlen ist der Tür-zu-Schalter der wichtigste Knopf. Die automatischen Türen brauchen zu viel Zeit für eilige Hongkong-Bewohner. Nur in den Gärten kommt ein wenig Ruhe und Entspannung auf. Im Wetgarden-Freizeitpark mahnen Schilder: „Please be calm. Birds have ears.“

 

Vögel können fliegen. Genau wie Andy Yeungs Drohnen-Bilder. Leicht und luftig zeigen sie, was sonst im Alltag verborgen bleibt. Eine bunte, intensive Stadt voller Ästhetik, Energie und Schönheit. Es bleibt wohl ein kurzer Traum. Denn die meisten Vögel in Hongkong sind eingesperrt – im Vogelkäfig. Zu sehen im Stadtteil Mong Kok auf dem riesigen Vogelhändler-Markt, den die Hongkonger so sehr lieben.

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Happy Valley. Projekt: Urban Jungle. Quelle: Andy Yeung.

 

Hier mehr über den Fotografen Andy Yeung und sein „Urban Jungle“-Projekt.

Der Retter

Sein Reihenhaus in Troisdorf war bescheiden. Doch die Tür stand immer offen. Von hier aus kümmerte sich ein Mann mit Seefahrerbart und voller Energie um Ausgestoßene, Verfolgte und Bedrängte. Menschen, die auf der Flucht sind. Sein Name: Rupert Neudeck. Sein Lebensthema: Das Retten von Menschen in Not. Deshalb gründete er Organisationen wie Cap Anamur, Deutsche Notärzte und zuletzt 2003 die Grünhelme.

Rupert war fünf Jahre alt, als Familie Neudeck in Danzig beschloss, im Januar 1945 vor der Front zu flüchten. Seine Mutter wollte unbedingt das Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff erreichen. Sie kamen anderthalb Stunden zu spät. Der Onkel an der Kaimauer schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie sahen nur noch den riesigen weißen Dampfer aus dem Hafen in Richtung Ostsee ziehen. Die Verspätung war ihre Rettung. Denn die Gustloff wurde von sowjetischen Torpedos versenkt. Über 9.000 Flüchtlinge ertranken.

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Rupert Neudeck. 2008.

Kindheitsmuster Flucht. Rupert Neudeck: „Daraus ist ein Trauma bei mir geblieben. Ich wollte, ich musste helfen. Ich konnte es nicht zulassen, dass Menschen einfach absaufen.“ Familie Neudeck rettete sich in den letzten Kriegstagen über Sachsen-Anhalt nach Hagen. Die westfälische Stadt war voller Flüchtlinge. Viele Einheimische halfen. Doch andere schimpften über das Pack aus dem Osten. Zuwanderer galten als Habenichtse, die anderen das Wenige auch noch wegnehmen. Rupert Neudeck erinnerte sich: „Wir hatten als sechsköpfige Familie zwei Zimmer. Mehr nicht. Aber wir lebten und hatten eine Sicherheit.“

Die Neudecks gehörten zu den über zwölf Millionen Flüchtlingen in Deutschland. Not machte damals erfinderisch. Ankömmlinge wurden mit DDT eingesprüht – zur Entlausung. Bekamen ein Stück Brot. Trotzdem hungerten viele. Aus dieser prägenden Lebenserfahrung zog Rupert Neudeck eine Verpflichtung, von der er bis zum Schluss keinen Millimeter abrückte. „Das war 1945 eine großartige Leistung. Wir müssen weiter retten. Das ist das europäische Erbe. Auch weil sich Europa etwas auf die universalen Menschenrechte einbildet. Das können wir nicht verraten.“

 

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Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Grünhelme. Der Verein mit Sitz in Köln setzt sich für den Bau bzw. Wiederaufbau von Gemeinden in ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten ein.

 

Am Ende wollte sein Herz nicht mehr wie er es wollte.  Sein Tempo war so intensiv und leidenschaftlich, dass es für viele Leben gereicht hat. Ihn hat das Schicksal von Anderen nie gleichgültig oder zynisch werden lassen. Neudeck konnte manchmal sehr wohl unbequem und dickköpfig sein. Aber das musste sein: sonst hätte er in seinem Leben nicht so viel erreicht. Seine Idee wird bleiben, sein Vermächtnis weiter leben. Ich bin stolz, ihn vor knapp zehn Monaten noch einmal in seinem Reihenhaus getroffen zu haben. Als er unablässig Pläne für die Seerettung im Mittelmeer schmiedete wie einer, der nie aufgibt.

Rupert Neudeck starb am 31. Mai 2016 im Alter von 77 Jahren.

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Du schaffst das

Traumberuf Schauspieler. Vor dem großen Auftritt stehen die kleinen, fiesen, lästigen Aufnahmeprüfungen. Garantiert sind schlaflose Nächte, weiche Knie, feuchte Hände und Lampenfieber bis zum Anschlag. Wenn es beim Vorspiel vor einer Kommission um alles oder nichts geht. „Hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend“, hat Rainer Maria Rilke einmal dahinfabuliert. Doch vor der strengen Jury zählt nur eines: der Beste sein, Beifall erhalten und angenommen werden. Ein Lotteriespiel, wenn auf zehn freie Plätze 687 Bewerber kommen.

Die Prüfung. Diese bemerkenswerte Langzeitbeobachtung von Till Harms hat übliche Wege verlassen und die Optik neu justiert. Nicht die aufgeregten Prüflinge stehen im Mittelpunkt wie bei Andres Veiels „Die Spielwütigen“. Der neue Doku-Film beobachtet den spannungsgeladenen Prozess aus der Perspektive einer Auswahljury. Drei Jahre lang hat der Filmemacher Prüfer und Dozenten an der Staatlichen Schauspielschule in Hamburg beobachtet und begleitet. Herausgekommen ist eine Nahaufnahme, die überrascht und berührt.

 

 

Die neun Prüfer präsentieren sich weder als Halbgötter noch in Dieter Bohlen-Manier. Die ambitionierten Kandidaten werden nicht abgewatscht, vorgeführt oder gedemütigt. Von Eitelkeit und Zynismus keine Spur. Im Gegenteil: Leidenschaftlich und bis zur Erschöpfung ringen die Jurymitglieder um ihre Auswahl der „richtigen“ und talentiertesten Kandidaten. In manchen Szenen wirken die mächtigen Prüfer fast ratlos und verunsichert. Ihre internen Debatten sind voller Spannung, Dramatik und manchmal auch unfreiwilliger Komik.

220 Stunden Material hat Regisseur Harms in Hannover eingefangen. Die knapp einhundert Minuten der Kinofassung zeigen: Unter den Schauspielaspiranten überzeugen Frauen weitaus mehr als ihre männliche Mitbewerber. Auch wenn in der Jury eher die alten Knaben den Ton angeben. Am Ende des Prüfungsmarathons aber sind alle zermashed. Ausgebrannt, aber glücklich. Die ausgewählten Schauspielprüflinge wie die erschöpften Prüfer. Der Zuschauer darf sich freuen. Er weiß nun, wie es hinter den Kulissen aussieht, wenn die Türen zur Auswahlkommission verschlossen werden. Aber Hand aufs Herz: Wollen wir das wirklich alles wissen?

 

Die Prüfung von Till Harms. Ab dem 19. Mai in den Kinos.

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Petite Fleur

Mina. Eine kleine Blume. Zart. Rosig. Unbekümmert. Hilfsbedürftig. Niedlich. Neu auf dieser Welt. Ein zerbrechliches Geschöpf. Die Augen geschlossen. Sanft heben sich die Nasenflügel. Der Mund leicht geöffnet. Ein kleines Menschenkind. Eines von über sieben Milliarden auf dieser Erde. Und doch ein Wunder der Natur. Immer wieder, immer anders und doch so herrlich einzigartig.

Mina wird in einer Stadt aufwachsen mit Häusern, die bis in den Himmel ragen. Mit Straßen, Plätzen, Überführungen, Bürotürmen, Einkaufszentren und Tunneln, in denen es von früh bis spät wie in einem Ameisenhaufen wimmelt. Die kleine Biene Mina ist eine Prinzessin, die in Hongkong das Licht der Welt in Form einer LED-Lampe erblickt hat. Ihre winzigen Fußabdrücke hat sie bereits nach wenigen Minuten Menschsein hinterlassen. Einmal rechts, einmal links. Zack – auf die Registrierungskarte. Mina wurde gemessen und gewogen und an die glücklichen Eltern zurückgegeben.

 

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La Petite Fleur. Ein kleines Wunder.

Die Kette des Lebens hat sich um ein Glied verlängert. Gewiss, das ist höchstens ein Wimpernschlag in der Erdengeschichte. Aber einer, der mich berührt. Mina ist unsere erste Enkelin. Ich bin nun offiziell Großvater, Opa und wieder Kinderwagenberechtigt. Wenn auch nur für Stunden und als Aushilfskraft. Auf in die ferne große Stadt am anderen Ende der Welt.

 

Mina ist ein Maienkind. Deshalb widme ich ihr ein Frühlingsgedicht von Heinrich Heine. Dem alten genialen Lästermaul vom Rhein. Aber auch dieser Zyniker und scharfzüngige Obrigkeitsspötter konnte in manchen Momenten so wunderbar sentimental sein. Momente, wie sie die Geburt einer kleinen neuen Menschenhoffnung bedeuten. Heine für Mina.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

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Haben Sie eine Geschichte?

Theodor Fontane schrieb seinen ersten Roman im zarten Alter von sechzig Jahren. Kein Wunder, dass er vielen mehr oder weniger begabten Menschen des Wortes als Vorbild dient. Frei nach dem Motto: Wartet ab, wenn ich auch mal die Sechzig voll habe. Dann geht´s zur Sache. Ein Bestseller nach dem anderen. Im Alter meißelte der märkische Meister Fontane Sätze wie diese in die Literaturgeschichte: „Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht.“

Keine Lust am Leben. Nur Pflicht. Preußischer geht´s nimmer. So ist es im Stechlin. Pflichterfüllung ist alles. Disziplin. Gehorsam. Kerzengerade mumifiziert bis der Staub von den Schulterstücken rieselt. Unverrückbar. Da wird es auf Dauer sterbenslangweilig. Haben Sie eine Geschichte? Eine bessere? Voller Leichtigkeit. In einer fröhlichen Abfolge von Anfang, Irrungen, Wirrungen und überraschendem Ende. Gewürzt mit Witz und Esprit? Garniert mit Bruchstücken, Entwürfen und Versuchsanordnungen. Wie heißt es doch bei Max Frisch? „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“ Sollte es nicht klappen, spendet Meister Fontane einmal mehr verlässlich Trost. Denn morgen kommt ein anderer Tag. Ganz sicher.

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Sind wir nicht alle auf Wanderschaft? 400 mal hat der Künstler Ottmar Hörl den märkischen Großdichter in seiner Geburtsstadt Neuruppin aufgestellt. So sinniert Fontane durch die Lande.

 

Trost

Tröste dich, die Stunden eilen,

Und was dich drücken mag,

Auch das Schlimmste kann nicht weilen,

Und es kommt ein anderer Tag.

In dem ew`gen Kommen, Schwinden,

Wie der Schmerz liegt auch das Glück,

Und auch heitere Bilder finden

Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens

Zählest du der Stunden Schlag,

Wechsel ist das Los des Lebens,

Und – es kommt ein anderer Tag.

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Der Bass-Gott in der Eckkneipe – Marcus Miller

Die Schlange reicht bis weit auf die Straße. Die Karte kostet regulär fünfzig Euro. Die im Regen vor der Tür Wartenden hoffen auf ein Ticket. Für den doppelten Preis. Egal. Nur dabei sein! Statt Pop-Sülze und Kaufhaus-Jazz wird gleich einer der ganz Großen den Bass zelebrieren: Marcus Miller. Jedes Plätzchen im Berliner A-Trane ist schon Stunden vor Beginn besetzt. Starbariton Thomas Quasthoff hat sich eine Nische in der Ecke ergattert, Trompeter Till Brönner direkt bei ihm. Die Luft im Club steht. Ein Fan aus Warschau ist verzückt: „Ich habe ihn in Darmstadt, Lugano und Danzig gesehen. Da groovte er vor zwanzigtausend Besuchern. Und heute hier in diesem winzigen Club. Unglaublich. Er ist ein Gott.“

Dann kommt der Mann aus Brooklyn, der diskret im Hintergrund auf vielen hundert Studioalben Superstars wie Mariah Carey, Elton John, Bryan Ferry, Aretha Franklin, Al Jarreau, Frank Sinatra den Bass gespielt hat. Wie ein Vulkan legt er auf seinem Fender Jazz Bass los: knackig, schnörkellos und äußerst präzise! Miller schließt die Augen, streichelt, peitscht und treibt seinen Bass unermüdlich an. Der 56-jährige hält sie mal wie eine Pump Gun, dann umarmt er sie wie seine Geliebte. Der „Erfinder“ des Slapbass-Stils kürt  sein Instrument zum Solo-Star. Auf der Bühne ist er Herz und Hirn, die Musiker könnten seine Söhne sein.

„Als ich die ersten Songs geschrieben habe, waren die Jungs noch Babys“, sagt der UNO-Sonderbotschafter des Jazz. „Ach, sie waren noch gar nicht auf der Welt. Die Eltern haben sich bestimmt noch gestritten, ob sie wirklich Nachwuchs wollen.“ An diesem Abend ist der heimliche Star der junge Trompeter Maurice Bishop. Ein begnadeter Musiker, tänzelnd, abwechslungsreich, ein verschmitzter Faxenmacher. Seine Soli konkurrieren mit Millers Bass, laut, drängend, fordernd, pulsierend, wild, ungestüm.

 

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Marcus Miller in Berlin. Foto: Nick Becker

Die Marcus Miller Band ist wie ein Kraftwerk auf Hochtouren, kurz bevor alle Kessel explodieren. Das Sextett produziert Hochspannung. Es ist der Sound der Großstadt. Brooklyn in Berlin. Messerscharfe Soli auf Trompete, Sax und Gitarre. Es sind Duelle der anderen Art. Die Bläser spielen mal leichtfüßig, mal forciert. Dann halten sie die Luft an, blasen sich die Seele aus dem Leib. Marcus Miller antwortet und genießt diesen Abend. Über allem schwebt Miles Davis. Wenn es eine Botschaft an diesem Abend gibt, dann diese: Der Jazz lebt. Der kleine Club tobt, fordert Zugaben. Draußen vor der Tür hat es aufgehört zu regnen.

 

Am 14. Juli 2016 ist Marcus Miller wieder einmal in Europa. Gemeinsam mit Carlos Santana tritt er beim diesjährigen legendären Jazzfest in Montreux auf.

Wer Angst vor dem Schwarzen Mann?

Im Schützenverein Eberswalde war er wer. Den alljährlichen Höhepunkt, das „Vogelschießen“ auf eine Schwanzfeder, verpasste er nie. Gert Schramm gehörte stets zu den Favoriten. Treffsicher, gradlinig, ohne großen Firlefanz. So wurde er der erste farbige Schützenkönig von Brandenburg. Mitten im Land des Roten Adlers. Jetzt ist er abgetreten. Der Verlag Aufbau teilte mit, Schramm sei vor einigen Tagen im Alter von 87 Jahren verstorben.

An die Oder, Deutschlands östlichstem Punkt, hatte sich Gert Schramm die letzten Jahre zurückgezogen. Mit Hund Moritz, den er liebte, und einer Hautfarbe, die er nicht ablegen konnte. Das war sein Schicksal: er fühlte sich wie alle anderen und blieb doch die große Ausnahme. Das Licht der Welt erblickt er 1928 in Erfurt. Sein Vater ist ein farbiger Amerikaner auf Montage, seine Mutter stammt aus Thüringen. Schon als Kind drangsalieren ihn die Nazis. Bereits mit 13 Jahren, wird der „Negermischling“, wie es amtlich heißt, „sonderbehandelt“, um möglichen schädlichen Einfluss auf Altersgenossen zu verhindern.

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Gert Schramm. Er besuchte gerne Schulklassen, erzählte, wie es damals war. Foto: Zeitzeugen-Projekte.de

Die Gestapo interniert Gert im Jahre 1943. Ein Jahr später stecken ihn die Nazis ins Konzentrationslager. Block 42. Mit fünfzehn Jahren ist er der erste und einzige deutsche Schwarze in Buchenwald. Sie tätowieren ihm die Häftlingsnummer 49489 ein. „Mein Vater kam bereits 1941 nach Auschwitz, gilt als verschollen“, erzählte Schramm später, „meine Mutter musste in den Arbeitsdienst.“ Gert überlebte, weil ihn der Blockälteste vor der SS und der Zwangsarbeit im Steinbruch versteckte. Das vergass er nie und sagte es laut und deutlich. „Das waren die Kommunisten, die mich gerettet haben. Sonst wäre ich nicht mehr hier.“

Im April 45 befreien die Amerikaner den Jungen. Deutschland ist ruiniert. Aber es beginnt eine neue Zeit. Gert Schramm will eigentlich Autoschlosser werden. Zunächst arbeitet er für die Amerikaner, dann für die Sowjets – jeweils in den Effektenkammern der beiden Armeen. Der entlassene KZ-Häftling glaubt an den Sozialismus, sein Projekt heißt DDR. Er schuftet bei der Wismut im Erzgebirge als Kumpel unter Tage. Gert buddelt Uran aus – für die Besatzungsmacht aus der Sowjetunion. Sechs Tage die Woche – unter schwersten körperlichen Bedingungen.

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Gert Schramm. Als ihm einmal ein Skinhead entgegentrat und rief: „Ich bin stolz, Deutscher zu sein.“ Da hielt er entgegen: „Ich auch, du Hornochse!“

Ein entbehrungsreiches Leben. Dennoch: Gert Schramm ist zuversichtlich. Er gründet eine Familie und die Gewerkschaft schickt ihn als Delegierten in die Hauptstadt. In Ost-Berlin erlebt er als Augenzeuge die Junitage 1953 mit Streiks, Unruhen, Schüssen und Panzern. Nur drei Jahre später schliesst sich Schramm dem grossen Flüchtlingsstrom gen Westen an. Er versucht sein Glück in Essen – wieder als Bergmann. Diesmal baut er Steinkohle ab. Die Arbeit ist nicht leichter, aber die Schramms können sich im Wirtschaftswunderland-West mehr leisten und kaufen. Und so bemerken sie kaum, dass die nahe Heimat, aus der sie kommen, unerreichbar fern wird.

Mauerbau 1961. Der Kalte Krieg zeigt mitten durch Deutschland sein wahres Gesicht. Doch das Heimweh ist stärker als Mauern. Die Schramm´s wollen in ihre alte Heimat zurück. 1964 trifft die Bergarbeiter-Familie aus Essen in der DDR ein. Die Stasi bleibt misstrauisch. Wochenlang werden Gert und seine Frau in einem Auffanglager interniert und auf Herz und Nieren überprüft. Familie Schramm verschlägt es schließlich nach Eberswalde. Gert findet Arbeit im Verkehrskombinat.

In den bleiernen achtziger Jahren der DDR fühlt er sich mit Mitte fünfzig zu jung für´s Nichtstun. Er besitzt einen Wolga und schmiedet einen Plan: eine private Taxi-Lizenz. Gert Schramm wird Unternehmer und fährt so in die neue Zeit. Von der Plan- in die Marktwirtschaft, vom Wolga zum Mercedes, von der DDR in die Bundesrepublik. Typisch Schramm! Er wird zweiter Präsident der Taxi-Innung Berlin-Brandenburg, doch in den neunziger Jahren im neuen Einheits-Deutschland ändert sich noch mehr: das Klima wird rauer, eine dunkle Hautfarbe zur Gefahr. In seiner Heimatstadt Eberswalde wird nach der Wende der dunkelhäutige Amadeo Antonio einfach tot geprügelt.

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Gert Schramm am ehemaligen Bahnhof von Buchenwald. Foto: Barbara Hartmann. München.

 

Aber einer wie Gert Schramm lässt sich nicht einschüchtern. Er ist stolz ein Deutscher zu sein, betont er und sagt es jedem, der es hören will oder auch nicht. Am wohlsten fühlt er sich im Kreise seiner Kameraden. Ob im Schützenverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ob als ehrenamtlicher Arbeitsrichter oder viel gefragter Zeitzeuge in Schulen. Gert Schramm ist immer für andere da. Für sein unermüdliches Engagement erhält er im April 2014 das Bundesverdienstkreuz.

„Aufgeben ist nicht“, sagte er einmal zu mir und lächelte vielsagend. Vor einigen Jahren erschien im Berliner Aufbau-Verlag seine Geschichte. Der Titel? Er passt zu ihm. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland“. Das Buch ist vergriffen. Eine neue Auflage gibt es nicht mehr. Aber vielleicht ist sein Lebenswerk noch im Antiquariat zu erhalten. Lesenswert ist seine Geschichte auf alle Fälle und so spannend wie das ganze Leben von Gert Schramm. Überlebender von Buchenwald und Schützenkönig in Eberswalde.