Großstadt-Dschungel

„Es heißt, ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Das ist das Motto von Andy Yeung. Dessen Luft-Bilder machen sprachlos. Unweigerlich hält der Betrachter den Atem an, sucht Halt, fürchtet den Taumel der Tiefe. Man ist gleichermaßen fasziniert wie irritiert. Die Aufnahmen des jungen Fotografen aus Hongkong sind außergewöhnlich, aufregend und beeindruckend. Yeung zeigt seine Heimatstadt Hongkong völlig anders. Eine Millionen-Metropole mit Häusern bis zum Himmel, ohne Menschen, aber Lichterströmen, die sich wie Lava durch die Straßenschluchten schieben.

 

Vielleicht lässt sich die asiatische Mega-City nur aus der Vogel-Perspektive ertragen. Am besten von ganz weit oben. Am Boden sieht die Welt anders aus. Menschen eilen, drängen und hetzen durch volle Straßen, arbeiten in riesigen Großraumbüros, leben in winzigen Wohnungen, die sich in Wohnmaschinen bis auf drei- vierhundert Meter Höhe stapeln. Die Behausungen sind teuer und klein wie Hasenställe. In die Schlafzimmer passt maximal ein Bett. Mehr nicht. Wohnen auf engstem Raum.

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Sheung Wan. Projekt: Urban Jungle. Quelle: Andy Yeung. Hongkong.

Geduld, Disziplin und Rücksichtnahme sind Hongkonger Tugenden. Warenhäuser, U-Bahnen und Shopping-Center sind zuverlässig prall voll. In den Fahrstühlen ist der Tür-zu-Schalter der wichtigste Knopf. Die automatischen Türen brauchen zu viel Zeit für eilige Hongkong-Bewohner. Nur in den Gärten kommt ein wenig Ruhe und Entspannung auf. Im Wetgarden-Freizeitpark mahnen Schilder: „Please be calm. Birds have ears.“

 

Vögel können fliegen. Genau wie Andy Yeungs Drohnen-Bilder. Leicht und luftig zeigen sie, was sonst im Alltag verborgen bleibt. Eine bunte, intensive Stadt voller Ästhetik, Energie und Schönheit. Es bleibt wohl ein kurzer Traum. Denn die meisten Vögel in Hongkong sind eingesperrt – im Vogelkäfig. Zu sehen im Stadtteil Mong Kok auf dem riesigen Vogelhändler-Markt, den die Hongkonger so sehr lieben.

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Happy Valley. Projekt: Urban Jungle. Quelle: Andy Yeung.

 

Hier mehr über den Fotografen Andy Yeung und sein „Urban Jungle“-Projekt.

Der Retter

Sein Reihenhaus in Troisdorf war bescheiden. Doch die Tür stand immer offen. Von hier aus kümmerte sich ein Mann mit Seefahrerbart und voller Energie um Ausgestoßene, Verfolgte und Bedrängte. Menschen, die auf der Flucht sind. Sein Name: Rupert Neudeck. Sein Lebensthema: Das Retten von Menschen in Not. Deshalb gründete er Organisationen wie Cap Anamur, Deutsche Notärzte und zuletzt 2003 die Grünhelme.

Rupert war fünf Jahre alt, als Familie Neudeck in Danzig beschloss, im Januar 1945 vor der Front zu flüchten. Seine Mutter wollte unbedingt das Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff erreichen. Sie kamen anderthalb Stunden zu spät. Der Onkel an der Kaimauer schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie sahen nur noch den riesigen weißen Dampfer aus dem Hafen in Richtung Ostsee ziehen. Die Verspätung war ihre Rettung. Denn die Gustloff wurde von sowjetischen Torpedos versenkt. Über 9.000 Flüchtlinge ertranken.

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Rupert Neudeck. 2008.

Kindheitsmuster Flucht. Rupert Neudeck: „Daraus ist ein Trauma bei mir geblieben. Ich wollte, ich musste helfen. Ich konnte es nicht zulassen, dass Menschen einfach absaufen.“ Familie Neudeck rettete sich in den letzten Kriegstagen über Sachsen-Anhalt nach Hagen. Die westfälische Stadt war voller Flüchtlinge. Viele Einheimische halfen. Doch andere schimpften über das Pack aus dem Osten. Zuwanderer galten als Habenichtse, die anderen das Wenige auch noch wegnehmen. Rupert Neudeck erinnerte sich: „Wir hatten als sechsköpfige Familie zwei Zimmer. Mehr nicht. Aber wir lebten und hatten eine Sicherheit.“

Die Neudecks gehörten zu den über zwölf Millionen Flüchtlingen in Deutschland. Not machte damals erfinderisch. Ankömmlinge wurden mit DDT eingesprüht – zur Entlausung. Bekamen ein Stück Brot. Trotzdem hungerten viele. Aus dieser prägenden Lebenserfahrung zog Rupert Neudeck eine Verpflichtung, von der er bis zum Schluss keinen Millimeter abrückte. „Das war 1945 eine großartige Leistung. Wir müssen weiter retten. Das ist das europäische Erbe. Auch weil sich Europa etwas auf die universalen Menschenrechte einbildet. Das können wir nicht verraten.“

 

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Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Grünhelme. Der Verein mit Sitz in Köln setzt sich für den Bau bzw. Wiederaufbau von Gemeinden in ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten ein.

 

Am Ende wollte sein Herz nicht mehr wie er es wollte.  Sein Tempo war so intensiv und leidenschaftlich, dass es für viele Leben gereicht hat. Ihn hat das Schicksal von Anderen nie gleichgültig oder zynisch werden lassen. Neudeck konnte manchmal sehr wohl unbequem und dickköpfig sein. Aber das musste sein: sonst hätte er in seinem Leben nicht so viel erreicht. Seine Idee wird bleiben, sein Vermächtnis weiter leben. Ich bin stolz, ihn vor knapp zehn Monaten noch einmal in seinem Reihenhaus getroffen zu haben. Als er unablässig Pläne für die Seerettung im Mittelmeer schmiedete wie einer, der nie aufgibt.

Rupert Neudeck starb am 31. Mai 2016 im Alter von 77 Jahren.

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Du schaffst das

Traumberuf Schauspieler. Vor dem großen Auftritt stehen die kleinen, fiesen, lästigen Aufnahmeprüfungen. Garantiert sind schlaflose Nächte, weiche Knie, feuchte Hände und Lampenfieber bis zum Anschlag. Wenn es beim Vorspiel vor einer Kommission um alles oder nichts geht. „Hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend“, hat Rainer Maria Rilke einmal dahinfabuliert. Doch vor der strengen Jury zählt nur eines: der Beste sein, Beifall erhalten und angenommen werden. Ein Lotteriespiel, wenn auf zehn freie Plätze 687 Bewerber kommen.

Die Prüfung. Diese bemerkenswerte Langzeitbeobachtung von Till Harms hat übliche Wege verlassen und die Optik neu justiert. Nicht die aufgeregten Prüflinge stehen im Mittelpunkt wie bei Andres Veiels „Die Spielwütigen“. Der neue Doku-Film beobachtet den spannungsgeladenen Prozess aus der Perspektive einer Auswahljury. Drei Jahre lang hat der Filmemacher Prüfer und Dozenten an der Staatlichen Schauspielschule in Hamburg beobachtet und begleitet. Herausgekommen ist eine Nahaufnahme, die überrascht und berührt.

 

 

Die neun Prüfer präsentieren sich weder als Halbgötter noch in Dieter Bohlen-Manier. Die ambitionierten Kandidaten werden nicht abgewatscht, vorgeführt oder gedemütigt. Von Eitelkeit und Zynismus keine Spur. Im Gegenteil: Leidenschaftlich und bis zur Erschöpfung ringen die Jurymitglieder um ihre Auswahl der „richtigen“ und talentiertesten Kandidaten. In manchen Szenen wirken die mächtigen Prüfer fast ratlos und verunsichert. Ihre internen Debatten sind voller Spannung, Dramatik und manchmal auch unfreiwilliger Komik.

220 Stunden Material hat Regisseur Harms in Hannover eingefangen. Die knapp einhundert Minuten der Kinofassung zeigen: Unter den Schauspielaspiranten überzeugen Frauen weitaus mehr als ihre männliche Mitbewerber. Auch wenn in der Jury eher die alten Knaben den Ton angeben. Am Ende des Prüfungsmarathons aber sind alle zermashed. Ausgebrannt, aber glücklich. Die ausgewählten Schauspielprüflinge wie die erschöpften Prüfer. Der Zuschauer darf sich freuen. Er weiß nun, wie es hinter den Kulissen aussieht, wenn die Türen zur Auswahlkommission verschlossen werden. Aber Hand aufs Herz: Wollen wir das wirklich alles wissen?

 

Die Prüfung von Till Harms. Ab dem 19. Mai in den Kinos.

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Petite Fleur

Mina. Eine kleine Blume. Zart. Rosig. Unbekümmert. Hilfsbedürftig. Niedlich. Neu auf dieser Welt. Ein zerbrechliches Geschöpf. Die Augen geschlossen. Sanft heben sich die Nasenflügel. Der Mund leicht geöffnet. Ein kleines Menschenkind. Eines von über sieben Milliarden auf dieser Erde. Und doch ein Wunder der Natur. Immer wieder, immer anders und doch so herrlich einzigartig.

Mina wird in einer Stadt aufwachsen mit Häusern, die bis in den Himmel ragen. Mit Straßen, Plätzen, Überführungen, Bürotürmen, Einkaufszentren und Tunneln, in denen es von früh bis spät wie in einem Ameisenhaufen wimmelt. Die kleine Biene Mina ist eine Prinzessin, die in Hongkong das Licht der Welt in Form einer LED-Lampe erblickt hat. Ihre winzigen Fußabdrücke hat sie bereits nach wenigen Minuten Menschsein hinterlassen. Einmal rechts, einmal links. Zack – auf die Registrierungskarte. Mina wurde gemessen und gewogen und an die glücklichen Eltern zurückgegeben.

 

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La Petite Fleur. Ein kleines Wunder.

Die Kette des Lebens hat sich um ein Glied verlängert. Gewiss, das ist höchstens ein Wimpernschlag in der Erdengeschichte. Aber einer, der mich berührt. Mina ist unsere erste Enkelin. Ich bin nun offiziell Großvater, Opa und wieder Kinderwagenberechtigt. Wenn auch nur für Stunden und als Aushilfskraft. Auf in die ferne große Stadt am anderen Ende der Welt.

 

Mina ist ein Maienkind. Deshalb widme ich ihr ein Frühlingsgedicht von Heinrich Heine. Dem alten genialen Lästermaul vom Rhein. Aber auch dieser Zyniker und scharfzüngige Obrigkeitsspötter konnte in manchen Momenten so wunderbar sentimental sein. Momente, wie sie die Geburt einer kleinen neuen Menschenhoffnung bedeuten. Heine für Mina.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

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Haben Sie eine Geschichte?

Theodor Fontane schrieb seinen ersten Roman im zarten Alter von sechzig Jahren. Kein Wunder, dass er vielen mehr oder weniger begabten Menschen des Wortes als Vorbild dient. Frei nach dem Motto: Wartet ab, wenn ich auch mal die Sechzig voll habe. Dann geht´s zur Sache. Ein Bestseller nach dem anderen. Im Alter meißelte der märkische Meister Fontane Sätze wie diese in die Literaturgeschichte: „Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht.“

Keine Lust am Leben. Nur Pflicht. Preußischer geht´s nimmer. So ist es im Stechlin. Pflichterfüllung ist alles. Disziplin. Gehorsam. Kerzengerade mumifiziert bis der Staub von den Schulterstücken rieselt. Unverrückbar. Da wird es auf Dauer sterbenslangweilig. Haben Sie eine Geschichte? Eine bessere? Voller Leichtigkeit. In einer fröhlichen Abfolge von Anfang, Irrungen, Wirrungen und überraschendem Ende. Gewürzt mit Witz und Esprit? Garniert mit Bruchstücken, Entwürfen und Versuchsanordnungen. Wie heißt es doch bei Max Frisch? „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“ Sollte es nicht klappen, spendet Meister Fontane einmal mehr verlässlich Trost. Denn morgen kommt ein anderer Tag. Ganz sicher.

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Sind wir nicht alle auf Wanderschaft? 400 mal hat der Künstler Ottmar Hörl den märkischen Großdichter in seiner Geburtsstadt Neuruppin aufgestellt. So sinniert Fontane durch die Lande.

 

Trost

Tröste dich, die Stunden eilen,

Und was dich drücken mag,

Auch das Schlimmste kann nicht weilen,

Und es kommt ein anderer Tag.

In dem ew`gen Kommen, Schwinden,

Wie der Schmerz liegt auch das Glück,

Und auch heitere Bilder finden

Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens

Zählest du der Stunden Schlag,

Wechsel ist das Los des Lebens,

Und – es kommt ein anderer Tag.

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Der Bass-Gott in der Eckkneipe – Marcus Miller

Die Schlange reicht bis weit auf die Straße. Die Karte kostet regulär fünfzig Euro. Die im Regen vor der Tür Wartenden hoffen auf ein Ticket. Für den doppelten Preis. Egal. Nur dabei sein! Statt Pop-Sülze und Kaufhaus-Jazz wird gleich einer der ganz Großen den Bass zelebrieren: Marcus Miller. Jedes Plätzchen im Berliner A-Trane ist schon Stunden vor Beginn besetzt. Starbariton Thomas Quasthoff hat sich eine Nische in der Ecke ergattert, Trompeter Till Brönner direkt bei ihm. Die Luft im Club steht. Ein Fan aus Warschau ist verzückt: „Ich habe ihn in Darmstadt, Lugano und Danzig gesehen. Da groovte er vor zwanzigtausend Besuchern. Und heute hier in diesem winzigen Club. Unglaublich. Er ist ein Gott.“

Dann kommt der Mann aus Brooklyn, der diskret im Hintergrund auf vielen hundert Studioalben Superstars wie Mariah Carey, Elton John, Bryan Ferry, Aretha Franklin, Al Jarreau, Frank Sinatra den Bass gespielt hat. Wie ein Vulkan legt er auf seinem Fender Jazz Bass los: knackig, schnörkellos und äußerst präzise! Miller schließt die Augen, streichelt, peitscht und treibt seinen Bass unermüdlich an. Der 56-jährige hält sie mal wie eine Pump Gun, dann umarmt er sie wie seine Geliebte. Der „Erfinder“ des Slapbass-Stils kürt  sein Instrument zum Solo-Star. Auf der Bühne ist er Herz und Hirn, die Musiker könnten seine Söhne sein.

„Als ich die ersten Songs geschrieben habe, waren die Jungs noch Babys“, sagt der UNO-Sonderbotschafter des Jazz. „Ach, sie waren noch gar nicht auf der Welt. Die Eltern haben sich bestimmt noch gestritten, ob sie wirklich Nachwuchs wollen.“ An diesem Abend ist der heimliche Star der junge Trompeter Maurice Bishop. Ein begnadeter Musiker, tänzelnd, abwechslungsreich, ein verschmitzter Faxenmacher. Seine Soli konkurrieren mit Millers Bass, laut, drängend, fordernd, pulsierend, wild, ungestüm.

 

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Marcus Miller in Berlin. Foto: Nick Becker

Die Marcus Miller Band ist wie ein Kraftwerk auf Hochtouren, kurz bevor alle Kessel explodieren. Das Sextett produziert Hochspannung. Es ist der Sound der Großstadt. Brooklyn in Berlin. Messerscharfe Soli auf Trompete, Sax und Gitarre. Es sind Duelle der anderen Art. Die Bläser spielen mal leichtfüßig, mal forciert. Dann halten sie die Luft an, blasen sich die Seele aus dem Leib. Marcus Miller antwortet und genießt diesen Abend. Über allem schwebt Miles Davis. Wenn es eine Botschaft an diesem Abend gibt, dann diese: Der Jazz lebt. Der kleine Club tobt, fordert Zugaben. Draußen vor der Tür hat es aufgehört zu regnen.

 

Am 14. Juli 2016 ist Marcus Miller wieder einmal in Europa. Gemeinsam mit Carlos Santana tritt er beim diesjährigen legendären Jazzfest in Montreux auf.

Wer Angst vor dem Schwarzen Mann?

Im Schützenverein Eberswalde war er wer. Den alljährlichen Höhepunkt, das „Vogelschießen“ auf eine Schwanzfeder, verpasste er nie. Gert Schramm gehörte stets zu den Favoriten. Treffsicher, gradlinig, ohne großen Firlefanz. So wurde er der erste farbige Schützenkönig von Brandenburg. Mitten im Land des Roten Adlers. Jetzt ist er abgetreten. Der Verlag Aufbau teilte mit, Schramm sei vor einigen Tagen im Alter von 87 Jahren verstorben.

An die Oder, Deutschlands östlichstem Punkt, hatte sich Gert Schramm die letzten Jahre zurückgezogen. Mit Hund Moritz, den er liebte, und einer Hautfarbe, die er nicht ablegen konnte. Das war sein Schicksal: er fühlte sich wie alle anderen und blieb doch die große Ausnahme. Das Licht der Welt erblickt er 1928 in Erfurt. Sein Vater ist ein farbiger Amerikaner auf Montage, seine Mutter stammt aus Thüringen. Schon als Kind drangsalieren ihn die Nazis. Bereits mit 13 Jahren, wird der „Negermischling“, wie es amtlich heißt, „sonderbehandelt“, um möglichen schädlichen Einfluss auf Altersgenossen zu verhindern.

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Gert Schramm. Er besuchte gerne Schulklassen, erzählte, wie es damals war. Foto: Zeitzeugen-Projekte.de

Die Gestapo interniert Gert im Jahre 1943. Ein Jahr später stecken ihn die Nazis ins Konzentrationslager. Block 42. Mit fünfzehn Jahren ist er der erste und einzige deutsche Schwarze in Buchenwald. Sie tätowieren ihm die Häftlingsnummer 49489 ein. „Mein Vater kam bereits 1941 nach Auschwitz, gilt als verschollen“, erzählte Schramm später, „meine Mutter musste in den Arbeitsdienst.“ Gert überlebte, weil ihn der Blockälteste vor der SS und der Zwangsarbeit im Steinbruch versteckte. Das vergass er nie und sagte es laut und deutlich. „Das waren die Kommunisten, die mich gerettet haben. Sonst wäre ich nicht mehr hier.“

Im April 45 befreien die Amerikaner den Jungen. Deutschland ist ruiniert. Aber es beginnt eine neue Zeit. Gert Schramm will eigentlich Autoschlosser werden. Zunächst arbeitet er für die Amerikaner, dann für die Sowjets – jeweils in den Effektenkammern der beiden Armeen. Der entlassene KZ-Häftling glaubt an den Sozialismus, sein Projekt heißt DDR. Er schuftet bei der Wismut im Erzgebirge als Kumpel unter Tage. Gert buddelt Uran aus – für die Besatzungsmacht aus der Sowjetunion. Sechs Tage die Woche – unter schwersten körperlichen Bedingungen.

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Gert Schramm. Als ihm einmal ein Skinhead entgegentrat und rief: „Ich bin stolz, Deutscher zu sein.“ Da hielt er entgegen: „Ich auch, du Hornochse!“

Ein entbehrungsreiches Leben. Dennoch: Gert Schramm ist zuversichtlich. Er gründet eine Familie und die Gewerkschaft schickt ihn als Delegierten in die Hauptstadt. In Ost-Berlin erlebt er als Augenzeuge die Junitage 1953 mit Streiks, Unruhen, Schüssen und Panzern. Nur drei Jahre später schliesst sich Schramm dem grossen Flüchtlingsstrom gen Westen an. Er versucht sein Glück in Essen – wieder als Bergmann. Diesmal baut er Steinkohle ab. Die Arbeit ist nicht leichter, aber die Schramms können sich im Wirtschaftswunderland-West mehr leisten und kaufen. Und so bemerken sie kaum, dass die nahe Heimat, aus der sie kommen, unerreichbar fern wird.

Mauerbau 1961. Der Kalte Krieg zeigt mitten durch Deutschland sein wahres Gesicht. Doch das Heimweh ist stärker als Mauern. Die Schramm´s wollen in ihre alte Heimat zurück. 1964 trifft die Bergarbeiter-Familie aus Essen in der DDR ein. Die Stasi bleibt misstrauisch. Wochenlang werden Gert und seine Frau in einem Auffanglager interniert und auf Herz und Nieren überprüft. Familie Schramm verschlägt es schließlich nach Eberswalde. Gert findet Arbeit im Verkehrskombinat.

In den bleiernen achtziger Jahren der DDR fühlt er sich mit Mitte fünfzig zu jung für´s Nichtstun. Er besitzt einen Wolga und schmiedet einen Plan: eine private Taxi-Lizenz. Gert Schramm wird Unternehmer und fährt so in die neue Zeit. Von der Plan- in die Marktwirtschaft, vom Wolga zum Mercedes, von der DDR in die Bundesrepublik. Typisch Schramm! Er wird zweiter Präsident der Taxi-Innung Berlin-Brandenburg, doch in den neunziger Jahren im neuen Einheits-Deutschland ändert sich noch mehr: das Klima wird rauer, eine dunkle Hautfarbe zur Gefahr. In seiner Heimatstadt Eberswalde wird nach der Wende der dunkelhäutige Amadeo Antonio einfach tot geprügelt.

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Gert Schramm am ehemaligen Bahnhof von Buchenwald. Foto: Barbara Hartmann. München.

 

Aber einer wie Gert Schramm lässt sich nicht einschüchtern. Er ist stolz ein Deutscher zu sein, betont er und sagt es jedem, der es hören will oder auch nicht. Am wohlsten fühlt er sich im Kreise seiner Kameraden. Ob im Schützenverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ob als ehrenamtlicher Arbeitsrichter oder viel gefragter Zeitzeuge in Schulen. Gert Schramm ist immer für andere da. Für sein unermüdliches Engagement erhält er im April 2014 das Bundesverdienstkreuz.

„Aufgeben ist nicht“, sagte er einmal zu mir und lächelte vielsagend. Vor einigen Jahren erschien im Berliner Aufbau-Verlag seine Geschichte. Der Titel? Er passt zu ihm. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland“. Das Buch ist vergriffen. Eine neue Auflage gibt es nicht mehr. Aber vielleicht ist sein Lebenswerk noch im Antiquariat zu erhalten. Lesenswert ist seine Geschichte auf alle Fälle und so spannend wie das ganze Leben von Gert Schramm. Überlebender von Buchenwald und Schützenkönig in Eberswalde.

Hurra! Ackern bis 101

Rente mit siebzig, fordert Wolfgang Schäuble. Lebensfremd, kontert Andrea Nahles. Schuften bis die letzten Zähne ausfallen? Wer will das schon? Auch die Babyboomer-Generation steht bald vor einer großen Zäsur. Es ist nun mal so: Jeder will alt werden. Aber keiner alt sein. Malochen bis weit über 65? In einem kleinen Betrieb in der Nähe von Boston gehören Rentnerjobs zum täglichen Brot. Vita Needle heißt die Vorzeige-Firma im Vorort Needham. Durchschnittsalter: 74 Jahre.

Das Überraschende. „Es macht mir großen Spaß hier zu arbeiten“, sagt Robert Omara (71). Auch seine vierzig Kolleginnen und Kollegen kommen gerne und freiwillig. Die Rentner sind zuverlässig, diszipliniert und belastbar. Sie arbeiten meist vier bis fünf Stunden, manche deutlich mehr. Der Umsatz hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Die Alten arbeiten in einer kleinen Werkhalle, in der früher ein Tanzsaal war. Sie produzieren Präzisionsnadeln aus rostfreiem Stahl. Zum Aufblasen von Basketballbällen oder für Gehirnoperationen. Die Älteste? Rosa Finnegan. Kellnerin im Ruhestand, verwitwet. Mit 85 stieg Rosa bei Vita Needle ein und blieb bis zum 101. Lebensjahr. Eine vielgefragte Heldin zahlreicher Reportagen und Fernsehnews.

 

 

Müssen in Boston Senioren ackern, damit Junge arbeitslos bleiben? Ist das nicht pure Ausbeutung von alten Menschen in Not, die sich ihren Ruhestand nicht leisten können? Eine Perversion des amerikanischen Traums? Die Vita-Needle-Truppe winkt ab. Einige müssen in der Tat ein paar Dollars hinzuverdienen. Aber die meisten machen mit, weil sie „nicht alleine dahinrosten“ wollen. Dazugehören, gebraucht und geschätzt zu werden. Das zählt. Arbeit als Gemeinschaftserlebnis, als Sinnstifter und Selbstverwirklichung. Tägliche Medizin gegen Frust und Einsamkeit.

Die Beschäftigten sind frühere Lehrer, Handelsvertreter oder Ingenieure. Sie teilen sich ihre Arbeitszeit selbst ein. „Geht nicht!“ ist hier ein Fremdwort. Der Schlüssel zum Erfolg: Die Produktion ist äußerst flexibel, alle können mehr oder weniger für jeden Kollegen einspringen. Das Gehalt liegt über dem Mindestlohn. Die Senioren empfinden ihre Arbeit nicht als Last, sondern haben Spaß und sind hoch motiviert. Auch wenn die 94-jährige Grace King immer wieder mal bei der Arbeit einschläft, worüber legendäre Geschichten kursieren. Entlassen worden ist bis heute kein einziger Vita-Mitarbeiter. Freundschaften sind entstanden. Jeden Freitagabend trifft sich die 82-jährige Ruth Kenny mit Kolleginnen zum gemeinsamen Kochen.

Vita Needle ist bislang der berühmte Einzelfall. Aber einer über den sich nachzudenken lohnt. Wie wollen wir künftig im Alter leben? Wie kann aus altem Eisen Edelstahl werden, wenn die Rentenkassen geplündert sind? Hirnforscher Gerald Hüther schreibt: „Das Hirn lernt auch im Alter noch, wenn wir uns für etwas begeistern.“ Arbeit als Jungbrunnen, als Therapie oder gar „Urlaub“ vom tristen Seniorenalltag, so der 74-jährige Ex-Architekt Jim Downey. Seine Kollegin Rose Finnegan, die flotte Kellnerin, musste sich erst mit 101 Jahren aus der Firma zurückziehen. Es ging einfach nicht mehr. Das machte sie wirklich traurig. Nur ein Jahr später starb sie – im Alter von 102 Jahren.

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In den nächsten Jahren gehen die Babyboomer in Rente. Über zehn Millionen Menschen. Schöne Aussichten. Ein Grund zum Entspannen?

 

Mehr über die „Rentner GmbH – Arbeit und Selbstwert im Alter“ in dem lesenswerten Buch von Caitrin Lynch: „Geht´s noch?“.

Ewig jung

„Die Welt ist eine Bühne/Männer und Weiber, alle, Schauspieler nur.“ So soll es sein. Shakespeare ist nun vierhundert Jahre tot. Doch seine Werke sind jünger, moderner und aufregender als die allermeisten, die sein Schaffen kopierten und interpretierten, liebten oder verfluchten. „Wie es euch gefällt“. Das ist seine klare Ansage. Zeitlos, universell, voller Treffsicherheit und mitten im menschlichen Leben. Es sind Geschichten, die so himmelstürmend wie abgrundtief vom ewigen Scheitern erzählen. Von Schicksalen kleiner Menschenkinder wie dich und mich.

Wer war er? Ein einsames Genie? Oder ein Teamplayer im Theaterkollektiv, im legendären „writers room“? Vielleicht doch der große Unbekannte unter falschem Namen? Auch an seinem 400. Todestag gibt William Shakespeare weiter Rätsel auf. Der Dichter aus Stratford-upon-Avon hält eine ganze Deutungs- und Literaturbranche am Laufen. Allein arte sendet in den nächsten Tagen vierzehn Filme, Theaterinszenierungen und Dokus. Eine neue CD-Box präsentiert „The sound of Shakespeare“. Zeitgenössische Musik aus der Shakespeare-Epoche um 1600.

„Wenn die Musik die Nahrung der Liebe ist, spielt weiter; gebt mir im Übermaß davon, damit das Verlangen am Überfluss erkranke und so sterbe.“  So Shakespeare in Was ihr wollt“.

 

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William Shakespeare. Um 1610.

 

Letzte Ruhe für einen alten Mann? Von wegen. Selbst die Inschrift auf seiner Grabplatte in Stratford-on-Avon in der englischen Grafschaft Warwickshire birgt ein ewiges Geheimnis, weist auf einen Fluch hin, dem er nicht entkommen konnte oder wollte: „Gepriesen sei der Mann, der diese Steine schont, und verflucht sei der, der meine Knochen bewegt.“

 

Zwei Minuten Zeit für Shakespeare? Neil MacGregor 2012 (heute Intendant Humboldt-Forum Berlin) über seine Faszination in Sachen William Shakespeare. (auf Englisch)

 

In diesem Sinne: As good luck would have. Wie es der Teufel will. That way madness lies. Getreu bis in die Umnachtung. Wild goose chase. Das Leben – eine sinnlose Jagd. Wer immer auch Shakespeare war, seine Werke bleiben genauso aktuell wie putzmunter. „Willy the Shake“, wie ihn die Sängerin Joni Mitchell einmal nannte, ist unter uns und höchst lebendig. „Der Rest ist Schweigen.“

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Wo geht´s zur Karriereleiter?

Eines Tages war sie einfach weg. Die Karriereleiter an der Investitionsbank Berlin. Ein Kunstwerk, fünfzehn Meter hoch, ein fulminantes Statement. Mehrere Aktenkofferträger hangeln sich nach oben, während sie kraftvoll nach unten treten. Sie haben nur ein Ziel: Ganz oben zu sein. Koste es, was es wolle. Da traute sich jemand etwas. Der Künstler, der frech, fröhlich und für alle sichtbar seine Sicht vom Kampf der Ellenbogen inszenierte. Die Bank als Auftraggeber, die großzügig Narrenfreiheit gewährte. Kunst am Bau. Nicht verspielt oder lammfromm, nein klar, provokativ und mit einem Schuss Selbstironie. Seit ein paar Jahren herrscht wieder Leere. Über Nacht war das Werk verschwunden.

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Karriereleiter (2007). Das Original wurde demontiert und ist an einem unbekannten Ort eingelagert.

 

„Die Leiter ist auf dem Schrottplatz gelandet“, sagt Peter Lenk in seinem Atelier in Bodman am Bodensee. „Kaum zu glauben. Die Skulptur wurde einfach demontiert, sollte verschrottet werden. Das war ein Akt von Kunstbarbarei.“ Bildhauer Lenk ist noch heute wütend. „Der Künstler wurde nicht gefragt. Dem neuen Chef der Bank hat die Auftragskunst seines Vorgängers nicht gefallen. Er fühlte sich auf den Schlips getreten. Also weg damit. Wie bei den Nazis.“ Lenk, der Rebell vom Bodensee, schäumt. „Die Karriereleiter konnte vor dem Verschrotten gerettet werden. Aber wo mein Werk heute ist, darf ich nicht öffentlich sagen. Es ist mir gerichtlich verboten worden.“

Das Ende einer Karriereleiter. Wie sinnfällig. So manche Karriere im echten Bankerleben ist wohl ähnlich abrupt beendet worden. Da gefällt einem neuen Chef die ganze Richtung nicht und schon landet der Treppensteiger auf dem Trümmerfeld der Illusionen. Bildhauer Lenk redet ohne Punkt und Komma. „Banker geht es nur noch um Profit und Provision. Faire Beratung zählt nicht. Alles Betrüger.“ Der große, hagere Endsechziger mit beeindruckendem Schnurrbart schimpft nun über korrupte Politiker, die vor Banken und Konzernen niederknien. Er redet genauso kompromisslos wie er seine Arbeiten präsentiert. Direkt, schnörkellos, ohne Angst vor Obrigkeit und Mächtigen. Der gebürtige Nürnberger nimmt kein Blatt vor den Mund.

 

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„Europa“ umlagert und ausgepresst. Radolfzell. (Detail, 2013)

 

In seiner Heimat am Bodensee sind seine Arbeiten allesamt vergnüglich-satirische Kommentare zur Lage der Welt. Längst sind seine überlebensgroßen Figuren nicht nur berühmt-berüchtigt sondern überaus beliebt. In Konstanz thront am Hafen „Imperia“, zehn Meter hoch und höchst verführerisch. In ihren Händen jongliert die Muse Fürst und Bischof, zu Zwergen geschrumpft. In Radolfzell wird die üppige Dame „Europa“ von Lobbyisten und Zockern ausgeplündert. Da hilft ihr auch der Walkürenhelm nichts. Lenk schreibt: „Europas Staaten werden gemolken von einer technokratischen Elite, die weder die Phantasie von Zeus noch die Sinnlichkeit einer Europa hat.“

Und selbst Großdichter Martin Walser blieb von Lenks kreativen Schaffen nicht unbeeindruckt. Auf der Promenade in Überlingen fand er sich als „Eiskunstläufer zu Pferde“ wieder. Walser verlangte nach Inaugenscheinnahme die sofortige Verhüllung dieses „unverzeihlichen“ Denkmals. Es blieb ein frommer Wunsch.

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Im Garten des Ateliers in Bodman (Bodensee) steht noch eine Variante der Karriereleiter.

Nur bei Berliner Bankern beißt sich Lenk weiter die Zähne aus. Seine „Karriereleiter“ ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Tja. Doch am Bodensee, im Garten seines Bodmaner Ateliers, kann die kleine Schwester der Berliner Leiter bewundert werden. Stolz und unzensiert ragt sie in den blauen Himmel hinauf, während Lenk sich vom Hofe macht. „Muss jetzt schaffe. Hab keine Zeit mehr zum Schwätze…“ Das war´s und weg ist er.