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Von fliegenden Karpfen

Das Drama vom todkranken Flüchtling in Berlin? Ausgedacht. Der Skandal um das vergewaltigte dreizehnjährige Teenagermädchen? Erfunden. Sensations-, Lügen- und Horrorgeschichten verfolgen uns nahezu täglich. Gerüchte und Halbwahrheiten haben Konjunktur. Es ist allzu menschlich, in Krisenzeiten Gerüchten Glauben zu schenken. Sie helfen uns, den Überblick zu wahren und wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Viele fühlen sich derzeit einfach überfordert. Gerüchte hingegen bedienen Instinkte, sind von verführerischer Einfachheit. Tatsächliche oder diffuse Ängste werden geschürt. Diese alte Sehnsucht nach Gewissheiten, festen Grenzen und stabilen Feindbildern beschleunigt Gerüchte. Ganz von allein. Wer Zweifel äußert, stört. So kann munter behauptet werden ohne Belege zu bringen. Facebook oder Twitter funktionieren wie flott entflammbare Brandbeschleuniger. Zum Löschen bleibt kaum noch Zeit.

Diese Verbindung von Drama und Dreistigkeit, von Anonymität und Desinformation produziert im Internet einen brisanten Mix. Ein Facebook-Eintrag reicht. Die Republik steht Stunden Kopf. Die Zauberlehrlinge der neuen sozialen Medien sind ratlos. Deshalb bitteschön ein Moment innehalten: Gerüchte sind so alt wie die Menschheit. Wir folgen ihnen gerne, wenn sie das eigene Weltbild bestätigen. Das war schon immer so. Nur verbreiten sich Postings, Fakes und Shitstorms heute in Echtzeit. Überall. Jederzeit abrufbar.

 

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„Das Gerücht“. A.P. Weber. 1943.

 

Als der Grafiker A.P. Weber das Thema Gerücht zu Papier brachte, ließ er ein Schlangenmonster mit ungezählten Augen und Ohren durch eine graue Großstadtwelt gleiten. Aus allen Fensterlöchern erhält dieses Fabelwesen der Falschheit frische Nahrung. Nichts scheint dieses Gespenst stoppen zu können. Webers Zeichnung stammt aus dem Kriegs-Jahr 1943. Für den Dichter Arno Schmidt war Webers Darstellung des Gerüchts „die beste Allegorie seit Leonardo da Vinci“.

Auch der Arzt und Soziologe Gustave Le Bon warnte in seinem Standardwerk Die Psychologie der Massen vor der verführerischen Kraft von Gerüchten. Der Franzose erklärte 1895 über die Leichtgläubigkeit des modernen Menschen. „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären versucht, ihr Opfer.“

 

Gelobt sei der Zweifel! Das gilt natürlich auch für diese Seite.

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Als der Blaue Reiter fiel

Das kranke Europa kann nur durch den Kampf geläutert werden. Dieser Krieg werde der grausame aber notwendige Durchgang zu einem neuen Europa sein. Das schrieb der Künstler Franz Marc zu Beginn des I. Weltkrieges. Der berühmte Maler und Mitbegründer des Künstlerbundes „Blauer Reiter“ zog freiwillig den Waffenrock über und diente als Leutnant der Landwehr. Franz Marc war einer von vielen Intellektuellen jener Zeit, die den Krieg als „positive Instanz“ verstanden wissen wollten.

Der gebürtige Münchner Marc hatte 1911 den Künstlerbund „Blauer Reiter“ aus der Taufe gehoben – gemeinsam mit Wassily Kandinsky, August Macke und Paul Klee. Ihnen gelang ein atemberaubender Aufbruch in die Moderne. Intensive Farben, expressionistische Leidenschaft und ungezügeltes Temperament. Franz Marc erklärte: „In unserer Epoche des großen Kampfes um die neue Kunst streiten wir als Wilde. Die gefürchteten Waffen der Wilden sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.“

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Franz Marc. (1880-1916). Vor Kriegsausbruch forderte er: „Die gefürchteten Waffen der Wilden sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.“

 

1914 tauschte Franz Marc Pinsel und Worte gegen Karabiner und Stahlhelm. Der Maler zog keineswegs mit Hurra-Patriotismus in die Schlacht jedoch mit Überzeugung. In seinen „Briefen aus dem Feld“ schrieb er an Ehefrau Maria. „Nun bin ich ein guter Soldat. Sorge dich nicht, ich komme schon durch.“ Als Leutnant des 1. Bayrischen Feldartillerieregiments notierte er 1915: „Wir leben in einer harten Zeit. Hart sind unsere Gedanken. Alles muss noch härter werden.“

Sein enger Malerfreund August Macke starb bereits wenigen Wochen nach Kriegsausbruch im Alter von 27 Jahren. Doch es verging ein weiteres Jahr, bis das Gemetzel an den Fronten die Position Franz Marc entscheidend veränderte. In einem späteren Brief an Lisbeth Macke, die Witwe seines Freundes August, schrieb er desillusioniert, der Krieg sei der „gemeinste Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“.

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Franz Marc. „Blaues Pferd.“ 1911

Franz Marc kämpfte in Frankreich an der Front. 1916 wurde er in die „Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands“ aufgenommen. Damit konnte er vom Kriegsdienst befreit werden. An seinem letzten Einsatztag vor der Rückkehr fiel er während eines Erkundungsritts kurz vor Verdun. Zwei Granatsplitter trafen ihn tödlich. Das war am 4. März 1916 – fast genau vor hundert Jahren.

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Franz Marc. „Tierschicksale“. 1913.

 

„Als der blaue Reiter gefallen war“, klagte die Autorin Else Lasker-Schüler, „griffen unsere Hände sich wie Ringe – küssten uns wie Brüder auf den Mund. (…) Seine tiefgekränkte Gottheit, ist erloschen in dem Bilde: Tierschicksale.“ Franz Marcs Gemälde aus dem Jahre 1913 wurde unfreiwillig zu seinem Vermächtnis. Tierschicksale nahm den Weltenbrand auf apokalyptische Weise ein Jahr vorweg. Als das Bild später durch Feuer beschädigt wurde, restaurierte Paul Klee das Werk seines toten Freundes. Es wirkt wie eine unheilvolle Vorahnung vom Untergang Europas. Der Maler als Prophet. Tierschicksale ist im Kunstmuseum Basel zu sehen.

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Fünf schnelle Tipps für einen Bestseller

Es ist verdammt früh. Kurz nach der sechsten Stunde. Ein Feiertag. Wir haben es eilig. Der Taxifahrer dirigiert mich zum Flughafen. Im Radio murmelt der Deutschlandfunk die neuesten Nachrichten. Der Chauffeur ist Anfang sechzig, vom Dialekt her ein wachechter Berliner. Er will reden. Sogleich beginnt er mit einer Geschichte vom Flohmarkt an dem wir gerade vorbeikommen. Dort bauen die Ersten ihre Stände auf.

Er erzählt: „Ich kaufe dort Bücher für fünfzig Cent das Stück. Ist es ausgelesen, gebe ich das Buch an meine Tochter weiter. Sie sammelt alles und verramscht jeweils drei Gebrauchte für einen Euro. Macht manchmal bis zu fünfundzwanzig Euro am Tag. Echt! Lesen bildet“, lächelt er, „und meine Familie hat einen kleinen Nebenerwerb. Die Enkelin, sie ist zehn, hilft begeistert mit.“

Ein lesender Taxifahrer. Und ein Büchernarr. So etwas gibt es noch? Kaum zu glauben. Einer, der hungrig nach neuem Lesestoff ist. Nach Geschichten, die bis in die Tiefen des Ozeans und in die Himmelswelten der Götter vorstoßen. Der Mann kommt in Fahrt: „Ich lese morgens zwischen sechs und acht Uhr früh. Wenn ich auf Kundschaft warte. Solange die Augen noch mitmachen. Mein Lieblingsautor ist James Hadley Chase. Kennen Sie den?“

Was das Erfolgsrezept für ein gutes Buch sei, frage ich. Seine Antwort: „Je dicker ein Werk desto dünner die Geschichte. Eine starke Story muss spannend sein und auf den Punkt kommen.“ Außerdem funktioniere eine gute Geschichte stets nach dem gleichem Strickmuster:

 

Mann sucht Frau

Mann findet Frau

Mann gerät in Gefahr.

Frau rettet Mann.

Happy End.

 

Er setzt eine winzige Pause. Dann sagt er: „Das Ganze funktioniert natürlich genauso umgekehrt. Frau sucht Mann. Und-so-weiter.“ Er bremst. 18 Euro 20. Er setzt mich am Terminal ab. Ach, ruft er noch hinterher: „Die Jungen rennen zu viel. Erst die Alten kennen die Wege. Lassen Sie sich Zeit! Nur mit dieser Einstellung werden sie Hundert.“ Die Tür fliegt zu. Der Mann drückt auf die Tube. Ab zum Warteplatz. Dann will er lesen. Ein gutes Buch.

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Der alte Mann und die neue Literatur

Es ist kalt. Die Straßen sind voller Schnee, Eis und Matsch. Kein Mensch treibt sich freiwillig herum. Besuch bei einem alten Herrn. Ein Büchermensch alten Schlages, der sein Leben lang an die Wirkung des Wortes geglaubt hat. Sein Name: Achim Roscher. Gründungsmitglied eines kleinen Literaturmagazins über das der Mantel des Vergessens geworfen wurde. Das ist schade. Denn die „Neue Deutsche Literatur“ – abgekürzt NDL – hat viel zu erzählen.

Es wird  in seiner kleinen Neubauwohnung am Rande Berlins ein lehrreicher Winternachmittag. Der gebürtige Sachse ist ein kluger Erzähler, voller Anekdoten und Geschichten. Ein lebendes Lexikon. Der 83-jährige berichtet aus über fünf Jahrzehnten deutsch-deutscher Literaturgeschichte.

Es geht um die ganz Großen, die Gescheiterten und die schönen Beine der Sekretärin, die den jungen Marcel Reich-Ranicki fast um den Verstand gebracht hätte. Reich-Ranicki lobte Ende der fünfziger Jahre die „Formgestaltung der modernen Möbel“, die ihm in der engen Redaktionsstube unterm Dach der Französischen Straße in Ost-Berlin ungewöhnlich reizvolle Einblicke verschaffte.

 

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Ein Stück vergessene Literaturgeschichte. Hier eine Ausgabe aus dem Jahre 1966. Mit Autoren wie Walter Ulbricht und Martin Walser.

In der NDL schrieben ein knappes halbes Jahrhundert lang Autoren von Rang und Namen. Die ganz Großen und die Unbekannten. Nobelpreisträger und Debütanten. Einzige Bedingung: Die Texte mussten neu sein. Unveröffentlichte Prosa, Essays und Gedichte erblickten in der Monatszeitschrift das Licht der Welt. „Kein Heft, worin nicht irgend etwas Lehrreiches, Reizvolles, zum Nachdenken Anregendes sich mir dargeboten hätte.“ So wohlwollend urteilte Thomas Mann im April 1955.

Zentralbild-TBD/Sturm-Wittig 15.5.1955 Schillerehrung vom 8.-15. Mai 1955 in Weimar 14. Mai 1955 Beim Festakt im Deutschen Nationaltheater in Weimar hielt Thomas Mann die Festansprache. Der Dichter wurde Ehrenmitglied der Akademie der Künste. Minister Dr. h.c. Johannes R. Becher überreichte Thomas Mann die Ehrenurkunde. UBz: Die Anwesenden, besonders seine Tochter, gratulieren Thomas Mann zu der Würde eines Ehrenmitglieds der Akademie der Künste. [links hinter Th. Mann: Viktor Klemperer]

Nobelpreisträger Thomas Mann (Mitte) am 14. Mai 1955 in Weimar. Kurz vor seinem Tode besuchte er die DDR.

Achim Roscher berichtet von aufgeregten Debatten, Eitelkeit und zäher Zensur. Natürlich habe die Literatur in der DDR stets unter staatlicher Gängelung gelitten. Aber die Freiheit des eigenen Gedankens habe sich immer wieder „zwischen den Zeilen“ durchsetzen können. Im »Real­sozialis­mus« wie später auch im »Realkapitalismus« sei viel abverlangt worden. Ja, es waren enge Grenzen, gibt er zu, an manchen scheiterten Autoren und Redaktion. Stets mit besten Absichten, betont er.

Prominente Autoren veröffentlichten ausgesprochen gerne. Bert Brecht, Christa Wolf oder Günter Grass und Martin Walser. So entwickelte sich das Heft zu einem stillen aber genauen Kompass deutscher Trennungs- und Vereinigungsgeschichten. Nach 554 Ausgaben wurde das Blatt Anfang 2004 eingestellt. Aus finanziellen Gründen. Die Auflage war dramatisch gesunken. Achim Roscher hat dieses vergessene Stück neuer deutscher Literatur akribisch und kenntnisreich wieder wachgeküsst.

 

In einem Nachruf hieß es:

„Die von der Wand genommene Uhr

hinterläßt

im Raum eine Lücke

obwohl

die Zeit als solche geht weiter.“

 

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Nach 554 Ausgaben war Schluss. Auflagenschwund. Zu wenige Leser, entschied Verleger Bernd Lunkewitz.

Irgendwann sitzen wir in seinem Arbeitszimmer in völliger Dunkelheit. Ich sehe Achim Roscher nicht mehr. Er erscheint mir nur noch als schemenhafte Gestalt wie aus einer anderen Welt. Roscher schaltet kein Licht ein, redet einfach weiter. Aber kommt es am Ende nicht doch viel mehr aufs Zuhören an?

 

Hier das Buch: Achim Roscher. In den Heften und zwischen den Zeilen. Edition Schwarzdruck 2015.

Ach, Europa

Ach, das sind dreißigstellige Kontonummern und kleinkarierte Gurken-Verordnungen. Ein bürokratisches Monster, überreguliert und handlungsunfähig. Ein Riese, dem die Kräfte schwinden. Für Vordenker Hans Magnus Enzensberger steht schon länger fest: Das „Brüssel-Europa“ wird am Eigensinn der Nationen scheitern. Behält er am Ende Recht? Zerbricht das EU-Europa an Gleichgültigkeit oder gar an Gewalt?

Längst ist der alte Kontinent im Dauer-Krisenmodus. Die Briten stimmen in diesem Jahr über einen möglichen EU-Austritt ab. Ungarn und Polen überbieten sich an nationalen Aufwallungen und schotten sich weiter ab. Im Süden stöhnen Italiener und Spanier über Schulden und Wirtschaftskrise, kämpfen Griechen trotz drei milliardenschwerer Rettungspakete ums Überleben. Im Norden schließen die Dänen Grenzen und wollen immer mehr Finnen den Euro abschaffen. Und alle – von Helsinki bis Lampedusa stöhnen über Flüchtlinge. Aufnehmen soll sie – wenn überhaupt – nur der Nachbar.

Droht ein böses Erwachen? Schreitet Geschichte nicht mehr in mühsamen aber unumkehrbaren Schritten voran – einer besseren Zukunft entgegen? Scheitert das Projekt der Vereinigten Staaten von Europa an Vorurteilen und nationalen Egoismen? Ist der alles entscheidende Wille zu Ausgleich und Kompromiss verloren gegangen? Folgt man den vielen Kassandra-Rufern in Politik und Medien, könnte man es fast glauben.

 

Gegen Apathie und geistigen Durchfall hilft ein kurzer Blick in alte Texte, die plötzlich brennend aktuell werden. Erich Kästner schrieb über den I. Weltkrieg vor hundert Jahren: „Der Tod setzte den Helm auf. Der Krieg griff zur Fackel. Die apokalyptischen Reiter holten ihre Pferde aus dem Stall. Und das Schicksal trat mit dem Stiefel in den Ameisenhaufen Europa.“ Kästner und viele andere träumten auf den Schlachtfeldern den Traum eines geeinten und friedlichen Europas. Erst nach dem II. Weltkrieg wurde dieser Wunsch Wirklichkeit. Und heute?

 

Es gibt einiges zu tun in diesem neuen Jahr.

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Die Türme von China

Eine kühne Vision. Atemberaubend. Schwindel erregend. Zwischen verstopften Magistralen und endlosen Platten-Burgen ragt die Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV in den Himmel über Peking. Ein Bauwerk, das alle Dimensionen sprengt und Besucher zum Staunen bringt. „Sitzende Hose“ nennen die Chinesen das gigantische Gebäude. Eines von vielen Beispielen moderner Hochhausarchitektur, die in China wie Pilze aus dem Boden schießen.

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CCTV-Tower in Peking. Das Wahrzeichen des chinesischen Staatsfernsehens. Architekten: Rem Kohlhaas und Ole Scheeren.

2002 erhielten der Niederländer Rem Koolhaas und sein deutscher Partner Ole Scheeren den faszinierenden wie heiklen Auftrag. Sie entwarfen für die boomende Hauptstadt Peking ein gigantisches Medienzentrum, das alles in den Schatten stellt. Ein Bau für die Propagandazentrale des zentral gelenkten Fernsehens, das als Wahrzeichen für den Fortschritt des Landes verstanden werden soll.

Das Ganze ist in eine Form des Hochhauses gepackt, die noch nie ausprobiert wurde. Alles ist schräg, kippt über die Kanten, taumelnde Türme. Es gab keine Vorbilder. Niemand zuvor hatte so etwas Komplexes geplant. Alle Produktionsstätten, die Studios, die Werkstätten, die Technik, die gesamte Verwaltung – alles unter einem Dach. Eines der größten Gebäude der Welt, ein Turm von Babylon des 21. Jahrhunderts. Der winkelförmige Querriegel ist so lang wie eine ganze Berliner Häuserzeile.

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„Galaxy Soho“ in Peking. Entwurf von Zaha Hadid, irakisch-britische Architektin.

Das CCTV-Hauptquartier des Staatsfernsehens ist ein öffentlich zugängliches Haus mit Restaurants, einsehbaren Studios und ein Medienmuseum. Ganz oben im 76. Stockwerk, eine Überraschung. Nicht die übliche Chefetage, sondern der größte öffentliche Platz, der je in einem Hochhaus errichtet wurde. Die Botschaft: Die obere Etage gehört allen. Statt der Büros der Direktoren, ein Glasloch, das in den Abgrund schauen lässt.

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Höher, größer, weiter. Neubauten in China. Bei unserer Aufnahme war der Himmel über Peking blau. Eine seltene Aufnahme im Winter.

China will an die Spitze, um jeden Preis. Größer, höher, mächtiger als je zuvor. Hochhäuser sind Monumente dieses neuen Selbstbewusstseins. Der CCTV-Tower des Staats-Fernsehens hatte Vorbildfunktion. Viele weitere beeindruckende Bauten sind in kürzester Zeit entstanden. Ob der Mut auch reicht, einen klaren Blick auf das Alltagschina mit Korruption, Schulden und neuer Armut zu werfen, ist eine andere Frage. An vielen Tagen im Jahr sind die gigantischen Kathedralen der Moderne nur noch schemenhaft zu erkennen. Sie versinken schlicht und einfach im Smog. Da hilft auch keine Klimaanlage mehr.

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Engel auf dem Dach

Das Leben besteht aus vielen kleinen und großen Schritten. Manchmal stolpern wir, manchmal kommen wir sogar zur Ruhe. Bis es uns wieder weitertreibt. In diesem Sinne: FROHE WEIHNACHTEN. Erholsame Feiertage und einen langen Atem für das Neue Jahr 2016. Wer in den nächsten Tagen Langeweile hat, dem kann geholfen werden. Bilder der Ausnahme-Fotografin Gundula Schulze Eldowy sind in einer Leipziger Ausstellung zu empfehlen.

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Foto: Gundula Schulze Eldowy.

Gundula Schulze Eldowy ist so eine Art Diane Airbus des Ostens. In ihren Bildern hat die gebürtige Thüringerin Freaks und Außenseiter des verschwundenen Deutschlands porträtiert:  Trinker und Eckensteher, Ausgegrenzte und Verstummte. Menschen, die es nach offizieller Lesart in der DDR nicht gegeben hat. Gundula Schulze Eldowy zeigt „Menschen auf außergewöhnlich intime Weise, mit einer Offenheit, die kein Tabu und keine falsche Scham kennt“, heißt es.

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Foto: Gundula Schulze Eldowy.

Die Porträts und Bilder der heute 61-jährigen Wahl-Berlinerin  sind eine Entdeckung. Zu sehen sind sie im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. „Zuhause ist ein fernes Land. Fotografien von Gundula Schulze Eldowy“ bis 14. August 2016.

Ewige Jugend

Was ist, wenn der tägliche Tropfen zum Höhepunkt wird? Nicht der gute Tropfen, den man trinkt sondern der quälende den man lässt? Was, wenn man nicht mehr weiß, ob mit der großen Jugendliebe mehr als Händchenhalten war? Ach, wie hieß sie noch einmal? Zwei alte Freunde hängen ihren Erinnerungen nach. Ewige Jugend heißt ein stiller, melancholischer Film, der die letzten großen Sehnsuchts-Fragen aufwirft.

Zwei alte Knaben, gespielt von Michael Caine und Harvey Keitel stecken in einem biederen Schweizer Berghotel fest. Der Zauberberg lässt grüßen. Ein goldener Käfig voller Narren und skurriler Gäste. Über Geld reden die Insassen nicht, das hat man einfach und gibt es im Luxusresort gleich wieder aus. Massagen, Geigenstunden und Kletterübungen bestimmen den Tagesablauf. Das abendliche Dinner im Speisesaal wird schweigend eingenommen während sich Tischnachbarn gegenseitig belauern.

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Das Berghotel Schatzalp in Davos, früher ein Lungensanatorium. Es soll Thomas Mann als Vorlage für den Zauberberg gedient haben.

 

Die modernen Zauberberg-Bewohner eint der Wunsch nach Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Im Mittelpunkt stehen zwei alte Freunde: Ein Dirigent im Ruhestand und ein Drehbuchautor, der nicht loslassen kann. Sie reden über Lust, Liebe und die Kunst des Wasserlassens. Das kann nicht lange gut gehen, zumal Jane Fonda als ewige Diva ihren großen Auftritt hinlegt und alles in Bewegung bringt.

Regisseur Paolo Sorrentino hält wieder einmal dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. In berührend schönen wie verstörenden Bildern erweckt er eine Welt, die zeitlos morbide und faszinierend zugleich ist. So gelingt ihm eine Tragikomödie zum Gruseln – es ist das Gruseln über die eigene spießige Begrenztheit. Ewige Jugend hat gerade den Europäischen Filmpreis 2015 gewonnen. Gut so. Denn Sorrentinos Geschichte ist ein bitterböser Abgesang auf das alte Europa. Traumhaft schön inszeniert! Trotz Überlänge keine Minute zu lang.

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Eine Stadt am Limit

„Berlin – eine Erfolgsgeschichte so verkündet es eine funkelnagelneue Werbebroschüre des Berliner Senats. Auf dem Titel ist das Brandenburger Tor zu sehen und im Inhalt leuchten die Superlative. Berlin ist hip, top und voller Aufschwung, heißt es. Die deutsche Hauptstadt sei „attraktiv“ und „lebenswert“. Berlin habe „alles, was man braucht“. Ein „gut vernetzter“ Treffpunkt, „für alle da“, er „biete Chancen“ und zeuge selbstredend „von Weltrang“.

Natürlich fehlt der Flughafen, auf den die Stadt seit über 1290 Tagen wartet. Keine Rede ist vom Chaos am weltweit bekannten neuen Checkpoint LaGeSo. Keine Silbe ist zu finden über Bürgerämter, die für einfachste Dinge wie einen Pass verlängern Monate brauchen. So ist das eben in einer wachsenden Boom-Stadt. Mehr als einhunderttausend Neubürger zählt Berlin in diesem Jahr. Pioniere, Hipster, Glücksucher,  Flüchtlinge, Gestrandete. Es sind Gründerzeiten. Glanz und Elend wohnen dicht an dicht. Die einen im Dachgeschoss, andere parterre links, zweiter Hinterhof. Wie vor über hundert Jahren.

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Nachdenken über Häuser, Straßen, Plätze. Genauer hinschauen auf Menschen, Moden, Macken, Trends. Karl Scheffler wagte sich mit 51 Jahren an die große Hass-Liebe Berlin.

 

Berlin sei „dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein“. Dieses Bekenntnis meißelte 1910 der Architekturkritiker Karl Scheffler in den Berliner Gründerstein. Er verfluchte Berlin als ein Stadtschicksal. Der Text liest sich als wandere er noch heute durch Straßen und über Plätze, als hätten drei Systeme, zwei Kriege, Mauern und Marschparaden nie stattgefunden. Scheffler sieht in Berlin eine ewige Kolonialstadt für Abenteurer, Flüchtlinge und Glücksritter. Scheffler: „Freiwillig wählte diese Stadt nicht leicht Jemand zu dauerndem Aufenthalt, der im Mutterland sein Auskommen finden konnte.“

Und die Bewohner? Scheffler, der Beobachter notiert: „Die Berliner sind ein verwegenes Geschlecht, wie Goethe sagte, sind nüchtern, praktisch, materiell und schwer einzuschüchtern; die neue Stadtbevölkerung, die die statistischen Ziffern ruckhaft in die Höhe schnellen machte, ist jung, rücksichtslos und unternehmend. Es fehlt das Pathos, das falsche, aber auch das echte, und damit fehlt die Fähigkeit, sich schön dazustellen.“

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Kudamm. Ecke Uhlandstraße. Der alte Westen leuchtet. Alles eine Frage des Lichts.

Florian Illies ist mit der Entdeckung von Karl Schefflers DNA-Analyse über Berlin wieder ein echter Wurf gelungen. Die Geschichte einer faszinierenden Zeitreise. Erzählt am Beispiel  einer wendischen Fischersiedlung, die zur mächtigen Millionenstadt emporschoss, „voller Hässlichkeit“ und Großmäuligkeit, verloren „im endlosen Ostland“ manchmal ganz deftig kleinkariert. Das Büchlein „Berlin ein Stadtschicksal“ ist knallrot umrahmt und passt unter jeden Weihnachtsbaum.

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Ein Brief an Freund Hitler

Die Adresse lautet. An „Herr Hitler, Berlin, Germany“. Am 23. Juli 1939, knapp sechs Wochen vor Ausbruch des II. Weltkrieges setzt sich ein Mann im fernen Indien an seine Schreibmaschine. „Lieber Freund“, beginnt er freundlich, er müsse diese Botschaft jetzt schicken, die Zeit sei reif. Ein Krieg müsse unbedingt verhindert werden. Der Absender? Mahatma Gandhi.

Wörtlich schreibt der vielgepriesene gewaltlose Verfechter der indischen Unabhängigkeitsbewegung und bekennende Pazifist:

„Lieber Freund.

Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden.

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Gandhis Brief vom 23. Juli 1939 an Adolf Hitler.

Offenbar sind Sie unter allen Menschen allein in der Lage, einen Krieg zu verhindern, der die Menschheit in den Zustand der Barbarei zurückwerfen würde. Müssen Sie unbedingt diesen Preis für Ihr Ziel bezahlen, und wenn es Ihnen noch so erstrebenswert erscheint? Wollen Sie nicht auf einen Menschen hören, der nicht ohne beachtlichen Erfolg die Methode des Krieges immer abgelehnt hat? Sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben, bitte ich Sie um Verzeihung für dieses Schreiben.“

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Im Dezember 1940 schrieb Gandhi einen zweiten Brief an Hitler. Auch dieser wurde von der britischen Regierung abgefangen.

 

Aus heutiger Sicht mutet das Schreiben vom Juli 1939 mehr als naiv an, wie ein grotesker Irrtum der Weltgeschichte. Gandhi, die berühmte Ikone der Gewaltlosigkeit, im  unterwürfigen Ton und dem Versuch den deutschen Diktator von einem Krieg abzuhalten. Gandhi täuschte sich gewaltig. Und „Freund“ Hitler musste auf seine Versuche nicht antworten. Der Brief hatte ihn nie erreicht. Er wurde vorher abgefangen – von der indischen Regierung im Auftrag Londons.

 

Veröffentlicht wurde der Gandhi-Brief in dem deutschsprachigen Sammelband: „Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten“. Herausgeber Shaun Usher hat 125 ungewöhnliche Briefwechsel der Weltgeschichte veröffentlicht.